Inhalt
1. Einleitung 2
2. Goethes Schönheitsbild 4
3. Arten von Schönheit. 6
3.1 Gretchen und Helena 6
3.2 Darstellungsformen der Schönheit. 7
3.2.1 Realisierte/konkrete Schönheit Gretchens 7
3.2.2 Helenas potenzielle Schönheit 8
3.3.3 Visuelle Schönheitsattribute 9
3.4 Mephistos Schönheitskompetenz. 9
4. Phantasmagorische Helena. 11
4.1 Fiktionsebene des Helena-Aktes 11
4.2 Schönheit und Macht 12
4.3 Negative Schönheitskonsequenzen 13
4.4 Selbstwahrnehmung Helenas 14
4.5 Hässlichkeit. 14
5. Vers 9940. 16
6. Schlussbetrachtung: Glück und Schönheit in Koexistenz 18
7. Literaturverzeichnis 21
1
1. Einleitung
Das Erstreben von Glück bildet die Antriebsfeder in Faust I und II. Ziel des Teufels ist es, Faust dazu zu bringen, den Augenblick höchsten Glücks bzw. der höchsten Glückseeligkeit zu erreichen und darin zu verweilen. In vielen Szenen des Dramas ist Faust bestrebt, die höchste Schönheit und darin den glücklichsten Augenblick zu erreichen. Die vorliegende Arbeit hinterfragt das Verhältnis von Schönheit zu Glück anhand der Handlungen um die Figuren Gretchen und insbesondere Helena. Letztgenannte, das „schönste Bild von einem Weibe“ (Vgl. V 2436), 1 ist ja gewissermaßen die Verkörperung der absoluten Schönheit.
In der Faust-Helena Forschung finden sich unterschiedliche Ausführungen zu Helenas Schönheit und deren Wirkung. Iris Rogge 2 betont ihre Künstlichkeit als eine Spiegelung früherer Bilder in der Antike. Für Joachim Müller 3 ist die Sichtweise des 3. Aktes eher eine Traumphase ohne Handlungseinfluss. Wolfgang Schadewaldt 4 bewertet die Figuren Gretchen und Helena anhand von Goethes Schönheitsauffassung hinsichtlich ihrer Lebendigkeit. Karl Eibl 5 und Gernot Böhme 6 hinterfragen die Schicksalsbestimmung Helenas und ihr Unglück als Konsequenz der Schönheit. Bei Thomas Zabka 7 und Jochen Schmidt 8 ist die Begegnung mit der Antike ein die Handlung antreibendes Element, um Faust Heilung von moderner Unruhe hin zu idealer Ruhe zu bringen. Hans Schlaffer 9 sieht Helena nicht als schöne Figur sondern lediglich als allegorischen Verweis auf Schönheit und befasst sich mit ihrem Selbstbild.
Die explizite Koppelung von Glück und Schönheit versucht keiner der Autoren, weshalb diese Sichtweise in der vorliegenden Arbeit ins Zentrum rücken soll. Um sich dem Verhältnis von Schönheit und Glück in Goethes Faust zu nähern, findet zunächst der Schönheitsbegriff Goethes Betrachtung. Aufbauend darauf werden die Arten der Schönheit, deren unterschiedliche Darstellungsformen und Mephistos Schönheitskompetenz hinterfragt. Die anschließende Beschäftigung mit dem Helenaakt erfolgt unter Berücksichtigung der Realitätsebene, Aspekten zu Macht und Unglück in Verbindung mit Schönheit und Hässlichkeit sowie Helenas Selbstwahrnehmung. Insbesondere der in Vers 9940 betonten Unmöglichkeit der Koexistenz von
1 Alle Primärzitate werden, sofern nicht anders vermerkt, nach der HA gesetzt.
2 Vgl. Rogge 2000.
3 Vgl. Müller 1982.
4 Vgl. Schadewaldt 1956.
5 Vgl. Eibl 2000.
6 Vgl. Böhme 2005.
7 Vgl. Zabka 1993.
8 Vgl. Schmidt 1999a.
9 Vgl. Schlaffer 1998.
2
Gl ück und Schönheit sowie den sich für den Helenaakt ergebenden Konsequenzen widmen sich
die Schlusskapitel.
3
2. Goethes Schönheitsbild
Das Schönheitsbild Goethes ist entscheidend für die Interpretation der Helena-Wirkung. Schadewaldt fasst dies anhand verschiedener Äußerungen Goethes aus seinen Schriften und Briefen zusammen. Insbesondere die Schilderung eines Polygnot-Gemäldes drückt Goethes Schönheitsbild aus:
[…] Von Jugend auf ein Gegenstand der Verehrung und der Begierde erregt sie die heftigsten Leidenschaften einer heroischen Welt, legt ihren Freiern eine ewige Dienstbarkeit auf, wird geraubt, geheiratet, entführt und wieder erworben. Sie entzückt, indem sie Verderben bringt, das Alter wie die Jugend, entwaffnet den rachegierigen Gemahlen; und vorher das Ziel eines verderblichen Krieges, erscheint sie nunmehr als der schönste Zweck des Sieges, und erst, über Haufen von Toten und Gefangenen erhaben, thront sie auf dem Gipfel ihrer Wirkung. Alles ist vergeben und vergessen; denn sie ist wieder da. Der Lebendige sieht die Lebendige wieder und erfreut sich in ihr des höchsten irdischen Gutes, des Anblick einer vollkommenen Gestalt.“ 10
Schadewaldt nennt zwei Zustände der Griechen zur Klassifizierung von Schönheit: Kallos sei das in sich ruhende Ideal. Im Gegensatz dazu sei Charis die „Erfreudenheit“, Lebendigkeit, Anmut. Entgegen der herrschenden Vorstellung (u. a. Schillers) sieht Goethe Anmut als „die Integrierung des Schönen“ 11 . Die Gegensätzlichkeit zwischen Kallos und Charis ist in Goethes Schönheitsbild aufgehoben. 12 In der Kunstschaffung entwickelt sich aus dem Interesse des Künstlers zum Objekt zunächst der Wunsch zur Nachahmung. Im Weiteren wird der Nachahmung ein individueller Charakter verliehen und schließlich kann das Kunstwerk die höchste Stufe, das Göttliche, erreichen. Schönheit setzt an diesem Punkt ein und mildert das Überhöhte ab, um es dem Betrachter näher zu bringen, damit dieser nun eine Zuneigung dafür entwickeln kann. 13 Schönes treibt somit zu Produktivität an und weckt das Bestreben, selbst Schönes kreieren zu wollen. 14 Der vollkommenen, kallischen Schönheit wohnt also gleichzeitig ein vitales Prinzip inne. Diese Entelechie aus höchster Tätigkeit und Vollkommenheit wird dann als areté 15 bezeichnet und treibt zu höchstem Tatendrang an. 16 Kunst wird lebendig, wenn sie die Natur so identisch wie möglich abbildet. 17 Der schöne Mensch als höchstes Element in dieser Kunstauffassung bildet den absoluten Schaffensmotor. 18
Bereits die klassische Walpurgisnacht zeigt die Entstehung des Schönen als potenziertes Leben, das als Steigerung aus der Natur hervorgeht: „CHIRON. Was! … Frauenschönheit will nichts heißen, /
10 Goethe, Johann Wolfgang von: „Verherrlichung der Helena“/ „Polygnots Gemälde“, W.A. I, S. 48.; zitiert nach Schadewaldt 1956, S. 2.
11 Schadewaldt 1956, S. 8.
12 Vgl. Schadewaldt 1956, S. 10.
13 Vgl. Schadewaldt S. 9.
14 Vgl. Rogge 2000, S. 334.
15 Schadewaldt 1956, S. 10.
16 Vgl. Ebd. S. 10.
17 Vgl. Ebd. S. 15.
18 Vgl. Ebd.
4
ist gar zu oft ein starres Bild; / Nur solch ein Wesen kann ich preisen, / Das froh und lebenslustig quillt. / Die Schöne bleibt sich selber selig; / Die Anmut macht unwiderstehlich, / Wie Helena, da ich sie trug.“ (V 7399ff.) In der Tat ist Faust nach der Begegnung mit der Schönsten noch einmal so produktiv wie nie zuvor im Stück und er stürzt sich in das Landgewinnungsprojekt. Rein virtuelle/potenzielle Schönheit wäre jedoch machtlos, notwendig ist die Gegenwart von Schönheit 19 - Helena ruft nicht umsonst mit Begeisterung aus: „Da bin ich! da!“ (V 9412). Erst durch das Erleben der leibhaftigen Helena kann Faust die Schlüsse für seine Welt ziehen: „Ich lernte diese Welt verachten / Nun bin ich erst sie zu erobern werth.“ 20
19 Vgl. Ebd. S. 26.
20 Paralimpomena. FA, S. 571; vgl. Ebd. S. 27.
5
Arbeit zitieren:
Friedhelm Lorig, 2009, Glücklich durch Schönheit?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ingeborg Bachmanns 'An die Sonne': Lob- oder Klagelied?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Untersuchung des Paktes / der Wette zwischen Mephisto und Faust
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Bachmann, Ingeborg - Gedichte - Gedichtinterpretationen zu 'Anrufu...
Ausarbeitung, 6 Seiten
Die Margareten-Handlung in Goethes Faust I:
Ihre Bedeutung für das Verstän...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Rolle und Funktion des Mephistopheles in Goethes Faust 1
Hausarbeit, 19 Seiten
Stefan Zweig, Schachnovelle - eine Analyse und Interpretation
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Zur Schuldfrage Gretchens in Goethes Faust I
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Erzählperspektiven in Günter Kunerts Kurzgeschichte "Die Beerdigu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Zwei Nächte - ein Name - Zur Konzeption der Walpurgisnächte in Goethes...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Bachelorarbeit, 35 Seiten
Teufelsgestalten in der deutschsprachigen Faustliteratur
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Examensarbeit, 104 Seiten
Grabbe, Christian Dietrich - Don Juanund Faust - Die Faust-Gestalt im ...
Facharbeit (Schule), 18 Seiten
Barocklyrik - Paul Fleming: Leben und Werk
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 6 Seiten
Die Figur des Homunculus in Goethes "Faust II"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
Johann Wolfgang Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - Der H...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
"Sag, wie hast du’s mit der Religion?"
Der Herr, Mephisto, Faust und ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 42 Seiten
Unterrichtsstunde: Die Symbolik in Max Frischs Homo Faber
Unterrichtsentwurf, 15 Seiten
Fünf ausgewählte Gedichte der deutschen Literatur nach der Wende
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Zu: Max Frisch, Homo Faber: Walter Faber vor seiner inneren Wende - Ko...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 27 Seiten
Friedhelm Lorig's Text Glücklich durch Schönheit? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Friedhelm Lorig hat den Text Glücklich durch Schönheit? veröffentlicht
Friedhelm Lorig hat einen neuen Text hochgeladen
Das Märchen / Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch sein Märch...
'Von der Grünen Schlange und d...
Johann Wolfgang von Goethe, Rudolf Steiner
Goethe's Faust, Part I: A New American Version
C. F. Macintyre, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Wolfgang von Goethe
Prometheus and Faust: The Promethean Revolt in Drama from Classical An...
Timothy R. Wutrich
0 Kommentare