I
I. Inhaltsverzeichnis
I. Inhaltsverzeichnis. I
II. Abbildungsverzeichnis. III
A) EINLEITUNG 1
1. Diskussion des Arbeitsthemas. 2
2. Forschungsstand. 4
3. Methodisches Vorgehen. 5
B) THEORETISCHE GRUNDLAGE. 8
1. „Frauenliteratur“ - Zugänge aus den Gender Studies. 8
1.1. Unterteilung des Geschlechts in „Sex“ und „Gender“ 8
1.2. Feministische Literaturwissenschaft. 15
1.3. Problematisierung des Begriffs „Frauenliteratur“ 20
2. „Frauenliteratur“ - Entwicklung und Genredebatte. 23
2.1. Anfänge der „Frauenliteratur“ in den 70er Jahren. 24
2.2. Aktuelle „Frauenliteratur“ 28
2.3. Gattungstheoretische Einordnung - Genredebatte. 34
3. „Frauenliteratur“ und das Diskursfeld „Frau“ - Außerliterarische Aspekte. 38
3.1. Diskursfeld „Frau“ in den Medien: HERMAN versus SCHWARZER 39
3.2. Aspekte des gesamtgesellschaftlichen „Frauenbildes“ 45
)C ANALYSE
- DAS FRAUENBILD IN DER „FRAUENLITERATUR“ VON KÜRTHYS 54
1. Einleitende Bemerkungen über die Autorin. 54
2. „Frauenliteratur“ als Teil der Trivialliteratur. 57
3. Die Darstellung von Weiblichkeit in den Romanen VON KÜRTHYs. 66
3.1. Zugänge zur Weiblichkeitskonzeption über die Protagonistinnen. 67
3.2. Tollpatschige Heldin im traditionellen Geschlechterverhältnis 75
II
4. Zwischen „Literarischem Fräuleinwunder“ und „Frauenliteratur“
von Hera LIND.................................................................................................. 88 4.1. „Superweib“ gegen tollpatschige Heldin................................................... 89 4.1.1. Die „Frauenliteratur“ von Hera LIND………………………………..... 89 4.1.2. Die Geschlechterrollen: Aufbruch versus Rückfall………………….. 91 4.1.3. Perfektionismus versus betonte Fehlerhaftigkeit……………………. 94 4.1.4. „Frauenliteratur“: LIND versus VON KÜRTHY………………………. 95
4.2. Liebesleid gegen Liebesfreude.................................................................101 4.2.1. HERMANN und VON KÜRTHY: Ähnlichkeiten in den Biographien und in den literarischen Weiblichkeitsdarstellungen…. 102 4.2.2. Passivität versus Aktivität……………………………………………… 104 4.2.3. Das Geschlechterverhältnis: Selbstbezogenheit versus Fixierung auf das männliche Geschlecht…………………………….. 106 4.2.4. „Frauenliteratur“: HERMANN versus VON KÜRTHY………………. 109 D) SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK................................................. 115 E) LITERATURVERZEICHNIS.............................................................................. 123
III
II. Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 : Frauenanteil bei schulischen und akademischen Abschlüssen
2006 in Deutschland................................................................................. 49
Abb. 2 : Anteil der Top-Managerinnen in Deutschland 2007.
Ein europäischer Vergleich....................................................................... 49
Abb. 3 : Prozentualer Anteil der Professorinnen in europäischen Ländern………. 50
Abb. 4 : Mehr Bildung - weniger Kinder................................................................. 50
Abb. 5 : Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes.................................... 50
Abb. 6 : Einkommen aus dem Jahre 2005 im Geschlechtervergleich…………….. 51
Abb. 7 : Familienformen 2006................................................................................ 51
Abb. 8 : Altersverteilung der deutschen Bevölkerung............................................. 52
Abb. 9 : Geschlechterumfrage über Arbeitsteilung................................................. 53
1
A) EINLEITUNG
Auch wenn sich die Autorin Ildikó VON KÜRTHY nach eigener Angabe nicht daran orientiert, welche und ob sie mit ihrer Literatur eine Lesergruppe mobilisieren kann, erreicht sie seit ihrem Debüt-Roman „Mondscheintarif“ aus dem Jahre 1999 stets die vorderen Plätze der deutschen Bestsellerlisten und mit ihren bisher fünf Romanen eine Gesamtauflage von über fünf Millionen Exemplaren. Ihr anhaltender Erfolg bedingt es auch, dass sie Einfluss auf den gegenwärtigen, literarischen Kontext ausübt und diesen aktiv mitgestaltet. Daher sollte Ildikó VON KÜRTHY auch literaturwissenschaftliches Interesse wecken und wird in der vorliegenden Arbeit behandelt. Dem von ihr in ihren Romanen entworfenen Frauenbild gilt das vorrangige Interesse. Die untersuchungsleitenden Fragen sind: Wie ordnet sich VON KÜRTHYs Literatur in den gattungstheoretischen und gattungshistorischen Kontext ein? Was zeichnet die Romane und deren Protagonistinnen aus? Welches Frauenbild entwirft VON KÜRTHY in ihrer Literatur? Wie lässt sich diese Weiblichkeitskonzeption im literarischen Kontext einordnen?
Es soll ein Vergleich von VON KÜRTHYs Literatur und ihrem literarischen Frauenbild mit gleichartiger Literatur und zugehöriger Weiblichkeitskonzeption anderer Autorinnen vorgenommen werden. Dies hat zum Ziel, das Spezifische an VON KÜRTHYs Romanen und Frauenfiguren zu benennen und diese im literarischen Kontext zu verorten sowie eine Entwicklungslinie der „Frauenliteratur“ des 20. Jahrhunderts zu zeichnen. Als Vergleichsautorinnen werden Hera LIND mit ihrem Roman „Das Superweib“ und Judith HERMANN mit ihrem Erzählband „Sommerhaus, später“ herangezogen, da beide zeitnah und teils auch parallel mit VON KÜRTHY ihre Literatur publizierten und dieselbe Leserzielgruppe anvisierten. Auch die Texte dieser Schriftstellerinnen werden dem Begriff „Frauenliteratur“ zugeordnet.
1 KRIWOJ, Sachar: Interview mit Ildiko von Kürthy, brainstorms-magazin, 2003.
2
Auch wenn die Bezeichnung „Frauenliteratur“ im Laufe der theoretischen Grundlage noch detaillierter problematisiert und diskutiert werden muss, wird in der vorliegenden Arbeit mit folgender Definition gearbeitet: „Frauenliteratur“ ist im weitesten Sinne belletristische Literatur von Frauen, über Frauen, für Frauen. Der thematische Schwerpunkt der dazugezählten Literatur differiert je nach den außerliterarischen Gegebenheiten. Insgesamt bezieht sich der Inhalt dieser Literatur meist auf die Beschreibung des alltäglichen Verhältnisses der Geschlechter zueinander aus der Sicht einer weiblichen Figur.
Da die Zuordnung zur „Frauenliteratur“ auf dieser Grundlage vielschichtige Literatur umfasst, ist sie zu pauschal getroffen und sollte differenzierter betrachtet werden. Allerdings hat sich eine Unterteilung der „Frauenliteratur“ in verschiedene Sparten noch nicht durchgesetzt. Trotzdem wird allgemein die Verschiedenheit berücksichtigt, so dass beispielsweise Ende des 20. Jahrhunderts die Etikettierung der popliterarischen Texte weiblicher Autoren als „Literarisches Fräuleinwunder“ nur einen Teil der gegenwärtigen „Frauenliteratur“ bezeichnet, wie die Erzählungen von Judith HERMANN. Die Betitelung als „Literarisches Fräuleinwunder“ wurde 1999 vom Journalisten Volker HAGE zufällig als Beschreibung der damals aktuellen Gegenwartsliteratur eingeführt: „Das literarische Fräuleinwunder ist jedenfalls augenfällig. Plötzlich gibt es in deutscher Prosa wieder ganz hinreißende Kurzgeschichten“ 2 . Diese Etikettierung wurde von den Verlagen und dem literarischen Diskurs aufgegriffen und etabliert.
1. Diskussion des Arbeitsthemas
Um die Literatur und das literarische Frauenbild von Ildikó VON KÜRTHY untersuchen zu können, muss im Vorfeld die theoretische Grundlage erarbeitet werden. Dafür müssen Ansätze aus den Gender Studies und dem Feminismus, insbesondere der Feministischen Literaturwissenschaft berücksichtigt werden. Diese Forschungsstränge beschäftigen sich mit dem weiblichen Geschlecht an sich, mit der Frau als Autorin, mit Spezifika des weiblichen Schreibens und mit der Konzeption literarischer Frauenbilder. Des Weiteren führen sie in die Problematik des Begriffes „Frauenliteratur“ ein, da dort der Begriff entweder als Ghettoisierung empfunden oder gegenteilig die Absonderung als weibliche Besonderheit unterstützt wird.
2 HAGE, Volker: Ganz schön abgedreht, in: Der Spiegel, 22.03.1999.
3
Weiterhin sollen die gattungshistorische Entwicklung sowie die gattungstheoretische Einordnung der „Frauenliteratur“ seit der zweiten deutschen Frauenbewegung bis heute behandelt werden. Denn sie geben darüber Aufschluss, in welcher Tradition VON KÜRTHY mit ihrer Literatur, insbesondere mit ihren Frauenfiguren, ihrer Themenwahl und deren Umsetzung, steht. Die Entwicklung der deutschen „Frauenliteratur“ hinsichtlich Stilistik, Thematik und Weiblichkeitsdarstellung soll einen allgemeingültigen Charakter haben, denn der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Literatur VON KÜRTHYs. Auch der Vergleich mit den literarischen Produktionen LINDs und HERMANNs ist wichtig, um eine Entwicklungslinie der „Frauenliteratur“ seit den 70er Jahren über LIND und HERMANN zu VON KÜRTHY zu zeichnen. Daher soll auch auf diese beiden Schriftstellerinnen, ihre Literatur und Weiblichkeitskonzeptionen näher eingegangen werden. Dies bedeutet, dass andere Autorinnen nicht untersucht werden, auch wenn sie wichtige Etappen der deutschen „Frauenliteratur“ seit den 70er Jahren markieren wie etwa Verena STEFAN, Christa WOLF, Elfriede JELINEK.
Darüber hinaus ist es wichtig, Aspekte aus dem außerliterarischen Diskurs um die Frau zu überblicken, da diese stets Eingang in die literarische Umsetzung finden. Hier behandelte Autorinnen (auch Hera LIND, die im Erscheinungsjahr des Romans „Das Superweib“ Mitte Dreißig war), Protagonistinnen und durchschnittlich auch die Leserinnen gehören der Altersgruppe zwischen 25 und 40 Jahren an. Daher wird der Mediendisput zwischen Eva HERMAN und Alice SCHWARZER als charakteristisches Beispiel für die mediale Diskussion um das Frauenbild dieser Altersgruppe herangezogen, in der beide Extrempositionen einzunehmen scheinen. Diese Auseinandersetzung verschafft einen Eindruck von den medialen und gesellschaftlichen Erwartungen an die heutige Frau, welche möglicherweise in den literarischen Produktionen umgesetzt werden.
Es bleiben andere, wissenschaftliche Untersuchungen zum Frauenbild in den Medien wie beispielsweise das Frauenbild in der Werbung, in Fernsehserien sowie Theorien über eine von Männern beherrschte Medienbranche und deren Beeinflussung des öffentlichen Frauenbildes und Ähnliches unberücksichtigt oder werden, falls es erforderlich sein sollte, lediglich angesprochen.
Auch die Aspekte, die aus der alltäglichen Situation der Frauen in Deutschland genannt werden, beziehen sich auf die Altersgruppe zwischen 25 und 40 Jahren. Es wird nicht der gesamte weibliche Lebenszusammenhang erfasst, sondern es werden
4
nur einige, ausgewählte Gesichtspunkte angesprochen, um während der Analyse der Weiblichkeitskonzeptionen unterscheiden zu können, ob und inwieweit Klischees und Geschlechterstereotype bedient werden.
Da die Leserschaft von VON KÜRTHYs, LINDs und HERMANNs Literatur im Durchschnitt auf die eben genannte Altersgruppe eingegrenzt werden kann, ist auch eine Unterscheidung zur so genannten „Mädchenliteratur“ gegeben. Trotzdem sind thematische Schwerpunkte wie etwa „das Bezugsfeld des Mädchens auf die Familie und den Mann als Fixpunkt“ 3 durchaus in der „Frauenliteratur“ in ähnlicher Weise wiederzufinden.
Diese Themen bilden die theoretische Grundlage, auf der in der vorliegenden Arbeit eine detaillierte Analyse des Frauenbildes aus den Romanen von Ildikó VON KÜRTHY vorgenommen wird. Für den Vergleich der Darstellung von Weiblichkeit mit Auch den literarischen Frauenbildern von Hera LIND und Judith HERMANN ist damit ebenfalls eine Basis gegeben.
2. Forschungsstand
Die Feministische Literaturwissenschaft beschäftigte sich ab den 70er Jahren, gefördert durch den Auftrieb der zweiten deutschen Frauenbewegung, intensiv mit der Erstellung eines weiblichen Literaturkanons. Es entstand eine so genannte Frauenliteraturforschung. Ab den 80er Jahren erschienen vermehrt wissenschaftliche Arbeiten auch über die „Frauenliteratur“, wie sie die Schriftstellerinnen während der Frauenbewegung selbst produzierten. Daher findet man heute zahlreiche Publikationen zu der „Frauenliteratur“ ab der Aufklärung bis zur zweiten deutschen Frauenbewegung und den daraus hervorgegangenen belletristischen Texten weiblicher Schriftsteller. Zur „Frauenliteratur“ ab den 80er Jahren hingegen gibt es wenige wissenschaftliche Veröffentlichungen. Die älteren analytischen Arbeiten können aber auf die Literatur von VON KÜRTHY und LIND übertragen werden. Hilfreich ist auch die Fülle der medialen Beiträge über diese Autorinnen und ihre Bücher, welche den Mangel an Sekundärliteratur teilweise ausgleichen können.
3 http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4dchenliteratur
5
Aus der neueren Literatur von Frauen erfährt einzig das „Literarische Fräuleinwunder“ wieder vermehrt Aufmerksamkeit von der Literaturwissenschaft. Es existieren darüber einige wissenschaftliche Beiträge, welche durch Publikationen über die sogenannte „Popliteratur“ erweitert werden können. Denn diese weist stilistische und thematische Gemeinsamkeiten zu den Texten des „Literarischen Fräuleinwunders“ auf wie beispielsweise die Konzentration auf die Themen wie
Drogen, Reisen, Musik, Fernsehen 4 .
Die Feministische Literaturwissenschaft beschäftigte sich nicht nur mit Kanonbildung, Stilistik und Themenwahl der „Frauenliteratur“, sondern bildete auch einen wissenschaftlichen Zweig aus, der sich zunehmend mit literarischen Weiblichkeitskonzeptionen auseinandersetzte und sich, um ein Beispiel zu nennen, bei der Analyse der Frauenbilder der Entlarvung von Geschlechterstereotypen und Klischees in der Literatur von Männern und seltener auch von Frauen widmete. Im Mittelpunkt standen auch hier die Texte von der Epoche der Aufklärung bis zu den 80er Jahren. Aber auch diese wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und das methodische Vorgehen lassen sich auf eine Analyse der heutigen Literatur weiblicher Schriftsteller und deren entworfene Frauenbilder übertragen. Außerdem können zum Teil auch Ergebnisse aus Untersuchungen der Kommunikationswissenschaften über die mediale Weiblichkeitskonzeption genutzt werden. Ebenso sind andere Gebiete der Gender Studies hilfreich und können den Forschungsstand über „Frauenliteratur“ insofern erweitern, als dass sie den Konstruktionscharakter der Geschlechter an sich beleuchten. Denn in dieser Wissenschaft wird zwischen dem sozial konstruierten Geschlecht (Gender) und dem biologischen Geschlecht (Sex) unterschieden und Gender als grundlegende Analysekategorie genutzt.
3. Methodisches Vorgehen
Die theoretische Grundlage der Analyse besteht aus drei Themenbereichen: Als erstes wird der Begriff „Frauenliteratur“ aus der Sicht der Gender Studies beleuchtet. Es ist notwendig, die dort gängige Unterscheidung zwischen Sex und Gender und die damit zusammenhängende innerfeministische Diskussion näher zu betrachten. Denn sie wirkt sich auch auf die Feministische Literaturwissenschaft mit
4 Vgl. ERNST, Thomas: Popliteratur, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg: 2001, S. 77.
6
ihren unterschiedlichen Theorien zur „Frauenliteratur“, beginnend bei dem Postulat einer spezifischen „weiblichen Ästhetik“ bis hin zum gesellschaftlichen Hintergrund einer weiblichen Autorschaft, aus. Diese differierenden Ansichten und Theorien zum Sex-Gender-System und zur „Frauenliteratur“ münden in der Problematisierung des Begriffs „Frauenliteratur“. Kritisiert wird beispielsweise, dass der äquivalente Begriff „Männerliteratur“ nicht existiert.
Darauf aufbauend beschäftigt sich der zweite Abschnitt mit der Entwicklung der „Frauenliteratur“ seit der zweiten deutschen Frauenbewegung. Im Mittelpunkt stehen stilistische Mittel sowie thematische Schwerpunkte der Literatur während der Blütezeit des Feminismus in den 70er Jahren verglichen mit der heutigen „Frauenliteratur“ ab Anfang der 90er Jahre. Konkretisiert wird die Entwicklung der deutschen „Frauenliteratur“ mit den hier herangezogenen Autorinnen Hera LIND und Judith HERMANN. Darauf aufbauend endet dieser Abschnitt mit der Genredebatte um die „Frauenliteratur“, innerhalb derer eine mögliche, gattungstheoretische Einordnung diskutiert wird.
Die theoretische Grundlage wird mit außerliterarischen Aspekten aus dem Diskursfeld „Frau“ abgeschlossen, welche auf die literarischen
Weiblichkeitskonzeptionen einwirken können. Anhand der Mediendiskussion um das heutige Frauenbild, wie sie zwischen Eva HERMAN und Alice SCHWARZER geführt wird, soll ein Überblick über die heutigen Erwartungshaltungen der Medien und der Gesellschaft gegenüber Frauen gegeben werden. Damit zusammenhängend werden einige Aspekte aus dem gesellschaftlichen Alltag der heutigen Frauen zwischen 25 und 40 Jahren genannt, da diese die hier behandelten Autorinnen, ihre Protagonistinnen und die Leserzielgruppe betreffen.
Auf dieser Basis wird die Analyse des Frauenbildes in den Romanen von Ildikó VON KÜRTHY vorgenommen. Es wird anfangs kurz auf VON KÜRTHYs Biographie eingegangen. Obwohl diese zwar nicht ausschlaggebend sein muss für ihre fiktiven, literarischen Frauenfiguren und damit für ihre Darstellung von Weiblichkeit, so ist es doch hilfreich, um das Gesamtbild ihrer „Frauenliteratur“ und ihres literarischen Frauenbildes abzurunden. Danach werden ihre Romane auf Merkmale untersucht, die auf eine mögliche gattungstheoretische Einordnung schließen lassen könnten.
7
Es folgt anhand der Protagonistinnen die Analyse des Frauenbildes, das VON KÜRTHY in ihrer Literatur entwirft und propagiert. Es soll geklärt werden, inwieweit Klischees und Geschlechterstereotype verarbeitet, Ideale propagiert werden, ob und welche Aspekte VON KÜRTHY aus dem Lebenszusammenhang der heutigen Frau einfließen lässt und ob Gemeinsamkeiten mit der „Frauenliteratur“ ihrer Kolleginnen LIND und HERMANN sowie mit deren literarischen Frauenbildern vorhanden sind. Letzteres ist vor allem wichtig für die Einordnung von VON KÜRTHYs Literatur und ihres literarischen Frauenbildes in eine gattungshistorische Entwicklungslinie der „Frauenliteratur“ seit den 70er Jahren.
Abschließend folgen eine Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der gesamten Analyse sowie ein Ausblick darüber, was zukünftig von VON KÜRTHYs Literatur und der darin enthaltenen Darstellung von Weiblichkeit zu erwarten ist.
8
B) THEORETISCHE GRUNDLAGE
1. „Frauenliteratur“ - Zugänge aus den Gender Studies
Das Geschlechterverhältnis und die Geschlechterrollen scheinen heutzutage diskussionsbedürftiger und komplexer denn je. Dass davon auch die Literatur und die literarischen Geschlechterbilder tangiert sind, insbesondere in der so genannten „Frauenliteratur“, legt der eben zitierte Kommentar VON KÜRTHYs nahe. Es muss daher geklärt werden, welche theoretischen Diskussionen über die Geschlechter die „Frauenliteratur“ bis heute begleiteten und beeinflusst haben könnten. In den 80er und 90er Jahren subsumierten die Gender Studies zunehmend den feministischen Diskurs um das weibliche Geschlecht. Auch wenn der Feminismus als gesellschaftspolitische Strömung parallel weiterbesteht, werden heute die theoretischen Debatten um die Frau auf dem Gebiet der Gender Studies fortgeführt und um die Untersuchung des männlichen Geschlechts sowie um das Verhältnis der Geschlechter zueinander erweitert. Als alles überbauende, interdisziplinäre Wissenschaft umfasst sie auch unter anderem die Frauenforschung und die feministischen Strömungen, welche sich in den theoretischen Geschlechterdiskurs einbringen sowie die Feministische Literaturwissenschaft. Daher sind hier verschiedene Untersuchungszugänge zur „Frauenliteratur“, zu den literarischen Weiblichkeitskonzeptionen und zum weiblichen Geschlecht an sich gegeben, die für die hier vorzunehmende Analyse hilfreich sind.
1.1. Unterteilung des Geschlechts in „Sex“ und „Gender“
Die angloamerikanische Bezeichnung „Gender Studies“ für die deutsche „Geschlechterforschung“ zeigt an, dass es sich um eine internationale Wissenschaft handelt und ein wissenschaftliches Arbeiten mit der Kategorie „Geschlecht“ auf zwei Ebenen erfolgen muss. Die Gender Studies unterscheiden das soziale Geschlecht
5 SCHAH, David: Die Anti-Jelinek. Ein Interview mit Ildiko von Kürthy, in: ef-magazin, Nr.47, November 2004.
9
(Gender) von dem biologischen Geschlecht (Sex). Es geht um das Spannungsfeld von Kultur und Natur. Gender gilt als kulturell geprägt und anerzogen. Sex dagegen bezeichnet das angeborene Geschlecht. Diese Unterscheidung ist „im deutschen Sprachgebrauch in dieser Weise nicht möglich“ 6 . Das Sex-Gender-System ist in den Gender Studies grundlegend für die Untersuchungen der kulturell konstruierten Unterschiede zwischen den Geschlechtern und der daraus resultierenden Dichotomie „Mann-Frau“. Dennoch wird es seit seiner Etablierung im innerwissenschaftlichen Diskurs kontrovers diskutiert. Es konnte sich keine einheitliche, allgemeingültige Theorie etablieren, sondern die verschiedenen Strömungen vertreten diesbezüglich gegensätzliche Ansichten.
Der Gleichheitsfeminismus war die bedeutendeste Triebfeder für die zweite Frauenbewegung mit der Forderung nach politischer und gesellschaftlicher Gleichstellung der Geschlechter, dementsprechend gegen eine Hierarchisierung. Grundlegend für diese Richtung wurde Simone DE BEAUVOIR mit ihrer oft angeführten Aussage: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“ 7 .
Die Gleichheitsfeministinnen unterstützen heute weiterhin die Unterscheidung zwischen Sex und Gender. Eingetreten wird für die Meinung, dass sich die Geschlechter, bis auf ihre anatomischen Unterschiede, gleichen, insbesondere hinsichtlich ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Es herrscht die Meinung vor, dass biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen dazu genutzt werden, ihnen unterschiedliche soziale Rollen und Verhaltensweisen zu zuweisen sowie Geschlechterrollen aufrechtzuerhalten. Diese Ansicht kreist hauptsächlich um folgende Problematik:
„Es gab immer schon - und in allen Kulturen - die Unterscheidung zwischen dem (biologischen) Geschlecht und dem (kulturell oder symbolisch kodierten) Gender. Manchmal überlagerten sich diese jedoch so sehr, dass der Unterschied kaum mehr wahrnehmbar war.“ 8
6 BRAUN, Christa VON/STEPHAN, Inge (Hrsg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar: 2000, S. 9.
7 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Simone_de_Beauvoir
8 BRAUN, Christa VON/STEPHAN, Inge (Hrsg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar: 2000, S. 16.
10
Der dekonstruktivistische Feminismus führt diese Tatsache - entgegen der Annahme des Gleichheitsfeminismus - darauf zurück, dass sowohl Gender als auch Sex kulturelle Konstrukte sind und daher nicht getrennt betrachtet werden können. Diese Annahme wird in Deutschland vornehmlich mit Judith BUTLER in Verbindung gebracht. Eine Begründung hierfür ist die „Radikalität ihrer Ausführungen, mit der sie das ‚Unbehagen der Geschlechter’ in einer bisher nicht bekannten Form zugespitzt
hat“ 9 und da in den 90er Jahren „andere prominente Gender-Theoretikerinnen wie zum Beispiel Teresa de Lauretis, Sandra Harding, Nancy Fraser oder Donna
Haraway zu diesem Zeitpunkt noch nicht ins Deutsche übersetzt worden waren“ 10 . Nach den Anhängern des dekonstruktivistischen Feminismus ist bereits ein latenter Biologismus vorhanden, wenn man einen Teil der Sex-Gender-Unterscheidung als naturgegeben ansieht 11 - demnach sind auch Gleichheitsfeministinnen wie Alice SCHWARZER von diesem Vorwurf betroffen.
Auf dieser Behauptung aufbauend entwirft Judith BUTLER ihr Modell der Performativität. Hier stützt sie sich hauptsächlich auf die Theorien Michel FOUCAULTs, der den Körper ebenfalls als Oberfläche für kulturelle Einschreibungen versteht und auf die Feststellungen von John Langshaw AUSTIN, den Begründer der Sprechakttheorie. Seinen Theorien folgend, begreift BUTLER das biologische Geschlecht als Effekt diskursiver Praktiken. Damit beruht ihr Performativitätskonzept auf der Annahme, dass performative Sprechakte genau das Wirklichkeit werden lassen, was sie im eigentlichen Sinne nur bezeichnen. Auf diese Weise werde das von der Gesellschaft zugewiesene Geschlecht dem Körper eingeschrieben. Wichtig für das Konzept der Performativität ist, dass die performativen Akte, wie sie BUTLER auffasst, nicht mit den Akten eines Schauspielers, der bewusst eine Rolle spielt, verwechselt werden dürfen, sondern als zwanghafte Wiederholungen reglementierender Normen verstanden werden 12 .
9 BUßMANN, Hadumod/HOF, Renate (Hrsg.): Genus. Geschlechterforschung/Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2005, S. 18.
10 BRAUN, Christa VON/STEPHAN, Inge (Hrsg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar: 2000, S. 64.
11 Vgl. BUßMANN, Hadumod/HOF, Renate (Hrsg.): Genus. Geschlechterforschung/Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2005, S. 18.
12 Vgl. ebenda, S. 101.
11
Umstritten im wissenschaftlichen Diskurs der Gender Studies ist es, das biologische Geschlecht wie BUTLER als „normatives Phantasma“ 13 anzusehen. „Nach Butler besitzt der Körper keine dem Kulturationsprozess vorgängige Identität, sondern erwirbt diese erst im Akt der Aneignung. Als ‚Kopie’ ohne Original ist er nicht einfach nur äußerlich mit einem Komplex kultureller Bedeutung verbunden, sondern eine Konstruktion, die erst in und durch die Markierung(en) der Geschlechtsidentität ins Leben gerufen wird.“ 14
Aufgrund dieser Ansicht wird BUTLER vorgeworfen, sie würde die Frau entkörpern: „Butler zufolge ist der Körper also kein ‚Seiendes’, sondern etwas Unlebendiges. […]
Offen bleibt, wie das Subjekt mit seinem Körper verbunden sein könnte“ 15 . Andererseits lässt sich BUTLERs Ansicht erklären, wenn davon ausgegangen wird, „dass die Entwicklung von Körper und Psyche einer lebenslangen Wechselwirkung unterliegt“ 16 .
BUTLERs Theorien sowie die Ansichten des dekonstruktivistischen Feminismus könnten möglicherweise in der kommenden Analyse der Frauenbilder und des Geschlechterverhältnisses in der Literatur von VON KÜRTHY, LIND und HERMANN eine gewichtige Rolle spielen. Denn die zugehörigen Theorien erreichten gerade im Zeitraum der Veröffentlichung der hier behandelten Romane große Aufmerksamkeit und wurden im feministischen Diskurs sowie in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert. Auch von anderen feministischen Theorien, vornehmlich die des Differenzbeziehungsweise des so genannten gynozentrischen Feminismus, wird die Sex-Gender-Unterscheidung kritisiert. Zugrunde liegt die Annahme, dass neben den anatomischen auch andere „natürliche“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern existieren und demnach Gender nicht rein kulturell konstruiert sei. Die individuellen Eigenschaften der Menschen könnten zwar teilweise variieren, seien aber trotzdem größtenteils biologisch determiniert.
13 BUTLER, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Suhrkamp, Frankfurt am Main: 1997, S. 23.
14 BRAUN, Christa VON/STEPHAN, Inge (Hrsg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar: 2000, S. 72.
15 HEIDL, Gabriele: Jenseits der Dekonstruktion: Eine Kritik an Judith Butlers Subjekt- und Körperverständnis, in: Forschungsinstitut Frau und Gesellschaft (Hrsg.): Zeitschrift für Frauenforschung. Sonderheft 2.1999. Philosophie, Politik und Geschlecht. Probleme feministischer Theoriebildung, Kleine Verlag, Bielefeld: 1999, S. 81.
16 SCHWARZER, Alice: Die Antwort, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln: 2007, S. 34.
12
Extremistinnen dieser Richtung empfinden die Gleichheitshypothese als „frauenfeindliche Gleichmacherei“ 17 und halten vehement an der Idee der Differenz der Geschlechter fest. Es wird die „Andersartigkeit der Frau in Wahrnehmung, Denken und Fühlen, ja sogar in der Moral“ 18 postuliert und dafür eingetreten, dass das weibliche Geschlecht aufgrund der Rolle als Mutter positivere Eigenschaften gegenüber dem männlichen Geschlecht aufweisen würde wie beispielsweise ausgeprägtere Friedfertigkeit und moralische Überlegenheit. Solche und ähnliche Theorien werden im wissenschaftlichen Diskurs als „deterministischer Biologismus“ bezeichnet und stützen sich auf vermeintliche Beobachtungen aus der Biologie.
„Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind weit weniger kulturell, als der an Androgynität orientierte Strang der Frauenbewegung es gern glauben wollte. Die Fortschritte in der Hirnforschung und der Biologie haben so manche Illusion zerstört.“ 19
Trennt man das biologische vom sozialen Geschlecht, können aus biologischer Sicht hauptsächlich vier Unterschiede zwischen Männern und Frauen festgestellt werden: Chromosome, Keimdrüse, Hormone und Geschlechtsorgane. Manche Forscher gehen davon aus, dass sich geschlechtsspezifisches Verhalten überwiegend auf die Hormone zurückführen lässt, auch wenn beide Geschlechter sowohl Testosteron als auch Östrogene in sich tragen - „allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen“ 20 . So heißt es weiterhin nach Vertretern des deterministischen Biologismus: „Hormone steuern neben Bartwuchs und Geschlechtstrieb auch die höheren Hirnfunktionen“ 21 . Aber nicht nur die Hormone sollen angeblich das Verhalten der Geschlechter mitbestimmen, sondern nach neuesten Erkenntnissen nehmen „auch die Geschlechtschromosomen X und Y direkten Einfluss auf das Verhalten […], ohne den Umweg über die hormonelle Steuerung“ 22 - so etwa nach Meinung der Forscher,
17 Vgl. WEBER, Ingeborg (Hrsg.): Weiblichkeit und weibliches Schreiben. Poststrukturalismus. Weibliche Ästhetik. Kulturelles Selbstverständnis, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt: 1994, S. 6.
18 ebenda.
19 BRINCK, Christine: Was ist weiblich? Anders von Anfang an, in: Die Zeit 10/2005.
20 HERDEN, Birgit: Geschlechterforschung. Erbe und Erziehung, in: Die Zeit, 27/2007.
21 ebenda.
22 SWAAF, Kurt F. DE: Geschlechter-Unterschiede. Das weibliche Chromosom der Gewohnheit, in: Der Spiegel, 22.10.2007.
13
die 2007 in der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" ihre aktuellsten Forschungsergebnisse veröffentlichten 23 . Das offenbart bereits, dass Vertreter des deterministischen Biologismus vermehrt auf Ergebnisse aus der Neurologie zurückgreifen, vorrangig motiviert durch folgende Feststellungen: „Männer haben allein durch ihre Körpergröße ein im Durchschnitt um elf Prozent größeres Gehirn. Darüber hinaus besitzen sie auch mehr Nervenzellen in der Großhirnrinde als Frauen. Auch im Detail findet man anatomische Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirnen. Unbestritten ist bei Männern die ‚präoptische Region’, zuständig für den Sexualtrieb, größer als bei Frauen.“ 24
„Auch bei der Suche nach Verhaltensunterschieden, die im Hirn verankert sein könnten, wurden die Forscher fündig. Jungen spielen oft schon mit einem Jahr lieber mit Autos, Mädchen dagegen mit Plüschtieren. Männliche Babys schauen schon sehr früh gern Dinge an, weibliche Kinder lieber Gesichter. Das Hormon Testosteron könnte für solche Unterschiede verantwortlich sein, so die Theorie. Männliche Babys bekommen davon schon im Mutterleib höhere Dosen ab als weibliche.“ 25
Solche und ähnliche neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse werden oft mit evolutionsbiologischen Begründungen verbunden. Dies mündet nicht selten in Schlussfolgerungen, deren Wahrheitsgehalt von Fachkollegen angezweifelt wird. So beispielsweise erhält der deterministische Biologismus eine Untermauerung seines Theoriegebäudes mit Arbeiten wie die der Neuropsychiaterin Louann BRIZENDINE: „Das weibliche Gehirn - Warum Frauen anders sind als Männer“. Dort behauptet sie, dass die geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschiede damit zu erklären seien, dass Frauen vom „Liebestrieb“ und den Hormonen gesteuert werden würden. Dies soll angeblich bereits beim weiblichen Baby anfangen, das laut der
Neuropsychologin öfters Blickkontakt zur Mutter sucht als männliche Babys 26 . Allerdings stoßen BRIZENDINEs Ansichten im wissenschaftlichen Diskurs überwiegend auf Ablehnung.
„Die Natur hat die Talente der Geschlechter vorgegeben; davon zeigen sich Brizendine und einige ihrer Kollegen überzeugt. […] andere empfinden Brizendines Darstellung der Frau als willenlose Hormonmaschine als Skandal […], als ‚pseudowissenschaftliche’ Einteilung.“ 27
23 ebenda.
24 HERDEN, Birgit: Geschlechterforschung. Erbe und Erziehung, in: Die Zeit, 27/2007.
25 SCHNURR, Eva-Maria: Frauen sind auch nur Männer, in: Die Zeit, 01/2007.
26 Vgl. SCHWARZER, Alice: Die Antwort, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln: 2007, S. 40.
27 BREDOW, Rafaela VON: Das gleiche Geschlecht, in: Der Spiegel, 6/2007.
14
„Brizendine und ihre Mitstreiter. Gern berufen sie sich dabei auf Tierexperimente. Die meisten Erkenntnisse über den Einfluss der Hormone aufs Gehirn und aufs Verhalten von Männchen und Weibchen stammen nämlich von Versuchen mit Ratten oder Mäusen. […] Das Problem ist nur: Die Erkenntnisse der Rattenbiologie lassen sich auf den Homo sapiens kaum übertragen. Denn er denkt vor allem mit seiner unvergleichlich hochentwickelten Hirnrinde. Und die unterliegt weit weniger als Stamm- und Zwischenhirn der Kontrolle der Hormone.“ 28
„In der Hirnanatomie werden immer wieder ‚typische’ Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gefunden - oft sind solche Befunde aber umstritten. Oder die Variationen sind so klein, dass man sie überhaupt nur als statistische Größe bei sehr vielen Messungen nachweisen kann […]. Zudem sagen anatomische Unterschiede noch nichts über die Funktion aus. Nicht einmal die Frage, ob sie angeboren sind, ist leicht zu beantworten.“ 29
Vielmehr muss eine Überlegung lauten, ob vermeintliche, geschlechtsspezifische Unterschiede ein Resultat sehr früher Prägung sein könnten. Dies bedeutet, dass auch in naturwissenschaftlichen Studien nicht exakt belegt werden kann, welches Verhalten und welche Eigenschaften angeboren oder durch Sozialisation angeeignet sind.
„Eltern und Umwelt vermitteln schon vom ersten Lebenstag an Geschlechterrollen. Auf diese Weise werden ein bestimmtes Verhalten und auch bestimmte Denkmuster gelernt. Lernen aber verändert die Nervenbindungen im Gehirn.“ 30
Demnach kann festgehalten werden: Jede Behauptung des deterministischen Biologismus kann mit anderen naturwissenschaftlichen Ergebnissen widerlegt oder zumindest angezweifelt werden.
Die theoretischen Diskrepanzen zwischen den verschiedenen feministischen Strömungen hinsichtlich der Sex-Gender-Unterscheidung sollten allerdings nicht verhindern, Gender dennoch als Analysekategorie für literarische Frauenbilder zu nutzen. So ist nach HOF Gender - in Anlehnung an Teresa DE LAURETIS - „weder als feste Größe noch als beliebige Variable, sondern als eine grundlegende
wissenschaftliche Analysekategorie“ 31 zu verstehen, zumal es die sozialen
28 ebenda.
29 HERDEN, Birgit: Geschlechterforschung. Erbe und Erziehung, in: Die Zeit, 27/2007.
30 SCHNURR, Eva-Maria: Frauen sind auch nur Männer, in: Die Zeit, 01/2007.
31 BUßMANN, Hadumod/HOF, Renate (Hrsg.): Genus. Geschlechterforschung/Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2005, S. 23.
15
Geschlechterrollen sind, die sich auf andere kulturelle Kontexte auswirken wie auf die Darstellung von Weiblichkeit in der Literatur. Trotzdem ermöglicht es die Kategorie Gender, Analysen durchzuführen, „ohne an dem problematisch gewordenen Postulat einer gemeinsamen ‚weiblichen’ Erfahrung oder einer universellen Unterdrückung
von Frauen festzuhalten“ 32 .
1.2. Feministische Literaturwissenschaft
Die Feministische Literaturwissenschaft formierte sich im Zuge der zweiten deutschen Frauenbewegung und knüpfte an Themen an, die zuvor im französischen und amerikanischen Sprachraum diskutiert wurden. Für diesen Wissenschaftszweig waren anfangs zwei Texte grundlegend: Virginia WOOLF mit ihrem Essay „Ein eigenes Zimmer“ (1928) und Simone DE BEAUVOIR mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ (1949).
WOOLF untersuchte in ihrer Arbeit die historische Situation von schreibenden Frauen, die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Schreibweise sowie die Chancen einer Frauenliteraturgeschichte. DE BEAUVOIR eröffnete einen weiteren Zweig der Feministischen Literaturwissenschaft. Sie beschäftigte sich mit der sozialen Konstruktion von Weiblichkeit - die Frau stets als die Andere in Bezug auf das männliche Geschlecht - und mit der Identifikation von Weiblichkeit beispielsweise mit „Natur“. Auf dieser Grundlage verglich sie literarische Frauenbilder miteinander und entlarvte diese als konstante Weiblichkeitsmythen.
Für die hier vorzunehmende Analyse sind folgende wissenschaftliche Zweige der Feministischen Literaturwissenschaft von Interesse, die sich in neuerer Zeit auf der Grundlage von WOOLF und DE BEAUVOIR herausgebildet haben: Die Frauenbildforschung und Untersuchungen zur Gattung der „Frauenliteratur“, die sich aus Konzepten über weibliches Schreiben und von einer so genannten „weiblichen Ästhetik“ ableiten lassen. Grundlegend bleibt dabei die Unterteilung des Geschlechts
32 ebenda, S. 13.
16
in Sex und Gender und die Annahme, dass jeder literarische Text auch am Zuschreibungsprozess von Sex zu Gender beteiligt ist 33 .
Die Frauenbildforschung beschäftigt sich mit literarischen Verfahrensweisen der Frauenbildproduktion und untersucht, ob ein Autor oder eine Autorin die gesellschaftlichen Frauenbilder, Geschlechterstereotype und Klischees reproduziert oder sie bloßstellt und stattdessen Alternativen aufzeigt. Hier widmet sich die Forschung überwiegend der Untersuchung der literarischen Weiblichkeitsbilder in den Texten männlicher Schriftsteller. Aber immer häufiger werden auch die literarischen Frauenbilder von weiblichen Autorinnen analysiert und untersucht, inwiefern sie andere Weiblichkeitskonzeptionen produzieren oder ob auch diese mit den Frauenbildern ihrer männlichen Kollegen übereinstimmen. Grundlegend für die Frauenbildforschung sind, neben dem Text von DE BEAUVOIR, die Untersuchungen von Silvia BOVENSCHEN, Klaus THEWELEIT und für die neuste Literatur die Forschung von Kate MILLETT. Letztere zeigt in ihren Untersuchungen „Sexual Politics“:
„[…] wie sehr hier literarische Frauenbilder Spiegel männlicher Projektionen sind, Bilder, in denen Frauen nur diejenigen Bedürfnisse entwickeln, deren Befriedigung sich mit der Lust des Mannes deckt“ 34 .
Problematisch an allen bisher durchgeführten Analysen ist es, dass stets nur ein Teil der Literaturproduktion untersucht wurde, es aber keine flächendeckende Analyse zu den geschlechtsspezifischen Darstellungsweisen von Frauenbildern gibt. Daher existiert keine allgemeingültige Feststellung zu literarischen
Weiblichkeitskonzeptionen, sondern es muss für jeden Schriftsteller, gleichgültig welchen Geschlechts - in dieser Arbeit die Autorinnen VON KÜRTHY, LIND und HERMANN -, aufs Neue untersucht werden, was für Frauenbilder proklamiert werden, ob und inwieweit sie Geschlechterstereotype und Klischees bedienen oder ob sie neue Frauenbilder und Ideale entwerfen.
33 Vgl. ERHART, Walter/HERRMANN, Britta: Feministische Zugänge - Gender Studies, in: ARNOLD, Heinz Ludwig/DETERING, Heinrich (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft, dtv, München: 1999, S. 499.
34 RICHTER-SCHRÖDER, Karin: Frauenliteratur und weibliche Identität. Theoretische Ansätze zu einer weiblichen Ästhetik und zur Entwicklung der neuen deutschen Frauenliteratur, Hain Verlag, Frankfurt am Main: 1986, S. 16.
17
Es gilt, in der Analyse der Frauenbilder zu untersuchen, mit welchen Eigenschaften Weiblichkeit in Verbindung gebracht wird wie „Naturwesen“, Sinnlichkeit, Bedrohung und Ähnliches. Problematisch ist einerseits, ob und inwieweit sich männliche, gesellschaftlich anerkannte Weiblichkeitsvorstellungen auch auf die literarischen Weiblichkeitskonzeptionen von Autorinnen auswirken und andererseits die Tatsache, dass eine von Geschlechtervorstellungen freie Perspektive nicht möglich ist 35 . Denn der Schriftsteller selbst ist beeinflusst von kulturellen, geschlechtsspezifischen Zuschreibungen. Daher hängt die Frauenbildforschung eng zusammen mit den allgemeinen Forschungsrichtungen der Gender Studies über den
Konstruktionscharakter des sozialen Geschlechts. Ein literarischer Text ist zwar immer fiktiv, lässt aber größtenteils „reale“ Gegebenheiten der Geschlechterbilder und -verhältnisse einfließen, um beispielsweise der Leserschaft die Identifikation mit den Hauptfiguren zu erleichtern. Außerdem empfindet der Autor möglicherweise die vorherrschenden Frauenbilder als „natürlich“, da seine Sozialisation eine solche Sichtweise gefördert hat. Indem er aber die gesellschaftlich anerkannten Weiblichkeitsvorstellungen in seinen Texten reproduziert, trägt er wiederum zu deren beständiger Akzeptanz bei. Allerdings beeinflussen heutzutage die literarischen Frauenbilder weit weniger die gesellschaftliche Sicht über die Geschlechter als die von den Medien propagierten Weiblichkeitsvorstellungen. Der Wunsch, den gängigen Frauenbildern der (männlichen) Literatur eine neue Darstellung von Weiblichkeit entgegenzusetzen, mündete während der Blütezeit der zweiten deutschen Frauenbewegung in einem gesteigerten Interesse an der Literatur von Frauen, hauptsächlich der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. Man hoffte, in den Texten weiblicher Schriftsteller andere literarische Frauenbilder zu entdecken. Dieses Interesse an der Literatur von Frauen führte zunächst zu einem Nachdenken über „Frauenliteratur“ als eine spezielle Gattung, mündete jedoch schließlich in Konzepte über „weibliches Schreiben“ und eine „weibliche Ästhetik“ 36 .
35 Vgl. ERHART, Walter/HERRMANN, Britta: Feministische Zugänge - Gender Studies, in: ARNOLD, Heinz Ludwig/DETERING, Heinrich (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft, dtv, München: 1999, S. 500.
36 Vgl. ERHART, Walter/HERRMANN, Britta: Feministische Zugänge - Gender Studies, in: ARNOLD, Heinz Ludwig/DETERING, Heinrich (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft, dtv, München: 1999, S. 501.
18
Die Diskussion um eine spezifische „weibliche Ästhetik“ und damit eine „Frauenliteratur“ als gesonderte Gattung drehte sich anfangs hauptsächlich um folgende Fragen: Schreiben und lesen Frauen anders als Männer? Wenn es Unterschiede gibt, ist dann das weibliche Schreiben unmittelbar an das weibliche
Geschlecht geknüpft? 37
Die Verfechterinnen einer „weiblichen Ästhetik“ forderten, dass weibliches Schreiben eine Gegenbewegung zur männlichen Schreibweise darstellen sollte. Von den weiblichen Autoren wurde verlangt, dass sich ihre Texte thematisch, strukturell und stilistisch von den Produktionen der männlichen Kollegen unterscheiden. Es sollte ein größeres Gewicht auf den weiblichen Lebenszusammenhang und Lebensalltag gelegt werden. Die Diskussion über eine besondere „weibliche Ästhetik“ wurde in den 80er Jahren in Gestalt der poststrukturalistischen Theoreme von „écriture féminine“ (Helene CIXOUS) und „parler femme“ (Luce IRIGARAY) beherrscht 38 . „‚Den Körper schreiben’, genauer: den Körper der Mutter schreiben - mit dieser provokativen Definition der ‚écriture féminine’ nabelt Helene CIXOUS sich ab vom Logozentrismus der abendländischen Tradition des Denkens, sagt dem ‚männlichen’, von allen Spuren des Sinnlichen gereinigten Denkens den Kampf an.“ 39
CIOUXs Konzept liegt die gynozentrische Annahme zugrunde, dass, wenn Frauen anders sind, auch anders schreiben. Diese Andersartigkeit sieht die Theoretikerin in der Stellung der Frau als Mutter begründet, was ihr besondere Eigenschaften zu eigen mache wie friedfertig, liebend und leidenschaftlich. Auch IRIGARAY entwirft ihre Behauptung als Anhängerin des Differenzfeminismus. Sie versucht primär gegen FREUDs Annahme des „Penisneids“ vorzugehen und verfällt in ihrer Theorie demselben Biologismus, den sie FREUD zum Vorwurf
macht 40 . Nach IRIGARAY schreiben Frauen anders als Männer, da sie zwei Lippen haben - die des Mundes und die der Schamlippen. Daher sprechen und schreiben Frauen immer auch mit ihrem Körper, was in der Konsequenz besagt, dass sie anders schreiben als Männer. Diese Feststellung bedeutet für IRIGARAY, dass
37 Vgl. SCHNEIDER, Jost: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. Bielefeld 1998, S. 231.
38 Vgl. WEBER, Ingeborg (Hrsg.): Weiblichkeit und weibliches Schreiben. Poststrukturalismus. Weibliche Ästhetik. Kulturelles Selbstverständnis, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt: 1994, S. 1.
39 ebenda, S. 13.
40 Vgl. ebenda, S. 35.
19
Frauen nicht neidisch sind, keinen „Penisneid“ hegen, sondern in ihrer gleichwertigen Andersartigkeit friedlich mit Männern koexistieren können und dies auch im kulturellen Produktionsbereich. Das heißt, dass sie den männlichen Autoren nicht nacheifern, sondern andere literarische Wege gehen würden. Gemeinsam geht es CIXOUS und IRIGARAY in ihren Theorien um Folgendes: „eine andere Schreibweise, die der Sprache des Körpers Raum lässt, ohne auf die verbale Sprache zu verzichten, eine Schreibweise, welche die Artikulationen und Wahrnehmungen des Körpers nicht abtrennt, die aber auch nicht im sprachlosen Symptom verharrt.“ 41
Sie halten mit ihren Annahmen allerdings daran fest, dass allen Frauen durch ihren Körper und ihr Muttersein natürliche weibliche Erfahrungen und Eigenschaften gemein seien. Dagegen wendet sich Julia KRISTEVA, die vehement den Standpunkt einer geschlechtsneutralen Ästhetik verteidigt und davon ausgeht, dass es keine einheitlichen Erfahrungen und Eigenschaften des weiblichen Geschlechts gäbe. In einem Interview 1977 sagte sie: „Ich befürworte eine Auffassung von Weiblichkeit,
bei der es ebenso viele weibliche Wesen wie Frauen gäbe“ 42 . KRISTEVA möchte gegen die Annahme einer idyllischen Mutter-Kind-Symbiose vorgehen, die die Frau zu etwas Besonderem hochstilisiert. Gleichzeitig allerdings betont sie, dass „die Mutterschaft die Frau zur Grenzgängerin zwischen Kultur und Natur macht“ 43 . Damit verfällt auch sie - wie CIXOUS und IRIGARAY - einer ideologischen Wesensbestimmung des Weiblichen als mütterlich-nährend-liebend, auch wenn sie keine Auswirkungen auf den Bereich der Ästhetik annimmt. Trotzdem gilt daher für alle drei Theoretikerinnen, dass „sich auch das Aufbrechen der binären Oppositionen (insbesondere der Opposition männlich/weiblich), das sie so vehement auf ihre Fahnen geschrieben haben, als blanker Schein“ 44 erweist.
41 WEIGEL, Sigrid: Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen, Rowohlt, Reinbek: 1989, S. 117.
42 WEBER, Ingeborg (Hrsg.): Weiblichkeit und weibliches Schreiben. Poststrukturalismus. Weibliche Ästhetik. Kulturelles Selbstverständnis, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt: 1994, S. 43.
43 ebenda, S. 44.
44 ebenda, S. 47.
20
Problematisch ist auch, dass solche Theorien einen Rückfall in biologische Denkmuster darstellen, wenn proklamiert wird, dass die Frau durch ihre Eigenschaft des Mutterseins auch moralische Überlegenheit gegenüber dem Mann besäße. Die Diskussion um eine spezifische „weibliche Ästhetik“ und ein spezifisches weibliches Schreiben ist demnach eng gebunden an die Auseinandersetzung des Gleichheits- mit dem Differenzfeminismus und dem deterministischen Biologismus. Dies bedeutet, dass sich auch in der Feministischen Literaturwissenschaft hinsichtlich einer „weiblichen Ästhetik“ keine einheitliche Theorie etablieren konnte, sondern dass vielmehr eine eklektische Vorgehensweise den Diskurs beherrscht und damit auch der Begriff „Frauenliteratur“ zu Diskussion steht.
1.3. Problematisierung des Begriffs „Frauenliteratur“
Die Diskussion über eine „weibliche Ästhetik“ scheint heutzutage überholt, obwohl nie eine Einigung darüber erzielt werden konnte, ob es eine gesonderte Gattung „Frauenliteratur“ gibt, geben darf und geben kann. Auch bleibt es schwierig, zu erklären, weshalb heutzutage keine Werke von männlichen Autoren allgemein der „Frauenliteratur“ zugeordnet werden, obwohl sie theoretisch „Frauenliteratur“ produzieren könnten, wenn man nicht von einer „weiblichen Ästhetik“ ausgeht. Folglich müsste ein Unterschied zwischen den Texten weiblicher und männlicher Schriftsteller existieren. Angenommen werden könnte etwa, dass weibliche Autoren weibliche Protagonisten und deren Lebenszusammenhang glaubwürdiger für die weibliche Leserschaft imaginieren können, beispielsweise, indem sie eigene Erfahrungen in den Text einfließen lassen. Diese Annahme würde allerdings gleichzeitig nahe legen, dass Frauen sich schwer täten, Literatur zu verfassen, welche nicht speziell für weibliche Leser gedacht wäre. Zu all den eben genannten Schwierigkeiten um den Begriff „Frauenliteratur“ gesellt sich die Genredebatte, welche im folgenden Kapitel diskutiert werden soll. Folglich konnte das Dilemma, ob Frauen aufgrund ihres Geschlechts in ihrer literarischen Produktion festgelegt seien, bis dato im wissenschaftlichen Diskurs nicht zufriedenstellend geklärt werden.
21
Der Begriff „Frauenliteratur“ muss immer wieder aufs Neue problematisiert und diskutiert werden. Zur Debatte steht auch, dass Texte von Autorinnen über und speziell für Frauen als „Frauenliteratur“ betitelt werden, obwohl der äquivalente Begriff „Männerliteratur“ nicht existiert. „Die schockartige Einsicht, dass das, was
bislang als ‚Literatur’ gegolten hatte, in Wahrheit ‚Männerliteratur’ war“ 45 .
Bereits während der zweiten deutschen Frauenbewegung lehnten folgerichtig einige Autorinnen den Begriff „Frauenliteratur“ ab: „Solange es den parallelen Begriff
‚Männerliteratur’ nicht gibt, ist die Bezeichnung ‚Frauenliteratur’ diskriminierend“ 46 . Diese Einstellung gilt auch heute noch für einige Schriftstellerinnen - Irmtraud MORGNER drückt es wie folgt aus:
„Was ich ablehne, das ist lediglich der Ausdruck ‚Frauenliteratur’, weil der parallele Ausdruck ‚Männerliteratur’ mit Recht als absurd empfunden wird. Es gibt eine Literatur von Frauen geschrieben - und es gibt eine Literatur von Männern geschrieben.“ 47
Der Begriff bleibt weiterhin umstritten. Bis heute hat er sich entgegen den genannten Einwänden gehalten, während eine vergleichbare Bezeichnung für die Literatur männlicher Autoren immer noch nicht existiert:
„Die Populär- und Massenkultur gilt als weiblich, die Hochkultur als männlich. Die unterhaltende, leichte Seite der Welt signalisiert ‚Frau’, die informative, ernsthafte löst die Assoziation ‚Mann’ aus“ 48 .
Es scheint, als könnte auch der Feminismus an den benutzten Begrifflichkeiten der jahrhundertlangen männlichen Beherrschung des Kulturbetriebes keine Veränderungen bewirken.
45 BRAUN, Christa VON/STEPHAN, Inge (Hrsg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Metzler Verlag, Stuttgart, Weimar: 2000, S. 62.
46 ebenda, S. 294.
47 ZÜGER, Armin: Männerbilder - Frauenbilder. Androgyne Utopie in der deutschen Gegenwartsliteratur, Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M. (u.a.): 1992, S. 162.
48 KLAUS, Elisabeth: Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Zur Bedeutung der Frauen in den Massenmedien und im Journalismus, Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden: 1998, S. 18.
22
Ildikó VON KÜRTHY selbst steht diesem Begriff gleichgültig gegenüber: „man [findet] Dinge schneller, wenn sie im passenden Regal stehen für Heimwerker, für
Pilzesammler, für Frauen. Mich stört das nicht“ 49 . Es kann allerdings davon ausgegangen werden, dass VON KÜRTHY als langjährige Medienmitarbeiterin bestens darüber informiert ist, dass die Zusatzbezeichnung „Frauen-“ verkaufsfördernd wirkt. Denn da die Leserschaft insgesamt zu zwei Dritteln aus dem weiblichen Geschlecht besteht, kann sich eine explizite Benennung als Zielgruppe nicht negativ auswirken. Dies beispielsweise trifft auch auf so genannte „Frauenzeitschriften“ wie das Magazin „Brigitte“ zu, für welches VON KÜRTHY jahrelang gearbeitet hat. Verleger solcher Zeitschriften wissen, „dass Frauen spezifische Wünsche an Medien richten, die von anderen Printprodukten nur unzureichend erfüllt werden“ 50 . Indem sie diese Marktlücke füllen, erreichen sie eine Bevölkerungsmehrheit als Konsumenten, die ihnen hohe Verkaufszahlen garantiert. Dasselbe kann markttechnisch möglicherweise auch auf „Frauenliteratur“ übertragen werden. Zumindest wäre das eine nachvollziehbare Begründung für den anhaltenden Erfolg dieser Etikettierung, ebenso wie die Tatsache, dass die Käuferinnen von „Frauenzeitschriften“ wissen, dass ihre Erwartungen bezüglich des Inhalts erfüllt werden: „Schwerpunktthemen sind Mode, Kosmetik, Haushalt und psychologische
Themen“ 51 . Ob dies ebenfalls auf Texte der heutigen „Frauenliteratur“ angewandt werden kann, muss am Inhalt des jeweiligen Romans überprüft werden. Insgesamt kann der anhaltende Konflikt über den Begriff „Frauenliteratur“ scheinbar nicht zufriedenstellend gelöst werden. Trotzdem wird diese Betitelung in der vorliegenden Arbeit verwendet, auch wenn gilt: „Bei jeder Definition wird ein
Unbehagen zurückbleiben, immer wird es ein Veto geben“ 52 .
49 RAETHER, Till/TEIGELKÖTTER, Sina: Sommergespräch. Männer, Märchenprinzen & Co, in: Brigitte, Heft 14/2005.
50 KLAUS, Elisabeth: Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Zur Bedeutung der Frauen in den Massenmedien und im Journalismus, Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden: 1998, S. 265.
51 ebenda.
52 WEIGEL, Sigrid: Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen, Rowohlt, Reinbek: 1989, S. 22.
23
2. „Frauenliteratur“ - Entwicklung und Genredebatte
Seitdem die Bezeichnung „Frauenliteratur“ existiert, wird im
literaturwissenschaftlichen Diskurs darüber diskutiert, wie man diese Art der Literatur qualitativ bewerten soll. Bereits die heute oft und gerne verwendete Bezeichnung „Unterhaltungsliteratur“, wie sie auch von Ildikó VON KÜRTHY für ihre eigenen Romane benutzt wird, deutet an, dass der Begriff „Frauenliteratur“ nicht nur hinsichtlich seiner geschlechtsspezifischen Bedeutung problematisiert werden muss, sondern auch in Bezug auf die gattungstheoretische Einordnung. In diesem Kapitel wird daher die Entwicklung der deutschen „Frauenliteratur“ behandelt. Im Mittelpunkt steht, in Abgrenzung zum vorausgegangenen Kapitel, nicht der Begriff „Frauenliteratur“ in seiner geschlechtsspezifischen Bedeutung, sondern seine Entwicklung hinsichtlich der inhaltlichen Füllung und der Darstellung von Weiblichkeit. Im Zuge dieser Untersuchung soll auch eine gattungstheoretische Einordnung der „Frauenliteratur“ versucht werden.
Da der Begriff erstmals während der zweiten deutschen Frauenbewegung explizit auf Literatur von Frauen, für Frauen und über Frauen angewandt wurde, wird an dieser Stelle mit seiner Erläuterung begonnen. Außerdem geben die damaligen Texte, die dieser Art der Literatur zugeordnet wurden, darüber Aufschluss, in welcher Tradition VON KÜRTHY mit ihrer Literatur, insbesondere mit ihren Frauenfiguren, ihrer Themenwahl und deren Umsetzung, stehen könnte.
Die Entwicklung der deutschen „Frauenliteratur“ hinsichtlich Stilistik, Thematik und Frauenfiguren soll einen allgemeingültigen Charakter haben, denn der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der gegenwärtigen Literatur VON KÜRTHYs und auf dem Vergleich mit den literarischen Produktionen LINDs und HERMANNs, daher wird ausschließlich deren „Frauenliteratur“ detaillierter behandelt.
53 RAETHER, Till/TEIGELKÖTTER, Sina: Sommergespräch. Männer, Märchenprinzen & Co, in: Brigitte, Heft 14/2005.
24
Darauf aufbauend endet dieses Kapitel mit der Genredebatte um die „Frauenliteratur“, innerhalb derer eine gattungstheoretische Einordnung versucht und diskutiert wird. Im Mittelpunkt steht eine mögliche Zuordnung oder Abgrenzung zur Trivial- und Hochliteratur nach dem Zweischichtenmodell literarischer Qualität.
2.1. Anfänge der „Frauenliteratur“ in den 70er Jahren
Die zweite deutsche Frauenbewegung, die sich Anfang der 70er Jahre in Deutschland inszenierte, konnte bereits auf die Errungenschaften der ersten Frauenbewegung aufbauen, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts für die Grundrechte der Frauen kämpfte.
Die „hassgeliebte Galionsfigur“ 54 wurde Alice SCHWARZER, die mit ihrem Stern-Artikel „Ich habe abgetrieben“ 1971 dem Gleichheitsfeminismus in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Ihrer Ansicht nach hat der Feminismus hauptsächlich folgendes Ziel: „Infragestellung der Geschlechterrollen; also der emotionalen, intellektuellen und ökonomischen Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern“ 55 .
Zu dieser Zielsetzung gehörte in den 70er Jahren auch, dass man die Unterdrückung der Frau und ihre Emanzipation von den bestehenden gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Rollenzwängen in der Literatur thematisierte. Erst in dieser Zeit wurde die Literatur von weiblichen Autoren, die sich emanzipatorischen Themen und Zielen widmete, explizit als „Frauenliteratur“ betitelt: „Die ersten programmatischen Diskussionen über ‚Frauenliteratur’ fanden in den Jahren 1975/76 statt“ 56 .
Schon vor der zweiten Frauenbewegung existierte nach heutigen Gesichtspunkten beziehungsweise laut eingangs genannter Definition „Frauenliteratur“ in Deutschland, vermehrt ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, als es auch immer mehr professionalisierte Schriftstellerinnen gab. Besonders hervorzuheben ist in dieser Hinsicht die Literatur von Autorinnen der Weimarer Republik wie von Vicki BAUM und Irmgard KEUN, welche die „Neue Frau“ und ihre gesellschaftlichen Probleme in den
54 BRUNST, Klaudia: Frau gegen Frau, in: Die Zeit, 16.06.2005.
55 SCHWARZER, Alice: Die Antwort, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln: 2007, S. 18.
56 WEIGEL, Sigrid: Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen, Rowohlt, Reinbek: 1989, S. 48.
Arbeit zitieren:
Christine Konopka, 2009, Ildikó von Kürthys Frauenbild - Zwischen 'Literarischem Fräuleinwunder' und 'Frauenliteratur' von Hera Lind, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zur Informationsvergabe in Goldonis "Bugiardo" nach M. Pfist...
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 17 Seiten
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 18 Seiten
Wladimir Kaminer - Ausländer in der Wendeliteratur
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Ehegesetzgebung des Augustus
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Gottfried Kellers "Der Grüne Heinrich" - Realistische Epoche...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Essay, 21 Seiten
Darstellung und Bedeutung der Naturphänomene in Goethes Balladen
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Zwischen Aufbau und Zerstörung - Elfriede Jelineks Theatertexte 'D...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Forschungsarbeit, 69 Seiten
Gedichtanalyse und Interpretation von Bertold Brechts "An die Nac...
Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 21 Seiten
Christine Konopka hat den Text Ildikó von Kürthys Frauenbild - Zwischen 'Literarischem Fräuleinwunder' und 'Frauenliteratur' von Hera Lind veröffentlicht
Christine Konopka hat einen neuen Text hochgeladen
Ernährung im Kontext von Geschlechterverhältnissen
Analyse zur Diskursivität gesu...
Katarina Schritt
Gendered Intersections: An Introduction to Women's and Gender Studies
C. Lesley Biggs, Pamela J. Downe
Articulations of Difference: Gender Studies and Writing in French
Dominique D. Fisher, Lawrence R. Schehr, Dominique Fisher
Wissenschaftstheorien und Gese...
Therese Steffen, Caroline Rosenthal, Anke Väth
0 Kommentare