GLIEDERUNG
1. Einleitung 3
2. Historische Aspekte der LRS Forschung 4
3. Aktuelle Aspekte der LRS Forschung. 6
3.1. Das medizinische Modell 6
3.2. Das entwicklungspsychologische Modell 8
3.2.1. Schriftspracherwerb als Stufenmodell 8
3.2.2. Das neue Verständnis von LRS. 9
3.2.3. Kritik am klassischen Legastheniekonzept 10
4. Möglichkeiten der Förderung 12
4.1. Tendenzen in der Grundlagenforschung 12
4.2. Prinzipien einer zielgerichteten Förderung 13
4. 3. Fördern innerhalb oder außerhalb des Unterrichts 15
5. Schlussbemerkung. 17
Literaturverzeichnis 19
2
1. EINLEITUNG
Ein Viertel aller Jugendlichen verlassen jährlich mit nur elementaren Kompetenzen im Lesen und Schreiben die Schule. 1 Was am Ende solcher Schullaufbahnen steht, hat wahrscheinlich schon im Grundschulalter begonnen. Viele Kinder scheitern bereits im Anfangsunterricht an der Aufgabe, Buchstaben oder Wörter zu entziffern und ihnen einen Sinn zu geben. Ohne Lesen und Schreiben werden sie jedoch ihr Leben lang mit Problemen konfrontiert. Die Folgen der verfehlten Schulbildung sind weitreichend. Sie erstrecken sich vom privaten bis hin zum beruflichen Alltag und nur wenige schaffen es im Erwachsenalter, noch den Zugang zur Schrift zu finden.
Die Schule steht dem Problem unsicher gegenüber. Viele Lehrkräfte und auch Eltern werden von widersprüchlichen Erklärungsversuchen und undurchsichtigen Begriffen verwirrt. Auf die Fragen, wie dem Kind am besten geholfen werden kann, finden sie meist keine befriedigende Antwort. Einheitliche Lösungskonzepte scheint es nicht zugeben. Dafür strömt eine Welle von angepriesenen Medikamenten und fragwürdigen Therapien auf verunsicherte Eltern und Lehrer ein.
Dieser Trend gibt Anlass für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Erklärungsmodelle zu Lese-Rechtschreibschwierigkeiten“. Doch auch in der Wissenschaft finden sich keine einhellige Definition oder Vorschläge zur Bewältigung des Problems. Vielmehr wird das Thema kontrovers diskutiert. Bei diesen Diskussionen treffen unterschiedlichste fachliche Positionen und Begriffe wie Legasthenie, Lese-Rechtschreibstörung oder Teilleistungsschwäche aufeinander. Aus scheinbar gegensätzlichen Blickwinkeln versuchen neben der Grundschulpädagogik und Entwicklungspsychologie auch die Medizin, Neuropsychologie, sowie die Logopädie das Problem zu lösen. Dieser Aspekt erklärt teilweise die verwirrende Begriffsvielfalt, denn mit der Wortwahl soll meist ein bestimmter fachspezifischer Zugang hervorgehoben und von anderen abgegrenzt werden. „Wer sich in Bezug auf die Ursachenklärung stärker auf Defekte bzw. Eigenschaften des Kindes bezieht, wählt Bezeichnungen wie „Lese-Rechtschreibschwäche“ oder „Legasthenie“. Wer mehr die dynamische Wechselwirkung von individuellen, schulischen und sozialen Bedingungen betont, spricht von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten“. 2 In der folgenden Darstellung soll versucht werden, aktuelle Forschungsmeinungen zusammenzufassen. Ziel ist es, einen Überblick in Bezug auf unterschiedliche
1 Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben: Stellungnahme, in: Hofmann, Bernd/ Sasse, Ada (Hg.):
Legasthenie. Lese- Rechschreibstörung, Lese- Rechtschreibschwierigkeit?, Berlin 2006, S.13.
2 Naegle, M. Ingrid: Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, LRS, Legasthenie, in: Praxis Deutsch166, S.52.
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Erklärungsmodell und Förderungsmaßnahmen in der Grundschule zu geben. Dabei setzt sich die Seminararbeit mit der Frage auseinander, inwieweit es sich bei dem Phänomen um „Legasthenie“, eine Krankheit mit fester Symptomatik oder um „Lese- und
Rechtschreibschwierigkeiten“, eine Entwicklungsverzögerung mit komplexen Ursachen, handelt. Zur Klärung der Frage, wird zunächst der historische Forschungsverlauf skizziert, um mit diesem Hintergrundwissen aktuelle Erklärungsmodelle und Vorschläge zur Förderung besser bewerten zu können. Vorwiegend dienen dieser Auseinandersetzung jüngere Publikationen als Grundlage, da seit den 70er Jahren viele Erkenntnisse über LRS hinzugekommen sind. Autoren wie Renate Valtin, Ingrid Naegele oder Christina Klicpera zählen dabei zu einigen der wichtigstes Repräsentanten des Forschungsstand der letzten 30 Jahre. Sie haben stehen für einen entwicklungspsychologischen Erklärungsansatz, der in den letzten Jahren den Begriff Lese- Rechtschreibschwierigkeiten hervorgebracht hat. Da dieser Begriff auch vom Kultusministerkonferenz festgelegt wurde, soll er im folgenden verwendet werden.
2. HISTORISCHE ASPEKTE DER LRS FORSCHUNG
Obwohl der Eindruck besteht, dass Lese- Rechtschreibschwierigkeiten ein Problem unserer Zeit sind, beschäftigen sich Wissenschaftler schon seit fast 100 Jahren mit diesem Phänomen. Eine der ersten Untersuchungen stammt von Paul Ranschberg. Der Kinderarzt prägte 1916 den Begriff „Legasthenie“, mit dem er seine Beobachtungen bei Kinder bezeichnete, die massive Schwierigkeiten bei Schriftspracherwerb aufwiesen. Er ging dabei von einer ererbten Störung aus, die alle Kinder unabhängig von ihrer Intelligenz betreffen könnte. 3 Von einem medizinischen Therapieansatz, wie es seinem Fach entsprechen würde, nahm Ranschberg allerdings Abstand. Seiner Meinung nach könnte der Rückstand nur mit pädagogischer Hilfe aufgeholt werden. 4
Ranschbergs interdisziplinärer Ansatz wurde allerdings in den 50er Jahren auf eine medizinische Perspektive reduziert. Maßgeblich beeinflusste Maria Linder den Richtungswechsel. Die Kinderärztin betrachtet Lese- Rechtschreibschwierigkeiten als Krankheit, die sich anhand der Diskrepanz von Intelligenz und Lese- Rechtschreibleistung diagnostizieren lässt. Die Betroffenen haben demnach zwar erhebliche Probleme beim Schriftspracherwerb, ihre Intelligenz hingen entspricht der Norm und liegt häufig sogar darüber. Kinder die unter der Norm liegen haben ein anderes Problem. Laut Linder ist das
3 Valtin, Renate: Der medizinische Ansatz der Legasthenie und seine Problematik, in: Hofmann, Bernd/ Sasse,
Ada, Berlin 2006, S. 45/46.
4 Scheerer- Neumann, Gerheid: LRS und Legasthenie: Rückblick und Bestandaufnahme, in: Naegele, Ingrid M./
Valtin, Renate (Hg.): LRS in den Klassen 1-10, Weinheim - Basel, 1997, S.44/45.
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Problem an spezifischen Fehlern, die sie als Reversionen bezeichnet, erkennbar. Kinder mit entsprechenden Auffälligkeiten verwechseln oder vertauschen spiegelbildliche Buchstaben wie b-p. Diese typische Erscheinungsform stehe in Zusammenhang mit visuellen, motorischen oder auditiven Wahrnehmungsstörungen. Da es sich nach Linders Therapieansatz bei LRS um eine ererbte Störung der Wahrnehmung und Gedächtnisleistung handelt, hält sie pädagogische Maßnahmen für unangemessen. Das Problem sei ein neurologisches und dessen Behandlung fällt somit in den medizinischen Aufgabenbereich. 5 Seit den 70er Jahren ist ein zweiter wichtiger Erklärungsansatz hinzugekommen, der sich nicht an medizinischen, sondern an entwicklungspsychologischen Theorien orientiert. Pädagogen wie Renate Valtin oder Ingrid Naegele stellen sich gegen den Krankheitscharakter von LRS. Ihrer Theorie zufolge sind die Probleme unabhängig von der Intelligenz der Schüler. Dem Diskrepanzkriterium widersprechend definieren sie Lese- und Rechschreibschwierigkeiten als „f Sie gehen davon aus, dass der Schriftspracherwerb auf verschiedenen Stufen verläuft, für deren Bewältigung manche Kinder länger brauchen als andere. Dabei würden die Ursachen nicht beim Kind allein liegen, sondern bei endogenen wie sozialen, schulischen und individuellen Faktoren. 6
Obwohl sich dieses theoretische Modell in der Forschung durchgesetzt hat, zeichnet sich praktisch ein Rücklauf zu Gunsten des medizinischen Modells ab. Auf bildungspolitischer Ebene zeigt sich der Richtungswechsel durch geänderte Erlasse der einzelnen Länder. Beispielsweise hat Bayern vor einigen Jahren in seiner Förderverordnung wieder auf den klassischen Legastheniebegriff zurückgegriffen. 7 Demnach gelten nur Kinder mit Diskrepanz zwischen Intelligenz und Lese- Rechtschreibleistung als förderungswürdig. Nur ihnen steht eine Therapieunterstützung und Sonderregelungen, wie mehr Zeit bei Klausuren, zu. Zurückzuführen ist das Festhalten am „klassischen Modell“ auf vielfältige Ursachen. Daher lässt sich diese Trendwende nicht eindeutig erklären. 8
Vertreter des entwicklungspsychologischen Modells führen den Richtungswechsel auf wirtschaftliche Interessen zurück. Sie kritisieren, dass sich immer mehr Wissenschafter mit dem Problem LRS beschäftigen und auch Fachfremde zahlreiche Therapieangebote anbieten. So versuchen sich neben Pädagogen und Medizinern auch Logopäden, Neurologen, Homöopathen bis hin zu Esoterikern in der Öffentlichkeit zu behaupten. Kritikern, wie Zangerle, zufolge scheint sich somit aus dem Problemen der Kinder ein wirtschaftlicher und
5 Valtin, Renate: Der medizinische Ansatz der Legasthenie und seine Problematik, in: Hofmann, Bernd/ Sasse,
Ada, Berlin 2006, S.46.
6 Ramacher- Faasen, Nicole: Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Frühzeitig erkennen- gezielt helfen, Heinsberg
1997, S.44/45.
7 Naegele, Ingrid: Lese- Rechtschreibschwierigkeiten, LRS, Legasthenie..., in: Praxis Deutsch 166, S.53.
8 http://download.collishop.de/artikel/LRS-Erlass-B.pdf, 15.8.2008.
5
wissenschaftlicher Zweig zu erschließen, auf dem die unterschiedlichen Disziplinen nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiten. 9 Ob dieser Vorwurf allerdings nicht aus eigenen beruflichen Interessen, um das Arbeitsfeld zu sichern, heraus geäußert wird, bleibt offen. Der Pädagoge Werner Laschkowski 10 betont beispielsweise eine ganzheitliche Förderung und beruft sich dabei auf interdisziplinäre Forschungsergebnisse, was zeigt, dass die unterschiedlichen Wissenschaften nicht immer gegeneinander arbeiten.
3. AKTUELLE ASPEKTE DER LRS FORSCHUNG
3.1. Das medizinische Modell
Nach wie vor findet das medizinische „Legastheniekonzept“ viel Anerkennung in der Öffentlichkeit. Vertreter dieses klassischen Modells gehen davon aus, dass betroffene Personen zwar über einen hohen Intelligenzquotient verfügen, aber dennoch massive Schwächen in ihrer Lese- und Rechtschreibleistung aufweisen. Neben diesem genetischbedingten Diskrepanzkriterium ist Legasthenie laut der Theorie weiterhin durch charakteristische Fehler erkennbar. Dazu gehört das Verwechseln, Weglassen oder Vertauschen von Buchstaben sowie langsames, sinnentleertes Lesen. Sogenannt Reversionen gelten in der Forschung als Folge einer kognitiven Teilleistungsstörung, wobei es unterschiedliche Bereiche gibt, in denen solche Störungen auftreten können. Zahlreiche Funktionen wie die Gedächtnisleistung oder die auditive und visuelle Wahrnehmung fallen in den Rahmen der Symptomatik. Da Lesen und Schreiben als Summe aus solchen kognitiven Funktionen betrachtet wird, gehen die Verfechter des klassischen Legastheniekonzeptes von einem engen Wirkungszusammenhang zwischen Störung der Lese- Rechtschreibleistung und angeführten Teilleistungsstörungen aus. 11
Auf der Annahme dieses „Funktionsmodells“ diagnostizieren Kinderärzte in der gegenwärtigen Praxis LRS als ein krankheitscharakteristisches Problem. In Verbindung mit der Diagnose wird meist eine Therapie vorgeschlagen, die zum Defizitausgleich beitragen soll. Selten hat die verordnete Förderung dabei etwas mit dem konkreten Schriftspracherwerb zu tun. Viel mehr soll das Training Funktionen, die zum Schreiben oder Lesen wichtig sind, unterstützen. Dazu gehören das Hören, Orientierung in der Raum-Lagebeziehung oder visuelles Wahrnehmungstranig. Eine neuere These von Neurologen Arthur Jacobs macht beispielsweise Blicksprünge für das Phänomen LRS verantwortlich. Demnach sind unstrukturierte Blickbewegungen der Grund für ein ungeordnetes Erfassen von Buchstaben,
9 Zangerle, Heinz: Der Psycho- Bio- Boom und die Schule, in: Grundschulunterricht 42/1995,S.41/42.
10 Laschkowski, Werner: Entwicklung eines Förderkonzeptes, in: Naegel, M. Ingrid/ Valtin, Renate: LRS-
Legasthenie in den Klassen 1-10, Bd.2, Weinheim- Basel 2001, S.155/156.
11 Valtin, Renate: Ursachen der Legasthenie. Fakten oder Artefakte, in: Hofmann, Bernd/ Sasse, Ada (Hg.):
Legasthenie. Lese- Rechschreibstörung, Lese- Rechtschreibschwierigkeit?, Berlin 2006, S.69.
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Arbeit zitieren:
Ulrike Wotzlaw, 2008, Erklärungsmodelle LRS, München, GRIN Verlag GmbH
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