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INHALTSVERZEICHNIS
I. EINLEITUNG 3
I. 1. Vorbemerkungen zur Theorie der distinktiven Merkmale 4
I. 2. Autoren und Forschungsansätze 4
II. PHONEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN 6
II.1. Phonemdefinitionen 6
II.2. Merkmal vs. Funktion 8
III. DISTINKTIVE MERKMALE IM LAUTSYSTEM 9
II.1. Lauteigenschaften und distinktive Merkmale 9
III.2. Definitionen und Einteilung der Merkmale 11
IV. DISTINKTIVE MERKMALE DEUTSCHER PHONEME 14
IV.1. Eigenschaften der Konsonanten 16
IV.2. Sonderfälle im Konsonantensystem 16
IV.3. Eigenschaften der Vokale 17
IV.4. Sonderfälle å und ´ 21
V. EINORDNUNG, KRITIK UND WEITERE ANSÄTZE 22
LITERATURVERZEICHNIS 24
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I. EINLEITUNG
I. 1. Vorbemerkungen zur Theorie der distinktiven Merkmale
Im Jahr 1928 traf sich eine Gruppe Sprachwissenschaftler auf dem Prager Linguistenkongress und legte die Grundlagen für einen neuen, bahnbrechenden Zweig in der Sprachwissenschaft: sie trennten erstmals Phonologie (als Lautlehre im Sinne von Saussures langue) und Phonetik (parole). Eine der bedeutendsten Erkenntnisse dieses Kongresses und damit der vergangenen Jahrzehnte ist die Tatsache, dass gesprochen Laute nicht unteilbare Ganze sind, sondern in „sets of features“ zerlegt werden können. Damit wird es zu einem Hauptziel der Phonologie, diejenigen distinktiven Merkmale zu definieren, mit denen die Laute voneinander abgrenzbar sind. Die Aufgabe war fortan die Beschreibung der signifikanten Unterschiede zwischen Lautbildern.
Jakobson definiert 1929 das Phonem als die phonologische Einheit, die nicht mehr in kleinere, einfachere phonologische Einheiten zerlegt werden kann. Vachek verfeinert dies 1936 mit der Feststellung: Phoneme können nicht mehr in kleinere aufeinander folgende Einheiten zerlegt werden. Trubetzkoy 1939 schließlich prägt die berühmt gewordene Definition: „Phonologische Einheiten, die sich vom Standpunkt der betreffenden Sprache nicht in noch kürzere aufeinanderfolgende phonologische Einheiten zerlegen lassen, nennen wir Phoneme.“ und erkennt aber gleichzeitig, dass „jedes Lautgebilde mehrere akustisch-artikulatorische Eigenschaften enthält und sich von jedem anderen Lautgebilde nicht durch
alle, sondern nur durch einige von diesen Eigenschaften unterscheidet.“ 1 Dies sind die relevanten Eigenschaften, um die es in dieser Arbeit gehen soll. Sie bewirken, dass Phoneme an Oppositionen teilnehmen, das heißt: es unterscheiden sich ähnliche Phoneme, wie /p/ und /b/ im Deutschen, aufgrund dieser relevanten Eigenschaften. Trubetzkoy ergänzt daher richtig (und verweist auf eine ähnliche Definition bei Jakobson): „Man darf sagen, daß das Phonem die Gesamtheit der phonologisch relevanten Eigenschaften eines Lautgebildes ist.“. 2 Diese Formulierung hat sich durchgesetzt, sie baut auf Jakobson/Halle 1956 auf: „the distinctive features are aligned into simultaneous bundles called phonemes“. Wenn wir akzeptieren, dass Laute (Sounds) vollständig in Merkmale zerlegt werden können, so folgt daraus: diese Merkmale geben eine komplette Charakteristik der linguistisch relevanten Aspekte. Eines der Hauptziele der linguistischen Forschung im
1 Trubetzkoy (1939), S. 34 f. Trubetzkoy nimmt außerdem eine Einteilung der Oppositionen vor und unterscheidet in ein-
und mehrdimensionale, isolierte und proportionale, äquipollente, graduelle und privative. Aus Platzgründen wird hier
verzichtet, darauf näher einzugehen, und der Fokus auf Distinktivität gelegt.
2 ders, S. 35
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Moment ist der Versuch, präzise ein Set von Merkmalen zu definieren, mit welchem jeder Laut in den Sprachen der Welt beschrieben werden kann. Die so vorgenommene (traditionelle) Beschreibung der Laute hat zur Folge, dass diese Laute in Gruppen oder Klassen zerfallen, und dass diese sich nach den Merkmalen definieren. Man spricht infolge dessen von der klassifizierenden Funktion der Merkmale. Dieser Aspekt war in früheren strukturalistischen Theorien zur Phonologie bedeutend, das Klassifizieren von Lauten eines der Hauptziele des Strukturalismus. 3 Ein konkretes Beispiel für Opposition im Trubetzkoy´schen Sinne: deutsche Obstruenten lassen sich, wie auch z.B. im Englischen, in Stimmhaft und Stimmlos unterteilen. Betrachtet man das Paar /p/ und /b/, so hat jeder dieser Laute entweder die eine ODER die andere Eigenschaft. Identisch verhält es sich bei den Paaren /f/ und /v/ oder /t/ und /d/. Es herrscht eine binäre Opposition vor, die beiden Klassen sind im Hinblick auf das Merkmal ´stimmhaft´ binär verteilt. Wenn also bei der Beschreibung der Laute, wie im Fall hier, das Merkmal durch ein „+“ (für vorhanden) oder - (für nicht vorhanden) benannt werden kann, spricht man in der Phonologie von „binary features“ (binären Merkmalen).
I. 2. Autoren und Forschungsansätze
Jakobson/Halle (1956) nutzen „distinctive features“ als Bezeichnung, später werden von Chomsky (1965) distinktive Merkmale auch auf andere Grammatik-Bereiche übertragen. Die lautunterscheidenden Merkmale werden unterschiedlich benannt: in „phonetic features“ und „phonological features“. Sie sind nicht zwingend binär (können es aber sein). Neuere phonologische Werke sind uneinheitlich und verwirrend bei den Begriffen - sie nennen die gleichen Merkmale mal phonetisch und mal phonologisch. Mit Ramers/Vater wird sich hier für die Benennung als „phonetisch-phonologische Merkmale“ entschieden, weil sie sowohl zur Charakterisierung der zugrunde liegenden wie auch der oberflächennahen Struktur dienen können. Einige andere Klassifizierungen in der Literatur sind z.B.:
3 Das strukturalistische Vorgehen war jedoch nicht überall akzeptiert - und ist es bis heute nicht. Chomsky greift den
Strukturalismus, seine auf Segmentierung und Klassifizierung beruhende Methodik an - und damit auch das Phonem als
zentrale Struktureinheit der Phonologie. Nicht Sprachfakten als solche, sondern die menschliche Kompetenz im Umgang mit
diesen Fakten sei Gegenstand linguistischer Beschreibung. Es sei damit etwas Mentales und nur über Beobachtung
sprachlichen Verhaltens erschließbar. Chomsky entwickelte die sogenannte „Generative Grammatik“ und vertritt die darin
begründete „generative Phonologie“. Ihr wichtiges Kennzeichen ist der Ansatz, dass alle voraussagbaren Eigenschaft
sprachlicher Elemente durch Regeln abgeleitet werden können.
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„Doppelcharakter durch akustische und artikulatorische Eigenschaften“ bei Jakobson & Halle (1956)
Jakobson/Halle gehen von mehr Merkmalsklassen als nur den distinktiven aus. Sie benennen konfigurationale Merkmale (diese signalisieren die Einteilung einer Äußerung in grammatische Einheiten), expressive Merkmale (drücken emotionale Einstellungen des Sprechers aus) und redundante Merkmale (unterstützende Funktion, z.B. in Positionen, wo der unterstützende Kontrast zwischen distinktiven Merkmale abgeschwächt ist). Die distinktiven Merkmale werden unterteilt in prosodische oder suprasegmentale Merkmale (sie beziehen sich auf relative Tonhöhe, Lautstärke und Dauer) und inhärente oder segmentale Merkmale (das sind Eigenschaften von Lautsegmenten). Die Doppelcharakterisierung durch aufgegeben. 4 akustische und artikulatorische Eigenschaften wurde später
„artikulatorische Merkmale“ bei Chomsky & Halle 1968 (SPE)
Seit Chomskys Werk „Sounds Pattern of English“ SPE werden üblicherweise folgende artikulatorische Merkmale angenommen: konsonantisch, silbisch, sonorantisch, dauernd,
nasal, lateral, anterior, koronal, hoch, tief, hinten, rund, gespannt, stimmhaft. 5
Merkmale als universales Inventar, Universalientheorie bei Chomsky 1965 (GTG), auch Jakobson/Fant/Hall 1951
Die angeführten Merkmale hier sind aufs Deutsche bezogen. Von Beginn an nahmen die Autoren aber an, dass sie universal sind und im Prinzip für jede Sprache der Welt gelten könnten. Jakobson/Fant/Hall z.B. gehen von 12 Merkmalspaaren aus (welche ???), die sie aufgrund ihrer Analysen als universal annehmen - wobei keine der verschiedenen Sprachen alle Merkmale besitzt, aber hierbei eine gewissen Hierarchie herrsche: die An- oder Abwesenheit bestimmter Merkmale impliziere die An-/Abwesenheit anderer Merkmale. Jakobson (1961) geht weiter: er stellt fest, dass die kindliche Sprachentwicklung universalen Gesetzmäßigkeiten folgt, die mit dem Vorkommen oder Nichtvorkommen bestimmter Merkmale korrespondieren. Chomsky (1965) baut in der Generativen
Transformationsgrammatik GTG die Universalientheorie weiter aus: 6 er unterscheidet formale Universalien (sie betreffen die Art von Regeln, die grammatischen Strukturen zugrunde
4 für eine genauere Darstellung der drei durch Jakobson/Halle eingeführten Klassen (sonority, protensity, tonality) vgl. Kap.
2.3.1. bei Ramers/Vater (1992)
5 Die Definitionen sind hier ausgespart, sie sind nachzulesen bei Chomsky/Halle 1968 sowie in kürzerer Form bei
Ramers/Vater (1992) S 40 f.
6 Chomsky nimmt hier ausdrücklich Bezug auf Jakobsons distinktive Merkmale und rechnet diese zu den phonologischen
substantiellen Merkmalen. Genauere Ausführungen zu den angesprochenen Gesetzmäßigkeiten s. Ramers/Vater (1992), S. 45
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liegen) und substantielle Universalien (hierzu gehören bestimmte syntaktische Kategorien wie
Substantiv oder Verb). 7
Weitere Ansätze sollen aus Platzgründen hier nicht ausgeführt werden. Eine Bestandsaufnahme von Systemen bezüglich distinktiver Merkmale könnte aber so aussehen -und zeigt zugleich die mögliche Unsicherheit, wenn es um die Aufstellung solcher Systeme geht:
- Trubetzkoy (1939) und Jakobson (1939) - Jakobson und Halle (1956) (artikulatorisch/akustisch)
- Chomsky und Halle 1968 (The Sound Pattern of English SPE, Generative Phonologie) - Fant (1973) (rein akustisch)
- Ladefoged (1982) („traditional features“, artikulatorisch/akustisch) - Clements (1985) (Merkmalgeometrie)
Ein einheitlich akzeptiertes, definitives Inventar jedenfalls gibt es nicht. Zumeist sind die Systeme daher eine Mischung aus akustischen, artikulatorischen und perzeptuellen Merkmalen.
II. PHONEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN
II.1. Phonemdefinitionen
Allen Theorien gemeinsam ist, dass sie als Träger der distinktiven Funktion das Phonem annehmen. Das Phonem, so heißt es in der Duden-Grammatik, ist gegenüber einem Phon abstrakter, da ihm weniger Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese etwas unglückliche Formulierung wird deutlicher, wenn sich auf die funktionalen Eigenschaften der Laute konzentriert wird. Sie werden erfasst mithilfe der Begriffe Opposition und Kontrast. Dies erlaubt es, von den vielen potentiellen Eigenschaften eines Lautes einige als funktional auszuzeichnen. „Werden Laute nur unter Berücksichtigung ihrer funktionalen Eigenschaften beschrieben, so spricht man von Phonemen. Phonetisch vollständiger beschriebene Laute nennt man dagegen Phone.“ 8 Es ändert sich also der lediglich Betrachtungsfokus bzw. der Maßstab.
7 vgl. Kap 2.3.3. bei Ramers/Vater (1992)
8 Duden-Grammatik (2005), S. 32
Arbeit zitieren:
Marcus Engert, 2008, Das System der distinktiven Merkmale, München, GRIN Verlag GmbH
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