Inhaltsverzeichnis
2
Inhaltsverzeichnis
Zitierweise 4
1 Einleitung 5
1.1 Zielsetzung, Fragestellung und Umfang 5
1.2 Aufbau der Arbeit. 7
2 Natürlichen Erwerbskunst 8
2.1 Ökonomische Vorbedingungen. 9
2.1.1 Ort des Wirtschaftens 9
2.1.2 Aufgabe und Ausrichtung der Oikenwirtschaft 10
2.1.3 Prinzip der Natürlichkeit 11
2.2 Ktetik und Metabletik. 12
2.2.1 Erwerbskunde und nicht-monetärer Tauschhandel 13
2.2.2 Monetärer Tauschhandel 13
3 Widernatürliche Erwerbskunst 16
3.1 Chrematistik 16
3.1.1 Warenhandel (kapelike) 17
3.1.2 Zinswesen (obolostatike) und Wucher. 20
3.2 Kategoriale Argumente gegen die Chrematistik 21
3.2.1 Qualitatives Argument: das Telos des guten Lebens 21
3.2.2 Quantitatives Argument: das Prinzip des Masses 24
4 Vergleichbarkeit von Tauschgütern 26
4.1 Kommensurabilität durch Tauschwert 26
4.2 Geld als inadäquates kommensurables Moment 27
4.3 Bedarf als inadäquates kommensurables Moment 29
4.4 Das Geld als Stellvertreter des Bedarfs 30
Inhaltsverzeichnis
3
4.5 Unmöglichkeit wahrer Kommensurabilität. 30
5 Ökonomische Gerechtigkeit der Güterverteilung und des Gütertauschs. 31
5.1 Distributive Gerechtigkeit als Verteilmechanismus. 32
5.2 Kommutative Gerechtigkeit als Tauschgerechtigkeit 33
6 Schlussbemerkungen. 37
6.1 Ökonomik und moderne Wirtschaftstheorie 37
6.2 Natürliche Erwerbskunst 38
6.3 Widernatürliche Erwerbskunst. 39
6.4 Geld als Gebrauchswert 40
6.5 Kommensurabilität und ökonomische Gerechtigkeit. 42
Literaturverzeichnis. 45
Anhang A: Tausch- und Handelsrelationen 46
Anhang B: Formen der Gerechtigkeit 46
Zitierweise 4
Zitierweise
Die aristotelischen Schriften werden nach der Bekker-Paginierung zitiert. Soweit es sich nicht aus dem Zusammenhang ergibt, wird der entsprechenden Seitenzahl gemäss Bekker-Ausgabe der abgekürzte Titel der zugrunde liegenden Quellschrift vorangestellt. Dabei wird die Niko- machische Ethik mit NE, die Politik mit Pol. abgekürzt.
Einleitung 5
1 Einleitung
Athens Reichtum im 4. Jahrhundert v. Chr. beruhte in erster Linie auf dem Handel. Die aristotelische Konzeption einer geschlossenen Hauswirtschaft war deshalb bereits zur Zeit ihrer Entstehung antiquiert und konservativ; sie trug den tatsächlich bestehenden Verhältnissen nicht mehr genügend Rechnung. Zum anderen behandelt Aristoteles die politische Ökonomie als Staatswirtschaft lediglich am Rande, denn die Polis tritt in seiner Staatslehre nicht direkt als Wirtschaftssubjekt auf, obwohl sie der monetären Hilfsquellen des Oikos bedarf, um die Staatsgeschäfte aufrechtzuerhalten. 1 Aus diesen Gründen wird eine Untersuchung einer Tausch- und Handelskonzeption - ausgehend von der Ökonomik als Hausverwaltungslehre und unter Ausklammerung der Politik als Staatslehre - zu einem zentralen Gegenstand des aristotelischen Wirtschaftsverständnisses, das sich als praktische Philosophie entlang menschlicher Interessen in einer ethischen Theorie des Tauschs manifestiert. Dies ist der Gegenstand der hier vorliegenden Arbeit.
1.1 Zielsetzung, Fragestellung und Umfang
Der Rahmen der hier vorliegenden Arbeit bilden die Komponenten, die für eine umfängliche Untersuchung des Erwerbshandels, wie sie von Aristoteles in der Nikomachischen Ethik und der Politik vorgenommen wird, relevant scheinen. Die Konzeption des Gütererwerbs mit all ihren Bedingungen und Ausprägungen bildet nur einen, aber grundlegenden Komplex innerhalb des aristotelischen Wirtschaftssystems. Sie umfasst neben den verschiedenen Tausch-formen - teils natürliche, teils widernatürliche - auch die Frage nach der Möglichkeit der Vergleichbarkeit von Tauschgütern und die der gerechten Verteilung von öffentlichen und privaten Gütern sowie des gerechten Tauschs. Die Diskussion der verschiedenen Tauschrelationen findet vornehmlich im ersten Buch der Politik über die Hausverwaltung, die der Vergleichbarkeit und der ökonomischen Gerechtigkeit im fünften Buch der Nikomachischen Ethik über die Gerechtigkeit statt. 2 Ihren Niederschlag hat sie in der Ökonomik, der Chrema-
1 Aristoteleslegt der Polis keine Produktionsmittel in die Hände; allenfalls lenkt und reguliert sie die Wirtschaft
marginal. Dies ist im Rahmen des aristotelischen Wirtschaftssystems auch nicht möglich, da alle Belange der
Ökonomik die Hauswirtschaft betrifft. Einzig die Gesetzgebung der Polis soll sicherstellen, das ökonomische
Verhalten seiner Bürger richtig zu leiten.
2 Die Hauptaussagen zur aristotelischen Ökonomik finden sich grundsätzlich in: NE V, 5 und Pol. I, 3-13.
Einleitung 6
tistik und der Gerechtigkeit. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit kann explizit nur auf die Tauschkomponenten innerhalb des aristotelischen Wirtschaftssystems - insofern es überhaupt diesen Titel verdient; doch dies soll hier nicht Gegenstand sein - eingegangen werden. Diese Komponenten bilden in thematischer Ordnung: (1) Tausch als natürliche Erwerbskunst; (2) Tausch als widernatürliche Erwerbskunst; (3) Vergleichbarkeit von Tauschgütern; (4) Verteil- und Tauschgerechtigkeit;
Diese vier Komponenten, die vordergründig jeweils unabhängig voneinander bestehen, sind jedoch zum Teil stark ineinander verflochtene Komplexe: Zum einen sind die natürliche (1) und die widernatürliche (2) Erwerbskunst stark aneinander gekoppelt, da aus ersterer die zweite in einem unscharfen Übergang erwächst. Und auch die Möglichkeit der Vergleichbarkeit von Tauschgütern (3) - der Kommensurabilität - ist eng mit der einer gerechten Güterverteilung und eines fairen Tauschhandels (4) verwoben, da erst ein Vergleich von zu tauschenden Produkten die Gerechtigkeit im Markt bedingt. Ebenso spielt die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, wie sie Aristoteles im Laufe seiner Untersuchungen vornimmt, sowohl bezüglich der Unterscheidung von natürlicher und widernatürlicher Erwerbs-handlungen, wie auch in der Frage der Kommensurabilität und letztendlich im Vollzug des gerechten Handels eine gewichtige Rolle [(1) - (4)]. Die Verflechtung der einzelnen Komponenten verdeutlichen, dass die Untersuchung der Tauschkonzeption, obwohl sie nur einen Teil der gesamten aristotelischen Ökonomik ausmacht, doch in sich selbst als weit verzweigter, systematischer Bestandteil entlang des attischen Wirtschaftssystems unabhängig operiert und dadurch mit gutem Grund vom Gesamtsystem abgekoppelt behandelt werden darf. Dieses exklusive Ziel verfolgt die vorliegende Arbeit, da aufgrund der formalen Vorgaben die gesamte aristotelische Ökonomie 3 ein zu grosses Feld wäre, um sie hier in angemessener Form zu behandeln. So kann die Konstitution des Oikos als Ort des Wirtschaftens nicht in ihrem ganzen Umfang als Herrschafts- und Verwaltungssystem erörtert werden, sondern nur insoweit, als dass sie für diese Untersuchung relevant erscheint. Diese Marginalisierung auf die
3 Der an dieser Stelle verwandte Begriff der Ökonomie bezeichnet im Kontext dieser Arbeit das Gesamtsystem
des aristotelischen Wirtschaftsverständnisses. Wie weiter unten gezeigt wird, ist der klassisch aristotelische
Terminus der Ökonomik nicht deckungsgleich mit dem modernen Begriff der Ökonomie, da dieser exklusiv
die Haushaltungskunst umfasst, nicht aber das eigentliche Wirtschaften unter gewerblichen Handelssubjekten
im Markt.
Einleitung 7
Zwecke der Arbeit hin führt dazu, dass auch auf die Berücksichtigung der Sklaventhematik, wie sie Aristoteles im Rahmen der Hauswirtschaft vollzogen hat, verzichtet werden muss, obwohl gerade der Sklave als zentrales 'Werkzeug' der Produktion eine wichtige Komponente der Oikenwirtschaft darstellt - nicht aber für die hier grundlegende Thematisierung des Tauschverkehrs. Ebenso wird nicht näher auf die aristotelische Eigentumstheorie, die im Rahmen einer Platonkritik im zweiten Buch der Politik stattfindet, eingegangen, in der Aristoteles das Privateigentum gegen den Staatsmonismus, wie ihn Platon fordert, verteidigt. Konsequenterweise darf an dieser Stelle ebenso wenig die Unterscheidung zwischen Privat- und Gemeineigentum als identifikatorische Differenz zwischen Oikos und Polis Eingang finden. Als letztes kann gleichfalls nicht die mittlere Besitzverteilung in der Politie zum Thema dieser Arbeit gemacht werden, da ihr Feld und somit ihre Argumentation vornehmlich politischer, mitunter verfassungstheoretischer und nicht wirtschaftlicher Art ist. Demzufolge bleibt die Diskussion, warum Aristoteles das gewerbliche Handwerk als Bürger bildendes Moment ablehnt, ausser Acht. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich einzig auf die Komponenten, die für den Komplex der Tausch- und Handelsrelationen innerhalb des aristotelischen Wirtschaftsverständnisses relevant scheinen.
Zielsetzung der Arbeit ist es, die Komponenten der aristotelischen Tauschkonzeption in ihrer Vollständigkeit kritisch zu analysieren. Es sollen alle für diese Thematik relevanten Gebiete aus der Nikomachischen Ethik und der Politik extrahiert und sorgfältig dargestellt und bewertet werden. Es stellt sich in erster Linie die Frage, inwieweit Aristoteles die Konzeption des Tauschskomplexes in seinem ökonomischen System erschöpfend behandelt hat, wie er es be-handelt hat, warum er zwischen natürlichen und widernatürlichen Formen des Tauschs unterschied und warum er für bestimmte Probleme keine Lösung fand. Die Beantwortung dieser Fragen findet in explikativer, wo angebracht, in kritischer Form statt.
1.2 Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich nach den oben genannten Komponenten der aristotelischen Tauschkonzeption. Demgemäss folgt der schrittweise Aufbau den vier eruierten Komponenten in vier Hauptkapitel: (1) Natürliche Erwerbskunst, (2) Widernatürliche Erwerbskunst, (3) Vergleichbarkeit von Tauschgütern, (4) Ökonomische Gerechtigkeit der Güterverteilung und des Gütertauschs.
Die ersten beiden Kapitel beschäftigen sich eingehend mit dem gesamten Komplex die Tauschkonzeption betreffend und beinhaltet die möglichen Formen der Erwerbskunst. Das
Natürlichen Erwerbskunst 8
erste Kapitel analysiert die natürliche Erwerbskunst mitsamt ihren Vorbedingungen, die Aristoteles in seinem Konzept der Ökonomik darlegt. Das zweite Kapitel geht über in die widernatürliche Form der Erwerbskunst und behandelt die Themen der Chrematistik einschliesslich des Warenhandels und des Zinswesens. Dieser zweiteilige Komplex wird mit einem qualitativen wie quantitativen Argument gegen die Chrematistik beschlossen. Diesbezüglich folgt die Thematik der kategorialen Kritik von Aristoteles, dass die Chrematistik erstens das Ziel des guten Lebens verfehlt und zweitens das Prinzip des rechten Masses verletzt. Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Problem der Vergleichbarkeit von auf dem Markt zu tauschenden Gütern - einem Problem, das Aristoteles abschliessend nicht zu lösen weiss. Das einführende Unterkapitel zeigt den Angelpunkt der Diskussion - der für Aristoteles letztlich zum gordischen Knoten wird - auf, dass nämlich Güter aufgrund ihres Tauschwertes kommensurabel sein müssen. Doch attestiert er sowohl dem Geld als erstes wie auch dem Bedarf als zweites Moment möglicher Kommensurabilität in den Nachfolgekapiteln diesbezügliche Unangemessenheit. Auch der im vierten Unterkapitel vollzogene Versuch, Geld als Stellvertreter des Bedarfs fungieren zu lassen, endet im fünften Unterkapitel mit der Einsicht, dass Kommensurabilität letztlich unmöglich ist.
Das vorletzte Kapitel beschäftigt sich mit der komplexen Thematik einer ökonomischen Gerechtigkeit hinsichtlich der Güterverteilung und des Gütertauschs. Das Kapitel behandelt im Rahmen der Partikulargerechtigkeit die distributive Gerechtigkeit der gerechten Güterverteilung und die kommutative Gerechtigkeit als Tauschgerechtigkeit. Hier stellt sich wieder das vorab nicht gelöste Problem der Kommensurabilität.
Die Beantwortung der obigen Leitfragen findet grossenteils explikativ in den jeweiligen Kapiteln ihren direkten Niederschlag; in einigen Fällen am Ende in Form abschliessender Bemerkungen, die für ein punktuelles Fazit stehen.
2 Natürlichen Erwerbskunst
Das erste Kapitel beschäftigt sich eingehend mit der natürlichen Erwerbskunst, wie sie Aristoteles im Auge hatte, und mit dem Konzeption der aristotelischen Ökonomik, welche die Rahmenbedingungen für die gesamte Erwerbskunst vorgibt. Sie bilden die Verständnis leitenden Eckpunkte entlang der aristotelischen Erwerbskunde. Darum legt der Eingang des Kapitels die ökonomischen Vorbedingungen fest, welche für einen Tauschverkehr im Allgemeinen
Natürlichen Erwerbskunst 9
notwendig sind, und beschreibt die für die naturgemässe Erwerbskunst unabdingbaren Kriterien. Zu diesen gehören zum einen die Verortung des Wirtschaftens im Oikos sowie die Aufgabe und Reichweite dieser Oikenwirtschaft, zum anderen das Prinzip der Natürlichkeit, die der Ökonomik zugrunde liegen muss. Nachfolgend werden die Formen natürlichen Tausch-handels innerhalb der Erwerbskunst sowohl in nicht-monetärer wie in monetärer Ausprägung erläutert. Die Analyse umfasst den gesamten Bereich der Ktetik als übergeordnete Lehre, in der die Metabletik als natürliche Tauschform wirkt. Die jeweils aus ihr entstehenden Tauschrelationen werden ausführlich erläutert und in formalisierter Weise dargestellt.
2.1 Ökonomische Vorbedingungen
Für die Selbsterhaltung als Sicherung des menschlichen Lebens (zen) zeichnet die Hausgemeinschaft verantwortlich, für jene des guten Lebens (eu zen) die Staatsgemeinschaft. Das Haus (oikos) strebt nach Autarkie und umfasst auf der ökonomischen Seite das wirtschaftliche Wohlergehen im Sinne der Selbstversorgung (Pol., 1326b27ff.). Es ist also neben der Familiengemeinschaft auch eine Wirtschaftsgemeinschaft und damit der eigentliche Ort des Wirtschaftens. Um ihren Fortbestand zu sichern, ist die Oikengemeinschaft angewiesen, ökonomisch tätig zu sein. Diese ihre Aufgabe umfasst neben der Produktion von Gebrauchsgütern für das tägliche Leben auch den Austausch von Dingen, die das Haus nicht in Eigenproduktion herzustellen weiss. So ist das der Hausverband auch auf den Tauschverkehr ausgerichtet, um über alle notwendigen Mittel verfügen zu können. Um diese in rechter Weise zu erhalten, muss der Oikos dem Prinzip einer natürlichen Erwerbsweise folgen. Sie soll in massvoller Form das selbstgenügsame Leben fördern und keinen Überfluss hervorbringen. Grundlagen der wirtschaftlichen Tätigkeiten des Hauses sollten darum die natürlichen Ressourcen und der natürliche Gütertausch bilden.
2.1.1 Ort des Wirtschaftens
Die Polis kennt keinen juristischen Begriff des Eigentums. Besitz (ktesis) ist immer an ein Haus gebunden, und nur ein freier Bürger kann ein Haus und damit Besitz sein Eigen nennen. In seiner Funktion als Hausherr übt der Bürger einen Herrschaftsanspruch über alle Mitglieder der Hausgemeinschaft aus. Diese Herrschaft gilt als Bedingung für die Besitznahme, und so sind Besitz und Herrschaft über ein Haus voneinander nicht zu trennen. Der Oikos besteht in der Kopplung von Eigentum und Herrschaft.
Arbeit zitieren:
M.A. (lic. phil.) Christoph Schelhammer, 2006, Komponenten der Tauschkonzeption innerhalb des aristotelischen Systems von Ökonomik, Chrematistik und Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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