Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Kommunikation im Mittelalter 4
2.1 Vorbetrachtungen 4
2.2 Rituale als wichtigste Form der mittelalterlichen Kommunikation 9
2.2.1 Eine detailierte Betrachtung 9
2.2.2 Formen von Ritualen 14
2.2.3 Der Einsatz der Rituale im Mittelalter 21
3. Symbolische Handlungen 1156 und 1176 24
3.1 1156 Die Lösung der bayerischen Frage
oder das Privilegium Minus 25
3.1.1 Ereignisgeschichtliche Einbettung 26
3.1.2 Quellenbetrachtung 33
3.1.2.1 Otto von Freising 33
3.1.2.2 Das Privilegium Minus 37
3.1.2.3 Otto von St. Blasien 41
3.1.3 Symbolische Handlungen 1156 42
3.1.4 Überlegungen zur Faktizität 47
3.2 1176 Der (angebliche) Kniefall von Chiavenna 48
3.2.1 Ereignisgeschichtliche Einbettung 48
3.2.2 Quellenbetrachtung 50
3.2.2.1 Gislebert von Mons 51
3.2.2.2 Otto von St. Blasien 52
3.2.2.3 Die Marbacher Annalen 54
3.2.2.4 Die Annalen von Bremen und Stade 55
3.2.2.5 Burchard von Ursberg 56
3.2.2.6 Arnold von Lübeck 58
3.2.3 Symbolische Handlungen 1176 64
3.2.4 Überlegungen zur Faktizität 66
3.3 Symbolische Handlungen als Zeichen möglicher
Entwicklungsphasen 68
4. Fazit 71
5. Quellen- und Literaturverzeichnis 74
1
1. Einleitung
Die mittelalterliche Gesellschaftsordnung ist mit der heutigen modernen Gesellschaft nicht zu vergleichen. Das damalige Herrschaftssystem war nicht durch Grundpfeiler wie Gesetzgebung, Verfassung und gemeinsame Institutionen gefestigt. Daher bedurfte es anderer vertrauensbildender Maßnahmen, um das Vertrauen zwischen den weltlichen und geistlichen Führern zu stärken und die eigene Machtposition gegenüber einer mittelalterlichen Öffentlichkeit zu statuieren. Aber wie konnte das gelingen? Man konnte sich ja keiner moderner Techniken bedienen, um einen Großteil der Bevölkerung zu informieren. In einer Zeit, in welcher der Großteil der Menschen weder lesen noch schreiben konnte, bedurfte es also anderer Wege, das bestehende Herrschaftsgefüge fortlaufend zu etablieren. Durch regelmäßige Treffen auf Hoftagen und Hoffesten wurde ein auf Rang und Ehre basierendes Vertrauens-und Respektsverhältnis aufgebaut und erhalten. 1 Neben der Herrschaftssicherung kam es auch zu möglichen Entscheidungsfindungen und Konfliktlösungen. 2 Hoftage waren demnach sehr wichtige Ereignisse, an denen auch viele nichtadlige Menschen teilnahmen. Im 12. Jahrhundert nahmen die Fürsten im Reich die höchste politische Position ein. 3 Daher versammelten sie sich und betrieben eine geheimnisvolle Art der öffentlichen Kommunikation. 4 Quellen berichten von symbolischen Handlungen, die auf den ersten Blick nicht immer eindeutig zu entschlüsseln sind. Durch die Ausarbeitung soll es gelingen, symbolische Handlungen zu verstehen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, theoretische Aspekte zu betrachten und in der Bearbeitung von Quellen zu überprüfen. Als Themengrundlage sollen zwei historische Größen dienen, Friedrich I. 5 und Heinrich III. 6 , die in der geschichtlichen Aufarbeitung der letzten Jahrhunderte meist als Gegner im Kampf zwischen Staufern und Welfen betrachtet wurden. Historiographische Texte gelten hier als zentrale Quellen, welche aber auch immer einer genaueren Einordnung bedurften. Das erneute Aufgreifen dieser Thematik soll hier Großteils ausgespart werden. Es soll
1 Gerd ALTHOFF: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997. S.2
2 Ebd. S.157
3 Alfred HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert 1125 - 1198 (Handbuch der deutschen Geschichte), Bd.5, 1996. S.232
4 Man spricht in den Quellen auch von colloquium, curia oder consilium.
5 genannt Barbarossa = der Beiname entstammte dem italienischen (barba - der Bart; rossa - die rötliche Farbe)
6 auch bekannt als der Löwe = Grund war wohl seine besonderen Fähigkeiten im Kampfe.
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sich vielmehr auf das kommunikative Miteinander der beiden konzentriert werden und dabei die aktuelle Forschungslage mit einbezogen werden. Ausgangspunkt der Betrachtung sollen zwei Jahreszahlen sein, welche von wichtigen Begegnungen zwischen den beiden Vettern berichten. Auch wenn hier konkret zwei Ereignisse betrachtet werden sollen, so sind diese Jahreszahlen nicht nur überflüssiger Ballast. 7 Wir wollen ja nicht wie Georg Scheibelreiter das befürchtet hatte, zwei Zahlen losgelöst vom historischen Geschehen behandeln. Es soll vielmehr das Ziel verfolgt werden, die beiden Jahreszahlen „mit Ereignissen der mittelalterlichen Geschichte [zu verbinden], welche für die historische Entwicklung Europas zweifellos von großer Bedeutung waren“ 8 Somit kann es dann auch abschließend gelingen, historische Entwicklungen aufzuzeigen. Vorteil für uns als rückblickende Historiker ist, dass bestimmte Ereignisse in die gesamte Periode eingeordnet werden können und ein Verständnis erleichtert wird. 9 Damit werden auch Analysen, Wertungen und Thesen möglich, die ein Zeitzeuge nicht hätte so entwickeln können. Die beiden Jahreszahlen 1156 und 1176 sollen das Gerüst für die geschichtliche Betrachtung und die Quellenanalyse bilden. 10 Wie soll die Arbeitsstruktur aussehen?
Zu Beginn soll eine terminologische Einordnung von Grundbegriffen durchgeführt werden. Es erscheint für die Betrachtung der Quellen als unbedingt notwendig, Begriffe wie Ritual und Inszenierung klar definieren zu können. Darüberhinaus hat sich die Arbeit das Ziel gesetzt, die Thematik der mittelalterlichen Öffentlichkeit zu untersuchen. Hierbei soll gezeigt werden, wer die entsprechende Öffentlichkeit war und ob wir bei der Analyse der Quellentexte Unterscheidungsmöglichkeiten der mittelalterlichen Öffentlichkeit für 1156 und 1176 erarbeiten können. Die Erkenntnisse der theoretischen Erarbeitung sollen dann anhand von konkreten Quellentexten nachvollzogen werden. Funktion und Quellenwert mittelalterlicher Historiographie und die Bedeutung symbolischer Kommunikation stehen in engem Zusammenhang. 11 Für die beiden Zusammentreffen in Regensburg und Chiavenna wurden Quellen ausgewählt, die eine Suche nach symbolischen Handlungen
7 Georg SCHEIBELREITER: Vorwort, in: Georg SCHEIBELREITER (Hrsg.): Höhepunkte des Mittelalters, Darmstadt 2004, S.7
8 Ebd, S.9
9 Ebd, S.9
10 Ebd, S.8
11 Gerd ALTHOFF: Inszenierte Herrschaft. Geschichtsschreibung und politisches Handeln im Mittelalter, Darmstadt 2003.
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ermöglichen. Dafür ist ein Verständnis ritueller Verhaltensmuster und ihrer Funktion in der öffentlichen Kommunikation im Zusammenhang mit der Macht unabdingbar. 12 Hauptuntersuchungsgegenstand soll also die Interaktionen in den mittelalterlichen Führungsschichten, hier konkret die zwischen Friedrich und Heinrich, sein. Durch die theoretische Betrachtung soll deutlich werden, ob man von einem einheitlichen Regelwerk sprechen kann. Falls ja, stellt sich die Frage, ob dieses allgemein verständlich war oder einen Interpretation nur von Eingeweihten möglich gewesen ist. Die Betrachtung der Quellen und die Einordnung symbolischer Akte sollen am Ende eine Deutung von Entwicklungsphasen möglich machen. Hier gilt es zu untersuchen, ob wir von einem Höhepunkt oder einem Endpunkt einer Entwicklung sprechen können. Eine Übertragung der Untersuchungsergebnisse zu den symbolischen Handlungen des Mittelalters in die Gegenwart soll offen gebliebene Fragen aufzeigen, jedoch auch gleichzeitig motivieren weiterhin historiographische Texte aufzuarbeiten und auch vor einer Neubewertung nicht zurückzuschrecken.
2. Kommunikation im Mittelalter
2.1 Vorbetrachtungen
In einer Vorbetrachtung soll dargestellt werden, warum es uns heute möglich ist, Ereignisse nachzukonstruieren, welche schon fast eintausend Jahre zurück liegen und in einer Zeit stattgefunden haben, in der keine Fernsehbilder oder Tonbandaufnahmen uns darüber berichten könnten. Wer waren die Menschen, die es für nötig erachteten, Geschichten über sich oder ihre Umgebung auf dem Papier zu verewigen? Und warum taten sie es überhaupt? Suchten Sie Anerkennung und Ruhm für die eigene Person oder sahen sie ihr Schaffen als Sinn des eigenen Lebens? Die Ausarbeitung wird sich mit einigen der wichtigsten Historiographen beschäftigen und diesen Fragen auf den Grund gehen. Aber dazu später mehr. Allgemein betrachtet, gehen wir heute davon aus 13 , dass die Quellenlage für das, unser Thema betreffende, 12. Jahrhundert, im Gegensatz zu den Jahrhunderten davor, sehr gut ist. Dies trifft sowohl auf die überlieferten schriftlichen, als auch auf
12 Gerd ALTHOFF: Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Darmstadt 2003. S.9f
13 HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert
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heute noch vorhandene materielle Quellen zu. 14 Wo sind die Gründe dafür zu finden? Im elften und zwölften Jahrhundert kam es zu einem Anwachsen der schriftlichen Überlieferungen. Nach einer Sichtung von Urkunden aus dieser Zeit fällt besonders auf, dass päpstliche Kurien, geistliche Herrscher, Stifte, Klöster, weltliche Fürsten, Grafen und andere Adlige und Ministeriale vermehrt Urkunden ausstellten. Darüberhinaus wurden sie auch immer häufiger zu Empfängern neu ausgestellter Urkunden. Das zeigt, dass die Zahl der sogenannten Schriftenersteller immer weiter zunahm. Die Bedeutung von Urkunden wuchs in den Jahren weiter an, da die Mächtigen des Landes erkannten, dass eigene Rechte oder Pflichten anderer besser nachzuweisen waren, wenn es eine Urkunde gab, auf welche man sich berufen konnte. 15 Obwohl wie oben angesprochen auch weltliche Schreiber auftauchten, nahmen die Geistlichkeiten immer noch die führende Rolle bei der Erstellung von Schriften ein. Ein Grund dafür ist leicht auszumachen. Sie verfügten über hervorragende Möglichkeiten, Schriftstücke zu verwahren. 16 In Klöstern und Abteien wurden nicht selten eigens dafür Räume errichtet, die nur der Aufbewahrung von Schrifttum dienen sollten. Auch wurden hier schon erste Vorkehrungen getroffen, diese vor Feuer oder anderen Beschädigungen zu schützen, was im Gegensatz dazu in einer Schreibstube nicht immer möglich war. Weitere Gründe für den Anstieg der Schriftenerstellung erkennen wir in der wachsenden Urbanisierung im Raum nördlich der Alpen. Dort entstanden neue kommunale Zentren, Städte und Klöster mit weiterem Bedarf nach Verschriftlichung. 17 Neu entstandene städtische Zentren, wie zum Beispiel die Seehandelsstädte, gewannen an Bedeutung, da sie die Brücke zwischen dem Reich und den nördlichen Gebieten bildeten. 18 Mit der Regierungszeit Friedrich I. verzeichnen wir ein weiteres deutliches Ansteigen der Zahl von Urkunden, die ausgestellt wurden. 19 Hier spielt eine Intensivierung der staufischen Politik in Italien und Burgund eine wichtige Rolle. 20 Wie schon erwähnt, entstanden neben Urkunden auch historiographische Texte. Diese werden bei der Betrachtung der beiden zu untersuchenden Ereignisse 1156 in Regensburg und 1176 in Chiavenna eine tragende Rolle spielen. Hierbei ist zu
14 HAVERKAMP: Zwölftes Jahrhundert, S.12
15 Ebd, S.13
16 Ebd.
17 Ebd, S.14
18 Ebd, S.233
19 Ebd, S.14
20 Ebd.
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beachten, dass Berichte von Historiographen aus dem 12. Jahrhundert in vielen Fällen von den realen Ereignissen abweichen. Manche sind schlichtweg falsch, andere dagegen zeigen auffällige Veränderungen der wahren Ereignisse. Das soll uns aber nicht davon abhalten, auch diese Texte genau zu studieren und einer konkreten Untersuchung zu unterziehen. Es wird auffallen, dass es sich lohnt, sie als Quellen zu den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit, vor allem aber für die für die Thematik wichtigen Regierungsjahre Friedrichs, zu nutzen. Beachtet man mögliche Intentionen der Autoren, ist es möglich aufschlussreiche Informationen zu entnehmen. 21 Auf die genaue Vorgehensweise bei der Betrachtung der Quellen soll eine spätere konkrete Erläuterung der Bearbeitungsschritte Klarheit schaffen. Kommen wir zurück zum Glücksfall der gehäuften Schriftenerstellung. Ein Glücksfall? Ja, denn für die folgende Untersuchung zweier wichtiger Ereignisse während der Herrschaftszeit Friedrich Barbarossas, ist es nun möglich bestimmte Fragen zu klären, in dem die Quellen untersucht werden.
Nur, inwiefern profitierten die Zeitgenossen der Schriftenersteller davon? Es ist offensichtlich, dass der unsrige Profit größer zu sein scheint. Trotz des Anwachsens der schriftlichen Tätigkeiten in den Klöstern, Städten und am Hofe und einer Intensivierung der öffentlichen Kommunikation stoßen wir auf ein Problem. In einer Zeit, in der ein Großteil der meist bäuerlichen Bevölkerung aufgrund mangelnder Alphabetisierung weder lesen noch schreiben konnte, bedurfte es großer Symbole und Zeichen. Denn wie sollten die Führer des Reiches mit ihrem Volk interagieren? Führungsschichten nutzten daher die verschiedensten Formen der nonverbalen Kommunikation. 22 Mündliche Vereinbarungen und Regeln sozialer Beziehungen machten schon damals ein einheitliches Verständnis nötig. 23 Gesten, Riten und Zeichen wurden deshalb wiederholt eingesetzt, um die mittelalterliche Öffentlichkeit über Ereignisse und Beschlüsse zu informieren. Durch das wiederholte Anwenden bestimmter Darstellungen und Verhaltensweisen prägte sich die Bedeutung in das Bewusstsein der Menschen ein. 24 Die Darstellung bestimmter Sachverhalte durch Inszenierungen wurde, häufiger als schriftliche oder verbale Proklamation, als
21 Knut GÖRICH: Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im
12. Jahrhundert (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne), Darmstadt 2001. S.12
22 ALTHOFF: Spielregeln, S.12
23 Klaus SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“ (Ps. 84, 11). Friedensstiftung durch symbolisches Handeln, in: Johannes FRIED (Hrsg.): Träger und Instrumentarien des Friedens im hohen und späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen 43), Sigmaringen 1996, S. 38 24 Ebd.
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vorrangige Form der Veröffentlichung von Entscheidungen genutzt. 25 Solche Gesetzmäßigkeiten der öffentlichen Kommunikation waren aber nirgends schriftlich fixiert. Nichtsdestotrotz forderten sie eine enorme Verbindlichkeit von denen, die sie einsetzten. 26
Heute sprechen wir vom Mittelalter von einem Zeitalter der Zeichen, in welchem symbolische Handlungen eine zentrale Rolle in der Kommunikation einnahmen. 27 Diese symbolischen Handlungen bestanden aus Gesten, Zeichen und Ritualen. 28 Diese werden bei den Zusammentreffen von Friedrich und Heinrich dem Löwen eine wichtige Rolle spielen, aber auch möglichen Interpretationsspielraum bieten. Bemerkenswert ist, dass sich schon mittelalterliche Gelehrte, wie der Magister Rufinus, mit der Frage beschäftigt haben sollen, wie Friedensakte in der damaligen Zeit dargestellt worden sind. Rufinus unterteilte die möglichen Formen in verba, res und actus - Wörter, Sachen und Handlungen. 29 Für ihn bestehen also drei mögliche Handlungen, um einen Friedensschluss für das Volk oder andere Mächtige des Landes darzustellen. Als verba könnte man ein gegenseitiges Versprechen bezeichnen, die kriegerischen Aktionen einzustellen. Natürlich gab es auch die Möglichkeit, dass der Schwächere der Kontrahenten durch die Übergabe eines Opfers, zum Beispiel einer Stadt oder einer Burg (res), den Frieden erkaufte. Unter actus wäre beispielhaft ein Handschlag beider Führer zu nennen, der den Frieden symbolisieren sollte.
Die zeitgenössische Darstellung des 20. und 21. Jahrhunderts nutzt eine leicht abweichende Einteilung. Sie unterteilt Interaktion und Kommunikation in die drei Bereich Normen, Regeln und Gewohnheiten. 30 Trotzdem bleibt die Frage erstmal offen, ob ein einheitliches Regelwerk für die Interaktion der mittelalterlichen Führungsschichten vorhanden war. Die Antwort darauf lässt sich am besten anhand der Quellenuntersuchung geben, muss daher für jetzt aufgeschoben werden. 31 Im Gegensatz dazu, ist es aber unbestreitbar, dass jegliche Kommunikation Gründe gehabt haben muss, egal ob den Bürgern Beschlüsse präsentiert wurden oder ob große Herrscher miteinander agiert haben.
25 ALTHOFF: Spielregeln, S.233
26 Ebd, S.187
27 SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“, S. 37
28 Ebd, S. 38
29 Ebd, S. 42
30 ALTHOFF: Spielregeln, S.2
31 Ebd, S.11
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Es stellt sich also eine wichtige Verständnisfrage für die folgenden Quellenuntersuchungen. Wer war die mittelalterliche Öffentlichkeit, der diese Inszenierungen präsentiert wurden? Wie können wir also den Begriff der mittelalterlichen Öffentlichkeit in dieser Zeit erklären und klar eingrenzen? Es gibt verschiedene Ansätze in der Forschung, wie darauf geantwortet werden könnte. Für manche umfasst der Begriff der mittelalterlichen Öffentlichkeit nicht nur die Großen des Landes. Auch niedere Beteiligte gehörten dazu: „[…] das Zelt war aufgestellt, wo ihn das ganze Heer sehen konnte“ 32 und waren eindeutige Zielgruppe bestimmter präsentierter symbolischer Handlungen. Zu diesen gehört auch Gerd Althoff, der die Öffentlichkeit wie folgt zu definieren versuchte: „Diese Öffentlichkeit rekrutierte sich aus den Mitgliedern der Führungsschichten selbst sowie aus ihren Vasallen und Gefolgsleuten, die ihre Begleitung bildeten.“ 33
Im Gegensatz dazu gibt es bestimmte Vertreter der geschichtlichen Forschung, welche die Auffassung vertreten, dass man im Mittelalter kaum von dem Vorhandensein einer Öffentlichkeit reden kann. Jürgen Habermas hat sich dazu in seinem Werk ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ umfangreich geäußert. 34 Er spricht im Gegensatz zu Althoff von einem Vorhandensein einer repräsentativen Öffentlichkeit, in welcher sich die führende Schicht, also die Herrschafts- und Funktionsträger dieser Zeit, dem einfachen Volk, den Bauern und Vasallen, präsentiert hat. 35 Bleibt nun die Frage offen, ob einer von beiden falsch liegt, oder ob beide Betrachtungsweisen ihre Daseinsberechtigungen haben. Eine Bewertung dahingehend liegt mir natürlich fern, da man wohl kaum davon sprechen könnte, dass eine Definition falsch zu sein scheint. Es scheint wohl eher so, dass verschiedene Fragestellungen und Betrachtungsansätze beide Definitionen als richtig beweisen können. Diese Einsicht wird eine hilfreiche Rolle spielen, wenn es später darum gehen wird, die Öffentlichkeit zu untersuchen, für die diverse Schriften erstellt wurden.
Kommen wir zurück zum Grund für öffentliche Kommunikation im Mittelalter. Betrachten wir die mittelalterliche Kommunikation auf Hoftagen, auf Königswahlen oder Kirchenfesten, dann finden wir in vielen Quellen Berichte über die Abhaltung
32 ALTHOFF: Spielregeln, S.116
33 Ebd, S.12f
34 Jürgen HABERMAS: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962. S.17ff
35 ALTHOFF: Spielregeln, S.231
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bzw. Darstellung von Ritualen und Inszenierungen. 36 Wir hatten im vorhergegangenen Absatz bereits herausgestellt, dass diese nicht ohne Grund Anwendung fanden und für eine bestimmte Öffentlichkeit dargestellt wurden. Althoff spricht in diesem Zusammenhang von einer hohen Bedeutung der mittelalterlichen Kommunikation für eine stabile Politik in dieser Zeit. Er begründet dies mit dem mittelalterlichen Rangdenken und einem fehlenden Gewaltmonopol. Es war also wichtig, dass man sich auf Kontinuitäten verlassen konnte. Bei der später folgenden Betrachtung der angewandten symbolischen Handlungen während der Zusammentreffen von Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen gilt es herauszustellen, ob wir auch hier eine Öffentlichkeit erkennen können und wenn ja, wer dazu zählt, nur die Führungsschichten, wie es Habermas beschrieben hat, oder alle anwesenden Personen, wie es Althoff umrissen hat. Nach einer klaren Erkenntnis und weiteren Rückschlüssen diesbezüglich, soll weiterführend ein direkter Vergleich zwischen 1156 und 1176 zeigen, ob die Öffentlichkeit variieren kann, und wenn ja aus welchem Grund.
Der Mangel an aussagekräftigen Quellen zu dieser Thematik erschwert die Bearbeitung der Fragen.
2.2 Rituale als wichtigste Form der mittelalterlichen Kommunikation:
2.2.1 Eine detailierte Betrachtung
Der allgemeinen Vorbetrachtung soll nun eine detailliertere Betrachtung folgen, welche sich mit der wichtigsten Form der mittelalterlichen Kommunikation, mit den Ritualen, beschäftigt. Es gilt herauszuarbeiten, welche möglichen Formen es gab, und wie sie eingesetzt wurden. Das ist unabdingbar, da nur so ein Verständnis der zu untersuchenden Quellen möglich ist. Wir erinnern uns an die Möglichkeit von Fehlinterpretationen und Verständnisproblemen, welche durch ein klar strukturiertes Vorwissen und eine begriffliche Annäherung vermieden werden soll. Versetzen wir uns also zurück in die Zeit, als Friedrich Barbarossa der zehnte deutsche König mit Kaiserkrone war und ungeschriebene Gesetze das Fundament der
36 ALTHOFF: Spielregeln, S.230
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Herrschaft waren. Wie können wir uns, mit unserem neuzeitlichen Verständnis, der Frage annähern, wie dieses System Funktionsfähigkeit inne haben konnte? Es ist leider kein Gesamtwerk vorhanden, welches uns von den im Mittelalter angewandten Regeln berichten kann. Daher müssen wir bestimmte Schilderungen von Ereignissen betrachten, und eigene Rückschlüsse ziehen. Eine Vielzahl von Historikern hat sich schon mit der Untersuchung von historiographischen Texten, Annalen und Vitas beschäftigt und einen Großteil der Arbeit bereits erledigt. Nichtsdestotrotz bleibt noch viel zu tun. Was ist für unsere Zwecke nutzbar? Es gibt mehrere Versuche, die sich mit der genauen begrifflichen Fixierung und Einordnung von Bräuchen, Ritualen und Zeremonien beschäftigt haben. Für unser Vorhaben, zwei Aufeinandertreffen zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich dem Löwen zu untersuchen, ist es nicht notwendig, in die Tiefen einer terminologischen Neudefinition einzutauchen. Es soll uns genügen, die auftauchenden Oberbegriffe klar darzustellen und zu definieren, von anderen abzugrenzen und parallel dazu mögliche Verständnisschwierigkeiten zu vermeiden oder auszuräumen. Was sind Rituale? Rituale gelten als wichtigste Form der Kommunikation im Mittelalter, da sie, wie bereits bemerkt, eine stabile politische Ordnung zum Ziel hatten. 37 In der vorhandenen Literatur zu dieser Thematik sind verschiedene Ansätze vorhanden, was ein Ritual sein soll. Verschiedene Teildisziplinen, wie die Religionswissenschaften, die Verhaltenswissenschaften, die Ethnologie und die Soziologie, 38 beschäftigen sich ausführlich damit und haben ihre spezifischen Erkenntnisse herausgestellt. In einem sind sich alle einig. Als Teilbereich der nonverbalen Kommunikation stehen Ritualakte und Zeremonien als gewollte Präsentation für eine vorhandene Öffentlichkeit 39 , welche sich aber von Ereignis zu Ereignis unterscheiden konnten. Was hat die historische Forschung bisher erarbeitet?
Die Begegnung der Mächtigen jener Zeit war geprägt durch Rituale und symbolische Handlungen. Schenkte man den zeitgenössischen Schilderungen dieser symbolischen Handlungen noch wenig Aufmerksamkeit, interpretiert man sie heute als erste Konstituierung rechtlicher Akte oder als friedensfestigende Handlungen. Vor allem in den letzten Jahren hat sich die Mediävistik dem Thema besonders gewidmet und
37 ALTHOFF: Spielregeln, S.13
38 Gerd ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, in: Gerd ALTHOFF (Hrsg.): Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (Vorträge und Forschungen 51), Stuttgart
2001, S. 157
39 ALTHOFF: Spielregeln, S.230
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eine Vielzahl von Erkenntnissen zu Tage gefördert. Als einer der führenden Historiker auf diesem Gebiet gilt Gerd Althoff, welcher sich mit symbolischen Handlungen und Ritualen jener Zeit im Hinblick auf die Frage „Wie funktioniert Herrschaft ohne schriftlich fixierte Normen?“ beschäftigt hat. Althoff hat bestimmte Kernpunkte herausgearbeitet. Sie sollen uns also Grundgerüst weiterer Betrachtungsintentionen dienen. Althoff bestätigt schon zu erwartende Thesen. So sollen Rituale im Mittelalter für die Öffentlichkeit konstruiert worden sein. Zuvor wurden sie jedoch abgesprochen oder sogar darüber intensiv verhandelt. 40 Da man zuvor zu einer Einigung über die darzustellenden Akte gekommen war, erreichte man eine Art Risikominimierung 41 für die eigene Person, da man nicht spontan vom anderen bloßgestellt werden konnte. Die Gesichtswahrung hatte für alle Herrscher, weltlich und kirchlich, eine große Bedeutung. Die angewandten Rituale veränderten sich mit der Zeit. Man kann aber nicht von völlig neuen Sinnstiftungen sprechen, eher von einer sinnvollen Abänderung zur Verständniserleichterung. Rituale nahmen im Mittelalter einen sehr großen Stellenwert bei der Machtausübung ein. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass mit Ritualen Macht ausgeübt wurde. 42 Macht definierte sich damals sakral legitimiert und als Herrschaft von Gottes Gnaden. 43
Betrachten wir die themenbezogene Literatur und suchen nach einem ersten möglichen Auftreten von Ritualen, so werden wir zu Zeiten der Merowinger fündig. Obwohl sie eher wenig eingesetzt wurden und wenn dann nur von den Herrschern 44 , ist dieser Fund sehr interessant. Am häufigsten fand gemeinsames Speisen Anwendung, wenn man die Lösung kriegerischer Konflikte darstellen wollte oder die Rechtskräftigkeit einer Vereinbarung manifestieren wollte. Althoff spricht hier von der Ausrichtung „friedensstiftender Mähler“ 45 . Das Treffen zwischen Papst Stephan II. 46 und dem Frankenkönig Pippin am 6. Januar 754 gilt als erstes Ereignis, bei welchem Rituale inszeniert wurden. 47 Der Papst soll sich hilfesuchend Pippin im Büßergewand zu Füßen geworfen haben, um ihn um Beistand gegen die
40 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.20
41 Nicht immer hielt man sich an den vereinbarten Ablauf.
42 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.31
43 Ebd, S.10f
44 Ebd, S.33
45 Ebd, S.34
46 eigentlich Papst Stephan III.
47 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.67
11
Langobarden zu bitten. 48 Der Einsatz von Büßerkleidern und einem zu Füße fallen ist hier herauszustellen und soll später weiter thematisiert werden. Im neunten und zehnten Jahrhundert entstand ein höherer Bedarf an Ritualen, der zu einer „Ausbreitung ritueller Verhaltensmuster“ 49 führen sollte, so Althoff. Eine weitere Entwicklungsstufe zeichnete sich ab, als später diverse Rituale nicht nur noch für die mittelalterliche Öffentlichkeit eingesetzt wurden, sondern auch Einsatz bei Zusammentreffen von Mitgliedern des Adels fanden. 50 Interessant für die Ausarbeitung ist, dass es besonders im elften und zwölften Jahrhundert, zur Herrschaftszeit der Staufer, zu einer signifikanten Veränderung in der symbolischen Kommunikation kam. Dies resultierte aus einem veränderten Selbstverständnis der Herrscher zu dieser Zeit. Wir finden in diesem Zeitraum den gehäuften Einsatz des Unterwerfungsrituals. 51 Auch die angewandten Hauptelemente sollten sich verändern. Sowohl ein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, als auch eine neu entstandene Härte traten mehr und mehr in den Vordergrund bei der Abhaltung der Rituale. 52 Darauf soll nochmal genauer eingegangen werden, da dies nötig ist, um das Verständnis der später zu untersuchenden Quellen zu ermöglichen. Wie können wir Rituale definieren? Rituale bestanden immer aus festen Inhalten 53 und waren immer Ketten von Handlungen, Gesten und Worten, die von den Akteuren in bestimmten Situationen in ähnlicher Weise wiederholt wurden. Dies geschah bewusst 54 und da Akteure und auch die Zuschauer diese Rituale kannten, war ein gleiches Verständnis des Sinns möglich. Es konnte also etwas dargestellt und erkannt werden 55 . Rituale waren meist feierlich ausgestaltet und hatten die Aufrechterhaltung und Anerkennung der sozialen Ordnung zum Ziel.
Als wichtigste Erkenntnis gilt es herauszustellen, dass es keine eindeutige und klar abgegrenzte Definition für Rituale zu geben scheint. Und das ist auch gut so, da dies gar nicht nötig ist. Eine klare Begriffsdefinition wäre ohnehin nur eine Schöpfung der heutigen Zeit und würde die Interpretationsmöglichkeiten nur unsinniger Weise
48 Interessanterweise führte genau dieses Ereignis, durch die Errichtung des Kirchenstaates und der Vergabe des Titels patricius romanorum an Pippin, zur späteren Entwicklung des römisch-deutschen Kaiserreiches und somit auch zu einem unserer beiden Protagonisten - dem Kaiser Friedrich I.
49 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.68
50 Ebd, S.70
51 Ebd, S.68
52 Ebd, S.156
53 ALTHOFF: Spielregeln, S.103
54 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.157 und ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.13f
55 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.158
12
einschränken. Das soll hier nicht geschehen. Für das Verständnis inszenierter Rituale oder Handlungen des Mittelalters ist es notwendig, unvoreingenommen die Ereignisse, über die berichtet werden, betrachten zu können und nicht in vorgegebenen Mustern zu denken. Wichtiger ist es, sich der Gesamtsituation einer Handlung im Klaren zu werden und zum Beispiel äußere Umstände, die auf den Autor eingewirkt haben könnten, einbeziehen zu können. Eine Begriffsnähe zu Riten, Bräuchen und Gewohnheiten ist daher für unsere historische Betrachtung wünschenswert. Dem würde Herr Althoff wohl zustimmen, definiert er Rituale doch als Schnittmenge anderer Begriffe und Phänomene. Er nutzt Zeremonielle, Riten, Bräuche und Gewohnheiten, um symbolische Kommunikation zu umreißen. 56 Das zeigt, dass Rituale nicht nur in der Religionsausübung vorhanden waren, sondern auch in der öffentlichen Kommunikation aller Zeiten und Kulturen Verwendung fand. 57 Viele wichtige Akteure des Mittelalters nutzen diese Rituale sehr bewusst als direkte Kommunikation mit der Öffentlichkeit. 58 „Die öffentlichen Interaktionen gerade der weltlichen und geistlichen Herrschaftsträger bestanden zu einem Großteil aus demonstrativ-rituellen Handlungen […].“ 59 Ein Beispiel dafür wären die häufig genutzten Begrüßungs- und Abschiedsrituale, durch welche man sich der guten Beziehungen zu seinem Gegenüber versicherte. 60 Der Vorteil daran war, dass die Möglichkeit bestand, sich verschlechternde Beziehungen, frühzeitig zu erkennen 61 , da einer die gewohnten Handlungen nicht mehr einhielt oder beachtete. Ein neuer Zustand wurde dann meist in sehr demonstrativer Weise der Öffentlichkeit gezeigt und da rituale Verhaltensmuster häufig genutzt wurden, mussten sie anschaulich sein, damit sie von jedem auf die gleiche Weise verstanden werden konnten. 62 Auch wenn sie nicht schriftlich fixiert wurden, galten sie wie feste Verbindlichkeiten, vergleichbar mit unseren heutigen Gesetzen und hatten eine klare Aussagekraft gegenüber den Anwesenden. 63 Bei der Bekanntmachung von Entscheidungen gegenüber der mittelalterlichen Öffentlichkeit wurde eine Vielzahl an
56 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.12
57 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.158
58 Ebd, S.160
59 Ebd.
60 Ebd. und vgl. dazu Horst FUHRMANN: Willkommen und Abschied. Über Begrüßungs- und Abschiedsrituale im Mittelalter, in: Wilfried HARTMANN (Hrsg.): Mittelalter. Annäherung an eine fremde Zeit (Schriftenreihe der Universität Regensburg, NF 19), Regensburg 1993. S.111-139
61 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.160
62 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.10
63 ALTHOFF: Spielregeln, S.3
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Verhaltensweisen, Ritualen und Inszenierungen eingesetzt. 64 Sie reichten von Königserhebung über einfache Begrüßungsakte bis zu Unterwerfungsakten und waren alle gekennzeichnet durch festliegende Verhaltensmuster, deren Bedeutung den Beteiligten bekannt war. 65
Um aber die genaue Funktion von Ritualen im Mittelalter verstehen zu können, bedarf es einer gewissenhaften Betrachtung der angewandten verschiedenen Formen. Deshalb scheint es dringend notwendig einige der wichtigsten genauer zu betrachten und sich mit ihnen hier auseinanderzusetzen.
2.2.2 Formen von Ritualen
Beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Rituale am häufigsten eingesetzt wurden, so stoßen wir bei der Recherche der einschlägigen Literatur auf eine Handvoll verschiedene Rituale, welche nachweislich besonders häufig als symbolische Akte genutzt wurden. Ziel der Unterscheidung soll es sein, diese später auch bei der Analyse der Quellen wiedererkennen zu können.
Der Stratordienst als Form einer nur leichten Demütigung
Bei diesem Akt der rituellen Selbstdemütigung führte der Unterlegene das Pferd des Höhergestellten am Zügel. 66 Der Stratordienst wurde besonders eingesetzt, wenn die Erniedrigung einen noch akzeptablen Grad für den Ausführenden erreichen sollte. Er sollte also nicht gedemütigt werden und sein Ansehen verlieren. Dies konnte sogar durch das weitere Hinzufügen von anderen Elementen verstärkt werden. Ein Absteigen des Reiters mit folgendem Friedenskuss war ein gern gezeigtes Element. 67
Der Friedensschluss und seine Elemente
Im Mittelalter war die Schwelle zu den Waffen zu greifen um Konflikte mit Widersachern zu lösen sehr niedrig. Das liegt unter anderem darin begründet, dass kein einheitliches Gewaltausübungsmonopol oder ein oberer Richter vorhanden war. Damit nicht jede Konfrontation ein blutiges Ende fand, nutzte man eine Vielzahl von
64 ALTHOFF: Spielregeln, S.11
65 Ebd, S.12
66 Def. Strator = lat. der Pferdehalter
67 ALTHOFF: Die Macht der Rituale, S.141
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Interaktionsmöglichkeiten, um durch eine nach außen gerichtete Darstellung 68 Frieden zu stiften. Zu diesen Darstellungen zählen auch viele symbolische Handlungen. 69 Gerd Althoff hat hier ein Regelwerk mit Verfahren und Verhaltensmustern erarbeitet. 70 Er meint, erkannt zu haben, dass bestimmte Grundelemente schablonenartig vorhanden sind und abhängig von der Situation ausgewählt worden sind. So sollte zum Beispiel ein anfängliches gemeinsames Mahl als symbolische Ausdrucksform, ein wiederhergestelltes gutes Verhältnis zeigen. 71 Desweiteren wurde der gemeinsame Handgang mit begleitenden Begrüßungen und Begrüßungsformeln 72 untermalt: „Gruß und Grußerwiderung verpflichteten zu friedfertigem Verhalten“ 73 untermauerte Klaus Schreiner diese Aussage und fügt hinzu, dass auch das Geben der rechten Hand (complexio dexterarum) 74 als einfacher Handschlag eine Willenserklärung beinhaltet haben könnte, sich an den gefundenen Konsens halten zu wollen. 75 Darauf folgte meist eine Übergabe von Geschenken 76 . Zweige des Lorbeerbaumes, der Olive und der Palme wurden in dieser Zeit als Symbole des Friedens angesehen. 77 Festzustellen gilt es demnach, dass neben Dingen auch Worte genutzt wurden, um der Öffentlichkeit einen Zustand zu präsentieren. Wir erinnern uns an eine schon erlangte Erkenntnis: Schon allein Handlungen begründeten Verpflichtungen und versprachen das gezeigte friedliche Verhalten für die Zukunft. 78 Besonders häufig kam der eindeutig zu verstehende Friedenkuss zur Anwendung. Er gilt in der rückblickenden Betrachtung als bedeutendste symbolische Darstellung für eine friedliche Lösung. 79 Er stand für das Ende von Feindseligkeiten und als Geste freundschaftlichen Einvernehmens zwischen den gegnerischen Parteien 80 : „Menschen des Mittelalters, die sich gegenseitig den Kuß des Friedens gaben, bekundeten ihren Willen zu konfliktfreien Beziehungen.“ 81 Diese Bekundung
68 gegenüber der mittelalterlichen Öffentlichkeit
69 ALTHOFF: Spielregeln, S.1
70 Ebd.
71 SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“, S.50
72 salutationes
73 SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“, S.39
74 Ebd, S.42
75 Ebd, S.50
76 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.160
77 SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“, S.42
78 ALTHOFF: Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, S.161
79 Ebd, S.170
80 SCHREINER: „Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst“, S.38
81 Ebd, S.43
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Thomas Dassler, 2008, Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe – Die Rolle symbolischer Handlungen 1156 und 1176, Munich, GRIN Publishing GmbH
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