1 Einleitung
Die Ursprünge der Rhetorik verbinden wir heute mit Namen wie Korax und Teisias, Gorgias von Leontini, Platon, Aristoteles, Cicero und nicht zu vergessen Marcus Fabius Quintilian. M. F. Quintilian wurde 35 n. Chr. in der römischen Provinz Hispania, in Calgurris geboren. In seinen jungen Jahren kam Quintilian nach Rom um Grammatik und Rhetorik zu studieren. Seine Karriere hatte 71 n. Chr den Höhenpunkt erreicht, als Quintilian der erste besoldete Professor für Rhetorik in Rom wurde. Sein einziges vollständig erhaltenes, zugleich auch das wichtigste und sehr umfangreiches Werk ist „ Institutio oratoria “, welches aus zwölf Büchern besteht. Das war einer der ersten systematisch-didaktischen Lehrbücher der Rhetorik, das so präzise herausgearbeitet wurde. Quintilian umfasst alle Themenbereiche, die für die Ausbildung des Redners nötig sind. Er beginnt beim Kindesalter, geht über die rhetorische Theorie und schließt mit den Tätigkeiten nach einer Karriere als Redner ab. Die Vorgehensweise der Strukturierung und die Systematisierung seines Lehrbuches ähneln sehr dem Werk Ciceros „ De inventione“. Quintilian hielt Cicero für den perfekten Redner und war u.a durch seine Werke stark beeinflusst, die er auch in seinem Lehrbuch mehrmals erwähnt.
„ et Cicero quidem in rhetoricis iudicium subiecit inventioni: […] quod hoc audacius dixerim, quod in Partitionibus oratoriis ad easdem, de quibus supra dictum est, quinque pervenit partes. “ 1 Quintilian's Lehrwerk hatte schon in der Antike eine große Wirkung auf die Rhetorik gezeigt und hat sich über Jahrhunderte, vor allem im Mittelalter und der Renaissance, hingehalten. Die folgende Arbeit konzentriert sich auf den Aufbau und Methodologie des Werkes „ Institutio oratoria“.
2 Definition „ Dispositio “
Dispositio hat die Aufgabe den Stoff der Rede in Hinsicht auf die drei Aufgaben des Redners (docere-delectare-movere), die zur Überzeugung dienen, sinnvoll anzuordnen. Mit Hilfe der Dispositio soll man „ dem zusammengetragenen Rohrmaterial die Form einer Rede geben. “ 2 Dispositio ist eine von sechs Produktionsstadien einer Rede. Von sechs Stadien ist Dispositio, nach Intellectio und Inventio und vor Elocutio, die dritte. Diese Auffassung überlieferte uns der Lehrmeister Quintilian (35-100 n.Chr.). Aber nicht nur Quintilian beschäftigte sich mit
1 Quintilian, Marcus Fabius: Ausbildung des Redners. Hrsg. von Helmut Rahn. Darmstadt. Teil 1. Buch III, 6
durchges. Auflage.- 1988. S. 290, 292.
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den Produktionsstadien der Rede, insbesondere mit der Platzierung der Dispositio. Ähnliche Überlegungen führten in der Antike ebenfalls Cicero (102-43 v.Chr.) und Aristoteles (384- 322 v.Chr.). Ciceros Schrift „ De inventione “ machte damals schon auf dieses nicht einfache Problem aufmerksam. Zu bemerken ist aber, dass es die Möglichkeit besteht, dass es gar nicht Ciceros eigener Gedankengang war, sondern er diesen von der Schrift „ Rhetorica ad Herennium “, dessen Autor bis heute unbekannt ist, ableitete und ausarbeitete. Cicero ordnete Dispositio an die dritte Stelle nach Inventio und vor allem nach elocutio ein. Allerdings ist zu bemerken, dass es bei Cicero den ersten Schritt Intellectio, wie wir diesen von Quintilian kennen, nicht gab, wahrscheinlich wegen der engen Bindung zur Inventio und der Schwierigkeit der Definierung. Auf alle Fälle betrachtete Cicero die Intellectio nicht als einen Extrapunkt in den Produktionsstadien. Der wichtige Punkt ist hier der Konkurrenzkampf zwischen Dispositio und Elocutio. Dieses Problem basiert auf der Unterscheidung zwischen in der Inventio gefundenen res (Stoff) und für die Elocutio wichtigen verba (Worte). Denn Cicero war der Auffassung, dass nicht nur die res, sondern auch die verba für die Rede gegliedert sein müssen. Eine weitere Begründung für die dritte Platzierung der Dispositio sah Cicero in der natürlichen Verbindung der Dispositio zur Elocutio. Auch Aristoteles war der gleichen Auffassung wie Cicero und ordnete der Dispositio in seinem dritten Buch über die Rhetorik ebenfalls den dritten Platz nach Inventio und Elocutio zu. Warum es überhaupt so viele verschiedene Versionen über die Stellung der Dispositio gab, beantwortet uns die Frage, die schon in der Antike sehr strittig war: wie viele und welche Teile sollen denn überhaupt eine Rolle für den Redner und seine überzeugende Rede spielen? Dank dem Werk „ Institutio oratoria“ von Quintilian legte man sich auf ein System fest, indem Dispositio an der dritten Stelle nach Intellectio und Inventio und vor Elocutio steht.
2.1 Unterscheidung zwischen ordo und dispositio
Die Unterscheidung zwischen dem Begriff ordo und dispositio führt ebenfalls auf die Antike zurück. Nach Quintilian war das Urteilsvermögen (iudicium), welches in allen Schritten zu beachten ist, für den Redner notwendig um eine überzeugende Rede zu produzieren. Dieser Schritt entspricht der vom Quintilian eingeführten Intellectio, die heute als erstes Produktionsstadium ihre Gültigkeit hat. Somit ist das Iudicium die Fähigkeit, die der Redner für die Anwendung der Intellectio braucht. Auf die Dispositio bezogen, kann dieses als das Bemühen (diligentia) des Redners gesehen werden. Der Redner muss sein Bemühen für den in der Inventio gesammelten Redestoff sowohl auf die Anordnung der Redeteile, als auch für
2 Ueding, Gert: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 1. Tübingen 1994. S. 831
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die Anordnung der Argumente, auf ihre Stärke, Bedeutung und Urteil, benutzen. Somit tauchte eine Ergänzung zur Dispositio, ordo, auf. Vom unseren heutigen Stand ausgesehen, kann man sagen, dass man in der Antike sich aufgrund von vielen verschiedenen Varianten nicht auf eine Definition von Dispositio festlegen konnte. Man trennte die von uns heute angewendete Definition von Dispositio in ordo und dispositio. Ordo hatte die Aufgabe die einzelnen Teile der Rede zu ordnen und die dispositio sorgte dafür, dass die ganze Zusammenstellung angeordnet und verknüpft wird. Im Laufe der Zeit wurden die beiden Theorien zusammengefügt und ordo wurde nicht mehr als solches beachtet.
2.2 Die Gliederungstypen der Dispositio
Seit der Schrift „ Rhetorica ad Herennium “ sind zwei Gliederungstypen der Dispositio ordo naturalis und ordo artificialis, bekannt. Der bis heute unbekannte Autor berücksichtigt in seiner Schrift, die im vorherigen Abschnitt genannten Unterschiede zwischen Dispositio und ordo, unterscheidet diese jedoch nicht nach Begriffen. Die ordo naturalis bezeichnet die natürliche Abfolge der Redeteile, ohne dass der Redner sich der Kunst ( ars ) bedient. Cicero betonte sogar in seinem Werk „ De oratore “, dass die Natur der Rede es selber vorschreibt mit der Einleitung ( exordium ) anzufangen, dann den Sachverhalt ( propositio/ narratio ) darzulegen, als dieser gesagt worden ist, die Argumente zu stärken und zu widerlegen ( argumentatio/ probatio/ refutatio ) und schließlich das Schlusswort vorzutragen ( peroratio ). Bei ordo artificialis dagegen soll sich der Redner der Kunst bedienen. Ordo artificialis entsteht, wenn die ordo naturalis verändert wird, indem man Redeteile auslässt, diese vertauscht oder/ und unterbricht. Der Redner darf zum Beispiel das Exordium weglassen, wenn seine Redezeit begrenzt ist oder die Argumentatio in die Narratio verschlingen, wenn es der Überzeugung dient. Der absolute Meister der ordo artificialis war unumstritten Cicero. Der homo novus beherrschte diese Kunst wie kein anderer zu seiner und sogar zu späteren Zeit.
3 Der Aufbau des Werkes „ Institutio oratoria “
Das Werk „ Institutio oratoria “ teilt sich ganz allgemein in XII Bücher und 109 Kapitel. Das erste Buch hat zwölf Kapitel und wird mit einem prooemium eingeleitet, aus dem Quintilian’s Motivation, dieses Buch zu schreiben, entspringt. Dann folgt im ersten Kapitel die Beschreibung der ersten Grundlagen für die Rednerausbildung. Das Auffällige an dieser Stelle ist, dass Quintilian hier schon die memoria und pronuntatio, die eigentlich die letzten Produktionsstadien der Rede sind und er sie als diese erst im dritten Buch beschreibt, erwähnt.
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„ prosequitur haec memoria in senectutem et inpressa animo rudi usque ad mores proficiet. etiam dicta clarorum virorum et electos ex poetis maxime locos ediscere inter lusum licet. nam et maxime necessaria est oratori, sicut suo loco dicam, memoria et ea praecipue firmatur atque alitur exercitatione et in his, de quibus nunc loquimur, aetatibus, quae nihildum ipsae generare ex e queunt, prope sola est, quae iuvari cura docentium possit. “ 3
Die Kapitel vier bis acht haben ein übergeordnetes Thema „ Grammatik “. Man könnte also sagen, dass das erste Buch auch eigentlich nur acht Kapitel hat, aber Quintilian unterteilte diese genauer, höchstwahrscheinlich um Verwirrungen zu vermeiden. Im vierten Kapitel fängt er mit dem Thema Grammatik an, da der heranwachsende Redner es als erstes lernen solle. Somit schafft Quintilian eine logische und übersichtliche Verknüpfung zu den drei vorangehenden Kapiteln, die die ersten Grundlagen schon von der Geburt an bis zum Einzelunterricht über die Begabungsunterschiede und über die Behandlung der Kinder aussagen. Quintilian arbeitet mit einem chronologischen Aufbau auf das menschliche Alter bezogen. Nun zu den von Quintilian aufgespalteten Kapiteln fünf bis acht. Er fängt also im vierten Kapitel das erste Mal über die Grammatik zu sprechen an, fährt fort mit einem neuem Kapitel ebenfalls über die Grammatik, aber nun auf ihre Rolle in der Rede bezogen. Er spricht von Fehlern, die man vermeiden soll und lenkt in den Bereich der elocutio über, über welche im neunten Buch ausführlich gesprochen wird. Auffällig ist, dass Quintillian für das übersetzte Wort „ Figur “ das lateinische „ schemata “ benutzt und somit die Verwechslung mit der Bezeichnung für Redeschmuck vermeidet. Aus der Übersetzung geht die Trennung der Begriffe auf den ersten Blick nicht hervor. Im Kapitel sechs, welches ebenfalls über die Grammatik ist, spezialisiert er sich weiter auf ihre Aufgabe in der Rede. Dieses Kapitel deutet schon das nächste an, welches über das Schreiben ist. Da nun das siebte Buch über die Rechtschreibung handelte und das sechste über das Sprechen, folgt nun im achten das Lesen der Lektüren. Er bleibt im Bereich der Grammatik und beschreibt im neunten Kapitel die rhetorischen Vorstudien beim Grammatiklehrer. Wie man bis hierhin sehen kann hat die Kapitelunterteilung einen logischen Zusammenhang, auch die Unterteilung der Kapiteln fünf bis acht ist nun nachvollziehbar, da der Leser dadurch die verschiedenen Themenbereiche der Grammatik, die Quintilian anspricht, nicht verwechseln kann. Durch die präzise Aufteilung und Anordnung wird man als Leser auf die Punkte hingewiesen. Ein weiterer Grund, dass Quintilian den Bereich der Grammatik gleich im ersten Buch behandelt und nicht zum Beispiel in einem extra Buch oder Kapitel unter „ artes liberalis “ erkennt man durch den Hinweis, dass das Lernen der Grammatik das notwendigste in jungen Jahren sei und deshalb gleich am Anfang der Ausbildung gelernt werden soll. Im zehnten Kapitel werden die anderen
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Quintilian, Marcus Fabius: Ausbildung des Redners. Hrgs. von Helmut Rahn. Darmstadt. Teil 1. Buch I-IV., durchges. Auflage.- 1988. S. 26, 28.
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2007, Disposition in Quintilian’s Lehrbuch 'Institutio Oratoria', Munich, GRIN Publishing GmbH
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