Inhaltsverzeichnis
Einf ührung. 3
1. Der Verfall einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element zwischen Hanno
Buddenbrook und Tonio Kröger 5
2. Die Elternkonstellation - das Motiv des doppelten Erbes. 7
2.1 Tonio Krögers Eltern 7
2.1.1 Tonio Krögers Vater. 7
2.1.2 Tonio Krögers Mutter. 8
2.2 Hanno Buddenbrooks Eltern. 9
2.2.1 Thomas Buddenbrook. 9
Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen. 12
3. Die Bedeutung der Namen „Tonio Kröger“ und „Johann“ 13
3.1 „Tonio Kröger“ 13
3.2 „Johann“ 14
4. Äußere Ähnlichkeiten 14
4.1 Vergleich zwischen Tonio und Hanno. 14
4.2 Tonio und Hanno in Abgrenzung zu Hans Hansen bzw. zu Hannos Mitschülern 15
5.Tonios und Hannos Stellung in ihrem sozialen Umfeld. 16
5.1 Tonio 16
5.2 Hanno. 18
6. Weitere Parallelen zwischen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook 19
6.1 Die Liebe zum Meer 19
6.1.1 Die Bedeutung des Meeres für Tonio Kröger 19
6.1.2 Die Bedeutung des Meeres für Hanno Buddenbrook - Ferien in Travemünde 20
6.2 Die Schule. 21
6.2.1 Die Stellung der Schule in Tonios Leben. 21
6.2.2 Die Bedeutung der Schule für Hanno. 22
7. Die Bedeutung des Künstlertums bzw. der Kunst für Tonio und Hanno. 23
7.1 Tonio Kröger - etwas „Ironisch-Mittleres zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum“ 23
7.2 Die Musik - für Hanno eine Flucht aus dem Leben 25
Fazit 28
2
Einführung
Im literarischen Werk Thomas Manns ist die Wiederkehr einzelner Gestalten in Romanen und Novellen sehr auffällig. Die figuralen Ähnlichkeiten scheinen besonders häufig in seinem Frühwerk aufzutreten. So spricht Helmut Koopmann sogar von einer „werkimmanenten Unsterblichkeit“, welche einzelne Figuren in leicht abgewandelter Form in mehreren Romanen oder Novellen auftreten lässt. 1 Solche Verwandtschaften lassen sich in auffälliger Weise an den Äußerlichkeiten der betreffenden Gestalten erkennen. Aber auch Thomas Manns Vorliebe für einen bestimmten Typus wird deutlich. So stehen im Mittelpunkt des Geschehens nicht etwa die „Problemlosen, die strahlenden Helden des Lebens“, sondern die „Bedrohten, Gefährdeten, Krankheit und frühem Untergang Verfallenen“. 2 Thomas Manns 1901 erschienener Roman Buddenbrooks - Verfall einer Familie war ursprünglich als „die Geschichte des sensitiven Spätlings Hanno“ gedacht. 3 In dem Antihelden Hanno konzentrieren sich Thomas Manns eigene (zumeist unangenehme) Jugenderfahrungen und Befürchtungen. Indem er sie in der Gestalt des kleinen Hanno personifizierte, konnte er sich von ihnen befreien. 4 Das Thema ist für Thomas Mann jedoch noch nicht erledigt, was die 1903 erschienene „Prosa-Ballade“ 5 Tonio Kröger zeigt. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen bezeichnete Thomas Mann die Novelle Tonio Kröger als sein „Eigentliches“. 6 Dies macht eine Beschäftigung mit dem „Helden der Schwäche“ Tonio Kröger aus meiner Sicht sehr interessant.
Die vorliegende Hausarbeit hat eine vergleichende Gegenüberstellung von Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook zum Inhalt. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden frühen Helden Tonio und Hanno möchte ich in meiner Hausarbeit aufzeigen. Dabei möchte ich deutlich machen, dass Tonio Kröger als ein „wieder in Leben gerufener Hanno
1 Vgl. Helmut Koopmann: Hanno Buddenbrook, Tonio Kröger und Tadzio: Anfang und Begründung des Mythos
im Werk Thomas Manns. In: Thomas Mann: Erzählungen und Novellen. Hrsg. von Rudolf Wolff, S. 86 - 99.
Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1984. (Im Folgenden zitiert als „Helmut Koopmann“ mit Angabe der
Seitenzahl.) S. 86.
2 Ebd. S. 87.
3 Wenchao Li: Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der deutschen Literatur der
Jahrhundertwende. Berlin, 1989. S. 36. Der Autor zitiert hier eine Rede Thomas Manns, die er 1929 im Lübecker
Stadttheater gehalten hat.
4 Vgl. Helmut Koopmann. S.91.
5 Vgl. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. In: Dichter über ihre Dichtungen. Hrsg. von Rudolf
Hirsch und Werner Vordtriede. Band 14/I: Thomas Mann Teil I: 1889 - 1917. Hrsg. von Hans Wysling unter
Mitwirkung von Marianne Fischer. Heimeran / S. Fischer Verlag, Passau, 1975. S. 145.
6 Vgl. ebd.
3
Buddenbrook“ 7 gesehen werden kann, der von Thomas Mann mit einer Lebensgebundenheit ausgestattet worden ist, die ihn letztendlich vor dem Tode bewahrt. Anhand verschiedener Aspekte möchte ich die figuralen Ähnlichkeiten deutlich machen. Indem ich mich immer - die Ausnahme bildet das erste Kapitel - zuerst mit Tonio Kröger auseinander setze und diesem dann Hanno Buddenbrook gegenüber stelle, möchte ich zeigen, dass es durchaus nicht wenige Parallelen zwischen Tonio und Hanno gibt. Im ersten Kapitel beschäftige ich mich mit dem Motiv des Verfalls einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element von Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook. Das Motiv des doppelten Erbes taucht sowohl im Tonio Kröger als auch in den Buddenbrooks auf. Tonios Mutter kontrastiert seinen Vater; auch Gerda Buddenbrook bildet einen Gegenpol zu ihrem Mann Thomas. Um dies deutlich zu machen, setze ich mich im zweiten Kapitel zuerst mit Tonios Elternkonstellation auseinander, um dann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Thomas und Gerda Buddenbrook heraus zu arbeiten. Im dritten Kapitel soll kurz auf die Bedeutung der Namen „Tonio Kröger“ und „Johann“ (Buddenbrook) eingegangen werden.
Die äußeren Ähnlichkeiten, die zwischen Hanno und dem 14-jährigen Tonio bestehen, möchte ich im vierten Kapitel erörtern. Durch diese heben sich Tonio von seinem Freund Hans Hansen bzw. Hanno von seinen Schulkameraden schon rein äußerlich ab, was in diesem Kapitel deutlich gemacht soll.
Sowohl Hanno Buddenbrook als auch der 14-jährige Tonio Kröger nehmen in ihrem sozialen Umfeld die Stellung eines Sonderlings ein. Diesem Sachverhalt möchte ich im fünften Kapitel auf den Grund gehen.
Im sechsten Kapitel möchte ich weitere Parallelen zwischen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook, nämlich ihre Liebe zum Meer und ihre Haltung gegenüber der Schule und den Lehrern, aufzeigen.
Der Kunst bzw. dem Künstlertum messen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook eine völlig unterschiedliche Bedeutung bei. Während Tonio Kröger am Ende der Novelle durchaus zu einem positiven Verhältnis zu seinem Künstlertum gelangt, das für ihn im Gegensatz zum gewöhnlichen, so sehr geliebten Leben steht, bringt es Hanno Buddenbrook nicht zum echten Künstler. Statt der Lebensgebundenheit Tonio Krögers finden wir bei ihm nur Todessehnsucht. Dies möchte ich im siebten Kapitel erörtern.
7 Vgl. Cecil Arthur Noble: Krankheit, Verbrechen und künstlerisches Schaffen bei Thomas Mann. Verlag
Herbert Lang & Cie AG, Bern, 1970. S. 107.
4
1. Der Verfall einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element zwischen Hanno
Buddenbrook und Tonio Kröger
Die Buddenbrooks ist die Verfallsgeschichte einer bürgerlichen Patrizierfamilie, deren letztes Glied - sieht man von der weiblichen Nebenlinie Tony, Erika, Elisabeth einmal ab - Hanno Buddenbrook ist.
Hanno ist der Sohn des Konsuls Thomas Buddenbrook und dessen Frau Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen. Man hat lange vergeblich auf diesen männlichen Nachkommen gewartet. Da Hanno der einzige Sohn des Konsuls und somit Stammhalter ist und Gerdas Konstitution weitere Kinder unwahrscheinlich macht, erwartet die Familie Buddenbrook, dass er die vor vier Generationen gegründete Firma übernehmen und so seiner Familie weiterhin zu Ruhm und Ansehen verhelfen wird. „nun ist er da [...] er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat...“ 8 Der achtjährige Hanno weiß jedoch, zumindest unterbewusst, dass er den Ansprüchen seiner Familie nicht gerecht werden kann: Als er die Mappe mit den Familienpapieren, die seinem Vater sehr wichtig sind, findet, liest er am Ende des Stammbaums der Buddenbrooks seinen eigenen Namen und zieht unter diesem einen Strich, so, wie er ihn in der Schule unter eine abgeschlossene Rechenaufgabe setzen muss. 9 Als der kleine Johann von seinem zornigen Vater gefragt wird, wie er zu solchem Unfug komme, stammelt er: „Ich glaubte... ich glaubte... es käme nichts mehr...“ 10
Im Gegensatz zu seinen Vorfahren nimmt Hanno die ihm von seiner Familie gestellte Aufgabe, Kaufmann und dann Firmenchef zu werden, nicht mehr als gegeben hin. Er wendet sich von ihr ab, hat aber nicht die Kraft dazu, etwas Neues, Eigenes an ihre Stelle zu setzen. 11 Thomas Buddenbrook lässt nichts unversucht, um aus seinem Sohn seinen zukünftigen Nachfolger zu machen. Doch muss er letztendlich einsehen, dass Hanno nicht gewillt und vor allem nicht in der Lage ist, diese Rolle zu übernehmen. Thomas erkennt, dass sein Sohn noch ängstlicher und schwächer ist, als er selbst 12 und legt in seinem Testament die Liquidation der Firma Buddenbrook fest.
8 Thomas Mann: Die Buddenbrooks. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1997. (Im Folgenden zitiert als
„Buddenbrooks“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 396.
9 Vgl. ebd. S. 523.
10 Ebd. S. 524.
11 Vgl. Ernst Keller: Die Figuren und ihre Stellung im Verfall. In: Buddenbrooks - Handbuch. Hrsg. von Ken
Moulden und Gero von Wilpert. Körner Verlag, Stuttgart, 1988. (Im Folgenden zitiert als „Buddenbrooks -
Handbuch“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 187.
12 Vgl. Buddenbrooks. S.657.
5
Schließlich stirbt der 17-jährige Hanno an Typhus. Sein Tod wird von Wenchao Li als verkappter Selbstmord, als eine „freiwillige, selbstgewählte Absage an das Leben“ bezeichnet. 13
Der Grund für den Verfall der Familie Buddenbrook ist die von Generation zu Generation zunehmende Reflexivität. 14 Der Prozess der Entbürgerlichung und des biologischen Verfalls und die gleichzeitige Zunahme der Verfeinerung und Vergeistigung haben in Hanno ihren Höhepunkt erreicht. 15
Während der Gegensatz zwischen Geist und Leben in den Buddenbrooks nur angedeutet ist, wird er zum Hauptmotiv der 1903 in der Neuen Deutschen Rundschau erschienenen Novelle Tonio Kröger. 16 Die Novelle fängt also dort an, wo die Buddenbrooks aufhören: Sie zeigt, was nach dem Verall geschieht.
Im Tonio Kröger wird die Auflösung einer bürgerlichen Familie, der in den Buddenbrooks fast 1000 Seiten gewidmet sind, als ausschlaggebend für künstlerisches Schaffen angesehen. 17 In einem Satz wird diese Auflösung dem Leser ins Gedächtnis gerufen und so als Vorbedingung für das Künstlertum gekennzeichnet: „Die alte Familie der Kröger war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung geraten...“ 18 Auch Tonio Kröger selbst scheint seinen Teil zu diesem Zustand beigetragen zu haben: „[...] die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen.“ 19 Hier ist eine erste Gemeinsamkeit zwischen Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger zu erkennen. Dass nämlich der „kleine Verfallsprinz“ 20 Hanno nicht unwesentlich am Niedergang seiner Familie beteiligt ist, liegt wohl auf der Hand. Sowohl Hanno als auch Tonio können also als „entartete Sprößling[e] einer sich auflösenden Familie“ verstanden werden. 21
13 Vgl. Wenchao Li: Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der deutschen Literatur der
Jahrhundertwende. Inauguraldissertation vorgelegt von Wenchao Li an der Freien Universität Berlin, 1989. (Im
Folgenden zitiert als „Wenchao Li“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 46.
14 Vgl. Hermann Kurzke: Thomas Mann: Epoche - Werk - Wirkung. 2. Auflage, Beck - Verlag, München,
1991. (Im Folgenden zitiert als „Hermann Kurzke“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 70.
15 Vgl. Cecil Arthur Noble: „Krankheit, Verbrechen und künstlerisches Schaffen bei Thomas Mann“. Verlag
Herbert Lang & Cie AG, Bern, 1970. (Im Folgenden zitiert als „Cecil Arthur Noble" mit Angabe der Seitenzahl.)
S. 88.
16 Vgl. Thomas Mann: On myself. In: Dichter über ihre Dichtungen, hrsg. von Rudolf Hirsch und Werner
Vordtriede. Band 14/I: Thomas Mann Teil I: 1889 - 1917. Hrsg. von Hans Wysling unter Mitwirkung von
Marianne Fischer. Heimeran / S. Fischer Verlag, Passau, 1975. (Im Folgenden zitiert als „Thomas Mann: On
myself“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 164.
17 Vgl. ebd.
18 Thomas Mann: Tonio Kröger, Mario und der Zauberer. 36. Auflage, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main,
2000. (Im Folgenden zitiert als „Tonio Kröger“ mit Angabe der Seitenzahl.) S.25.
19 Ebd. S. 25.
20 Buddenbrooks - Handbuch. S. 186.
21 Cecil Arthur Noble. S. 108.
6
Nachdem Tonios Vater gestorben ist, steht nun das „große Krögersche Haus“ 22 zum Verkauf, was den Leser wiederum an die Buddenbrooks erinnert. Der Verkauf ihres Hauses in der Mengstraße kann ebenfalls als Zeichen des Niedergangs der Familie Buddenbrook gewertet werden. Sie hatte dieses Haus 1835 von der „ehemals glänzenden Familie“ 23 Ratenkamp erworben. Die Ratenkamps mussten damals für die Buddenbrooks Platz machen, genauso, wie diese nun durch die Hagenströms abgelöst werden, an die das Haus nun verkauft wird. Eine weitere Parallele bildet die Auflösung der Firma, welche als ein wesentliches Merkmal des Verfalls der bürgerlichen Familie gewertet werden kann. Nach Thomas` Tod soll die Firma liquidiert werden. Im Tonio Kröger wird der Auflösung der Firma nur ein halber Satz gewidmet: “...und die Firma ward ausgelöscht.“ 24 Es stand also nie zur Diskussion, dass Tonio Kröger die Firma übernehmen könnte.
2. Die Elternkonstellation - das Motiv des doppelten Erbes
2.1 Tonio Krögers Eltern
2.1.1 Tonio Krögers Vater
Über Tonios Eltern erfährt der Leser nicht sehr viel. Sein Vater bekleidet als großer Kaufmann öffentliche Ämter und ist „mächtig“ 25 in seiner Heimatstadt. Er ist Konsul, handelt mit Getreide und bewohnt mit seiner Familie ein „großes altes Haus“, „das herrschaftlichste der ganzen Stadt“ 26 . Als Tonio mit seinem Freund Hans die Straße entlang geht, muss er ständig grüßen oder wird sogar von manchen Leuten zuerst gegrüßt. Hieraus kann der Leser schließen, dass die Familie Kröger ein gewisses Ansehen in der Stadt genießt. Die Tatsache, dass Tonio „gut und warm“ 27 gekleidet ist, lässt vermuten, dass die Familie Kröger wohlhabend ist.
Tonios Vater wird dem Leser beschrieben als ein „langer, sorgfältig gekleideter Herr mit sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch [trägt].“ 28 Die Feldblume im Knopfloch des Konsuls Kröger ist als Symbol für den Geist zu sehen. Dieser ist - als Merkmal des inneren Verfalls der Familie Kröger - längst gegenwärtig und wurde nicht erst
22 Tonio Kröger. S. 25.
23 Buddenbrooks. S. 22.
24 Tonio Kröger. S. 25.
25 Ebd. S.8.
26 Ebd.
27 Ebd.
28 Ebd. S. 10.
7
durch die Ehe des Konsuls mit einer „von ganz unten auf der Landkarte“ 29 kommenden Frau in die Familie getragen. Der Prozess der Entbürgerlichung hatte also bereits eingesetzt. 30 Wenn Tonio aus der Schule schlechte Noten mit nach Hause bringt, ist es der Vater, der sich darüber ärgert und sich besorgt zeigt. 31 Den Zorn seines Vaters respektiert Tonio, und er empfindet ihn sogar als gerechtfertigt. Obwohl sich Tonio darüber bewusst ist, dass er sich in seinem Wesen weder ändern kann noch will, hält er es für richtig, von seinem Vater für seine Wesensart zurechtgewiesen zu werden. Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich nicht ändern will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man mich ernstlich schilt und straft dafür...“ 32
In Tonio ist noch etwas von dem Familienbewusstsein vorhanden, das sein Vater als Konsul Kröger repräsentiert, auch wenn er in seinem Leben wenig von der Tradition seiner Familie verwirklicht. „Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger...“ 33
Nach dem Tod des Konsuls Kröger ist dieser in Tonios schlechtem bürgerlichen Gewissen präsent. 34 Tonio ruft sich die Missbilligung seines Lebens als Künstler durch seinen Vater immer wieder ins Bewusstsein und empfindet sie durchaus als gerechtfertigt. 35 Er ist also noch Bürger genug, um seine Existenz als Künstler in Frage zu stellen. So sieht er im Künstlertum etwas „tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes“. 36
2.1.2 Tonio Krögers Mutter
Die „dunkle und feurige Mutter“ 37 Tonios wird uns als Gegenpol zu seinem bürgerlichen Vater vorgestellt. Bereits ihr Vorname Consuelo macht deutlich, dass sie „von ganz unten auf der Landkarte“ 38 kommt. Wir erfahren, dass sie schön und schwarzhaarig und „überhaupt so anders als die übrigen Damen der Stadt“ 39 ist.
29 Ebd. S.11.
30 Vgl. Cecil Arthur Noble. S. 108.
31 Vgl. Tonio Kröger. S. 10.
32 Ebd. S. 11.
33 Ebd.
34 Vgl. Karl Werner Böhm: Zwischen Selbstzucht und Verlangen: Thomas Mann und das Stigma der
Homosexualität; Untersuchungen zu Frühwerk und Jugend. Königshausen & Neumann, Würzburg, 1991. (Im
Folgenden zitiert als „Karl Werner Böhm“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 150.
35 Vgl. Tonio Kröger. z.B. S. 44 und S. 47.
36 Cecil Arthur Noble. S. 110.
37 Ebd. S. 11.
38 Ebd.
39 Ebd. S. 10.
8
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Adelheid Seim, 2002, Tonio Kröger ein wieder ins Leben gerufener Hanno Buddenbrook, München, GRIN Verlag GmbH
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