1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Terminologisierung
Beginnend ist es allerdings notwendig, zur Orientierung eine vorläufige Definition des Begriffs Sprachbund zu formulieren. Namen wie Trubetzkoy, Sandfeld und Kopitar, die als Wegweiser der Sprachbundforschung und Balkanlinguistik gelten, möchte ich in diesem Beitrag außen vor lassen und denn geschichtlichen Aspekt weniger betrachten. Der Begriff Sprachbund wird in der näheren Gegenwart bei Bußman (2003) als Gruppe von geographisch benachbarten, genetisch nicht oder nur marginal verwandter Sprachen, die aufgrund wechselseitiger Beeinflussung (Adstrat, Sprachkontakt) Konvergenzerscheinungen aufweisen, die sie strukturell eindeutig von anderen benachbarten Sprachen abgrenzen, definiert. Aus dieser Definition ist zu erkennen, dass der areale Aspekt bei der Beschreibung des Begriffs Sprachbund eine entscheidende Rolle zukommt. Die herrscht Annahme, dass die Areallinguistik ebenso wie die anderen beiden Teildisziplinen der vergleichenden Sprachwissenschaft (Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, Sprachtypologie) ein klassifikatorisches Anliegen hat, nämlich die Sprachen der Erde oder wenigstens eines größeren geographischen Raumes nach einem bestimmten Kriterium zu ordnen. (Sternemann
2
& Gutschmidt 1989, S. 275-283) Der Arealvergleich dient zur Ergänzung des Verwandtschaftsbegriffs durch räumliche Affinität, damit ist die Erforschung der räumlichen Ausdehnung grammatischer, lexikalischer und phonetischer Erscheinungen möglich. (Conrad (Hrsg.) (1984)) Ziel der Areallinguistik ist die Zusammenfassung von Sprachen zu Sprachbünden bzw. Ordnung (Klassifizierung) der Sprachen eines bestimmten
geographischen Bereichs und Kulturkreises und sogar der Erde nach Sprachbünden. 1 Im selben Atemzug ist durch die areale Gemeinsamkeit auch der Begriff des Sprachkontaktes zwischen den Sprachen zu erwähnen. Denn durch die geographische Lage, historische Entwicklung, soziale und politische Gegebenheiten, lässt sich ein Aufeinandertreffen verschiedener (auch nicht miteinander verwandter) Sprachen nicht vermeiden. Die Notwendigkeit der Kommunikation zwischen Mitgliedern verschiedener
Sprachgemeinschaften erfordert Mehrsprachigkeit einzelner oder aller Individuen der betreffenden Gemeinschaft(en) und führt meist zu Erscheinungen der Interferenz sowie des Sprachbundes. (Conrad (Hrsg.) (1984)) Die gegenseitige Beeinflussung von Sprachen und Dialekten auf der Grundlage von Sprachkontakten und Bilinguismus kann sich in der Übernahme lexikalischer Einheiten, grammatischer und phonetischer Einheiten und Regeln aus der einen Sprache in die andere äußern. Die Einreihung einer Sprache in einen Sprachbund verzichtet nicht auf die Möglichkeit, sie auch einer Sprachfamilie und einem Sprachtyp zuzuordnen. Der Begriff Sprachbund wird von Trubetzkoy in Abgrenzung zum Begriff Sprachfamilie definiert, wobei bei ihm die Sprachfamilie und der Sprachbund als zwei unterschiedliche Sprachgruppentypen gelten. Die Sprachen gehören einem der
Sprachgruppentypen auf Grund ihrer Ähnlichkeit an. 2 Trubetzkoy führt dieses am Beispiel des Bulgarischen aus, das einerseits zusammen mit dem Serbokroatischen, Polnischen, Russischen usw. zur slawischen Sprachfamilie gehört, andererseits zusammen mit dem Neugriechischen, Albanischen und Rumänischen dem Balkansprachbund einzubeziehen ist. Van Pottelberge weist mit Recht darauf hin, dass sich Trubetzkoy über den Herkunft von Sprachfamilien und Sprachbünden mit keinem Wort äußert und dass mögliche Einflüsse wie Vererbung versus Entlehnung oder sonstige Kontaktwirkungen durch und durch unerwähnt
bleiben. 3 Beim Sprachbund wird schließlich nicht die kausale Frage gestellt, woher die Entwicklung von Sprachen kommt, sondern die finale, wohin sie geht bzw. gekommen ist,
wie es von B. Havránek gegenüber R. Jakobson mit Nachdruck formuliert wird. 4 Dadurch ist
1 vgl. Sternemann & Gutschmidt (1989, 278, 283, 328)
2 vgl. Trubetzkoy (1929: 18)
3 vgl. Van Pottelberge (2001: 2)
4 vgl. Havránková/Toman (2001: 51)
3
der Sprachbund mehr oder weniger direkt als Vorstufe oder als Teil der modernen strukturellen Typologie zu verstehen. Denn beim Sprachbund werden strukturelle Analogien zwischen zwei oder mehreren Sprachen belegt, man umgeht aber sowohl die kausale Frage nach den Ursachen als auch die Frage der Richtung beim Sprach- und Kulturtransfer, die Aufteilung der Sprachen in Meister- und Schülersprachen sowie die Aufteilung der Sprachen und Formen in „primitive Sprachen“ und „Kultursprachen“, d.h. die mental oder kulturell gebundene Hierarchisierung der Sprachen, wie sie die europozentrisch geprägte
Sprachwissenschaft v.a. im 19. aber auch im 20. Jahrhundert betrieb. 5 Den Sprachbundbegriff kann man also als ein Plädoyer für die synchrone, finaltypologische und analytischkontrastive Beschreibung von Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen verstehen. Im nächsten Teil meiner Arbeit möchte ich auf den derzeitigen Stand der Balkanlinguistik eingehen und die Gemeinsamkeiten dieser Sprachen aufzeigen.
2.2 Ergebnisse der Balkansprachbundforschung
Nachdem Kopitar und Miklosich die ersten grammatischen Gemeinsamkeiten zwischen dem
Rumänischen, Bulgarischen und Albanischen darstellten 6 , war es dann schließlich Sandfeld, der das Inventar in der "concordances générales en dehors du lexique" komplettiert. 7 Sandfeld zählt folgende Gemeinsamkeiten der Balkansprachen auf, zu denen er Rumänisch, Albanisch, Bulgarisch und Neugriechisch rechnet: 1. Postposition des Artikels 2. Umschreibung des Infinitivs durch Nebensätze 3. Bildung des Futurs 4. Zusammenfall von Genitiv und Dativ
5. Verwendung der kurzen Dativ- bzw. Genitivformen des Personalpronomens in possessivischer Funktion
6. Zusammenfall von wo und wohin oder die Nichtunterscheidung von Orts- und Richtungskasus
7. pleonastische Anwendung von Personalpronomen 8. doppelter Akkusativ 9. Vorherrschen der Parataxe 10. doppelte Akkusativrektion bei einigen Verben
11. phraseologische Übereinstimmungen (Auch: zahlreiche gemeinsame lexikalische Elemente, wechselseitige Entlehnungen)
Im Folgenden werde ich an Hand von ausgewählten Bulgarischen Beispielen einige der von Sandfeld genannten Gemeinsamkeiten erläutern. Der postponierten definite Artikel (1) erklärt sich im Bulgarischen durch: Napisal stm posledna-ta si kniga. Ich habe mein letztes (= das
5 vgl. Finck (1915), Schmidt (1926)
6 vgl. Kopitar (1829: . 59-106)
7 vgl. Sandfeld (1930: 162 ff)
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Arbeit zitieren:
René Smickt, 2009, Eine kritische Betrachtung des Balkansprachbundes, München, GRIN Verlag GmbH
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