1. Einleitung
1.1. Einleitung und Fragestellung
Wo sich schon vor ca. 3000 v. Chr. Menschen zwischen dem damals noch deutlich breiteren Main und Sümpfen aufhielten 1 , befindet sich heute der Domhügel Frankfurts, der Stadt, in der die europäische Zentralbank ihren Sitz hat und die den Mittelpunkt des zweitgrößten Ballungsgebiets Deutschlands bildet. Ohne Zweifel ist diese Stadt, dank des Flughafens und der Ansammlung der verschiedensten Banken und Finanzunternehmen, eine der wirtschaftlich bedeutendsten Städte Europas und ein wichtiger internationaler Verkehrsknotenpunkt.
Es fällt nicht schwer im Jahr 2007 Frankfurt am Main, trotz seiner recht geringen Einwohnerzahl und relativ kleinen Fläche, als eine europäische Metropole zu betrachten. Bei der GaWC Inventory of World Cities wurde Frankfurt sogar als eine der 10 wirtschaftlich wichtigsten Städte der Welt bezeichnet. Die folgende Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, ob die Bezeichnung Metropole auch für die Stadt vor ca. 100 Jahren, also im Jahr 1900, gerechtfertigt ist. Bei der Bearbeitung dieser Frage sollen Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte, Bevölkerung, Migration und die politische Bedeutung der Stadt Frankfurt um 1900 festgestellt, sowie die Stadt mit anderen europäischen und deutschen Großstädten verglichen werden.
In der Forschungsliteratur finden sich keine Beiträge zur Fragestellung, wohl aber zu den verschiedenen Teilbereichen.
1.1. Metropole: Definitionsversuche
Schlägt man heute im Duden 2 den Begriff „Metropole“ nach, so wird man die etymologische Herkunft des griechischen Wortes erfahren, meter-Mutter, polis-Stadt, sowie die direkte Bedeutung des Wortes als a) Weltstadt und b) Mutterland erklärt. Eine eindeutige Definition gibt es allerdings nicht. Der Begriff Weltstadt kann als Pseudonym für eine Stadt mit weltweit herausragender Bedeutung verstanden werden. Diese Bedeutung, heute wie im Jahr
1 Fischer, U., Aus Frankfurts Vorgeschichte, Frankfurt am Main, 1971.
2 Duden, deutsches Universalwort, 6. Auflage, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2006.
2
1900, ist hauptsächlich kulturell, politisch und wirtschaftlich begründet. Folglich daraus hat eine Metropole als potentieller Arbeitgeber, Lehrstätte etc. eine starke Anziehungskraft auf Menschen aus dem Umland, dem gesamten Land und sogar der ganzen Welt und weist folglich eine hohe Bevölkerungszahl auf. Um 1900 wurde die so genannte Millionenstadt als Metropole bezeichnet 3 . Jede Metropole hat insgesamt gesehen ihren individuellen, zeitlich begrenzten Schwerpunkt, wie z.B. Paris als Stadt der Kunst, des Vergnügens und der Weltausstellung im 19. Jahrhundert, Wien der Belle Epoque, Berlin der goldenen zwanziger Jahre etc. 4.
Zugleich ist die Metropole ein Mittelpunkt des kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Lebens einer Region, oder gar eines Landes, wie die Städte London, Paris und Wien um 1900 als Zentren/Hauptstädte von Groß- und kolonialen Weltreichen, wobei hier der altgriechische Begriff wieder zum Vorschein kommt, als das Mutterland als Ausgangspunkt für das griechische Leben in den Mittelmeerraum und den Orient war.
Heute spricht man oft auch von Regionalmetropolen in Ballungsräumen. Darunter wird die Metropole als Mittelpunkt eines Ballungsraums verstanden, bzw. eine Großstadt als Zentrum einer Region.
3 Reif, Heinz, Metropolen. Geschichte, Begriffe, Methoden, CMS Working Paper Series, No. 001-2006, Berlin 2006, S. 3. 4 Ebd., S. 5.
3
2. Hauptteil I
2.1. Frankfurter Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte
Eine wichtige Wirtschaftsstadt entwickelt sich bekanntlich nur in Ausnahmefällen in kurzer Zeit und gewinnt erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten an großer Bedeutung.
Dank seiner äußerst verkehrsgünstigen Lage am Main, der mit dem Rhein verbunden für die Binnenschifffahrt große Bedeutung hatte, und seiner Lage an wichtigen Handelswegen, entwickelte sich Frankfurt seit dem Mittelalter zu einer Handelsstadt. Ihre Lage begünstigte ebenfalls das Entstehen der Frankfurter Messe. Die heute weltweit umsatzstärkste Messe mit eigenem Gelände wurde 1150 zum ersten mal als Herbstmesse erwähnt. 1330 kam die Frühjahrsmesse hinzu. Auf der Messe wurden im 14. und 15. Jahrhundert Waren aus großen Teilen Deutschlands (vorzugsweise aus Nord-, Ost- und Oberdeutschland), aus den Niederlanden, Polen, Böhmen, Ungarn und Italien angeboten, so dass der Fernhandel das Bild der Messe bestimmte 5 .
Den Schwerpunkt der Messe bildete in dieser Zeit der Tuchhandel 6 .Die Messe fand auf dem Messegelände, wie auch am Mainufer, Römerberg, der Neuen Kräme, dem Liebfrauenberg und in der Neustadt auf dem Heu- und Roßmarkt statt. Mit der Erfindung des Buchdrucks entwickelte sich die Messe von 1478 an zum Zentrum des europäischen Buchhandels. Knapp 400 Jahre später, um 1900, besaß die Messe bei Weitem nicht mehr ihre hohe internationale Bedeutung. Wirklich große Ausstellungen von Weltbedeutung gab es nicht mehr. Stattdessen fanden mehre kleinere und größere Veranstaltungen statt, die sich zwar an der Weltausstellung orientierten , aber nach Landmann eher den „Charakter eines Volksfestes“ besaßen 7 . Trotzdem konnte man auf Frankfurter Ausstellungen Erfindungen von großer Bedeutung entdecken, wie z.B. den „Frankfurter Latern“, den Fahrstuhl mit elektromotorischen Antrieb von Siemens 8 . Auch die elektrotechnische Messe von
5 Bund, Konrad, Frankfurt im Spätmittelalter 1311-1519, in: Frankfurt am Main: Geschichte der Stadt, Sigmaringen 1994, S. 58.
6 Ebd., S. 58.
7 Koch, Rainer (Hg.), Brücke zwischen den Völkern? - Zur Geschichte der Frankfurter Messe, Band 1, Frankfurt 1991, S. 213.
8 Steen, Jürgen, Die zweite industrielle Revolution. Frankfurt und die Elektrizität 1800-1914, hg. vom Historischen Museum Frankfurt, Frankfurt 1981, S. 90.
4
1891 zog erstmals wieder zehntausende von Besuchern an, auch wenn ihr Zweck nicht zuletzt darin bestand einen „Popularisierungsschub“ für die Stromerzeugung zu bewirken, weil anders die Industrie Großprojekte in dieser Richtung nicht hätte verwirklichen können 9 . Als Grund dafür, dass keine wirklich großen Ausstellungen veranstaltet wurden, welche vielleicht von den Besucherzahlen her vergleichbar mit den Weltausstellungen gewesen wären wurde das Argument des Platzmangels aufgeführt. Größere Erfolge waren die Automobilausstellungen von 1900 und 1904 und besonders die Internationale Luftschifffahrtausstellung 1909 mit 1,5 Mio. Besuchern. Nach 1908 fanden viele Veranstaltungen in der neu gebauten Festhalle statt.
Frankfurts Handwerk war noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus durch die Beschränkungen im Gewerbe geschützt. Die Gewerbefreiheit wurde vergleichsweise spät, 1864, eingeführt und bewirkte nicht sofort eine Entwicklung hin zur Industriestadt. Dies hatte verschiedene Gründe, wie z.B. Rohstoffmangel der Stadt. Auch relativ hohe Tagelöhne und Bodenpreise 10 , sowie Blockaden seitens des Großbürgertums, verhinderten zunächst eine Entwicklung in diese Richtung. Trotzdem war Frankfurt um 1900 eine Industriestadt, wenn auch hier noch überdurchschnittlich viele Finanzunternehmen angesiedelt waren. Die Gründe hierfür waren vielseitig. Sicher war die Politik Adickes und Miquels hierfür verantwortlich, die einen Ausbau der Stadt und eine zunehmende Industrialisierung forcierten. Auch der Bahnanschluss 1860 legte sicher eine gute Grundlage für eine Industrialisierung.
Jedenfalls erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten in der Industrie von 37.846 (1875) auf 134.281 (1900), wobei hier beachtet werden muss, dass dieser hohe Anstieg auch auf die Eingemeindung von umliegenden Ortschaften zurück zu führen ist, darunter besonders hervorzuheben das hoch industrialisierte Bockenheim. Der Rohstoffmangel führte zu einer spezialisierten arbeitsintensiven Veredlungsindustrie mit den Schwerpunkten Spezialmaschinenbau und Elektroindustrie, wie z.B. Siemens 11 .
Weitere Industrieschwerpunkte waren daneben das traditionelle Brauereigewerbe in
9 Ebd. S. 128.
10 Roth, Ralf, Stadt und Bürgertum in Frankfurt am Main. Ein besonderer Weg von der ständischen zur modernen Bürgergesellschaft 1760-1914, München 1996, S. 512.
11 Forstmann, Wilfried, Frankfurt am Main in Wilhelminischer Zeit 1866-1914, in: Frankfurt am Main: Geschichte der Stadt, hg. von der Frankfurter Historischen Kommision, Sigmaringen 1994, S. 404.
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Andreas Okonnek, 2007, Frankfurt am Main um 1900 , München, GRIN Verlag GmbH
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