6. Untersuchung des sächsischen Bildungsplans ...................................... - 41 -
6.1 Überblick und Inhalt des Sächsischen Bildungsplans - 41 -
6.2 Somatische Bildung - 44 -
6.2.1 Leitbegriff Wohlbefinden - 44 -
6.2.2 Körper - 45 -
6.2.3 Bewegung - 46 -
6.2.4 Gesundheit - 47 -
6.3 Soziale Bildung - 49 -
6.3.1 Leitbegriff Beteiligung - 50 -
6.3.2 Soziales Lernen - 51 -
6.3.3 Differenzerfahrungen - 51 -
6.3.4 Werte und Weltanschauungen - 52 -
6.3.5 Demokratie - 52 -
6.4 Kommunikative Bildung - 53 -
6.4.1 Leitbegriff Dialog - 54 -
6.4.2 Nonverbale Kommunikation - 54 -
6.4.3 Sprache - 55 -
6.4.4 Schrift und Medien - 56 -
6.5 Ästhetische Bildung - 57 -
6.5.1 Leitbegriff Wahrnehmen - 58 -
6.5.2 Musik - 58 -
6.5.3 Tanz und Theater - 59 -
6.5.4 Bildnerisches Gestalten - 59 -
6.6 Naturwissenschaftliche Bildung - 60 -
6.6.1 Leitbegriff Entdecken - 61 -
6.6.2 Natur - 61 -
6.6.3 Ökologie - 62 -
6.6.4 Technik - 62 -
6.7 Mathematische Bildung - 63 -
6.7.1 Leitbegriff Ordnen - 64 -
6.7.2 Messen, Wiegen und Vergleichen - 64 -
6.7.3 Vorstellungen über Geometrie - 65 -
- 2 -
7. Bewertung des Sächsischen Bildungsplans ............................................ - 66 -
8. Fazit zum Lebenslangen Lernen im Elementarbereich - 67 -
9. Literatur - 69 -
10. Anhang - 75 -
- 3 -
1. Einleitung
Jeder Mensch muss seine Grundbedürfnisse stillen, damit er leben und existieren kann. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist ein Bedürfnis, welches sich jetzt und in Zukunft nur über Bildung und Lebenslanges Lernen erreichen lässt. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der frühkindlichen Bildung von Mädchen und Jungen im Elementarbereich. Lernen beginnt mit der Geburt und nicht erst in der Schule.
Die Frage nach dem, was Bildung ist, wo Bildung herkommt und was Bildung in Kindertageseinrichtungen bedeutet, sind Kerngedanken dieser Arbeit. Um das Thema einzugrenzen und mit Beispielen zu belegen, wird der Sächsische Bildungsplan daraufhin untersucht. Das Bachelor - Thema dieser Arbeit lautet: „Die Realisierung vom Lebenslangen Lernen im frühkindlichen Bereich als Herausforderung an Erzieherinnen und Erzieher, am Beispiel des Sächsischen Bildungsplans“. Beim Bearbeiten der Fragestellung liegt der Fokus auf Mädchen und Jungen sowie Erzieherinnen und Erziehern in Kindertagesstätten.
Jedes Bundesland erstellt eigene Bildungspläne, um Mädchen und Jungen eine optimale Vorbereitung auf das Leben zu geben. Doch nur wenige Pläne werden den heutigen Anforderungen von Bildung, Lebenslangen Lernen und pädagogischer Qualität gerecht. Auch wenn der Sächsische Bildungsplan eine gute Grundlage für Lebenslanges Lernen bietet, muss jeder Plan ständig neu überarbeitet und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen reflektiert werden. 2002 war Bildung das Schlagwort des Jahres. Zum ersten Mal seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland wurde das Thema Bildung als Zukunftsressource anerkannt und seitdem gesondert gefördert. Im Internationalen Bildungsvergleich belegt Deutschland einen der letzten Plätze. Nur ein Neu- und Überdenken bestehender Konzepte wird eine positive Veränderung bringen. Kindertageseinrichtungen sind keine
Aufbewahrungsstätten für Mädchen und Jungen, deren Eltern berufstätig sind, sondern vielmehr eine eigene Bildungseinrichtungen in der Bildung, Lebenslanges Lernen und pädagogische Qualität gesichert werden müssen.
Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit diesen drei Begriffen, der zweite Teil untersucht den Sächsischen Bildungsplan auf Lebenslanges Lernen. Gegenwärtige Diskussionen und Zukunftspläne von Lebenslangem Lernen in Kindertageseinrichtungen sind Inhalte dieser Arbeit.
2. Lebenslanges Lernen
Mit einem Zitat leitet das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Thema Lebenslanges Lernen 1 auf seiner Internetseite ein: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Mädchen und Jungen müssen bereits im Elementaralter die Möglichkeit haben sich zu bilden. Wenn Bildungsprozesse erst in der Schule angestoßen werden, dann bleiben wertvolle Fähigkeiten eventuell unentdeckt. Darüber hinaus meint diese Volksweisheit, dass Lernen nach Schule, Ausbildung oder Studium nicht aufhört. Lernen ist ein wesentlicher Bestandteil zum Erlangen von Bildung. LLL gilt als das Schlüsselwort auf dem Arbeitsmarkt, um zukünftige Anforderungen im Berufsleben bewältigen zu können. 2
2.1 Begriffsbestimmung Lebenslanges Lernen
LLL wird in der Fachliteratur sehr unterschiedlich definiert, je nachdem, um welchen nationalen Kontext es geht, und was bezweckt wird. Bevor eine mögliche Definition zum LLL erfolgen kann, müssen drei grundlegende Kategorien „zweckmäßiger Lerntätigkeiten“ unterschieden werden: Formales Lernen, Nicht-formales Lernen und Informelles Lernen. 3 Formales Lernen findet in erster Linie in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen statt und führt zu anerkannten Abschlüssen, Zertifikaten und Qualifikationen.
1 Lebenslanges Lernen wird im Folgenden mit „LLL“ abgekürzt.
2 Vgl. www.bmbf.de/de/411.php (Zugriff 02.07.07)
3 Vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000): Memorandum über Lebenslanges Lernen. S. 9f
Nicht-formales Lernen findet außerhalb der Hauptsysteme der allgemeinen und beruflichen Bildung statt und führt nicht unbedingt zum Erwerb eines formalen Abschlusses (Zertifikat, Zeugnis etc.). Nicht-formales Lernen kann am Arbeitsplatz und im Rahmen von Aktivitäten in Organisationen und Gruppierungen der Zivilgesellschaft (wie Jugendorganisationen, Gewerkschaften sowie politischen Parteien) stattfinden. Auch Organisationen oder Dienste, die zur Ergänzung der formalen Systeme eingerichtet wurden, können als Ort nichtformalen Lernens fungieren (z.B. Kunst-, Musik- und Sportkurse oder private Betreuung durch Tutoren zur Prüfungsvorbereitung). Informelles Lernen ist eine natürliche Begleiterscheinung des täglichen Lebens. Anders als beim formalen und nicht-formalen Lernen handelt es sich beim informellen Lernen nicht notwendigerweise um ein intentionales Lernen. Somit wird es von den Lernenden unter Umständen gar nicht als Erweiterung ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten wahrgenommen. Die Aneignung von Wissen findet daher größtenteils unterbewusst statt. 4
Vor dem Jahr 2000 stand das formale Lernen stark im Vordergrund. Gerade die Bildungspolitik beschäftigte sich vorrangig mit diesem einen Teil des Lernens. LLL aber beschreibt den gesamten Umfang des Lernens, somit müssen alle Bereiche des Lernens gleichermaßen berücksichtigt und gefördert werden. Darüber hinaus wird der Begriff des LLL nicht auf eine zeitlich begrenzte Dimension abgestellt, sondern weist auf das Lernen während des gesamten Lebens hin. Lernen kann dabei kontinuierlich oder in regelmäßigen Abständen stattfinden. Im Zusammenhang des LLL nennt das „Memorandum über Lebenslanges Lernen“ den Begriff des „lebensumspannenden Lernens“, welches eine neue Dimension beschreibt, weil es die „räumliche“ Ausdehnung des Lernens darstellt und in allen Lebensbereichen und -phasen stattfindet.
4 Vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 9f
Auch die „lebensumspannende“ Dimension verdeutlicht die Komplementarität von formalem, nicht-formalem und informellem Lernen. 5
Aus dem Grunde, dass LLL nicht einheitlich definiert ist, beschäftigt sich diese Arbeit mit zwei folgenden treffenden Definitionen. „Lebenslanges Lernen umfasst alles formale, nicht-formale und informelle Lernen an verschiedenen Lernorten von der frühen Kindheit bis einschließlich der Phase des Ruhestands. Dabei wird "Lernen“ verstanden als konstruktives Verarbeiten von Informationen und Erfahrungen zu Kenntnissen, Einsichten und Kompetenzen.“ 6
„Alles Lernen während des gesamten Lebens, das der Verbesserung von Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen dient und im Rahmen einer persönlichen, bürgergesellschaftlichen, sozialen bzw. beschäftigungsbezogenen Perspektive erfolgt.“ 7
Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe nennt neben dem LLL auch den Begriff „lebensbegleitendes Lernen“, welcher wie folgt definiert wird: „Alles Lernen während des gesamten Lebens, das der Förderung des Wissens, der Verbesserung der Fähigkeiten und der Kompetenzen des Individuums dient. Lebensbegleitendes Lernen beginnt in der frühesten Kindheit und reicht bis ins hohe Alter; es umfasst das gesamte Spektrum formellen, nicht-formellen und informellen Lernens.“ 8
Im Folgenden wird sich diese Arbeit jedoch mit dem Begriff des lebenslangen Lernens und nicht mit dem des lebensbegleitenden Lernens beschäftigen.
5 Vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 10
6 (BLK) (2004): Strategie für Lebenslanges Lernen in der Bundesrepublik Deutschland. S. 13
7 (AGJ) (2003): Jugendhilfe und Bildung. S.17
8 (AGJ) (2003), a. a. O., S. 17
2.2 Entstehungskontext Lebenslanges Lernen
Im Jahre 2000 kam die Kommission der Europäischen Gemeinschaft zu der Schlussfolgerung, dass „der erfolgreiche Übergang zur wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft mit einer Orientierung zum lebenslangen Lernen muss“ 9 . einhergehen Damit stehen Europas Bildungs-und
Berufsbildungssysteme vor zukünftigen Veränderungen. Seit diesem Beschluss ist „eine europaweite Diskussion über eine umfassende Strategie zur Implementierung lebenslangen Lernens auf individueller und institutioneller Ebene in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens in Gang“ 10 gesetzt worden.
Bereits Anfang der 90er Jahre wurde auf europäischer Ebene Einigkeit erzielt, dass Bildung während des gesamten Lebens das beste Mittel gegen soziale Ausgrenzung darstellt. Zusätzlich wurde von dieser Erkenntnis aus, „Lebenslanges Lernen zum gemeinsamen Grundprinzip der neuen Generation von Bildungs-, Berufsbildungs- und Jugendprogramme der Gemeinschaft. Seit 1998 wird in den beschäftigungspolitischen Leitlinien die Bedeutung des Lebenslanges Lernen herausgestellt.“ 11 Diese Aussagen haben unmittelbaren Einfluss auf das Arbeiten in Kindertagesstätten, worauf im nächsten Punkt explizit eingegangen wird.
2.3 Derzeitige Diskussion: Lebenslanges Lernen in Kindertagesstätten In Deutschland sind sich Wissenschaft und Politik einig, dass Bildung für das Aufwachsen von Mädchen und Jungen heute eines der wichtigsten Bestandteile des Lebens darstellt. Ein Grund für diese Annahme ist, dass die „Halbwertzeit“ 12 von Wissen immer geringer wird. Nicht nur Mädchen und Jungen und jugendliche Mädchen und Jungen müssen sich ständig neues Wissen aneignen, sondern auch Erwachsene werden sich zunehmend weiterbilden
9 Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 3
10 Ebenda, S. 3
11 Ebenda, S. 7
12 Vgl. BMFSFJ (2002): 11. Kinder und Jugendbericht. Berlin
müssen, um weiterhin ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. LLL wird in Deutschland als „Schlüssel“ angesehen, um dieser gesellschaftlichen Teilhabe anzugehören. 13
Kindertageseinrichtungen spielen neben Schule, Berufsbildung, Fort- und Weiterbildung eine besondere Rolle, da hier grundlegende Kompetenzen und Fähigkeiten zum Leben erworben werden.
Der Gehirnforscher Spitzer bekräftigt diese Aussage an vielen Stellen seiner Forschung. Lernen beginnt, was heutige Untersuchungen eindeutig belegen, bereits vor der Geburt. Neben Tasten, Riechen, Schmecken und Hören lernen Mädchen und Jungen im Säuglingsalter sehr rasch und sehr viel. 14 Der junge Mensch lernt innerhalb weniger Monate zu krabbeln und schließlich zu laufen. Bei diesen Prozessen lernen junge Mädchen und Jungen etwa 600 Muskeln zu steuern und in weiche, fließende und effiziente Bewegung zu realisieren. Das Gehirn leistet in den ersten Lebensjahren so viel, wie es kein Elektrorechner bis heute vergleichbar erfüllen könnte. Ein zweijähriges Mädchen wendet mathematische und physikalische Gesetze einfach an, ohne dabei die notwendige Differenzialgleichung zu nennen. 15 „Die Frage, wie man kleine Kinder zum Laufenlernen motiviert, stellt sich nicht“ 16 , da sie es einfach von selbst tun.
Spitzer unterstützt die Aussage, dass Mädchen und Jungen Lebenslang lernen und dass die bedeutsamsten Bausteine zum LLL im Alter von null bis sechs Jahren gelegt werden.
Mädchen und Jungen verbringen laut Elschenbroich ca. 4000 wache Stunden in Kindertagesstätten und bereiten sich auf den Schuleintritt vor. Es leuchtet ein, dass in diesen Stunden Mädchen und Jungen nicht nur betreut, sondern auch gebildet werden müssen. Weiterhin weist Elschenbroich auf das geringe Gehalt von Erzieherinnen hin, denn diese verdienen bestenfalls zwei Drittel des
13 Karsten, Marie-Eleonora / Meyer, Christine / Hetzer, Silke / Riesen, Kathrin van / Baier, Florian (2003). In: Verdi: Bildung in Kindertagesstätten. S. 34
14 Vgl. Spitzer, Manfred (2007). Lernen. Gehirnforschung die Schule des Lebens. S. 201
15 Vgl. Spitzer, Manfred (2007), a. a. O., S. 205f
16 Ebenda, S. 206
Gehaltes einer Grundschullehrerin. Wenn LLL ein so wichtiges Thema in Kindertagesstätten ist, dann müssen Fachfrauen und Fachmänner bestens ausgebildet und angemessen entlohnt werden. Deutschland und Österreich bilden derzeit das Schlusslicht im Status der Erzieherinnenausbildung. An dieser Situation muss sich etwas ändern, damit jeder Erzieherin und jedem Erzieher auch das Arbeiten im europäischen Ausland ermöglicht werden kann. Elschenbroich fordert aus diesem Grund, wissenschaftliches Arbeiten in die Fachausbildung der Erzieherinnen/ Erzieher zu integrieren. 17 Die Diskussion um LLL in Kindertagesstätten muss auch weiterhin immer wieder neu argumentiert werden, denn nur so wird sich das Berufsfeld von Erzieherinnen und Erziehern verbessern. Darüber hinaus müssen Mädchen und Jungen in den ersten sechs Jahren ihres Lebens die bestmögliche Förderung erhalten, damit der lebenslange Lernprozess optimal beginnen kann. Unterstützt wird diese Aussage auch von den Zielen lebenslanges Lernens, welche nun folgen.
2.4 Ziele von „Lebenslanges Lernen“
Im Memorandum über LLL von 2000 werden zwei Gründe genannt, warum LLL eine hohe Priorität für die Europäische Union hat: Europa gilt als wissensbasierte Gesellschaft. Der Zugang zu solchem Wissen und aktuellen Informationen ist so wichtig wie niemals zuvor. Nur wenn diese intelligenten Ressourcen weiter genutzt werden können, kann eine Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit und
Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte garantiert werden. 18 In Europa leben die Menschen heute in einem komplexen sozialen und politischen Umfeld. Jeder Einzelne möchte sein Leben selbst planen und gestalten. Bildung wird im weitesten Sinne als der Schlüssel verstanden, um zu lernen und zu begreifen. 19
17 Vgl. Elschenbroich, Donata (2001). Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können. S. 15f
18 Vgl. Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 5
19 Vgl. Ebenda, S. 6
Daraus entwickeln sich „zwei gleichermaßen wichtige Ziele lebenslangen Lernens: Förderung der aktiven Staatsbürger und Förderung der Beschäftigungsfähigkeit.“ 20
Nach Benennung der zwei Ziele wird im nächsten Abschnitt kurz auf das LLL und die PISA Studie eingegangen.
2.5 Lebenslanges Lernen und die PISA-Studie
Zunächst ist anzumerken, dass auf der Datengrundlage der PISA-Studie keine direkten Aussagen über die Einflüsse der Bildung im Elementarbereich gemacht werden können. Ferner ist aber laut Gisbert festzustellen, dass Schlüsselqualifikationen wie das selbstgesteuerte Lernen direkten Einfluss auf das Lernverhalten von Mädchen und Jungen haben. Anderen europäischen Ländern scheint es besser zu gelingen, Bildungsziele zu realisieren. Gisbert argumentiert weiter, dass LLL die Fähigkeit ist, eigenes Lernen zu regulieren und zu organisieren. Das gilt sowohl für das individuelle Lernen, als auch für das Lernen in Gruppen. Damit selbstgesteuertes Lernen realisiert werden kann, sind soziale, kognitive und metakognitive Ressourcen erforderlich. Der Aufbau und die Anreicherung solcher Ressourcen müssen mit der Geburt eines Mädchens und Jungens beginnen. 21
Im weiteren Verlauf werden nun Aussagen genannt, die LLL realisieren.
2.6 Lebenslanges Lernen Realisieren
Die Kommission der europäischen Gemeinschaft nennt gegen Ende des Memorandums über Lebenslanges Lernen sechs Grundbotschaften, um LLL zu realisieren:
Botschaft 1: „Den allgemeinen und ständigen Zugang zum Lernen gewährleisten und damit allen Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, die
20 Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 6
21 Vgl. Gisbert, Kristin (2003): Wie Kinder das Lernen lernen - Vermittlung lernmethodischer Kompetenzen. In: Fthenakis, Wassilios E. (Hrsg.) (2003): Elementarpädagogik nach PISA. Wie aus Kindertagesstätten Bildungseinrichtungen werden können. S.81f
für eine aktive Teilhabe an der Wissensgesellschaft erforderlichen Qualifikationen zu erwerben und zu aktualisieren.“ 22 Nur, wenn diese erste Botschaft realisiert wird, kann eine aktive Bürgerschaft und Beschäftigungsfähigkeit in Europa zustande kommen. Herkömmliche Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen werden laut Europäischem Rat durch neue Basisqualifikationen abgelöst: IT-Fähigkeit, Fremdsprachen, Technologische Kultur, Unternehmergeist und soziale Fähigkeiten. Solche Basisqualifikationen müssen für alle Europäer frei zugänglich sein. 23
Botschaft 2: „Investitionen in Humanressourcen deutlich erhöhen und damit Europas wichtigstes Kapital - das Humankapital - optimal nutzen.“ 24
Der Europäische Rat fordert eine Steigerung der jährlichen Pro-Kopf-Investitionen in Humanressourcen. Die derzeitigen Investitionen werden als zu gering angesehen. In diesem Zusammenhang wird geprüft, was überhaupt als Investition gilt und was den Qualifikationsfundus kontinuierlich ausfüllen könnte. 25
Botschaft 3: „Effektive Lehr- und Lernmethoden und -kontexte für das lebenslange und lebensumspannende Lernen entwickeln.“ 26 Vorhandende Lehr- und Lernmethoden werden überprüft und mit lebenslangen Lerninhalten ergänzt. Viele Länder haben Bildungskonzepte, die sich die vergangenen 100 Jahre kaum verändert haben. An dieser Stelle muss ein Neu-und Umdenken stattfinden. 27
Botschaft 4: „Die Methoden der Bewertung von Lernbeteiligung und Lernerfolg deutlich verbessern, insbesondere im Bereich des nicht-formalen und des informellen Lernens.“ 28
22 Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 12
23 Vgl. Ebenda, S. 12
24 Ebenda, S. 14
25 Vgl. Ebenda, S. 14
26 Ebenda, S. 16
27 Vgl. Ebenda, S. 16
28 Ebenda, S. 18
In der Vergangenheit stand das Formale Lernen stark im Vordergrund. Abschlusszeugnisse und Qualifikationsnachweise sind aber nur ein Teil vom LLL. Nicht-formelles Lernen und Informelles Lernen werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen und bei Bewerbungen um Arbeitsplätze und Weiterbildung wichtig sein (siehe auch Punkt 2.1 Begriffsbestimmung Lebenslanges Lernen).
Botschaft 5: „Für alle einen leichten Zugang sichern zu hochwertigen Informations- und Beratungsangeboten über Lernmöglichkeiten in ganz Europa und während des ganzen Lebens.“ 29 Bisher waren Übergänge zwischen Schulbildung, Berufsbildung und Arbeitsmarkt in der Vergangenheit meist einmalige Ereignisse. Heute hingegen ist es relativ normal, sich nach wenigen Jahren einer neuen Berufsbeschäftigung zu widmen. Aus diesem Grund muss ein Umdenken in Berufsberatung und Berufsorientierung stattfinden. „Beratung“ wird dadurch zu einer neuen Dienstleistung. 30
Botschaft 6: „Möglichkeiten für lebenslanges Lernen in unmittelbarer Nähe (am Wohnort) der Lernenden schaffen und dabei gegebenenfalls IKT-basierte Techniken nutzen.“ 31
Internet und andere Medien unterstützen es, jedem Menschen Lernen von zuhause aus zu ermöglichen. Gerade ältere Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen haben dadurch eine bessere Chance auf Teilhabe an der Gesellschaft. Lernen wird also buchstäblich zu den Lernenden gebracht. 32
3. Bildung
Der Bildungsbegriff hat einen langen Entstehungskontext, der sich bis in die Bibel zurückverfolgen lässt. Bemerkenswert ist, dass der Begriff „Bildung“ nur in Deutschland verwendet wird und somit nicht einfach in andere Sprachen
29 Kommission der europäischen Gemeinschaft (2000), a. a. O., S. 19
30 Vgl. Ebenda, S. 20
31 Ebenda, S. 22
32 Vgl. Ebenda, S. 22
übersetzt werden kann. In der gesamten Geschichte des Bildungsbegriffs gab es, „je nach gesellschaftlicher Positionierung, mehrdeutige“ 33 und konträre Definitionsversuche. 34
3.1 Entstehungskontext von Bildung
Die Entstehung des Bildungsbegriffes lässt sich nicht eindeutig feststellen. Vom Neuhumanismus beeinflusst beschäftigt sich Humboldt intensiv mit dem Bildungsbegriff und seiner Bedeutung für die Gesellschaft. Demnach steht ein lebendiges Streben nach Humanität im Mittelpunkt. Das Ideal des Neuhumanismus ist die Bildung des Menschen zu einer inneren, umfassenden Einheit sowie die „Erhöhung aller Geistes- und Gemütskräfte zu einer schönen Harmonie des inneren und äußeren Menschen“.
Die klassische Formulierung des Bildungsprinzips findet sich im Königsberger und Litauischen Schulplan wieder, den Humboldt 1809 wie folgt verfasste: „Was das Bedürfnis des Lebens oder eines einzelnen Gewerbe erheischt, muss abgesondert, und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden, Wird beides vermischt, so wird die Bildung unrein, und man erhält weder vollständige Menschen, noch vollständige Bürger einzelner Klassen. Denn beide Bildungen - die allgemeine und die spezielle - werden durch verschiedene Grundsätze geleitet. Durch die allgemeine sollen die Kräfte, d.h. der Mensch selbst gestärkt, geläutert und geregelt werden; durch die spezielle soll er nur Fertigkeiten zur Anwendung erhalten (…). 35 Humboldt unterscheidet demnach allgemeine und spezielle Bildung. Die allgemeine Bildung sollte seiner Meinung nach für alle Menschen fundamental sein und zwar als sprachlicher, ästhetischer, mathematischer und historischer Unterricht. Die spezielle Bildung sollte sich der allgemeinen Bildung anschließen und in eine Berufsbildung münden.
33 Sünker, Heinz (2001): Bildung. In: Handbuch Sozialarbeit Sozialpädagogik. S. 162
34 Vgl. Sünker, Heinz (2001), a. a. O., S. 162
35 Sünker, Heinz (2001): zitiert Humboldt, Wilhelm v. (19. Jahrhundert), a. a. O., S. 162
Die folgenden Erklärungen zum Bildungsbegriff werden sich mit Bildung im Elementarbereich beschäftigen. An dieser Stelle ist es wichtig zu sagen, dass sich speziell Kindertagesstätten nicht auf eine schulvorbereitende Institution reduzieren lassen dürfen, sondern sich in der Praxis als eigenständige Bildungseinrichtung etablieren. 36 Laut Karsten soll „auf dieser Grundlage eine eigenständige Kooperation zu Schulen und anderen Einrichtungen im Sinne einer Verknüpfungsdienstleistung“ 37 gesucht werden.
3.2 Bildung in Kindertagesstätten
Bildung findet nicht allein in einer Institution, wie Kindertagesstätte, Schule oder Ausbildungsstätte statt, sondern ist ein lebenslanger Prozess. Diese Annahme erscheint heute als selbstverständlich, doch das Denken des LLL ist erst seit Mitte der 90er Jahre ein politisches Thema. „Bildung wird für die nachwachsende Generation von zentraler Bedeutung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sein.“ 38 Damit diese Aussage realisiert werden kann, muss auf allen politischen Ebenen für Bildung im Elementar- und anderen Bereichen argumentiert werden. Mädchen und Jungen lernen nicht einfach alle Bildungsinhalte, die Erzieherinnen und Erzieher und Lehrinnen und Lehrer vermitteln, sondern sie lernen genau das, was für sie von Bedeutung ist. Anders gesagt, Mädchen und Jungen konstruieren sich ihr eigenes Bild von der Welt. Überdies muss verstanden werden, dass Bildung nicht nur ein individueller, sondern auch ein sozialer Prozess ist. An Bildung sind Eltern, Familie, Fachkräfte, andere Mädchen und Jungen und weitere Personen aktiv beteiligt. In diesem Sinne liegt eine zentrale Verantwortung für Bildung in Kindertagesstätten bei den Erwachsenen, denn diese haben Einfluss auf die Gestaltung der Umwelt und auf die Gestaltung der Interaktion mit den Mädchen und Jungen. 39
36 Vgl. AGJ u.a. (2002): In: Verdi: Bildung in Kindertagesstätten. S. 37
37 Vgl. Karsten, Marie-Eleonora (1996-2002): In: Verdi: Bildung in Kindertagesstätten. S. 37
38 (AGJ) (2003): Jugendhilfe und Bildung. S. 11
39 Vgl. (AGJ) (2003): a. a. O., S. 11
„Bildung wird damit als ko-konstruktiver Prozess verstanden, der unter Mitwirkung des familiären, kulturellen und ethnischen Hintergrundes des Kindes erfolgt.“ 40
Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) schreibt in ihrer Broschüre von 2003, dass Bildung mehr als Lernen ist. Eine mögliche Definition, wie Bildung beschrieben werden kann, ist folgende:
„Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten.“ 41
Im weiteren Verlauf nennt die AGJ Möglichkeiten, wie der Bildungsbegriff im Einzelnen gefüllt werden kann. Einige Beispiele werden nun genannt: Mädchen und Jungen begleiten, damit diese lernen mit Belastungen, Veränderungen und Krisen so umzugehen, dass Herausforderungen selbst gelöst werden können. Dieser Ansatz ähnelt auch einer Kernaussage der Montessoripädagogik 42 , in der sie aus Sicht von Mädchen und Jungen fordert: „Hilf mir, es selbst zu tun" 43 . Mädchen und Jungen helfen, sich in ihren Stärken und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Beispiele sind, Konzentration, Aufmerksamkeit, Kreativität, Gedächtnis sowie Problemlöse- und Orientierungsfähigkeit. Der Bildungsbegriff kann auch mit Ausdifferenzierung der Sprach- und Kommunikationsfähigkeit gefüllt werden.
Ein letztes Beispiel könnte die Verantwortung für das eigene Handeln und Angelegenheiten der Gruppe ausfüllen. 44
40 (AGJ) (2003): Jugendhilfe und Bildung. S.11
41 (AGJ) (2003), a. a. O., S. 12
42 Maria Montessori 1870 - 1952 war eine italienische Ärztin, Reformpädagogin, Philosophin und Philanthropin. Sie entwickelte die Montessoripädagogik. Vgl. www.montessori.de (Zugriff 12.07.07)
43 Zitat von Maria Montessori
44 Vgl. (AGJ) (2003): a. a. O., S. 12
Arbeit zitieren:
David Holleschovsky, 2007, Die Realisierung vom Lebenslangen Lernen im frühkindlichen Bereich als Herausforderung an Erzieherinnen und Erzieher, München, GRIN Verlag GmbH
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