Das Phänomen der Nacktheit
auf der zeitgenössischen Bühne
Bachelorarbeit im Fach
Theaterwissenschaft
an der
Freien Universität Berlin
Institut für Theaterwissenschaft
Sommersemester 2009
von
Theresa Hartig
Berlin, Juli 2009
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung...3
2 Nacktheit in der Gesellschaft...5
2.1 Sexualität in der konventionellen Gesellschaft...5
2.2 Die sexuelle Revolution...6
3 Entwicklung von Nacktheit auf der Bühne...8
3.1 Bühnenexperimente in den 1960er- und 70er-Jahren...8
3.2 Einzug der Nacktheit auf die großen Bühnen...10
3.2.1 Sex sells Eine Ursache der allgemein zunehmenden Nacktheit...10
3.2.2 Ursachen von Nacktheit auf den großen Bühnen...11
3.2.3 Wahrnehmung von Nacktheit auf der Bühne...12
4 Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne...15
4.1 Körperlichkeit und Nacktheit im postdramatischen Theater...15
4.2 Einsatzmöglichkeiten von Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne...17
4.2.1 Beispiele von Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne...17
4.2.2 Umgang mit Nacktheit innerhalb einer Inszenierung...18
4.2.3 Sexualität und Erotik...20
4.2.4 Wildheit und Animalität...21
4.2.5 Nacktheit als Kostüm...23
4.2.6 Nacktheit als Leinwand...24
5 Schlussbetrachtung...26
Literaturverzeichnis...28
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1 Einleitung
Unabhängig von Thema und Art einer Aufführung machen Theaterzuschauer im
zeitgenössischen Theater regelmäßig die Erfahrung, dass Darsteller sich teilweise oder
auch komplett entblößen, und dies in Inszenierungen von Stücken von der Klassik bis
zur Gegenwart. Auf den zeitgenössischen Bühnen zeigt sich ein neuer Umgang mit
Nacktheit, der sich schon seit mehreren Jahrzehnten in der Gesellschaft, in den Medien
und schließlich auch in der Kunst entwickelt hat. Nur noch selten allerdings zeigen sich
heutzutage Zuschauer schockiert über nackte Haut auf der Bühne, dennoch wird die
Nacktheit im Theater nicht wie in anderen Medien einfach nebenbei hingenommen.
Auch ist der Umgang mit der Nacktheit der Darsteller innerhalb einer Inszenierung sehr
verschieden, teilweise ist sie nur beiläufig und bleibt unkommentiert, in anderen
Aufführungen dagegen wird exzessiv darauf hingewiesen. Doch schnell wird sichtbar,
dass Nacktheit auf der Bühne nicht einfach nur die Zurschaustellung von nackter Haut
sein und auch nicht zwingend in Verbindung mit Sexualität stehen muss, sondern zu
neuen, eigenen Ausdrucksweisen führen kann.
Diese Arbeit untersucht, welche Bedeutung das Phänomen der Nacktheit auf der
zeitgenössischen Bühne repräsentiert, sowohl für die Zuschauer als auch für die
Bühnenkunst selbst und wie es überhaupt zu der Entstehung dieses Phänomens kam.
Hierzu wird zuerst ein Überblick zu den konventionellen Ansichten von Nacktheit in
einer christlich geprägten Gesellschaft gegeben und anschließend das Aufkommen und
die Entwicklung der sexuellen Revolution der letzten Jahrzehnte vorgestellt. Daraufhin
wird die Entfaltung von Nacktheit auf der Bühne, insbesondere im experimentellen
Theater der 1960er- und 70er-Jahre, sowie die Übernahme von Nacktheit auf den
großen Theaterbühnen näher beleuchtet. Ebenfalls eingegangen wird auf die Ursachen
der zunehmenden Nacktheit auf der Bühne und ihre Wahrnehmung durch den
Zuschauer. Außerdem wird die Frage behandelt, warum die Reaktionen auf Nacktheit
im Theater sich derart von jenen bezüglich anderer Medien unterscheiden. Schließlich
wird die Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne in den Kontext der umgebenden
Theatermittel sowie der veränderten Bühnenkunst und Darstellungsformen gesetzt und
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aufgeführt, welche neuen Bilder und Bedeutungen die Nacktheit auf der Bühne
entstehen lassen kann.
Zwar gelten viele der hier getroffenen Aussagen für die Entwicklung des Theaters in der
westlichen Welt allgemein, Hauptuntersuchungsfeld und Beispiel ist jedoch das
zeitgenössische deutsche Theater. Wohlgemerkt wird auch stets auf die dem Phänomen
der Nacktheit vorausgegangen Entwicklungen eingegangen, nicht jedoch auf die
langwierigen Prozesse, die zu diesen führten oder Voraussetzung für diese waren und
zum Teil schon Jahrzehnte vorher in Gang gesetzt wurden. Des Weiteren sei angemerkt,
dass Nacktheit nicht zwingend mit Sexualität und Erotik in Verbindung stehen muss,
viele der Entwicklungen, die die Nacktheit auf der zeitgenössischen Bühne begünstigten
jedoch erst einmal mit der Forderung nach einer freien Sexualität begannen, die
Nacktheit somit aber auch betrafen. Materialgrundlage für diese Arbeit waren neben
zeitgenössischen Theaterinszenierungen, Texte zum sexuellen Verhalten von Mann und
Frau sowie der Position der Sexualität in der konventionellen Gesellschaft, Literatur zur
Entwicklung von Nacktheit im Theater und in anderen Medien sowie
Veröffentlichungen zum zeitgenössischen Theater allgemein.
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2 Nacktheit in der Gesellschaft
In einer Untersuchung des Phänomens der Nacktheit auf der Bühne ist es unabdingbar,
erst einmal den Kontext der Bühnen zu betrachten: die Gesellschaft, zu der sie gehören.
Erst bestimmte gesellschaftliche Veränderungen machten die große Präsenz von
Nacktheit auf der Bühne überhaupt möglich, zugleich ist der Einsatz von Nacktheit
jedoch auch nicht zuletzt geprägt von der Rebellion gegen die früheren Konventionen.
2.1 Sexualität in der konventionellen Gesellschaft
Alfred Kinsey stellt in seinen Untersuchungen zum sexuellen Verhalten des Mannes
und der Frau, den sogenannten Kinsey Reports, Beobachtungen zur Entwicklung der
Sexualität in den westlichen Gesellschaften auf. Hierbei sieht er die prägenden Faktoren
für das gesellschaftliche Bild der Sexualität in der Religion und in frühen kulturellen
Einflüssen: ,,...es gab Kulturen und Religionen, die in der Sexualität in erster Linie das
notwendige Mittel zur Fortpflanzung sahen, das nur in der Ehe genossen werden darf,
und auch nur dann, wenn die Zeugung das Ziel des Aktes ist"
1
. Schon sehr früh entstand
bereits bei den Vorgängern der westlichen Kulturen der Gedanke, dass Sexualität soweit
wie möglich unterdrückt werden muss und nur im absoluten Bedarfsfall zum Einsatz
kommen darf. Diese Beschränkung des sexuellen Aktes auf den Bereich der Ehe war
außerdem zugleich ein Faktor, der die Eheschließung und -erhaltung unterstützte.
2
Sexualität dagegen als ein natürliches, biologisches Vorgehen zu definieren, wurde als
primitiv und animalisch abgestempelt
3
, denn in der christlichen Religion gilt der
Mensch als das höchste Wesen auf Erden, das den Tieren überlegen ist. Folglich sollte
er sich nicht wie diese verhalten und seinen sexuellen Trieben folgen, sondern diese
durch seine Kultivierung unterdrücken.
Neben den allgemeinen moralischen Ansichten in der Gesellschaft war natürlich
ebenfalls geprägt von diesen die Zensur lange Zeit das, was die Nacktheit nicht auf
neue Bühnen vordringen lies. In Demokratien, in denen die Freiheit des Sprechens zu
1
Kinsey et al. 1948, S. 249.
2
Vgl. Kinsey et al. 1953, S. 17.
3
Vgl. Kinsey et al. 1948, S. 249.
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den höchsten Gütern gehört und außerdem der Kunst die Freiheit und der Bedarf des
Experimentierens zugesprochen wird, konnte diese Zensur jedoch nicht dauerhaft
aufrechterhalten werden.
4
2.2 Die sexuelle Revolution
Die entscheidenden gesellschaftlichen Entwicklungen, die eine sexuelle Revolution der
Gesellschaft und somit auch der Theater auslösten, gingen aus der sogenannten
Gegenkultur der 1960er hervor.
5
Die Gegenkultur entstand insbesondere unter
Einwirkung der Nachkriegsgeneration des Zweiten Weltkriegs auf ihre Kinder, welche
in den 1960er-Jahren Jugendliche waren.
6
Diese Generation beschäftigte sich mit Ideen,
die sich von jenen der etablierten Gesellschaften vollkommen unterschieden und
experimentierte mit Drogen, Psychologie und orientalischen Mythen sowie ebenfalls
einer neuen Vorstellung von freier Sexualität. Die Einflüsse auf die Gegenkultur sind
vielfältig und zahlreich, einige davon sind ,,bei der Tiefenpsychologie, bei Resten linker
Ideologie, bei östlichen Religionen, dem romantischen Weltschmerz, bei anarchistischer
Gesellschaftslehre, beim Dadaismus [und] bei amerikanisch-indianischer
Überlieferung"
7
zu finden. Diese Zeit der Rebellion ist vor allem geprägt von Protesten
gegen den damaligen Vietnamkrieg, den Aufstand gegen Autoritäten, dem Streben nach
Gleichberechtigung und Gleichstellung von Minderheiten sowie dem Verlangen nach
einer größeren sexuellen Freiheit. Die Gegenkultur wurde jedoch nicht nur von
Jugendlichen begründet, sondern auch erwachsene Schriften, wie beispielsweise jene
von Sigmund Freud und Alfred Kinsey im Bereich der Sexualität, beeinflussten ihre
Entstehung entscheidend. Viele Erwachsene, die einen Einfluss auf die Gegenkultur
hatten, wendeten sich konkret an Jugendliche, andere wurden einfach gerne von diesen
aufgegriffen und zitiert. Die Gegenkultur brachte einen Umbruch in der Gesellschaft
hervor, und ihre Forderungen nach einer freien Sexualität waren ein entscheidender
Antrieb, der noch Jahrzehnte später Auswirkungen auf das Bild von Sexualität und
Nacktheit in der Gesellschaft hat.
4
Vgl. Hanson 1970, S. 32.
5
Die folgenden Darlegungen zur Gegenkultur stützen sich auf Roszak 1968, S. 12-19.
6
Vgl. Hanson 1970, S. 17.
7
Roszak 1968, S. 14.
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