Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und die Ästhetisierung des
politischen Lebens als Verschmelzung von Aura und Massenkultur
Inhalt
Seite
1 Einleitung 2
2 Verfall der Aura als Symptom der künstlerischen Reproduzierbarkeit 2
2.1 Zum spezifischen Charakter der Aura bei Benjamin 3
2.2 Neuausrichtung des Kunstwerks durch technische Reproduktion 6
2.3 Das Reproduktionswerk Film 8
3 Ästhetisierung des politischen Lebens 11
4 Verschmelzung von Aura und Massenkunst 12
5 Ausblick 15
Literaturverzeichnis 16
1
1 Einleitung
Die vorliegende Arbeit nimmt die von Walter Benjamin erörterten Thesen über die neue gesellschaftliche Stellung in die das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit 1 überführt wird zum Ausgangspunkt. Benjamin kristallisiert in seinem gleichnamigen Aufsatz den Verfall der Aura im Aufkommen der modernen Massenmedien heraus und stellt diese theoretisch in eine neue Position politischen Handelns. Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, dass auch das Kunstwerk der Massen, im Besonderen der Film, auratisiert werden kann und die Verfallsthese Benjamins somit hinterfragt werden muss. Die Ästhetik des Faschismus soll hierfür exemplarisch sein.
Da die Grundlage die Benjaminsche Theorie bildet, wird zunächst die Verfallsthese der Aura dargelegt und der spezifische Charakter seiner Aura-Konzeption herausgestellt. Darauf aufbauend findet eine Erläuterung der Neuausrichtung des Kunstwerks statt, die im Übergreifen der sich verändernden Reproduktionsbedingungen auf die künstlerische Produktion fundiert ist. Das Wesen des Films, bei dem die Reproduktion zum künstlerischen Prinzip geworden ist und in dem Benjamin seine Thesen bestätigt sieht, wird im Anschluss erörtert. Nach der Darlegung der Hauptthesen des Kunstwerkaufsatzes, soll beleuchtet werden ob diese auch im Kontext einer Ästhetisierung des politischen Lebens noch haltbar sind. Unter Heranziehung wesentlicher Merkmale einer faschistischen Ästhetik soll herauskristallisiert werden, inwiefern Massenkultur und Aura ineinander übergehen können.
2 Verfall der Aura als Symptom der künstlerischen Reproduzierbarkeit
Walter Benjamin beschreibt in seinem Aufsatz die Veränderungen, die mit dem Zusammentreffen von künstlerischer und technischer Reproduktion eintreten. Er diskutiert die neue gesellschaftliche Stellung, die das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit einnehmen kann. Zentral ist für ihn der Verfall der Aura des Kunstwerks und mit ihm die sich verändernden Rezeptionsbedingungen. Kontemplation wird durch Zerstreuung verhindert, der Kultwert wird vom Ausstellungswert verdrängt. Wie sich dies für Benjamin definiert und welche Optionen sich hieraus gesellschaftlich ergeben, soll in den folgenden Ausführungen deutlich werden. Da die Verfallsthese der Aura das Fundament seiner Ausführungen bildet, gilt es
1 Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main,1963.
2
zunächst zu erläutern, was die Aura bei Benjamin kennzeichnet.
2.1 Zum spezifischen Charakter der Aura bei Benjamin
"Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommermittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Betrachter wirft, bis der Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Erscheinung hat - das heisst die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen." 2
Benjamin illustriert hier den Begriff der Aura eines geschichtlichen Gegenstands (Kunstwerk) anhand der Vorstellung einer Aura von natürlichen Gegenständen. 3 Um den spezifischen Charakter der Aura zu erfassen gilt es, diese Beschreibung nicht im buchstäblichen Sinne zu verstehen. Wenn er davon spricht, dass gleichwohl wie nah man der Materie eines Gegenstands ist, dieser dennoch fern bleibt, ist diese Ferne nicht als messbare Distanz zweier Orte zu verstehen, sondern es geht hierbei vielmehr um den Gefühlswert der Entfernung, das Bewusstsein des Unnahbaren. So besteht zwar die Option der räumlichen Annäherung, die auratische Distanz bleibt dennoch bewahrt. Die Aura, etwas Atmosphärisches, umgibt das Werk, so dass es als Ganzes entrückt bleibt. Die „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ 4 , definiert einen sakralen Bereich in den das jeweilige Werk eingebettet ist. Dieses räumliche Bewusstsein des Unnahbaren geht einher mit einer einmaligen Zeiterfahrung. Der geschilderte Augenblick bezeichnet das einmalige Dasein des Werkes am jeweiligen Ort. Sein Hier und Jetzt, seine Echtheit, ist also die Verschränkung von Einmaligkeit und Dauer. 5 Das auratische oder „echte“ 6 Kunstwerk ist als geschichtlicher Gegenstand zu begreifen, der im jeweiligen Traditionszusammenhang seinen Ausdruck findet. Benjamin benennt es als Gegenstand des Kultus, welches stets im Zusammenhang mit einem Ritual steht. Doch die Tradition ist keineswegs eine statische Einheit und mit ihrem Wandel vergeht nicht die Einmaligkeit des Kunstwerks:
2 Ebd., S.57.
3 Vgl. ebd., S.15.
4 Ebd.,S. 57.
5 Vgl. ebd.,S.12.
6 Ebd.,S.16.
3
„Eine antike Venusstatue z.B. stand in einem anderen Traditionszusammenhange bei den Griechen, die sie zum Gegenstand des Kultus machten, als bei den mittelalterlichen Klerikern, die einen unheilvollen Abgott in ihr erblickten.“ 7
Geschichtlicher Verlauf und Wandel der Tradition kann der Einmaligkeit des Gegenstands nichts abtun. Hieraus lässt sich schließen, dass die Aura als etwas Ahistorisches und Antichronologisches verstanden werden kann. Dies ist jedoch nicht allein auf ihre materielle Basis zurückzuführen - was sie ausmacht ist ihre Zeugenschaft, denn „innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung“ 8 .
Um die Rolle des Betrachters zu beleuchten, worin der wesentliche Bestimmungsbereich der Benjaminschen Aura-Theorie liegt, wird im Folgenden ein Auszug des Baudelaire-Aufsatzes hinzugezogen. In Anlehnung an die Ausführungen von Birgit Recki 9 erscheint dies sinnvoll, da hier der Aspekt des subjektiven Ursprungs der Aura deutlich wird. Dort schreibt er:
„ [...] Die Erfahrung der Aura beruht also auf der Übertragung einer in der menschlichen Gesellschaft geläufigen Reaktionsform auf das Verhältnis des Unbelebten oder der Natur zum Menschen. Der Angesehene oder angesehen sich Glaubende schlägt den Blick auf. Die Aura einer Erscheinung erfahren heißt, sie mit dem Vermögen zu belehnen, den Blick aufzuschlagen.“ 10
Die Basis der auratischen Erscheinung ist folglich eine Aktivität des Subjekts. Betrachter und Gegenstand treten in eine Beziehung, die dem Objekt etwas hinzufügt. Recki spricht hier von einer Beseelung und Verlebendigung, bei dem das jeweilige Objekt zum Subjekt wird. In der Erfahrung der Aura wird aus dem Unbelebten - in dem es subjektiviert wird - ein dem Betrachter Ebenbürtiges erschaffen. Vergegenwärtigt man sich noch einmal die zitierten Ausführungen, wird dies umso deutlicher, denn Benjamin spricht hier von dem Vermögen der Erscheinung, den Blick aufzuschlagen. Ausgangspunkt der Aura ist also die Tätigkeit des lebendigen Subjekts, für welche der Gegenstand als Projektionsfläche der Erfahrung des eigenen Inneren dient. „Das Ergebnis dieser Projektion ist die Konstitution der Aura als die humane Verlebendigung des
7 Ebd.,S.16.
8 Ebd.,S.14.
9 Vgl.:Recki, Birgit: Aura und Autonomie. Zur Subjektivität der Kunst bei Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, Köningshausen und Neumann, Würzburg, 1988.
10 Benjamin Walter, zit. nach ebd., S.23.
4
Arbeit zitieren:
Kristin Drechsler, 2009, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und die Ästhetisierung des politischen Lebens als Verschmelzung von Aura und Massenkultur, München, GRIN Verlag GmbH
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