PILGERN ALS EINE NEUE FORM DES TOURISMUS:
DIE ENTWICKLUNG DES SPIRTUELLEN REISENS AUF DEM JAKOBSWEG
1. Einleitung. 2-3
2. Pilgern als eine neue Form des Tourismus. 4
2.1. Spiritualität und Reisen 7-9
2.2. Pilgertourismus im Mittelalter 7-9
2.3. Die Motivation des Pilgerns (heute) 9-10
3. Der Jakobsweg. 11
3.1. Der Jakobskult und die historische Grundlage 11-12
3.2. Der Camino wird zur größten Pilgertradition des christlichen Westens. 13-14
3.3. Der Jakobsweg heute: Aufschwung in der Moderne. 15-18
3.4. Umgang der nordspanischen Regionen mit dem Tourismus 18-20
4. Die Stadt Burgos als Raum für eine empirische Untersuchung 21
4.1. Befragungsziel und Teilnehmerzusammensetzung 21-22
4.2. Aufbau des Fragebogens 22-23
4.3. Ergebnis der Befragung 23-28
5. Abschlussbetrachtung 29-30
6. Literatur- und Quellenverzeichnis. 31-34
7. Abbildungsverzeichnis 35-36
ANHANG A: Fragebögen 37
A 1: Fragebogen blanco deutsch. 37-40
A 2: Fragebogen blanco spanisch 41-44
ANHANG B: Auswertung der einzelnen Fragen der Fragebögen 45
1. Einleitung
In den Religionen wird das Gehen und Wandeln, die Pilgerreise als eine Wandelbahn auf den Spuren Gottes genommen. Seit dem Mittelalter gelten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela zu den hohen christlichen Walfahrtsorten Europas. Die Pilgerreise nach Compostela erlebt seit ca. 20 Jahren eine erstaunliche Renaissance. Dies zeigt das Bedürfnis der Menschen, die schnelllebige Welt für eine Weile hinter sich zu lassen und davon zu wandeln. Über die im engeren oder weiteren Sinne spirituellen Motive hinaus spielen bei der Entscheidung für eine Pilgerreise meist noch zahlreiche weitere Gründe eine Rolle, die unter anderem in der folgenden Arbeit untersucht werden. Den Zuspruch, den der Jakobsweg heute über alle politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg findet, steht sinnbildlich für das Wiedererwachen eines gewissen spirituellen Interesses. Es wird immer häufiger in Form des Pilgerns ausgedrückt, so dass dies schon einen touristischen Charakter erlangt hat. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dieser neuen „Modeerscheinung“. Ausgangspunkt der Analyse ist zum einen die Frage, wie sich die Popularität des Pilgerns, insbesondere auf dem Jakobsweg, im Laufe der vergangenen Epochen entwickelt hat, und zum Zweiten welche Wirkung das Pilgern als eine Form des Tourismus auf einen Raum (hier: Burgos) und dessen Bevölkerung hat. Aufbauend auf dieser zentralen Fragestellung gliedert sich die Arbeit in drei wesentliche Teile. Der erste Teil (Kapitel 2) beschäftigt sich mit theoretischen Inhalten. So wird zuerst der begrifflichen Bedeutung der Wörter Spiritualität und Reisen nachgegangen und diese im Zusammenhang betrachtet. Des Weiteren werden zentrale Aspekte der Geschichte des Pilgerns aufgegriffen, sowie die heutigen Beweggründe eine solche Reise anzutreten. Dieses Kapitel bildet durch die theoretische Annäherung die Basis für den zweiten Teil (Kapitel 3) der Arbeit, in der speziell der Jakobsweg im Fokus der Untersuchung steht. Dazu ist es zu Beginn des Kapitels notwenig, zentrale Aspekte der Geschichte des Weges, mit ihrem Ursprung zu erläutern, um zu verstehen, auf welche Grundlage die Kulturstraße basiert. Neben dem Ursprung des Weges findet vor allem eine Konzentration auf das Mittelalter statt, da in dieser Epoche der Weg seine größte Bedeutung erlangte, die meisten
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Maßnahmen seitens der Netzwerke sich hier entwickelten und die Forschungslage hier am umfangreichsten ist. In einem nächsten Schritt wird dann der Aufschwung des Weges in die Moderne untersucht, und wie sich die autonomen Regionen ab 1990 bezüglich des Tourismus verhalten haben. Dieser Punkt bildet den Übergang für den letzten Teil (Kapitel 4). Hier stehen speziell die Stadt Burgos und dessen Bevölkerung im Zentrum der Betrachtung. Es sollen die Auswirkungen des Pilger-Tourismus auf die Stadt anhand der Daten des Instituto Nacional de Estadística, sowie anhand von Aussagen der Bevölkerung dargestellt werden. Um diese Aussagen erfassen zu können wurde vorab in Burgos eine Befragung von der Verfasserin durchgeführt, die nun auch eine empirische Darstellung ermöglichen. So kann ermittelt werden, ob der Tourismus positiv in der einheimischen Bevölkerung angenommen wird, und ob es auch Vorteile für das Stadtbild mit sich bringt. Abschließend werden die Resultate der einzelnen Kapitel in der Abschlussbetrachtung in Kapitel 5 zusammengefasst. Zu Beginn eines jeden Großkapitels wird nochmals eine kurze Einleitung angeführt, in der die Inhalte und Ziele des Abschnittes kurz zusammenfassend dargestellt werden, um so einen Überblick über das Kommende zu geben.
Zur Quellenlage muss gesagt werden, dass bezügliches des Jakobsweges sowohl auf belletristischer, als auch auf wissenschaftlicher Basis unzählige Veröffentlichungen in zahlreichen europäischen Sprachen vorhanden sind, allerdings beziehen sich diese überwiegend auf den Jakobuskult und die Entwicklung der Wegstrecke im Mittelalter. Wichtig anzuführen sind hier vor allem die Schriften von Klaus Herbers und Robert Plötz, die eine Grundlage für historische Untersuchung der folgenden Arbeit darstellt. Der Teil der Arbeit der sich mit dem aktuell Pilgertourismus auf dem Jakobsweg beschäftigt, basiert überwiegend auf Daten des Spanischen Bundesinstitutes für Statistik, Informationen der Stadtverwaltungen und der Verwaltungen der autonomen Regionen, sowie Statistiken des Domkapitels der Kathedrale von Santiago de Compostela. Wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema sind noch kaum vorhanden, da dieses sehr aktuell ist. Der Pilgertourismus in Europa ist erst Mitte der 1990er Jahre populär geworden, entsprechend ist der Forschungsstand hier noch sehr jung.
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2. Pilgern als eine neue Form des Tourismus
In einer Zeit, die belastend, laut und einsam empfunden wird, wächst der Wunsch nach Spiritualität und Einkehr. Es scheint als würde sich dieser Wunsch nach geistiger Erholung und die Suche nach Stille in einem spirituellen Rückzug manifestieren. Ein meditatives Wandern
beziehungsweise Pilgern soll helfen mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Die Nachfrage nach Pilger-Urlaubsangebote ist entsprechend hoch. 2005 unternehmen die Europäer rund 2,5 Millionen reine Pilgerfahrten. 1 Doch was ist das Besondere an der Verbindung zwischen Spiritualität und Tourismus, wie ist spiritueller Tourismus zu beschrieben und ist speziell die heutige Pilgerreise mit einer touristischen Reise gleichgesetzt? Im folgenden Kapitel wird versucht diese Fragen zu beantworten. Darüber hinaus wird ein Blick auf die lange Tradition der Pilgerreisen geworfen, denn es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der aktuell religiös motivierte Pilgertourismus auf die mittelalterlichen Wallfahrten aufbaut. Zum Abschluss dieses Abschnittes soll der Frage nachgegangen werden, ob es heute noch ausschließlich rein religiöse Gründe sind, die die Menschen dazu motiviert, sich auf den Weg machen, oder ob es auch andere Beweggründe gibt, und wenn ja welche? Hier stehen insbesondere Motivationsgründe der „Fußläufigen“ 2 im Vordergrund.
2.1 Spiritualität und Reisen
Als Leitbegriff dieser Studie wird ein Wort-Paar gewählt, welches widersprüchlicher nicht sein kann: Spirituelles Reisen. Es vereint Gott und die Materie, Religion und Wirtschaft, sowie Kirche und Welt. Der Begriff Spiritualität zählt zweifellos zu den religiösen Modewörtern unserer Zeit, ohne dass dies mit einem klaren religiösen Bekenntnis verbunden sein muss. 3 So werden heute verschiedene Angebote mit dem Prädikat spirituell geschmückt. Die Wurzeln des Begriffes reichen jedoch
1
Vgl.: EUROVIA: Pilgern liegt im Trend (Artikel aus der Presse. Salzburger Nachrichten 20.06.07.).
2 W. WEHAB: Gehkultur. Mobilität und Fortschritt seit der Industrialisierung aus fußläufiger Sicht. Frankfurt a. M. 1997. S.13.
3 W. HAUNERLAND: Spiritualität der Kirche und Spiritualität der Einzelnen - Ein spannungsvolles und befruchtendes Verhältnis, in: Liturgie und Spiritualität, hrsg. von W. Haunerland, Trier 2004. S.11.
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zurück bis auf das frühchristliche lateinische spiritualis, eine christliche Neuschöpfung für das neutestamentliche, altgriechische pneumatikós. 4 Gemeinsam ist diesen Begriffen im Kern das Wort Geist (spiritus oder pneuma). Somit meint Spiritualität im ursprünglichen christlichen Wortsinn eine auf den Heiligen Geist, den Geist Gottes und Jesu bezogene Lebenshaltung- und Führung. 5 In Deutschland wird der Begriff erst nach 1945 gebräuchlich und erlangt erst nach und nach in der theologischen Diskussion eine Bedeutung. Nach dem heutigen Sprachgebrauch umfasst Spiritualität das nach innen als auch das nach außen gerichtete geistliche Suchen und spricht nicht nur den christlichen, kirchlichen oder religiösen Menschen an. Das Streben nach Transzendenz im Sinne der Spiritualität meint letztlich eine geistliche Reise. Das Wortpaar spirituelle Reise beschreibt nun das Phänomen, dass Menschen ihre „geistliche Reise“ mit einer „tatsächlichen Reise“ verbinden. Damit geht einher, dass die Vorstellung von einem bewussten Leben und einer allgemeinen Religiosität im Kontext des Urlaubes als Segment des Lebens als Ich-Erweiterung verstanden wird, denn die Sehnsucht nach spirituellen Erfahrungen steht im Vordergrund. 6 Diese Form des Tourismus, in ihrer konfessionslosen Erscheinungsform spricht Menschen westlicher Ländern an, die für eine begrenzte Zeit aus ihrer schnelllebigen Welt entfliehen wollten und auf Sinnsuche sind. Entsprechend kann spirituelles Reisen als eine Form der entkonfessionalisierten Erlebnisreligiosität beschrieben werden. 7 Zielpunkte spiritueller Reisen können meist Länder beziehungsweise Landschaften sein, die mit einer besonderen Aura umgeben sind und von dessen Besuch die Menschen sich bestimme Auswirkungen auf die eigenen Psyche erwarten. Hierzu sind beispielsweise Länder, wie das spirituell mystische Indien oder das yoga- und trekkingreiche Nepal zu nennen. Auch der Heilige Berg Kailash in Tibet gehört in diese Kategorie. Neben speziellen Ländern können ebenfalls Orte und Wege mit einer aufgeladenen religiösen Bedeutung, Zielpunkt sein. Der Jakobsweg, welcher in der folgenden Arbeit als Untersuchungsraum gilt, zählt zu solchen Wegen. Die Menschen werden auf diesen gezogen, wie eine Art Anziehungskraft, durch das Wissen, dass
4 K. WIGGERMANN: Art. Spiritualität, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 31, hrsg. von G. Müller u.a., Berlin/New York 2000, S.708-717.
5 W. HAUNERLAND: Spiritualität der Kirche und Spiritualität der Einzelnen - Ein spannungsvolles und befruchtendes Verhältnis, in: Liturgie und Spiritualität, hrsg. von W. Haunerland, Trier 2004, S.12.
6 C. ANTZ: Spiritueller Tourismus, in: Tourismus - Herausforderung - Zukunft, hrsg. von R. Egger/T. Herdin, Wien/Berlin 2007. S. 113-122.
7 H. J. HÖHN: Spiritualität- Ein Erlebnis, in: Meditation 26 (2000), Heft 4, S.2-7.
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die Strecke über Jahrhunderte hinweg von anderen gegangen worden ist. Doch in wie fern kann insbesondere das Pilgern mit eine touristische Reise verglichen werden? Das Pilgern, beispielsweise auf dem Jakobsweg, steht für viele Menschen symbolisch für den eigenen Lebensweg und es wird erhofft, dass durch das Wandern zu seinem eigenen Ich vorgedrungen werden kann. Der Weg, und in Folge dessen der Status eines ständigen Pilgers gilt als zentrale Metapher der Erreichung der göttlichen Sphäre. 8 In der Jetztzeit sind alljährlich Milliarden Menschen in Richtung heiliger Orte unterwegs (nicht nur nach Saintiago de Compostela). Gegenüber der postmodernen touristischen Reise hebt sich die Pilgerreise durch ein grundlegendes Merkmal ab: Sie reduziert sich auf der technisierten Raumüberwindung, auf eine Ankommensfahrt. 9 Trotz dessen ist das Unterwegssein nicht vergleichbar mit dem einstigen Pilgern. 10 Heutzutage ist sicher, dass das Ziel mit Sicherheit erreicht wird, so ist der Raum an sich irrelevant geworden. Insofern lässt sich das heutige Unterwegssein, als eine von vielen Arten der Aktivitäten in der touristischen Freizeit kennzeichnen. Touristisches Reisen ist
Erholungsfreizeit, ein alljährlich wiederkehrender Bestandteil in der biographischen Lebenszeit in der man sich re-kreieren, das heißt im lateinischen Sinne, sich wiedererschaffen will. Wie einst das vormoderne Pilgern die Legitimation einschloss, sich vom Heimatort entfernen zu dürfendie Erlaubnis gab Gottvater Jesus Christus-, so gewährt heute der Staat in der Rolle des Vaters sich vom Arbeitsplatz und Wohnort zu entfernen und beispielsweise zu verreisen. 11 Diese etymologische Bedeutung vom Begriff Urlaub kommt im englischen „vacation“ (Freizeit, Ferien, Urlaub) ebenso zum Ausdruck wie bei dem lateinischen „vacatio“ (Freisein, Befreitsein). Entsprechend verweisen die Begriffe Pilgern, Reisen, Touren und Urlauben allesamt auf Aufbrechen, Entfernen bzw. Verlassen. Wer heute pilgert, der realisiert dies in seiner Freizeit oder im Urlaub und ist daher ein „Freizeitpilger“ beziehungsweise ein „Pilgertourist“.
8 A. FLEISCHER:The Tourist behind the Pilgrim in the Holy Land, in: The Journal of East and West Studies 19 (2000), S.311-326.
9 J. STAG: Die Methodisierung des Reisen im 16. Jahrhundert, in: Der Reisebericht, hrsg.: P. Brenner, Frankfurt a. M. 1989,S.140-177.
10 W. WEHAB: Gehkultur. Mobilität und Fortschritt seit der Industrialisierung aus fußläufiger Sicht. Frankfurt a. M. 1997, S. 45.
11 R. LOIS GONZALES /J. MEDINA SOMOZA: Cultural Tourism and Urban Management in North-Western Spain. The Pilgrimage to Santiago de Compostela, in: Tourism Geographies 5 (2003), S.446-460.
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2.2 Pilgertourismus im Mittelalter
Im Mittelalter waren weite Reisen in der Regel nur einem sehr eingegrenzten Personenkreis möglich. Zu diesen zählten Herrscher und ihre Gefolge, hohe geistliche Würdenträger, Missionare, Boten und Kaufleute. Für die Angehörigen anderer sozialer Schichten gab es ab dem 12. Jahrhundert eine andere Form des Unterwegssein, die praktiziert werden konnte: Die Pilgerfahrt. Der Begriff peregrini stand für den Pilger. Unter dem Begriff ist grundsätzlich der Fremde zu verstehen, der in der Ferne sein Heil sucht. In mittelalterlichen Kirchen brachen Mönche und andere Gläubige freiwillig ins Ungewisse auf, um als peregrini ihr Heil zu suchen. Später konnte sich das Ziel konkretisieren. Es entwickelte sich das Bedürfnis auf den Spuren des Herren zu wandeln und alle Orte zu besuchen, an denen der Erlöser leibhaftig gewirkt hat. So löste die Pilgerfahrt zu heiligen Orten (auch: ad loca sancta) die peregrnationes pro Christo nach und nach ab. 12 Zwei weitere Bedürfnisse wurden im Mittelalter für die Entwicklung der Pilgerfahrt bedeutsam. Zum einen konnte man durch das Pilgern zu heiligen Orten buße tun und so für sein Seelenheil sorgen. Zum anderen wurden seit dem 4.Jahrhundert den Überresten der heiligen Leichnamen (Reliquien) zunehmend übernatürliche Kräfte angemaßt, so dass ein Besuch ihrer heiligen Gräber Heil und Erlösung versprach.
Der Pilger selbst war als Fremder aus seinem heimischen Rechtsverband herausgelöst und bedurfte besonderen kirchlichen Schutzes. Bereits um die Jahrhundertwende 1100 war es ein Anliegen der Kirche, den Pilgern internationalen Schutz zu sichern. Die ersten öffentlichen Ordnungen wurden dann durch das Kirchenrecht des 12./13. Jahrhundert untermauert. Seither sind die kirchlichen Privilegien für Pilger eine europaweit anerkannte Sache und ein Garant für die große Pilgerbewegung im Hoch- und Spätmittelalter. 13 Auf dem Weg konnten die Pilgerkleidung und das Pilgerabzeichen dem peregrini einen besonderen Schutz garantieren, weil damit sein Pilgerstatus gekennzeichnet war. So schickte der Erzbischof von Santiago, Diego Gelmírez im Jahre 1118 zwei Gesandte mit 120 Pfund Gold nach Rom, die
12 K. HLAVIN-SCHULZE: „Man reist ja nicht um anzukommen“- Reisen als kulturelle Praxis, Frankfurt a. M./ New York 1998, S.29.
13 L. SCHMUGGE: Jerusalem, Rom Stantiago- Fernpilgerziele im Mittelalter, in: Pilger und Wallfahrtsstätten im Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. M. Matheus, Mainz 1999, S.11-34.
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aus Gründen der Sicherheit als Pilger gekleidet durch das feindliche aragonesische Gebiet reisen sollten. 14
Grundbestand der Ausrüstung waren etwas Geld, der Pilgerstab, die Pilgertasche, eine lederverstärkte Pelerine und ein breitkrempiger, meist runder Filzhut. Wie jeder Reisende, zumindest wenn er zu Fuß ging, benötigte er festes und praktisches Schuhwerk. Bald wurde diese Ausstattung zur festen Tracht, zum äußeren Zeichen des Pilgers, sie diente ihm als Geleitbrief und gab ihm das Recht auf die Mildtätigkeit der Hospize. 15
Abbildung 1: Diese Abbildung (Holzschnitt) aus Sebastian Brants „Narrenschiff“ zeigt zwei Pilger mit den typischen Pilgerzeichen: die Jakobsmuschel (die auf das Ziel Santiago de Compostela weist), der Pilgerhut (statt der abgezogenen Schellenkappe), sowie die 16 Pilgerflasche und der Pilgerstab.
Seit dem hohen Mittelalter zählten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela zu den vornehmsten Zielen der Pilgerfahrt. Der besondere Ruf dieser Orte blieb noch bis in die Neuzeit bestimmt und zog nach wie vor Pilger aus ganz Europa an. Hunderte von Kilometern wurden zurückgelegt, um zu einem dieser drei großen Fernpilgerzentren zu gelangen. Diese drei peregrinationes maiores, von denen der Pilger als geweihtes Andenken, einen in Metall gegossenen Petersschlüssel (Rom), einen Palmzweig (Jerusalem) oder aber die berühmte Jakobsmuschel (Santiago) heimbrachte, übten auf die Gläubigen eine besonders starke spirituelle Anziehungskraft
14 Y. DOSSAT: Types exceptionnels de pèlerins: L'hérétique, le voyageur déguisé, le professionnel, in: Senefiance 15, (1980), S. 207-213.
15 K. KÖSTER: Mittelalterliche Pilgerzeichen, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, hrsg. v. L. Kriss-Rettenbeck/ G. Möhler, München/Zürich 1984, S. 203-223.
16 S.BRANT: Das Narrenschiff. Studienausgabe. Mit allen 114 Holzschnitten des Drucks Basel 1494, hrsg. v. Joachim Knape, Stuttgart 2005.
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aus. Den Pilgern wurden dann auch die erworbenen Pilgerzeichen mit ins Grab gelegt. So wurden viele bis heute überliefert und geben Zeugnis von der Vielzahl der Ziele. Im Laufe der Zeit erweiterte sich diese Anziehung auf alle Orte der Heiligenverehrung, wie zum Beispiel Köln (Hl. Drei Könige), Canterbury (Thomas Beckett), Trier oder Tours (St. Martin). Ganze Netze von Pilgerwegen durchzogen Europa und den Nahen Osten.
2.3 Die Motivation des Pilgerns (heute)
Die heutige Motivation des Pilgerns reichen von religiösen Beweggründen, zu einem Interesse an Geschichte, Kunst und Kultur, Neugier auf andere Länder und Landesteile bis hin zu einem sportlichen Ehrgeiz. Die Beweggründe von Pilgerreisenden aufgrund ihrer Selbstkonzepte - das heißt wie ein jeder sich selbst versteht und wahrnimmt- sind von Lankford, Dieser, Walker untersucht worden. 17 Das Durchschnittsalter beträgt 44 Jahre, die Geschlechtsverteilung ist nahezu gleich verteilt. 75 Prozent verstehen sich als „Pilgertourist“ und 25 Prozent als kulturhistorisch interessierte Reisende. Basierend auf dieser Studie lassen sich folgende vier Motive zum Pilgern zusammenfassen: 1. Gruppenharmonie: Respekt gegenüber Anderen, Erfahrung von Frieden und Einvernehmen mit Anderen und Zusammengehörigkeit mit Anderen. 2. Entwicklung: Anderen beistehen, Entwickeln eines ganzheitlichen Lebenssinns, Verbessern der künftigen Lebenssituation, Anspruchslosigkeit erlernen, seine Grenzen kennen lernen (sportlich, als auch physisch). 3. Spiritualität: Interesse an Religion, Pflege spiritueller Werte und Orientierungen
4. Soziale Sicherheit: Suche der Nähe zu umsichtigen und respektierenden Personen, anständiges und respektvolles Handeln gegenüber anderen Personen.
Diesem Ergebnis zur Folge, handelt es sich um eine vielfältige Motivlage, die sich von den einfachen Kategorisierungen in religiös, kulturell/religiös, kulturell abheben. 18 Die Pilgerreise ist viel mehr in einem Selbstverständnis eingebettet, dass die Pilger auch in ihrer Reise zu realisieren versuchen. Der Drang nach dieser Realisierung führt verstärkt zu einer Unternehmung der Pilgerreise. Religiös motivierte Pilgerreisende lassen sich zwar als spirituelle Reisende bezeichnen, aber die Reise zielt darauf, einen Sinn für die
17 S. V. LANGFORD/R. B. DIESER/ G. J. WALKER: Self-construal and Pilgrimage Travel, in: Annals of Tourism Research 22 (2005), S.802-804.
18 T. KLEIN: Der Jakobsweg als säkularisierte Pilgerfahrt, in: Bayerische Blätter für Volkskunde. Neue Folge 7 (2005), S67-78.
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Diana Jafari, 2008, Pilgern als eine neue Form des Tourismus, München, GRIN Verlag GmbH
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