Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 2
II Der falsche Tod 4
III Meine Metaphern sind meine Wunden 7
IV Möglichkeiten und Grenzen der Lyrik nach Auschwitz 10
1) Die Grenze des Sinns 10
2) Grenzen der Metapher 12
3) Grenzen des Mythos 15
V Schlussbemerkung 19
Literaturverzeichnis 21
1
I. Einleitung
Auschwitz, das pars pro toto für die Vernichtung der europäischen Juden, bildet das Zentrum, den Rotationskern der Lyrik von Nelly Sachs. Ihr Werk beginnt mit Auschwitz. Das ist weit mehr als eine zeitliche Konkordanz: Nelly Sachs hatte, bevor sie 1940 im letzten Augenblick mit ihrer Mutter aus Berlin flüchten konnte, bereits Gedichte geschrieben und auch einige wenige Werke veröffentlicht. Diese Texte sind jedoch kein Bestandteil ihres sogenannten „gültigen“ 1 Werks, sie bilden ein abgetrenntes Vor-Werk, gegen dessen Einbindung in die Gesamtausgabe 2 sich die Dichterin selbst aussprach: „Sie gehören gar nicht hier hinein. Sie sind noch ganz ohne Schicksal – hätten in der Hitlerzeit später auch gar nicht Schicksal sein dürfen.“ 3 Das Leben und mit ihm die Dichtung werden vollends von dem Schicksal der Verfolgung als Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland bestimmt. Ein Leben (Nelly Sachs war, als sie dieses Deutschland verlassen musste, fast 50 Jahre alt), das das vorherige Leben überschattet, auslöscht. Das Dasein im behüteten Bildungsbürgertum Berlins wird mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus, mit dem erzwungenen Exil nachträglich selbst zu einer Unmöglichkeit: Es hätte nicht ‚Schicksal‘ werden dürfen, verliert mit dem eigenen Erleben und dem Wissen um das Schicksal der Millionen Ermordeten seine Bedeutung. Jeder Versuch zu leben, zu schreiben ist von diesen Ereignissen bestimmt, sie werden zum unhintergehbaren Ausgangspunkt, wie Nelly Sachs an Paul Celan schreibt: „Auch ich muß diesen inneren Weg gehen der von ‚Hier‘ ausgeht nach dem unerhörten Leiden meines Volkes, und der weitertastet aus der Qual.“ 4 Ein Werk, das so auf einen Punkt ausgerichtet ist, das die Shoah als innerstes „stets mitgedacht und nie vergessen“ 5 hat, musste auf eine von Anfang an schwierige und selten unvoreingenommene Rezeption in Deutschland stoßen. Ihr erster Gedichtzyklus, In den Wohnungen des Todes, der 1942/43, also noch während der Massenvernichtung, entstand und 1947 im Ostberliner Aufbau Verlag veröffentlicht wurde, blieb bis zur Mitte der 1950er Jahre weitgehend unbekannt. Nicht nur die kurz darauf folgende Berlin-Krise wird daran Schuld gehabt haben, sondern auch der alle Besatzungszonen einende Unwille, sich mit dem noch kaum Vergangenen zu beschäftigen, die Sehnsucht, „die Vergangenheit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.“ 6 Auch der zweite veröffentlichte Band, Sternverdunkelung
1
Ehrhard Bahr:
Nelly Sachs,
München: Beck 1980, S. 122.
2 Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. Sämtliche Gedichte, die im Folgenden zitiert werden, sind diesem Band entnommen und werden im Text mit dem Kürzel „F“ und der Seitenzahl nachgewiesen. 3 Zit. nach: Bahr: Nelly Sachs, S. 122.
4 Nelly Sachs/Paul Celan: Briefwechsel, hg. von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 9. 5 Hans Magnus Enzensberger: „Über die Gedichte der Nelly Sachs“, in: Bengt Holmqvist (Hg.): Das Buch der Nelly Sachs, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968, S. 355-362, hier: S. 359.
6 Bahr: Nelly Sachs, S. 12.
2
(1949), fand eine ähnlich kühle Aufnahme, der Exilverlag Querido in Amsterdam, bei dem er erschienen war, musste die Bestände aus Mangel an Lesern einstampfen. Erst in den sechziger Jahren sollte sich dies ändern. Plötzlich herrschte eine eifrige Betriebsamkeit um das Werk und die Person der Nelly Sachs. Ihr, die sich stets unsicher war, „ob überhaupt noch [ihr] Wort einer neuen Generation etwas zu sagen hat“ 7 , war es gelungen, zumindest einige Leser und Dichterfreunde zu finden, die ihrem Werk zu Bekanntschaft verhalfen. Doch diese Aufnahme war immer auch geprägt von einem Zwiespalt: So sehr die Aufnahme dieses Werkes – und damit die Auseinandersetzung mit der Shoah – eine Notwendigkeit war, so sehr mehrten sich bald die Kritiker dieser Betriebsamkeit, die Nelly Sachs als Alibifigur zu miss- brauchen drohte, um sich doch der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu entziehen. Theodor W. Adorno hat diese Tendenz etwa zeitgleich festgestellt: „Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in diesem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlussstrich ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen.“ 8 Ganz in diesem Sinne ist der Hinweis von Werner Weber in seiner Laudatio auf Nelly Sachs zu verstehen: „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Dichter zu erledigen. Die freundlichste, freilich auch die hinterhältigste ist die: man spendet ihm Beifall, und zwar unter allen, besonders gern unter festlichen Umständen.“ 9 Nachdem lange niemand etwas von ihrer Lyrik wissen wollte, steckt in der plötzlichen Beachtung und Ehrung ein „Wegloben“ 10 der literarischen Leistung, um sich nicht näher mit ihrem Inhalt beschäftigen zu müssen. Auch in der oft wiederholten Festschreibung als „jüdische Dichterin“ oder gar „Dichterin jüdischen Schicksals“ steckt ein erneutes Wegschieben der Dichterin als Fremde: 11 Sie, die deutschsprachige Schriftstellerin, die auf eine „jüdische“ Identität zuerst 1933 gewaltsam festgelegt worden war, 12 wird „inthronisiert [...] zur Hohepriesterin des Judentums“ 13 . Nach diesem lauten Betrieb um Nelly Sachs verlor die Öffentlichkeit schnell das Interesse an ihr. Die späten Gedichte ebenso wie die szenischen Dichtungen sind kaum erforscht und noch weniger bekannt. Es scheint so, als wäre die Dichterin Nelly Sachs endgültig auf einige
7
Karl Schwedhelm/Nelly Sachs:
Briefwechsel und Dokumente,
hg. von Bernhard Albers, Aachen: Rimbaud 1998, S. 15.
8
Theodor W. Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“, in: ders.:
Eingriffe. Neun kritische Modelle,
Frankfurt am Main: Suhrkamp
6
1970, S. 125-146, hier: S. 125.
9 Werner Weber: „Laudatio anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Nelly Sachs“, in: Nelly Sachs zu Ehren. Zum 75. Geburtstag am 10. Dezember 1966. Gedichte, Beiträge, Bibliographie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1966, S. 33-42, hier: S. 33.
10 Fritz J.Raddatz: „Welt als biblische Saat: Nelly Sachs“, in: ders.: Verwerfungen. Sechs literarische Essays, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972, S. 43-51, hier: S. 43.
11 Vgl. Gisela Dischner: „Noch feiert der Tod das Leben...“, in: a propos Nelly Sachs, Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik 1997, S. 7-50, hier: S. 29.
12 Vgl. Ruth Dinesen: Nelly Sachs. Eine Biographie, dt. von Gabriele Gerecke, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2 1992, S. 95ff.
13 Raddatz: „Welt als biblische Saat: Nelly Sachs“, S. 43.
3
wenige Gedichte ihrer ersten beiden Bände reduziert, die zwar gern und oft zitiert werden, jedoch selten auf eine ernsthafte Auseinandersetzung stoßen – die jedes Gedicht, das im Kontext der Shoah steht, zwingend fordert.
Diese Untersuchung kann sich vorläufig allenfalls an einem dieser beiden Mängel abarbeiten. Die Darstellung und Bearbeitung der Shoah in den Gedichten soll hier genauer untersucht und kritisch durchleuchtet werden. Dies ist nicht als Kritik an der Person der Dichterin zu verstehen, sondern im Gegenteil: Gerade die Schwächen der Gedichte können Aufschluss geben über die Verfahren und Grenzen, die dem Gedicht angesichts Auschwitz gesetzt sind. Der zweite Mangel, die Einschränkung auf die frühen Gedichte, kann hier leider nicht behoben werden: Zu umfangreich wäre das Unterfangen, die kaum erforschten szenischen Dichtungen miteinzubeziehen. Die späteren Gedichte sollen in Einzelfällen hinzugezogen werden, um die Entwicklung in der Lyrik Nelly Sachs’ darzustellen. Sie können jedoch nicht bevorzugt oder für sich alleine genommen behandelt werden. Dies zu tun hieße, den Ausgangspunkt der Beschäftigung mit der Shoah in den frühen Gedichten aus den Augen zu verlieren.
II. Der „falsche Tod“
Die frühen Gedichte sind ein Ausgangspunkt im doppelten Sinn: Einerseits bilden sie die erste Auseinandersetzung Nelly Sachs’ mit den Nachrichten aus den Vernichtungslagern, andererseits sind sie erste literarische Reaktionen auf Ereignisse, die einen elementaren Bruch darstellen. Ein heutiger Leser muss sich erst erneut in Erinnerung rufen, dass die Gedichte gerade in einer Zeit entstanden, in der die Möglichkeiten, überhaupt literarisch auf die Massenvernichtung zu reagieren, noch nicht diskutiert waren, in der kein Kanon an Texten, die sich mit der Shoah beschäftigen, zur Verfügung stand: „Für die Begegnung mit der Realität von Auschwitz stand keine literarische Tradition mit Ausdrucksmitteln fertig zur Verfügung.“ 14 Diese Mittel mussten – sofern sie überhaupt existieren – erst gefunden, vor allem: erst gesucht werden. Nelly Sachs hat dazu wesentlich beigetragen. Sie selbst war sich früh bewusst, dass sich mit dem Bruch in der Geschichte, den Auschwitz darstellt, auch ein Bruch in der Lyrik ergeben muss:
Du sollst auch nicht singen Wie du gesungen hast – Ein Feuer brach aus nach der Musik von Gestern –. 15
14 Bahr: Nelly Sachs, S. 72.
15 Zit. nach: Bahr: Nelly Sachs, S. 127.
4
Aus diesem Gedichtabschnitt aus den unveröffentlichten Elegien von den Spuren im Sande, der ebenfalls 1943 entstand, 16 spricht die poetologische Erkenntnis, dass nach Auschwitz nicht einfach weiter gedichtet werden kann, als sei nichts gewesen oder als sei dieses Leid noch mit herkömmlichen dichterischen Mitteln zu fassen. Die Worte selbst reichen nicht mehr aus, um zu beschreiben, was geschieht, selbst noch die ausdrucksstärksten werden angesichts der neuen Realität inadäquat, wie Nelly Sachs selbst im Gedicht „Abschied“ darstellt: ABSCHIED – aus zwei Wunden blutendes Wort.
Gestern noch Meereswort mit dem sinkenden Schiff als Schwert in der Mitte – Gestern noch von Sternschnuppensterben durchstoßenes Wort – Mitternachtgeküßte Kehle der Nachtigallen – Heute – zwei hängende Fetzen und Menschenhaar in einer Krallenhand die riß – Und wir Nachblutenden – Verblutende an dir – halten deine Quelle in unseren Händen.
Wir Heerscharen der Abschiednehmenden die an deiner Dunkelheit bauen – bis der Tod sagt: schweige du – doch hier ist: weiterbluten! (F 124) „Gestern“, vor Auschwitz, war Abschied schon eine Wunde beider Abschiednehmenden und es war eines der Grundthemen der Literatur – man denkt bei „Nachtigall“ nicht zufällig an die berühmte Abschiedsszene in Shakespeares Romeo und Julia. Heute, nach Auschwitz, bleibt von diesem, der literarischen Produktion von je her förderlichen Thema nur noch jenes grausame, zerrissene und kreatürliche Bild der Mittelstrophe. Und mehr noch: Abschied ist nicht mehr eine Wunde, die nur zwei Individuen betrifft: „Heerscharen“ nehmen Abschied, einen Abschied, der nicht mehr durch Zeit oder gar ästhetische Sublimierung, wie sie in der ersten Strophe noch aufscheint, aufgehoben werden könnte, sondern bis in den Tod eine offene Wunde bleibt. „Hier ist: weiterbluten!“ Aus einigen Gedichten Nelly Sachs’ spricht ein klares Bewusstsein über den Bruch, den die Vernichtung der europäischen Juden in der Geschichte der Zivilisation darstellt, und dennoch versuchte sie, dieses Ereignis mit den Mitteln der von dieser Zivilisation hervorgebrachten Kultur zu beschreiben. Etwas anderes stand nicht zur Verfügung: Nelly Sachs bediente sich mit der Dichtung eines tradierten, kulturell beglaubigten Mittels zur Verarbeitung eines Traumas und fragte nicht danach, ob dieses Mittel sich zugleich mit der Kultur, die
16
Vgl. Ruth Kranz-Loeber:
„In der Tiefe des Hohlwegs“. Die Shoah in der Lyrik von Nelly Sachs,
Würzburg: Königshausen & Neumann 2001, S. 8.
5
Arbeit zitieren:
Roman Kuhn, 2008, Auschwitz als Sternbild?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Roman Kuhn hat den Text Auschwitz als Sternbild? veröffentlicht
Roman Kuhn hat einen neuen Text hochgeladen
Paul Celan, Nelly Sachs Paul Celan, Nelly Sachs Paul Celan, Nelly Sach...
Paul Celan, Nelly Sachs, Barbara Wiedemann
"Aber dies ist nichts für Deutschland, das weiß und fühle ich."
Nelly Sachs - Untersuchungen z...
Gerald Sommerer
Auschwitz in der deutschen Geschichte
Heinz Brüggemann, John Cramer, Rüdiger Fleiter, Claus Füllberg-Stolberg, Jael Geis, Helmut Kramer, Joachim Perels
0 Kommentare