Inhaltsverzeichnis
1 Inhaltliche und Methodische Einleitung 3
2 Das bürgerliche Theater vor und nach 1880 4
3.1 „Realistisches“ Theater als Kulturrevolution. 6
3.2 „Realistisches“ Theater durch die Mediatisierung 7
3.3 „Realistisches“ Theater als Ergebnis einer Korrespondenz aus dem
Kommunikationsumbruch und der Mediatisierung der Theateravantgarde. 10
4 Resümee. 12
5 Literaturverzeichnis. 14
2
1 Inhaltliche und Methodische Einleitung
Die Gründe und die Ursachen für die Entstehung des „realistischen“ Theaters nach 1880 ist das Thema, das ich in dieser Arbeit ausführen möchte. Die Ablösung der Trivialdramen durch sozialkritische, historische und zeitgenössische Dramen, die präzise angestrebte Authentizität der Kostüme und Bühnenbilder, oder die rapider werdenden Szenenbildwechsel sind kulturelle Veränderung im Theater, für die es bis heute keine allgemeingültige Ursache zu geben scheint. Auch die von mir ausgewählte Beschreibung dieser Theaterbewegung, als „realistisches Theater“ lässt Fragen offen. Um diesen Terminus zu konkretisieren, werde ich ihn in dieser Arbeit als Überbegriff für den Bereich des Theaters des Naturalismus und des Historismus und des Avantgardismus spezifizieren. Um einen Überblick zu bekommen, welche Thesen und Theorien zu diesem Thema verfasst wurden, habe ich mich verschiedenen Autoren beschäftigt, die themenspezifische Sekundärliteratur verfasst haben. Deren Kerngedanken führen mich zu den Fragen: Ist das „realistische Theater“ eine Auswirkung der Rivalität zwischen den neuen Medien und dem Theater, sowie dem Bedürfnis den gleichen Realismus auf die Bühne zu bringen, wie es die Fotografie auf ein Bild zu projizieren vermag? Oder ist es eine Kulturrevolution gegen die gängigen Trivialdramen und eine Gleichsetzung von Schönheit und Wahrheit, wie es in der Aufklärung schon üblich war? Oder ist das „realistische“ Theater die Auswirkung einer Wechselbeziehung zwischen der mediatisierten Welt und der Kunsttheaterbewegung als kulturelle Forderung nach Authentizität?
Ich möchte mit dem Terminus „realistisches Theater“ und dessen Definition der jeweiligen Autoren versuchen Klarheit in die verschiedenen Thesen zu bringen. Dafür werde ich in Kapitel 3 zunächst die Hauptthesen von den deutschen Professoren Erika Fischer-Lichte und Joachim Fiebach mit dem amerikanischen Professore Phillip Auslander und den Autoren von „Theatre Histories“ (Phillip B. Zarilli, Bruce McConachie, Gary Jay Williams, Carol Fisher Sorgenfrei) vergleichen und folgend versuchen sie in einen Zusammenhang zu bringen. Obgleich sich die Thesen von einander unterscheiden, schließen sie sich nicht unbedingt aus. Lediglich das Periodisierungsproblem stellt für mich eine Herausforderung dar, da die Autoren ungleiche Definitionen und Zeiteinordnungen für das „realistische“ Theater nennen. Kapitel 2 dient als Überblick der Veränderungen im bürgerlichen Theater in der Zeit von ca. 1880 bis 1935. Dort bemühe ich mich zu erläutern wie die gängige Theaterpraxis vor und nach 1880 ausgesehen hat und ich möchte die neuen Erscheinungen auf der Bühne, zunächst ohne dafür Ursachen zu nennen, aufzeigen.
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2 Das bürgerliche Theater vor und nach 1880
Um das Jahr 1880 waren die Spielpläne in den europäischen Theatern hauptsächlich mit Trivialdramen gespickt. Kommerzielle Unterhaltungsdramen und von der Zensur betroffene Klassiker waren weit entfernt von einem literarisierten Theater. 1 Oftmals gab es niemanden der für die Kostüme zuständig war, oder man versuchte einer visuellen Uniformität zu entgehen, was zur Folge hatte, dass viele Akteure darum gebeten wurden ihre Kostüme selber mitzubringen. So entstand auf der Bühne ein heterogenes Kostümbild, welches die präzise Authentizität und Wahrhaftigkeit einer bestimmten Epochen-, oder Milieudarstellung unmöglich machte. Die Bühnenbilder bestanden größtenteils aus gemalten Hintergründen und Kulissen, und selbst die Requisiten waren gezeichnet. Dadurch entstand für die Akteure die perspektivische Notwendigkeit am Bühnenrand zu spielen, was zusätzlich durch fehlende Belichtungstechniken nötig war.
Die Zweidimensionalität der Bühnenbilder ließ den Schauspielern wenig Raum für Bewegungen. Bewegung schaffte bereits in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Herzog Georg der II von Sachsen Meiningen, der mit dem Theater der Meiniger die „Werktreue“ wiederbelebte. Alles hatte sich der Dichtung unterzuordnen: Die Dramaturgie, die Akteure, die detailgenaue Ausstattung. 2 Georg der II ließ für das ganze Ensemble Kleider schneidern, und etablierte damit Homogenität und Authentizität auf der Bühne. Um dem desolaten Zustand 3 der zensierten und verstümmelten Dramen zu entkommen wurden in ganz Europa private Theatervereine gegründet. Andre Antoine war 1887 der erste der diese Kunsttheaterbewegung mit dem „Theatre libre“ in Paris in Bewegung setzte. Zahlreiche Theatergründungen, wie in Berlin Bruno Willes „Freie Volksbühne,“ J.T. Greins „Independent theatre“ in London, das „Moskauer Künstlertheater“ - gegründet von Konstantin Stanislavskij und Nemirovic-Dancenko - und viele weitere, folgten in den nächsten Jahren noch bis 1904. Diese Theatervereine waren im Wesentlichen auf das Theater des Naturalismus und das Theater des Historismus fokussiert. Historische und zeitgenössische bzw. „Milieugetreue“ Authentizität auf der Bühne sind für diese Theaterbewegungen kennzeichnend. Befreit von der Zensur war es möglich, die Stücke von zeitgenössischen Dichtern, wie Ibsen, Hauptmann, Tolstoi, Cechov, Gorki, oder Björnson zu inszenieren und aufzuführen. Mit ihnen trat zeitgleich die Reliterarisierung des Theaters in Kraft und damit wurde die Bühne wieder für ein Bildungsbürgertum zugänglich. Die Kunsttheatervereine
1 Vgl. Fischer-Lichte, Geschichte des Dramas 2, S.84
2 Vgl. Fischer-Lichte, Geschichte des Dramas 2, S.85
3 Vgl. Fischer-Lichte, Geschichte des Dramas 2, S.84
4
bildeten auf diesen Bühnen ein öffentliches Forum für zeitgenössische Dramatik. 4 Das gesellschaftliche Erachten des Theater des Naturalismus war, zumindest von dem Standpunkt der konservativen Seite, dass jenes Theater als Waffe des politisch sozialen Kampfes genutzt, also als propagierendes und stabilisierendes Mittel für den Sozialismus fungieren würde. 5 Die Bühnenbilder gestalteten sich mit steigenden, technischen Möglichkeiten flexibler und realitätsgetreuer als je zuvor. Erst seit 1890 waren Möbelstücke, dreidimensionale und flexible Bühnenbilder, wie die Drehbühnen, oder die Dreieckskulissen, lebendige Tiere und Pflanzen auf der Bühne üblich um die realistische Illusion auf der Bühne zu wahren. Die Elektrifizierung erleichterte Belichtungstechniken, sodass die Schauspieler nicht nur am Bühnenrand stehen mussten.
In dem Jahr 1900 schien eine neue Theaterbewegung zu entstehen: Der Avantgardismus. Durch ihn änderten sich Schauspielsysteme und Dramaturgie hinsichtlich einer Entliterarisierung, einer Aktivierung und Vereinheitlichung des Publikums mit den Akteuren, sowie einer Ablehnung der illusionistischen Bildbühne. Fokussiert wurden gegliederte und mit Licht gestaltete Raumbühnen, eine gekonnte rhythmische Bewegungskunst der Schauspieler und der Verzicht auf theatralische Effekte. 6 Der Avantgardismus war die erste wirklich internationale Theaterbewegung, die unter anderen von Adolphe Appia, Peter Behrens, Edward Gorgon Craig und Vsevolod E. Meyerhold revolutioniert und durchgesetzt wurde. 7 Während sich die Texte der Realität entzogen, entstand auf der Bühne, mithilfe von verbesserten technischen Möglichkeiten, eine nahezu „fotografische“ Realität, die sich durch Dreidimensionalität und Materialität offenbarte. 8 Der dynamisierte Lebensstil, der nicht zuletzt durch neue Fortbewegungsmöglichkeiten beschleunigt wurde, zeigte sich auch im Theater durch schnellere und flexiblere Szenenbildwechsel als nützlich und beliebt. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs und dem scheinbar verlorenen Popularitätswettkampf mit dem Stummfilm, sank das Interesse am Theater.
4 Vgl. Fischer-Lichte, Geschichte des Dramas 2, S.87
5 vgl. Erika Fischer-Lichte - Kurze Geschichte des deutschen Theaters, S. 252/253
6 vgl. Erika Fischer-Lichte - Kurze Geschichte des deutschen Theaters, S. 263/264
7 vgl. Erika Fischer-Lichte - Kurze Geschichte des deutschen Theaters, S. 264
8 vgl. Zarilli, McConachie, Williams, Sorgenfrei - Theatre Histories, S.294
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Arbeit zitieren:
Anna-Lena Werner, 2007, Die Entstehung des „Realistischen“ Theaters nach 1880 , München, GRIN Verlag GmbH
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