Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Theoretische und methodische Grundlagen 8
2. 1 Untersuchungsablauf und Forschungsstand 8
2. 2 Wirtschaftliche Grundbegriffe 14
2. 2. 1 Konsum 15
2. 2. 2 Der Konsument 17
2. 2. 3 Preisbildung, Massenproduktion und Mengenkonjunktur 20
2. 3 Biographische Einblicke 22
2. 3. 1 Ludwig Erhard 23
2. 3. 2 Franz-Josef Wuermeling 25
3. Aspekte der BRD in den 1950er Jahren 26
3. 1 Westanbindung und Antikommunismus 27
3. 2. Die Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsentwicklung unter Minister Erhard 32
3. 3 Die Familienpolitik unter Minister Wuermeling 49
4. Frauenleben unter dem Einfluss der Politik, politischen Normativen und Leitbilder
in den 1950er Jahren 57
4. 1 Naturrecht versus Gleichberechtigung 57
4. 2 Frauen in der Familie 66
4. 3 Müttererwerbstätigkeit 74
5. Die ideale Konsumentin aus wirtschafts- und familienpolitischer Perspektive 84
5. 1 Interessen und Anforderungen der Minister: Idealtyp mündige Konsumentin
versus Hausfrau und Mutter 88
5. 2 Konsumvorbilder und ihre Motive 102
5. 3 Vorurteile gegen Konsum und weibliches Kaufverhalten 105
6. Resümee 115
Literaturverzeichnis 124
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1. EINLEITUNG
Als „lange fünfziger Jahre" (Abelshauser 1987) bezeichnet der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser die Periode der späten Nachkriegszeit bis Mitte der 1960er Jahre in der BRD, die den groben zeitlichen Rahmen dieser Arbeit vorgeben soll. Sie war geprägt von der jüngsten Vergangenheit, aber vor allem vom wirtschaftlichen Aufschwung der drei Westzonen/BRD, der mit dem politischen Wirken Ludwig Erhards als Wirtschaftsminister (1949-1963) zusammenfiel und vom Ausland anerkennend die Bezeichnung `deutsches Wirtschaftswunder´ erhielt. Die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft und die Umstellung der Wirtschaftstätigkeit von den Grundstoffindustrien auf die Konsumgüterproduktion gaben entscheidende Impulse für die Entstehung der modernen Massenkonsumgesellschaft, deren Anfänge in Deutschland von der wirtschafts-und sozialgeschichtlichen Forschung in den 1950er Jahren angesiedelt werden. 1 (vgl. König 2000; Schildt 1995; Haupt 2000)
Der Verbraucher 2 nahm im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft eine Schlüsselstellung ein. Er war durch sein vernünftiges und ökonomisch rationales Verhalten (homo oeconomicus) auf dem freien Markt für ihr Gelingen entscheidend verantwortlich. Die volkswirtschaftlich benötigte Kaufkraft entwickelte sich anfangs aber vor allem aufgrund des erlittenen Mangels und Verzichts während der Kriegs- und Nachkriegszeit, wodurch in der Bevölkerung ein großer Nachholbedarf entstanden war. Nachdem dieser erste Bedarf, vor allem an Nahrungsmitteln, Kleidung und Schuhen gesättigt war, konnte die Konsumgüterindustrie ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre von der Ausstattung der Haushalte mit Hausrat und langlebigen Gebrauchsgütern profitieren, die als elektrische Küchengeräte die Hausfrau entlasten sollten, wie z. B. Rührgeräte und Kühlschrank, oder aber der Ausgestaltung der familiären Freizeit dienten, wie Musiktruhe, Fernseher und das Auto.
Neben der neuen Wirtschaftsordnung ist aber besonders die Orientierung nach `Westen´ und der Versuch, sich ihm anzuschließen, als Kennzeichen einer Modernisierung zu werten. Nach `Osten´ wollte man sich bewusst abgrenzen, wobei der Blick auf die DDR
1 Wenn auch gilt, dass die Entwicklung zur Massenkonsumgesellschaft nur ein weiterer logischer Schritt in einer Konsumevolution war, die mit der Auslagerung der Produktion aus dem Haushalt begonnen hatte, durch die Industrialisierung verstärkt wurde und in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts, vor allem auf dem Gebiet der elektrischen Erfindungen, bereits einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. (vgl. König 2000: 8; Orland 1998: 4, unter: www.tg.ethz.ch/dokumente/pdf-files/OrlandAlltag.pdf)
2 In meiner Arbeit verwende ich Verbraucher und Konsument synonym, als Bezeichnungen für die theoretische Größe bzw. für die Gesamtheit der Verbraucher. Wenn explizit nur die weibliche Verbraucherschaft gemeint ist, werden die Begriffe Konsumentin bzw. Verbraucherin verwendet.
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unter sowjetischem Einfluss von der CDU-Regierung als abschreckendes Beispiel benutzt werden konnte, um sämtliche politische und wirtschaftliche Entscheidungen, aber auch die Rückkehr zu konservativen Werten zu legitimieren.
In der Forschung 3 wird deshalb davon ausgegangen, dass die 1950er Jahre zwar allgemein eine Phase der Modernisierung darstellen, sie aber ebenso restaurative Elemente aufweisen. Die Wiederentdeckung des christlich-konservativen Frauen- und Familienbildes gehört zu diesen restaurativen Momenten.
Nach den Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit, in der vor allem die Frauen den entscheidenden Beitrag zum Wiederaufbau geleistet hatten, indem sie die Trümmer wegräumten, wiederaufbereiteten, die Arbeit der Männer in den Betrieben und als `Familienernährer´ übernommen hatten, sollten sie nun, unter dem Einfluss der neuen konservativen Regierung, wieder ihren eigentlichen, `natürlichen´ Aufgaben nachgehen und den zurückkehrenden Männern auf dem Arbeitsmarkt und als `Herren im Hause´ Platz machen. Die Verbreitung dieses „biologistisch-funktionalen" (Delille/Grohn 1985: 145) Frauenbildes übernahm - neben anderen gesellschaftlichen Institutionen und Meinungsbildern - Franz-Josef Wuermeling, der dem 1953 neu gegründeten Familienministerium bis 1962 vorstand.
Ausgehend von dichotomen Geschlechterrollen, die mit der Trennung von öffentlicher und privater Sphäre entstanden waren und den außerhäuslichen, öffentlichen (Produktions-) Bereich zum Refugium des Mannes erklärten, wurde der Haushalt mit all seinen (Reproduktions-)Aufgaben Wirkungsort der Frau. Auch der Konsum, das Gegenstück zur Produktion, wurde im Rahmen dieser bipolaren Aufteilung zur Frauensache erklärt. So verwaltete die Frau das Haushaltsgeld, das ihr vom erwerbstätigen Ehemann zugeteilt
3 Ich beziehe mich hier auf Schildt (1995) und Wildt (1994), deren Studien beide im Rahmen des Forschungsprojektes Modernisierung und Modernität am Historischen Seminar der Universität Hamburg entstanden sind. Schildt schlägt vor, Modernisierung im Sinne Rainer M. Lepsius zu verstehen, nämlich als „neutralen Sammelbegriff für nicht näher bezeichnete Prozesse“ (Lepsius, in: Schildt 1995: 23), der sich jedoch von Traditionalität unterscheidet. Schildt distanziert sich von dem seiner Meinung nach unscharfen und inflationär verwendeten Begriff der Restauration. Er verweist auf den neueren Konsens der Forschung, die 1950er Jahre als Phase der Modernisierung einzustufen, um dann zu dem Schluss zu kommen: „Ohne auf diese Begrifflichkeiten hier näher einzugehen, bleibt doch festzuhalten, daß es eine Art Spannung zwischen `konservativen´ bzw. `traditionellen´ und `modernen´, neuen Momenten in den 50er Jahren gab." (ders. 1995: 19f., 21)
Im Rahmen der Forschung zur Wirtschaftsgeschichte gibt es verschiedene Erklärungsversuche für das rasante Wirtschaftswachstum im Untersuchungszeitraum, so z. B. die Rekonstruktions- und die Strukturbruchtheorie. Der ersten zufolge habe sich die Wirtschaftsleistung sowieso im Aufschwung befunden und sei nur durch den Krieg gebremst und unterbrochen worden. (vgl. Ambrosius, in: Schildt 1993: 119f.) Durch die nur geringe Zerstörung der Industriekapazitäten hätten die Voraussetzungen für weiteres Wirtschaftswachstum schnell wieder hergestellt werden können. Die Anhänger der zweiten Theorie bewerten die radikale Umorientierung der deutschen Wirtschaftspolitik, den Einfluss neuer Institutionen und Leitideen als radikalen Strukturbruch. Denn durch die neue Wirtschaftsordnung und die Öffnung zum Weltmarkt habe die deutsche Wirtschaft eine Liberalisierung erlebt, wie seit 1914 nicht mehr. (vgl. Wehler, in: Bönisch/Wiegrefe 2006: 171)
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wurde und das zur Bedarfsdeckung der Familie klug genutzt werden musste, da es selten in ausreichender Höhe vorhanden war, um vor allem auch den gesellschaftlichen Repräsentationspflichten, die sich aus der beruflichen Stellung des Mannes ableiteten, nachzukommen. In diesem Zusammenhang seien die Geschlechtscharaktere entstanden, die zur Legitimation dieser „dichotomischen Konstruktion von Geschlechterrollen" 4 (Haupt, in: Siegrist 1997: 398) genutzt wurden und den weiblichen Aufgabenbereich aus den `natürlichen’ Eigenschaften der Frau ableiteten. Die Vernunft, Ratio, wurde in diesem bipolaren Schema dem Mann zugeordnet. Die Emotionalität gehörte zu den typisch weiblichen Eigenschaften. (vgl. Hausen, in: Conze 1976: 368) In Verbindung mit anderen männlichen Vorurteilen gegenüber dem weiblichen Geschlecht bzw. weiblicher Konsumkultur, die sich aus den Geschlechtscharakteren ergaben, wie z. B. der Verführbarkeit und dem verschwenderischen Umgang mit Geld, konnte die weibliche Emotionalität „zum Ruin [einer] vormals gesicherte[n] bürgerliche[n] Existenz“ (Haupt 1997: 399) führen. Diese Stereotype, so Haupt, seien vor allem im 19. Jahrhundert weit verbreitet gewesen, jedoch nicht auf diese Zeit beschränkt geblieben, sondern in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder benutzt worden. (ebd.: 398) Der Widerspruch, der mich interessiert, tut sich an genau dieser Stelle auf: Denn die familienpolitische Ideologie der 1950er Jahre griff auf dieses tradierte, bürgerlich anmutende Modell zurück, das die traditionellen gesellschaftlichen Autoritätsverhältnisse anhand neuester Forschungsergebnisse, vor allem aus der Soziologie und zur Rolle und Aufgabe der Frau und Mutter, wissenschaftlich begründen und seine Wiederverankerung damit legitimieren wollte. Wuermeling appellierte an die `Mütterlichkeit´, an das Bewusstsein der Frauen, dass sie das `Herz´ jeder Familie darstellten - den emotionalen Mittelpunkt. 5
Im Gegensatz dazu brauchte die Soziale Marktwirtschaft für ihre Zwecke den homo oeconomicus. Dieser taktisch klug handelnde Verbraucher war die Hausfrau, denn sie verwaltete auch in den 1950er Jahren in der Mehrzahl der Familien das Haushaltsgeld und durfte sich auf dem Markt nicht „wie ein Lamm, welches zur Schlachtbank geführt wird" (Erhard, unter: www.dradio.de/dlf/sendungen/wiwi/324537/) benehmen, weil sie damit die gesamte Volkswirtschaft gefährdet hätte. Trotz ihrer `biologischen Ungeeignetheit´ sollte sie sich also rational und mündig auf dem freien Markt mit ungebundenen Preisen
4 „Die Forschung hat die Realität dieser Rollenzuweisungen insofern erwiesen, als diese handlungsleitend und -prägend und Teil der zu anthropologischen Konstanten verdichteten Geschlechtscharaktere waren." (Haupt 1997: 398)
5 Diese Argumentation wird vor allem auch mit der zunehmenden Notwendigkeit weiblicher Arbeitskräfte im Rahmen des wirtschaftlichen Aufschwungs von entscheidender Bedeutung sein.
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verhalten, wozu sie theoretisch, aufgrund ihrer Unvernunft und Emotionalität, nicht in der Lage sein konnte.
Erhards `neue´ Definition des weiblichen Aufgabengebietes emanzipierte die Frau also theoretisch von ihrem Dasein in der nur privaten Sphäre des Hauses, denn er machte sie zur vernünftig agierenden, aktiven Teilnehmerin des öffentlichen Bereiches. Ein weiteres emanzipierendes Moment ergab sich aus dem mit dem wirtschaftlichen Boom einsetzenden Arbeitskräftemangel, der die Re-Rekrutierung der (Ehe-)Frauen für den Arbeitsmarkt erforderlich machte. Erhard war auch hier eindeutig für die Nutzung dieser Ressource, denn damit wurden nicht nur neue Arbeitskräfte freigesetzt, sondern durch steigende Familieneinkommen auch weitere Konsummöglichkeiten geschaffen. Der Weg in eine moderne Gesellschaft, in der auch die ökonomische Unabhängigkeit und somit die Freiheit der Frauen durch ein eigenes Einkommen und die aktive Marktteilnahme zunahm, wurde durch Erhards Wirken als Wirtschaftsminister also zumindest angekurbelt. Die Folge davon konnten auch veränderte Modellvorstellungen von Ehe und dem eigenen Leben bei der jungen Generation sein, was wiederum Missfallen beim Familienminister auslösen musste, der in der Öffentlichkeit einen Rekurs auf traditionelle Werte betrieb. Frauen, vor allem aber Müttererwerbstätigkeit und übertriebener Konsum, im Sinne eines neuen, gefährlichen Materialismus, waren ebenso Feinde der alten Werteordnung wie auch der Autorität des Mannes.
Auf der politischen Bühne standen sich also ein westlich orientierter, moderner, Konsum befürwortender und vorantreibender Wirtschaftsminister und ein streng katholischer, rückwärtsgewandter Familienminister gegenüber, die unterschiedliche Interessen verfolgten, sich aber eigentlich nicht behindern durften, da sie beide der gleichen konservativen Regierung angehörten.
Im Mittelpunkt meiner Arbeit soll die Frau in ihrer Eigenschaft als Konsumentin im Spannungsfeld genau dieser beiden gegensätzlich ausgerichteten politischen Strategien stehen: der wirtschaftlich-progressiven und der familiär-konservativen. Wie sollten sich Frauen als Verbraucherinnen nach Meinung des Familien- und des Wirtschaftsministers idealer Weise in der aufkommenden Konsum- und Wohlstandsgesellschaft verhalten? Welche Anforderungen wurden von wem gestellt und welche Interessen standen dahinter? Auf was für Modelle, Stereotype und Argumentationsmuster wurde dabei zurückgegriffen?
Weitere Fragen müssen sein: Woran sollte sich Konsum orientieren? Gab es Vorbilder? Und gab es Vorurteile - nicht nur Konsum, sondern insbesondere auch weiblichem
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Kaufverhalten gegenüber? Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf die idealtypische verheiratete Hausfrau und Mutter gerichtet sein. Die Situation der sogenannten unvollständigen Familien kann nur kurz angerissen werden.
Zu Anfang müssen jedoch einige wirtschaftliche und theoretische
Hintergrundinformationen gegeben werden, so z. B. eine für das Anliegen der Arbeit geeignete Definition von Konsum, die Bestimmung dessen, was hier unter Konsument - in Abgrenzung zum idealen Marktteilnehmer dem homo oeconomicus - verstanden werden soll. Ferner, welche Aufgaben dieser Konsument im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung zu erfüllen hatte. Auch sollten die Herkunft und Vorgeschichte beider Politiker kurz beleuchtet werden, um eventuelle Einflussfaktoren auf ihren Politikstil herauszufiltern.
Daran anschließen muss sich ein knapper Überblick über die wirtschaftliche und politische Situation in den 1950er Jahren. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei dem Dualismus Westausrichtung und Ostabgrenzung gewidmet werden, denn dieser beeinflusste alle Bereiche der Gesellschaft - das Frauen- und Familienideal ebenso wie die politische und die wirtschaftliche Ordnung. Darauf aufbauend werden die Wirtschafts- und Familienpolitik genauer betrachtet - immer im Hinblick darauf, wie sie sich auf die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung am Konsum auswirkten. Vor diesem Hintergrund kann dann auf die Lage der Frauen in den 1950er Jahren eingegangen werden: auf ihre rechtliche Stellung, ihre Position in der Familie und auf dem Arbeitsmarkt - alles Bereiche, die für ihr In-Erscheinung-treten als Konsumentin auf dem Markt von Bedeutung sind und die bei der dann folgenden Betrachtung der wirtschafts-und familienpolitischen Idealvorstellungen zur Konsumentin immer im Blickfeld behalten werden müssen.
Abschließend soll geklärt werden, ob es sich um eine oder zwei verschiedene, um restaurative oder progressive und moderne Politik(en) handelte. Wie sind die Widersprüche in den Anforderungen der beiden konservativen Parteigenossen zu bewerten? Zog man wirklich in unterschiedliche Richtungen? Konnte aufgrund der verantwortungsvollen Aufgabe der Frau als Konsumentin im `Wirtschaftwunder´ mit alten Rollenmustern wirklich gebrochen werden?
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Der Ansatz in der sozialgeschichtlichen Forschung über das Spannungsverhältnis zwischen restaurativen und modernen Tendenzen in den 1950er Jahren (siehe Schildt) soll Grundlage dieser Arbeit sein. Auf der politischen Bühne ist er meiner Meinung nach deutlich zu erkennen. Delille und Grohn gehen davon aus, dass die Familienpolitik der „materialistischen und traditionsgeleiteten Wirtschaftswunderphase" (Delille/Grohn 1985: 141) eine der Wirtschaftspolitik entgegengesetzte Strategie verfolgte, was sie an den unterschiedlichen Absichten, besonders bei der Frauenerwerbstätigkeit, festmachen. Dem stimme ich zu, würde die These allerdings dahingehend erweitern, dass dies auch für die Frau in ihrer Funktion als Konsumentin galt. An sie wurden unterschiedliche Anforderungen gestellt, und ihr Verhalten wurde, je nach politischem Objektbereich (Familie oder Wirtschaft) und politischer Zielsetzung, unterschiedlich beurteilt. Ob diese beiden Politiken tatsächlich in so verschiedene Richtungen zielten, bleibt zu beweisen.
2. THERORETISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
Dieses Kapitel bildet den methodischen und theoretischen Unterbau der Arbeit. Es wird auf den Ablauf der Untersuchung eingegangen und ein grober Überblick über die benutzte Literatur gegeben, um die Einordnung der Arbeit in den Kontext der bisherigen Forschung zu ermöglichen. Anschließend werden wirtschaftliche Grundbegriffe definiert, an die sich einige biographische Eckdaten zu beiden Ministern anschließen.
2. 1 Untersuchungsablauf und Forschungsstand
Neben den publizierten und damit frei zugänglichen Sammelbänden von Reden oder Aufsätzen beider Minister diente das Bulletin der Bundesregierung als Hauptquelle. Das Bulletin wird seit 1950 als amtliche Druckschrift des Bundespresseamtes 6 herausgegeben und liegt in gebundener Form in der Bibliothek des Deutschen Bundestages vor. Es finden sich darin Reden, Radioansprachen oder Interviews von und mit Politikern, Kurzmeldungen zu Plänen oder Maßnahmen der Bundesregierung, Nachrichten aus dem Ausland etc.
Die Artikel, sofern es eigene Referate oder Aufsätze sind, stammen von den Ministern selbst, andere wurden von Mitarbeitern der jeweiligen Ministerien verfasst und
6 Das Bundespresseamt entwickelte sich aus der Pressestelle des Parlamentarischen Rates und wurde mit der Regierungsbildung von 1949 ins Bundeskanzleramt übernommen. Seit 1958 ist es eine eigenständige oberste Bundesbehörde und direkt dem/der Bundeskanzler/in unterstellt. Zu seinen Aufgaben gehört u. a. die Unterrichtung des Bundespräsidenten und der Bundesregierung über die gesamte Nachrichtenlage und die öffentliche Meinung sowie in umgekehrter Form, die Unterrichtung der Bevölkerung über die Politik der Bundesregierung, die Öffentlichkeitsarbeit etc. (vgl. http://www.bundesarchiv.de/php/bestaende _findmittel/bestaendeuebersicht/druckansicht. php? id_bestand=69; Stand: 16.4.07)
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entsprechen damit ebenfalls der offiziellen Meinung. Handelt es sich um Meldungen bzw. die paraphrasierende Wiedergabe der Ergebnisse von Bundestagsdebatten, themenbezogene Serien o. ä. wurden diese von Mitarbeitern des Bundespresseamtes selbst verfasst. Das Bulletin bietet somit eine Fülle von Originaldokumenten und eignete sich deshalb für die Fragestellung der Arbeit als Quelle. Da davon ausgegangen werden kann, dass die von beiden Ministern gestellten Anforderungen an die (weibliche) Bevölkerung zwar politisch bedingt, aber trotzdem mit allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen korrespondierten, die wiederum kulturell überformt waren, schien die Untersuchung ihrer Reden und Aufsätze viel versprechend, um mittels der gestellten Forderungen und vertretenen Ansichten die dahinter stehenden Überzeugungen, Stereotype oder Vorurteile aufzudecken, die im Zusammenhang mit Konsum geäußert wurden. Aufgrund der Menge des Materials und zur Systematisierung der Recherche wurde die Sichtung auf die Stichworte Konsum, Konsument/in, Verbrauch und Verbraucher/in, Frau und Familie begrenzt. Es stellte sich heraus, dass Verbrauch bzw. Verbraucher die gängigeren Begriffe waren und Konsum hauptsächlich in der Zusammensetzung existierte, wie z. B. bei Konsumentenkredit. Die weibliche Form von Verbraucher wurde nicht explizit ausgewiesen. Aus diesem Grund, aber auch um allgemein frauenbezogene Themen zu erfassen, wurde unter Frau nachgeschlagen. Da das Stichwort Frau, weil es kein eigenes Frauenministerium gab, nur selten vorkam, sind die Artikel unter dem Stichwort Familie mit untersucht worden. Des Weiteren wurde gesichtet, was im Personenverzeichnis unter Wuermeling und Erhard angegeben war. Da auch diese Eingrenzung des Materials noch nicht ausreichte, wurde sich letztendlich auf die Beiträge beschränkt, die sowohl unter den angegebenen Stichwörtern als auch unter den Namen der beiden Minister gefunden wurden bzw., wenn relevant, von deren
Ministeriumsmitarbeitern verfasst wurden.
Die Bundestagsreden wurden nur exemplarisch herangezogen - nach Name, Relevanz und vormaliger (paraphrasierender) Erwähnung im Bulletin. Das heißt, es wurde nicht das gesamte Material gesichtet, da dies den Rahmen des Machbaren überschritten hätte und davon auszugehen ist, dass sich die im Parlament gehaltenen Reden mit den grundsätzlichen Überzeugungen, die auch in den anderen Quellen deutlich hervortreten, decken.
Für die Kabinettsprotokolle gilt Ähnliches. Es wurde sich auf die des Wirtschaftsausschusses, bei denen Erhard anwesend war und die bis März 2006 bereits online beim Bundesarchiv eingespeist waren, beschränkt. Diese Recherche war nur wenig
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ergiebig, während heute, gut eineinhalb Jahre später, eine große Anzahl an Protokollen abrufbar ist. Sie konnten als Quellen nicht mehr mit einbezogen werden. Auch in diesem Fall ist jedoch anzunehmen, dass es Überschneidungen gibt. Darüber hinaus und ausgehend von den gesichteten Protokollen, handelte es sich hauptsächlich um wirtschaftspolitisches Tagesgeschehen, das in seiner Detailliertheit für das Thema dieser Arbeit wenig aussagekräftig ist, da hier die politischen Imperative gegenüber der Frau als Konsumentin im Vordergrund stehen sollen.
Die letzte Originalquelle aus dem Bundestag ist der Bericht der Bundesregierung zur Lage der Frau von 1966, der umfassendes statistisches Material liefert, mit diesem jedoch leider oft außerhalb des Untersuchungszeitraumes liegt.
Für die Auswertung des Materials und den Aufbau der Arbeit wurde versucht, die wesentlichen Inhalte der untersuchten Primärtexte zusammenzufassen, den jeweiligen Aspekten und Fragen (Ideal, Materialismus, Vorurteile, Konsumvorbilder) zuzuordnen und diese mit Zitaten exemplarisch zu belegen, um die Grundstruktur der untersuchten Inhalte wiederzugeben, ohne sich jedoch darauf zu beschränken. Denn eine Inhaltsanalyse als bloße Abbildung und Systematisierung der Forderungen schien ohne die Verknüpfung mit realen Ereignissen und Prozessen, wie z. B. der Wirtschaftsentwicklung oder der Westorientierung, die die soziokulturellen Verhältnisse nachhaltig veränderten, wenig sinnvoll. Darüber hinaus wurde versucht, auch konsumrelevante empirische Daten 7 einzufügen, um so Rückschlüsse hinsichtlich der Wirksamkeit der Appelle beider Minister ziehen zu können und den Kontrast zwischen normativen Ansprüchen und Realität, deutlicher werden zu lassen.
Auch die Arbeit des Vereins DIE WAAGE e. V., der ebenfalls uneigennützig Werbung für die Soziale Marktwirtschaft machte und über wirtschaftliche Zusammenhänge aufklärte, soll, soweit relevant, mit herangezogen werden. Wirtschaftspolitische Schriften, die aus dem geistigen Umfeld Erhards stammen und der sogenannten Freiburger Schule zuzurechnen sind, werden ebenfalls als Material dienen. Die Quellen im familienpolitischen Bereich umfassen neben Wuermelings eigenen Reden, die von ihm
7 Daten zu den realen Entwicklungen sind aus den Jahrbüchern der öffentlichen Meinung (1957, 1964) und dem Wirtschafts- und Sozialstatistischen Handbuch (1960). Weitere Umfragen, wie von Emnid oder dem DIVO-Institut, waren wesentlich weniger leicht zugänglich und entstammen deshalb der Sekundärliteratur. Die Statistischen Jahrbücher der entsprechenden Jahre werden ebenfalls aus der Sekundärliteratur zitiert, da die relevanten Daten von verschiedenen Autoren bereits zusammengestellt wurden, so z. B. die zur Wirtschaftsentwicklung oder Heiratsstatistiken.
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meistzitierten soziologischen Arbeiten. Schriften der Kirche aus dieser Zeit werden wegen ihrer großen Fülle nur sehr exemplarisch und aus der Sekundärliteratur heraus zitiert.
Diese Quellenvielfalt, die durch weitere zeitgenössische Literatur und Ergebnisse aus der gegenwärtigen Forschung ergänzt wurde, bot sich nicht nur an, sondern war beinah zwingend erforderlich. Denn Material zum Verhältnis von Geschlecht und Konsum im 20. Jahrhundert im europäischen Raum liegt tatsächlich kaum vor. Vielmehr ist man, wie auch der Sozialhistoriker Heinz-Gerhard Haupt feststellt, auf „verstreute Bemerkungen [und] einzelne Hinweise" (ders., in: Siegrist 1997: 396) angewiesen und kann auf keinen gesicherten und breiten Forschungsstand zurückgreifen. Dies gilt auch für die vorliegende Arbeit, die sich dieser Kombination und den realen Entwicklungen über die wirtschafts-und familienpolitischen Normativen der Zeit zu nähern versucht. Außer einem Aufsatz der Historikerinnen Monika Bernhold und Andrea Ellmeier (vgl. dies., in: Siegrist 1997: 441-466), die ausgehend von der Kategorie Geschlecht versuchen, „Aspekte der großen Partizipationsprozesse des 20. Jahrhunderts“ 8 (ebd.: 443) exemplarisch auf ihre Konstitution durch die Geschlechterdifferenz hin zu untersuchen und selbst auf ein „eklatantes Forschungsdefizit“ (ebd.) hinweisen, wurde im Bereich der deutschsprachigen Literatur für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum etwas gefunden. Haupt widmet diesem Verhältnis in seinem Buch Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert (2000), das eine erste Zusammenfassung zum Forschungsstand im Bereich der noch jungen Disziplin der Konsumforschung zu geben versucht, einen relativ kurzen Abschnitt. Er stellt dar, dass Konsum im 20. Jahrhundert nicht mehr ausschließlich, jedoch immer noch mehrheitlich mit weiblichem Verhalten in Verbindung gebracht wurde und in der Familie weiterhin Domäne der Frau blieb. Dennoch habe sich der Stellenwert von Konsum für Frauen durch die Diversifizierung und Erweiterung der weiblichen Aktivitäten und Rechte (Wahlrecht/Erwerbsarbeit) relativ verändert. Auch erinnert er an die Verknüpfung zwischen Konsum und den normativen Vorstellungen zur Rolle und zum Bild der Frau, ein Aspekt, der auch für diese Arbeit von Bedeutung sein wird. Aufgrund der wenigen Untersuchungen zu diesem Verhältnis verweist er in seiner Bibliographie auf die angelsächsische Konsumforschung, namentlich den Aufsatzsammelband The Sex of things (1996) der Historikerin Victoria de Grazia, den Ellmeier und Bernold zur feministischen Konsumforschung zählen. Für die vorliegende Arbeit wurde er jedoch kaum genutzt, da der zeitlich relevante Beitrag von Erica Carter
8 Sie beziehen sich auf die Wählerin, die Konsumentin und die Zuschauerin. (vgl. ebd.)
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das gewandelte bzw. sich wandelnde Verhältnis von Geschlecht und Konsum anhand von Filmen (Melodramen) aus den frühen 1950er Jahren herauszufiltern versucht und sich damit in einem Bereich bewegt, der für die vorliegende Arbeit nicht von Bedeutung ist. Carter stellt fest: „[H]ousewives were seen to play a keyrole in the management and regulation of the familial (and by extension, it was argued, national) economy.“ (Carter, in: De Grazia 1996: 359)
Einen Sammelband zur europäischen Konsumgeschichte veröffentlichte 1997 der Historiker Hannes Siegrist (Hg.). Einführende Bemerkungen zum Verhältnis Geschlecht und Konsum gibt wiederum Heinz-Gerhard Haupt. Er erinnert an den öffentlichen Diskurs im 19. Jahrhundert, in dem Frauen und Männer noch verschiedenen Gesellschaftsbereichen zugeordnet wurden, und stellt die Verbindung zwischen dieser Aufteilung und den bürgerlichen Geschlechtscharakteren her - eine Verbindung, die auch Karin Hausen (dies., in: Conze 1976) betont und auf die im Laufe der Arbeit noch eingegangen wird. Im Zusammenhang mit Konsum sei es durch die Geschlechtscharaktere möglich gewesen, Frauen zu leicht entflammbaren, verführbaren und nicht rationalen Wesen zu erklären, was vor allem in der Debatte um die Kleptomanie - im Rahmen der Warenhauskritik - deutlich würde. Haupt erinnert daran, dass die weibliche Schwäche konstitutiver Bestandteil des bürgerlichen Frauenbildes ist, wovon auch die Literaturwissenschaftlerin Bettina Pohle (1998) ausgeht. Unterschlagen würde in diesem Zusammenhang dann häufig, dass sich für Frauen aus den Geschlechtscharakteren auch die Notwendigkeit ergab, sich schmücken zu müssen, woraus folglich ein gewisser Konsumzwang erwächst. Im Bereich der Arbeiterschaft sei die Verbindung Geschlecht und Konsum ebenfalls thematisiert worden, wobei die Vermittlung hauswirtschaftlicher Kompetenz im Mittelpunkt der sozialreformerischen Debatten stand. Die Historikerin Gunilla Friedericke Budde (dies., in: Siegrist 1997: 411-439) widmet sich der bürgerlichen Konsumentin im 19. und 20. Jahrhundert. Sie unterteilt deren Konsumaufgaben in den Alltagskonsum zur Versorgung der Familienmitglieder, den Konsum zur Stärkung des Familiensinns und den Konsum zur sozialen Abgrenzung und Darstellung. Auch diese Differenzierung ist für die Arbeit an entsprechender Stelle von Interesse.
Der Fokus des Historikers Wolfgang König ist in seinem Buch Geschichte der Konsumgesellschaft (2000) auf die Realgeschichte gerichtet. Er versteht Konsum als komplementären Begriff zur Produktion, als Zweck wirtschaftlichen Schaffens und als Bezeichnung für eine Fülle von Alltags- und Freizeithandlungen, die die Lebensform in der Moderne ausmachen. Konsumgesellschaft definiert er als die Teilhabe der
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Bevölkerungsmehrheit an neuartigen Konsumformen, so z. B. an der Massenkonfektion, an industriell gefertigten Gütern, an der Haushaltstechnik etc. Wenn man von dieser Begriffsdefinition ausgeht, habe sich die Konsumgesellschaft in Deutschland erst in den 1960er Jahren entwickelt. Der (produktions-)technischen Entwicklung widmet sich König ausführlich, da sie in engem Zusammenhang zur Massenkonsumgesellschaft stehe. Geld und Zeit betrachtet er als notwendige Voraussetzungen für die Konsumteilhabe. Wesentlich mehr Literatur findet sich zur Politik und Wirtschaftsentwicklung der 1950er Jahre, so z. B. bei dem Historiker Cornelius Helmes-Conzett (1995), der auf die Bedeutung der Ökonomie und des Konsums für die gesellschaftliche und staatliche Stabilisierung der Bundesrepublik eingeht. Auch der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser (2004) geht differenziert auf die Wirtschaftsentwicklung der Trizone und BRD ein. Sehr kritisch, vor allem der Person Ludwig Erhards und `seinem Wirtschaftswunder´ gegenüber, und basierend auf einer ungeheuren Vielzahl von Quellen zeichnet Volker Hentschels (1998) Biografie nicht nur das Leben Erhards, sondern auch die Hintergründe der wirtschaftspolitischen Entwicklung in der BRD nach. Gottfried Niedhardt (1993), Kurt Sontheimer (2004), Manfred Görtemaker (2002) und Dietrich Thränhardt (1996) widmen sich der politischen und wirtschaftlichen Geschichte der Bundesrepublik in der `Ära Adenauer´. Die Politikwissenschaftlerin Astrid Joosten betrachtet in ihrer Magisterarbeit (1990), ausgehend von der Kategorie Geschlecht, die Familienpolitik Wuermelings. Auf diese gehen auch Andrea Grohn und Angelika Delille (1985) in ihrem kritischen Rückblick auf Frauenleben in den 1950er Jahren ein. Klaus Jörg Ruhl (1994) untersucht in seiner wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Verlaufsanalyse die ideologischen und strukturellen Komponenten, die eingesetzt wurden, um die berufstätige Frau in ihrer gesellschaftlich untergeordneten Position zu halten. Die Sozialwissenschaftlerin Karin Jurczyk (1977) vertritt die These, dass die Familienpolitik sich neben der Wirtschaftspolitik entwickelt habe. Doch gerade diese Ambivalenz sei es gewesen, die dazu beigetragen hat, Frauen als `Reservearmee´ für den Arbeitsmarkt verfügbar zu halten. Lukas Rölli-Allkemper (2000) widmet sich der Familie im Wiederaufbau und geht dabei speziell auf die Rolle der Kirche und der Familienverbände ein. Die Historikerin Kirsten Plötz (2005) erforscht die Situation alleinstehender Frauen in der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre und prägt den Begriff der Gattenfamilie, die das normative Familienleitbild der Zeit dargestellt und Alleinstehende damit außerhalb des `Normalen´ angesiedelt habe. Im Zusammenhang mit der Stellung der Frau in Gesellschaft und Familie verwahrt sie sich gegen eine Metatheorie von Modernisierung und Restauration. Vielmehr habe in diesem Zeitraum „eine in der
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neuzeitlichen Geschichte selten anzutreffende Verengung auf die Ehe als konkurrenzloses Lebensmodell“ (ebd.: 263) stattgefunden.
Mit wiederum konsumrelevanteren Themen, namentlich der Küchentechnik, beschäftigt sich die Kunsthistorikerin und Historikerin Bettina Siercke (1994). Ebenfalls der Küchentechnik, aber auch der Hausarbeit, dem Nahrungsmittelkonsum und den entsprechenden Diskursen in den 1950er und 1960er Jahren widmet sich der Historiker Michael Wildt (1994). Axel Schildt (1995) untersucht in seinem Buch Moderne Zeiten: Freizeit, Massenmedien und `Zeitgeist´ in der Bundesrepublik der 50er Jahre soziokulturelle Entwicklungslinien und die darauf bezogenen zeitgenössischen Diskurse. Sein Buch war für diese Arbeit besonders wegen seines reichen demoskopischen und statistischen Materials von Bedeutung, an das im Original z. T. nur schwer oder gar nicht heranzukommen war.
Mit Haushaltstechnik und Technikkonsum befasst sich die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Barbara Orland (1990, 1998), die die Verbreitung technischer Konsumgüter ebenfalls durch die Geschlechter- bzw. Machtverhältnisse in der Familie beeinflusst sieht. Peter Horvaths (1992) Aufsatz handelt vom Teilzahlungsgeschäft als Begleiterscheinung des `Wirtschaftswunders´. Er widmet sich der realhistorischen Situation, geht aber darüber hinaus auch auf die Kritik und die Vorurteile ein, die den Ratenkauf begleiteten. Zur Darstellung der wirtschaftlichen Theorie und der Grundprinzipien der neuen Wirtschaftsordnung, die die Konsumentin für einen souveränen Marktauftritt erlernen und beherrschen musste, wurden verschiedene Wirtschaftslexika und Studienfachliteratur aus der Volkswirtschaftlehre benutzt, u. a. von den Volkswirten und VWL-Dozenten Hermann May und Ulrich Blum.
2. 2 Wirtschaftliche Grundbegriffe
Hier werden kurz sämtliche Begriffe und Zusammenhänge vorgestellt, die für den weiteren Verlauf der Arbeit und das Verständnis der Äußerungen des Wirtschaftsministers von Bedeutung sein werden: Dazu gehören der Konsum und sein Verhältnis zur Produktion, der Konsument, der Knappheitspreis als Basiselement (markt-)wirtschaftlicher Ordnungen sowie ein Überblick über die neuen und effizienteren Produktionsformen, die nach König entscheidend zur Herausbildung der Massenkonsumgesellschaft beigetragen haben. (vgl. ders. 2000: 33)
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2. 2. 1 Konsum
„Die Lehre von der Konsumtion ist in der Nationalökonomie im Allgemeinen stiefmütterlich behandelt“ (Philipovich, zitiert nach: Piorkowsky, in: Rosenkranz 2000: 189) worden. In der allgemeinen Volkswirtschaftslehre gelte Konsum auch heute noch als „letzter Verbrauch von Gütern, der nicht zur Wertschöpfung beiträgt“ (Piorkowsky, ebd.). Und eben weil Konsum nicht nur von den Klassikern mehrheitlich als die Vernichtung von Gütern und Werten definiert würde, bliebe er aus wirtschaftlichen Analysen weitestgehend ausgeklammert. (vgl. ders.: 187; Specht/Bock 1958: 25; Pilz 1981: 16) All diesen Betrachtungsweisen von Konsum in den Wirtschaftswissenschaften und auch im gesellschaftlichen Bewusstsein liegt ein Theorem zugrunde, das die Produktion von der Konsumtion trennt - die wertschaffende Sphäre (Produktion) den Unternehmen und die wertvernichtende (Konsum) den (Privat-)Haushalten zuordnet 9 . Karl Marx 10 trennte die beiden Bereiche nicht. „Die Produktion ist […] unmittelbar Konsumtion, die Konsumtion ist unmittelbar Produktion.“ (Marx 1857: 475) Er unterscheidet stattdessen konsumtive Produktion und produktive Konsumtion, wobei letztere als der Produktion immanent, von den Ökonomen noch behandelt würde, während erstere „als wertvernichtender Gegensatz zur Produktion“ (ebd.: 474), eben als Konsumtion im eigentlichen Sinne verstanden würde und deshalb ausgeklammert bliebe. Die produktive Konsumtion bezeichnet demnach die Konsumtion der Kräfte, Fähigkeiten, Produktionsmittel und Rohstoffe während der Produktion - was auch für die im Haushalt anfallenden Arbeiten zutrifft. 11 „Der Akt der Produktion selbst ist daher in allen seinen Momenten auch ein Akt der Konsumtion.“ (ebd.)
Mit seiner Definition der konsumtiven Produktion ging Marx über den nur wertvernichtenden Aspekt des Konsums hinaus und erweiterte seine Bedeutung im Sinne einer Transformation, die er biologisch-organisch begründete. Dadurch würde Konsum schlussendlich wieder zur Produktion. (vgl. Piorkowsky 2000: 189) „Die Konsumtion ist
9 Diese Zweiteilung kam erst mit der Auslagerung der Produktion und damit des Mannes aus dem Haus auf. Die Frau wurde auf die häusliche, konsumtive Sphäre mit all ihren Reproduktionsaufgaben beschränkt.
10 Er unterteilt den Wirtschaftskreislauf in Produktion, Distribution, Zirkulation (Austausch) und Konsumtion: „Die Produktion bringt die den Bedürfnissen entsprechenden Gegenstände hervor; die Distribution verteilt sie nach gesellschaftlichen Gesetzen; der Austausch verteilt wieder das schon Verteilte nach dem einzelnen Bedürfnis; endlich in der Konsumtion tritt das Produkt aus dieser gesellschaftlichen Bewegung heraus, es wird direkt Gegenstand und Diener des einzelnen Bedürfnisses und befriedigt es im Genuß.“ (Marx 1857: 472) In der Produktion, der „Allgemeinheit“ (ebd.: 473), objektiviere sich die Person und in der Konsumtion, der „Einzelheit“ (ebd.), subjektiviere sich die Sache, womit die Konsumtion zum Endziel und Endzweck der Produktion würde. (ebd.: 474) Hier sollen nur Produktion und Konsumtion in ihrem Verhältnis zueinander genauer betrachtet werden.
11 Dieser Begriff scheint sich für hausfrauliche Tätigkeiten, wie z. B. das Marmelade Einkochen, zu eignen: wobei nicht nur die Früchte verbraucht werden, sondern neben der Arbeitskraft der Frau auch die Produktionsmittel (Glas, Kelle, Herd etc.) benutzt oder abgenutzt werden.
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unmittelbar auch Produktion, wie in der Natur die Konsumtion der Elemente und chemischen Stoffe Produktion der Pflanze ist. Daß in der Nahrung z. B., einer Form der Konsumtion, der Mensch seinen eigenen Leib produziert, ist klar. Es gilt dies aber von jeder andren Art der Konsumtion, die in einer oder der anderen Art den Menschen nach einer Seite hin produziert. Konsumtive Produktion. [Hervorhebung C. M.] Allein, sagt die Ökonomie, diese mit der Konsumtion identische Produktion ist eine zweite, aus der Vernichtung des ersten Produkts hervorgehende.“ (Marx 1857: 474) Durch die Wechselbeziehungen, die Marx zwischen beiden Phänomenen aufdeckte, wird deutlich, dass man nicht automatisch von der Dominanz der Produktion und von Konsum als einem nur „abgeleitete[n] Sekundärphänomen“ (König 2000: 16) ausgehen könne. 12 Vielmehr würden beide das jeweils andere schaffen während sie sich vollziehen. (vgl. ebd.)
Die Konsumtion erschaffe die Produktion: einerseits durch das Bedürfnis - da „die geistige Antizipation der Konsumtion der Produktion vorangeht“ (König 2000: 15), also ihre Voraussetzung ist - und andererseits dadurch, dass „das Produkt erst in der Konsumtion wirkliches Produkt wird“ (Marx 1857: 475). Ansonsten bliebe es „versachlichte Tätigkeit“ (ebd.).
Aber auch umgekehrt ermögliche erst die Produktion die Konsumtion: „1. indem sie ihr das Material schafft; 2. indem sie die Weise der Konsumtion bestimmt; 3. indem sie die erst von ihr als Gegenstand gesetzten Produkte als Bedürfnis im Konsumenten erzeugt. Sie produziert daher Gegenstand der Konsumtion, Weise der Konsumtion, Trieb der Konsumtion.“ (Marx 1857: 476) Demnach wird auch der Konsument, als das Subjekt der Konsumtion, erst durch die Produktion geschaffen. (vgl. König 2000: 16) Marx´ ökonomische Definitionen von Konsum und Produktion als theoretischen Bezugsrahmen für die Arbeit zu verwenden scheint sinnvoll, da hier die wirtschaftspolitischen Anforderungen an die Verbraucherin in den 1950er Jahren genauer untersucht werden sollen. Und diese wurden eben von einem Wirtschaftsminister gestellt, der selbst Nationalökonom war und in seinem Amt das Gesamtwohl der Wirtschaft im Blick behalten musste, weshalb seine Perspektive zu allererst eine volkswirtschaftlichmakroökonomische war. Es ging für ihn hauptsächlich um den Absatz der Produkte mit all seinen stimulierenden und regulierenden Effekten auf die gesamte Volkswirtschaft und somit um die ökonomische Bedeutung von Konsum. Die Nationalökonomie versteht den Konsum - wenn sie sich überhaupt mit ihm befasst - also ausschließlich als
12 Strittig sei das Konzept dennoch, wegen der räumlichen Trennung beider Bereiche. (vgl. König 2000: 16)
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Marktnachfrage und beschränkt sich damit auf die makroökonomisch relevanten Handlungen wie Einkäufe oder das Sparen. Die Konsumpraxis in den Haushalten bleibt ausklammert. Marx´ Theorie erweitert diesen für die Arbeit unzulänglichen Bezugsrahmen, indem sie über die Grenze des Marktes hinaus und damit in die Haushalte hinein geht. Denn auch die Haushalte bzw. in den 1950er Jahren ganz explizit die Hausfrauen erbringen produktive Arbeit 13 : indem sie Verbrauchsgüter erst für den Verzehr aufbereiten oder durch die Nutzung von Waren diese erst im eigentlichen Sinne zum Konsumgut werden lassen. Damit überwindet die Theorie von Marx auch die Trennung der Produktions- von der Konsumtionssphäre und befreit die Hausfrau aus der ihr im Rahmen dieser Trennung zugewiesenen Rolle als nur passive Konsumentin, die sie faktisch sowieso kaum je gewesen sei. (vgl. Meyer, in: Hausen 1983: 172)
2. 2. 2 Der Konsument
Zu unterscheiden ist hier zwischen den realen Verbrauchern und dem Idealkonsumenten, dem homo oeconomicus, der das Verständnis ökonomischer Vorgänge und Prinzipien in der Theorie erleichtern soll und auch bei marktwirtschaftlichen Überlegungen zum Verbraucher im Mittelpunkt steht.
Der homo oeconomicus, eine Kunstfigur der Ökonomik 14 , ist ein freies und nur rational handelndes Individuum, das in seinem Verhalten auf Nutzenmaximierung ausgerichtet ist. Vor dem Markteintritt teilt er dazu sein Einkommen im zweckmäßigsten Verhältnis in Ersparnis und Konsum ein. Auf dem Markt erzielt er den größtmöglichen Nutzen durch die rationalste Kombination von Gütern und Dienstleistungen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Seinem Egoismus werden dabei durch den Egoismus der anderen Grenzen gesetzt. „Hauptmerkmal des homo oeconomicus ist seine Fähigkeit zu uneingeschränktem rationalem Verhalten (Rationalität). Handlungsbestimmend ist das Streben nach Nutzenmaximierung, das für den Konsumenten und Produzenten (in der spezifischen Ausprägung der Gewinnmaximierung) gleichermaßen angenommen wird." (Gabler 1992: 1537f.) Weitere Charakteristika des homo oeconomicus sind Offenheit und Pluralität, seine vollständige Informiertheit über sämtliche Entscheidungsalternativen, gekoppelt an die
13 In der neuen Haushaltstheorie, begründet von Becker und Lancaster, fände sich der Marx´sche Ansatz wieder. Sie versteht den Haushalt als produzierende und konsumierende Einheit. Marktgüter sind demnach nur eine Vorleistung, die erst durch spezifische Produktionsprozesse zur endgültigen Konsumreife geführt werden. Hausarbeiten, wie Wäsche waschen, Mahlzeitenzubereitung, Regenerations- und Freizeitaktivitäten, werden damit zu Produktionsprozessen. (vgl. Piorkowsy 2000: 190)
14 Ökonomik ist ein sozialwissenschaftliches Verfahren, dass als Methode im Rahmen der klassischen Nationalökonomie entwickelt wurde. Ihr Gegenstand ist die Ökonomie, die sie durch die Unterstellung von Rationalität beim menschlichen Verhalten zu erklären versucht. (vgl. Kirchgässner 1991: 2)
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Fähigkeit, ihre Konsequenzen richtig abzuschätzen. In seinem Umfeld herrscht idealerweise vollkommene Markttransparenz. (vgl. Gabler 1992: 1537; Blum 2004: 550) Im Gegensatz zu diesem idealen, wird der reale Konsument in den Wirtschaftswissenschaften als Letztverbraucher bezeichnet. Dieser Begriff kann sich auf eine Einzelperson, einen Haushalt oder eine Gruppe „mit gemeinsamer Zielsetzung" (May 2004: 565), d. h. also eine „wirtschaftliche Entscheidungseinheit“ (Streissler, zitiert nach: Weber 1967: 19) beziehen. „Seine typische Handlung ist der Konsum und diesem vorgelagert die Nachfrage von Konsumgütern.“ (May 1994: 15)
In der Sozialen Marktwirtschaft der 1950er Jahre, die sich als verbraucherorientierte Wirtschaftsordnung verstanden wissen wollte, ist der rational handelnde Konsument 15 zu einer Schlüsselfigur im Wirtschaftsprozess aufgestiegen: „Jeder Verbraucher treibt in seinem kleinen ihm als Einkommensbezieher offenen Sektor durch Bejahung und Verneinung, durch Aushandeln oder Nichtaushandeln der angebotenen Güter und Dienste, ihrer Preise, Mengen, Qualitäten, Liefer- und Zahlungsfristen, durch die Verteilung seines Einkommens auf Verbrauch, Sparen und Horten im eminenten Wirtschaftspolitik. Durch Massierung der einzelnen Ausgabe-, Spar-, Hortungsquoten wie der Stärke, Richtung und Streuung der Ausgaben für Güter und Dienste wird der Produktionsprozeß im Ganzen, in seinem Auf- und Ausbau nachhaltig beeinflußt.“ (Pfister, in: von Beckerath 1957: 34) Der Konsument 16 , der offenbar überwiegend weiblich war, bestimmt durch seine Nachfrage - d. h. Konsum im ökonomischen Sinne - also nicht nur welcher Produzent am Markt Erfolg bzw. Misserfolg hat, sondern nimmt auf diese Weise auch lenkenden Einfluss auf die Preise und die Zusammensetzung der Produktion. Der neoliberale Nationalökonom Wilhelm Röpke nennt die Marktwirtschaft deshalb eine „Wettbewerbsdemokratie“ (Röpke, zitiert nach: Specht/Bock 1958: 37): „Der Prozeß der Marktwirtschaft ist sozusagen eine fortgesetzte Volksabstimmung darüber, was und wieviel von jedem Gut produziert werden soll. Jeder von uns ausgegebene Geldschein stellt einen Stimmzettel dar, mit dem wir zu einem winzigen Teil zu der Auswahl der zu produzierenden Güter und ihrer Mengen beitragen, wobei die Produzenten durch ihre Reklame die auch hier nicht fehlende `Wahlpropaganda´ machen. Diese Demokratie der Konsumenten hat zwar den - übrigens korrigierbaren - Nachteil einer mehr oder weniger ungleichmäßigen Verteilung der
15 Letztlich muss auch daran erinnert werden, dass es den oder die Konsumenten nicht gibt, denn sie setzen sich aus allen Teilen der Bevölkerung zusammen, was sie zu einer heterogenen Gruppe macht, die sich aufgrund verschiedener Voraussetzungen auch in ihrem Verhalten am Markt und in ihrer Einstellung zum Konsum unterscheidet.
16 „15 Millionen Haushaltungen gibt es in Westdeutschland. 15 Millionen Hausfrauen sprechen demnach als Treuhänder ihrer Hauswirtschaft.“ (Clauß 1952: 30).
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Stimmscheine, aber auch den Vorteil eines vollendeten Proporzsystems: es findet keine Vergewaltigung einer Minderheit statt, jeder Stimmzettel kommt zur Geltung.“ (ebd.) In der zeitgenössischen Rhetorik wurde die Abstimmung über die Zusammensetzung der Produktion per Konsumwahl deshalb gern mit dem politischen Wahlakt des Staatsbürgers in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung verglichen. Die Konsumfreiheit habe einen neuen Habitus des Bürgers geschaffen. Der wache, souveräne Konsument sei auch ein souveräner, demokratischer Staatsbürger. (vgl. Hohmann 1977: 342)
Konsumentensouveränität und Konsumfreiheit, beides konstitutive Prinzipien der Wirtschaftsordnung, sollten dem Konsumenten die Erfüllung seiner Aufgabe ermöglichen. Dass die Schere zwischen diesen Leitbildern und der Realität nicht zu groß wird, sollten Wettbewerbs- und Verbraucherpolitik 17 sicherstellen.
Konsumentensouveränität bezeichnet die Freiheit der Nachfrage als Gegengewicht zur Produktionsfreiheit. Sie ist gegeben, „wenn die Nachfrageseite einer Wirtschaft dezentralisiert ist und durch die unabhängigen Nachfrageentscheidungen der Haushalte indirekt, d. h. durch ihre Auswirkungen auf die Konsumgütermengen, auch die Zusammensetzung der Produktion in einer Wirtschaft bestimmt." (May 2004: 313) Dieses Leitbild sei in der Realität allerdings nur graduell umsetzbar, da die Nachfrage der Konsumenten abhängig ist von ihrer Kaufkraft, der Funktionsfähigkeit des Preissystems, der Intensität des Wettbewerbs und den zur Verfügung stehenden Informationen über die angebotenen Güter. (vgl. Brockhaus 1991: 303) Ganz so souverän wie in der Theorie dargestellt, kann der Verbraucher in der Praxis also nicht agieren, da er auf das Funktionieren all dieser Rahmenbedingungen, von denen sein Marktauftritt abhängt, keinen Einfluss hat. Dagegen spreche auch, „daß in der Wirklichkeit nicht allein die Wünsche der Verbraucher die Produktion steuern.“ (Hemmer 1979: 6) Die Wirtschaft setze die Verbraucherwünsche zwar als gegeben voraus, sehe sie aber auch als veränderbar an. Um diese zu steuern oder Bedürfnisse nach neuen, aus Eigeninitiative der Unternehmer heraus entstandenen Produkten überhaupt erst zu wecken, betreibe sie Werbung. (vgl. ebd.: 6) In der Realität ist der Konsument deshalb weder vollkommen informiert und souverän, noch völlig manipulierbar. Vielmehr bewege er sich in einem Spannungsfeld zwischen
17 Gemeint ist hier der theoretische Anspruch. Denn Verbraucherpolitik, als Teil der Wirtschaftspolitik, sei im Rahmen einer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik erst in 1970er Jahren aufgekommen. (vgl. May 1994:
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zwei Polen, die man mit den Schlagworten „`Manipulation durch Werbung´ und `König Kunde´“ (Brockhaus 1991: 301) bezeichnen könnte. 18
Konsumfreiheit bezeichnet die Wahlfreiheit des Konsumenten unter den angebotenen Gütern, was Handlungs- und Entschlussfreiheit voraussetzt. Unter Wettbewerbsbedingungen erzeugt dies bei den Produzenten die Notwendigkeit, die Konsumentenwünsche systematisch zu erforschen und sie bei der Produktion zu berücksichtigen. In diesem Sinne habe die Konsumfreiheit also auch eine produktionslenkende Wirkung. (vgl. Brockhaus 1991: 303) Doch auch hier könnten Wettbewerbsbeschränkungen oder irreführende Informationen seitens der Produzenten diese Freiheit einschränken. Marketing, vor allem Werbung, die Vielzahl der Produkte, die unterschiedlichen Qualitäten und Angebotsbedingungen, aber auch staatliche Interventionen, z. B. Ladenschlussgesetze, beeinflussen die Konsumfreiheit. Hemmer führt das Beispiel des Maßanzuges an, der in einer Zeit der Massenproduktion eher die Ausnahme darstellt. Vielmehr würden die Unternehmen selbst entscheiden, was wieviel produziert würde. „Dem Konsument bleibt in erster Linie die Wahl aus dem angebotenen Sortiment.“ (Hemmer 1979: 6)
Um jedoch überhaupt als aktiver und rational handelnder Verbraucher auf dem Markt in Erscheinung treten zu können, wird Kaufkraft, also ein Einkommen benötigt. Vollbeschäftigung 19 , als Chance eines jeden, sein Einkommen selbständig zu erwirtschaften, wird damit zur unerlässlichen Voraussetzung dafür, dass der Verbraucher die ihm zugedachte Rolle in der Marktwirtschaft überhaupt übernehmen kann.
2. 2. 3 Preisbildung, Massenproduktion und Mengenkonjunktur
In der Volkswirtschaft wird angenommen, dass wirtschaftliches Handeln nach einem ökonomischen Prinzip erfolgt, das als Vernunft- oder Rationalitätsprinzip bezeichnet wird. Es zielt entweder auf Minimierung oder Maximierung ab. Für die Hausfrau bedeutet dies, ihrer Familie entweder mit einem möglichst geringen finanziellen Aufwand ein reiches
18 Auch wenn Hemmer darauf hinweist, dass Werbung nur ein Einflussfaktor unter vielen, und bei weitem nicht der stärkste ist. Er bezieht sich hier vor allem auf das soziale Umfeld und eigene Norm- und Wertvorstellungen. Werbung träfe daher nie auf ein leeres Meinungsfeld, auf dem dann bedingungslose Manipulation möglich ist. (vgl. ders. 1979: 7) Diese Überzeugung vertritt auch König. (vgl. ders. 2000: 452)
19 Maßnahmen, die allein auf die Durchsetzung von Vollbeschäftigung abzielen, wie bei der keynesianischen Wirtschaftssteuerung, sind in der Marktwirtschaft jedoch nicht gestattet. Anhänger des Keynesianismus bezweifeln die Selbstregulierungsfähigkeit des Marktes hinsichtlich der Erreichung und Aufrechterhaltung von Vollbeschäftigung. Sie setzen deshalb auf Globalsteuerung, d. h. u. a. staatliche Stützung der Nachfrage in Rezessionszeiten. Neoliberale wie von Hayek bezeichneten dies als marktwidrige Wissensanmaßung, die den freien Wettbewerb denaturiere. (vgl. Tuchtfeld, in: Stützel 1981: 86) Diese Ansicht vertrat auch Erhard. (vgl. ders., in: Bulletin Nr. 121, 07/59, 1239)
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Mahl zu bescheren (Minimierung) oder aber mit dem Haushaltsgeld möglichst viele Bedürfnisse der Familie zu befriedigen (Maximierung). (vgl. May 1994: 6)
Generell wird in den Wirtschaftswissenschaften auch von der Knappheit der Güter im Vergleich zu ihrer Begehrtheit ausgegangen. Dieses Verhältnis ließe sich in einer Marktwirtschaft am Preis ablesen, der eben nicht nur den Herstellungs- und Arbeitskosten entspricht, sondern als sogenannter Knappheitspreis auch ihre Begehrtheit widerspiegelt. Ein teures Produkt signalisiert folglich, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt. (vgl. May 1994: 5)
Andererseits können Preise auch ausdrücklich niedriger als vom Markt her nötig angesetzt werden, wobei darauf abgezielt würde, durch den Verkauf möglichst großer Gütermengen Gewinn zu erwirtschaften. 20 (Mengenkonjunktur) Dies setzt jedoch voraus, dass der Konsument bei niedrigeren Preisen grundsätzlich bereit ist, mehr zu kaufen. (vgl. Eick, in: FAZ, 2.10.1952) „Die notwendige Vorbedingung der Massenproduktion ist eine latente oder offen daliegende Kapazität der Massenkonsumtion, das heißt, daß diese in der Lage ist, die großen Produktionsmengen aufzunehmen. Die beiden gehen Hand in Hand.“ (Ford, zitiert nach: König 2000: 48)
Die Dynamik des volkswirtschaftlichen Wachstums ist deshalb abhängig vom Verbrauch und von der Kaufbereitschaft. Je reicher eine Volkswirtschaft also ist und je mehr Güter sie produziert, desto mehr Gewicht liegt folglich auch beim Konsumenten, der mit seinen Entscheidungen den Konjunkturverlauf beeinflusst. (vgl. Katona 1965: 9) Um den benötigten Massenkonsum zu forcieren, griffen Unternehmen auf die sogenannten Entscheidungshelfer wie Mode, Werbung etc. zurück oder böten Teilzahlungskredite an. (vgl. Bulletin Nr. 222, 11/57, 2060; Katona 1965: 9)
Die beste Möglichkeit, eine Mengenkonjunktur zu erreichen, biete die Massenproduktion, die durch eine Effizienzverbesserung im „Verhältnis […] von Aufwand und Ertrag“ (König 2000: 34) die Produktionsmenge steigert, die Produktionskosten senkt und damit auch die Preise niedrig hält. Die Massenproduktion, als besondere Form der Rationalisierung, folge bestimmten Prinzipien. Dazu gehören das fertigungsfreundliche Konstruieren und die Standardisierung der Produktion durch Typisierung und Normierung der Produkte. Typisierung - die Vereinheitlichung der Güter - senkt zwar die Produktionskosten, geht allerdings auch auf Kosten der Vielfalt eines Produkts.
20 Vater dieser Unternehmenspolitik war Henry Ford, der damit dem us-amerikanischen Arbeiter das eigene Auto ermöglicht hat. (vgl. Eick, in: FAZ, 2.10.1952)
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Normierung bezeichnet die „Vereinheitlichung von in verschiedenartigen Produkten enthaltenen Teilen“ (König 2000: 49), wodurch die Teile austauschbar werden, Anpassungsarbeiten wegfallen und sich für die Montage Möglichkeiten der Maschinisierung bzw. Automatisierung ergeben. Ebenso bedeutsam seien die „Steigerung des Material-, Energie- und Produktionsflusses“ (König 2000: 49f.), die sich durch die „Vergrößerung, Beschleunigung und Verkontinuierlichung der Produktion“ (König 2000: 50) erreichen ließen.
Massenproduktion ist also eine günstigere, weil standardisierte und rationalisierte Produktionsmethode. Ihre Strategien würden sich vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Expansion bewähren, demnach also auch in der Bundesrepublik der `Ära Adenauer´. Ihre Binnenkonjunktur profitierte vor allem auch von der Technisierung der Haushalte, deren Güter sich für diese Produktionsweise besonders eigneten. Ihr massenhafter Absatz war während der gesamten 1950er und 1960er Jahre dank steigender Realeinkommen bzw. Renten und dank des großen Nachhol- und Modernisierungsbedarfs gewährleistet. Er bescherte vielen unterschiedlichen Industriebranchen nicht nur eine optimale Auslastung ihrer Produktionskapazitäten, sondern beförderte, dank steigender Gewinne, auch deren Ausdehnung, da ausreichend Investitionskapital vorhanden war. Wenn sich auch die Nachfrage durch weitere Einkommenszuwächse und die zunehmende Nutzung von Kreditkaufsystemen ausdifferenzierte und die Massenproduktion 21 mit ihren standardisierten Produkten an ihre Grenzen stoßen ließ, sei sie dank ihrer günstigen Preise, die erstmals große Bevölkerungskreise am wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben ließ, eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der modernen Konsumgesellschaft gewesen. (vgl. König 2000: 45, 47, 76)
2. 3 Biografische Einblicke
Hier sollen in aller Kürze die biographischen Daten vorgestellt werden, die Rückschlüsse auf die Überzeugungen beider Politiker zulassen und damit auch ihren Politikstil verständlicher werden lassen.
21 Die Fertigung teurer Einzelstücken (Luxusgüter) oder die Produktion kleinerer Serien sei durch die Massenproduktion jedoch nicht gänzlich verdrängt worden, sondern fand und fände besonders bei der Herstellung von Kleidung, Ziergegenständen etc. Anwendung, also überall dort, wo „die feinen Unterschiede“ (Bourdieu) bewusst gewollt sind. (vgl. König 2000: 47; Eick, in: FAZ, 2.10.1952)
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2. 3. 1 Ludwig Erhard
Erhard, Jahrgang 1897, wuchs im kleinbürgerlichen Milieu einer Kaufmannsfamilie in Fürth auf und wurde evangelisch erzogen. (vgl. Hentschel 1996: 9) Nach einer Lehre zum Einzelhandelskaufmann studierte er an der Nürnberger Handelshochschule Wirtschaftswissenschaften - zusammen mit seiner späteren Frau Luise Schuster. Sie war eine Freundin aus Kindertagen, vier Jahre älter als Erhard und brachte als Witwe bereits eine Tochter aus erster Ehe mit. Im Anschluss gingen sie gemeinsam - beide hatten 1923 geheiratet - zum Studium der Nationalökonomie nach Frankfurt/Main. Luise hatte, um promovieren zu können, ihre Tochter bei ihrer Mutter gelassen, ging aber nach einigen Monaten zurück und gab ihr Studium auf: „ihre mütterlichen Pflichten ließen ein Weiterstudium nicht zu.“ (Laitenberger 1986: 14f.). 1925 wurde eine gemeinsame Tochter geboren. Erhard promovierte zu dieser Zeit bei dem Soziologen und liberalen Sozialisten Franz Oppenheimer, 22 dessen Persönlichkeit und Weltsicht ihn ein Leben lang beeinflusst hätten. (vgl. ebd.: 17) Oppenheimers Ansichten ließen sich noch kurz vor Kriegsende (1944) in Erhards Arbeiten wieder finden. Darin sprach er sich für die Nachkriegszeit für eine Wirtschaftsordnung „zwischen der totalen Staatswirtschaft […] und einer freien liberalen Wirtschaft" (Erhard, in: Soell 1997: 23) aus. Von 1929 bis 1944 23 arbeitete Erhard unter Wilhelm Vershofen 24 am Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware 25 . Durch ihn habe er die Wirtschaft aus der Konsumperspektive zu sehen gelernt, und neben soziologischen vor allem auch psychologische Gesichtspunkte bei der Beurteilung des Wirtschaftsverhaltens zu beachten gelernt. (vgl. Brockhaus 1988: 521; Laitenberger 1986: 20) Er betrieb Absatzforschungen, Markt- und Betriebsbeobachtungen und arbeitete eng mit der von ihm 1935 mitbegründeten Gesellschaft für Konsumforschung in Berlin zusammen. Nach dem offenen
22 Soell weist deshalb darauf hin, dass auch Erhards Ideen Anfang der 1930er Jahre noch keineswegs dem Credo eines freien Marktes verpflichtet waren. „Auch eineinhalb Jahre später [1933] hielt er es für die Pflicht des Staates, `dem Anarchismus der kapitalistischen Entfaltung´ mit einem gewissen Ordnungsprinzip beizukommen, wobei er unter Ordnung `immer etwas Planmäßiges´ verstand“ (Soell 1997: 23). Diese Ansichten standen noch in einem krassen Gegensatz zu den wirtschaftlichen Überzeugungen, die Erhard später einnahm und dann mit der Sozialen Marktwirtschaft umsetzte. (vgl. ebd.)
23 Während dieser Zeit lernte er auch den Nationalökonom Alfred Müller-Armack kennen, den geistigen Vater der Sozialen Marktwirtschaft.
24 Vershofen war ehemaliges Mitglied der Weimarer Nationalversammlung, Dichter und Nationalökonom. (vgl. Laitenberger 1986: 19) Brose schreibt in seiner Autobiografie, dass die Entdeckung des Verbrauchers in Deutschland Vershofen zu verdanken sei. (vgl. ders. 1958: 60).
25 Erhard arbeitete in dieser Zeit auch wirtschaftspublizistisch, wurde 1933 Mitglied der Geschäftsführung des Instituts und redigierte den wirtschaftspolitischen Teil der Institutszeitschrift. Ein Habilitationsversuch sei aus wissenschaftlichen Gründen gescheitert. (vgl. Vierhaus/Herbst 2002: 187 )
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Bruch mit Vershofen gründete er 1942 mit Unterstützung der Reichsgruppe Industrie 26 das private Institut für Industrieforschung. 1944 verfasste er für die Arbeitsgruppe Stahl der Reichsgruppe Industrie eine Denkschrift über die „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung", die sich, über eine Währungsreform hinausgehend, bereits mit dem Problem der Umstellung einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft beschäftigte. (vgl. Kempf/Merz 2001: 232) Soell verweist darauf, dass in „den Beiträgen des ersten Nachkriegsjahres […] bereits eine gewisse Umorientierung auszumachen [sei], insbesondere durch sein grundsätzliches Bekenntnis `zur Idee der freien Wirtschaft´.“ (ders. 1997: 23). Für eine gewisse Übergangszeit ging jedoch auch Erhard davon aus, dass staatliche Planung und Lenkung wegen der Güterknappheit und dem enormen Kaufkraftüberhang unumgänglich wären, zumal die stufenweise Einführung der freien Marktwirtschaft einer konsolidierten Währung als Basis bedurfte. Nachdem er kurz als Wirtschaftsberater der amerikanischen Militärverwaltung an der Entwicklung eines Wiederaufbauprogramms für seine Heimatstadt Fürth mitgewirkt hatte, wurde er 1945 parteiloser bayrischer Staatsminister für Handel und Gewerbe. Seine Amtsführung war umstritten und endete in einem Untersuchungsausschuss, der ihm die Unfähigkeit ein Ministerium zu führen, aber auch seine volle politische Integrität bestätigte. (vgl. Vierhaus/Herbst 2002: 187) Im Anschluss trat er eine Stelle als Honorarprofessor für Wirtschaft an der Universität München an. Ebenfalls 1947 wurde Erhard Leiter der Expertenkommission Sonderstelle Geld und Kredit, die von den Alliierten (USA; GB) beauftragt war, ein Konzept für eine Währungsreform vorzubereiten. 1948 wurde er Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets (Bizone). Herbst bezeichnet dieses Amt als dasjenige, das Erhards Ruhm als Wirtschaftspolitiker begründete. (vgl. ebd. 2002: 187) Erhard begann mit den legislativen Vorbereitungen zur Lockerung der Bewirtschaftung und Preisbindung, die gleichzeitig mit der Währungsreform in Kraft treten sollten.
1949 kandidierte er für die CDU und wurde Wirtschaftsminister, was er bis 1963 blieb. (vgl. Laitenberger, in: Becker 2002: 230) 1957 bis 1963 war er Vizekanzler, 1963 löste er Adenauer als Bundeskanzler ab. Er blieb jedoch nur drei Jahre im Amt. 1965 trat er schließlich der CDU bei und wurde 1966 Parteivorsitzender. Während seiner politischen
26 Erhard sei dem Nationalsozialismus gegenüber ablehnend eingestellt gewesen und habe das „wirtschaftspolitische Paradepferd Schacht“ (Laitenberger 1986: 24) 1931 in seinen Artikeln wegen Inkompetenz attackiert. Trotzdem arbeitete er auch für die Behörden. Er pflegte gute Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der Reichsgruppe Industrie, die ihm bei der Gründung seines Privatinstitutes (finanziellen) Rückhalt gaben. Ebenso habe die Tatsache geholfen, dass Erhards Schwester mit dem Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe verheiratet war. (vgl. ders. 1986: 35; Vierhaus/Herbst 2002: 187)
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Laufbahn habe er der FDP lange Zeit wesentlich näher gestanden als der CDU. (vgl. Laitenberger 1986: 234f; Vierhaus/Herbst 2002: 187) Ab 1972 war er Alterspräsident des Deutschen Bundestages und blieb noch bis 1977, das Jahr seines Todes, Mitglied des Deutschen Bundestages.
2. 3. 2 Franz-Josef Wuermeling
Wuermeling, 1900 in Berlin geboren, kam schon in seinem Elternhaus mit Politik in Berührung. Sein Vater war der Zentrumsabgeordnete, Ministerialdirektor und Westfälische Oberpräsident Bernhard Wuermeling.
Er studierte Volkswirtschaft und Jura, arbeitete beim Preußischen Innenministerium, wurde Regierungsrat, Landesrat und später Finanzdezernent in Kassel bis zu seiner Zwangspensionierung aus politischen Gründen im Jahre 1939. (vgl. Nelleßen-Strauch, in: Becker 2002: 407f.) Ab 1940 arbeitete er als Angestellter in der Basalt- und Asphaltindustrie und wurde 1945 Vorstandsmitglied der Basalt AG Linz am Rhein. Seine politische Karriere begann, als er im selben Jahr der CDU beitrat, die Linzer CDP/CDU mitbegründete und vorübergehend das Bürgermeisteramt der Stadt übernahm. Von 1947 bis 1951 war er Mitglied des Landtags und des Landesvorstands der CDU Rheinland-Pfalz, danach zwei Jahre Staatssekretär im Innenministerium Rheinland-Pfalz (1947-1949) und im Anschluss daran, Staatssekretär beim Bundeskanzleramt (1949-1950). Von 1949 bis 1969 war er Mitglied des Deutschen Bundestages, wo er sich anfangs im Beamtenausschuss für Reformen einsetzte und vor allem als Haushaltsexperte bekannt wurde. Bereits während dieser Zeit machte sich der fünffache Vater 27 und überzeugte Katholik im Bundestag für sozialpolitische Fragen stark. „Er war Fürsprecher der Familienverbände im Bundestag und gründete schon vor seinem Amtsantritt die `Kampfgruppe für die Familie´“ (Nelleßen-Strauch 2002: 407), die über Partei- und Standesgrenzen hinweg die Kräfte zum Schutz und zur Förderung der Familie einen sollte. Wuermeling war außerdem Mitglied der Laienvereinigung katholischer Männer in Köln 28 und der Fides Romana, einem Treuebund für den Heiligen Vater. Dem gegenüber war er
27 Im biographischen Material zum Familienminister ließ sich nirgends etwas zu Wuermelings Frau finden, nicht einmal ihr Name. Ganz dem katholischen Familienbild entsprechend, schien sie die Frau im Hintergrund gewesen zu sein, die sich zuhause um die fünf gemeinsamen Kinder kümmerte. Wuermeling lebte damit sein eigenes Familienideal, während Erhard eine ältere, gebildetere und verwitwete Frau heiratete, die bereits ein Kind mitbrachte und offensichtlich noch eigenen Ehrgeiz besaß. Erhard entsprach damit in keinster Weise dem Wuermeling´schen, katholischen Familienideal, auch wenn Familie Erhard sich diesem mit dem Studienabbruch und der Rückkehr der Frau zu ihrer Tochter, sowie der Geburt einer gemeinsamen Tochter annäherte, blieb es wohl doch ein ebenbürtigeres Verhältnis als üblich und eine Familie mit zu wenigen Kindern.
28 1966 wurde er Vorsitzender des Sozialdienstes Katholischer Männer. (vgl. Nelleßen-Strauch 2002: 407f.)
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deshalb nicht nur wie jeder normale Katholik zu treuer Ergebenheit verpflichtet, sondern er musste darüber hinaus auch für die Einhaltung von dessen Lehren und Dogmen sorgen. Für Wuermeling hatte sich das Familienleben deshalb gänzlich an den in der Bibel vorgegebenen Verhaltenskodizes zu orientieren. (vgl.: Delille/Grohn 1985: 65) Seine christlich-konservative Haltung sollte für seine spätere Politik maßgeblich werden. Besonders bei der Opposition war seine Berufung zum ersten Familienminister deswegen sehr umstritten und seine Amtszeit - 1953 bis 1962 29 - konfliktreich. „Zur Durchsetzung seiner Anliegen scheute W. [Abkürzung im Original] weder Konflikte mit der eigenen Fraktion noch Rücktrittsdrohungen, daher stand er als streitbarer Minister wiederholt im Kreuzfeuer der Kritik.“ (Nelleßen-Strauch 2002: 407f.) Zu innerparteilichen Differenzen sei es jedoch auch nach Ende seiner Amtszeit gekommen, da er seine Interpretation von Familieninteressen nicht denen der Partei unterordnen wollte. Ende der 1960er Jahre warf er der CDU „die offene und stille Demontage des Familienlastenausgleichs“ vor. (vgl. Wuermeling, in: Kempf/Merz 2001: 766-770) Den rheinland-pfälzischen CDU-Landesvorstand verließ er 1968 nach Differenzen mit Helmut Kohl. (vgl. Vierhaus/Herbst 2002: 977f.) 1986 starb Wuermeling.
3. ASPEKTE DER BRD IN DEN 1950ER JAHREN
Im dritten Kapitel sollen grob die Ereignisse und Daten der westdeutschen Entwicklung nachgezeichnet werden, die für die Arbeit von Interesse sind und die Einordnung der Äußerungen beider Minister möglich machen. Der Schwerpunkt dieses Kapitels wird auf der wirtschaftlichen Entwicklung liegen, da sie das Charakteristikum der 1950er Jahre war und mit ihren Produktivitäts- und Lohnzuwächsen den Grundstein für die Entwicklung der BRD zur Massenkonsumgesellschaft gelegt hat.
1. Die Einteilung in Besatzungszonen bedeutete für die spätere BRD, deren Territorium von Frankreich, Großbritannien und den USA besetzt und verwaltet wurde, bereits (gezwungenermaßen) eine Westorientierung. Diese wurde jedoch zweck- und nutzenorientiert angeeignet, dazu während der gesamten 1950er Jahre von der Politik offiziell propagiert und z. T. auch durch realpolitische Maßnahmen der Regierung Adenauer ausgebaut. Die offizielle Orientierung nach Westeuropa und Nordamerika vergrößerte die Distanz zum östlichen Teil der Welt, der direkt hinter dem „eisernen Vorhang“ (Churchill 1946) begann, zementierte die Trennung von der DDR und erhob den
29 Anlässlich der Kabinettsumbildung nach der Spiegel-Affäre schied Wuermeling am 11.12.1962 aus dem Amt. (http://de.wikipedia.org/wiki/Franz-Josef_W%C3%BCrmeling; Stand: 12.7.2006)
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Antikommunismus neben der Ökonomie zum politischen Leitbild und zentralen Identifikationsmoment der westdeutschen Gesellschaft. Diese Gegenpole sollen kurz beleuchtet werden.
2. Weil die Wirtschafts- und Währungsreform als die eigentlichen Weichenstellungen für die Wirtschaftsentwicklung der Nachkriegszeit angesehen werden müssen, sollte auch bei diesen Ereignissen angesetzt werden. Das gilt umso mehr, als das `Wirtschaftswunder´, einmal in Schwung gekommen, in der Literatur als eine Art Selbstläufer betrachtet wird. Deshalb wird der Schwerpunkt der Ausführungen, was politische Maßnahmen angeht, auf der Zeitspanne Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre liegen, während danach vor allem die Ergebnisse der wirtschaftlichen Entwicklungen für die Bevölkerung im Mittelpunkt stehen sollen. Dazu zählen die Lohnentwicklung ebenso wie die Entwicklung der Produktivität, der Arbeitszeit und des Verbrauchs. Von Interesse werden auch die Ursachen des `Wunders´ sein, die den Mythos Erhard geschaffen haben. Auf die Sozialpolitik wird nur am Rande eingegangen, da dies wiederum ein eigenes Thema darstellt und für Erhard auch kaum eine Rolle gespielt hat. Er orientierte sich weniger am eigentlichen Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, sondern hatte ein durch und durch neoliberales Wirtschaftsverständnis, wonach der freie Markt als alleiniger Ordnungsfaktor das gesellschaftliche Zusammenleben optimal regeln und sich eine zusätzliche Sozialpolitik erübrigen würde.
3. Wuermeling trat sein Amt als Familienminister erst 1953 an. Seine Politik wird in der Forschung (vgl. Schildt 1993; Delille/Grohn 1985; Ruhl 1994; Rölli-Allkemper 2000) als das restaurative Moment der 1950er Jahre bewertet. Er versuchte einen Rekurs auf das Alleinverdienermodell und die traditionelle Rollenverteilung zu erreichen und beeinflusste damit, ideologisch und praktisch - durch die finanziellen Hilfen, die er im Rahmen seiner Politik gewährte -, das Konsummaß der Familien.
3. 1 Westandbindung und Antikommunismus
Westanbindung und Antikommunismus waren die beiden Pole, in deren Spannungsfeld sich die politische, wirtschaftliche und weltanschauliche Entwicklung der BRD in den 1950er Jahren vollzog. „Die Öffnung des größeren Teils Deutschlands gegenüber dem Westen war der beherrschende Grundzug der Nachkriegszeit.“ (Niedhart, in: Schildt 1993: 813)
Der Grundstein für die Spaltung Deutschlands sei mit der Teilung in Reparations- und Besatzungsgebiete gelegt worden. (vgl. Abelshauser 2004: 128) Dazu beigetragen habe, neben der einseitigen Wirtschafts- und Währungsreform in den Westzonen, u. a. der
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Marshall-Plan. Durch seine Fördermittel sollten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges die europäischen Demokratien, inklusive der westlichen Besatzungszonen, gegen den Einfluss des Kommunismus gestärkt werden: „Er [der Marshall-Plan, C. M.] schuf die wesentlichen Voraussetzungen für den Zusammenschluss der Westzonen zur Bundesrepublik Deutschland und für deren Entlastung vom Zugriff der Reparationsgläubiger und der Besatzungsmächte auf das westdeutsche Wirtschaftspotential.“ (ebd.: 123)
1949 erfolgte die doppelte Staatsgründung, an die sich die Integration beider deutscher Staaten in die jeweiligen Machtblöcke anschloss 30 . Während in der ehemaligen Trizonenach der `liberalen´ Wirtschaftsordnung - nun eine parlamentarische Demokratie 31 nach westlichem Vorbild verankert wurde, wären es in der ehemaligen SBZ eine Planwirtschaft 32 und ein politisches System nach `sowjetischem Vorbild´ gewesen. (vgl. Helmes-Conzett 1995: 100) Die DDR sei jedoch im Gegensatz zur BRD auch als ideologisches Projekt konzipiert worden. Sie habe sich über den Antifaschismus, als Reaktion auf den Nationalsozialismus, legitimiert und ihre personelle und kulturelle Substanz aus den Straßenkämpfen der Weimarer Republik bezogen. (vgl. Helmes-Conzett 1995: 100) „Dem Ideologie und Heldenverehrung verknüpfenden Projekt entsprach im Westen zunächst nichts.“ (ebd.: 121) Vielmehr sei dort das politische System durch die Besatzungsmächte diktiert worden. Darüber hinaus hätten sie auch kontrollierend und regulierend in die Bereiche der Wirtschaft und Kultur eingegriffen. Die re-education, d. h. die Umerziehung der Deutschen zu demokratischen Staatsbürgern 33 sei das zentrale Moment der Besatzungspolitik gewesen. (vgl. Görtemaker 2002: 80; Helmes-Conzett 1995: 103) „Der verfügten Re-Mobilisierung politisierter Massen in der DDR entsprechen
30 Gemeint sind hier die Eingliederung der BRD in die OEEC (Europäischer Wirtschaftsrat) und Europäische Zahlungsunion, in die freie Weltwirtschaft mit Weltwährungsfond, Weltbank und Bretton-Woods-System; aber auch in die Montanunion (1952), in die EWG und Euratom (1958). Hinzu kommen der Beitritt zur NATO (1955) und die Aufstellung der Bundeswehr. Für die DDR sind hier der Beitritt zum Warschauer Pakt und die Aufstellung der NVA zu nennen. (vgl. Abelshauser 2004: 217, 219f., 243, 260)
31 Helmes-Conzett bezeichnet die Demokratie als Nebeneffekt der liberalen Wirtschaftsordnung. (vgl. ders. 1995: 122)
32 Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Polarisierung zwischen Marktwirtschaft in der BRD und Planwirtschaft in der DDR vor allem politisch konstruiert war. Denn gerade 1949 war die BRD von einer freien Wirtschaft, mit dem Markt (statt Plan) als alleinigem Ordnungsprinzip noch weit entfernt. Die meisten Güter unterlagen noch der Bewirtschaft oder hatten staatlich festgesetzte Preise. Vielmehr stellten die nicht regulierten Preise die Ausnahme dar. In der Landwirtschaft wurden gesonderte Marktordnungen sogar erst eingeführt, bis 1961 schließlich der gesamte Agrarmarkt reguliert war. Ein ernsthafter Versuch, die Marktwirtschaft im Agrarsektor einzuführen, sei nicht unternommen worden. (vgl. Schröter, in: Berghoff 1999: 118) Auf dem Wohnungsmarkt wurde erst 1960 die Marktwirtschaft eingeführt, Anfang der 1950er Jahre hatte die Wohnungsbaupolitik einen noch überwiegend „zwangswirtschaftlichen Charakter“ (ebd.: 121).
33 Das Demokratieverständnis der Deutschen hätte noch mehrheitlich dem des Kaiserreiches entsprochen. (vgl. Helmes-Conzett 1995: 121)
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Arbeit zitieren:
M.A. Claudia Meiling, 2007, Die Frau als Konsumentin im Spannungsfeld zwischen wirtschafts- und familienpolitischen Anforderungen im Westdeutschland der 1950er Jahre, München, GRIN Verlag GmbH
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