Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Probleme der Interpretation 3
III. A Case in a Thousand 6
1 ) Beckett Bion 6
2 ) Nye Bray 7
IV. Murphy 10
1 ) „Therapeutic Voodoo“ 10
2 ) „Murphy’s Mind“ 12
V. Verdrängung und Verneinung 16
1 ) From an Abandoned Work 16
2 ) Molloy 19
VI. Schlussbemerkung 22
Literaturverzeichnis 24
1
I. Einleitung
Wenige Stationen im Leben Samuel Becketts haben das Interesse seiner Leser so sehr auf sich gezogen wie seine Psychoanalyse am Londoner Tavistock Institute mit dem später ebenfalls bekannten Analytiker Wilfred Bion. Sowohl Psychoanalytiker als auch Literaturwissenschaftler versprachen sich von einer Rekonstruktion dieser Analyse der Jahre 1934-35 wichtige Hinweise auf Leben und Werk beider Beteiligten. 1 Gleichzeitig stehen derartige Versuche von Beginn an unüberwindbaren Hürden gegenüber: Weder Beckett noch Bion äußerten sich in einer Weise über die psychoanalytische Behandlung die weitergehende Schlüsse erlaubt. Becketts Bemerkungen, hauptsächlich geäußert in Briefen an Thomas McGreevy, sind einem breiteren Publikum erst mit dem kürzlich erschienen ersten Band der Briefedition zugänglich, 2 wenngleich einige zentrale Briefe auch schon in der ersten Biographie des Autors zu finden sind. 3 Neben dem Problem der Zugänglichkeit stellt sich an den Briefen jedoch ein weiteres, größeres Problem: sie enthalten beinahe ausschließlich kurze Zusammenfassungen Becketts über den jeweiligen Stand der Behandlung, ohne Auskunft über die Inhalte der talking cure zu geben. Notizen, die hierüber Aufschluss bieten könnten, sind auch im Nachlass nicht mehr zu finden. 4 Eine Rekonstruktion der Analyse ist mithin nicht möglich, jeder Versuch einer Rekonstruktion aus den wenigen biographischen Fakten, die um die Analyse kreisen, ohne deren Zentrum zu beleuchten, läuft Gefahr, Erfindung zu sein, die weniger über Beckett denn über den Erfinder aussagt, wie Didier Anzieu zugibt: „je l’enliserais dans mon histoire, comme s’il ne lui suffisait pas d’être si fort enlisé dans la sienne. Au lieu de me mettre au service de Beckett, c’est Beckett que je mettrais à mon service.“ 5 Wer sich nicht, wie Anzieu, bewusst auf dieses Experiment einlassen will, sondern den Einfluss der Psychoanalyse auf das Werk Becketts untersuchen will, dem bleibt als einzige Quelle nur das Werk selbst. Dieses rechtfertigt auf den ersten Blick ein derartiges Unterfangen durchaus. Gerade die frühen Prosatexte Becketts sind in der Tat „littered with the debris of psychoanalytic discourse“ 6 . Allein, die bloße Tatsache, dass Begriffe wie ‚Narzissmus‘, ‚Ego‘, ‚Id‘ und ‚Sublimation‘ in den Texten vorkommen, sagt wenig über die Art aus, in der sie
1 Vgl. beispielsweise: Didier Anzieu: „Beckett and Bion“, in: The International Review of Psycho-Analysis 16 (1989), S.
163-169; Bennett Simon: „The Imaginary Twins: The Case of Beckett and Bion“, in: The International Review of Psycho-Analysis 15 (1988), S. 331-352; Victoria Stevens: „Nothingness, No-Thing, and Nothing in the Work of Wilfred Bion and in Samuel Beckett’s Murphy“, in: Psychoanalytic Review 92. 4 (2005), S. 607-635.
2 Samuel Beckett: The Letters of Samuel Beckett, Vol. I (1929-1940), hg. von Martha Dow Fehsenfeld/Lois More Overbeck, Cambridge et al.: Cambridge University Press 2009.
3 Deirdre Bair: Samuel Beckett. A Biography, London: Jonathan Cape 1978.
4 Vgl.: James Knowlson: Damned to Fame. The Life of Samuel Beckett, London: Bloomsbury 1996, S. 178.
5 Didier Anzieu: Beckett et le psychanalyste, Paris: Mentha, Archimbaud 1992, S. 37.
6 Phil Baker: Beckett and the Mythology of Psychoanalysis, Basingstoke et al.: MacMillan/St. Martin’s Press 1997, S. xi.
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dort funktionieren. Wer äußert sie und in welchen Zusammenhängen? Werden sie zustimmend zitiert? Gibt es eine ironische Distanz zu den psychoanalytischen Versatzstücken? Gibt es darüber hinaus eine Dimension, in der psychoanalytische Theorie als größerer Zusammenhang in den Texten präsentiert wird, oder bleibt es bei isolierten Begriffen? Die wenigen zugänglichen Äußerungen Becketts über Theorie und Praxis der Psychoanalyse werfen ein extrem ambivalentes Licht auf sein Verhältnis zu ihr: Einerseits belesener Kenner nicht nur der Schriften Freuds sondern auch derer Jungs und beispielsweise Wilhelm Reichs und Ernest Jones’, 7 qualifiziert er andererseits die Sprache der Psychoanalyse als „dog-vomit jargon“ 8 ab und lehnt Interpretationsversuche seiner Werke aus psychoanalytischer Perspektive als „psychoanalyst’s phantasms“ 9 ab. Wie gestaltet sich aber dieses Verhältnis in den literarischen Texten, die mit Spuren psychoanalytischer Lektüre übersät sind? 10
II. Probleme der Interpretation
An psychoanalytischen Interpretationen der Texte Becketts herrscht wahrlich kein Mangel. Die wenigsten dieser Interpretationen legen aber die Schwierigkeiten offen, die sich einem derartigen Unterfangen im Allgemeinen und in Becketts Fall im Besonderen stellen. Über die generellen Schwierigkeiten kann an dieser Stelle nicht breit diskutiert werden, der Hinweis, dass psychoanalytische Interpretationen, die sich in erster Linie darum bemühen, die Autorenpsychologie aufzudecken, oder die literarischen Figuren wie psychologische Fallstudien betrachten, von vornherein - und oftmals nicht zu Unrecht - dem Verdacht des Reduktionismus ausgesetzt sind, 11 muss hier genügen. In Becketts Fall jedoch kommen einige besondere Schwierigkeiten hinzu, von denen die erste ihren Grund bereits in der schlichten Tatsache hat, dass Beckett ein Kenner psychoanalytischer Theorie war. Freud hat darauf hingewiesen, dass gerade das Interesse an den Theorien der Psychoanalyse als „intellektueller Widerstand“ 12 gegen die Analyse selbst wirken kann:
7 Vgl.: Bair: Samuel Beckett. A Biography, S. 177f., sowie: Knowlson: Damned to Fame, S. 177f.
8 Zit. nach: Baker: Mythology of Psychoanalysis, S. ix.
9 Didier Anzieu: „Beckett and Bion“, in: The International Review of Psycho-Analysis 16 (1989), S. 163-169, S. 164.
10 Die Tatsache, dass die hier aufgeworfenen Fragen in erster Linie an den frühen Prosatexten Becketts untersucht werden sollen, ist nicht allein dem begrenzten Umfang der vorliegenden Untersuchung geschuldet. In den frühen Texten sind intertextuelle Bezüge zur psychoanalytischen Theorie noch am deutlichsten ausgewiesen, während sie in späteren Texten, wenn überhaupt, weniger prominent figurieren - die zeitliche Nähe zur eigenen analytischen Erfahrung mag dabei eine wichtige Rolle spielen. Um dennoch eine generelle Entwicklung in Becketts Umgang mit der psychoanalytischem Material aufzuzeigen, wird am Ende dieser Arbeit ein kurzer, konzentrierter Blick auf zwei Werke aus einer späteren Periode (From an Anbandoned Work und Molloy) geworfen.
11 Vgl.: Angela Moorjani: „Beckett and Psychoanalysis“, in: Lois Oppenheim (Hg.): Palgrave Advances in Samuel Beckett Studies, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2004, S. 172-193, S. 172.
12 Sigmund Freud: „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ [1916-17], in: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1, hg. von Alexander Mitscherlich et al., Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 33-445, S. 287.
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Doch der Patient lässt mit sich reden; er will uns gern dazu bewegen, daß wir ihn unterrichten, belehren, widerlegen, ihn zur Literatur führen, an welcher er sich weiterbilden kann. Er ist gern bereit, ein Anhänger der Psychoanalyse zu werden, unter der Bedingung, daß die Analyse ihn persönlich verschont. Aber wir erkennen diese Wißbegierde als Widerstand, als Ablenkung von unseren speziellen Aufgaben und weisen sie ab. 13
Auch wenn die Situation hier eine andere ist, lässt sich mit einigem Recht davon ausgehen, dass eine solche Vorsicht eben auch bei an der Psychoanalyse interessierten Autoren angebracht ist. Jedenfalls kann man nicht einfach annehmen, dass dem Autor unbewusst gebliebene Elemente des Textes in der Metasprache der Analyse interpretiert und so ans Licht gebracht werden können. Im Gegenteil: Es steht zu vermuten, dass der Autor Momente psychoanalytischer Theorie bewusst einsetzt und diese somit einer ganz anderen Dynamik unterliegen - und damit steht auch eine reduktive psychoanalytische Interpretation vor ganz neuen Problemen. Der Text lässt sich nicht mehr ohne Weiteres mit dem Instrumentarium der Psychoanalyse lesen, denn er hat es bereits in sich aufgenommen. Die Probleme, die sich damit der Interpretation stellen, entstammen nicht länger dem Register der Psychologie, sondern sind genuin literarische: Wie beispielsweise ließe sich die Ironie, die dem Leser in Becketts Texten - gerade im Zusammenhang mit psychologischen Theorien - entgegenschlägt, allein mit dem Instrumentarium einer psychoanalytischen Interpretation verstehen? Auch dem Versuch einer Analyse der Figuren stellen sich diverse bekannte Probleme, die sich jedoch erneut bei Beckett (und überhaupt bei modernen Erzählformen) zuspitzen. Wie ließe sich eine Figur analysieren, wenn gerade die bewusste Abkehr von psychologisch realistischen Charakteren ein wesentliches Merkmal der Texte ausmacht? Wenngleich sich dies in den späteren Texten Becketts noch verstärken wird, kann bereits in Murphy von realistischen, kohärenten Figuren keine Rede mehr sein. Im Gegenteil: hier ist eine „deliberate rejection of realism“ 14 am Werk, die auch psychologischen Figurenanalysen kaum mehr Raum lässt. Da die Figuren des Romans konsequent als „puppets“ 15 konstruiert sind, deren „position“ (M, 233) zueinander wesentlich wichtiger ist als ihre individuelle Gestaltung, verweigern sie sich solchen Zugängen. Die folgende, pseudo-realistische Charakterisierung einer Figur (Celia) macht deutlich, wie wenig der Leser hoffen darf, Aufschlüsse über die Psychologie derselben zu erfahren:
13 Ebd., S. 288.
14 Raymond Federman: Journey to Chaos. Samuel Beckett’s Early Fiction, Berkeley/Los Angeles: University of California Press 1965, S. 63.
15 Samuel Beckett: Murphy [1938], New York: Grove 2008, S. 122. Alle Zitate aus diesem Werk werden im Folgenden im Text unter der Sigle „M“ nachgewiesen.
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Age. Unimportant. Head. Small and round. Eyes. Green. Complexion. White. Hair. Yellow. Features. Mobile. Neck. 13 ¾". Upper arm. 11". Forearm. 9 ½". […] (M, 10)
Hier ist ein Spiel mit den Konventionen realistischer Figurenzeichnung am Werk, das diese ad absurdum führt und damit auch Interpretationen beeinträchtigt, die zumindest unausgesprochen auf eine kohärente psychologische Exposition der Charaktere angewiesen sind. Es kann also nicht - oder nur unter starken Einschränkungen - auf die Psychoanalyse als In-terpretationsgrundlage zurückgegriffen werden. Stattdessen soll hier vielmehr der Status psychoanalytischer Theorieelemente und psychoanalytischer „Szenen“ in den Texten untersucht werden. Die Erkenntnisse der Psychoanalyse sind somit nicht als latente Tiefendimension des literarischen Texts gedacht, die es aufzudecken gilt, sondern sie sind selbst Teil der textuellen Oberfläche. Sie sind eben gerade nicht „unconscious symbols which need to be deciphered, but quotations of ‚unconscious symbols‘ which operate on a conscious thematic level and need to be recognised.“ 16 Ein rein intertextueller, Bezüge erkennender Ansatz ist jedoch wiederum kaum durchzuführen: Das psychoanalytische „Material“, das Beckett verwendet, ist selten einem konkreten Prätext zuzuordnen. Zum einen nämlich bedient sich Beckett, wie bereits erwähnt, bei einer ganzen Reihe psychoanalytischer Autoren und Schulen, zum anderen sind bestimmte Vorstellungen, die der Psychoanalyse entstammen, gegen Ende des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts in intellektuellen Kreisen derart verbreitet, dass ein direkter Bezug zum „Original“-Text nicht sicher hergestellt werden kann. Neben einigen wenigen verlässlicheren intertextuellen Bezügen wird hier - auch weil eine Untersuchung aller jeweils möglichen Prätexte den Rahmen dieser Untersuchung sprengen würde - im Wesentlichen auf bekanntere Texte Freuds verwiesen, von denen mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass Beckett sie gekannt hat. Im Zentrum steht nicht der Versuch aufzudecken, welche Prätexte wo aufgenommen werden, sondern die Frage, wie Bezüge zur Psychoanalyse
16 Baker: Mythology of Psychoanalysis, S. xvi.
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verarbeitet werden und welche Entwicklung dieses Verfahrens sich in den Texten erkennen lässt.
III. A Case in a Thousand
1) Beckett & Bion
Als Beckett die Kurzgeschichte A Case in a Thousand im August 1934 veröffentlicht, 17 befindet er sich seit etwa einem halben Jahr in psychoanalytischer Behandlung. Der Text selbst weist die Beziehung zum „Thema“ Psychoanalyse derart deutlich aus, dass nicht erst auf diese zeitliche Nähe verwiesen werden müsste. Statt jedoch nur die - durchaus zahlreich vorhandenen - 18 biographischen Bezüge aufzudecken, 19 die auch in der analytischen Behandlung eine wichtige Rolle gespielt haben dürfen, ist die Erzählung geradezu als Auseinandersetzung mit den Grenzen eines solchen Unterfangens zu lesen. Sie stellt zwar einen „way of using his analysis creatively“ 20 dar, dieser bietet aber für reduktive Interpretationen kein relevantes Material und macht stattdessen den Unterschied zwischen dem Interesse der Psychoanalyse und Becketts Werk deutlich. Darüber hinaus lässt sich am Text die ambivalente Grundhaltung Becketts zur Psychoanalyse nachvollziehen, die sich auch in seinen Briefen und folgendem Interviewausschnitt ausdrückt:
I don’t know why but I finished up with […] Bion to whom I used to go, I think, twice a week. […] I used to lie down on the couch and try to go back in my past.
After about six months […] I decided that I’d had enough. We decided to call it a day and we parted very amicably. Well, it wasn’t doing me any good. […] But I think it probably did help. […] I think it all helped me to understand a bit better what I was doing and what I was feeling. I certainly came up with some extraordinary memories […]. 21
Selbst noch im Nachhinein lässt sich das Changieren zwischen der Faszination an der Be-handlungsmethode, die Beckett (nicht wie er hier behauptet sechs Monate, sondern beinahe zwei Jahre lang) erfahren durfte, und Enttäuschung und Geringschätzung finden. Aus den Briefen sprechen fast regelmäßig alternierend diese beiden Einschätzungen:
17 Samuel Beckett: „A Case in a Thousand“ [1934], in: Ders.: The Complete Short Prose 1929-1989, hg. von S. E. Gontarski, New York: Grove 2006, S. 18-24. Alle Zitate aus diesem Werk werden im Folgenden im Text unter der Sigle „C“ nachgewiesen.
18 Vgl.: Bair: Samuel Beckett. A Biography, S. 184f., sowie: Knowlson: Damned to Fame, S. 181f.
19 Dieses Unterfangen wäre zudem wenig spezifisch für diesen einen Text, denn diese oder ähnliche biographische Elemente finden sich, wie Alfred Hornung richtig bemerkt, stetig wiederholt im gesamten Werk Becketts. (Vgl.: Alfred Hornung: „Fantasies of the Autobiographical Self: Thomas Bernhard, Raymond Federman, Samuel Beckett“, in: Journal of Beckett Studies 11 & 12 (1989), S. 91-107, S. 92f.).
20 Bair: Samuel Beckett. A Biography, S. 184.
21 Zit. nach: James und Elizabeth Knowlson: Beckett Remembering, Remembering Beckett. Uncollected Interviews with Samuel Beckett and Memories of Those Who Knew Him, London: Bloomsbury 2006, S. 68.
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Roman Kuhn, 2009, The quantum of wantum, München, GRIN Verlag GmbH
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