Eidesstattliche Erklärung:
An Eides statt versichere ich, dass die Arbeit
Zwischen Standardisierung und Pluralisierung. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Individualisierungsthese von Ulrich Beck anhand empirischer Befunde
von mir selbst und ohne jede unerlaubte Hilfe angefertigt wurde, dass sie noch keiner anderen Stelle zur Prüfung vorgelegen hat, und dass sie weder ganz noch im Auszug veröffentlicht worden ist. Die Stellen der Arbeit - einschließlich Tabellen, Karten, Abbildungen usw., die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich in jedem einzelnen Fall als Entlehnung kenntlich gemacht.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 5
2. Die Individualisierungsthese nach Ulrich Beck. 10
2.1 Sekundäre Individualisierung 10
2.1.1 Die Veränderung der Sozialstruktur 12
2.1.2 Arbeitsmarkt und Erwerbsleben. 14
2.1.3 Der Einfluss des Sozialstaats 16
2.1.4 Lebenslauf und Biographieplanung 17
2.1.5 Die Familie. 19
2.1.6 Subpolitik und individuelles Engagement 21
2.2 Kernpunkte der Kritik an BECK innerhalb der Individualisierungsdebatte 22
2.2.1 Begriffliche Unschärfe 24
2.2.2 Uneinigkeit über die Konsequenzen. 26
2.2.3 Mangel an empirischer Untermauerung. 29
3. Empirische Befunde 33
3.1 Die Veränderung der Sozialstruktur 34
3.1.1 Pluralisierung der Lebensstile 35
3.1.1.1 Entwicklung der Bildungsbeteiligung. 36
3.1.1.2 Entwicklung der Größenstruktur privater Haushalte 37
3.1.1.3 Die Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit 38
3.1.1.4 Die Entwicklung des durch lebensnotwendige Ausgaben gebundenen
Anteils des Haushaltseinkommens 38
3.1.1.5 Ergebnisse 40
3.1.2 Soziale Milieus und Individualisierung 40
3.1.2.1 Von der horizontalen Pluralisierung zur vertikalen Segmentierung -
Individualisierung als milieuspezifisches Phänomen 41
3.1.2.2 Ergebnisse 43
3.2 Erwerbsleben und Berufsmobilität 44
3.2.1 Die Frage nach der Veränderung des Normalarbeitsverhältnisses am Beispiel
des Berufseinstiegs 45
3.2.1.1 Begriffsdefinitionen und Datenbasis. 46
3.2.1.2 Die Entwicklung des Berufseintiegsprofils 46
3.2.1.3 Ergebnisse 47
3.2.2 Individualisierung und Mobilitätserfahrungen 48
3.2.2.1 Intragenerationelle Mobiliät in den 1980er Jahren. 49
3.2.2.2 Mobilitätsverläufe im Erwerbsleben von 1940 bis 1980 50
3.2.2.3 Ergebnisse 52
3.3 Der Sozialstaat als Rahmengeber. 53
3.3.1 Individualisierung und Sozialstaat. 54
3.3.1.1 Sozialhilfebezug und Individualisierung 55
3.3.1.2 Ergebnisse 57
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3.4 Die Institutionalisierung des Lebenslaufs: Individualisierung versus
Standardisierung 57
3.4.1 Die Veränderung des Lebenslaufregimes 59
3.4.1.1 Institutionalisierung und Individualisierung 59
3.4.1.2 Aufweichung der Institutionalisierung des Lebenslaufs durch zunehmende
Biographisierung ? 60
3.4.1.3 Ergebnisse 61
3.4.2 Der Übertritt ins Erwachsenenalter im sozialen Wandel. 61
3.4.2.1 Daten und Methoden. 62
3.4.2.2 Die Resultate der Studie. 62
3.4.2.3 Ergebnisse 64
3.5 Die Familie als Abbild einer individualisierten Gesellschaft? 65
3.5.1 Individualisierung und Elternschaft am Beispiel der USA. 66
3.5.1.1 Pluralisierung beim Übergang in die Elternschaft? 66
3.5.1.2 Elternschaft als bewusste individuelle Entscheidung? 67
3.5.1.3 Segmentierung statt Differenzierung 69
3.5.1.4 Ergebnisse 70
3.6 Politische Orientierung und freiwilliges Engagement 71
3.6.1 Individualisierung und Wahlverhalten. 72
3.6.1.1 Ausgangshypothese und Datensätze 72
3.6.1.2 Abnehmende Erklärungskraft sozialstruktureller Variablen. 72
3.6.1.3 Kritik an den vorigen Befunden und Reanalyse der Daten. 74
3.6.1.4 Ergebnisse der Reanalyse. 75
3.6.1.5 Zusammenfassung der Ergebnisse 76
3.6.2 Mitgliedschaft in freiwilligen Vereinigungen. 77
3.6.2.1 Gegenstand der Untersuchung 77
3.6.2.2 Empirische Befunde 78
3.6.2.3 Ergebnisse 80
4. Zusammenfassende Diskussion und offene Fragen. 82
Literaturverzeichnis 89
Anhang: Tabellen und Abbildungen. 96
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1. Einleitung
Kaum ein anderes soziologisches Konstrukt hat den wissenschaftlichen Diskurs in der jüngeren Vergangenheit so beschäftigt und belebt wie die von Ulrich BECK (re-)formulierte Individualisierungsthese. Dabei blieb die besonders durch BECKs Buch „Risikogesellschaft“ (1986) angestoßene Diskussion nicht auf den Kreis der Sozialwissenschaftler beschränkt. „Individualisierung“ wurde - mit positiver oder eher negativer Konnotation - zum Schlagwort in zahlreichen Lebens- und
Gesellschaftsbereichen, sei es in den Medien, der Politik, der Kirche, der Familie, bei den Gewerkschaften, in der Freizeitindustrie oder der Werbung. Die Individua lisierungsthese ist damit „mehr als nur eine Zeitdiagnose neben anderen“. (BONACKER 2002, S. 160). Dabei handelt es sich keineswegs um eine Erfindung der (Post-)Moderne oder gar von Ulrich BECK selbst. Schon die Klassiker der Soziologie wie DURKHEIM, SIMMEL oder ELIAS haben Individualisierungstendenzen in der Gesellschaft diagnostiziert und sich mit diesem Phänomen auseinander gesetzt. In neuerer Zeit ist diese Thematik jedoch mit BECK assoziiert. Seine wichtigsten Werke, die in dieser Arbeit berücksichtigt werden, sind: der Aufsatz „Jenseits von Stand und Klasse“ (1983), der den Beginn der neueren Debatte markiert, die „Risikogesellschaft“ (1986), „Die Erfindung des Politischen“ (1993a) sowie zahlreiche Aufsätze in diversen Publikationen. Ferner zusammen mit Elisabeth BECK-GERNSHEIM „Riskante Freiheiten“ (1994a) und, zusammen mit Peter SOPP, „Individualisierung und Integration“ (1997a).
Wenn er von Individualisierung spricht, meint BECK einen „ neuen Modus der Vergesellschaftung“ (BECK 1986, S.205, Hervorhebung von mir). Dieser vollzieht sich in drei Schritten: der Freisetzung aus traditionalen Herkunftsbindungen, dem Verlust damit verbundener sozialer Sicherheiten sowie Einbindung in neue Strukturen. Der Unterschied zu älteren Versionen einer Individualisierungsthese liegt darin, dass bei BECK die Individuen nicht aus der traditionalen Ständegesellschaft in die Industriegesellschaft entlassen werden, sondern aus der Industriegesellschaft in das, was BECK die „zweite Moderne“ nennt. Im Zuge dieser zweiten oder „reflexiven“ Moderne werden die Menschen aus ihren historisch gegebenen sozialen Herkunftsbezügen herausgelöst
(„Freisetzungsdimension“), wodurch ein Verlust an sozialen Sicherheiten („Entzauberungsdimension“), aber auch eine neue Form der Selbstbestimmthe it entsteht. Auf der anderen Seite werden die auf diese Weise freigesetzten Individuen in neue Kontrollzwänge eingebunden („Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension“). ( BECK 1986,
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S. 206). Individualisierung im Sinne eines Zugewinns an persönlicher Freiheit meint nach dieser Lesart immer auch ihr Gegenteil. Die Diskussion um Individualisierung erfolgt nach zwei Schwerpunktsetzungen: einer kulturellen und einer gesellschaftsstrukturellen (BONACKER 2002, S. 165). Diese Arbeit befasst sich vorrangig mit letzterer. Betrachtet man die sehr umfangreiche Rezeptionsgeschichte der beckschen Thesen, so lassen sich schnell drei Hauptkritikpunkte herauskristallisieren: die Begrifflichkeiten, die Frage nach den Konsequenzen von Individualisierung sowie die mangelnde empirische Untermauerung. Da ist zum einen der Vorwurf der begrifflichen Unschärfe. „Individualisierung“ meint alles und nichts, aber was genau? Dieser Vorwurf zieht sich durch die gesamte Debatte und stellt ein grundlegendes Problem dar. Eine Konsequenz besteht darin, dass ein jeder mit seinem eigenen Individualisierungsbegriff operiert. Der zweite Kritikpunkt betrifft die unzureichende historische Explikation und die Frage nach den Konsequenzen für die Zukunft. BECK stellt zwar fest, dass der zweite große Individualisierungsschub in der Bundesrepublik Deutschland in den
Wirtschaftswunderjahren nach dem zweiten Weltkrieg eingesetzt habe, aber einen empirischen Nachweis bleibt er schuldig. Letzteres führt direkt zum dritten Vorwurf, nämlich der fehlenden Überprüfung, ob die von BECK aufgestellten Thesen über die durch den Prozess der Individualisierung hervorgerufenen Veränderungen in der gegenwärtigen Gesellschaft auch empirisch überprüfbar seien.
Die vorliegende Arbeit wird sich vorrangig mit der zuletzt genannten Problematik befassen, die allerdings ohne Berücksichtigung der beiden erstgenannten Defizite nicht angemessen behandelt werden kann. Nach einem kurzen Überblick über die Individualisierungsthese von Ulrich BECK und ihrer Manifestation in der Veränderung der Sozialstruktur, dem Arbeitsmarkt, dem Einfluss des Sozialstaats, dem individuellen Lebenslauf, der Familie und individuellem politischem Engagement, werden die wichtigsten Kritikpunkte an BECKs These zusammengefasst. Diese betreffen die Begrifflichkeiten, die Frage nach den Konsequenzen sowie den Mangel an empirischer Untermauerung. In einem umfangreichen dritten Kapitel werden anschließend empirische Studien verschiedener Autoren vorgestellt, die eine Überprüfung der beckschen Thesen in ausgewählten Gesellschaftsbereichen durchführen. Wichtigste Literaturgrundlage bildet dabei der von Jürgen FRIEDRICHS herausgegebene Sammelband „Die Individualisierungs-These“ (1998), da er bis heute eines der wenigen Werke darstellt, dass sich umfassend mit der empirischen Überprüfung der von BECK konstatierten Entwicklungen befasst. Bei der Auswahl der Studien habe ich versucht, die ganze Bandbreite des Diskurses darzustellen,
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indem auch und gerade solche Untersuchungen einbezogen wurden, die zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. In einem eher historisch rückblickenden ersten Teil dieses Kapitels geht es um die Pluralisierung der Lebensformen. Wolfgang ZAPF et al. betrachten die Pluralisierung als Grundlage der Individualisierung und setzen beide mit steigenden Wahlmöglichkeiten gleich. Letztere sollen anhand verschiedener Kennzahlen der historischen Entwicklung nachgewiesen werden. Einen dazu (und zu Ulrich BECK) gegenläufigen Standpunkt nimmt Michael VESTER ein, wenn er sagt, Pluralisierung sei kein historisch neue s Phänomen und Individualisierung kein allgemeingültiger Prozess, sondern werde von zahlreichen Faktoren geprägt, die soziale Ungleichheit beeinflussen. Für den Bereich Arbeitsmarkt und Erwerbsleben werden Studien von Matthias SACHER und Peter A. BERGER herangezogen. SACHER befasst sich mit der sogenannten Erosion des Normalerwerbsverhältnisses, indem er eine Entstandardisierung mittels eines Kohortenvergleichs betreffend den Übergang vom Ausbildungs- in das Erwerbssystem untersucht. Mit Entstandardisierung als Indikator für Individualisierung befasst sich ebenfalls Peter A. BERGER, indem er soziale Mobilitätsvorgänge anhand des Beschäftigungssystems nachweist. Danach könne die Individualisierungsthese als „Beschleunigungs- und Auflockerungsthese“ verstanden werden. Nicht nur qualitative Veränderungen, auch eine quantitative Verbreitung „individualisierter“ Lebensformen innerhalb der Bevölkerung konstatiert Lutz LEISERING, wobei dem Sozialstaat eine wesentliche Funktion bei der Ermöglichung individueller Handlungsfreiheit zukomme. Als Beispiel wird hier der Sozialhilfebezug angeführt, der auch die Individualisierung gerade nicht-erwerbstätiger Personen fördere. Insofern wird hier dem oft erhobenen Vorwurf einer Privilegierung besser gestellter Kreise durch die Individualisierungsthese widersprochen.
Ein ständig auftretender Diskussionspunkt ist der in der Individualisierungsthese von Ulrich BECK zu Tage tretende Widerspruch zwischen Standardisierung auf der einen und zunehmender individueller Gestaltungsfreiheit auf der anderen Seite. Martin KOHLI beschäftigt sich in seinen beiden hier aufgegriffenen Aufsätzen mit dem Widerstreit zwischen Individualisierung und Standardisierung im Lebenslauf. Auf der eine Seite führten, so KOHLI, staatliche Eingriffe zu einer Homogenisierung der Lebensläufe. Auf der anderen Seite erfülle die dadurch gewährte Kontinuität jedoch eine gewisse Entlastungsfunktion, die eine zunehmende Orientierung an persönlichen Zielen (KOHLI nennt das die Biographisierung des Lebenslaufs) ermögliche. Zwar handelt es sich bei den beiden hier verwendeten Texten von KOHLI nicht um empirische Studien, trotzdem sind sie
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von Wichtigkeit, da sie in thematischem Zusammenhang mit der anschließenden Untersuchung von Marlis BUCHMANN stehen. BUCHMANN befasst sich mit einem bestimmten (ebenfalls durch staatliche Systeme vordefinierten) Abschnitt im Lebenslauf, nämlich mit dem Übergang ins Erwachsenenalter, den sie anhand des Wechsels vom Ausbildungs- in das Erwerbssystem operationalisiert. Dabei werden Antworten auf die Frage gesucht, ob sich die Übergangsmodalitäten von den sechziger zu den achtziger Jahren insofern verändert haben, als dass von einer zunehmenden Entstandardisierung und Diversifizierung die Rede sein kann.
Wie Marlis BUCHMANN verwendet auch Günter BURKART für seine Analyse über Individualisierung und Elternschaft Datenmaterial aus den USA. Diese Studie stellt den Universalitätsanspruch der beckschen Individualisierungsthese (das heißt sowohl ihre Gültigkeit für alle westlichen Industriegesellschaften als auch für alle Schichten innerhalb einer Gesellschaft) in Frage.
Wahlverhalten und Engagement in freiwilligen Vereinigungen, bilden den letzten Bereich, in dem die Individualisierungsthese mit empirischen Befunden konfrontiert werden soll. Rainer SCHNELL und Ulrich KOHLER schlagen im Zusammenhang mit Wahlverhalten bzw. Parteienpräferenz eine Präzisierung der Individualisierungsthese vor. Sie stellen die Hypothese auf, dass die Erklärungskraft soziodemographischer Variablen bezüglich des Wahlverhaltens mit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung abnehme und überprüfen diese Aussage anhand umfangreichen Befragungsmaterials aus vier Jahrzehnten. Die selben Daten liegen der Reanalyse durch Walter MÜLLER zugrunde, der sowohl das methodische als auch das inhaltliche Vorgehen von SCHNELL und KOHLER bemängelt und in der Folge zu differenzierteren Ergebnissen gelangt. Während die beiden eben genannten Untersuchungen sich mit der
Freisetzungsdimension der Individualisierungsthese befassen, legt die letzte Studie von Gunnar OTTE in diesem Zusammenhang das Gewicht auf die häufig vernachlässigte dritte Ebene der beckschen Individualisierungsthese: die Reintegrationsdimenion. OTTE vergleicht die Erklärungskraft des traditionellen Klassenkonzepts mit dem neueren Konzept der Lebensstilgruppen, um die Mitgliedschaft in freiwilligen Vereinigungen zu erklären. Daran zeigt sich, ob alte sozialstrukturelle Erklärungsansätze tatsächlich ausgedient haben und die Bildung von Kollektiven heutzutage, wie BECK dies suggerie rt, auf andere Kriterien zurückgeführt werden müssen.
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In einem abschließenden vierten Kapitel werden einige Befunde aus dem dritten Kapitel exemplarisch herausgegriffen und unter Berücksichtigung offener Fragen einer zusammenfassenden Diskussion unterzogen.
Insgesamt gilt es in dieser Arbeit zu untersuchen, ob die Ergebnisse der hier behandelten Studien eine - historisch neue - zunehmende Pluralisierung der Lebensformen eher bestätigen oder ablehnen und ob der Grad einer dadurch induzierten Individualisierung in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gleichmäßig ausgeprägt ist oder nicht. Ziel ist es, zu zeigen, dass es schwierig ist, ein so vieldimensionales Phänomen und in sich widersprüchlichen historischen Prozess wie die Individualisierung überhaupt zufriedenstellend, das heißt eindeutig, zu überprüfen. Unterschiedliche Herangehensweisen und Prämissen der Untersuchenden führen zu unterschiedlichen, teilweise sich sogar widersprechenden Ergebnissen. Diese Problematik liegt in dem widersprüchliche n und „universellen“ Konzept der These selbst begründet, was in dieser Arbeit zu belegen wäre.
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2. Die Individualisierungsthese nach Ulrich Beck
2.1 Sekundäre Individualisierung
BECK behauptet nicht - anders als manch unbedarfter Rezipient ihm vielleicht vorwerfen möchte - mit seiner Individualisierungsthese das Rad neu erfinden zu wollen. Der „Triumphzug des Individuums“ 1 , quer durch alle „Bindestrichsoziologien“ und gesellschaftlichen Diskussionszirkel, ist vielleicht durch BECK maßgeblich erneut ins Rollen gebracht worden - der Individualisierungsbegriff als solcher findet sich indes schon bei fast allen großen Klassikern der modernen Soziologie, von SIMMEL über DURKHEIM, ELIAS, HABERMAS, FOUCAULT und andere bis schließlich BECK. Unterschiede ergeben sich hier lediglich in der Bewertung und den Konsequenzen einer behaupteten Individualisierung der Sozialstruktur (siehe hierzu: EBERS 1995, KIPPELE 1998, EBERLEIN 2000, SCHROER 2000, SCHROER 2000b, RITSERT 2001).
BECK grenzt den ersten Individualisierungsschub ge gen sein sekundäres und, wie er es nennt, ahistorisches Individualisierungsmodell ab (BECK 1986, S. 206). Während im ersten Fall die Menschen aus ständischen Herkunftsbindungen in die moderne Industriegesellschaft entlassen wurden, so erfolge heute eine Freisetzung aus der Industriegesellschaft „in die Turbulenzen der Weltrisikogesellschaft“ ( BECK 1995b, S. 185). Diese Gesellschaft mutet dem Einzelnen ein Leben mit „globalen“ Risiken zu (zum Beispiel Gefährdung der Gesundheit durch Umweltbelastung), die über persönlich und örtlich begrenzte Risiken weit hinausreichen und dadurch für den Einzelnen unkalkulierbar und unkontrollierbar werden.
Einhergehend mit der Herauslösung aus alten Sozialverbänden wie Klassen und Ständen erfolgt der Verlust von traditionalen Sicherheiten, die die lebenslange Einbettung in bekannte und geregelte Sozialstrukturen mit sich brachte. Das ist die erste Neuerung. Die zweite liegt in der Demokratisierung dieses Phänomens. „Individualisierung ist (...) kein individuelles, sondern ein kollektives Schicksal.“ 2 Oder, radikaler formuliert: „Die Menschen sind zur Individualisierung verdammt.“ (BECK 1986, S. 14). Woher kommt das?
1 welcher BECK sogar dazu veranlasst, von der Notwendigkeit einer Neudefinition der Soziologie als solcher
zu sprechen (siehe BECK 1995, S. 15-17, BECK / BECK-GERNSHEIM 1994b, S. 26-32, 35f.)
2 Aus: „Vom Verschwinden der Solidarität“, Süddeutsche Zeitung, 14./15.02.1993. Nicht zuletzt diese
Diagnose wurde von nicht wenigen Kritikern mit einem Fragezeichen versehen, wie im dritten Kapitel zu
zeigen sein wird.
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Den theoretischen Hintergrund für BECKs Individualisierungsthese bildet das, was BECK (passend zum „ sekundären I ndividualisierungsschub“) als „zweite Moderne“ bezeichnet. Die Industriegesellschaft wird abgelöst von der Risikogesellschaft, die mit den industriell erzeugten gesamtgesellschaftlichen Risiken und Gefährdungslagen (atomare Bedrohung, Umweltschäden etc.) umgehen und zu leben lernen muss. BECK nennt dies das Zeitalter der „reflexiven Modernisierung“, in dem die Moderne mit den „latenten Nebenfolgen“ ihrer selbst konfrontiert wird (BECK 1993a, S. 36f.). 3 Das heißt, Folgen der Moderne, die aus der Perspektive der Industriegesellschaft als Fortschritt zu bewerten waren, zeigen oftmals erst im Nachhinein ihren ambivalenten Charakter. Bezogen auf die Sozialstruktur bedeutet dies: eine gestiegene Lebenserwartung, eine Verringerung der Lebenserwerbsarbeitszeit sowie eine allgemeine Steigerung des Wohlstandes haben zunächst einmal zu dem geführt, was BECK als den „Fahrstuhl-Effekt“ bezeichnet (vgl. BECK 1986, S. 124f.): in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit ist die ganze Gesellschaft, bezogen auf ihren Wohlstand, eine Etage höher gefahren. Das bedeutet jedoch nicht, dass soziale Ungleichheiten damit passé wären. Es erfolgt nicht eine Aufhebung, sondern vielmehr eine Individualisierung sozialer Ungleichheiten, die nicht mehr als kollektives Schicksal erfahren werden (BECK 1995a, S. 8). Bestimmte Rahmenbedingungen in der heutigen (bundesrepublikanischen) Gesellschaft würden, so BECK, Individualisierung geradezu provozieren und damit auch zu ihrer Institutionalisierung maßgeblich beitragen ( BECK / B ECK-GERNSHEIM 1994b, S. 21). Diese Rahmenbedingungen sind paradoxer Weise gerade jene, die die persönlichen Risiken einer nach-ständischen Gesellschaft abfedern sollen: die des Sozialstaats. Arbeitsmarktregelungen, soziale Sicherungssysteme, Ausbildungs-und
Mobilitätsanfo rderungen gewähren auf der einen Seite zwar einen gewissen (standardisierten!) Schutz, auf der anderen Seite machen sie aber einen jeden für sein eigenes Vorwärtskommen in der Gesellschaft selbst verantwortlich (vgl. BECK 2001b, S. 200). Sowohl Erfolg als auch die Erfahrung des Scheiterns werden nicht mehr sozial abgefedert, sondern zum persönlichen Schicksal. Selbst kollektive Erfahrungen wie Massenarbeitslosigkeit werden nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern zum Einzelschicksal „eingedampft“, das auch individuell bewältigt werden will bzw. muss (BECK 1986, S. 144). Statt des Rückhalts in traditionalen Sozialverbänden ist der Einzelne nunmehr auf sich selbst verwiesen.
3 Eine genaue Darstellung und Auseinandersetzung mit BECKs Thesen zu einer reflexiven Modernisierung
würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Siehe hierzu: BECK 1991, S. 40-53, BECK 1993a, BECK
1994a, S. 21-43, BECK / GIDDENS / LASH 1996).
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„Der oder die einzelne wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen.
Oder anders formuliert: Die Individuen werden innerhalb und außerhalb der Familie
zum Akteur ihrer marktvermittelten Existenzsicherung und der darauf bezogenen
Biographieplanung und -organisation.“ ( BECK 1995b, S. 189, Hervorhebung im
Original).
Das „Markt-Individuum“ wird abhängig von den Institutionen des Sozialstaats, was BECK dazu bringt, von einer „Kontrollstruktur ‚institutionenabhängiger Individuallagen’ “ (ebd., Hervorhebung im Original) zu sprechen. Die gleichen Instanzen, die eine „positive“ Ind ividualisierung in Form einer Freisetzung aus sozialen Beschränkungen bewirkt haben, führen auf der anderen Seite zu Standardisierungen durch gesellschaftliche Erwartungen und somit zu neuen Zwängen. Dies führt zu einem scheinbaren Widerspruch:
„Kurz, noch nie war die individuelle Existenz so wenig individuell-autonom zu führen
wie heute, wo die Individualisierung am weitesten fortgeschritten ist. (BECK 1983,
S. 55).
Dieses offenkundige Paradox versucht BECK an verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zu illustrieren und zu verdeutlichen. Im Folgenden soll eine kurze Zusammenfassung dieser Thesen erfolgen. Im Anschluss an die Frage nach der Veränderung der Sozialstruktur hin zu größerer Pluralisierung, wird es darum gehen, die Rolle einiger der wichtigsten Institutionen im Kontext der Individualisierung zu skizzieren. Neben den Institutionen im herkömmlichen Sinn wie Arbeitsmarkt und Sozialstaat gehören dazu auch Lebenslauf und Biographieplanung, da auch sie einer zunehmenden Institutionalisierung unterworfen sind (siehe KOHLI 1994, S.219-244).
2.1.1 Die Veränderung der Sozialstruktur
Ein fundamentales Missverständnis, das Ulrich BECKs Thesen besonders zu Beginn widerfuhr und welches dieser sich wiederholt zu korrigieren genötigt sah, liegt in der Annahme, Ind ividualisierung sei gleichbedeutend mit der Aufhebung sozialer Ungleichheiten. BECK bestreitet jedoch in keinem Fall die fortlaufende Existenz sozialer Ungleichheit. Im Gegenteil: Er konstatiert sogar eine Verschärfung der Ungleichheit in der alltäglichen Erfahrungswelt insofern, als dass die Erfahrung gesellschaftlicher Benachteiligung nicht länger als gemeinsames Klassenschicksal erlebt werde, sondern als persönliches Einzelschicksal, das es individuell zu bearbeiten gilt. Geändert habe sich allenfalls das Niveau, auf dem Ungleichheiten sich ereignen.
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Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist nach BECK im Zuge der Nachkriegsentwicklung insgesamt eine Etage höher gefahren („Fahrstuhleffekt“), die Niveauunterschiede innerhalb dieses Fahrstuhls sind jedoch e rhalten geblieben (BECK 1986, S. 122). Sicherlich geht es einigen besser, Bildungsmöglichkeiten, Einkommenszuwächse und Mobilitätschancen haben sich vervielfältigt, die Lebenschancen pluralisiert - das heißt, sie wurden offener für eine individuelle Gestaltung. Auf der anderen Seite sind aber auch neue soziale Ungleichheiten entstanden, zum Beispiel durch die Verschlechterung der Lage einiger Randgruppen oder überproportionale Einkommenszuwächse bei den ohnehin schon besser Verdienenden (BECK 1983, S. 35). Mit anderen Worten:
„Das Verschwinden sozialer Klassen und die Aufhebung sozialer Ungleichheiten
fallen nicht zusammen. (...) Zum anderen lässt sich nicht länger von der (beruflichen)
Stellung im Arbeits- und Produktionsprozess auf Lebensformen, Lebensla ge,
Lebensstile der Personen schließen.“ (BECK 1993a, S. 77).
Wirtschaftliche Positionierung und individuelle Lebensart haben sich in zunehmendem Maße voneinander emanzipiert. Immer mehr Menschen lassen sich in der Gesamtschau ihrer verschiedenen Lebensbereiche nicht mehr eindeutig einer sozialen Kategorie zuordnen. Der Kreis und das Muster der Zugehörigkeiten erweitern und vervielfältigen sich, eine Beobachtung, die stark an SIMMELs „Kreuzung sozialer Kreise“ erinnert, die ebenfalls eine Zunahme an Individualität auf der Subjekt- und an Komplexität auf der gesellschaftlichen Makroebene darstellt (vgl. SIMMEL 1989, S. 237-257). Auch gebe es, so BECK, kaum noch eindeutige Kriterien für Reichtum und Armut. Diese Annahme verleitet BECK dazu, in diesem Zusammenhang von einer „ eindeutig uneindeutigen Sozialstruktur“ zu sprechen ( BECK 1997a, S. 194, Hervorhebung im Original). Er geht sogar so weit, zu sagen, dass sich „mit der Selbst-Kultur als Grundmerkmal der Sozialstruktur die soziale Strukturlosigkeit“ durchsetze (ebd., S. 195, Hervorhebung im Original).
Individualisierung bedeutet hier also: An die Stelle „klassischer“ Schichtungskategorien treten neue Formen der Lebensführung, die nicht mehr traditionalen Vorgaben folgen, sondern auf sozialstaatlichen Regelungen beruhen, welche das Individuum aus traditionalen Großgruppenbindungen und Versorgungsbezügen befreien und selbstverantwortlich werden lassen (BECK 1993a, S. 151). 4 Diese Auffächerung der Sozialstruktur stellt nach BECK ein ernsthaftes Problem für die herkömmliche
4 Die wesentliche Rolle des Sozialstaates soll in Kapitel 2.1.2 gesondert behandelt werden.
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Schichtungssoziologie dar, die damit ihrer elementarsten wissenschaftlichen Arbeitsgrundlage verlustig ginge: „Theorien der Großgruppengesellschaft [sind, A. B.] immer weniger in der Lage (..), aktuelle Entwicklungen zu beschreiben.“ (BECK 1993a, S. 77) 5 .
Auch die gesellschaftlichen Institutionen sehen sich „der sozialstrukturellen Ordnung beraubt, auf der sie aufbauen“ (ebd.) und „werden zu Konservatoren einer sozialen Wirklichkeit, die es immer weniger gibt“ (BECK 1986, S. 158). Die gleiche n Institutionen, die Individualisierung vorantreiben, müssen in der Folge die Prämissen ändern, auf denen sie aufbauen. Gleichzeitig bewirken sie neben der Individualisierung eine zunehmende Standardisierung. Dieses Paradox wird Inhalt der folgenden Kapitel sein.
2.1.2 Arbeitsmarkt und Erwerbsleben
Der Arbeitsmarkt und die Flexibilisierung des Erwerbslebens gehören nach BECK zu jenen Faktoren, die auf der einen Seite eine zunehmende Individualisierung ermöglicht haben, gleichzeitig aber auch eine wesentliche Ursache für neue soziale Zwänge darstellen. In einer Zeit in der der Einzelne in erster Linie über seine berufliche Tätigkeit definiert wird und so seinen Platz in der Gesellschaft zugewiesen bekommt, bzw. sich diesen selber sucht (ja suchen muss), bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes ein einschneidendes Ereignis, nicht nur in ökonomischer Hinsicht, denn: „Die Probleme und Vorgaben der Erwerbsarbeit durchstrahlen die gesamte Gesellschaft.“ (BECK 1986, S. 222). Die Freisetzung aus traditionalen Versorgungsbezügen wurde maßgeblich durch den „Sieg“ der Arbeits- und Marktgesellschaft vorangetrieben. Auf diese Weise entstand aber auch eine neue Form der Abhängigkeit von den Möglichkeiten, die der Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt, denn: „Die entstehenden Individuallagen sind durch und durch (arbeits-)marktabhängig.“ (BECK 1986, S. 210, Hervorhebung im Original) In diesem Zusammenhang spricht BECK auch von einer „Arbeitsmarkt-Individualisierung“ (ebd., S. 131). Der Arbeitsmarkt wiederum stellt gewisse Anforderungen an Bildung, Qualifikation etc. Wer diese nicht erfüllt, hat es schwer. So wird auf der einen Seite zwar über das Erwerbssystem die Chance zur (finanziellen) Eigenständigkeit geboten; die
5 In den vergangen Jahren hat es zahlreiche Versuche gegeben, die veränderten Mechanismen der
Sozialstrukturbildung wissenschaftlich zu erfassen und neue Lösungsansätze anzubieten. Als ein populäres
Beispiel sei hier nur SCHULZEs „Erlebnisgesellschaft“ (1992) genannt, in der der Autor Gruppen- (d. h.
Milieu-) Bildungen anhand von Geschmacks- und Freizeitorientierungen charakterisiert.
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Voraussetzungen aber, die gegeben sein müssen, um an diesem System teilhaben zu können, sind in hohem Maße standardisiert. Hinzu kommt, dass Bildungsabschlüsse und andere Voraussetzungen durch die Demokratisierung der Zugangsmöglichkeiten einer Inflation unterliegen, die es für viele zunehmend schwerer macht, sich positiv aus der Masse hervorzuheben.
In diesem Zusammenhang legt BECK den Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem Problem der Arbeitslosigkeit. Diese werde selbst im Falle einer Massenarbeitslosigkeit von dem einzelnen Betroffenen nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern als persönliches Schicksal (und oftmals Versagen) empfunden. BECK konstatiert
„eine neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft, die Unmittelbarkeit von
Krise und Krankheit in dem Sinne, daß gesellschaftliche Krisen als individuelle
erscheinen und nicht mehr oder nur noch sehr vermittelt in ihrer Gesellschaftlichkeit
wahrgenommen werden.“ (BECK 1986, S. 158f.).
Dabei bleibe die Erfahrung des Stellenverlustes trotz nach wie vor vorhandener ungleich verteilter sozialer Gefährdungslagen (untere soziale Gruppen sind stärker betroffen), nicht mehr nur auf bestimmte Kreise beschränkt, so BECK weiter, sondern erfahre ebenfalls eine zunehmende Demokratisierung (sic!). Das (verheerende) Zusammenspiel von Individualisierung und Erwerbslosigkeit äußert sich nach BECK darin, dass soziale Lebenszusammenhänge und die Erfahrung eines Jobverlustes einander nicht mehr entsprächen. „Hier trifft also mehr und mehr Arbeitslosigkeit (und in der Folge ihrer Dauer: Armut) mit klassenzusammenhangloser Individualisierung zusammen.“ ( BECK 1986, S. 146, Hervorhebung im Original)
Dabei wird Arbeitslosigkeit zunehmend zu einem „lebensphasenspezifischen“ Ereignis, das in einem bestimmten Abschnitt der Biographie (möglicherweise auch in mehreren) auftritt und auch wieder verschwindet. BECK fasst die Widersprüchlichkeiten dieses Phänomens wie folgt zusammen:
„Massenhaftigkeit und Vereinzelung des ‚Schicksals’, Zahlen von schwindelnder
Höhe und Konstanz, die sich doch irgendwie verkrümeln, ein zerkleinertes, nach innen
gewendetes Massenschicksal, das in seiner ungebrochenen Schärfe dem einzelnen mit
der Stimme persönlichen Versagens seine Millionenhöhe verheimlicht und individuell
ins Gewissen brennt.“ (BECK 1986, S. 147, Hervorhebung im Original).
Das institutionalisierte System des Erwerbslebens und die arbeitsmarktlichen Regelungen sind also ein wichtiger Schlüssel zu einer wachsenden Individualisierung. Gleichzeitig erzeugen sie jedoch eine neue Form der Standardisierung, der die Definition
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eines „erfolgreichen“ Mitglieds der Gesellschaft obliegt. Wer aus diesem Raster herausfällt
- sei es durch Arbeitslosigkeit oder aufgrund mangelnder Fertigkeiten und Kenntnisse, oder beidem - der wird zwar durch die sozialstaatlichen Sicherungssysteme so weit aufgefangen, dass er oder sie ökonomisch überleben kann. Die psychosozialen Folgen der Situation und ihre Überwindung sind jedoch eine Aufgabe, die der Einzelne selbst bewältigen muss: die Arbeitslosigkeit wird „wegindividualisiert“ (vgl. BECK 1986, S. 149).
2.1.3 Der Einfluss des Sozialstaats
Der Arbeitsmarkt ist eng verbunden mit einem anderen wichtigen Motor der Individualisierung: dem Sozialstaat. Der moderne Wohlfahrtsstaat hat durch seine sozialen Sicherungssysteme erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Menschen sich aus den Versorgungsbezügen traditionaler Kollektive wie Stände und Großfamilie lösen konnten. Die Demokratisierung und Verlagerung der sozialen Sicherung auf eine übergeordnete staatliche Ebene, damit die Beendigung unmittelbarer Abhängigk eiten und der Ungleichverteilung von Chancen und Ansprüchen, ist also eine der stärksten Schubkräfte der Individualisierung: „Der Sozialstaat, dessen Leistungen
Arbeitsmarktbeteiligungen voraussetzen, ist eine Versuchsanordnung ichbezogener Lebensweisen.“ (BECK 1995a, S. 34). Der Sozialstaat, so BECK, befreit den Einzelnen zwar aus ehemaligen Abhängigkeiten, setzt aber „das Individuum als Akteur, Konstrukteur, Jongleur und Inszenator seiner Biographie, seiner Identität, seiner sozialen Netzwerke, Bindungen, Überzeugungen voraus.“ (BECK 1993a, S. 151, Hervorhebung im Original.). Der Sozialstaat kennt nicht mehr das Kollektiv, sondern nur noch das Individuum als Handlungseinheit und Adressaten.
Diese Ambivalenz aus einem befreienden und einem zur Selbstverantwortung „nötigenden“ Element bezeichnet BECK als „riskante Freiheiten“, aus denen sich das „widersprüchliche Doppelgesicht institutionenabhängiger Individuallagen“ ergebe (BECK 1993a, S. 39, BECK 1986, S. 210, Hervorhebung im Original). Die (nicht geringe) Gefahr der Fehlentscheidungen soll durch den sozialstaatlich institutionalisierten „Grundsatz der vorsorgenden Nachsorge“ abgefedert werden ( BECK 1993b, S. 540). BECK nennt diese
- im Gegensatz zu den traditionalen Sozialbindungen - neuen Sicherungssysteme sekundäre Instanzen und Institutionen (BECK 1986, S. 211). Auf diese Weise werden auch hier alte Formen der Abhängigkeit durch neue ersetzt. Der Unterschied zur Abhängigkeit
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von sozialen Sicherungen durch Primärbindungen, wie beispielsweise innerhalb des vormodernen Familien- oder Ständeverbandes, liegt in der Abstraktheit jener übergeordneten „neuen“ Sicherungssysteme. Die staatlichen Instanzen sind im wahrsten Sinne des Wortes „un-an-greifbar“, der Einzelne gerät in eine Form der Abhängigkeit, der er sic h kaum entziehen, sie aber auch nicht beeinflussen kann und deren Mechanismen er oft auch nur unzulänglich versteht. BECK formuliert zugespitzt:
„Die Individualisierung greift also gerade unter gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen, die eine individuelle verselbständigte Existenzführung weniger
denn je zulassen.“ (BECK 1986, S. 211).
Die Lebensplanung der Menschen ist somit zwar weit weniger als noch vor hundert Jahren abhängig von Herkunft und ständischen Restriktionen, sie wird aber geprägt und beeinflusst durch sekundäre Instanzen und die Vorgabe institutioneller Lebenslaufmuster. Dieser Zusammenhang soll folgenden Abschnitt erläutert werden.
2.1.4 Lebenslauf und Biographieplanung
Die in den vorhergegangenen Abschnitten skizzierten Entwicklungen in Richtung zu neuen institutionellen und institutionalisierten Abhängigkeiten schaffen Tatsachen, die auch eine Lebensplanung mit dem Anspruch hoher Individualität kaum wird ignorieren können. Dieser Befund, nämlich, dass auch (oder gerade) Lebensentwürfe in einem modernen westlichen Sozialstaat Restriktionen unterworfen sind, die sich dem unmittelbaren Zugriff der „Planer eines eigenen Lebens“ entziehen, mag für manche ernüchternd sein. Gerade im Rückblick auf die weitverbreitete Boomstimmung des vergangenen Jahrze hnts, die breite Kreise der Bevölkerung scheinbar in eine „anything goes“-Euphorie verfallen lies, erscheint eine solche Aussage nicht der Wirklichkeit zu entsprechen. 6 Nun ist der Boom vorüber und die Skeptiker fühlen sich bestätigt. Hängt nicht das ganz persönliche Glück, dessen Schmied man so gerne wäre, nicht doch auch von Faktoren ab, die man selbst überhaupt nicht beeinflussen kann? BECK jedenfalls hält den Glauben an die totale Verfügungsgewalt des Einzelnen über seine Lebensplanung unter dem Vorzeichen der Individualisierung geradezu für eine Illusion. Der Lebenslauf werde durch
6 Ich spiele hier insbesondere auf den Internet- und Börsenboom an, der eine unendlich große Zahl von
Menschen über Schichtungsgrenzen hinweg auf einmal zu Goldgräbern und „Machern“ ihres persönlichen
Glücks zu werden lassen schien, die scheinbar nur ihre Chance rechtzeitig nutzen mussten.
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die sekundären Instanzen und Institutionen „gegenläufig zu der individuellen Verfügung, die sich als Bewußtseinsform durchsetzt, zum Spielball von Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten (..).“ (BECK 1986, S. 211). BECK geht sogar noch weiter:
„Individualisierungen liefern die Menschen an eine Außensteuerung und
-standardisierung aus, die die Nischen ständischer und familialer Subkulturen noch
nicht kannten.“ (BECK 1986, S. 212, Hervorhebung im Original).
Man muss kein Pessimist sein, um diese Aussage bei allem „Freiheitsgerede“ als Interpretation eines Rückschritts durch Individualisierung zu verstehen. Man könnte auch sagen, dass sich lediglich die Form der Restriktionen geändert habe. Was zu früheren Zeiten zuerst der Clan- oder Familienverband, später sozialökonomische „Schicksalsgemeinschaften“ wie zum Beispiel die organisierte Arbeiterschaft (man denke an das geflügelte Wort „von der Wiege bis zur Bahre...“) übernommen hat, regeln heutzutage der moderne Wohlfahrtsstaat und seine Institutionen. Schuleintritt, Schulaustritt, Ausbildungsmodalitäten, Eintritt in die Erwerbsarbeitszeit, Austritt aus derselben, Rentenalter: Die Einteilung des gesamten Lebenslaufs in bestimmte Phasen ist - vor allem was den zeitlichen Rahmen angeht - vordefiniert:
„Diese institutionellen Prägungen des Lebenslaufs [sind, A. B.] (...) direkt verzahnt (..)
mit Phasen im Lebenslauf der Menschen: Mit institutionellen Festlegungen und
Eingriffen werden zugleich (implizit) Festlegungen und Eingriffe im menschlichen
Lebenslauf vollzogen.“ (BECK 1986, S. 212).
So gesehen bilden die sozialstaatlichen Vorgaben die Folie, vor deren Hintergrund die individuelle Biographie funktionieren muss. Auch hier weiß BECK wieder zu provozieren: „Das eigene Leben ist gar kein eigenes Leben, im Gegenteil. Es ist ein standardisiertes Leben (...).“ (BECK 2001b, S. 199). Allerdings wirkt diese Standardisierung nur „bereichsspezifisch“. Die Prämisse, unter der man von der Chance, aber auch dem Zwang zur eigenen Lebensführung überhaupt sprechen kann, sei, so BECK, das Vorhandensein einer hochdifferenzierten Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft seien die Menschen aber immer nur als eine Art Rollenträger in Teilbereiche eingebunden (als GehaltsempfängerIn, WählerIn, StudentIn, PatientIn, VerbraucherIn etc.). Das eigene Leben ist zunächst ein Vakuum, das es (möglichst originell!) zu füllen gilt. „In den Hohlräumen, welche die einmal regierenden großen Selbstverständlichkeiten mit ihrer Entzauberung hinterlassen, entstehen Trümmerplätze des eigenen Lebens.“ (ebd., S. 198). Der Imperativ „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ ist eine Forderung, die im Zeitalter der Individualisierung brandaktuell ist, allein der Weg dahin ist nach wie vor steinig. Die Freiheit des Wählendürfens wird zum Zwang und erzeugt Druck, auch eine
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Nicht-Entscheidung ist eine Entscheidung (BECK 1986, S. 190). So sucht ein jeder, sich selbst zu verwirklichen (auch so eine Forderung der Jetzt-Zeit), die Freiräume zu nutzen, die ihm gegeben sind und puzzelt an der „Bastelbiographie“, die nun „selbstreflexiv“, das heißt selbst hergestellt werden muss - die Gefahr des Scheiterns immer schon mitgedacht. Mit der viel zitierten Bastelbiographie schließt sich der Kreis zu den Institutionen, die für diese die Schablone bilden. Denn natürlich sind nicht nur die Bürger von den Institutionen abhängig, sondern auch umgekehrt. Und da eröffnet sich ein neues Problem: das von den Institutionen als „Reitern ohne Pferde“ (BECK 1995a, S. 12). Das bedeutet zum einen: „Die Institutionen handeln in rechtlich fixierten Kategorien von ‚Normalbiographien’, denen die Wirklichkeit immer weniger entspricht.“ (BECK 1986, S. 214, Hervorhebung im Original). Zum anderen handeln sie auf der Basis von gesellschaftlichen Strukturen, der die Lebenswirklichkeit innerhalb der Gesellschaft immer weniger entspricht, die aber das Funktionieren jener Institutionen begründet (beispielsweise die Geschlechtertrennung innerhalb der Familie) (vgl. ebd. S.181). Die Familie ist ein von BECK gern genutztes Beispiel hierfür. Sie wird Thema des nächsten Abschnitts sein.
2.1.5 Die Familie
Am historischen Wandel der Bedeutung von Ehe und Familie lässt sich der Übergang von einer ständischen zu einer ind ividualisierten Gesellschaft besonders gut nachvollziehen. Galt die Ehe früher als den Individuen übergeordnete Institution, die in erster Linie zur wirtschaftlichen Absicherung der Frau und der Versorgung des Mannes mit Nachkommen diente, so scheint ihre heutige Bedeutung ideellerer Natur zu sein und in erster Linie einem emotionalen Bedürfnis zu entspringen. Dies hängt natürlich wesentlich von der geänderten gesamtgesellschaftlichen Versorgungslage ab, als da wäre die Möglichkeit der Geburtenkontrolle sowie die Teilhabe der Frauen an Bildung und Arbeit und damit ihre Emanzipation aus wirtschaftlicher Abhängigkeit von ihrem Ehemann oder der Familie 7 . Im Zuge dieser Freisetzung der Frauen aus ihren ständischen Geschlechtsrollen greift jedoch das, was BECK die „Individualisierungsspirale“ nennt (vgl. BECK 1986, S. 184). Sämtliche
7 Die gesonderte Betrachtung von Individualisierung unter geschlechtsspezifischen Aspekten ist zwar eng mit
den hier herausgegriffenen Themen (Familie, Arbeitsmarkt etc.) verknüpft, ihre eigenständige Bearbeitung
würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
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Variablen, die in einer individualisierten Gesellschaft integriert werden müssen, wie Arbeitsmarktvorgaben, Mobilitätsanforderungen, Karriereplanung etc., platzen nun mit „doppelter“ Wirkung (nämlich für Mann und Frau) in die Familie hinein. Mit der veränderten Idee der Familie wandelte sich auch ihre äußere Form. Die „Normalfamilie“ der fünfziger Jahre (zusammenlebendes Elternpaar, dessen leibliche Kinder im gemeinsamen Haushalt leben, um den sich die Mutter ausschließlich kümmert) wird immer mehr zum Ausnahmefall; es kam zu einer Vervielfältigung der familiären Lebensformen (vgl. BECK 2001a, S. 5) 8 . Hinzu kommt, dass durch die sozialstaatlichen Absicherungsmöglichkeiten eine Aufrechterhaltung einer Ehe oder Familie aus ökonomischen Überlegungen heraus nicht mehr zwingend erforderlich ist. Das bedeutet aber auch, dass es keine verbindlichen Formen mehr gibt, wie eine Familie zu leben hat. Da niemand mehr bereit ist, seine Bedürfnisse zurückzustellen - es sei denn, er oder sie hat sich persönlich dafür entschieden - unterliegt die individuelle Ausgestaltung des gemeinsamen Zusammenlebens (mitsamt der Frage, ob dieses überhaupt aufrecht erhalten werden soll) einer permanenten Überprüfung. BECK spricht in diesem Zusammenhang von der „Verhandlungsfamilie auf Zeit“ (BECK 1896, S. 118). Wenn beide Partner „sich selbst verwirklichen“ wollen, geraten sie schnell in Konflikt: „(..) die Individualisierung des (der) Einen ist oft genug die Grenze der Individualisierung des (der) Anderen.“ (BECK 2001b, S. 200). So wird auch das, was eigentlich nur zu gerne als schützender Hafen und „Hort der Harmonie“ angesehen wird, nämlich die Ehe, zum riskanten Unterfangen (und der Schleudersitz Scheidung immer öfter genutzt). Auch die Familie wird so mitunter zu einer „lebensphasenspezifischen“ Erfahrung: „Also erst im Längsschnitt der Biographie - nicht im jeweiligen Augenblick oder in der Familienstatistik - zeigt sich die Individualisierung der Familie, d. h. die Umkehrung der Priorität von Familie und Individualbiographie (diesseits und jenseits der Familie).“ (BECK 1986, S. 189, Hervorhebung im Original). Dieser Pluralismus der Lebensformen in- und außerhalb der Familien hat zwangsläufig auch politische Implikationen. Um diese im Kontext der Individualisierung wird es im abschließenden Teil dieses Kapitels gehen.
8 An dem Beispiel der Kleinfamilie illustriert BECK auch die von ihm kritisierte und zu Beginn dieser Arbeit
bereits erwähnte „Sturheit“ der empirischen Soziologie, die den Wandel der Lebensformen schlichtweg
ignoriere und nur danach suche, was sie auch zu finden wünsche. (Auf die Frage: Warum ist die Kleinfamilie
in Deutschland so stabil? antwortet BECK: „Weil die Familiensoziologie so treu nach ihr fragt!“ (BECK
1995a, S. 15f.)).
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2.1.6 Subpolitik und individuelles Engagement
Die Entscheidungen, die in vormals rein privaten Bereichen wie zum Beispiel der Familie getroffen werden (müssen) bleiben heute nicht auf den privaten Raum beschränkt. Die Notwendigkeiten und Handlungserfordernisse, die aus diesen Entscheidungen resultieren, „diffundieren“ gleichsam durch die eigenen vier Wände hindurch hinaus in „die Gesellschaft“ und damit in die Politik und umgekehrt. Ein Beispiel: Die Notwendigkeit, besonders auf Seiten der Frauen, sich zwischen Mutterschaft und beruflicher Karriere zu arrangieren und der (immer häufigere) Wunsch, beides zu vereinbaren, hat nicht nur für die individuelle Biographie und den privaten Bereich Konsequenzen, sondern auch für die Gesellschaft als solche sowie die Ansprüche an Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Es kommt zu dem, was BECK die Politisierung des Privaten nennt, die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit werden zunehmend durchlässiger (BECK 1986, S. 155) 9 : „Das politische Potential der sich entfaltenden Privatsphäre liegt (..) in der Wahrnehmung von Selbstgestaltungsmöglichkeiten (...).“ (BECK 1986, S. 157). Dabei bilden sich neue soziale Zusammenschlüsse, die althergebrachte soziokulturelle Gemeinsamkeiten überschreiten und erweitern; traditionale (ständische und andere) Kollektive werden durch neue, unter Umständen schichtübergreifende,
Interessensgemeinschaften wie zum Beispiel Bürgerinitiativen, ersetzt. Der Unterschied zu traditionalen (Herkunfts-)Bindungen liegt in der Zweckgebundenheit dieser Zusammenschlüsse (vgl. BECK 1986, S. 159). 10 In einer Zeit der sich im Kontext der Individualisierung und Enttraditionalisierung auflösenden sozialmoralischen Milieus (in Form von Klassenbindungen) tragen Bürgerbewegungen auch zur Bildung neuer sozialer Identitäten bei (ebd. S. 119f.).
Diese Entwicklungen sind nach BECK Ausdruck eines populären Fehlschlusses: die Gleichsetzung von Politik und Staat. Während die politischen Institutionen wie schwerfällige Kolosse der Entwicklung der Gesellschaft oftmals hinterhinken, ohne mit ihr Schritt halten zu können, findet als Antwort darauf eine Selbstorganisation des Politischen
9 Im Zeitalter der Globalisierung können die Folgen persönlicher Entscheidungen sogar noch viel
weitreichender sein. Vergleichbar mit dem „politischen Privatismus“ von BECK ist Anthony GIDDENS
Konzept der „life politics“ (siehe u. a. GIDDENS 1991).
10 Dies kann am Beispiel eines ganzen Dorfes illustriert werden: Alle Einwohner engagieren sich -
ungeachtet sonstiger unterschiedlicher Interessen - gemeinsam für eine Umgehungsstraße: entweder scheitert
das Projekt, dann wird die Initiative früher oder später zerfallen, oder es gelingt, dann ist das Ziel erreicht
und man geht ebenfalls wieder auseinander.
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„von unten“ statt. Das ist es, was BECK als „Subpolitik“ bezeichnet (vgl. BECK 1993a: S. 154-163).
„Der Eindruck, der immer noch vorherrscht, daß in der ‚Hitze’ von
Individualisierungsprozessen das Soziale, der Konsens ‚verdampft’, ist zwar nicht
falsch, aber eben auch nicht richtig. Er vernachlässigt die Zwänge und Möglichkeiten
der Herstellung von sozialen Bindungen und Verbindlichkeit, wie provisorisch auch
immer (...).“ (BECK 1993a, S. 159, Hervorhebung im Original).
Das individuelle Engagement ist dabei oftmals vielfältig und nicht selten auc h „widersprüchlich“. Einfache Klassifizierungen wie „links“, „rechts“, konservativ und sozialistisch gelten für BECK daher als überholt (ebd. S. 161). Auch könne von klassischen sozialstrukturellen Indikatoren wie dem Einkommen nicht mehr automatisch auf politisches Verhalten zurückgeschlossen werden, genau so wenig wie auf andere Lebensformen. Der Wähler als solcher entspräche nicht mehr dem institutionalisierten Bild, das die politischen Institutionen von ihm hätten (BECK 1995a, S. 12f.). Politisches Verhalten entspringt nach dieser Definition mehr denn je privater Prioritätensetzung und immer weniger dem Einfluss von „Klassenstrukturen“.
2.2 Kernpunkte der Kritik an BECK innerhalb der Individualisierungsdebatte
Die Rezeptionsgeschichte der Individualisierungsthese von Ulrich BECK hat mittlerweile neben der reinen Rezension seiner Schriften auch zahlreiche Versuche sowohl der theoriegeschichtlichen Einordnung erfahren, als auch der Versuche, sie mittels empirischer Untersuchungen zu überprüfen. 11
Die am häufigsten geäußerten Kritikpunkte an der Individualisierungsthese von Ulrich BECK betreffen vor allem drei Dimensionen: die Begrifflichkeit, die inhaltliche Konsistenz sowie die empirische Überprüfung. Nicht zuletzt der vielfältigen Deutbarkeit des Wortes is t es wohl zu verdanken, dass der Begriff der Individualisierung in den neunziger Jahren eine solch beispiellose Karriere, auch und gerade außerhalb der sozialwissenschaftlichen Fachdiskussion, vorzuweisen hat. VESTER bringt es auf eine
11 Zur Systemtheorie siehe NASSEHI 2000, FUCHS 2000 und ARETZ 2000. Für die Individualisierungsthese
aus akteurs- und handlungstheretischer Perspektive siehe: SCHIMANK 2000, ESSER 2000, KALUPNER 2000
und JUNGE 2000. Eine Explikation der Individualisierungsthese im Zusammenhang mit der Rational-Choice-
Theorie liefert FRIEDRICHS 1998c.
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simple Formel: Individualisierung bezeichne zunächst einmal nichts anderes als eine negative Abgrenzung gegen das Bild einer geschlossenen Gesellschaftsordnung (VESTER 1997, S. 99). Je nach Auslegung wird damit etwas allgemein Positives verbunden, wie etwa zunehmende Autonomie, Individualität, Freiheit, Modernisierung, Demokratisierung etc. 12 . Oder aber, negativ gewendet, die Gefahr von Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Auflösung und Vereinzelung. Peter A. BERGER schlägt eine noch weitergehende Differenzierung vor: Die Unterscheidung zwischen einer sozialstrukturellen Ebene, „auf der Individualisierung als Differenzierung von Lebens(führungs)formen und Lebenswegen begriffen werden kann“ und einer „Ebene kultureller ‚Codes’ und ‚Diskurse’“ bei denen sich die Frage stellt, ob die Individuen selbst oder eher externe Einflüsse für Handlungskompetenzen und - folgen verantwortlich zu machen seien (BERGER 1997, S. 81, Hervorhebung im Original). Viele Kritiker bestreiten aufgrund dieser vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten die Tauglichkeit des Begriffs der Individualisierung als Handwerkszeug für eine fundierte, ergebnisorientierte Gesellschaftsanalyse und seine empirische Aussagekraft.
Viele Rezipienten (und nicht zuletzt BECK selbst) lesen die Individualisierungsthese als eine Geschichte mit offenem Ende. Die Frage nach dem „was kommt danach?“ wird von BECK nicht beantwortet, er stellt höchsten Vermutungen über „Szenarien zukünftiger Entwicklungen“ an (vgl. BECK 1986). Diese Offenheit mag von manch einem Kritiker als Unverbindlichkeit und dies wiederum als methodische Schwäche interpretiert werden. Der ein oder andere von ihnen versucht, eine mögliche Fortführung der These zu entwickeln. Die Frage, die dabei häufig angesprochen wird ist die, wie gesellschaftliche Integration unter den Bedingungen der Individualisierung in Zukunft erreicht werden soll und die Frage nach dem Arrangement sozialer Beziehungen. Während die einen eher zu der Ansicht neigen, dass mit BECKs Gesellschaftsdiagnose eine Schwelle überschritten wurde, hinter die man nicht mehr wird zurückkehren können ( MACKENSEN 1988, S. 12), betrachten andere Individualisierung eher als eine Art Durchgangsstadium und Katalysator für zukünftige (aber nicht unbedingt neue) Formen der Lebensführung (vgl. HONDRICH 1997, siehe weiter unten).
Der letzte Hauptkritikpunkt an BECKs These, dem vor allem in jüngerer Zeit gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil wurde (siehe FIEDRICHS (Hg.) 1998a), ist die Feststellung eines eklatanten Mangels an empirischer Beweisführung für die von BECK aufgestellten „Behauptungen“. Es geht also um die Frage, ob sich Individualisierung in der
12 Ist es nur ein persönlicher Eindruck oder tatsächlich der Fall, dass diese positive Konnotation in der
außerwissenschaftlichen Verwendung überwiegt?
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Alexandra Bodemer, 2003, Zwischen Standardisierung und Pluralisierung - Eine kritische Auseinandersetzung mit der Individualisierungsthese von Ulrich Beck anhand empirischer Befunde, München, GRIN Verlag GmbH
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