1. Einleitung
Mit dem Aufkommen der gedruckten Zeitung Anfang des 17. Jahrhunderts veränderte sich die Medienlandschaft der Frühen Neuzeit grundlegend. Es waren nun zum ersten Mal alle Charakteristika der modernen Presse in einem einzigen Medium vereinigt: Periodizität, Aktualität, Universalität und Publizität. 1 Einige Forscher gehen dabei davon aus, dass die gedruckte Wochenzeitung im Jahr 1609 entstand, da die ersten Exemplare dieses neuen Mediums, nämlich die Straßburger "Relation" und der Wolfenbütteler "Aviso", auf jenes Jahr datiert werden. 2 Eine erhaltene Korrespondenz des Herausgebers der Straßburger "Relation" Johannes Carolus aus dem Jahre 1605 macht allerdings eben jenes Jahr 1605 als Geburtsjahr der Zeitung wahrscheinlicher. Denn Carolus spricht hier davon, dass er bereits vor einigen Wochen damit begonnen habe, bei ihm eingegangene Meldungen in den Druck zu geben und zu veröffentlichen. 3 Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts breitete sich die periodische Zeitung jedenfalls in den deutschsprachigen Territorien so schnell aus, dass für diesen Zeitraum eine im europäischen Vergleich "einzigartige Blüte des deutschen Zeitungswesens" 4 konstatiert wird. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind hier schon 73 und um das Jahr 1700 200 Zeitungen nachgewiesen, die parallel oder nacheinander existierten. 5 Um 1800 ist die Existenz von 500 Zeitungsunternehmen im Reich belegt. 6
Im Folgenden soll es nun darum gehen, Entstehung und Ausbreitung der gedruckten Zeitung im deutschsprachigen Raum genauer zu beleuchten. Die Fragen, wie es zur raschen Verbreitung des Zeitungswesens in den deutschen Territorien kommen konnte und welche gesellschaftspolitische Rolle das neue Medium einnahm, sind dabei wegweisend. Zunächst stehen die Entstehungsbedingungen, die Produktion, der Vertrieb und die Berichterstattung der frühen Zeitungen bis Mitte des 17. Jahrhunderts im Fokus.
Im Kontext der frühen Zeitungen soll auch kurz auf den Einfluss politischer Entwicklungen auf das Zeitungswesen eingegangen werden. Danach geht es um die Entwicklung der
1 G. Fritz, Zur Sprache der ersten periodischen Zeitungen im 17. Jahrhundert, in: Deutsche Sprachgeschichte. Grundlagen, Methoden, Perspektiven, hrsg. v. W. Besch, Festschrift J. Erben, Frankfurt a. M. 1990, S. 281.
2 W. Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte. Die Medienkultur der frühen Neuzeit (1400-1700), Göttin-gen 1998 (Die Geschichte der Medien; Bd. 3), S. 211.
3 Vgl. J. Weber, Straßburg 1605: Die Geburt der Zeitung, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte der Universität Leipzig 7, Leipzig 2005 (Online verfügbar unter: www.uni-leipzig.de/~hsk/pgs/jahrbuch/2005/Weber_Strassburg 1605.pdf), S. 6.
4 J. Wilke, Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Köln/ Weimar/Böhlau 2000, S. 50.
5 W. Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte, S. 227/232.
6 W. Faulstich, Die bürgerliche Mediengesellschaft (1700-1830), Göttingen 2002 (Die Geschichte der Medien; Bd. 4), S. 29.
2
gedruckten Zeitung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, wobei hier die Seite der Konsumenten im Mittelpunkt steht sowie die Frage nach der politischen Dimension der gedruckten Zeitungen. Am Ende der Arbeit steht eine thesenhafte Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse.
2. Die frühen gedruckten Zeitungen bis Mitte des 17. Jahrhunderts
2.1. Post- und Korrespondenzsysteme als Vorbedingung des Zeitungswesens
Im ausgehenden Mittelalter, in der Phase des Merkantilismus, begann sich der Fernhandel in Europa wie auch der Binnenhandel innerhalb des Reiches immer weiter auszudehnen. Damit einher gehen ein Aufblühen der Städte und Zünfte und vor allem ein Aufstieg der Kaufmannschaft. 7
Für Kaufleute wurde es von nun an für die marktorientierte Kalkulation immer wichtiger, an Informationen über relevante politische Entwicklungen, Börsenkurse und den Warenhandel allgemein zu gelangen. 8 Parallel dazu erreichte auch die politische Korrespondenz durch Briefe zwischen städtischen und staatlichen Behörden eine immer größere Dimension. 9 Aufgrund dieser Situation entwickelt sich seit dem Spätmittelalter parallel zum europäischen Handelsnetz ein immer dichteres Netz von Postwegen, auf denen Nachrichten der Handelshäuser und Kanzleien kursieren. 10
Exemplarisch sei hier die Entwicklung in der Stadt Nürnberg nachgezeichnet. Dort sind bereits für das 14. Jahrhundert Boten und Briefe aus dem Umfeld der Kaufmannschaft nachgewiesen, im 15. Jahrhundert finden wir politische Korrespondenzen mit Vertrauten des Kaisers der Stadt Köln in Form von "geschriebenen Zeitungen", Anfang des 16. Jahrhunderts erfolgte die Gründung einer städtischen Botenanstalt mit Verbindung zu sämtlichen wichtigen europäischen Handelsplätzen und ab 1615 ist der Aufbau eines kaiserlichen Postamts der Familie Taxis belegt. 11
Im Laufe des 16. Jahrhunderts gewann zudem das Abfassen der Korrespondenzen im politischen wie kaufmännischen Bereich eine neue Qualität. Denn zum Einen trennte man die politisch oder ökonomisch wichtige Information vom Privatbrief. Zum Anderen gab es nun
7 J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt a. M. 1962, S. 71.
8 A. Gestrich, Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1994, S. 168.
9 Ebd., S. 168.
10 W. Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte, S. 223.
11 Ebd., S. 223.
3
bei den Botenanstalten, aber auch unabhängig von ihnen, immer mehr professionelle "Avisenschreiber", die mehrere politische Nachrichten unterschiedlicher Herkunft zusammenfassten und mit zunehmender Regelmäßigkeit vertrieben. 12 Dieses frühe Medium der Nachrichtenübermittlung wurde mit dem Begriff "geschriebene Zeitung" oder "Avisen" belegt und stellt neben den halbjährlich erschienenen Messrelationen den wichtigsten Vorläufer der gedruckten Zeitung dar. 13
Wie in Nürnberg gab es nun zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch in den anderen wichtigen Zentren des Reiches und Europas städtische, staatliche und von Kaufleuten betriebene Botenanstalten, die Informationen in Form der "geschriebenen Zeitungen" verschickten und erhielten. Sie bildeten europaweit ein gut ausgebautes Netzwerk, wobei der deutschsprachige Raum dabei eine zentrale Lage einnahm. Hier kreuzten sich die Botenwege aus Nord und Süd, West und Ost. 14 Die bestehenden Post- und Korrespondenzsysteme bildeten die Grundlage für die Entwicklung des Zeitungswesens, da sie einerseits die Beschaffung von Informationen und andererseits den Vertrieb der neuen Druckerzeugnisse erleichterten. 15
2.2. Entstehung - Produktion - Vertrieb
Die gedruckten Zeitungen entstanden nun zu Anfang des 17. Jahrhunderts in den Bahnen der erwähnten Netzwerke als gewerbsmäßige und periodisch (zunächst einmal wöchentlich, ab 1650 auch täglich) erscheinende Drucke mehrerer "geschriebener Zeitungen". 16 Formell war die Zeitung somit schlicht eine unkommentierte Aneinanderreihung verschiedener meist politischer Einzelmeldungen und zwar auf einem vier- oder achtseitigen Druckbogen. 17 Die Produktion war dabei von bestimmten technischen und materiellen Voraussetzungen abhängig wie der konstanten Drucktechnik und der Papierproduktion, die Anfang des 17. Jahrhunderts im Reich etwa 240 Papiermühlen umfasste. 18 Die ersten, die erkannten, dass diese Voraussetzungen gepaart mit einem gesteigerten Nachrichtenbedürfnis einen periodischen Druck und Vertrieb von Zeitungen rentabel machen würden, waren die Postmeister und die Drucker. Die Postmeister saßen an den großen Poststationen und hatten damit einen doppelten Vorteil, denn sie gelangten als Erste an Informationen und konnten zudem die Postwege kostenlos nutzen. Aber auch die Drucker kamen mit dem Vertrieb des neuen Mediums zu
12 Vgl. J. Weber, Straßburg 1605, S. 4f.
13 A. Gestrich, Absolutismus und Öffentlichkeit, S. 168.
14 J. Wilke, Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte, S. 51.
15 Ebd., S. 49.
16 A. Gestrich, Absolutismus und Öffentlichkeit, S. 168.
17 J. Weber, Straßburg 1605, S. 8.
18 J. Wilke, Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte, S. 46.
4
Geld, da sie sich Informationen unter Rückgriff auf andere gedruckte Zeitungen oder "geschriebene Zeitungen" beschaffen konnten. Die ökonomischen Interessen dieser beiden Berufsgruppen waren entscheidend an Entstehung und Aufstieg des Zeitungswesens in den deutschen Territorien beteiligt. 19
Die in der Einleitung erwähnte Eingabe des Druckereiinhabers und Herausgebers der Straßburger "Relation" Johannes Carolus an den Rat der Stadt Straßburg ist in diesem Kontext auch aufschlussreich. Hier heißt es: "Nach dem Ich vor dißem die Wochentlichen gewissen Avisen An mich gebracht/ hab Ich Zu etwas ergötzlichkeit des uncostens / so Ich Jährlichen darfür Außlegen / unnd Anwenden muß / dieselbigen ettlichen herren / umb ein gewiß Jahrgelt Alle wochen bißhero communiciret unnd mitgetheilet / Dieweil es aber mit dem Abschreiben langsam Zugangen / unnd vil Zeit darmit Zugebracht werden müßen (...) / Als hab Ich nun ettliche wochen her / unnd jetzt das zwölffte mahl / gleichwol nicht ohne sondere mühe / Inn dem Ich Jedes mahl die formen von den Pressen Außsetzen muß / Aber allein Zu befürderung unnd gewinnung der Zeit / Inn meiner Truckerey dieselbigen setzen / ufflegen unnd trucken laßen." 20
Hier zeigt sich zum Einen die Betätigung der Drucker im Zeitungsgewerbe und zum Anderen der Hauptvorteil der Drucktechnik: die Möglichkeit der schnelleren und größeren Vervielfältigung. Außerdem wird durch diese Quelle bekräftigt, dass den gedruckten Zeitungen als Vorlage die "geschriebenen Zeitungen" dienten und diese bereits mit einer gewissen Periodizität und auch von professionellen Schreibern außerhalb der Botenstationen gesammelt und vertrieben wurden.
Allerdings gilt es hier zu beachten, dass den Druckerzeugnissen, die der Öffentlichkeit zugänglich waren, von Anfang an eine rigide Zensur vorgeschaltet war. 21 Sowohl von Seiten der Kaufleute als auch seitens der Kanzleien wurden Nachrichten vor dem Druck geprüft und nur erwählte Meldungen durften in den Druck. Der Grund hierfür liegt insbesondere in der ökonomisch bedingten Vertraulichkeit vieler Informationen, deren Publizität nicht erwünscht war. 22 Der Wert dieser kommerziell verwerteten Nachrichten bestand ja ganz im Gegenteil darin, dass alle außer der gezielte Adressat gar nicht oder zumindest später davon erfuhren. 23 So konstatiert Jürgen Habermas, dass die Informationen, die in den ersten Zeitungen zur Veröffentlichung gelangten, lediglich als Restkategorien der "geschriebenen Zeitungen" zu
19 A. Gestrich, Absolutismus und Öffentlichkeit, S. 169. 20 J. Weber, Straßburg 1605, S. 6.
21 W. Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte, S. 224.
22 J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, S. 71.
23 W. Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte, S. 224
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Andreas Mayrock, 2008, Enstehung und Ausbreitung der gedruckten Zeitung im deutschsprachigen Raum, München, GRIN Verlag GmbH
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