Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 4
1. Die Revolution von 1848/49. 8
1.1. Die Ausgangslage vor Beginn der Revolution. 8
1.2. Die Märzrevolution. 9
1.3. Das Parlament in Frankfurt. 12
1.4. Reichsverweser und Zentralgewalt. 13
1.5. Die Septemberkrise. 14
1.6. Grundrechte, Verfassung und Nationalstaat. 16
1.7. Ablehnung der Kaiserkrone und Scheitern der Revolution. 19
1.8. Letztes Aufflackern der Revolution und Sieg der Reaktion. 20
1.9. Ergebnis der Revolution. 22
2. Die Revolution im Königreich Württemberg. 24
2.1. Die Ausgangslage in Württemberg. 24
2.2. Verlauf der Revolution im Königreich. 28
2.2.1. Die Märzforderungen. 28
2.2.2. Das württembergische Märzministerium. 29
2.2.3. Württemberg in der Zeit der Nationalversammlung. 31
2.2.4. Das unrühmliche Ende in Stuttgart 33
2.3. Die Revolution in Böblingen. 35
2.3.1. Böblingen im 19. Jahrhundert. 36
2.3.2. Die Jahre 1848 und 1849 in Böblingen. 37
2.3.3. Ein revolutionäres Dorf im Oberamt. 41
2.4. Die Revolution in Leonberg. 42
2.4.1. Leonberg zur Mitte des 19. Jahrhunderts. 42
2.4.2. Der ruhige Revolutionsverlauf in Leonberg. 43
3. Geschichte und Entwicklung des Zeitungswesens. 47
3.1. Einführung in die deutsche Pressegeschichte. 48
3.2. Die Situation der Presse zwischen Karlsbad und der Revolution. 55
3.3. Die Presse in Württemberg. 60
3.4. Die Geschichte der beiden schwäbischen Lokalblätter. 64
3.4.1. Der Böblinger Bote. 65
3.4.2. Der Leonberger Stadt- und Amtsbote. 66
4. Die Darstellung der Revolution im Böblinger Boten. 68
4.1. Das Erscheinungsbild des Böblinger Boten. 68
4.2. Die Bekanntmachungen. 70
4.3. Die Nachrichten im Böblinger Boten. 77
4.3.1. Vor Beginn der Revolution. 77
4.3.2. In der ersten Phase ab März 1848. 77
4.3.3. Zwischen Beginn der Nationalversammlung und Septemberkrise. 80
4.3.4. Unter dem Zeichen der Reaktion. 85
4.3.5. Nach Ende der Revolution. 92
4.4. Das Lokalgeschehen. 94
4.4.1. Zu Beginn der Revolution. 95
4.4.2. Öffentliche Diskussion über die ersten Wahlen. 99
4.4.3. Die kurze Blütezeit der Volksvereine. 104
4.4.4. Während der Wahlen von 1849. 114
4.5. Unterhaltender Teil und weitere Meinungsäußerungen. 118
4.6. Parteinahme für die Revolution im Böblinger Boten? 128
5. Schilderung der Ereignisse im Leonberger Stadt- und Amtsboten. 131
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5.1. Das Erscheinungsbild des Stadt- und Amtsboten. 131
5.2. Amtliches aus Leonberg und Stuttgart. 132
5.3. Lokalgeschehen und lokale Anzeigen. 141
5.3.1. Vor Revolutionsbeginn. 141
5.3.2. Nach Gewährung der Pressefreiheit. 143
5.3.3. Nach den ersten Wahlen. 149
5.3.4. Zum Ende der Revolution und während der Wahlen von 1849. 153
5.4. Die „Rundschau“ im Stadt- und Amtsboten. 157
5.4.1. „Allerlei“ vor dem 1. August 1848. 158
5.4.2. Nach Einrichtung des Nachrichtenressorts. 162
5.4.3. Während der Septemberunruhen. 166
5.4.4. Unter dem Wiedererstarken der Reaktion. 172
5.4.5. Nach Ende der Revolution. 182
5.5. Witze und Unterhaltung. 185
5.6. Nahm der Stadt- und Amtsbote Partei für die Revolution? 193
Fazit. 196
Bibliografie. 199
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Einleitung
1848 - eine Jahreszahl, die neben den revolutionären Ereignissen heute vor allem mit einer Einrichtung verbunden wird: Dem ersten deutschen Parlament, der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Doch die Revolution von 1848 war mehr als das. Elementare Freiheiten, Ansätze von Demokratie und Rechtsstaat wurden auf deutschem Boden erstmals verwirklicht - wenn auch nicht auf Dauer. Bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatten vom Vorbild der französischen Revolution ausgehend, die Strömungen des Liberalismus und des Nationalismus immer stärkeren Druck auf die Politik ausgeübt. „Einheit“ und „Freiheit“ lauteten die beiden Schlagworte, mit denen die Vertreter dieser Richtungen ihre Forderungen auf einen kleinen Nenner brachten. Ein ums andere Mal wurden sie jedoch von reaktionären Kräften unterdrückt. 1848 kam es schließlich zur Entladung: Eine Vielzahl von Gründen führte bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen zum unbedingten Wunsch, das bisherige System durch ein besseres zu ersetzen. Nach einer Serie von Erhebungen erkannten die adligen Machthaber sehr schnell die Gefahr, die von der Revolution ausging und waren zu Zugeständnissen bereit. Doch diejenigen Schichten, die nun das Heft in die Hand bekamen, waren nicht in der Lage, das anfangs Erreichte weiterzuführen und gegen die Angriffe der Reaktion zu festigen. Bereits im Verlauf eines Jahres verlor das Parlament in der Paulskirche seine Autorität, bevor die Überreste des Abgeordnetenhauses im Frühjahr 1849 in Stuttgart vom württembergischen Militär auseinander gejagt wurden. Betrachtet man die Ereignisse dieser beiden Jahre, so dürfte man streng genommen eigentlich nicht von „der“ Revolution von 1848 sprechen, da es sich um eine Vielzahl von Erhebungen handelte, die von Phasen der Verrechtlichung abgelöst wurden. Dennoch hat es sich eingebürgert, die Entwicklung im Lauf des Jahres 1848 bis in die erste Jahreshälfte 1849 als eine Revolution zu bezeichnen.
Auch für das Scheitern dieser Revolution und der damit verbundenen Jahrhundertaufgabe, der Bildung eines deutschen Staates kann man eine Vielzahl von Gründen nennen, die in der Wissenschaft bis heute, 156 Jahre später, intensiv diskutiert werden. Vorliegende Arbeit wird sich in diese Diskussion nicht einmischen, der Blick zielt in eine andere Richtung. In allen Staaten des Deutschen Bundes verlief die Revolution unterschiedlich, die Einwohner der einzelnen Herzogtümer oder Königreiche reagierten auf verschiedene Weise. Während zum Beispiel in Baden die schwersten und hartnäckigsten Aufstände ausbrachen, blieb es im benachbarten Württemberg vergleichsweise ruhig. Eine der
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interessantesten Fragen, die sich - nachdem die Abläufe und Entwicklungen der Jahre 1848/49 weitgehend bekannt sind - stellt, ist die, welche das neue Medium der Presse, insbesondere der Zeitungen, im Verlauf der Revolution gespielt hat. Lange Jahre waren die Zeitungen in der sogenannten Vormärzzeit strengstens zensiert worden, da die Potentaten das von den Druckerzeugnissen ausgehende Widerspruchs- und Konfliktpotenzial offensichtlich fürchteten. Eine der zentralen Forderungen der Revolutionäre war demnach auch immer wieder die Pressefreiheit gewesen, die mit der Revolution verwirklicht wurde. Die Geschichte der Presse und der Pressefreiheit ist daher aufs Engste mit der politischen Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden. Es würde freilich den Rahmen einer solchen Abhandlung sprengen, einen allgemeinen Überblick über die Presse-landschaft der damaligen Zeit geben zu wollen.
Exemplarisch werden daher zwei Lokalzeitungen aus dem Königreich Württemberg untersucht, die bisher kaum im Blickpunkt der Forschung standen: Der Böblinger Bote und der Leonberger Stadt- und Amtsbote. Beide Blätter berichteten immer wieder über die Ereignisse aus den verschiedenen Staaten und aus Frankfurt; der Stadt- und Amtsbote veröffentlichte sogar die Grundrechte des deutschen Volkes, Teil der Paulskirchen-Verfassung 1 . Bevor man sich über die Berichterstattung der beiden Zeitungen Gedanken machen kann, ist es jedoch unerlässlich, zunächst einen allgemeinen Überblick über die Revolution von 1848/49 zu geben. In einem ersten Schritt werden daher die Ereignisse der beiden Jahre in Erinnerung gerufen. In der Folge wird sich der Blick auf den Verlauf der Revolution in Württemberg und in den beiden Heimatstädten der Zeitungen, Böblingen und Leonberg, richten. Auch wenn ein derartiger Überblick für den mit dem Thema vertrauten Wissenschaftler nicht unbedingt nötig wäre, erübrigen sich dadurch weitere Erklärungen zu den Zeitungsberichten innerhalb des eigentlichen Forschungsteils und es ist sichergestellt, dass der Leser über alle nötigen Informationen verfügt.
Nach dieser Einführung in die Situation zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist auch ein Blick auf die spezielle Geschichte des Zeitungs- und Pressewesens angebracht, der ein besseres Verständnis bei der Analyse und Interpretation der Zeitungen ermöglicht. In einem dritten Schritt werden dann die einzelnen Ausgaben der beiden Blätter in der betreffenden Zeit zu untersuchen sein. Wie bereits erwähnt, war die Frage der Pressefreiheit in der Zeit des Vormärz und der Revolution von überragender Bedeutung. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Redakteure sich vielfach keineswegs als neutrale Beobachter sahen, sondern etliche Zeitungen gerade zur Darstellung von Argumenten und
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Meinungen verwendet wurden. Und das - nebenbei bemerkt - von beiden Seiten, wozu die konservativ-reaktionäre Kreuzzeitung als Beispiel dient. Dennoch dürfte es wohl das ureigenste Interesse der meisten Journalisten gewesen sein, zumindest in Bezug auf die Pressefreiheit auf Seiten der neuen politischen Kräfte zu stehen. Im Vordergrund dieser Arbeit soll daher auch die Frage stehen, wie die beiden Lokalzeitungen in der Nähe von Stuttgart die Ereignisse der Jahre 1848/49 begleiteten und kommentierten und ob sich aus der Berichterstattung eine Parteilichkeit in den aktuellen politischen Fragen ableiten lässt.
Erleichtert wird die Forschungsarbeit über die Revolution von 1848 durch eine Fülle von Literatur, die zu diesem Thema verfügbar ist. Als nach wie vor unverzichtbar ist die ausführlichste aller Darstellungen von Veit Valentin anzusehen, auch wenn sie nicht mehr dem heutigen Stand der Forschung entspricht 2 . Außerordentlich hilfreich ist der von Dieter Langewiesche verfasste Band „Deutschland zwischen Restauration und Revolution 1815-1848“, der einen Überblick über Forschungsstand, Quellenlage und Literatur gibt und daher als Grundlage einer jeden Arbeit über die Revolution von 1848 dient 3 . Insbesondere über die durchaus gute Quellenlage gibt Langewiesche einen Überblick, der freilich nicht alle erhaltenen Quellen umfassen kann, wie ja auch das Beispiel dieser Arbeit zeigt, die sich auf bisher wenig untersuchte Druckerzeugnisse bezieht. Auf die Tendenzen der Forschung weist Michael Neumüller hin, insbesondere auf die Rechtfertigungs- und Verurteilungsliteratur, die jeweils in Bezug zur politischen Stimmung des Erscheinungszeitraums steht 4 . Zahlreiche weitere Darstellungen und Aufsätze beschäftigen sich mit Einzelaspekten, von denen hier nur die für das Thema relevanten Verwendung finden und die an der entsprechenden Stelle zu erwähnen sind. Auch über die Geschichte Württembergs ist mit dem Handbuch der baden-württembergischen Geschichte eine zielführende Untersuchung vorhanden.
Bei der Untersuchung des Revolutionsverlaufs in Württemberg ist insbesondere der Autor Bernhard Mann zu nennen, der zahlreiche Aufsätze und Bücher zu diesem Thema verfasst hat.
2 Valentin, Veit: Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849. Zwei Bände (Nachdruck der Originalausgabe von 1930). Weinheim, Berlin 1998.
3 Langewiesche, Dieter: Europa zwischen Restauration und Revolution 1815-1849 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 13). München ³1993. (Noch im Jahr 2004 wird dieser Band in einer vierten, aktualisierten Auflage erscheinen, die jedoch im Moment der Abfassung noch nicht vorliegt und daher nicht mehr maßgeblich zu dieser Abhandlung herangezogen werden kann.)
4 Vgl.: Neumüller, Michael: Liberalismus und Revolution. Das Problem der Revolution in der deutschen liberalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Düsseldorf 1973, S. 121-124.
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Über die Stadtgeschichte Böblingens und Leonbergs sind ebenfalls Darstellungen erschienen 5 . Zur Zeitungs- und Pressegeschichte liegen einige ältere Standard-Werke wie Dovifats „Zeitungslehre“ oder Koszyks Band innerhalb der „Geschichte der deutschen Presse“ vor, die wertvolle Hinweise liefern. Die Grundlage zur Presseforschung stellt Hagelweides Bibliografie dar, an neueren Werken sind zudem die Einführungen und Überblicksdarstellungen von Stöber und Wilke zu nennen. Den aktuellsten Einstieg in die Pressegeschichte bietet Dussel. Die beiden zu behandelnden Zeitungen selbst sind in ge-bundener Form nicht veröffentlicht, weshalb sie im Untersuchungsteil ausführlich vorgestellt werden sollen. Der Leonberger Stadt- und Amtsbote befindet sich im Original im Archiv der heutigen Leonberger Kreiszeitung. Böblingen wurde 1944 Ziel schwerer Luftangriffe, weshalb die alten Ausgaben des Böblinger Boten heute im Stadtarchiv der Nachbarstadt Sindelfingen auf Mikrofilm vorhanden sind. Außer den Zeitungsausgaben sind für beide Blätter aus den Jahren 1848 und 1849 keine weiteren Unterlagen etwa aus dem Verlag oder von den Behörden mehr vorhanden, wie Nachforschungen in den Stadtarchiven Leonberg und Böblingen, sowie in den Oberamtsbeständen des Staatsarchivs Ludwigsburg und im Bestand des Innenministeriums im Hauptstaatsarchiv Stuttgart ergaben. Damit können sich alle Erkenntnisse nur noch auf die veröffentlichten Zeitungsexemplare stützen, Informationen über Zusammensetzung der Redaktion, eigene Korrespondenten, Auflage, oder ähnliches sind nicht mehr verfügbar.
Auch wenn der Verlauf der Revolution sich aus beiden Blättern rekonstruieren ließe, wäre ein solches Vorgehen der historischen Faktizität gegenüber nicht angemessen. Deshalb wird sich das erste Kapitel vor allem auf die allgemeine Forschungsliteratur und Gesamtdarstellungen stützen, um nun zunächst das revolutionäre Geschehen allgemein zu beleuchten.
5 Fischer, Joachim (u.a.): Leonberg. Eine altwürttembergische Stadt und ihre Gemeinden im Wandel der Geschichte. Stuttgart 1992.
Lorenz, Sönke/Scholz, Günther: Böblingen. Vom Mammutzahn zum Mikrochip (Gemeinde im Wandel, Band 14). Filderstadt 2003.
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1. Die Revolution von 1848/49
1.1. Die Ausgangslage vor Beginn der Revolution
In den Jahrzehnten vor Ausbruch der Revolution lassen sich eine Reihe von Entwicklungen erkennen, die man als direkte oder indirekte Ursachen der Krise ausmachen kann und die schließlich zum Umsturz führten. Eine gewaltige Bevölkerungszunahme ließ die Einwohnerzahl im Reichsgebiet (ohne Elsass-Lothringen) von 1815 bis 1850 um rund die Hälfte anwachsen - was nebenbei bemerkt auch zu den großen Auswanderungswellen jener Zeit führte 6 . Die beginnende Industrialisierung und die Veränderung des Arbeitslebens rief eine enorme Zuwanderung in die Städte hervor, Eisenbahn und Dampfschiff revolutionierten das Verkehrswesen. Auf politischem Gebiet hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts Unzufriedenheit gegen die Monarchie aufgestaut, die allerdings nicht wie im benachbarten Frankreich in Hass umschlug 7 . Vielmehr sehnte sich der Mittelstand nach bürgerlichen und politischen Rechten. Hinzu kam, dass „Deutschland“ als Nationalstaat noch gar nicht existierte und sich bei breiten Schichten der Bevölkerung der Wunsch nach nationaler Einheit und Unabhängigkeit gebildet hatte 8 . Neben den beiden großen Staaten Österreich-Ungarn und Preußen bestand der Deutsche Bund aus einer Vielzahl von kleineren Staaten, die trotz des Zusammenschlusses in einen Bund alles andere als ein einheitliches Gebilde darstellten. Die Herausbildung neuer bürgerlicher Schichten durch die Veränderung der Arbeitswelt sowie Einflüsse aus der Philosophie ließen neue politische Strömungen aufkommen. Auch die Entwicklung des Pressewesens, auf die an späterer Stelle (Kap. 3) einzugehen sein wird, trug hierzu bei. Als wichtigste politische Richtung ist dabei der Liberalismus zu nennen, dessen Anhänger dann auch die treibende politische Kraft der Revolution waren, obgleich später eine Aufspaltung in Liberale und Demokraten erfolgte 9 . „Freiheit“ lautete die zentrale Forderung. Das unter dem Stichwort „Nationalismus“ betrachtete Streben nach einem Staat der Deutschen ist eine weitere - oft kaum vom Liberalismus zu trennende - politische Zielrichtung der Jahre vor 1848, während Kommunismus und Sozialdemokratie vor allem mangels einer zahlenmäßig relevanten
6
Vgl. auch zum Folgenden: Schieder, Theodor: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich. In: Grundmann, Herbert: Gebhart Handbuch der Deutschen Geschichte, Band 3. Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Stuttgart
9
1970, S. 132f.
7 Vgl.: Stadelmann, Rudolf: Das Jahr 1848 und die deutsche Geschichte. In: Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Die deutsche Revolution von 1848/49 (Wege der Forschung, Band 164). Darmstadt 1983, S. 23.
8 Vgl.: Craig, Gordon A.: Geschichte Europas 1815-1980. Vom Wiener Kongress bis zur Gegenwart. München ³1989, S. 100.
9 Vgl. auch zum Folgenden: SCHIEDER (wie Anm. 6), S. 136-139; LANGEWIESCHE (wie Anm. 3), S. 68ff; CRAIG (wie Anm. 8), S. 56-58.
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Arbeiterklasse noch nicht zu bestimmenden politischen Faktoren wurden. Sie waren erst im Entstehen begriffen.
Die gelegentlichen Versuche politisch aktiver Gruppen, an der politischen Gesamtsituation etwas zu verändern kamen beispielsweise beim Hambacher Fest 1832, dem Frankfurter Wachensturm von 1833 oder dem Protest der Göttinger Sieben 1837 zum Ausdruck. Dennoch konnte der unnachgiebige Fürst Metternich, seit dem Wiener Kongress von 1815 der dominierende Staatsmann Mitteleuropas, die freiheitlichen Versuche, deren Vorbilder immer wieder ähnliche Entwicklungen in Frankreich bildeten, erfolgreich abwehren. 1819 war dieses harte Durchgreifen gegen sogenannte Demagogen mit den Karlsbader Beschlüssen auf einer Versammlung des Bundes offiziell vereinbart worden. Sie sahen eine strenge Kontrolle der Universitäten, sowie eine Vorzensur aller Druckerzeugnisse unter 20 Bogen vor 10 .
Neben diesen Einschnitten in die Freiheit der Bürger, der „tödlichen Stagnation des politischen Lebens in Deutschland“ 11 führten in den Jahren unmittelbar vor der Revolution eine zunehmende Verelendung sowie Hungerkrisen zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen. Diese Not erreichte ihren Höhepunkt jedoch bereits 1846/47 und ist nicht als direkter Anlass der Revolution zu sehen.
Unmittelbarer Auslöser war letztendlich keiner der internen Faktoren, über deren Gewichtung in der Forschung durchaus Uneinigkeit herrscht, sondern ein erneuter revolutionärer Ausbruch in Paris im Februar 1848 12 . Wie bereits im Nachgang der Julirevolution von 1830 schwappte die Umbruchs-Stimmung über den Rhein und führte auch im deutschen Gebiet zum Ausbruch einer Revolution, die allgemein als Märzrevolution bezeichnet wird und sich von den Entwicklungen in den folgenden Monaten unterscheidet.
1.2. Die Märzrevolution
Es war eine fast blitzartige Aktion, in der nach Ausbruch der Barrikadenkämpfe in Paris am 22. Februar 1848 der französische König Louis Philippe gestürzt und innerhalb von drei Tagen durch eine republikanische Regierung ersetzt wurde 13 . Obgleich die Ursachen
10 Vgl.: Koch, Rainer: Deutsche Geschichte 1815-1848. Restauration oder Vormärz. Stuttgart u.a. 1985, S. 85.
11 STADELMANN (wie Anm. 7), S. 23.
12 Vgl. auch zum Folgenden: Grimm, Dieter: Deutsche Verfassungsgeschichte 1776-1866. Vom Beginn des modernen Verfassungsstaats bis zur Auflösung des Deutschen Bundes. Frankfurt/Main 1988, S. 179f.
13 Vgl.: Labrousse, Ernst: 1848,1830,1789. Wie Revolutionen entstehen. In: Hartig, Irmgard (Hrsg.): Geburt der bürgerlichen Gesellschaft: 1789. Frankfurt/Main 1979, S. 67f.
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dieser Erhebung in Frankreich in einer Krise in Getreideanbau, Textil- und Metallindustrie zu sehen sind 14 , kam der Umsturz einer Initialzündung gleich, der nun auch die deutschen Gebiete erfasste, vor allem das an Frankreich grenzende Rheinland, sowie Baden. Nur fünf Tage nach Beginn der Februarrevolution in Paris fand am 27. Februar in Mannheim eine Volksversammlung statt, auf der erste „Märzforderungen“ verabschiedet wurden und die als Beginn der Revolution in Baden gilt 15 . Diese Versammlung wiederum löste eine Woge von Protestkundgebungen, Petitionen, Märschen und Kundgebungen aus, die nach und nach alle Mittelstaaten erfasste und schließlich die Hauptstädte der beiden Großmächte, Berlin und Wien, erreichte 16 . Während die Proteste in den Städten zunächst weitestgehend friedlich verliefen, kam es auf dem Lande zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die sogenannten Märzforderungen, für die bürgerliche Protestierer auf die Straße gingen, waren überall dieselben: An erster Stelle die Pressefreiheit, daneben Vereins- und Versammlungsfreiheit, Schwurgerichte in Strafprozessen, Volksbewaffnung und Verfassungseid des Militärs, eine endgültige Aufhebung der Feudallasten, allgemeines Wahlrecht und, damit ver-bunden, eine verfassungsgebende Nationalversammlung für einen deutschen Nationalstaat 17 . Bereits im Herbst 1847 hatten Demokraten und Liberale ähnlich lautende Programme verabschiedet, wobei das sogenannte Offenburger Programm der Demokraten beispielsweise mit seiner Forderung nach einer Überwindung nicht nur des Privilegiensystems des Adels, sondern auch des Kapitals und der akademischen Bildung weiter ging als die Forderungen der Liberalen 18 .
Das Bemerkenswerte an den Märzforderungen ist jedoch, dass sie in der Regel nicht auf eine Abschaffung des bisherigen Systems zielten, sondern auf dessen Veränderung 19 . Genauso schnell wie sich der Aufstand erhoben hatte, gaben die Monarchen den Forderungen zunächst nach. Sicherlich für viele unerwartet hatten sie offenbar eine zu große Furcht, ihre Macht - oder möglicherweise sogar ihr Leben - zu verlieren. Sahen sie sich doch einer dreifachen Erhebung gegenüber, derjenigen der Bauern gegen die Grundherren, derjenigen der Handwerker und Kleinbürger gegen die Verproletarisierung sowie derjenigen der Akademiker, Schriftsteller und Advokaten gegen ein System der geistigen
14 Vgl.: LABROUSSE (wie Anm. 13), S. 74.
15 Vgl.: Nolte, Paul: Baden. In: Dipper, Christoph/Speck, Ulrich: 1848. Revolution in Deutschland. Frankfurt/Main, Leipzig 1998, S. 54.
16 Vgl. auch zum Folgenden: GRIMM (wie Anm. 12), S. 179.
17 Vgl.: Valentin, Veit: Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849. Erster Band, bis zum Zusammentritt des Frankfurter Parlaments (Nachdruck der Originalausgabe von 1930). Weinheim, Berlin 1998, S. 340ff, S. 348.
18 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 263f.
19 Vgl.: GRIMM (wie Anm. 12), S. 179f.
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Unfreiheit 20 . So kam es, dass in vielen Staaten liberale Märzregierungen gebildet wurden 21 . Zu gewaltsamen Revolutionen mit Straßenkämpfen und Toten kam es in Wien und Berlin, wo die Höfe zunächst nicht zum Einlenken bereit waren. Vor allem in Berlin spielten Armut und Hunger als weitere Unruhefaktoren eine Rolle 22 . Auf Grund der Erfolge der Aufständischen musste selbst Metternich am 13. März 1848 fliehen und kehrte erst 1851 nach Wien zurück. Die Bundesversammlung in Frankfurt am Main, das Zielobjekt der revolutionären Bewegung schlechthin 23 , zeigte sich zu Zugeständnissen bereit und auch König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen demonstrierte nach schweren Straßenkämpfen mit rund 300 Toten am 18. März in Berlin drei Tage später bei einem Umritt in der schwarzrotgoldenen Schärpe, dass er den Bürgern politisch entgegenkommen werde. Er hob die Zensur auf, versprach eine Verfassung und eine Neuorganisation des Bundes. „Preußen geht fortan in Deutschland auf“ 24 , lauteten die Worte des Königs an seine Bürger, nur wenige Tage später setzte auch er ein Märzministerium ein. Bereits am 5. März hatten in Heidelberg Liberale und Demokraten Südwestdeutschlands die Einsetzung eines Vorparlaments beschlossen 25 . Das Gremium, das am 31. März in Frankfurt zusammentrat, stand vor der Grundsatzentscheidung zwischen Revolution und Reform. Die Abgeordneten entschieden sich für einen Reformkurs. Dass die Revolutionäre nicht genug Macht und Rückhalt in der Bevölkerung für einen weitergehenden Umsturz hatten, zeigte sich in Baden, wo im April ein Aufstand von Bundestruppen niedergeschlagen wurde 26 .
Die radikalen Kräfte um Friedrich Hecker und Gustav von Struve drängten im Vorparlament darauf, dass die Versammlung so lange tage, bis sie durch ein frei gewähltes Parlament ersetzt werden könne. Ein Exekutivkomitee sollte eine Art provisorische Nationalregierung bilden. Man einigte sich schließlich auf ein Komitee aus 50 Männern, das den Bundestag kontrollieren sollte.
20 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 264f.
21 Vgl.: Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. München 4 1987, S. 596.
22 Vgl.: Robertson, Priscilla: Revolutions of 1848. A social History. Princeton ²1971, S. 110ff.
23 Vgl.: Grefe, Ernst-Hermann: Revolution oder Reform? Politik im Vorparlament und im Fünfzigerausschuss. In: Klötzer, Wolfgang/Moldenhauer, Rüdiger/Rebentisch, Dieter(Hrsg.): Ideen und Strukturen der deutschen Revolution 1848 (Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Band 54). Frankfurt/Main 1974, S.13.
24 Zit. nach.: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 599; vgl. auch zum Folgenden.
25 Vgl.: Faber, Karl-Georg: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Restauration und Revolution von 1815 bis 1851 (Handbuch der Deutschen Geschichte, Band, 3/I, 2. Teil). Wiesbaden 1979, S. 219.
26 Vgl.: LANGEWIESCHE (wie Anm. 3), S. 94.
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Der Bundestag selbst hatte alle anti-liberalen Ausnahmegesetze zu widerrufen und ein Wahlgesetz für ein Nationalparlament zu verabschieden 27 . Diese - wenn auch kaum demokratische - Wahl führte dann zum Zusammentritt des ersten deutschen Parlaments.
1.3. Das Parlament in Frankfurt
Ebenfalls auf Beschluss jener Heidelberger Versammlung vom 5. März hatte ein Siebenerausschuss per Aufruf alle ehemaligen und gegenwärtigen Mitglieder von Landtagen sowie einige geachtete Persönlichkeiten für den 30. März nach Frankfurt eingeladen. Die 574 Personen, die dem Aufruf folgten, berieten vier Tage lang als sogenanntes Vorparlament 28 . Ein Antrag Struves, die Versammlung solle sich gleich für die gesetzgebende Macht im Bund erklären, wurde abgelehnt. Stattdessen entschieden sich die Teilnehmer, als vorbereitendes Gremium der zu wählenden Nationalversammlung zu tagen und überließen bis zu dessen Eröffnung die Vertretung der Volksinteressen dem oben genannten Fünfzigerausschuss. Obwohl die Versammlung ein allgemeines und direktes Wahlrecht gefordert hatte, wobei auf jeweils 50.000 Bürger ein Abgeordneter kommen sollte, wurde die Wahl in den Einzelstaaten sehr unterschiedlich durchgeführt. Neben indirekter Wahl in einigen Staaten legte Bayern beispielsweise die Vorbedingung der Steuerzahlung für das Wahlrecht fest 29 . Der 18. Mai 1848, der Tag der Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt am Main, wird dennoch häufig als einer der größten Momente der deutschen Geschichte angesehen 30 . Es war das erste gesamtdeutsche Parlament. Mit ihm verbanden sich alle Hoffnungen auf eine Staatsgründung, auf nationale Einheit und liberale Freiheiten. Die Macht der Einzelstaaten war geschwächt, alles hing nun davon ab, ob es der Nationalversammlung gelingen würde, die Mammutaufgabe zu meistern, den Nationalstaat zu schaffen und diesem gleichzeitig eine Verfassung zu geben.
Analysiert man die Zusammensetzung der Versammlung, so wird in der Regel der Begriff „Honoratiorenparlament“ gebraucht. Von den alles in allem 830 Abgeordneten und deren Stellvertretern waren rund 550 Akademiker, denen ein einziger Bauer, ein Arbeiter und nur wenige Handwerker gegenüberstanden. Eine etwas größere Gruppe bildeten dagegen mit 110 Vertretern die wirtschaftlichen Berufe 31 . Die Abgeordneten teilten sich je nach poli-
27
Vgl.: Holborn, Hajo: Deutsche Geschichte in der Neuzeit. Band II Reform und Restauration, Liberalismus und Nationalismus (1790 bis 1871). Frankfurt/Main. 1981, S. 283f.
28 Vgl. auch zum Folgenden: GRIMM (wie Anm. 12), S. 181.
29 Vgl.: ROBERTSON (wie Anm. 22), S. 148f.
30 Vgl. auch zum Folgenden: SCHIEDER (wie Anm. 6), S. 144.
31 Vgl.: SCHIEDER (wie Anm. 6), S. 145.
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tischer Ausrichtung in verschiedene Fraktionen auf, die, wie der „Deutsche Hof“ der Radikalen oder das „Cafe Milani“ der Rechten nach ihren Tagungslokalen genannt wurden. Die Liberalen aus dem Südwesten trafen sich passenderweise im „Württembergischen Hof“ 32 . Schnell kristallisierten sich die Probleme heraus, vor denen die Nationalversammlung stand: Insbesondere die Gebietsbestimmung des neuen Staates erwies sich als schwierig, da einerseits von Deutschen bewohnte Gebiete außerhalb des bisherigen Bundes lagen, andererseits wie in Böhmen oder Triest die Frage der Eingliederung von Nichtdeutschen zu klären war.
Der häufigste Vorwurf, der den Abgeordneten gemacht wird, ist, dass sie in dieser Anfangsphase kostbare Zeit verstreichen ließen und statt zu handeln ausführlich über die Grundrechte diskutierten 33 .
Dieser Vorwurf ist jedoch nur zum Teil gerechtfertigt. Denn schon im Juni hatte das Parlament einen ersten wichtigen Schritt zur Reichsgründung getan, indem es mit dem Reichsverweser eine zentrale Gewalteninstanz schuf.
1.4. Reichsverweser und Zentralgewalt
Elementar verbunden mit der Frage einer deutschen Nation war die Frage einer Zentralgewalt. Auch hier stand die Paulskirchenversammlung vor der Entscheidung, ob man sich selbst als souverän erachtete, eine Exekutive zu schaffen, oder ob man eine Übereinkunft mit den Einzelstaaten suchen sollte 34 . Diese Frage führte zu parlamentarischen Diskussionen, würde ihre Lösung doch die zukünftige Gestalt des Staates mitbestimmen. Berühmt geworden ist innerhalb dieser Debatte Heinrich von Gagerns „kühner Griff“. Während die Linke einen Vollzugsausschuss forderte und sich die Rechte für den preußischen König als Zentralgewalt aussprach, erklärte der Präsident am 24. Juni: „Ich tue einen kühnen Griff und ich sage Ihnen: Wir müssen die provisorische Zentralgewalt selbst schaffen und wählen“ 35 .
Diese Kombination einer Wahl durch das Parlament und der damit verbundenen demokratischen Souveränität, mit einem Monarchen an der Spitze, schien ein gangbarer Ausweg: Ein „Reichsverweser“ sollte - ähnlich einem Monarchen - dem Parlament gegenüber nicht
32 Vgl.: Bußmann, Walter: Vom Hl. Römischen Reich deutscher Nation zur Gründung des Deutschen Reiches. In: Schieder, Thomas (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte, Band 5. Europa von der Französischen Revolution zu den nationalstaatlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1981, S. 498.
33 Vgl.: SCHIEDER (wie Anm. 6), S. 146.
34 Vgl. auch zum Folgenden: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 613.
35 Zit. nach: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 613.
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verantwortlich sein. Er hatte jedoch ein Reichsministerium zu berufen, das wiederum der Abgeordnetenversammlung verantwortlich sein sollte, gleichzeitig jedoch auch das Vertrauen des Reichsverwesers besitzen musste. Von Gagerns Vorschlag für das Amt des Reichsverwesers: Der österreichische Erzherzog Johann. Nachdem die Regierungen die Wahl Johanns durch die Frankfurter Versammlung anerkannt hatten und auch der Bundestag seine Kompetenzen übertrug, konnte Johann das erste Kabinett um den Fürsten Karl von Leiningen berufen 36 .
Trotz dieses Erfolgs der Revolution konnte sich das Parlament in anderen Bereichen gegenüber den Einzelstaaten nicht durchsetzen, so dass dessen Autorität letztlich beschränkt bleiben musste. Insbesondere die Weigerung einzelner Staaten, den Oberbefehl über Land- und Seestreitkräfte abzugeben, unterminierte die Macht der neuen Zentralinstanzen. Auch bei der Souveränität sowie Fragen der diplomatischen Vertretung und der Verwaltung gelang kein Durchbruch in Richtung einer stärkeren Orientierung auf das Reich 37 .
Während in der Paulskirche neben dem politischen Tagesgeschäft die Verfassungsberatungen begannen, brachte erneut die Entwicklung in anderen Ländern einen Umschwung, in dessen Verlauf die Reaktion zunehmend Oberwasser bekam. Bereits während der sogenannten Pfingstunruhen konnte Fürst Windischgrätz die Selbstständigkeitsbestrebungen in Prag blutig niederschlagen. In Italien ging Joseph Graf Radetzky von Radetz ebenso erfolgreich gegen die Nationalbewegung vor. Auch in Paris konnte General Cavaignac am 26. Juni einen Aufstand blutig niederschlagen und als Kopf einer neuen Regierung die Reste der Revolution bekämpfen 38 .
Ein weiterer der vielen Brennpunkte nationaler Bewegungen war Schleswig-Holstein. Der Konflikt zwischen Dänemark und insbesondere Preußen als Vertreter des Deutschen Bundes ließ im Spätsommer 1848 die Paulskirchenversammlung in die Defensive geraten.
1.5. Die Septemberkrise
Bereits kurz nach der Erklärung Friedrich Wilhelms IV., Preußen werde fortan in Deutsch-land aufgehen, hatte sich am 23. März in Kiel eine provisorische Regierung für das eigentlich unter dänischer Kontrolle stehende Schleswig-Holstein gebildet. Diese Entwicklung wollte der preußische Herrscher nutzen um seine deutsche Haltung zu demonstrieren. Mit
36 Vgl.: NIPPERDEY (wie Anm.21), S. 613f.
37 Vgl.: Palmade, Guy (Hrsg.): Das bürgerliche Zeitalter (Weltgeschichte, Band 27). Augsburg 2000, S. 56.
38 Vgl.: PALMADE (wie Anm. 37), S. 52-55.
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Unterstützung einiger norddeutscher Staaten rückte ein preußisches Heer in die beiden Herzogtümer ein, vertrieb die Dänen aus Schleswig und besetzte Teile Jütlands 39 . Während dieses Verhalten in Deutschland wahre Begeisterungsstürme hervorrief, führte es bei den anderen europäischen Großmächten, insbesondere England und Russland zu Beunruhigung 40 . Beide wollten die Zugänge zur Ostsee unter dänischer Kontrolle erhalten wissen. Obwohl Friedrich Wilhelm IV. letztlich keine Konfrontation mit Dänemark wagte, geriet die deutsche Nationalversammlung bei den europäischen Mächten durch dieses Verhalten in Verruf.
Auch nach innen versetzte Preußen mit seiner Schleswig-Holstein-Politik der revolutionären Sache einen schweren Schlag. Um aus der Sackgasse herauszukommen, hatte Friedrich Wilhelm IV. am 26. August 1848 mit dem Waffenstillstand von Malmö eine Übereinkunft geschlossen, ohne dabei das Parlament einzubeziehen 41 . Nach einem Sturm der Entrüstung beschloss das Parlament am 5. September, die Durchführung des Waffenstill-standes zu verbieten. Die Regierung Leiningen trat zurück, der Liberale und frühere Führer der Göttinger Sieben, Friedrich Christoph Dahlmann versuchte, ein neues Ministerium zu bilden. Dies gelang ihm nicht, so dass der Paulskirchenversammlung keine andere Wahl blieb, als den Waffenstillstand am 16. September doch noch zu billigen. Vor die Wahl gestellt, sich von Preußen brüskieren zu lassen oder einen europäischen Krieg zu riskieren, hatten sich die Abgeordneten für den Frieden entschieden. Dabei war die Haltung der Parlamentarier eigentlich eindeutig. Der Linke Robert Blum sprach sich dafür aus, lieber in Ehren unterzugehen, als den Waffenstillstand zu akzeptieren. Dahlmann prophezeite, dass Deutschland „sein ehemals stolzes Haupt nie wieder erheben“ 42 könne, wenn man die deutsche Einheit jetzt preisgebe. Obwohl nun wieder eine Regierung unter dem Österreicher Anton von Schmerling zu Stande kam, löste das Umschwenken des Parlaments in der national erregten Stimmung beim Volk eine tiefe Empörung aus 43 . In Frankfurt sammelten sich über 10.000 Menschen, die die Parlamentarier in einer Resolution als Verräter bezeichneten. Um einen Sturm auf die Paulskirche zu verhindern, setzte die Regierung Bundestruppen ein.
Das Ergebnis der darauf folgenden Barrikadenkämpfe am 18. September und damit genau ein halbes Jahr nach den Zusammenstößen in Berlin war eine Spaltung von Nationalver- 39 Vgl. auch zum Folgenden: ROBERTSON (wie Anm. 22), S. 157f.
40 Vgl. auch zum Folgenden: BUSSMANN (wie Anm. 32), S. 499f.
41 Vgl. auch zum Folgenden: Valentin, Veit: Geschichte der deutschen Revolution von 1848-1849. Zweiter Band, bis zum Ende der Volksbewegung von 1849 (Nachdruck der Originalausgabe von 1930). Weinheim, Berlin 1998, S. 147-158.
42 Zit. Nach: BUSSMANN (wie Anm. 32), S. 500.
43 Vgl. auch zum Folgenden: GRIMM (wie Anm. 12), S. 192ff.
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sammlung und Bevölkerung. Als Nutznießer erwiesen sich alsbald die Höfe, die nun ihre Chance zu einer Rückkehr an die Macht witterten. Als erstes kippte die Situation in Wien, wo sich nach Lohnkürzungen Proletarier und die bürgerliche Nationalgarde gegenüber-standen. Hof und reaktionäre Kräfte nutzten die Gunst der Stunde und nahmen die Hauptstadt mit dem loyalen Heer nach schweren Kämpfen am 30. Oktober ein. Ähnliches geschah auch in Berlin, wo sich die Bürgerwehr gemeinsam mit dem monarchischen Militär gegen den „Vierten Stand“ stellte, nachdem die Unterschichten von der Volksbewaffnung wieder ausgeschlossen werden sollten. Lang anhaltende Unruhen ermöglichten es dem König schließlich, die preußische Nationalversammlung zunächst nach Brandenburg zu verlegen und am 5. Dezember 1848 ganz aufzulösen, während er gleichzeitig eine Verfassung oktroyierte.
Den Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Revolution markierten die Septembergeschehnisse auch, weil sich der Konflikt zwischen Liberalen und Demokraten so sehr verschärfte, dass eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich war. Rote Fahnen in Frankfurt und Angriffe auf Privateigentum in Baden trieben viele Bürger in die Arme der Reaktion 44 . Sie fürchteten nun Versuche einer weitergehenden Revolution der aus ihrer Sicht „roten“ Republikaner. Es kam zu Gewaltanwendungen, Anarchie und politischen Morden. Die Unruhe der Massen, die sich vom Bürgertum in den Parlamenten nicht vertreten fühlten, rief einen Aufruhr hervor, der die Reichsregierung zu Truppenkonzentrationen veranlasste 45 . Die Gefahr eines Bürgerkriegs wurde vermutlich überschätzt, denn nur in Baden kam es zu einem weiteren Aufstand, der jedoch von badischem Militär rasch niedergeschlagen wurde. Obwohl sich das Ende aller zentralstaatlichen Bestrebungen damit bereits abzeichnete und die neuen Kräfte mit der Verteidigung der revolutionären Errungenschaften zunehmend in die Defensive gerieten - selbst Teile der Linken erklärten das Mandat der Paulskirche auf dem Demokratenkongress vom 26. bis 31. Oktober in Berlin für beendet -, setzte die Frankfurter Versammlung ihre Beratungen zur Bildung eines Nationalstaats und zur Verabschiedung einer Verfassung fort.
1.6. Grundrechte, Verfassung und Nationalstaat
Im Zeitraum vom 3. Juli bis zum 12. Oktober hatten die Parlamentarier der Paulskirche über die Grundrechte diskutiert. Am 28. Dezember wurden diese als separates Gesetz ohne
44 Vgl.: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 296.
45 Vgl. auch zum Folgenden: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 634f.
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die Verfassung verabschiedet. Die 50 Artikel bezweckten die vollständige Abschaffung noch vorhandener feudaler Strukturen und Einrichtungen 46 . Wichtigste Festlegungen waren die Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung aller Klassenvorrechte, Vereinigungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Freiheit der Forschung. Auch das Recht des habeas corpus, die Trennung von richterlicher und vollziehender Gewalt, wurde formuliert.
Am 19. Oktober begann das Parlament mit den Beratungen über die Verfassungsorganisation des Reichs. Die drei wichtigsten Punkte waren die Festlegung der Grenzen des Reichsgebiets, die Frage des Staatsoberhaupts und die Frage der Machtverteilung 47 . Schnell wurde jedoch klar, dass die Abgeordneten kaum noch mit den oben skizzierten Entwicklungen Schritt halten konnten. Während die Nationalversammlung am 27. Oktober mit überwältigender Mehrheit für die sogenannte großdeutsche Lösung unter Einbeziehung der deutschen Gebiete Österreich-Ungarns stimmte, kam in der Donaumonarchie nach dem militärischen Eingreifen in Wien durch Fürst Windischgrätz mit Fürst Felix Schwarzenberg am 21. November ein Mann in das Amt des Ministerpräsidenten, der keineswegs nationaldeutsch dachte, sondern dem vielmehr ein Großösterreich als Führungsmacht in Mitteleuropa vorschwebte 48 . Nachdem Schwarzenberg dies am 27. November im österreichischen Reichstag erklärt hatte, trat in der Folge von Schmerling als Reichsministerpräsident zurück. Er hatte die großdeutsche Lösung verfochten und war mit seinem Vorhaben gescheitert.
Sein Nachfolger wurde von Gagern, der sich fortan für das Konzept eines Doppelbundes einsetzte: Ein enger nationalstaatlicher Verband ohne Österreich sollte durch eine staatenbündische Vereinigung unter Einbeziehung der Donaumonarchie ergänzt werden 49 . Seit Dezember 1848 kam es innerhalb des Parlaments zu einer Neuausrichtung der verschiedenen Interessen. Von Schmerling, der sich weiterhin für Österreich stark machte, konnte sich der Unterstützung konservativer Katholiken versichern, von denen viele aus antipreußischen Gefühlen gegen eine kleindeutsche Lösung unter preußischer Vorherrschaft und unter Ausschluss Österreichs eintraten. Unterstützung bekam diese Gruppe auch von den Demokraten der politischen Linken, während die Mitte vor allem auf Preußen setzte 50 .
46 Vgl. auch zum Folgenden: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 292f.
47 Vgl.: Siemann, Wolfram: Die deutsche Revolution von 1848/49. Frankfurt/Main 1985, S. 192.
48 Vgl.: SCHIEDER (wie Amn. 6), S. 147f.
49 Vgl.: SIEMANN (wie Anm. 47), S. 193f.
50 Vgl.: HOLBORN (wie Amn. 27), S. 311.
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Mit dem Regierungswechsel am 15. Dezember von Schmerling zu Gagern, der zum Führer der kleindeutschen Lösung geworden war, wurde die veränderte Situation auch nach außen deutlich. Auch wenn bis in den Januar 1849 keine der beiden Gruppen die Oberhand gewinnen konnte, ließ die politische Großwetterlage vor allem in Österreich ein Aufgehen in einem deutschen Reich nicht mehr zu 51 .
Gleichzeitig beendete die verfassunggebende Nationalversammlung in den letzten Januartagen 1849 die erste Lesung des Verfassungsentwurfs. Als Staatsoberhaupt war ein aus der Zahl der herrschenden deutschen Fürsten gewählter Kaiser vorgesehen. Er sollte die Exekutivgewalt besitzen. Die Reichsminister sollten dem aus zwei Kammern, dem „Staatenhaus“ und dem „Volkshaus“, bestehenden Reichstag verantwortlich sein 52 . Die Verfassung sah eine weitgehende Autorität des Reichs vor, unter anderem in den Bereichen Auswärtiges und Militär, Zoll, Währung, Handel, Verkehrs- und Nachrichtenwesen.
Dem Kaiser wurde lediglich ein suspensives Veto eingeräumt, ein Oberster Gerichtshof blieb auf politische Probleme und das Wächteramt über die Verfassung beschränkt. Vor allem die Ereignisse in Österreich beeinflussten jedoch zunehmend die Entwicklung. Nach der Auflösung des dortigen Reichstags in Kremsier und dem Erlass einer Verfassung wurden alle Pläne für einen föderativen Aufbau des Habsburgerreiches und alle Aussichten auf eine großdeutsche Lösung Makulatur.
Die zeitweise bestehende Koalition zwischen Großdeutschen und Linken zerbrach dann im März, als Österreich die Forderung stellte, als Gesamtstaat dem neuen Reich beizutreten. Auch Schmerling distanzierte sich nun von der Schwarzenbergschen Linie. Karl Theodor Welcker, einer der führenden Liberalen, wechselte ins kleindeutsche Lager, da mit Österreich ein Bundesstaat, ein Parlament und eine freiheitliche Verfassung nicht mehr zu machen waren 53 .
Durch diese erneute Umformierung der Fraktionen konnten die linken Demokraten noch einmal wesentlichen Einfluss auf die Verfassung nehmen. Der „Pakt“ zwischen dem radikalen Demokraten Heinrich Simon und Heinrich von Gagern führte nicht nur zu einer Wahlrechtsänderung hin zu einem demokratischeren Wahlmodus als ursprünglich vorgesehen 54 . Nun sollten allgemeine, gleiche und geheime Wahl garantiert werden. Es wurde auch
51 Vgl. auch zum Folgenden: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 658.
52 Vgl. auch zum Folgenden: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 312f.
53 Vgl.: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 659.
54 Vgl. auch zum Folgenden: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 314. Gegen die Erblichkeit hatte sich insbesondere auch der Württemberger Ludwig Uhland gewandt; vgl.: Zeller, Bernhard: Ludwig Uhland. Dichter, Gelehrter, Politiker. In: ZWLG 42 (1988), S. 396f.
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ein absolutes Veto des Kaisers aus dem Entwurf gestrichen. All dem mussten die Liberalen wohl oder übel zustimmen, waren sie doch auf die Stimmen der Demokraten angewiesen um den preußischen König zum Kaiser zu wählen. Auch die Frage nach dem zukünftigen Modus der Kaiserfindung war lange umstritten gewesen.
Am 27. März war es dann so weit: Mit der denkbar knappen Mehrheit von 267 zu 263 Stimmen wurde die Verfassung angenommen und das Erbkaisertum verabschiedet 55 . Damit hatte die Nationalversammlung allein gehandelt, ohne die Zustimmung der Einzelstaaten einzuholen, wenngleich von Gagern im Januar die Regierungen um eine Stellungnahme zum ersten Entwurf gebeten hatte. Während einige Länder, darunter auch Württemberg, den Entwurf damals abgelehnt hatten, zeigte sich die Mehrzahl, vor allem auch Preußen, grundsätzlich zur Zustimmung bereit.
Nach der Wahl zum Kaiser hatte Friedrich Wilhelm IV. seine Meinung jedoch geändert und wollte sich mit diesem Parlament nicht mehr gemein machen.
1.7. Ablehnung der Kaiserkrone und Scheitern der Revolution
Nur einen Tag nach der Abstimmung über die Verfassung hatte die Frankfurter Versammlung Friedrich Wilhelm IV. mit 290 Stimmen bei 248 Enthaltungen zum deutschen Kaiser gewählt. Eine ideologisch und regional möglichst repräsentative Abordnung des Hauses sollte dem bisherigen preußischen König die Kaiserkrone offiziell antragen 56 . Während der feierlichen Audienz am 3. April 1849 verlas Eduard von Simson, seit Dezember 1848 der Präsident der Versammlung, die Botschaft, nach der die von der Nationalversammlung beschlossene Verfassung als Ganzes verkündet und die vorgesehene Erbkaiserkrone ihm, Friedrich Wilhelm, verliehen worden sei. Dem feierlichen Anlass angemessen hielt sich der König in seiner Antwort zurück, ließ jedoch erkennen, dass er erst dann zustimmen könnte, wenn ihn die Fürsten und Freien Städte Deutschlands dazu aufforderten. Es sei nun an den einzelnen Regierungen, die Verfassung zu prüfen. Die Delegation interpretierte diese Antwort des Königs als das, was sie war: Die Ablehnung der Krone und die - zumindest vorläufige - Nicht-Anerkennung der Verfassung. In einem Brief an Christian Karl Josias Freiherr von Bunsen wurde der König ohnehin deutlicher: „Man nimmt nur an oder schlägt aus eine Sache, die geboten werden kann, -
55 Vgl. auch zum Folgenden: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 659f.
56 Vgl. auch zum Folgenden: Eyck, Frank: Deutschlands große Hoffnung. Die Frankfurter Nationalversammlung 1849/49. München 1973, S. 448f.
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und Ihr da habt gar nichts zu bieten: Das mach’ ich mit meines Gleichen ab; jedoch zum Abschied die Wahrheit: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ 57 . In weiteren Briefen ließ Friedrich Wilhelm alle Zurückhaltung fahren und sprach von einem „Hundehalsband“ mit dem man ihn unauflöslich an die Volkssouveränität fesseln wolle 58 . Als eine Krone mit dem „Ludergeruch der Revolution“, dem „imaginären Reif aus Dreck und Letten gebacken“ hatte der preußische Herrscher das Kaisertum bereits im Dezember bezeichnet 59 .
Schlagartig war damit die Politik der Paulskirchen-Mehrheit gescheitert und das Ende des ersten deutschen Parlaments kaum noch aufzuhalten. Von Gagern und seine Mitstreiter hofften zunächst, mit einer Vermittlung, einer Revision der Verfassung und der Zustimmung der anderen Fürsten den König zum Umdenken bewegen zu können. Doch weder der preußische Herrscher noch das Parlament ließen sich auf das Verfahren ein 60 . Dennoch schien für einen Moment noch nicht alles verloren, da eine Vielzahl von Staaten der Verfassung zustimmte, zum Teil allerdings unter dem Druck der radikalen Demokraten und ihrer „Reichsverfassungskampagne“, mit der sie erneute Kämpfe, die sogenannten Maiaufstände heraufbeschworen.
1.8. Letztes Aufflackern der Revolution und Sieg der Reaktion
Bereits seit November 1848 hatten sich Radikale im „Zentralmärzverein“ zusammengetan, entschlossen für die Errungenschaften der Revolution wenn nötig auch mit Waffengewalt zu kämpfen. So kam es ein weiteres Mal zu zahlreichen Erhebungen, als sich der Sieg der Reaktion abzuzeichnen begann. In Sachsen, in der Pfalz und in Baden konnten Aufständische kurzfristig Siege erringen, wurden aber von den jeweiligen regierungstreuen Truppen rasch besiegt. Auch der württembergische König musste sich zwischenzeitlich dem Druck der Straße beugen und die Paulskirchenverfassung anerkennen. Zum Sinnbild des dramatischen Kampfes um Verfassung, Grundrechte und die Erfolge des Umschwungs aus dem Jahr zuvor wurde die Belagerung der Bundesfestung Rastatt, wo 6000 Mann bis zum 23. Juli 1849 Widerstand leisteten. Dann hatte auch hier die Reaktion gesiegt und die Revolution des deutschen Volkes von 1848/49 war zu Ende 61 .
57 Zit. nach: GRIMM (wie Anm. 12), S. 205.
58 Zit. nach: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 315.
59 Zit. nach: SIEMANN (wie Anm. 47), S. 201.
60 Vgl.: NIPPERDEY (wie Anm. 21), S. 661.
61 Vgl.: HOLBORN (wie Anm. 27), S. 317ff.
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Dabei war die Situation bei dieser dritten Aufstandswelle eine andere gewesen, als im Jahr zuvor. Aus Sicht des Parlaments galt die Verfassung vom 28. März als beschlossen und damit als geltendes Recht. Die Frage jedoch, wie sich die Versammlung gegenüber den Einzelregierungen und den Aufständischen verhalten solle, führte im Parlament zum Bruch, als am 4. Mai mit knapper Mehrheit der Beschluss gefasst wurde, Regierungen und Volk zur Anerkennung und Durchsetzung der Verfassung aufzufordern 62 . Auch das Parlament selbst zeigte erste Auflösungserscheinungen: Am 10. Mai trat von Gagern als Ministerpräsident zurück, da er sich für einen legalen Weg einsetzte. Der Reichsverweser versuchte, mit dem rechten Kandidaten Wilhelm Grävell einen Gegenpol zu der zunehmenden Macht der Radikalen zu schaffen. Ihm wurde jedoch das Misstrauen ausgesprochen 63 .
Noch im April hatte es Bemühungen um eine Verhandlungslösung gegeben, denen sich auch Preußen anschloss, während Österreich und die vier Königreiche Gespräche abgelehnt hatten. Dennoch hatten am 14. April 28 Regierungen kollektiv ihre Zustimmung zur Verfassung erklärt. Preußen lehnte die Verfassung jedoch endgültig ab, während das Parlament für den 15. Juli zu den ersten Reichstagswahlen aufrief 64 . Daraufhin erklärte Preußen am 14. Mai die Mandate seiner Abgeordneten für erloschen. Weitere Länder folgten dieser Linie, viele konservative und gemäßigte Abgeordnete schieden aus der Versammlung aus. Das Ende der Nationalversammlung stand bevor. Am 24. Mai musste die Beschlussfähigkeit auf die Anwesenheit von 100 Abgeordneten gesenkt werden, da nur noch 155 Parlamentarier - mehrheitlich extremer Ausrichtung - anwesend waren 65 . In Verkennung der Realität beschloss man sogar noch die Wahl einer fünfköpfigen Reichsregentschaft. Die übrig gebliebenen linken Abgeordneten verlegten das „Rumpfparlament“ am 30. Mai nach Stuttgart. Dort stellten sich schließlich sogar der dem linken Zentrum angehörende württembergische Ministerpräsident Friedrich Römer und seine Ministerkollegen gegen die Versammlung. Das Rumpfparlament wurde am 18. Juni vom württembergischen Militär gesprengt 66 .
62 Vgl.: SIEMANN (wie Anm. 47), S. 205.
63 Vgl.: EYCK (wie Anm. 56), S. 451.
64 Vgl.: GRIMM (wie Anm. 12), S. 205f.
65 Vgl.: EYCK (wie Anm. 56), S. 451f.
66 Vgl.: EYCK (wie Anm. 56), S. 452.
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1.9. Ergebnis der Revolution
Das Ergebnis der Revolution scheint eindeutig: Sowohl die Kämpfer als auch die Reformpolitiker von 1848 scheiterten. Dies ist die einhellige Meinung der Historiker. Exemplarisch für ihr Urteil über die Ereignisse von 1848/49 steht beispielsweise Theodore Hamerow. Er konstatiert: Die Revolution „scheiterte schließlich so furchtbar und so vollständig“ 67 .
Guy Palmade stellt fest, dass der Absolutismus in Mitteleuropa unter dem Deckmantel der Verfassungen wieder an die Macht gekommen sei 68 .
Die Frage, die immer wieder auftaucht, ist, wie eine Revolution zunächst so schnell siegen konnte um dann mit so wenig Mühe niedergeschlagen zu werden 69 .
Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es, wie so oft, nicht. Ein Bündel von Ursachen, die zum Scheitern der Revolutionen in Europa führten, zählt Dieter Langewiesche auf: Zielkonflikte zwischen den einzelnen revolutionären Gruppen etwa, oder die zum Teil zukunfts-, zum Teil aber auch rückwärtsgerichteten Ziele quer durch die verschiedenen Lager. Diese Problemfülle sei in der kurzen Zeit, die den Revolutionären zur Verfügung stand, nicht zu lösen gewesen 70 .
Weit verbreitet ist in diesem Zusammenhang auch das Argument, das “Professorenparlament” in Frankfurt habe mit seinen Debatten kostbare Zeit verschwendet. Anderson gibt dazu zu bedenken: „The accusation that the Frankfurt professors wasted time in arguing constitutional niceties and debating abstract ideas instead of acting is easily pressed too far. But it did mean that the assembly was not and could not hope to be representative of the German people as a whole” 71 .
Blackbourn und Eley dagegen wenden sich gegen die gängigen Ansichten vieler (deutscher) Historiker, indem sie die häufig formulierte Notwendigkeit einer bürgerlichen Revolution ebenso in Frage stellen, wie das englisch-französische Vorbild für Deutschland 72 .
67 Hamerow, Theodore: 1848. In: Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Die deutsche Revolution von 1848/49 (Wege der Forschung, Band 164). Darmstadt 1983, S.115.
68 Vgl.: PALMADE (wie Anm. 37), S. 62.
69 Vgl.: Canis, Konrad: Die preußische Gegenrevolution. In: Hardtwig, Wolfgang (Hrsg.): Revolution in Deutschland und Europa 1848/49. Göttingen 1998, S. 161. Canis bezieht sich hier auf Friedrich Meinecke.
70 Vgl.: LANGEWIESCHE (wie Anm. 3), S. 110ff.
71 Anderson, Matthew Smith: The Ascendancy of Europe 1815-1914. London, New York 1985, S. 88.
72 Vgl.: Eley, Geoff: Deutscher Sonderweg und englisches Vorbild. In: Blackbourn, David/Eley, Geoff: Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1980, S. 11-14.
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Ironisch fügt Blackbourn hinzu, die deutschen Historiker hätten entgegen Rankes Maxime mehr darüber geschrieben, „wie es eigentlich nicht gewesen“ 73 . Bedeutungsvoll wird diese Kritik, wenn man den weiteren Verlauf der Geschichte mit einbezieht. So warnt Eley da-vor, eine stringente Kontinuität vom 19. Jahrhundert bis zum dritten Reich zu konstruieren 74 . Stattdessen plädiert er dafür, die „bürgerliche Revolution von oben“, der 1860er und 1870er Jahre als die deutsche Variante der bürgerlichen Revolution anzuerkennen. Trotz ihres Scheiterns stellten die Revolutionsjahre dennoch einen Wendepunkt dar. Der geringschätzige Umgang des Bürgertums mit den Arbeitern und ihren Interessen stieß einen Politisierungsprozess dieser Schicht an, der nicht mehr rückgängig zu machen war 75 . Bei den Bürgern hatte sich auf der anderen Seite die Furcht eingenistet, durch die Ansprüche des Proletariats in ihrer Klassenexistenz gefährdet zu sein. So war die Revolution von 1848 zugleich die letzte, in der sich das Bürgertum zu revolutionären Maßnahmen hinreißen ließ. Ungelöst blieb dagegen die Frage der Nationenbildung. Erst mit der Reichsgründung von 1870/71 wurde sie schließlich nachgeholt. Als kleinen Teilsieg innerhalb der Niederlage kann man den Revolutionären anrechnen, dass nicht alle Reformen der Revolutionsjahre, wie beispielsweise die Bauernbefreiung, nach 1849 zurückgenommen wurden.
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Vgl.: Blackbourn, David: Wie es eigentlich nicht gewesen. In: Blackbourn, David/Eley, Geoff: Mythen deutscher Geschichtsschreibung. Die gescheiterte bürgerliche Revolution von 1848. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1980, S. 71.
74 Vgl. auch zum Folgenden: ELEY (wie Anm. 72), S. 54-57.
75 Vgl. auch zum Folgenden: LANGEWIESCHE (wie Anm. 3), S. 112f.
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2. Die Revolution im Königreich Württemberg
Nach diesem schlaglichtartigen Überblick über den Verlauf der deutschen Revolution von 1848/49 als Ganzes, wird sich das folgende Kapitel mit den Besonderheiten und Entwicklungen im Königreich Württemberg beschäftigen. Dabei wird sich zeigen, dass es in diesem Land signifikante Unterschiede zu anderen Mittelstaaten gab. Diese besonderen Faktoren werden später bei der Interpretation der Berichterstattung zu berücksichtigen sein.
2.1. Die Ausgangslage in Württemberg
Zwischen Bodensee und Tauber, Schwarzwald und Kraichgau gelegen, war das Königreich Württemberg in der Form, wie es sich Mitte des 19. Jahrhunderts darstellte, noch sehr jung 76 . Ein neu entstandenes Gebiet, zu dessen altwirtembergisch-evangelischen Stamm-land im Zuge der napoleonischen Eingriffe evangelische und katholische Reichsstädte, geistliche (katholische) Gebiete und Kleinfürstentümer hinzugekommen waren 77 . 1803 war es unter Friedrich I. Kurfürstentum geworden, im Dezember 1805 Königreich und Mitglied des Rheinbunds. 1816 trat Württemberg, das in Bezug auf seine Größe zu den sogenannten Mittelstaaten gezählt wurde, dem Deutschen Bund bei. 1819 erhielt es eine Verfassung, die bis zur Revolution in Kraft blieb.
Darin wurde die erbliche Monarchie festgeschrieben, in der der Monarch alle Rechte der Staatsgewalt auf sich vereinigte 78 . Über den Landtag waren die Bürger an der Willensbildung beteiligt. In der ersten Kammer saßen vom König ernannte oder durch Geburt berechtigte Vertreter. Die Abgeordneten der zweiten Kammer wurden von den volljährigen, Steuer zahlenden Bürgern gewählt. Ein parlamentarisches Recht zur Gesetzesinitiative gab es nicht, auch durfte sich der Landtag nicht selbst versammeln, sondern nur nach Einberu-
76 Die Einwohner Württembergs, die Schwaben, charakterisiert VALENTIN (wie Anm. 17), S. 144 als „[...] ernster beschwert als die Franken, herber, kerniger als das Gemisch der Rheinebene, klüger und feiner als die Bayern, bewegter, beschwingter als die Niedersachsen, gerader, zäher als die Obersachsen. Das Volk der Käuze und Grobiane, der Glaubenseiferer und Versedrechsler, das Volk der vorsichtigen unermüdlichen Tatkraft [...], das die wunderlichst geschnitzten Murrköpfe und Sauertöpfe, Kreuzschläger und Quertreiber, Kampfhähne und Lästermäuler, Vaganten und Pfahlbürger hervorgebracht hat, dem aber ebenso sehr dichterisch lebendigste Gestaltung, gedanklich tiefste Erkenntnis erreichbar war. Die Schreiber waren hier schreibseliger, die Schulmeister wissensstolzer, die Advokaten rechthaberischer, die Bauern geiziger, die Kaufleute raffgieriger als sonst wo in Deutschland, ein Fremder kam niemals recht hinein und wurde keinesfalls fertig. Aber gekonnt und geschaffen wurde etwas hier [...] Stolz auf das Rechte und Sinn für gleiches ehrliches Spiel war eingewurzelt - staatsbürgerliche Arbeit, freie deutsche Gesinnung mußte hier aufblühen“.
77 Vgl.: Mann, Bernhard: Revolution und Nationalbewegung in Württemberg 1848/49. In: ZWLG 58 (1999), S. 185.
78 Vgl. auch zum Folgenden: Fenkse, Hans: Der liberale Südwesten. Freiheitliche und demokratische Traditionen in Baden und Württemberg 1790-1933 (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 5). Stuttgart u.a.1981, S. 41f.
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fung durch den Monarchen. Höchste beratende Staatsbehörde war der Geheime Rat, bestehend aus Ministern und vom König ernannten Räten. An Grundrechten wurden den Württembergern unter anderem die Rechtsgleichheit, die Freiheit der Person, Sicherung des Eigentums, Unabhängigkeit der Justiz, Gewissens-, Presse- und Auswanderungsfreiheit sowie ein Beschwerderecht gegen administrative Verfügungen zugestanden. Dennoch steht die Verfassung ausdrücklich in Kontinuität zu den ständischen Traditionen des Landes 79 . Das Inkrafttreten der Konstitution fiel in den Beginn der Regentschaft Wilhelms I., der 1816 seinem Vater Friedrich I. auf den Thron gefolgt war. Wilhelm starb 1864 und blieb damit während der gesamten Vormärz- und Revolutionszeit Staatsoberhaupt. Valentin bezeichnete Wilhelm als „eine der merkwürdigsten Gestalten der damaligen deutschen Fürstenwelt, [...] ein falscher Biedermann, ein Gschaftlhuber [...], der durch seinen persönlichen Scharm auch manchen augenblicklichen Erfolg errang, der auf die Dauer aber zu nichts kommen konnte, weil er mit unwirscher Naivität die anderen immer für dümmer hielt, als sich selbst [...]“ 80 . Generell gehört Wilhelm zu den in der Geschichtsschreibung umstrittensten Monarchen seiner Zeit 81 .
Zur Verwaltung war Württemberg bereits von Friedrich I. in über 60 Oberämter eingeteilt worden, die zunächst in 12 Landvogteien, ab 1818 in vier Regierungskreise zusammengefasst wurden 82 .
Wie oben erwähnt, gab es in Württemberg offiziell bereits in der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts Pressefreiheit. Ein Gesetz über die Pressefreiheit datierte sogar schon auf den 30. Januar 1817. Dennoch blieb Zensur unter bestimmten Bedingungen erlaubt und wurde in der Folge der Karlsbader Beschlüsse durch Verordnungen immer strikter durchgeführt, weshalb die Situation in Bezug auf die tatsächliche Gewährung von Grundrechten im Alltag auch in Württemberg von vielen als nicht befriedigend angesehen wurde und die Verwirklichung der Pressefreiheit auch im Südwesten eine zentrale Forderung von Liberalen und Demokraten blieb 83 .
Dennoch brachte Württemberg zusammen mit anderen süddeutschen Staaten mit seinem Frühkonstitutionalismus eine neue Variante der konstitutionellen Monarchie hervor, wenn auch die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger bei eingeschränkten Parlamentsrechten und
79 Vgl.: Press, Volker: Landstände des 18. und Parlamente des 19. Jahrhunderts. In: Berding, Helmut/ Ullmann, Hans-Peter (Hrsg.): Deutschland zwischen Revolution und Restauration. Düsseldorf 1981, S. 153.
80 VALTENIN (wie Anm. 17), S. 143.
81 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 245.
82 Vgl.: Waibel, Raimund: Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg - Böblingen auf dem Weg in die Moderne. In: Lorenz, Sönke/Scholz, Günther: Böblingen. Vom Mammutzahn zum Mikrochip (Gemeinde im Wandel, Band 14). Filderstadt 2003, S. 227.
83 Vgl.: FENSKE (wie Anm. 78), S. 57f.
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nur rund 14 Prozent aktiver Wählerschaft begrenzt blieben. Diese auf den ersten Blick niedrige Zahl bedeutete zur damaligen Zeit einen Demokratievorsprung selbst gegenüber England und Frankreich, weshalb sich die südwestdeutschen Liberalen bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts auf die parlamentarische Arbeit konzentrierten, hinter der das nationale Engagement zurückstand 84 .
Ab 1830, nach Jahren der Restauration, wurde dann die „intensive Auseinandersetzung mit der erneut aktuell gewordenen demokratischen und nationalen Revolution“ 85 sichtbar, in deren Hintergrund außerdem eine soziale Spannung lag. Im Verlauf der 30er Jahre trat mit Johannes Schlayer, Friedrich Römer und Paul Pfizer eine neue Generation von Politikern auf, während sich breitere Bevölkerungsschichten am politischen Leben beteiligten, die Bürokratie in die Defensive geriet und der König im Lauf der Jahre konservativer wurde 86 . Oppositionelle Bewegungen erstickte Wilhelm I. im Keim, auch die Mitgliedschaft im Deutschen Zollverein ab 1834 wurde von Zeitgenossen nicht als ein Akt des Liberalismus aufgefasst.
Die Auswirkungen der Revolution von 1830/31 waren in Württemberg zu spüren. Die Bürgerschicht hatte Angst vor Massenunruhen, dennoch wurde Kritik an Verwaltung und Steuerbelastung geäußert 87 . Das Engagement auch vieler Württemberger für die polnische Nationalbewegung führte zu neuen politischen Organisationsformen, die Anzahl und die Leserschaft der Zeitungen nahmen zu 88 .
Seit den Landtagswahlen von 1831 konnte man von den Ansätzen einer organisierten Opposition sprechen, zu deren Koordinierungsinstrument sowohl für Liberale als auch Demokraten die von Rudolf Lohbauer redigierte Stuttgarter Abendzeitung Hochwächter wurde. Ab Januar 1833 wurde aus dem Hochwächter der Beobachter, jahrzehntelang das Organ der schwäbischen Demokratie 89 . Aus den Wahlen gingen die fortschrittlichen Kräfte als Gewinner hervor. Sie konnten über die Hälfte der Mandate erringen. Angesichts dieses Ergebnisses zögerte die Regierung noch, den neuen Landtag einzuberufen, als sich die poli-
84 Vgl.: LANGEWIESCHE (wie Anm. 3), S. 64.
85 Mann, Bernhard: Württemberg von 1800 bis 1866. In.: Schwarzmaier, Hansmartin (Hrsg.): Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, Band 3. Vom Ende des Alten Reiches bis zum Ende der Monarchien. Stuttgart 1992, S. 292.
86 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 293.
87 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 294.
88 So fiel auch die Gründung der beiden Lokalzeitungen in diesen Zeitraum, s.u., Kap. 3.
89 Vgl.: FENSKE (wie Anm. 78), S. 60f. Fenske zitiert an dieser Stelle ein anschauliches Beispiel, wie man versuchte die Zensur zu umgehen: In einer Werbeannonce pries der Drehermeister Merkauf sein Kinderspielzeug, Ständekammern nach dem Stuttgarter Muster mit allen Abgeordneten des Jahres 1839: „Obgleich es viele Figuren sind, wiegt das Ganze doch nicht viel, weil ich solche von Pappelholz und inwendig hohl ausgearbeitet habe“.
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tische Großwetterlage durch das Hambacher Fest am 27. Mai 1832 aus Sicht der Liberalen und Demokraten weiter verschlechterte.
Am 31. Juli 1832 wurde Johannes Schlayer Chef des Innen- und Kultusministeriums und wirkte bis zu Beginn der Revolution im März 1848 als tatsächlicher Premierminister und bestimmende Persönlichkeit neben Wilhelm I. 90 . Die Eröffnung des „vergeblichen Landtags“ 91 am 15. Januar 1833 geriet nicht nur zu einer Bewährungsprobe für Schlayer, sondern auch zu einem Aufbäumen der Opposition. Die Abgeordneten Albert Schott und Ludwig Uhland forderten die Rückkehr zur Pressefreiheit 92 , Paul Pfizer 93 bestritt die Rechtmäßigkeit der sechs Artikel des Deutschen Bundes, die unter anderem die Parlamentsrechte einschränkten sowie politische Vereine und Versammlungen verboten. In der Abstimmung musste die Regierung eine Niederlage hinnehmen, woraufhin der König im Geheimen Rat die Auflösung des Landtags durchsetzte.
Die Landtage von 1833, 1836 und 1838 waren geprägt von konservativer Modernisierungspolitik, einzelne Abstimmungserfolge der Opposition blieben folgenlos. Viele Liberale Abgeordnete kehrten dem Landtag enttäuscht den Rücken 94 . Unter dem seit 1831 amtierenden Präsidenten des Geheimen Rats Eugen Freiherr von Maucler wurde das konstitutionelle System durch allmähliche Verlagerung der Entscheidungen in die Exekutive weiter geschwächt.
Der gleichzeitige Reformkurs führte zu einer Situation, in der sich ein verfassungspolitisch vorwärtsdrängender, sozial und ökonomisch aber konservativ geprägter Liberalismus und die autokratische Reformbürokratie mit ihrer auch gegen die alten Führungsschichten durchgesetzten Bürokratisierung im Zuge des wirtschafts-, sozial- und bildungspolitischen Modernisierungskurses gegenüberstanden 95 .
Obwohl im Land zum Wechsel des Jahrzehnts noch keine Anzeichen einer aufziehenden Krise zu erkennen waren, verschärfte sich auch in Württemberg das Problem der Armut. Einen ersten Höhepunkt erreichte der um sich greifende Pauperismus in den Hungerkrawallen im Mai 1847, vor allem in Ulm, Stuttgart und Tübingen. Denn neben den Missernten bei Getreide und Kartoffeln hatte die erste Überproduktionskrise eine Entlassungswelle
90 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 295f.
91 Ein von der damaligen Regierungspublizistik geprägter Begriff.
92 Zeitgenössisch wurde häufig von „Preßfreiheit“ gesprochen.
93 Pfizer war vor allem durch den „Briefwechsel zweier Deutscher“ bekannt geworden, indem er sich für eine preußische Vorherrschaft einsetzte. Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 215f.
94 Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 296f.
95 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 245f. Zu diesem vom König vorangetriebenen Modernisierungsprogramm gehört nicht nur der in den 1840er Jahren begonnene Eisenbahnbau und eine fabrikmäßiger Umbau der Gewerbe, sondern auch die Gründung der Königlichen Gewerbeschule Stuttgart 1832 - der heutigen Universität.
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ausgelöst 96 . Den Protesten schlossen sich auch industriefeindliche, notleidende Handwerksmeister und Gesellen an, die sich durch den Fortschritt in ihrer beruflichen Existenz bedroht sahen. Die politisch dominanten Kräfte erkannten in der gewaltbereiten Unterschicht einen politischen Faktor. Zur Unterdrückung der Gewalttätigkeiten hofften die Liberalen einerseits im Bündnis mit der Regierung auf Zugeständnisse seitens des Königs, während sie andererseits mit den Besitzlosen liebäugelten um die Bürokratie zu weiteren Konzessionen zu zwingen 97 . Ein riskantes Vorgehen, das in einer Spaltung der oppositionellen Kräfte in Liberale und Demokraten endete. Im religiösen Bereich wuchsen die Gegensätze zwischen Pietismus und Rationalismus, sowie zwischen der katholischen Kirche und dem Staat.
Nachdem der geheime Rat die Berichterstattung der Zeitungen zur Landtagswahl 1844 gestattet hatte, konnte die Opposition mit rund einem Drittel der Sitze wieder im Parlament einziehen. All diese Entwicklungen lassen erkennen, dass sich Württemberg also bereits am Vorabend der Revolution in einer Krise befand, in der höchst unterschiedliche Gesellschaftsschichten mit höchst unterschiedlichen Zielen nur ein Wunsch verband: Der nach mehr Partizipation 98 .
2.2. Verlauf der Revolution im Königreich
2.2.1. Die Märzforderungen
Unter diesen Vorzeichen traf die Revolution Anfang des Jahres 1848 Württemberg und veranlasste den „Nationalhelden“ Ludwig Uhland zu seiner berühmt gewordenen Formulierung „der Sturm ist in die Zeit gefahren“ 99 . Die Politik, die nun auf die Agenda kam, war nicht neu, sie war von vielen seit langem gefordert und vorbereitet worden. Im „Stuttgarter Programm“ einer Wählerversammlung vom 17. Januar 1848 wurden Forderungen formuliert, die - auf württembergische Verhältnisse bezogen - den späteren Märzforderungen bereits stark ähnelten: Eine einheitliche Gesetzgebung innerhalb des deutschen Zollvereins wurde ebenso verlangt, wie dessen Ausdehnung auf ganz Deutschland, die Errichtung deutscher Konsulate, eine Verbesserung des Unterrichts, die Vereinfachung der Staatsver- 96 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 246f.
97 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 298ff.
98 Vgl.: KOCH (wie Anm. 10), S. 247.
99 Zit. nach: Mann (wie Anm. 85), S. 301. Der Ausdruck „im Sturm der Zeit“ wurde rasch zu einem gebräuchlichen Synonym für den März 1848. Als einen „ bürgerlichen Nationalhelden“ seiner Zeit charakterisiert Langewiesche Uhland; vgl.: Langewiesche, Dieter: Vom Scheitern bürgerlicher Nationalhelden. Ludwig Uh-land und Friedrich Ludwig Jahn. In: HZ 278/2 (2004), S. 375-397.
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waltung, ein aktives Wahlrecht aller Steuerzahler, die Öffentlichkeit von Gemeinderatsver-handlungen, die Abschaffung der Lebenslänglichkeit von Gemeinderäten und Ortsvorstehern, Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinsrecht oder die Ablösung des Zehnten und anderer Grundlasten 100 . Für den Stuttgarter Landtag wollte man eine Abschaffung der Kammer der Standesherren erreichen, die durch eine reine Volkskammer ersetzt werden sollte 101 .
Als dann im März die Revolution in Paris ausbrach, sah sich König Wilhelm alarmiert. Er aktivierte seine Gesandten und Diplomaten, suchte die Nähe zum russischen Kaiser und erwog sogar einen Antrag beim Deutschen Bund zur Verteidigung des Vaterlands 102 . Eine Mobilmachung des württembergischen Heeres schied jedoch aus Geldmangel aus. Noch am 1. März fielen Berichte im Beobachter über die Situation in Baden der Zensur zum Opfer, am Tag darauf hatte der König die Pressefreiheit wieder hergestellt. In den folgenden Tagen kam auch unter den Schwaben Unruhe auf, Petitionen und Adressen wurden massenweise verfasst - einige aus Solidarität mit dem König, andere mit liberalen Forderungen. Keine jedoch rief zu einer echten Revolution auf, vielmehr ging es um die immer gleichen liberalen Forderungen 103 .
Anders als Baden, Wien oder Berlin, war Württemberg jedoch kein Zentrum der Ereignisse, sondern eher „revolutionäre Provinz“ 104 , wenn auch „links“ orientiert.
2.2.2. Das württembergische Märzministerium
Am 5. März entschloss sich Wilhelm zu einer Kabinettsumbildung: Der Konservative und katholische Kirchenratspräsident Joseph Freiherr von Linden sollte Schlayer ersetzen. Öffentlichkeit und Ministerialbürokratie reagierten ablehnend, von Linden war nicht durchsetzbar 105 .
Derweil verschärfte sich die Lage im Land weiter: Außenminister Karl Joseph Ignaz Graf von Beroldingen bat beim preußischen Gesandten um Beistand. Die Bauernaufstände in Baden griffen nach Württemberg über. In Niederstetten wurde das fürstliche Schloss niedergebrannt, im hohenlohischen Weinsberg, einem der alten Unruhegebiete des Bauern- 100 Vgl.: VALENTIN (wie Anm. 17), S. 348.
101 Vgl.: MANN (wie Anm. 77), S. 184.
102 Vgl. auch zum Folgenden: VALENTIN (wie Anm. 17), S. 349f.
103 Vgl.: Mann, Bernhard: Die Württemberger und die deutsche Nationalversammlung 1848/49 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 57). Düsseldorf 1975, S. 16-19.
104 Kuhn, Axel: Die Revolution in Württemberg 1848/49. In: Maier, Gerald/Krazeisen, Thomas (Hrsg.): Leben mit Vergangenheit. Jahrbuch des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V., Band 1. Calw 2000, S. 11.
105 Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 302.
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kriegs von 1525, warfen Aufständische Akten und Papiere der Behörden in die Flammen. In das ebenfalls unruhige Heilbronn wurde ein Kavallerieregiment verlegt, für Ulm bat Wilhelm um Unterstützung aus Vorarlberg und Bayern 106 .
Doch der König scheute den Entscheidungskampf und entschloss sich am 8. März zur Einrichtung eines echten „Märzministeriums“, was die Pietisten bis zum Schluss zu verhindern suchten. Die Liberalen Gustav von Duvernoy und Paul Pfizer sollten das Innen-und das Kultusministerium übernehmen. Beide waren bereit die Ämter anzutreten, wenn Wilhelm auch Friedrich Römer ins Kabinett berufe. Dieser wurde schließlich Justizminister und Regierungschef. Lediglich Kriegsminister Johann Georg Graf von Sontheim und Außenminister Graf Beroldingen aus der vorherigen Regierung behielten ihre Ämter. Zwei Ressorts, die - ging es nach Römer - ohnehin bald abgeschafft werden sollten. Über die Richtung, welche die Liberalen einschlagen wollten, bestand Einigkeit: Man wollte Re-formen durchführen und gleichzeitig die Anarchie bekämpfen 107 . Vom Beobachter scharf kommentiert wandte sich das Märzministerium am 11. des Monats mit einem von Pfizer formulierten Regierungsprogramm und einer Warnung an die Urheber der Aufstände in den Oberamtsbezirken Neckarsulm, Öhringen, Künzelsau und Gerabronn an die Öffentlichkeit. Das Regierungsprogramm sah neben einer Vereidigung des Heeres auf die Verfassung und einer parlamentarischen Verabschiedung von Gesetzen auch die Herstellung von Versammlungsfreiheit und Volksbewaffnung vor. In neuen Ständewahlen sollte das Ministerium die Legitimation durch eine parlamentarische Mehrheit erhalten. Weitere Reformen sollten nach diesen Wahlen erfolgen. Des Weiteren hofften die Minister auf einen Schritt nach vorne in der Frage der deutschen Einheit.
Am 18. März wurde das württembergische Militär auf die Verfassung vereidigt, die Volksversammlungen wurden nachträglich legalisiert, was dem politischen Leben qualitativ und quantitativ zum Aufstieg in eine neue Dimension verhalf 108 . Die im oben genannten Programm enthaltenen Forderungen wurden vom Landtag noch vor seiner Auflösung in der zweiten Märzhälfte verabschiedet, ebenso wie ein Grundlasten-Ablösegesetz. Die Opposition gegen diese neue Politik, Pietisten und Konservative aus dem rechten Lager, sowie die insbesondere von dem Gaildorfer Glasfabrikanten Gottlieb Rau verkörperte extreme Linke, bereitete der Regierung dabei keine größeren Schwierigkeiten 109 .
106 Vgl. auch zum Folgenden: VALENTIN (wie Anm. 17), S. 351.
107 Vgl. auch zum Folgenden: Mann (wie Anm. 103), S. 21f.
108 Vgl.: Mann (wie Anm. 103), S. 34f.
109 Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 303.
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Eine weitere wichtige Maßnahme der ersten Tage war das Gesetz zur Volksbewaffnung vom 1. April 1848, das jedoch nicht (wie gefordert) eine Verschmelzung von Heer und Volkswehr brachte, sondern eine Art paramilitärische, lokale Hilfspolizei 110 .
2.2.3. Württemberg in der Zeit der Nationalversammlung
Seit den ersten Anfängen des deutschen Parlaments waren Politiker aus Württemberg an dessen Entstehung beteiligt. Römer hatte bereits der Heidelberger Versammlung angehört 111 . Das vom Bundestag eingesetzte Gremium von 17 Vertrauensmännern, in dem Ludwig Uhland saß, brachte den Verfassungsentwurf Dahlmanns hervor, gegen den Uhland opponiert hatte und der letztendlich allen Seiten zu viel zumutete. Damit blieb nur der Weg über das neue Parlament, den die Württemberger besonders unterstützten und mit großen Hoffnungen verbanden. Dies zeigte sich zum ersten Mal bei den Wahlen zur Nationalversammlung. Über das Wahlrecht gerieten Demokraten und Liberale allerdings in Streit. Die Regierung entschied schließlich, dass die 28 württembergischen Abgeordneten in Einer-Wahlkreisen bestimmt werden sollten, wobei ungefähr jeder sechste Einwohner stimmberechtigt war. Fast überall traten zwei oder mehrere Kandidaten gegeneinander an. Lediglich die Galionsfiguren des Politikwandels, wie Uhland in Tübingen, Pfizer in Stuttgart oder Römer in Göppingen brauchten keine Gegenkandidaten zu fürchten. Die Hälfte der Gewählten waren politische Neulinge, die vorher kein Mandat innegehabt hatten. Auch unter den Württemberger Abgeordneten waren die Akademiker in der Mehrheit. Lediglich der Schlossermeister Ferdinand Nägele aus Murrhardt und der Heilbronner Bierbrauer Louis Hentges vertraten das Gewerbe.
Das Interesse der Württemberger an der Arbeit der Nationalversammlung war groß. Nicht nur die politischen Vereine 112 hatten einen großen Mitgliederzulauf. Auch die Nachfrage nach Zeitungen war immens und die Abgeordneten erhielten zahlreiche Adressen mit Bitten und Wünschen.
Die Mehrheit der politisch Aktiven schien dabei dem linken Spektrum anzugehören. Die württembergische Regierung hielt sich in der Jahresmitte mit politischen Neuerungen zurück und zögerte auch, den Landtag einzuberufen.
110 Vgl.: Mann (wie Anm. 103), S. 35.
111 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 303-307.
112 Meist mit dem Namen „Vaterlandsverein“.
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Man erhoffte sich deutliche Impulse aus Frankfurt, wobei zum Beispiel auch die „Grundrechte des deutschen Volkes“ 113 Auswirkungen auf württembergischen Bestimmungen haben sollten.
In der Haltung der Württemberger gegenüber den Entwicklungen in der Paulskirche ist vor allem die allgemeine Anerkennung des Parlaments hervorzuheben. Daneben tendierte eine Mehrheit zu unitarisch-linken Vorstellungen, da Württemberg als relativ kleines Land von einem Partikularismus nicht profitieren würde 114 . Die preußischen Hegemoniepläne der Rechten lehnten sie aus ihrem freiheitlichen Denken ab. Der Staat des Militärs, des Adels und der Freihändler fand bei den Württembergern nur wenig Sympathie. Durch die Hinwendung zur Linken fanden vielmehr die Gedanken der Republik oder der demokratischen Monarchie Anklang.
Trotz seiner Zurückhaltung war das Märzministerium nicht untätig geblieben. Die neue „Zentralstelle für Gewerbe und Handel“ sollte die Gewerbeförderung intensivieren, eine „Organisationskommission“ die Reorganisation der Verwaltung festlegen. Durch eine scharfe Verfolgung der Vereine auf der extremen Linken erfolgte eine Aufspaltung in die gemäßigteren Vaterlandsvereine unter dem Dach des Vaterländischen Hauptvereins in Stuttgart und die Volksvereine, die ihren Landesausschuss monatlich neu bestimmten. Die Septemberkrise ging auch an Württemberg nicht spurlos vorbei. Als Struve in Baden seinen Aufstand begann, wollte auch der „württembergische Hauptrevolutionär“ 115 Gottlieb Rau den bewaffneten Marsch auf Stuttgart und Bad Cannstatt antreten, als dort am 25. September das „Cannstatter Volksfest“ eröffnet wurde. Mit rund 800 Mann zog er von Rottweil los, kam jedoch nur bis Balingen. Hier erwartete ihn nicht nur ein Haftbefehl aus dem Ministerium Duvernoy, sondern die dortige Bürgerwehr versagte ihm auch die Unterstützung, da gleichzeitig Nachrichten von Struves Niederlage eintrafen 116 . Am 20. September 1848 wurde der sogenannte Lange Landtag eröffnet, der aus den Wahlen vom Mai (nach altem Wahlrecht) hervorgegangen war und bis 11. August 1849 tagte. Eigentlich sollte dieses Parlament nur den Haushalt verabschieden und eine Wahl-rechtsreform beschließen, tagte dann aber fast ein Jahr und konnte wichtige Libe-ralisierungsvorhaben durchsetzen. So zum Beispiel mehr Pressefreiheit, mehr Wehrgerechtigkeit und eine Befreiung der Gewerbe. Nach der Verabschiedung der Grundrechte
113 Für Württemberg engagierte sich vor allem der Besigheimer Abgeordnete Adolf Schoder bei der Ausarbeitung der Grundrechte, wofür er den Ehrennamen „Vater der Grundrechte“ erhielt. Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 306f.
114 Vgl. auch zum Folgenden: Mann (wie Anm. 103), S. 140.
115 MANN (wie Anm. 77), S. 186.
116 Vgl.: Mann (wie Anm. 103), S. 201f.
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durch die Nationalversammlung begann der Landtag mir deren Umsetzung in das Landesrecht 117 .
Das württembergische Märzministerium hatte von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, sich der von Frankfurt beschlossenen Verfassung unterzuordnen. Das Ergebnis der Nationalversammlung, die kleindeutsche Lösung mit dem preußischen König als Erbkaiser, enttäuschte dann allerdings viele Württemberger. Dennoch machten sich die Politiker weiter für die Verfassung stark und hofften, den preußischen König umstimmen zu können, wenn eine Reihe von Staaten das Werk der Nationalversammlung anerkannte. Neben etlichen Klein- und Mittelstaaten war Württemberg jedoch das einzige Königreich, das diesen Weg beschritt.
Wilhelm I., eigentlich kein Freund der Frankfurter Verfassung, versuchte die Haltung „seines“ Landes gar durch einen Staatsstreich zu ändern, musste jedoch feststellen, dass die Offiziere nur einer verfassungsgemäßen Regierung Gehorsam zu leisten bereit waren - und die wurde von Römer geleitet. Dem König blieb nichts anderes übrig, als sich der Verfassung zu unterwerfen. Im Verlauf des Konflikts um die Reichsverfassung verhielt sich die Regierung Römer abwartend, einen Zusammenschluss mit den Radikalen lehnte man ab.
In der Bevölkerung dagegen, gab es durchaus Pläne und Forderungen, von der Straße aus Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Auf einer Versammlung in Reutlingen am 27. Mai 1849 sprachen sich über 20.000 Menschen für eine Unterstützung der badischen Mairevolution aus und stellten Forderungen für Württemberg: Abschaffung von Feudallasten und Einkommenssteuer sowie des stehenden Heeres und eine Wahl der Offiziere durch die Mannschaften 118 . Gleichzeitig zogen Unterstützungsverbände über die Grenze nach Baden.
2.2.4. Das unrühmliche Ende in Stuttgart
Bis zum Schluss standen die Württemberger zum Frankfurter Parlament, auch als die rechten und rechtsliberalen Abgeordneten die Versammlung verlassen hatten und deren Reste nach Stuttgart übergesiedelt waren.
Die Abgeordneten hatten sich für Stuttgart als neuen Tagungsort entschieden, weil Württemberg der größte der verfassungsfreundlichen Staaten war, während in Frankfurt Bundestruppen zusammengezogen wurden und die Parlamentarier eine Auflösung der Versamm-
117 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 308f.
118 Vgl.: KUHN (wie Anm. 104), S. 16.
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lung befürchteten 119 . Dass Wilhelm I. nur unter dem Zwang seiner Minister und Teilen der Bevölkerung der Verfassung zugestimmt hatte, änderte an der Hoffnung der Abgeordneten nichts. Sie setzten auf die Regierung und das Volk als Unterstützer. Dennoch waren keineswegs alle Frankfurter Politiker für den Umzug nach Stuttgart. Manch einer fürchtete, so weit im Süden nicht mehr für ganz Deutschland sprechen zu können, oder durch die Nähe zu Baden und der Pfalz in den Einflussbereich der Bürgerkriegsfraktion zu geraten. Während die Parlamentarier am 6. Juni 1849 noch begeistert begrüßt wurden, verwehrte die württembergische Regierung bald die Nutzung des Ständesaals für Parlamentssitzungen. Römer beugte sich damit dem Druck Preußens und des Königs 120 . Insbesondere der Reichsregentschaft hatten das württembergische Märzministerium und der Landtag die Gefolgschaft verweigert. Am 16. Juni fand die erste und zugleich letzte Sitzung im „Fritzschen Reithaus“ statt, das zu diesem Zwecke umgebaut worden war 121 . Am 17. Juni verbot die Regierung weitere Sitzungen, einen Tag später kam es zum Entscheidungskampf, als das Rumpfparlament 122 zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentreten wollte. Während berittenes Militär den Zug der Abgeordneten aufhielt, zerstörten Infanteristen den Sitzungssaal im Reithaus. So fand die letzte Sitzung noch am selben Tag im „Hotel Marquardt“ statt, in das sich die Mandatsträger gerettet hatten. Am 20. Juni trennten sich die Parlamentarier nach einem Abschiedsessen in der Gaststätte „Silberburg“. Die 1200 Mann starke Stuttgarter Bürgerwehr blieb tatenlos, obwohl sie sich noch kurz zuvor mit dem Rumpfparlament solidarisch erklärt hatte. Lediglich in anderen Städten kam es nach der Sprengung des Parlaments zu kurzen Aufstandsversuchen 123 . In Württemberg erfolgte der endgültige Bruch zwischen Römer und der Linken, der sich im Landtagswahlergebnis vom 1. und 2. August 1849 niederschlug 124 . Die Volkspartei konnte auf Anhieb 45 der 61 Sitze gewinnen, während Römers Partei auf 16 Mandate dezimiert wurde.
Römer bat den König um seine Entlassung, dieser lehnte jedoch aus Angst vor der radikalen Linken zunächst ab. Erst als etliche Minister ihre Ämter aufgaben, wurde auch Friedrich Römer im Oktober 1849 durch seinen Vorgänger Schlayer abgelöst. Bereits im August hatte Wilhelm den Deutschen Bund für fortbestehend erklärt und gefordert, dass der
119 Vgl. auch zum Folgenden: Müller, Sabrina: Das Rumpfparlament. In: Krause, Albrecht (u.a.): Rettet die Freiheit. Das Rumpfparlament 1849 in Stuttgart - eine Revolution geht zu Ende. Offenbach 1999, S. 11f.
120 Vgl.: KUHN (wie Anm. 104), S. 16.
121 Vgl. auch zum Folgenden: MÜLLER (wie Anm. 119), S. 16-19.
122 Gegen die abwertende Bezeichnung als „Rumpfparlament“ spricht sich Mann aus; vgl.: MANN (wie Anm. 77), S. 195. Da sich dieser Begriff jedoch eingebürgert hat, wird er in dieser Arbeit übernommen.
123 Vgl.: KUHN (wie Anm. 104), S. 17.
124 Vgl. auch zum Folgenden: MANN (wie Anm. 85), S. 310ff.
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Reichsverweser seine Funktionen auf den Bundestag übertrage. Die Linke in der ersten Landesversammlung setzte sich dagegen weiterhin für die Reichsverfassung ein. Da die neue Regierung gleichzeitig die Verfassung von 1819 als gültiges Grundgesetz betrachtete, kam es bereits drei Wochen nach Eröffnung der Versammlung zum Streit. Am 22. Dezember 1849 wurde sie aufgelöst. Der Konflikt jedoch, ob das Wahlgesetz vom 1. Juli 1849 125 weiterhin gültig sei, oder nicht, sollte die Landespolitik bis zur Reichsgründung 1871 bestimmen 126 .
Der Kampf um die Grundrechte ging am 5. Oktober 1851 in Württemberg endgültig zu Ende. Mehrheitlich stimmte der Landtag dem Regierungsantrag zu, den von der Bundesversammlung am 23. August 1851 gefassten Beschluss zur Aufhebung der Grundrechte auch in Württemberg umzusetzen. Wie auch bereits für das gesamte deutsche Gebiet blieben Errungenschaften lediglich in Teilen erhalten, so beispielsweise bei den Strukturveränderungen in den standesherrlichen Gebieten 127 oder bei der „Fundamentalpolitisierung“ 128 des Landes, die sich in Zukunft auswirken sollte. Die besondere Rolle Württembergs vor allem am Ende der Revolution zeigt, dass nur hier die Voraussetzungen gegeben waren, die - wenn sie auch in den wichtigsten deutschen Staaten erfüllt worden wären - einen Erfolg der Revolution ermöglicht hätten: Eine Mannschaft von Politikern, die im Land über Rückhalt verfügt, das parlamentarische System anwenden will und die freiheitlichen Bestimmungen von Reichsverfassung und Reichswahlgesetz im Land umsetzt. Der Wille war auch anderswo vorhanden. Allein das Zusammenspiel von Märzministerium, bürgerlichen und politischen Vereinen blieb dort mangelhaft 129 .
2.3. Die Revolution in Böblingen
In den nun folgenden Kapiteln soll der Revolutionsverlauf in Böblingen und Leonberg im Mittelpunkt stehen, wo die zu behandelnden Zeitungen erschienen. Dabei ist insbesondere für Böblingen zu konstatieren, dass der Böblinger Bote auch im Hinblick auf die lokalen
125 Dieses Gesetz beinhaltete die Wahlrechtsbestimmungen zum neuen Landtag und gründete auf den „Grundrechten des deutschen Volkes“. Zudem war es die Grundlage für die beabsichtigte Revision der Landesverfassung.
126 Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 315.
127 Vgl.: Schnabel, Thomas: Die Zeit danach. In: Krause, Albrecht (u.a.): Rettet die Freiheit. Das Rumpfparlament 1849 in Stuttgart - eine Revolution geht zu Ende. Offenbach 1999, S. 87.
128 MANN (wie Anm. 77), S. 196.
129 Vgl.: MANN (wie Anm. 85), S. 351.
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Ereignisse bisher nicht komplett ausgewertet wurde, weshalb der Überblick über den Revolutionsverlauf in dieser Stadt möglicherweise noch lückenhaft ist 130 .
2.3.1. Böblingen im 19. Jahrhundert
„Böblingen, kleine Stadt in einer waldreichen hochliegenden Gegend, zwei Meilen oberhalb Stuttgart, am Fuß eines Hügels, auf dem ein altes, noch bewohntes Schloss steht, an dem Zusammentreffen vieler chaussierter Landstraßen. Sie ist ganz von alter Anlage, mit engen Gassen, hölzernen Häusern, ist Sitz des Oberamts und einer Superintendenz [Dekanat], hat 2442 Einwohner, 4 Thore, etliche kleine Vorstädte, eine Post, eine alte Kirche, 2 Mühlen, und vor der Stadt einen See“ 131 , so lautete die offizielle Beschreibung Böblingens um 1820. Wie viele Städte litt Böblingen zu dieser Zeit unter den Folgen zahlreicher Kriege. Das durch die Verwaltungsreform geschaffene Oberamt wurde zunächst der Landvogtei Schwarzwald zugeordnet, seit 1810 dem Neckarkreis mit seiner Kreisregierung in Ludwigsburg 132 . Böblingen war seit dem Mittelalter Amtsstadt gewesen, weshalb es nun auch Sitz des Oberamtes wurde und nicht das benachbarte Sindelfingen, das bereits damals in Bevölkerungszahl, Finanzkraft und wirtschaftlicher Entwicklung überlegen war. Abge-ordneter des Oberamts war von 1817 bis 1825 Albert Schott, der gemeinsam mit Uhland zur damaligen Opposition gehörte und die Verfassung von 1819 ablehnte. Wichtigste Einnahmequelle der Stadt war der Waldbesitz; die Landwirtschaft war (noch) die prägende Wirtschaftsform. Handwerk spielte eine untergeordnete Rolle und auch die wenigen Fabriken änderten bis zur Reichsgründung nichts an Böblingens Gesicht einer Ackerbürgerstadt 133 .
Die Einwohner wurden unterschieden in Bürger und Beisitzer und verfügten über unterschiedliche Rechte. Die nur von den Bürgern gewählten Stadtschultheißen wurden vom Oberamt ernannt. Sie bildeten als lebenslang bestelltes ausführendes Organ von Gemeinderat und Bürgerausschuss den Mittelpunkt der Gemeindepolitik 134 . Als wichtigste Gewerbe erscheinen in der Revolutionszeit die Holzdrechselei, das Schreinerhandwerk, der Holzhandel, 37 (!) Transportbetriebe, sowie eine große Zahl an Wirtschaften, an denen sich die spätere Bedeutung der Bierbrauerei in der Stadt erkennen lässt 135 .
130 Vgl.: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 266.
131 Roder, Philipp Ludwig Hermann: Geographie und Statistik Württembergs, der Geographie erste Abteilung, den Neckarkreis enthaltend. Heilbronn 1820, S. 21. Zit. nach: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 226.
132 Vgl. auch zum Folgenden: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 227ff.
133 Vgl.: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 233, 240f.
134 Vgl.: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 231, 235.
135 Vgl. auch zum Folgenden: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 244f.
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Die Wirtschaftsentwicklung im 19. Jahrhundert verlief in Böblingen ähnlich wie an anderen Orten in Baden-Württemberg. Gegen die hungernden Unterschichten wurde 1847 eine von Bürgern gebildete Sicherheitswache eingerichtet, auch wenn die Missernte in Böblingen nicht gar so dramatisch ausgefallen war. Bis in die Mitte der 1850er Jahre herrschte eine Wirtschaftskrise, wodurch auch Böblinger Bürger in „Gant“ (die Zwangsversteigerung des gesamten Besitzes) gerieten. Ab 1849 bis 1855 gab es einen dramatischen Bevölkerungsrückgang, möglicherweise verursacht durch starke Abwanderung von Familien. Gegenüber einer großen Bevölkerungsgruppe mit landwirtschaftlichem Klein- und Kleinstbesitz war die wohlhabende Mittelklasse wohl nur eine kleine Schicht 136 . Die im Zuge der Revolution durchgesetzte Zehntablösung, die vom Böblinger Gemeinderat am 12. Oktober 1848 beschlossen wurde und der die zehntpflichtige Bevölkerung im Juli 1849 zustimmte, bedeutete zunächst eine große Belastung. 51 340 Gulden waren über 25 Jahre abzubezahlen. Für die spätere Ablösung weiterer Abgaben, wie des Heuzehnts, oder des Mühlzinses waren dann nur noch vergleichsweise geringe Summen aufzubringen 137 . Hohes Bevölkerungswachstum, kleine Anbauflächen, Wirtschaftskrisen und Missernten führten auch in Böblingen zur Verarmung eines Teils der Bevölkerung. Für Bürger und Beisitzer galt zwar eine Fürsorgepflicht, die jedoch nicht einklagbar war. Andere Einwohner konnten sogar ausgewiesen werden. Dementsprechend gering fiel die Unterstützung der Armen in Böblingen aus. Der Staat war es, der 1846/47 Weizen kaufte und die Gemeinden zwang, Geld dafür bereitzustellen und Armenspeisungen einzuführen. Politisch gesehen war Böblingen ein „ruhiges Pflaster“ 138 . Weder traditionelles noch Wirtschafts- oder Bildungsbürgertum war in nennenswerter Anzahl vorhanden. Seit den 20er Jahren bis 1848 wählten die Bürger ihre Honoratioren in die Ständeversammlung, von 1823 bis 1844 den Stadtschultheißen und Kaufmann Christian Friedrich Kayser, danach den Kaufmann und Stadtrat Gustav Stahl (1844-1848). Eine liberale Bewegung in der Vormärzzeit scheint nur wenig aktiv gewesen zu sein.
2.3.2. Die Jahre 1848 und 1849 in Böblingen
Auch während der Revolution scheinen sich die Böblinger eher ruhig verhalten zu haben. Im Pfarrbericht Gottlieb Friedrich Rapps heißt es, die Neigung zu Ungehorsam sei auch in der jetzt unruhigen Zeit selten, Diener des Staates und der Gemeinde würden geachtet 139 .
136
Vgl.: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 250f.
137 Vgl. auch zum Folgenden: WAIBEL (wie Anm. 82) S. 251f.
138 WAIBEL (wie Anm. 82), S. 264f; vgl. auch zum Folgenden.
139 Vgl. auch zum Folgenden: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 265ff.
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Schon sehr rasch hatte sich am 21. März ein „Comitee für die Bürgerbewaffnung“ gegründet, Böblingen war die einzige Stadt im Oberamt, in der die Bürgerwehr bis Oktober einsatzbereit war.
Bereits am 4. März hatten die bürgerlichen Kollegien bestehend aus Stadtrat und Bürgerausschuss eine Unterschriftenliste für die Stuttgarter Adresse vom 2. März an den König eröffnet, die, von Uhland verfasst, ein gewaltiges Echo gefunden hatte 140 . Am 8. März fand im Rathaus in Sindelfingen als Gegenunternehmen zu der Böblinger Liste eine Versammlung von Ortsvorstehern und anderen Angehörigen des Oberamts statt 141 . Dabei wurde eine 16 Punkte umfassende Eingabe an die Ständekammer beraten, die einige Tage später mit 1914 Unterschriften „von Angehörigen aller Amtsorte mit Ausnahme von Böblingen und Dätzingen“ versehen weitergeleitet wurde 142 . Neben den üblichen Forderungen nach einem deutschen Parlament, Pressefreiheit und weiteren liberalen Rechten, kamen spezifische Probleme des Oberamts zum Ausdruck. Etwa in dem Verlangen nach billigeren Ablösegesetzen, Schutzmaßnahmen für die Kleingewerbe, insbesondere für die Weberei (die vor allem in Sindelfingen beheimatet war), sowie - dem großen Wald-bestand geschuldet - die Bitte nach Entfernung sämtlicher Jagdrechte und die Revision der Forststrafgesetze.
Drei Tage später erschien vermutlich unter Bezugnahme auf diese Versammlung im Böblinger Boten ein Artikel, in dem sich der Verfasser in Anlehnung an Psalm 9 über Aufruhr beklagte und die vergangene Ruhe pries 143 .
Für Aufregung sorgte am 25. März der sogenannte Franzosenlärm, als sich von Darmsheim aus das Gerücht verbreitete, französische und badische Freischärler seien im Anmarsch. Im Lauf des Tages trafen immer neue alarmierende Meldungen ein: Oberndorf am Neckar brenne bereits, die Truppen stünden bei Freudenstadt, später bereits bei Berneck. Der Sindelfinger Stadtschultheiß fragte beim Oberamt an, ob keine Hilfe aus Stuttgart zu erwarten sei, während sich die Dorfbevölkerung mit Sensen und Mistgabeln rüstete. Bis zum nächsten Tag stellte sich das Ganze jedoch als Täuschung heraus 144 .
140 Vgl.: Burr, Wolfgang: Der Raum Sindelfingen-Böblingen vor 150 Jahren. Notizen zur Revolution 1848/49. In: Maier, Gerald/Krazeisen, Thomas (Hrsg.): Leben mit Vergangenheit. Jahrbuch des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V., Band 1. Calw 2000, S. 71. Zum Inhalt der Adresse vgl.: Mann (wie Anm. 103), S. 18f.
141 Vgl.: Heimberger, Fritz: Geschichte der politischen Parteien in Sindelfingen VII. Die Revolution 1848/49. Erste Parteiorganisationen. In: Sindelfinger Jahrbuch (12) 1970, S. 266.
142 Vgl. auch zum Folgenden: BURR (wie Anm. 140), S. 72.
143 BURR schreibt diesen mit „R.“ unterzeichneten Artikel dem Dekan Rapp zu und bemerkt ironisch: „Dabei war überhaupt noch nichts passiert - wenigstens nicht im Bezirk Böblingen“ (S. 72).
144 Vgl.: BURR (wie Anm. 140), S. 66.
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Dennoch waren noch in der Nacht des 26. März auf Befehl des Oberamts beispielsweise aus Magstadt 40 Mann in Richtung Calw gezogen 145 .
Ebenfalls im März fand zumindest eine Volksversammlung statt, auf der Vorschläge zu einer Umgestaltung des Bürgerausschusses in eine oppositionelle Bürgervertretung gemacht wurden. Auch in Böblingen gaben Stadträte ihr bisher lebenslanges Amt auf - ein weiteres Indiz für revolutionäre Tendenzen, da die Aufhebung der Lebenslänglichkeit eine der Forderungen war 146 . Der bis dahin unpolitische Böblinger Bote wurde insbesondere durch zahlreiche Beiträge des Böblinger Demokraten Karl Desselberger politisiert. Nach Frankfurt wählten die Böblinger noch einmal Albert Schott, einen gemäßigten Liberalen, der sich gegen die Republik aussprach 147 .
In Sindelfingen war der Gemeinderat zunächst konservativ gesinnt geblieben und hatte nach Aufforderung des Königs Maßnahmen zur Sicherung von Ruhe und Ordnung ergriffen 148 . Ende März hatte sich dann die Wut der Sindelfinger entladen, woraufhin bis auf drei Personen alle Stadträte und Bürgerausschussmitglieder ihren Rücktritt erklärten. Auf das Zimmer des Stadtschultheißen Conz wurde sogar geschossen. Die Unruhe in der Stadt legte sich innerhalb von Stunden, nur in den Wäldern kam es weiterhin zu Gesetzesübertretungen. Bei den Stadtratswahlen am 22./24. Mai errangen die Unruhestifter ein Drittel der Sitze. Nur noch zwei Räte waren Lebenslängliche. Die Aufstellung einer Bürgerwehr bereitete den Sindelfingern dagegen einige Schwierigkeiten. Teils aus religiösen Gründen, teils aus Angst vor den Kosten verweigerten viele die Teilnahme an der Bürgerwehr. Stattdessen bildete sich ein rund 80 Mann starkes Freicorps aus Freiwilligen. Deren große Stunde schlug, als der Durchzug von Republikanern in Richtung Cannstatt Ende September 1848 erwartet wurde. Zum Schutz der Stadt erhielten die Freicoprs-Männer nach dem kurz zuvor erfolgten Ende der Sindelfinger Bürgerwehr deren Waffen.
Am 9. November 1848 fand im Böblinger Rathaus eine Trauerfeier für den in Wien erschossenen Robert Blum statt, auf der sowohl Dr. Reuchlin als auch der Sindelfinger Kameralamtsbuchhalter Eduard Schad sprachen. Schad hatte im Mai 1848 das Freicorps gegründet, im Januar 1849 hob er den Sindelfinger Volksverein aus der Taufe 149 .
145
Vgl.: Heimberger, Fritz: Magstadt. 800 Jahre Geschichte im Gäu - zwischen Dorf und Stadt. Waldenbuch 1997, S. 193.
146 S. o., S. 25.
147 Vgl.: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 266.
148 Vgl. auch zum Folgenden: HEIMBERGER (wie Anm. 141), S. 267-274.
149 Vgl.: BURR (wie Anm. 140), S. 71, 77.
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Auch in Böblingen bestand schon seit April 1848 ein Volksverein (zunächst unter dem Namen „Bürgerverein“), der offenbar sehr aktiv für die Volkssouveränität agitierte. In Sindelfingen soll dem Verein fast die Hälfte der Bürgerschaft angehört haben 150 . Mitglieder in Böblingen waren unter anderem Desselberger, der Arzt und Bürgerausschussmitglied Dr. Reuchlin sowie Stadtschultheiß Dr. Fink 151 . Die Bewegung soll schließlich auch hier eine Mehrheit in der Bevölkerung gefunden haben, so dass bei der Stadtratswahl 1849 sieben Demokraten und sieben Konservative gewählt wurden. Desselberger wurde für das Oberamt in die verfassungsrevidierende Landesversammlung gewählt. Über den Wahlkampf im Juli 1849 in Böblingen und Sindelfingen sind im Böblinger Boten mehrere Berichte zu finden, wobei sich eine starke Polarisierung zwischen der „linken“ Volksvereins-Seite und der (religiös motivierten) Rechten ergab 152 . Die Pietisten schreckten dabei auch vor körperlichen Attacken nicht zurück, dennoch hatten am Ende weder der Sindelfinger Frühsozialist Christoph Friedrich Grieb, noch der Landtagsabgeordnete Johann Jakob Breuning (später Mitglied der demokratischen Volkspartei), noch der von der rechten Partei fa-vorisierte Stammheimer Schultheiß Mössner gegen Desselberger eine Chance. Bis zum Mai 1849 war die Böblinger Bürgerwehr offenbar gänzlich eingeschlafen, am 13. des Monats wurde versucht, die Truppe wiederzubeleben 153 . Ein weiteres Indiz dafür, dass die Situation in der Oberamtstadt offenbar alles in allem ruhig war. Die in der Wehr organisierten Bürger hielten es nicht für notwendig, eine gewisse Einsatzbereitschaft aufrecht zu erhalten. In Sindelfingen dagegen, war im Mai 1849 eine Anzahl Bürger sogar bereit, sich als Freischar der von Reutlingen ausgehenden Bewegung anzuschließen 154 . Mit dem Ende der demokratischen Bewegung in Württemberg stellte auch der Böblinger Verein seine Aktivitäten 1850 ein, auch wenn die Volksvereine erst 1852 förmlich verboten wurden. Eine Politisierung der Bevölkerung blieb. 1850 plante eine Gesellschaft von Damen eine Tombola zu Gunsten der Opfer des Schleswig-Holstein-Konflikts. Engagement für Schleswig-Holstein und damit für die deutsche Sache war eines der Ideale der 48er-Revolution. 1851 versammelten sich die württembergischen Turnvereine in Böblingen, die oftmals demokratisch oder gar republikanisch geprägt waren. Der Böblinger Turnverein hatte sich 1849 unter seinem Vorsitzenden Desselberger den Märzvereinen angeschlossen 155 .
150 Vgl.: HEIMBERGER (wie Anm. 141), S. 278f.
151 Vgl. auch zum Folgenden: WAIBEL (wie Anm. 82), S. 266f.
152 Vgl. auch zum Folgenden: BURR (wie Anm. 140), S. 89ff; HEIMBERGER (wie Anm. 141), S. 288f.
153 Vgl.: BURR (wie Anm. 140), S. 86. Die Einrichtung der Bürgerwehr war in vielen Städten und Gemeinden das wohl sichtbarste Ergebnis der Revolution. Vgl. z.B. auch: HEIMBERGER (wie Anm. 145), S. 194ff.
154 Vgl.: HEIMBERGER (wie Anm. 141), S. 282.
155 Vgl.: WEIBEL (wie Anm. 82), S. 266f.
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Arbeit zitieren:
Daniel Christopher Völpel, 2005, Parteinahme für die Revolution? Die Berichterstattung schwäbischer Lokalzeitungen über die Revolution von 1848 am Beispiel des Leonberger Stadt- und Amtsboten und des Böblinger Boten, München, GRIN Verlag GmbH
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