Inhaltsverzeichnis
Curriculum Vita des Autors 5
1. Einleitung 6
2. Wann wollen Arbeitnehmer in Deutschland in Rente gehen? 7
2.1. Ältere Arbeitnehmer - altersspezifische Risiken 9
3. Persönlichkeitsveränderungen im Alter 0 11
3.1. Festgelegte Persönlichkeitsmerkmale 0 12
Der alte Mensch im psychologischen Prozess 3 2 . 0 13
3.3. Persönlichkeitsentwicklung als Prozess 0 16
3.3.1. Veränderung von Gehirn und Psyche 0 16
3.4. Untersuchung zum Verhalten Älterer 0 17
4. Resilienz als Verhalten im Alter 0 18
4.1. Resilienz als protektives Persönlichkeitsmerkmal im Alter 0 19
Förderung von Resilienz 4 2 . 0 22
4.3. Intervention 0 24
4.4. Konflikt- und Bewältigungsstrategien 0 24
5. Emotionales Verhalten im Alter 0 25
5.1. Befragung und Analyse von Emotionalität älterer Menschen 0 26
6. Sexualverhalten älterer Menschen 0 29
Sexuelle Neuanpassungen und Lebensveränderungen im Alter 6 1 . 0 30
7. Suchtabhängigkeit im Alter 0 32
7.1. Alkoholabhängigkeit im Alter 0 34
8. Affektive Besonderheiten im Alter 0 38
8.1. Angst - ein besonderes Phänomen 0 38
8.1.1. Aus Ängsten entstehen Depressionen 38
Depressionen im Alter 8 2 . 0 39
8.2.1. Depressive Erscheinungsformen 0 40
8.2.2. Therapeutische Maßnahmen bei Depressionen 0 41
8.3. Suizidgefährdung durch Persönlichkeitsveränderung 0 42
8.3.1. Interventionen gegen Suizidgefährdung 0 43
8.3.2. Interventionen bei suizidgefährdeten Personen 0 44
Psychomotorische Störungen als Symptomatik 9 . 0 45
10. Demenzen im Alter 0 46
10.1. Diagnostik dementieller Erkrankungen 0 46
10.2. Symptomatik und Erleben des Dementen 0 47
10.2.1 Interventionen bei Demenzen 0 47
Der apoplektische Insult 10 3 . 0 48
10.3.1. Das Leben nach einem Apoplex 0 49
10.3.2. Apoplex im Kontext zur Demenz 0 49
10.3.3 Interventionen mit Medikamenten 0 50
10.4. Prävention zur Vermeidung von Demenzen 0 50
Seite 2
10.5. Diagnostik für Alzheimer Demenz 0 50
10.6. Nichtmedikamentöse Therapie der Alzheimer Demenz 0 51
Neuropsychologische Untersuchungsmethoden 11 . 0 52
12. Kognitivität und Neuroplastizität im Alter 0 52
12.1. Anforderungen an die Intervention 0 54
12.2. Kognitivitätseinbußen bei älteren Menschen 0 54
12.3. Verbesserung von Konzentration und Gedächtnis 0 55
12.4. Möglichkeiten des Gedächtnistrainings nach der 0 56
Dr. Stengel Methode
Psychologische Komponente am Beispiel älterer Autofahrer 13 . 0 58
13.1. Besonderheiten bei älteren Autofahrern 0 58
13.2. Das niederländische Erklärungsmodell zum Verhalten älterer
Autofahrer 0 59
13.3. Negative Beeinflussung der Fahrtauglichkeit älterer Autofahrer 0 60
Reaktionsverhalten älterer Autofahrer 13 4 . 0 60
13.5. Kompensationsverhalten älterer Autofahrer 0 61
13.6. Seminarbewertung Ältere Autofahrer durch die Teilnehmer 0 62
14. Die Vorzüge des reifen Alters 0 64
15. Erfolgreiches Altern aus psychologischer Sicht 0 64
15.1. Kompetenz durch Aktivität 0 65
Kompetenzverständnis im Alter 15 2 . 0 66
16. Positives und produktives Altern 0 66
17. Ressourcenerhaltung im Alter 0 68
17.1. Stärken erkennen und damit lernen 0 68
18. Authenzität im Alter 0 69
19. Neue Kraft-neue Stärke-neue ICH-Identität im Alter 0 70
Stressintervention 20 . 0 72
21. Psychotherapeut. Gesprächsführung als Hilfestellung mit Älteren 0 73
21.1. Personenzentrierte Gesprächspsychotherapie 0 74
21.2. Verhältnis Klient - Therapeut 0 75
22. Neurolinguistische Programmierung als Therapieform mit Älteren 0 79
22.1. Die Grundannahmen von NLP 80
22.2. Die methodischen Erkenntnisse von NLP 80
22.3. NLP - Prozessinstruktionen 82
23. Exploratives Altern 85
24. Der Alltag eines 87 jährigen 86
25. Erfahrungen zur Psyche älterer Menschen 86
26. Fazit zur Alterspsyche 87
27. Schlussbetrachtung 89
28. Literaturverzeichnis 90
29. Anhänge 93
30. Stichwortverzeichnis 96
Seite 3
• Studium der Alternswissenschaften, Betriebswirtschaft und Kommunikationspolitik
• Abschluss als Altentherapeut, Finanzökonom und Personalmeister
• Sechsjährige Tätigkeit in der Altenpflege und Seniorenbetreuung
• Langjährige Beschäftigung als Kaufmännischer Angestellter
• Viele Jahre als Moderator, Dozent und Übungsleiter in den Programmen „Ältere Verkehrsteilnehmer“ und „Kind und Verkehr“ im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V.
• Publikationen in örtlichen und überregionalen Presseschriften und Fachzeitungen zum Thema Alter und Verkehrssicherheit
1. Einleitung
Meine wissenschaftliche Studienarbeit steht unter folgenden Fragestellungen:
1. Ist die Psyche des älteren Menschen wirklich anders oder so gar ein besonderes Phänomen?
2. Liegen wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die eine solche Vermutung unterstützen und bestätigen?
3. Kann unter Berücksichtigung pathologischer Erscheinungen als Ausnahmen, die vorherrschende negative Ansicht und Meinung zur Alterspsyche korrigiert bzw. widerlegt werden?
Um der Beantwortung dieser Fragen näher zu kommen, sollen verschiedene Aspekte zur psychischen Disposition älterer Menschen beschrieben und erörtert werden. Anhand der Schilderung des Fahrverhaltens älterer Kraftfahrer soll aufgezeigt werden, wie altersbedingte Defizite kompensiert werden.
* Bezogen auf Personen, die im Stichjahr 60 Jahre alt sind. Quelle: Statistisches Bundesamt
2. Wann wollen Arbeitnehmer in Deutschland in Rente gehen?
Zu der Frage: "Wie möchten Sie es am liebsten mit dem Austritt aus dem Berufsleben halten?" wurde 1989 von Arnold 1) eine repräsentative Befragung bei 3.110 Erwachsenen in Deutschland durchgeführt. Die Erhebung fand bei über 45-jährigen Berufstätigen statt.
Bei der Interpretation des vorliegenden Zahlenmaterials liegt die Vermutung nahe, dass über die Hälfte der Befragten einen vorzeitigen Austritt aus dem Beschäftigungsverhältnis wünschen, um im Alter ihren
Quelle: Statistische Erhebung nach Arnold, 1989 aus “Altern und Leistung”
Freizeitaktivitäten, Hobbies und privat-sozialen Bindungen nachzugehen.
Für die untersuchte Altersgruppe bedeutet die Frage nach einem vorzeitigen bzw. flexiblen Rentenbeginn eine wesentliche und auch wichtige Rolle in der Diskussion um ein Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Verschiedene Grundüberlegungen wie die nach der individuellen Leistungsfähigkeit als auch der Meinung, nun genug an erwerbsorientierter Arbeitsleistung erbracht zu haben, spielen dabei für die Frage nach dem Zeitpunkt des Eintritt in den Altersruhestand eine bedeutende Rolle.
In diesem Zusammenhang steht die Erhebung über das Nachlassen der geistig-seelischen und körperlichen Leistungsfähigkeit.
Die Befragten weisen als wesentlichsten Eckpunkt des Nachlassens der körperlichen Leistungsfähigkeit das Alter von 49,88 Jahren aus.
Das Nachlassen der geistig-seelischen Leistungsfähigkeit wird deutlich später gesetzt, nämlich im Mittel bei 58,34 Jahren. In der Selbsteinschätzung gehen diese Eckpunkte in Abhängigkeit vom zunehmenden Alter der Befragten nach oben. Gleichbleibend jedoch ist auch hier die prägnante Differenz zwischen dem Maß der körperlichen und der geistigen Leistungsfähigkeit 2).
Damit korreliert auch die Einschätzung der eigenen Befindlichkeit. Denn grundsätzlich wird das psychische Leistungsvermögen besser eingeschätzt als die körperliche Kraft.
Eine Kausalität zwischen beidem wird nicht hergestellt; beide Bereiche werden als unterschiedliche Leistungskomponenten aufgefasst 3).
1) Klaus Arnold, 1989; "Altern und Leistung: Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage" in: Altern und Leistung, Schriftenreihe der Hamburg-Mannheimer Stiftung für Informationsmedizin, Band 5, Stuttgart 1991, S. 152 f.
2) Klaus Arnold, op.cit., S. 153 ff.
3) Klaus Arnold, op.cit., S. 153 ff.
Die positive Einstufung und Bewertung der psychischen Leistungsfähigkeit kann so verstanden werden, dass die Anforderungen und Erwartungen an die körperlichen Kräfte höher und stärker aufgefasst werden. Das heißt, die Frage danach, wann sich ein Individuum nach eigener Einschätzung alt fühlt, macht es vorrangig von seiner körperlichen Leistungsfähigkeit abhängig.
In untenstehender "Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit" sind signifikante Differenzen vor allem hinsichtlich der negativen Befindlichkeit ("sehr schlecht" und "ziemlich schlecht") ausgewiesen. So fühlen sich die hier über 70-jährigen Befragten zwar psychisch noch zu 53% "sehr gut" aber physisch nur noch zu 43%.
Wo in der psychischen Leistungsfähigkeit große Einschränkungen in Höhe von 2% ("sehr schlecht") angeben, sind es im Bereich der physischen Leistungsfähigkeit bereits 8% ("sehr schlecht" und zusätzlich:"ziemlich schlecht").
2.1. Ältere Arbeitnehmer - altersspezifische Risiken
Es existieren altersspezifische Beschäftigungsrisiken, diese werden definiert über niedrige schulische und berufliche Ausbildung.
Viele ältere Arbeitnehmer sind den körperlichen Belastungen nicht mehr gewachsen (z.B. Handwerk, Bau, Produktion). Es gibt nur sehr wenige individuelle Handlungsspielräume.
Es gibt einen Wandel und Veränderungsprozesse im Arbeitsalltag, die seit Jahren fortlaufend voran schreiten. Manager und Führungskräfte arbeiten im Vergleich zu anderen älteren Arbeitnehmern länger, oftmals bis zum
65. Lebensjahr.
Dienstleistungsbereiche werden ausgebaut und forciert.
Die Altersstruktur in den größeren Betrieben verschiebt sich von den älteren zu den jüngeren Jahrgängen (vgl. Hoffmann , S. 318 ff.).
Der Rückgang älterer Arbeitnehmer über 60 Jahre ist signifikant.
Es ist noch ein besonderes Privileg mit über 63 Jahre zu arbeiten, meistens sind es Selbstständige, Freiberufler und hochqualifizierte Führungskräfte.
In Deutschland besteht noch ein ausreichendes staatliches Rentenniveau (2007). Renten in anderen Industriestaaten, wie z.B. USA und Japan sind deutlich niedriger.
Zurzeit (2007) besteht in Deutschland noch keine nennenswerte Altersarmut, da viele Rentner zusätzliche Betriebsrenten, private Alterszusatzrenten und Auszahlungen aus Lebensversicherungen beziehen. Erwerbsfähige Frauen kehren oftmals nach Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurück, sie arbeiten zunehmend in Teilzeitarbeit, besonders die Frauen zwischen 50 und 60 Jahre.
Ab 2010 steigt die Nachfrage nach älteren Fach- und Führungskräften in Deutschland und Europa immens, da der Zugriff auf jüngere Arbeitnehmer abnimmt wegen rückläufiger Geburten in den letzten 25 Jahren und einer zunehmenden Verrentung älterer und ausscheidender Arbeitnehmer (vgl. Thon 1995, S.295 ff., Deutscher Bundestag 1994, S. 56 ff.).
Es wird in Zukunft aufgrund der demographischen Entwicklung mehr ältere als jüngere Arbeitnehmer geben.
Ab 2010 wird es eine rückläufige Nachfrage nach Arbeitsplätzen geben.
Insgesamt werden die Belegschaften immer älter, aufgrund der Entscheidung das Renteneintrittsalter stufenweise bis 2030 auf 67. Lebensjahre zu erhöhen (Bundestag 2007).
Gleichfalls steigen die Anforderungen an die Arbeitnehmer durch mehr Fachkenntnisse, komplexere Aufgaben, Flexibilität und höherwertiger Qualifikation. Der Dienstleistungsfaktor wird weiter steigen. Die volle Auswirkung wird sich ab 2010 abzeichnen.
Ältere Arbeitnehmer sind für den heutigen Arbeitsmarkt problematisch, weil sie oft der Beschäftigungssituation nicht mehr gewachsen sind.
Ältere Langzeitarbeitslose verlieren den Anschluss an den Arbeitsmarkt, sie werden frühzeitig ausgegliedert und frühverrentet.
Bei älteren Arbeitnehmern verändert sich die Struktur des Leistungsvermögen (vgl. Lang, Arnold 1991 und Neumann 1995), das bedeutet funktionale Fähigkeiten nehmen ab, dagegen nehmen prozessübergreifende Kompetenzen zu.
Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis nehmen nicht ab.
Zur Belastung älterer Arbeitnehmer gehören physische Arbeit, Akkord, Schichtarbeit und Arbeitshygiene. Es treten zunehmend gesundheitliche Probleme auf, wie z.B. die Zunahme von Krankheiten und Behinderungen.
Je niedriger das Einkommen, Bildung und beruflicher Status, desto häufiger ist die Sterblichkeit und Invalidität vor dem 65. Lebensjahr (vgl. Schepers, Wagner 1989).
Nach Müller und Ritz (1989) sterben Frührentner früher.
Ältere Arbeitnehmer sind seltener krank, aber dafür länger (vgl. Naegele 1992).
Körperliche und psychische Belastungen stellen für ältere Arbeitnehmer ein größeres Problem dar. Die Belastungstoleranz lässt nach.
Maßnahmen zur Verbesserung der Situation älterer Arbeitnehmer mit geringer Schul- und Berufsausbildung müssen durch Nachschulungen an die Arbeitswelt angepasst werden.
Lebenslanges Lernen und ständige Weiterqualifikationen sind notwendig, um den kontinuierlichen Veränderungen gerecht zu werden.
Je erträglicher die Arbeitssituation, desto motivierter und leistungsfähiger ist der Arbeitnehmer. Ältere Arbeitslose sind länger ohne Beschäftigung, sie stellen ca. 30% aller Arbeitslose (Bundesagentur für Arbeit, 2007). Die Risikofaktoren älterer Arbeitnehmer arbeitslos zu werden sind gesundheitliche Probleme, mangelhafte Qualifikation und das Anstreben einer vorgezogenen Verrentung. Bei Neueinstellungen in Unternehmen haben jüngere Bewerber Vorrang vor Älteren (vgl. Schwarze, Wagner 1992).
Ältere Arbeitnehmer bevorzugen eine Frühverrentung, um die Arbeitslosigkeit zu beenden.
Betroffene ab dem 55. Lebensjahr sehen die Arbeitslosigkeit als Vorstufe zum Ruhestand. Doppelt so viele Arbeiter sind Erwerbs- und berufsunfähig und beziehen früher Rente (vgl. Verband Deutscher Rentenversicherungsträger, 1996).
Das mittlere Rentenzugangsalter (2007) liegt bei 60 Jahren.
Arbeitslosigkeit wird als Übergang zur Rente gesehen. Rationalisierung, Umstrukturierungen und Outsourcing der Unternehmen führen dazu, dass ältere Arbeitnehmer arbeitslos werden oder in den Vorruhestand geschickt werden. Personalabbau, Personalumschichtung und die Globalisierung führen zu einer Frühausgliederung älterer Arbeitnehmer (vgl. Rosenow, Naschold 1994, Gatter, Hartmann 1995). Jüngere sollen in den Betrieben Karriere machen. Sie können kostengünstiger eingestellt werden durch Umgehung tariflicher Bestimmungen.
Viele ältere Arbeitnehmer wollen selber früher ausscheiden.
Je älter, desto früher wird der Rentenbeginn gewünscht (vgl. Kohli et. al.1989).
Gründe sind hierfür die Arbeitsbelastung und gesundheitliche Beeinträchtigungen. Das Nachholen privater Interessen (vgl. Naegele 1989, Kohli et. al. 1989) ist ein weiterer Grund.
Es gibt geringe Ausnahmen von Personen mit Rentenanspruch, die dennoch erwerbstätig sind.
Peter K., 65 Jahre, arbeitet als Nachtpförtner bei einem großen Energiekonzern im Schichtbetrieb, weil seine Rente zu niedrig ist. Er war viele Jahre als selbständiger Ingenieur in der Atomtechnik in einem afrikanischen Land tätig und hatte daher zu hohe Ausfallzeiten in der Rentenversicherung. Wolfram G., 67 Jahre, seit Jahrzehnten als Schulleiter einer Privatschule tätig, unterrichtet als Lehrer für Deutsch und Englisch über das Renteneintrittsalter hinaus, nicht aus finanziellen sondern aus leidenschaftlichen Gründen. "Meine Arbeit ist mein Leben", so sagt er. Er versteht seine beruflichen Aufgaben als sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Frau Heidemarie S. betreibt mit 68 Jahren noch eine Künstlervermittlungsagentur, um ihre Rente aufzubessern.
3. Persönlichkeitsveränderungen im Alter
Ein altersbedingter Persönlichkeitswandel kann empirisch nicht belegt werden (vgl. Kruse).
Ich habe während meiner Arbeit mit älteren Menschen beobachten können, dass sich einzelne Persönlichkeiten verändern durch Krankheit, Partnerverlust, soziale Umstände und Schicksale.
Dieses lässt sich aber nicht auf alle älteren Menschen übertragen, somit nicht generalisieren. Das ist genauso individuell wie bei Jüngeren.
Die sozialen Kontakte verändern sich allerdings,
da "Unabhängigkeit und Individualität" positiv bewertete Merkmale sind und von allen Altersgruppen angestrebt werden.
Anstelle der Familie treten Stellvertreter, wie z.B. die intensive Pflege von Kontakten zu Freunden und Bekannten. Der Besuch kultureller und sozialer Einrichtungen, wie z.B. Seniorenclubs, Sportvereine und Hobbykurse zeigen die deutliche Teilhabe am sozialen Leben und den Wunsch nach sozialer Integration und Anerkennung.
"Innere Nähe durch äußere Distanz" zeugt von sozialer Einbindung bei erhaltener und erstrebter Selbständigkeit und Unabhängigkeit, solange noch keine Pflegebedürftigkeit und Hilfe in Anspruch genommen werden muss.
Das Phänomen der Individualisierung und Singularisierung in unserer Gesellschaft ist als allgemeiner Trend bei allen Altersgruppen grundsätzlich zu beobachten.
Sozialkontakte sind für den Einzelnen lebensnotwendig, werden aber auf ein notwendiges Maß reduziert, um frei und unabhängig zu bleiben.
Die heutigen Freizeit- und Bildungsangebote haben sich in vielfältiger Weise auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet und befriedigen diese zunehmend.
Moderne und fortschrittliche Altershilfe, so wie ich sie verstehe und praktiziere, setzt auf eine aktive Auseinandersetzung mit der Lebenssituation und soll zur Aktivität und Teilhabe an der Umwelt ermuntern. Die Vermeidung von zu viel Hilfe und Betreuung fordert, motiviert und vermittelt das Zutrauen und Vorhandensein von Ressourcen und Fähigkeiten zur Bewältigung des täglichen Lebens mit seinen Anforderungen.
Altershilfe ist eine Hilfe zur Eigeninitiative und Aktivität.
3.1. Festgelegte Persönlichkeitsmerkmale
Es gibt fünf besondere Eigenschaften von Menschen, die sehr markant sind (vgl. Erikson und Peck):
1. Die konstruktive Person ist mit sich selbst zufrieden und hat ein positives Verhältnis zu sich selbst entwickelt. Sie ist frei von Problemen und offen für den Dialog und die Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt.
2. Als "Schaukelstuhl- oder Abhängigkeits"-Charakteristikum werden den Personen eine gewisse "Selbstzufriedenheit" zugeschrieben. Sie betrachten das Alter als schöne Zeit.
3. Neurotische Personen zeigen sich in Abwehrhaltung. Sie sind ehrgeizig und zielstrebig, verhalten sich arbeitsam und wollen ihre Leistungskraft unter Beweis stellen.
4. Feindselige Einstellungen lassen Schuldzuweisungen gegenüber der sozialen Umwelt aufkommen. Man macht andere Mitmenschen für seine eigene Situation und persönliches Versagen verantwortlich.
5. Personen mit Selbsthass werden nicht glücklich und handeln autoaggressiv. Sie lieben sich nicht selbst, lassen aber ihr soziales Umfeld davon verschont.
Reichard u.a. befragten 1962 in den USA 87 Personen im Alter von 55 bis 84 Jahren. Er stellte fest, dass Menschen mit den ersten drei Eigenschaften ihr Leben gut und erfolgreich meisterten. Negative Eigenschaften führen hingegen zu Niederlagen und zu unbefriedigenden Lebenssituationen. Diese Charakteristika entwickeln und manifestieren sich schon in jungen Jahren und sind keine Alterserscheinung (vgl. Haan 1972).
Nach Kermis (1972) haben sich diese Persönlichkeitsmerkmale schon im frühen Erwachsenenalter entwickelt.
Präventiv für die Persönlichkeitserscheinung im Alter ist die Entwicklung und das Lernen von Verhalten in jungen Jahren.
Soziale Integration und die Einbindung in die Gemeinschaft machen den Menschen positiv und bringen positive Eigenschaften zum Ausdruck.
Soziale Isolation und Abgeschiedenheit erzeugen eine negative Sichtweise und verhindern eine Versöhnung mit sich selbst und der sozialen Umwelt (vgl. Aiken 1989, Kermis 1983, Thurner 1987, Whitbourne 1987).
3.2. Der alte Mensch im psychologischen Prozess
Durch den Berufsaustritt und die damit verbundene Verrentung entsteht eine neue Lebenssituation für den älteren Menschen.
Ressourcenerhaltung steht im Mittelpunkt, um alltagspraktisch und psychisch den Anforderungen in der neuen Lebensphase gerecht zu werden.
Die Frage stellt sich "Was bleibt übrig, was bleibt erhalten?".
Krankheitsrisiken nehmen zu und der Wunsch nach Erhaltung von Selbstständigkeit und einer erfüllten Lebensführung bleibt bestehen.
Hierzu zählen die Erhaltung der Kompetenzen, die Konfliktbewältigung, die Selbstständigkeit und das Problemlöseverhalten bis ins hohe Alter.
Resultierend aus Erkenntnissen und Lebenserfahrungen ergeben sich neue Chancen und Perspektiven des Alters. Der alte Mensch schafft gut qualifizierte Einzelleistungen (vgl. Simonton 1989, 1990), dadurch erhält er sich die Qualität von Einzelleistungen.
Durch Kreativität und Reife, durch kreative Lebensgestaltung kann er das Beste aus dem Altern machen. Die Lebenshaltung ist charakteristisch für bestimmte Grundeinstellungen.
Zu seinen Aufgaben zählt der Umgang mit den Anforderungen des Lebens und die Chancen des Lebens zu nutzen.
Die Persönlichkeitsentwicklung geht weiter bis zum Tod, der alte Mensch bleibt nicht stehen. Defizite können durch Ressourceneinsatz kompensiert werden.
Es entwickeln sich neue Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit Einbußen und Verlusten. Auf der physischen Ebene ist mit Leistungseinbußen zu rechnen, hingegen finden auf der psychischen Ebene weitere Wachstumsprozesse statt. Wachstum und Reife kreuzen sich. Es entsteht ein neuer Blick für Aspekte und Möglichkeiten, die das Leben bietet. "In der Jugend viel tun, dann bleibt man im Alter aktiv."
Mit der Rente beginnt das Alter aus kalendarischer Sicht.
Subjektive Aspekte folgen dem effektiven Umgang mit den Anforderungen des Lebens. Ressourcen werden zur Bewältigung von Entwicklungsanforderungen und Belastungen eingesetzt. Das Bedürfnis nach effektivem Handeln bleibt bestehen.
Motivation entsteht durch Kompetenz.
Der alte Mensch orientiert sich an den Umweltbedingungen. Defizite werden durch Hilfsmittel kompensiert. Die Situation und das Umfeld stimulieren zu neuen Aufgaben.
In der Alltagsgestaltung können neue Aufgaben entstehen, neue Ziele festgelegt werden. Es gilt Chancen und Möglichkeiten zu nutzen.
Die soziale Anerkennung geschieht auf psychologischer Grundlage durch ehrenamtliche Aufgaben, familiäre Betreuung von Enkelkindern oder Nachbarschaftshilfe.
Die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung eines selbstverantwortlichen Lebens bringt Zufriedenheit. Trotz physischer Einbußen, werden die psychologischen Leistungen höher eingeschätzt. Neue Fähigkeiten und Fertigkeiten können erlernt werden.
Die Umweltdimension ist von großer Bedeutung, hierzu zählt das Räumliche (Wohnung), das Soziale (Familie) und die institutionelle Umwelt (Einrichtungen der Altenhilfe).
Eine Überforderung bzw. Überlastung bedeutet für den älteren Menschen der Zusammenbruch von Bewältigungsressourcen, daraus entsteht eine Vulnerabilität, die Verletzbarkeit des Menschen. Dies entspricht der Symptomatik einer psychischen Überforderung.
Die Aufrechterhaltung einer positiven Lebenseinstellung entspricht einer psychologischen Leistung. Aus dem bisherigen Lebenslauf ergeben sich Perspektiven für die Zukunft, wenn die psychische Verfassung stabil ist und der Gesundheitszustand erträglich ist.
Einflüsse auf die Kompetenz haben materielle Sicherheiten als Existenzgrundlage (z.B. ausreichende Rente).
Bei einer Befragung von 480 Personen (vgl. Untersuchung von Kruse 1996) wurde festgestellt, dass bei der Alltagsgestaltung im Alter 26.7% der Befragten eine hohe Aktivität zeigten, 32.1% hatten einen mittleren Aktivitätsgrad und 41.2% zeigten eine geringe Aktivität.
Die Lebensgestaltung in jungen Jahren lassen Rückschlüsse auf Alltagsgestaltungsformen im Alter zu.
Einschränkungen in jungen Jahren bedeuten auch Einschränkungen im Alter.
Ein enges Tätigkeitsspektrum und geringe Aktivität zeigen deutlich, dass die Möglichkeiten zur Kompensation von eingetretenen Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Bewegung sehr reduziert sind.
Ein Kompetenz-Defizit vor allem im hohen Alter lässt sich nicht leicht beheben, das belegen Resultate einer Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (vgl. Lehr, Thomae 1987).
Männer, die bei der Erhebung wenige Aktivitäten angegeben hatten, hatten nach dem Tod der Ehefrau große Probleme, selbstständig zu leben, sie zogen zu ihrer Familie oder in ein Altenheim.
Bei gesundheitlich starken Belastungen ist ein Potential zur Verarbeitung dieser Belastung vorhanden, wenn der ältere Mensch soziale Unterstützung durch sein Umfeld erhält (vgl. Kruse, Schmitt 1995). Bei hilfsbedürftigen Senioren ist eine psychologische Betreuung erforderlich als Prävention von psychischer Ressourcengefährdung und gefährdeter Kompensation. Es gilt der Grundsatz: "So wie früher, so auch heute."
"Um im Alter auch in belastenden Situationen eine positive Lebenseinstellung zu behalten, ist es wichtig, dass jemand schon früh in seinem Leben gelernt hat, sich bewusst und verantwortlich mit Belastungen auseinanderzusetzen." (vgl. Lehr 1986, Olbrich 1986)
Es bestehen handlungsorientierte Techniken wie die medizinische Rehabilitation, die Nutzung von Hilfen, seniorengerechte Wohnausstattung, soziale Kontakte, soziale Betreuung und Unterstützung.
Zu den kognitiv-emotionalen Techniken zählen die positive Deutung des Charakters, also schöne Dinge entdecken und sich an kleinen Dingen zu erfreuen. Der Vergleich der eigenen Lebenssituation mit anderen kann helfen. Anderen geht es schlechter, mir geht es immer noch gut, kein Grund zum Klagen.
Die Akzeptanz der eigenen Situation ist wichtig und nützlich. Ich versuche das Beste daraus zu machen.
Negative Bewältigungsstile sind die Tendenz zur Resignation, Kapitulation und Passivität. Desweiteren die Aggression gegen die Umwelt und ein negatives Selbstbild. "Die anderen sind schuld".
Ein positiver Bewältigungsstil ist das stete Bemühen um Verbesserung, dazu gehört auch die selektive Optimierung, wie der Ausbau von Erfahrungen, dem eigenen Wissen und die Kompensation von kognitiven Einbußen und Verlusten (vgl. Baltes 1990).
Die Bewältigung von Alltagsproblemen steht im Zusammenhang von praktischer Intelligenz und Alltagskompetenz (vgl. Willis, Schaie, Dixon, Baltes 1986).
Es besteht die Hypothese der strukturellen Invarianz (Unveränderbarkeit), definiert durch Stufenentwicklung (vgl. Piaget 1983).
Die Intelligenzentwicklung im Kindes- und Jugendalter wird in Einzelstufen strukturell unterschieden mit Abschluss nach dem Jugendalter, danach nur noch mit quantitativen Intelligenzveränderungen. Die Entwicklungsaufgaben stellen in den Altersphasen neue Anforderungen an den Menschen (vgl. Flavell 1979, Labuvie-Vief 1985).
Ein berufliches Training gilt als Lösungsstrategien vertrauter oder neuer kognitiver Probleme (vgl. Salthouse 1985).
Der Lebensstil beinhaltet Aktivitäten, Interessen und ist ein Alterstransfer (vgl. Lehr, Willis 1987). Die erfahrungsgebundene Intelligenz nimmt Einfluss auf die Lernkapazität und die Offenheit für neue Dinge. Die Umweltstimulation kann positiv wie auch negativ sein.
Der Gesundheitsstatus trägt zum Erfolg von Alltagsbewältigung bei, Krankheiten führen in der Regel zu Belastungen (vgl. Lehr).
Das Selbstbild des Menschen macht seine Motivlage aus, Situationsvertrautheit führt zur Selbstsicherheit.
Kompetenz im Alter resultiert aus kognitiver Entwicklung, Erfahrung, Wissen, Alltaggestaltung und der Auseinandersetzung mit Aufgaben und Problemen im Alltag. Persönlichkeitskontinuität zeigt den Umgang mit Alltagsaufgaben.
Im Alter herrscht eine Vielfalt von Lebens- und Kompetenzformen, so wie auch bei Jüngeren.
Die Analyse der Alltagsgestaltung macht deutlich, dass ein Großteil älterer Menschen den Rückgang externer Verpflichtungen durchaus als Chance zur Verwirklichung persönlicher Interessen und Neigungen versteht (vgl. Dittmann, Kohli 1994, Kruse, Lehr et al.).
Ältere Menschen haben ein Bedürfnis von Partizipation an sozialen, kulturellen und politischen Begebenheiten und auch den Wunsch ihren persönlichen Interessen und Hobbies nachzugehen.
Als Anregung zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit besteht ein Bedürfnis nach Stimulation und Motivation.
Es gilt der Wunsch frei zu sein von Einbußen, Hindernissen und Einschränkungen.
3.3. Persönlichkeitsentwicklung als Prozess
Jeder Mensch durchläuft Entwicklungsstadien, beginnend mit der Befruchtung im Mutterleib und bis zum Tod.
"Entwicklung umfasst im weitesten Sinne alle Veränderungen im Erleben und Verhalten eines Menschen, die sich im Laufe des Lebens vollziehen bzw. mit dem Älterwerden zusammenhängen, untereinander in Beziehung stehen, und sich von der Zeugung bis zum Tod fortlaufend ereignen." (Zitat v. Kurt Wirsing) Wirsing beschreibt in seinen Ausführungen die einzelnen Entwicklungsstadien, die biologisch und psychologisch vorgegeben sind. Vom kalendarischen Alter kann auf den Stand der psychischen Entwicklung geschlossen werden. Menschliche Entwicklung bedeutet nicht nur das Erwerben neuer Fähigkeiten, sondern auch den altersbedingten Verlust. Entwicklung bedeutet Altern (vgl. Wirsing).
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sehen aber die komplexen Veränderungen der Entwicklung viel differenzierter und nicht in vollem Umfang generalisierbar (vgl. Wirsing, 1985).
Verständnis für das Verhalten Älterer kann nur im Kontext zur gesamten menschlichen Entwicklung gesehen werden.
Entwicklung führt immer wieder zu neuen Erscheinungsformen menschlichen Erlebens und Verhaltens 1)
3.3.1. Veränderung von Gehirn und Psyche
Es entstehen altersbedingte Veränderungen, die Zahl der Nervenzellen im Gehirn nehmen während des ganzen Lebens ab. Bei über 75-jährigen gibt es zusätzliche Einflüsse auf die Gehirnleistung. Desweiteren gibt es eine Abnahme von Astrozyten, diese Zellen stehen in Verbindung von Nervenzellen und Blutgefäßen. Sie bilden die Gliagrenzmembran, die das Hirngewebe an der Oberfläche gegen die Hirnhäute abgrenzt. Die Hirnwindungen verschmälern sich, es kommt zu Pigmenteinlagerungen.
Es entstehen bindegewebige Verdickungen der Hirnhäute und die Neurotransmitter (chemische Botenstoffe des Gehirns) nehmen ab.
Im höheren Alter kommt es zu keiner allgemeinen Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten, wenn keine pathogenen Einschränkungen vorliegen.
Der Erhalt kognitiver Fähigkeiten im Alter ist sehr unterschiedlich. Der Verlust geistiger Fähigkeiten kann durch Gedächtnistraining sowie durch andere geistige Betätigung kompensiert werden.
Es gibt aber auch ausgeprägte Veränderungen, die stattfinden, z.B. ein verändertes Schlafverhalten durch kurzzeitiges Aufwachen. Zusätzlich verringerte Bewegungsaktivität, Verlangsamung bei der flexiblen und zügigen Informationsverarbeitung. Deshalb sollten Informationen portionsweise und nicht zu schnell vermittelt werden. Weitere Veränderungen sind eine eingeschränkte Aufmerksamkeit, die Veränderungen der Emotionen. Persönliche Charaktereigenschaften im Alter bleiben konstant. Es gibt keine heftigen Emotionsschwankungen. Ältere zeigen sich eher zurückhaltend und abwartend.
Eine Abnahme der Gehirndurchblutung ist in der Regel auf eine Arteriosklerose der Gehirnaterien zurückzuführen und keine gehirnspezifische Veränderung.
Durchblutungsstörungen können zu Schwindel und zu Stürzen führen. Bei einer starken Arteriosklerose besteht ein zunehmendes Risiko einen Apoplektischen Insult zu erleiden. Häufig auftretend im Alter sind Demenzerkrankungen. Die Symptome sind nachlassende geistige Fähigkeiten, Gedächtnisstörungen, verringerte Orientierungsfähigkeit und Persönlichkeitsveränderungen. Demenzerkrankungen entstehen durch altersbedingte Veränderungen des Gehirns, hervorgerufen durch Durchblutungsstörungen und Mikroinfarkte, der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, AIDS-Infektion, Syphilis, Gehirnhautentzündung, Toxikationen und Alkoholismus.
1) Beispiel: Ein sogenannter "kindischer Greis" ist nicht in den Zustand eines Kleinkindes zurückgefallen. Es haben sich neue Verhaltensmuster entwickelt, die Parallelen zum Verhalten eines Kindes erkennen lassen (vgl. Kurt Wirsing, 1985).
3.4. Untersuchung zum Verhalten Älterer
In einer weiteren Untersuchungsstudie zum Verhalten und zur Lebenseinstellung älterer Menschen habe ich mehrere Teilnehmergruppen (insgesamt 85 Personen) aus meinen Trainingskursen des
Verkehrssicherheitsprogrammes "Ältere aktive Kraftfahrer" nach einem standardisierten Fragenkatalog (siehe Anhang) interviewt.
Die Fragen konnten frei beantwortet werden, ohne vorherige Antworten Auswahl.
Die Altersangaben der Befragten liegen zwischen 60 und 80 Jahren, fast je zur Hälfte Männer und Frauen. Gefragt wurde nach der früheren Berufszugehörigkeit, die in vier Bereiche gegliedert wurden:
2. Kaufmännische Angestellte
4. Sonstige (z.B. Hausfrauen)
Von allen Personen waren 75.3% mit ihrem jetzigen Leben zufrieden - 11,8% verneinten - 12,9% machten hierzu keine Angaben.
Die Gründe sich im Alter zu motivieren und zu bestätigen, wurden nachfolgend genannt:
Arbeit/Freizeitaktivitäten/Hobbies
Soziales Umfeld (z.B. Familie, Freunde) Positives Denken
Sonstige Angaben Wie ältere Menschen mit Stress umgehen, zeigen diese Antworten:
einfach Stress vermeiden durch Beschäftigung/Aufgaben sportliche Betätigung Positives Denken sonstige Angaben
Die Frage nach den Stärken gegenüber früher, also in jungen Lebensjahren, wurden so beantwortet:
Geduld/Ruhe
Gelassenheit Selbstsicherheit Ausgeglichenheit Toleranz Erfahrung keine Veränderung an Stärken Zwischenmenschliche Probleme werden so gelöst:
Gespräche/Meinungsaustausch
Freundlichkeit Ruhe/Gelassenheit Verständnis Nachdenken überhaupt nicht
Die Untersuchung zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, der nur in eingeschränktem Maße eine Gesamtbewertung aller älterer Menschen zulässt.
Meine Erfahrungen werden durch die Erhebung bestätigt, dass z.B. eine Aufgabenstellung zur Aktivität und zum Handeln motiviert (vgl. Beantwortung der Frage zur Motivation).
Den Stress bewältigen die meisten Befragten mit Ruhe und Gelassenheit, das konnte ich auch in meinem praktischen Umgang mit älteren Menschen beobachten.
Als Stärken gegenüber früher wurden mehrheitlich "Geduld/Ruhe" und "Gelassenheit" angegeben, was eine positive Veränderung im Alter zeigt.
Zwischenmenschliche Probleme lösen eine sehr große Mehrzahl der Interviewten durch Gespräche, Ruhe und Freundlichkeit.
4. Resilienz im Alter
Die Resilienz ist eine erworbene Fähigkeit.
Sie resultiert aus der Verarbeitung von Niederlagen.
50% aller Menschen haben das Risiko psychisch zu erkranken (vgl. Studie der Universität Dresden). Innere Stärke und Widerstandskraft in Zeiten großer Belastung zeichnen sich durch resilientes Verhalten aus. Resilienz ist zum Teil angeboren, ein Teil wurde schon in der Kindheit erworben.
Schon Kinder sollen lernen mit Niederlagen umzugehen, Eltern sollten nicht alle Probleme lösen und ihre Kinder nicht so sehr schützen und abschirmen.
Hier gilt der Satz "Wer nicht geimpft ist gegen Fremdkörper, hat keine Abwehrkräfte". Resilienz ist ein Prozess oder das Ergebnis einer Krise. Nie zu früh und auch nicht zu spät. Sie bedeutet Elastizität, Spannkraft und eine Fehlertoleranz.
Offenheit, soziale Kommunikation, Gemeinschaftssinn und Geselligkeit fördern und sie sind resilientem Verhalten dienlich.
Der Einzelkämpfer oder Eremit hat hierbei keine Chance.
Wichtig ist mit seinen engsten und vertrauten Freunden über seine Probleme zu sprechen, Optimismus statt Pessimismus, schönreden statt schwarzsehen. Grübelei ist schädlich, der Blick muss nach vorn gerichtet sein. Es gilt hierbei auch die Vergangenheit zu vergessen und abzuschließen.
Die Integration und soziale Vernetzung federt Schläge ab.
Ein vertrauter Personenkreis und die soziale Einbindung sind sehr wichtig und nützlich. Einfach loslassen, zurücklehnen, Ruhe finden und eine neue Richtung festlegen in Zeiten des Chaos, der Niederlagen und der Zerrüttung.
Nicht resignieren und kapitulieren, sondern eigene Kräfte einsetzen und daran glauben. Ca. 15-30% der Menschen sind nach einer Schätzung resilient.
Resiliente haben eher ein ruhiges Wesen und sind überdurchschnittlich intelligent (vgl. Roth). Sie suchen aktiv nach Lösungen, setzen ihre eigenen Kräfte konstruktiv ein und glauben an sich. Neue Zielsetzungen motivieren und der Austausch mit Gleichgesinnten und Leidensgenossen stärkt das Selbstbewusstsein. Durch Analyse der Krisen und Niederlagen findet eine Bestandsaufnahme statt. In einer Fehleranalyse wird festgestellt, wie es zu diesen Umständen gekommen ist. Laut einem Gesundheitsreport der deutschen Betriebskrankenkassen aus dem Jahre 2006 haben sich die psychischen Erkrankungen bei den Versicherten in Deutschland von 1980-2006 vervierfacht.
Krisen können Aufbruch und Veränderung bewirken.
Das Verlassen der Opferrolle und nicht Gefangener zu sein, sondern zu einem Gestalter und Akteur zu werden, ist für den Umgang mit Krisen, Niederlagen und Mobbing maßgebend wichtig.
Traumatische Erlebnisse müssen verarbeitet und analysiert werden mit Hilfe der Psychotherapie und der NLP-Therapie. Die Zeit dient der Heilung, "Zeit heilt alle Wunden".
Vergebung und Versöhnung mit dem Problemverursacher oder dem Täter ist auch eine Lösung.
Die Unterscheidung zwischen Realitäten und veränderbaren Situationen ist für die Einschätzung und dem Umgang mit der Angelegenheit ratsam und hilfreich. Es gibt Dinge, die unveränderbar sind, deshalb müssen sie akzeptiert werden.
Auch Resiliente sind verletzbar, sie lassen sich aber nicht zerstören oder demoralisieren. Resiliente lassen ihr Leben nicht von negativen Ereignissen überschatten. Sie haben Rückzugsoptionen in der Familie, bei Freunden, Bekannten und in einer Umgebung, die sie akzeptiert.
4.1. Resilienz als protektives Persönlichkeitsmerkmal im
Alter
Im Alter gibt es ein höheres Resilienzausmaß, wenn weniger Körperbeschwerden nach einer Resilienzskala ermittelt wurden (vgl. Wagnild u. Young, 1993).
Bei Frauen ist die Resilienz weniger ausgeprägt, aber es besteht kein Alterseffekt.
Resilienz gilt als Einflußfaktor auf das allgemeine Wohlbefinden. Sie dient der Selbstwerterhaltung. Eine Resilienzerhaltung ist trotz Multimorbität, physischer und psychischer Einschränkungen und sozialer Verluste, möglich.
Sie bringt konstruktive und aktive Anpassungsleistungen an bestehende Umweltbedingungen. Durch ein Verlustmanagement werden verlorengegangene Funktionen wieder hergestellt. Resilienz dient auch als psychische Widerstandskraft.
Normale Funktionsfähigkeiten nach erlittenem Trauma und der Erhalt der Funktionsfähigkeit trotz beeinträchtigender Umstände werden durch sie wieder hergestellt.
Defizite werden durch den Einsatz von Ressourcen wieder ausgeglichen. Verluste können somit kompensiert werden.
Hat eine Person zu viel Neurotizismus, schadet das der persönlichen Zufriedenheit.
Resilienz bringt Stabilität in Relation zum Charakter. Als Belastungsindikatoren gelten körperliche Beschwerden und andere Defizite.
"NEIN" sagen, sich abgrenzen gegenüber negativen Einflüssen ist ein Ausdruck von Selbstbewusstsein. Agitation statt Resignation als persönliche Grundeinstellung. Vom Opfer zum Agitator und Gestalter werden.
Aktive und konstruktive Anpassungsleistungen als bestehende oder veränderte Umweltverhältnisse sind erforderlich.
Die Anpassungsfähigkeit älterer resilienter Menschen an alterskorrelierte körperliche Veränderungen bedeuten weniger subjektive Beschwerden und eine höhere Lebenszufriedenheit. Wer Pläne hat, der verfolgt sie auch.
Selbstliebe geschieht durch die Annahme der eigenen Umstände und der persönlichen Lebenssituation. Die Dinge nehmen, so wie sie kommen.
Im gesamten Lebensverlauf gilt es eine persönliche Kompetenz zu entwickeln, wie Anpassungsfähigkeit, Toleranz und flexible Sicht auf seinem eigenen Lebensweg. Die eigene Lebenszufriedenheit ist subjektiv zu bewerten.
Bei der Untersuchung älterer Menschen im Zusammenhang von Resilienz und körperlicher Beschwerden wurde der "Gießener Beschwerdebogen" angewandt.
Ältere Frauen schätzen sich weniger resilient ein als ältere Männer.
Es gibt signifikante Korrelationskoeffizienten zwischen Resilienz und Körperbeschwerden. So besteht eine positive Assoziation zwischen Resilienz und Lebenszufriedenheit. Subjektive Körperbeschwerden sind abhängig vom Alter und Geschlecht.
Der Prädikator Resilienz ist stärker als Alter und Geschlecht.
Resilienz bedeutet eine allgemeine Lebenszufriedenheit.
Vulnerabilität , also externe Faktoren, wie z.B. Bildung, Einkommen, Wohnlage, Schichtzugehörigkeit bestimmen den Grad der Resilienz (vgl. Leppert K. et al.).
Es gibt auch ein psychometrisches Verfahren zur Untersuchung und Feststellung von Resilienz (vgl. Wagnild u. Young). Die Schicksalsverarbeitung älterer Menschen (wie. z.B. Verlust des Ehepartners, Krankheit) wird durch Resilienz vereinfacht und erleichtert.
Weitere Einflussfaktoren auf die Resilienz älterer Menschen sind kultureller und gesellschaftlicher Art. Psychische Probleme können durch gesellschaftliche Angebote (wie z.B. Selbsthilfegruppen, Seelsorge und Therapie) gelöst werden.
Die Ehe gilt als Schutzraum und die Familie als Mentor.
Auch haben partnerschaftliche Beziehungen eine Schutzwirkung.
Ältere Menschen können, falls sie keine Familie mehr haben, sich auch Ersatzpersonen als Mentoren suchen. Schutzfaktoren bestehen als kollektive Bewältigungsstrategien, wie z.B. die Arbeitslosigkeit als älterer Arbeitnehmer wird zur kollektiven Erfahrung.
Entlastung geschieht durch kollektive Erfahrungen, andere leben in der gleichen Situation. Die soziale Unterstützung wird durch die Gesellschaft gefördert und unterstützt somit auch die Resilienz. Eine ökonomische und soziale Absicherung durch öffentliche Gesundheitsförderung und Therapieangebote ist unabdingbar.
Die biologische Vitalität und Problemlösekompetenz wird durch Resilienz gestärkt und ausgebaut. Das Gedeihen wird trotz widriger Umstände möglich.
Trotz Lebenskrisen findet eine positive Entwicklung durch aktive Lösungssuche statt. Bezugspersonen gelten als Vorbilder und Rollenmodelle.
Die Definition der Erfahrungen durch Provokation oder Bedrohungen resultierend aus der individuellen Reaktion darauf, bewertet die Situation (vgl. Rutter).
Eine adaptive und unangepasste Problembewältigung, z.B. Problemlösung durch Alkoholkonsum, ist schädlich und erfolglos.
Resilienz ist ein Prozess, keine Eigenschaft (vgl. Lösel).
Eine begünstigte Resilienzentwicklung findet nach der Schule, in der dritten und vierten Lebensdekade statt (vgl. Werner).
Die Krisenintervention geschieht durch den Rückgriff auf Ressourcen. Interaktive Kompetenzen können trainiert werden (vgl. Fivaz-Depeursinge).
Die Korrelation von Individuum und Umwelt bedeutet Anpassung und Umweltstimulation. Kräfte entwickeln sich durch Anforderungen.
Eine Sensibilisierung für Problemerkennung- und Bewältigung passiert durch Erfahrungen. Optimismus, Heiterkeit und Selbstbewusstsein setzen Kräfte frei.
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Thomas Ringel, 2009, Die Alterspsyche - Phänomene, Kausalitäten und Interventionen in der Alterspsychologie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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