Einleitung
1. Begründung der Themen- und Personenwahl
In der Einrichtung, in der ich arbeite, wohnen und arbeiten Menschen mit Behinderungen. Seit knapp zwei Jahren arbeite ich in einer Außenwohngruppe mit geistig- und lernbehinderten Jungen und Mädchen. In diesen zwei Jahren gab es sehr viele Veränderungen in unserer Wohngruppe, da die Schulabgänger in den Erwachsenenbereich wechselten und deshalb wieder neue Kinder bei uns einzogen. Dies bedeutete eine große Umstellung für die Mitarbeiter, sowie für die Kinder in unserer Wohngruppe. Die Kinder mussten sich immer wieder neu in die Gruppengemeinschaft integrieren und nach ihren neuen Rollen suchen.
Dabei ließ sich beobachten, dass sich die Kinder immer wieder neue Rollen zuteilten bzw. eingenommen haben. Durch diese neuen Rollerverteilungen zeigten die Kinder auch ganz andere Verhaltensweisen. Ich hatte damals erhebliche Schwierigkeiten mit dem neuen Verhalten der Kinder umzugehen und wusste nicht genau, wie man richtig auf gewisse Situationen reagieren soll.
Da ich mehr Hintergrund- und Fachwissen darüber erfahren wollte, entschloss ich mich im Rahmen meiner Facharbeit mit diesem Thema auseinander zu setzen. Weil die Gruppendynamik ein sehr weitläufiges Thema ist, habe ich mich für die Aufteilung der verschiedenen Rollen einer Gruppe entschieden und mein Thema wie folgt formuliert: „Gruppendynamische Rollen - Veränderung der Rollen in unserer Wohngruppe“. Das Ziel meiner Facharbeit ist, die Gesellschaft ausführlicher über dieses Thema zu informieren und das Interesse der Menschen zu wecken, sich mit dem Thema genauer auseinander zu setzten. Ebenso ist es mir wichtig, den Lesern einen Anreiz zu geben, dass sie das Gelesene Wissen in Alltagssituationen wahrnehmen und somit entsprechend richtig reagieren können.
2 / 25
2. Begrenzung des Themas
In unserer Außenwohngruppe leben Mädchen und Jungen, die einen geschützten und strukturierten Rahmen benötigen. Dieser strukturierte Rahmen wird einerseits von den vielen Anfahrtswegen zur Schule oder zum Einkaufen und andererseits vom Gruppenalltag vorgegeben. Die Gestaltung dieses Rahmens richtet sich nach den Kindern und Jungendlichen in unserer Gruppe und deren momentanen Bedürfnissen.
Der strukturierte, stetig gleich bleibende Gruppenalltag ist für unsere Kinder von großer Bedeutung, da ihnen dies Orientierung und Sicherheit gibt. Neben den festen Strukturen ist es für die Kinder in unserer Wohngruppe bedeutsam, Auszeiten zu haben, in denen sie sich in ihr Zimmer zurückziehen können.
Da für die Kinder zum Beispiel der Schulbesuch am Vormittag mit viel Anstrengung und Leistungsdruck verbunden ist, ist es wichtig, dass die Kinder nach ihren Hausaufgaben Zeit für sich haben, in dem sie sich in ihre Zimmer zurückziehen können, um sich auszuruhen.
Die Kinder sollten im sehr familiären Rahmen der Wohngruppe miteinander teilen, Rücksicht aufeinander nehmen und sich gegenseitig akzeptieren. Da dies im Gruppenalltag teilweise sehr schwierig für die Kinder ist, bieten die Mitarbeiter der Gruppe ihnen Angebote in Kleingruppen an, in denen sie ausreichend Aufmerksamkeit, Zuwendung, Liebe und Anerkennung bekommen. Wir Mitarbeiter haben uns als Ziel gesetzt, die Kinder darin zu fördern, dass sie sich in ihrer Umwelt zurechtfinden, ihre eigenen Fähigkeiten wahrnehmen und mit ihren Emotionen und Empfindungen angemessen umgehen können.
Aufgrund der schwierigen Familienverhältnisse verbringen die Kinder und Jugendlichen die meiste Zeit in der Wohngruppe und fahren zum Teil in den Ferien nur eine Woche am Stück nach Hause. Mögliche Gründe sind zum Beispiel allein erziehende Elternteile, die teilweise mit der Betreuung über-fordert sind und sich somit nicht angemessen um ihre Kinder kümmern können.
Da mein Thema sehr weitläufig ist, habe ich mich dafür entschieden, in meiner Facharbeit den Schwerpunkt auf die verschiedenen Rollen in meiner Wohngruppe zu legen. Gleichzeitig wäre es zu umfangreich, für meine Facharbeit die Rollen der Kinder und den Mitarbeitern zu beschreiben. Deshalb habe ich mich nur auf die verschiedenen Rollen der Kinder in meiner Wohngruppe beschränkt. Dies ist für mich ein sehr spannendes und interessantes Thema.
3 / 25
B. Hauptteil
1. Begriffsklärungen
1.1. Begriffsklärung einer Gruppe
In der heutigen Zeit wird häufig von Gruppen gesprochen, ohne genau zu wissen, was letztlich genau mit dem Begriff Gruppe gemeint ist. Da es viele verschiedene Definitionen von einer Gruppe gibt, möchte ich folgend eine Definition zitieren:
„Eine Gruppe ist eine Vereinigung von Personen, die miteinander interagieren und gewisse Normen gemeinsam haben.“ 1
Um eine Gruppe als solche zu bezeichnen, müssen zuerst vier Voraussetzungen gegeben sein: „Gruppengröße
Gruppengröße
Damit von einer Gruppe gesprochen werden kann, muss die Gruppenanzahl mindestens drei bis maximal zwölf Mitglieder besitzen. Falls eine Gruppe mehr als zwölf Mitglieder besitzt, bilden sich meist Untergruppen und die Gruppe wird unüberschaubar. Die optimale Gruppengröße ist aber immer vom Arbeitsauftrag der Gruppe abhängig.
Gruppenziel
Eine Gruppe kann nur länger bestehen, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgt.
Dauer
Eine Gruppe wird dann als Gruppe bezeichnet, wenn sie über einen längeren Zeitraum besteht.
Wechselseitige Beziehungen
Die Mitglieder in der Gruppe kennen sich untereinander und deren Sichtweisen sind ihnen bekannt. 3
1 Adolf Illichmann: Arbeitsbuch Psychologie. Wien: Franz Deuticke, 1985, S. 269
2 Klaus Antons: Praxis der Gruppendynamik. Übungen und Techniken. 8., durchgesehene und
ergänzte Auflage. Göttingen: Hogrefe, 2000, S. 296
3 vgl. Klaus Antons: Praxis der Gruppendynamik. S. 296 4 / 25
1.2. Begriffsklärung von gruppendynamischen Rollen
In jeder Gruppe bilden sich im Laufe der Zeit bestimmte Beziehungsmuster und Strukturen. Die verschiedenen Gruppenmitglieder erhalten bzw. erkämpfen sich ihren Platz und ihre Position in der Gruppe. Beim Beobachten dieser Prozesse lassen sich eine Reihe von verschiedenen Rollen herauskristallisieren.
Bevor ich aber auf die verschiedenen Rollen eingehe, möchte ich zuerst einmal den Begriff Rolle definieren.
Rolle
„Rolle ist der Inbegriff von Erwartungen, die die Mitglieder an das Verhalten des Inhabers einer ganz bestimmten Position haben.“ 4 Wie schon oben erwähnt, lassen sich in Gruppen verschiedene Arten von Rollen beobachten, z. B. geschlechtsspezifische Rollen, wie z. B. Mann und Frau; familienspezifische Rollen, wie z. B. Vater, Mutter, Kind; berufsspezifische Rollen, wie z. B. Friseur, Polizist, Verkäufer; psychologische Rollen, wie z. B. Versager, Clown und gruppendynamische Rollen, wie z. B. Anführer und Mitläufer, um nur einige zu nennen.
Da es verschiedene Arten von Rollen gibt, kann auch eine Person mehrere Rollen einnehmen und ausführen, die ihnen bewusst oder unbewusst sein können. Die einzelnen Rollen sind dabei nicht komplett starr, sondern verändern sich von Zeit zu Zeit bzw. überschneiden sich. Wenn Gruppenmitglieder unerwartet ihr gewohntes Verhalten ändern, sozusagen aus ihrer Rolle fallen, kann das Gleichgewicht der ganzen Gruppe durcheinander geraten. Ebenso könnte zum Beispiel ein neuer Einzug eines Kindes zu einem Ungleichgewicht in der Gruppe kommen. 5 6 Um mir ein Bild über die Gruppendynamik und ihre unterschiedlichen Rollen schaffen zu können, habe ich sehr viele verschiedene Bücher gelesen und mir viel Wissen im Internet angeeignet.
Dieses Thema ist jedoch sehr weitläufig. Deshalb möchte ich mich im Rahmen meiner Facharbeit auf das Wesentlichste beschränken und hauptsächlich mit dem Modell von Eberhard Stahl auseinandersetzen. Da dabei aber viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, habe ich diese Grundlagen noch durch, meiner Meinung nach, wichtige Informationen ergänzt.
4 Klaus Antons: Praxis der Gruppendynamik. S. 297
5 vgl. Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen. Handbuch zur Gruppenleitung. 2., vollständig
überarbeitete Auflage. Weilheim, Basel: Beltz, 2007, S. 307
6 vgl. Adalbert Metzinger: Arbeit in Gruppen. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1999, S.
25, 29 und 30
5 / 25
Stahl klassifiziert in seinem Modell die psychologischen und die gruppendynamischen Rollen. Im letzten Jahr konnte ich in unserer Wohngruppe durch die vielen Veränderungen vor allem die gruppendynamischen Rollen sehr gut beobachten, deshalb bietet es sich für mich an, nur diese ausführlich zu definieren.
Gruppendynamische Rollen
„Gruppendynamische Rollen sind Rollen, die durch ihren Einfluss auf das sachliche und zwischenmenschliche Gruppengeschehen, ihre gruppendynamische Macht, beschrieben werden: Führer, Mitläufer, Sündenbock, graue Eminenz usw.“ 7
Gruppendynamische Rollen spiegeln das Verhalten eines Gruppenmitgliedes situationsübergreifend wieder. Dabei ist auch entscheidend, welchen Einfluss es auf den Gruppenvertrag und dessen Entwicklung nimmt. Ferner spiegeln sie das Ausmaß, welche Macht ein Mitglied der Gruppe auf den Gruppenalltag und die Umgangsformen ausübt und dadurch die Gruppe prägt. 8 9
2. Erläuterung der verschiedenen gruppendynamischen Hauptrollen
2.1. Der inoffizielle Führer
Der inoffizielle Führer in einer Gruppe kann von einer oder mehreren Personen gleichzeitig vertreten werden. Erkannt wird er an seinen äußeren Merkmalen, wie z. B. seine Kleidung sowie sein äußeres Aussehen. Meist ist der Führer der Älteste in der Gruppe, weißt größtenteils eine hohe Sprachbegabung auf, besitzt ein großes Ideenreichtum und ein positives Sozialverhalten. Weiter ist er es gewohnt der Stärkste und Kraftvollste in der Gruppe zu sein, der die Richtung vorgibt. Dies zeigt sich ebenfalls durch große Hilfsbereitschaft, die besondere Tüchtigkeit und durch die Freude zur Kontaktaufnahme. Weitere positive Eigenschaften zeigen sich durch seine vielseitigen Spielideen und Durchsetzungsfähigkeit, sowie besondere Fähigkeiten und Begabungen.
Dennoch lassen sich auch negative Merkmale feststellen, da ein Führer dazu neigt, Macht auf andere Personen in der Gruppe auszuüben und die Personen dadurch einschüchtern zu versucht. Wenn ihm dies nicht gelingt, ist er
7 Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen. S. 308
8 vgl. Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen. S. 308
9 vgl. Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen. S. 324 6 / 25
auch bereit Gewalt anzuwenden, damit sich die Gruppe seinen Vorstellungen beugt.
Der inoffizielle Führer wurde von den anderen zum Führer der Gruppe ernannt und repräsentiert die gewünschten Themen der kompletten Gruppe. Dadurch ist er in der Gruppe sehr beliebt und gibt an, welche Themen zurzeit aktuell sind. Als Sprecher der Gruppe personifiziert er den Willen der Gruppe und steht dabei im Mittelpunkt.
Durch den starken Zusammenhalt in der Gruppe ist es sehr schwierig den Führer zu lenken, ohne dass die Gruppe ebenso eine Bestrafung erfährt. Dabei übernimmt die Gruppe die Gefühle des Führers und fühlt sich so mit betroffen. Da sich die Gruppe hinter den Führer stellt, fühlen sie sich zum Beispiel bei einem Angriff auf den Führer mit angegriffen. Außerdem ist der Führer meist der Anstifter und Initiator für schlechte Verhaltensweisen. Er scheut sich nicht den Mitarbeitern zu widersprechen und seinen Willen zu vertreten. Die Lösung kann nicht sein, dass Mitarbeiter eine aus ihrer Sicht geeignete Person als neuen Führer benennen. Besonders dann, wenn diese Person gegensätzliche Themen verkörpert, die die Gruppe nicht vertreten möchte und sie somit niemals die anderen in der Gruppe als Anhänger gewinnen kann, höchstens deren Unterwerfung. 10 11 12
2.2. Der Mitläufer
Jedoch ohne einen bestimmten Faktor innerhalb der Gruppe, dem Mitläufer, wäre der Führer niemand, denn er ist derjenige der über die Führerrolle entscheidet. Wie man aus seinem Namen schon erkennen kann, hat er oft keine eigene Meinung, vertritt aber die Meinungen der anderen und steht im Hintergrund der Gruppe um den Führer zu stärken. Seine Strategie ist es, mit den anderen nicht im Rampenlicht zu stehen, denn er hätte nie das Selbstbewusstsein zu glauben, er könne die Mehrheit auf seine Seite bringen. Er betreibt Selbstschutz, denn so lebt er recht bequem, setzt sich für Ideen anderer ein und verdrückt sich wenn es brenzlig wird.
Ihm ist es lieber, das Denken anderen in der Gruppe zu überlassen, um sich nie als Vertreter seiner eigenen Meinung darzustellen. Er gewinnt den Einfluss auf die Gruppe durch seine Zurückhaltung. Deshalb ist sein Hauptziel das Dazugehören zur Gruppe. Nebenziel dabei ist, das Erreichen eines
10 vgl. Adalbert Metzinger: Arbeit mit Gruppen. S. 30 und 31
11 vgl. Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen. S. 325 und 326
12 http://www.hs-augsburg.de/~backup/Personalbeschaffung/Inhalte/9.%20GRUPPENDYNAMIK.pdf
7 / 25
Arbeit zitieren:
Elisabeth Lahner, 2009, Gruppendynamische Rollen - Veränderung der Rollen in unserer Wohngruppe, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kinder psychisch kranker Eltern
Die verschiedenen Sichtweisen ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 33 Seiten
Alte Menschen gestern und heute - Zum Wandel der Altersbilder
Hausarbeit, 43 Seiten
Soziale Gruppenarbeit in einer katholischen Jugendeinrichtung
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Belastungen von Kindern psychisch kranker Eltern
Rückschlüsse für die Soziale A...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 26 Seiten
Alzheimer-Krankheit als Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts in Deutsch...
Klassische Handlungsebenen soz...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 109 Seiten
Pädagogische Arbeit mit Gruppen - Anfangsphasen in Gruppen
Seminararbeit, 25 Seiten
Gesundheitliche Belastungen wohnungsloser Frauen - Möglichkeiten und G...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 161 Seiten
Sozialarbeit in Familien mit psychisch krankem Elternteil
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 87 Seiten
Rezept / Vorlage zur Bilderbuchanalyse
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Unterstützung psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 97 Seiten
Freizeit im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 22 Seiten
Eine Einführung
Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 42 Seiten
Elisabeth Lahner's Text Gruppendynamische Rollen - Veränderung der Rollen in unserer Wohngruppe ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Elisabeth Lahner hat den Text Gruppendynamische Rollen - Veränderung der Rollen in unserer Wohngruppe veröffentlicht
Elisabeth Lahner hat einen neuen Text hochgeladen
Demenzkranke in Wohngruppen betreuen und fördern
Ein Praxisleitfaden
Heike Reggentin, Jürgen Dettbarn-Reggentin
0 Kommentare