Sandra Kemerle - Die Evolution der Emotionen 2
Inhaltsverzeichnis
Teil I - Evolution der Emotionen 3
1 Einleitung 3
2 Emotionen - Begriffsabgrenzung und Definition 4
2.1 Emotionsforschung und Emotionstheorien im Überblick 6
2.2 Die Funktion spezifischer (Basis ) Emotionen 9
2.3 Nature vs. Nurture der Emotionen - Biologische und kulturelle Aspekte 10
3 Fazit 11
Teil II - Evolutionäre Medienpsychologie 12
4 Emotionen und Medien - kognitive und emotionale Werkzeuge 12
4.1 Evolutionäre Medienpsychologie - Gegenstandsbereiche und Nutzungsbedürfnisse 12
4.2 Entertainment is Emotion - Positive Emotionalität medialer Unterhaltung 13
4.3 Unterhaltungsrezeption als „Emotionales Planspiel“ 15
5 Zusammenfassung 18
6 Literaturverzeichnis 20
Sandra Kemerle - Die Evolution der Emotionen 3
Teil I - Evolution der Emotionen
1 Einleitung
„Moderne Medien vor Augen, aber Steinzeit im Kopf?“
Evolutionspsychologen sagen, dass unser Gehirn dafür da ist, spezifische Probleme zu lösen, die unsere frühen Vorfahren bewältigen mussten und dadurch einen Selektionsvorteil in der Phylogenese erreichten. Wenn dem so sei, dann dürften Emotionen, neben kognitiven Mechanismen, auch einen adaptiven Wert haben und das Produkt natürlicher Selektion sein. Diese Ansicht vertrat schon Darwin (1872), als er emotionale Ausdrücke zwischen und innerhalb verschiedener Kulturen verglich. Ein Jahrhundert lang wurde dies entweder unbeachtet gelassen oder ignoriert. Zumindest akzeptieren heutzutage die meisten Psychologen einige der Basisemotionen (Überraschung, Freude, Traurigkeit, Ekel, Furcht, Wut) als universale Mechanismen, sprich als kulturübergreifend beobachtbar, erlebbar und produzierbar (vgl. Heckhausen, 2006). Dieser Schluss führt jedoch zu neuen Fragen. Wenn einige (Basis-) Emotionen universal sind, dann sind sie adaptiv. Wie aber kann ein bestimmter Gesichtsausdruck dem Überleben oder dem Reproduktionserfolg dienlich sein? Was genau definiert eine Emotion? Welche Funktionen haben demnach subjektives Erleben, externale Produktion bzw. Expression und die Erkennung von Emotionen? Warum haben wir Emotionen? Welche Möglichkeiten der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Messung von Emotionen gibt es? Evolutionspsychologische Ansätze beziehen verschiedene Ebenen beim Versuch einer Erklärung mit ein, die nicht nur physiologische, psychologische (proximate Erklärungen) und ontogenetische Vorgänge beschreiben, sondern auch warum Emotionen in der Evolution entstehen konnten, welche biologische Funktion sie hatten und haben und welche Funktionen spezifische Gesichtsausdrücke haben, die mit emotionalen Reaktionen einhergehen (ultimate Erklärungen). In der vorliegenden Arbeit werden folgende evolutionspsychologische Themenbereiche in den Blickwinkel gerückt: Der erste Teil der Arbeit geht auf die Evolution der Emotionen ein und versucht eine definitorische Erklärung von Emotionen und deren Abgrenzung zu anderen Konstrukten, wie Gefühlen, Stimmungen, Instinkten und Reflexen, zu geben (siehe Kapitel 2). Eine Zusammenfassung der bestehenden Emotionsforschung und damit einhergehende emotionstheoretische Ansätze soll in Kapitel 2.1 der unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Emotionen gegeben werden (siehe Kapitel 2.1). Die Funktionalität von spezifischen Emotionen und die Frage, ob Emotionen biologisch und/oder kulturell/sozial gefärbt sind, werden in Kapitel 2.2
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und 2.3 näher betrachtet.
Der zweite Teil der Arbeit versucht eine evolutionspsychologische Verbindung zwischen Emotionen und medialer Unterhaltungsrezeption herzustellen. Heutzutage haben Medien einen festen und notwendigen Platz im Alltag und in unserer Umwelt gefunden und werden als kognitive und emotionale Werkzeuge, mehr oder weniger bewusst, verwendet und genutzt (vgl. Schwan & Hesse, 2004; Schwab, in Druck). In der Medienpsychologie werden verschiedene Gegenstandsbereiche (u. a. Auswahl, Nutzung, Wirkung) und Nutzungsbedürfnisse (u. a. Information, Unterhaltung, Interaktion) der Rezipienten im Umgang mit Medien betrachtet (siehe Kapitel 4.1) (vgl. Aelker, 2008). Mediale Unterhaltung wird als ein Rezeptionsphänomen in Kapitel 4.2 beschrieben und die Evolutionspsychologie fragt nach der Funktion von Unterhaltung. Obwohl bewegte Bilder (Filme) gerade ein knapp 100 Jahre altes Medium sind (vgl. Schwender, 2006, S. 3), kommt die Frage im evolutionären Kontext auf, ob Unterhaltungsrezeption eine Anpassung oder ein Nebenprodukt der Evolution ist? Warum beschäftigen sich Menschen mit unterhaltsamen Themen und verbringen viel Zeit damit, sich unterhalten zu lassen. Die bestehende Unterhaltungsforschung und die damit einhergehenden theoretischen Erklärungsansätze (Medienpsychologische Emotions-und Unterhaltungstheorien) sollen überblicksartig dargestellt werden. Ein möglicher Erklärungsansatz (siehe Kapitel 4.3) der evolutionären Medienpsychologie versteht Unterhaltungsrezeption als „Emotionale Planspiele“ (vgl. Schwab, in Druck). Dieser Ansatz wird im Anschluss näher erörtert und der Frage unterzogen, ob dieser möglicherweise einen biologisch funktionalen Zweck von Unterhaltung und damit einen Fitnessvorteil, aus evolutionspsychologischer Sicht, erklären könnte.
2 Emotionen - Begriffsabgrenzung und Definition
Losschimpfen, weinen, vor Angst zittern, sich riesig freuen - die großen Gefühle kennt jeder. Nur die Wissenschaft Psychologie kannte sie Jahrzehnte lang nicht. In der Forschung war das Fühlen lange Zeit kein Thema (vgl. Geuter, Podcast, 2008). Und doch hat sie bereits eine sehr lange Tradition hinter sich. Der Behaviorismus beherrschte zwischen ca. 1920 und 1960 die wissenschaftliche Landschaft. Reine Reiz-Reaktions-Ketten waren Gegenstand der Untersuchung dieser Strömung (u. a. bei Watson und Skinner) und schlossen Emotionen regelrecht als eine mögliche Begründung für Verhalten aus (Schwender, 2006, S. 24). In der Zeit davor waren Emotionen durchaus ein Thema und verschiedene Wissenschaftler wie z. B. Darwin, James und Wundt brachten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Theorien zu Emotionen hervor (siehe Kapitel 2.1). Mit der „kognitiven Wende“ bis ca. Mitte der 60er Jahre wurden Emotionen erneut als Thema entfacht und das Interesse an Beschreibung, Erklärung und Vorhersage
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psychischer Zustandsänderungen aufgrund von emotionalen Mechanismen wuchs bis heute stetig an (vgl. Faullant, 2007, S. 37). Heute ist die Emotionspsychologie ein breit gefächertes Gebiet der Psychologie und bietet viele verschiedene Theorien über Emotionen an, doch gibt es bisher keine klare Antwort darauf, was Emotionen genau sind. Begriffsdefinitionen gibt es so viele wie Emotionsforscher augrund der unzähligen unterschiedlichen theoretischen Zugänge zu dem Thema. Kleinginna und Kleinginna haben 1981 92 Definitionen für den Begriff Emotion aus der emotionspsychologischen Literatur gesammelt und konnten keine einheitliche Erklärung entwickeln (vgl. Kleinginna et al., 1981, S. 345).
In der Literatur finden sich u. a. folgende Aussagen, was eine Emotion alles ist: Eine Emotion ist ein intersubjektiv beobachtbares Reaktionsmuster, das durch bestimmte Umweltgegebenheiten verlässlich ausgelöst wird (Watson); ein Erlebenszustand körperlicher Reaktionen, der auf die Wahrnehmung eines erregenden Reizes erfolgt (James), der aus bestimmten Bewertungen resultiert und dem bestimmte Handlungen nachfolgen (Weiner). Eine Emotion ist ein Syndrom aus verschiedenen Komponenten: aus einem Erlebenszustand, Kognitionen, physiologische Reaktionen, Handlungsimpulse und beobachtbares Verhalten (Plutchik). Emotionen sind bestimmte neurophysiologische Reaktionen (LeDoux), werden sozial ausgehandelt und sind soziale Konstruktionen (Gergen). Je nach Betrachtungsweise werden unterschiedliche Aspekte von Emotionen betont. Diese werden in Kapitel 2.1 deutlicher hervorgehoben und anhand verschiedener Emotionstheorien erläutert.
Wichtig für Emotionspsychologen ist die Abgrenzung von Emotionen von anderen theoretischen Konstrukten wie Gefühlen, Stimmungen, Instinkten und Reflexen. Um Emotionen von anderen theoretischen Konstrukten abgrenzen zu können, schlagen Meyer, Reisenzein und Schützwohl (2001) eine Arbeitsdefinition vor. Diese besagt, dass Emotionen zeitlich datierte, konkrete, einzelne Vorkommnisse (z. B. Freude, Wut, Angst, Ekel, Überraschung) von aktuellen, objektgerichteten, psychischen Zuständen einer bestimmten Qualität, Intensität und Dauer sind, die in der Regel drei Aspekte besitzen: einen Erlebensaspekt (subjektives Empfinden einer Emotion), den physiologischen Aspekt (biologische und körperliche Veränderungen) und den Verhaltensaspekt (Mimik, Gestik, Handlungstendenzen) (vgl. Meyer et al., 2001, S. 24). „Gefühle“ hingegen sind die privaten und mentalen Erfahrungen von Emotionen, die nach innen gerichtet sind. Die subjektive Wahrnehmung oder Interpretation von Ereignissen und die Fähigkeit zur Selbstreflexion werden betont. „Stimmungen“ sind im Gegensatz zu Emotionen eher mittel- und langfristige Veränderungen. Es folgen keine Reaktionen auf unmittelbare oder spezifische Reize. Stimmungen sind von geringerer Intensität, von längerer Dauer und sind nicht durch Objektgerichtetheit bestimmt (vgl. Meyer et al., 2001, S. 24-26). „Instinkte“ sind weitgehend festgelegte
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Verhaltenssequenzen, die angeboren oder durch Vererbung mitbestimmt sind und durch Schlüsselreize ausgelöst werden können. „Reflexe“ hingegen sind automatische, unkonditionierte Verhaltensweisen, die durch spezifische internale oder externale Stimuli ausgelöst werden können. In der emotionspsychologischen Forschung hat sich eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle zur Erklärung von Emotionen herausgebildet. Nachfolgend werden verschiedene Ansätze überblicksartig betrachtet (vgl. auch Meyer et al., 2001, S. 44).
2.1 Emotionsforschung und Emotionstheorien im Überblick
Emotionstheorien sind Ansätze zur Erklärung, was Emotionen sind, wodurch sie verursacht werden und wie sie sich auf das Verhalten von Lebewesen auswirken. In der Landschaft der psychologischen Forschung haben sich verschiedene Arten der Kategorisierung bzw. Klassifikation von Emotionen bewährt. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Einordnung der hier genannten Theorien der Systematik von Meyer et al. (2001) folgt und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern nur der Orientierung dienen soll. So finden sich in der Literatur:
a) dimensionale Klassifikationen von Emotionen (Ausprägung auf bestimmten Dimensionen),
b) kategoriale Klassifikationen von Emotionen (Mischung aus bestimmten Basisemotionen),
c) Klassifikationen anhand der Annahmen über die Natur von Emotionen bzw. anhand zentraler Fragestellungen:
1. Lernpsychologische Emotionstheorien (gelernte, konditionierte Reiz-Reaktionsmuster, z. B. Watson (1919), Skinner, Pawlow (1927)),
2. Evolutionspsychologische Emotionstheorien (Phylogenetische Erklärungen und die Funktion von Emotionen, z. B. Darwin (1872), McDougall (1908/1960), Ekman (1972)),
3. Kognitiv-physiologische Emotionstheorien (körperliche Veränderungen und die Bewertung der Ereignisse oder Situationen, z. B. James-Lange (1884), Schachter und Singer (1962)),
4. Kognitive Emotionstheorien (Wahrnehmung, kognitive Bewertung, Interpretation von Ereignissen oder Reizen, Aktion, z. B. Arnold (1060), Lazarus (1991), Scherer (1982)) und
5. Neuro- und psychophysiologische Emotionstheorien (biologisch involvierte Hirnstrukturen, z. B. LeDoux (1996/2001), Damasio (2004))
Aus inhaltlichen Gründen werden hier exemplarisch nur evolutionspsychologische Emotionstheorien näher betrachtet. Vertreter dieser Ansätze nehmen an, dass Emotionen ererbte, adaptive Mechanismen (Verhaltensmuster) sind, die sich deshalb entwickelt haben, weil sie dem Individuum helfen spezifische Anpassungsprobleme zu lösen (z. B. Nahrungsbeschaffung, Partnergewinn), die der Reproduktion (Genweitergabe) und dem Überleben dienlich sind und somit einen Fitnessvorteil darstellen (vgl. Schweizer & Klein, 2008, S. 151; vgl. Schwab, 2007). Meyer et al. (1997) äußern dazu, dass evolutive Veränderungen aufgrund natürlicher Selektion langsam vor sich gehen und die angeborene psychische Ausstattung des heutigen Menschen mit der des
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M.A. Sandra Kemerle, 2009, Evolutionäre Medienpsychologie: Die Evolution der Emotionen im Zusammenhang mit medialer Unterhaltung als emotionales Planspiel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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