1. Nietzsche
Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844, als das älteste Kind des Pfarrers Carl Ludwig Nietzsche und seiner Frau Franziska in Röcken geboren. Seine Schwester, Elisabeth, kam im Jahr 1846 und sein Bruder, Ludwig Joseph, 1848 zur Welt. 1849-1850 innerhalb von einem Jahr erlitt die Familie zwei Schicksalsschläge. Zuerst starb der Vater an einer „Gehirnerweichung“, deren Ursache man aber nie feststellen konnte. Daraufhin starb der zwei Jahre alte Joseph. Auf Grund dessen war die Familie gezwungen Röcken zu verlassen und zog nach Naumburg zu den verwandten und bekannten der Großmutter. Die starke seelische Gebundenheit Nietzsches an seinen Vater und der frühe Verlust seines Bruders machten ihm den Schmerz unerträglich und färbten auf den damals fünfjährigen und seine Entwicklung stark ab, wie man es auch am folgenden Zitat, den Nietzsche neun Jahre später als eine Aufzeichnung seines Traumes aufschrieb, sehen kann.
„Ich hörte in der Kirche Orgelton wie beim Begräbnis. Da ich sah, was die Ursache wäre, erhob sich plötzlich ein Grab und mein Vater im Sterbekleid entsteigt demselben. Er eilt in die Kirche und kommt in kurzem mit einem kleinem Kinde im Arm wieder. Der Grabflügel öffnet sich, er steigt hinein und die Decke sinkt wieder auf die Öffnung. Sogleich schweigt der rauschende Orgelschwall, und ich erwache. - Den Tag nach dieser Nacht wird plötzlich Josephchen unwohl, bekommt die Krämpfe und stirbt in wenigen Stunden. Unser Schmerz war ungeheuer. Mein Traum war vollständig in Erfüllung gegangen.“ 1 In Naumburg besuchte Nietzsche von 1854 bis 1858 das Naumburger Domgymnasium und erhielt 1858 eine Freistelle an der Elitenschule in Pforta. Die sehr strenge und zugleich hoch angesehene Schule prägte den jungen Nietzsche sehr. Besonders leidenschaftlich widmete er sich dort vor allem der Musik und Literatur. Die tägliche Einhaltung einer eisernen Disziplin, die depressiven, von dem starken Heimweh ausgelösten, Zustände, machten es Nietzsche schwer sich dort zurechtzufinden und legten dadurch den ersten Grundstein seines geistigen Wesens. Dies zeigt seine damalige für die < Germania> geschriebene Niederschrift, die schon viele Ansätze seiner späteren Gedanken über die Umwertung aller Werte und die kritische Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein enthielt.
Von 1864 bis 1869 studierte Nietzsche zuerst in Bonn klassische Philologie und Theologie, bis er auf Befolgung von seinem Professor Ritschl nach Leipzig wechselte und sein Studium dort, allerdings nicht mehr in Theologie, fortführte. In Leipzig traf Nietzsche erstmals auf die Werke Schopenhauers, die sich nicht nur auf sein Denken, sondern auch auf seinen geistigen
1 Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche Biographie. Bd.1. Kösel, Kempten 1993. S.47
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Zustand erheblich ausgewirkt haben und über welche er sagte „Hier sah ich Krankheit und Heilung, Verbannung und Zufluchtsort, Hölle und Himmel.“ 2
„Am stärksten schreit ihm die Sinnlosigkeit des Daseins aus diesen Blättern entgegen, und, gewaltsam wie er ist und immer zur Konsequenz entschlossen, beginnt er gegen sich zu wüten mit erbarmungsloser Selbstanalyse und Selbstpeinigung. Den einzigen Weg für sich sieht er in der Askese, und zwar der Askese in ihrer scharfen körperlichen Form.“ 3 Die anfängliche Bewunderung für die Person Schopenhauer und seine Lehren zogen Nietzsche immer mehr in ihre Bann und schufen für ihn einen geistigen Rückhalt. Auch die Bekanntschaft mit Richard Wagner, die ihm die Impulse für seine späteren Werke Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872), Richard Wagner in Bayreuth (1876) und Nietzsche contra Wagner (1895), gab, fand in Leipzig statt. Im Jahr 1869, nach dem einjährigen Militärdienst, wurde Nietzsche wegen seinen Veröffentlichungen der Doktorgrad erteilt. Im gleichen Jahr nahm er, auf die Empfehlung von Ritschl seine Professur für die klassische Philologie an der Universität Basel auf, die allerdings schon nach zehn Jahren, wegen seinen immer wieder auftretenden Krankheiten, zu Ende ging. In den folgenden zehn Jahren bis 1889 verbrach Nietzsche sein Leben als freier Philosoph. Er zog sich zurück und wandte sich komplett von seinen alten Freunden und der Familie ab. Doch andere, neue Bekanntschaften wie zum Beispiel mit Paul Reé und Lou Andreas Salomé, um nur einige davon zu nennen, ließen nicht lang auf sich warten. Der ständige Kampf um seine Gesundheit brachte ihn nach Venedig, Turin und Nizza, wo er das passende Klima für seinen Wohlstand suchte, aber alles ohne andauernden Erfolg. Heute vermutet man, dass viele von den körperlichen Beschwerden, wie Kurzsichtigkeit, ständiges Erbrechen, starke Migräneanfälle, die Nietzsche quälten, Erbkrankheiten gewesen sind, da man diese auch bei seiner Schwester und seinem Vater beobachtete. Eine Lösung zur derer Behebung konnte man jedoch nicht finden. Das einzige Heilungsmittel, welches der Patient, Nietzsche, sich selbst verschrieb, schien die Askese zu sein. Auf Grund von seinen Krankheiten war Nietzsche permanent gezwungen sich an neue Lebensbedingungen anzupassen und seinen Lebensstil zu ändern. Dagegen kämpfte er mit der asketischen Selbstzucht an und man spekuliert, dass gerade sie ihm die Tore zu seinen immer wieder neuen Erkenntnissen und Gedanken öffnete. Dies belegen auch seine Werke, wie Die fröhliche Wissenschaft (1882), Also sprach Zarathustra (1883), Zur Genealogie der Moral (1887), Der Antichrist (1894), die er in den letzten Jahren seines Lebens veröffentlichte.1889 erlitt Nietzsche einen starken Zusammenbruch in Turin
2 Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche Biographie. Bd.1. Kösel, Kempten 1993. S. 180
3 Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche Biographie. Bd.1. Kösel, Kempten 1993. S. 180-181
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und starb ein Jahr später 1990 in geistiger Auflösung. Zu seinen letzten Jahren äußerte sich Nietzsche folgend:
„Meine Existenz ist eine fürchterliche Last: ich hätte sie längst von mir abgeworfen, wenn ich nicht die lehrreichsten Proben und Experimente auf geistig-sittlichem Gebiete gerade in diesem Zustande des Leidens und der fast absoluten Entsagung machte- diese erkenntnisdurstige Freudigkeit bringt mich auf Höhen, wo ich über aller Marter und Hoffnungslosigkeit siege. Im ganzen bin ich glücklicher als je in meinem Leben.“ 4
2. Einleitung
Die vorliegende Arbeit basiert auf der Streitschrift Genealogie der Moral (1887) von Friedrich Nietzsche. Das Werk besteht aus drei Abhandlungen. In den ersten zwei Abhandlungen „ Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“ und „Schuld“, „schlechtes Gewissen“ und Verwandtes versucht Nietzsche hinter der Entstehungsgeschichte der Moral zu kommen, indem er jene Werturteile in Frage stellt. Mit der dritten Abhandlung „Was bedeuten asketische Ideale?“, die den Leitfaden dieser Arbeit bildet, schließt Nietzsche mit der etymologischen Forschung der Entstehungsgeschichte der Moral ab. Nun führt er den Gedanken seiner Moralkritik weiter bis zum europäischen Nihilismus- dem Willen zum Nichts als gravierende Folge aller Leben.
Die Intention dieser Arbeit beschränkt sich auf die Aphorismen 16, 18, 20, 21 der dritten Abhandlung. Die Hauptgedanken über die zentrale Funktion des Sinnes durch die Askese, den asketischen Priester und den Willen zur Macht sind der Schwerpunkt dieser Arbeit.
Das asketische Ideal in der Genealogie der Moral 3.
In der dritten Abhandlung „Was bedeuten asketische Ideale?“ der Genealogie der Moral beschäftigt sich Nietzsche, wie es auch schon die Überschrift der Abhandlung verrät, mit der Suche nach der Bedeutung, Herkunft, Inhalt, Sinn des asketischen Ideals. Der Sinn von dem schon vorhandenen Sinn wird in Frage gestellt. Das Hinterfragen aller Sinne bzw. des Sinnes soll wiederum einen Sinn für die gegenwärtige Existenz des Menschen ergeben. Das was gesucht wird heißt: das asketische Ideal. Dies ist das was dem Menschen, jenem Tier, jenem krankhaft Leidenden eine Bedeutung zuschreibt, die für ihn um das Leben willens notwendig ist und welche Nietzsche dem Leser gleich zu Beginn des ersten Aphorismus verkündigt.
4 Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche Biographie. Bd.2. Kösel, Kempten 1993. S. 13
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„Dass aber überhaupt das asketische Ideal dem Menschen so viel bedeutet hat, darin drückt sich die Grundthatsache des menschlichen Willens aus, sein horror vacui: er braucht ein Ziel,-und eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen.“ 5 Das Ziel aller Sterblichen, den asketischen Priester ausgenommen, lautet also: Nichts. Folgend in den Aphorismen 2-10 betrachtet Nietzsche die Bedeutung des asketischen Ideals bei den Künstlern am Beispiel von Richard Wagner, bei den Philosophen am Beispiel von Arthur Schopenhauer, bei den Frauen, bei der Mehrzahl der Sterblichen und bei den Heiligen und fragt dann nach seinem Ernst bei diesen Gruppen. Ab den Aphorismen 11-22 beschäftigt sich Nietzsche mit dem asketischen Ideal bei den Priestern. „Jetzt erst, nachdem wir den asketischen Priester in Sicht bekommen haben, rücken wir unsrem Probleme: was bedeutet das asketische Ideal?“ 6 Erst bei dem asketischen Priester dem Repräsentanten des Ernstes 7 , wie Nietzsche ihn nannte, findet sich das im Ernst genommene Ideal. Die Bedeutung des asketischen Ideals bei den Priestern leitet Nietzsche rein aus der physiologischen Perspektive von drei Prämissen ab- von der logischen, da es ein Selbstwiderspruch in sich ist, von der psychologischen, da es eine Illusion des Leibes hervorruft und schließlich von der physiologischen, die Nietzsche aber anhand des Argumentes, dass die Menschheit die Bedeutung des Gesund- Seins gar nicht kennt, sofort verwirft. Somit ist der asketische Priester der Einzige, der die Macht über den Sinn des Lebens der Menschen, Künstler und Philosophen eingeschlossen, da sie ohne den vom asketischen Priester beherrschten Apparat der Kultur nur Bilder und Meinungen ohne Wirkung haben, besitzt und die Aufgabe hat eine Lebensmöglichkeit für eine todkranke Kultur zu finden. 8 Daraus, dass die Askese einen Widerspruch “gegen das Leben leben“ in sich trägt und damit eine Wertung des Daseins, aus einer gegensätzlichen Perspektive, die nämlich aus einer Abwertung des Daseins, letztendlich dem Nichts, besteht, ausmacht, kommt der eigentliche Kunstgriff des asketischen Priesters zustande- die Heilung der Menschen mit der gleichzeitigen Infektion. Es entsteht also ein Gleichgewicht, mit welchem der asketische Priester das Leben beherrscht, indem er die Richtung des Ressentiments verändert. Er entlädt und belädt dieses zugleich, damit das für das Leben nötige Gleichgewicht erhalten bleibt. Die Gesamtheit dieser Vorgänge dient einem einzigen Zwecke und zwar dem Sinn, der sich nur auf diese Art und Weise ergeben kann. Denn wenn diese Gegensätzlichkeit “Heilen- Krank machen“ sich nicht wieder ausgleichen würde, verliere der asketische Priester seine Macht, weil wenn er nur heilen oder nur krank
5 Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. S. 92
6 Ebd. S. 114
7 Ebd. S. 114
8 Stegmeier, Werner: Nietzsches Genealogie der Moral. Darmstadt 1994. S. 189
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Arbeit zitieren:
2008, Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, München, GRIN Verlag GmbH
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