1. Einführung
Im Folgenden stelle ich die gesellschaftlichen Reformen in Japan während der Nachkriegszeit, d. h. ab 1945 dar. Das Thema der gesellschaftlichen Umgestaltungen in dieser Zeit umfasst ein sehr breites Spektrum (soziale Reformen, politische Reformen, landwirtschaftliche Reformen etc.). Mein spezielles Interesse gilt hierbei der Frage, welche Veränderungen sich im japanischen Bildungs- und Erziehungssystem unter dem Einfluss der amerikanischen Besatzung von 1945 (shôwa 20) bis 1952 (shôwa 27) vollzogen. Um einen Überblick über den geschichtlichen Hintergrund zu geben und einen schnellen Einstieg in das Thema meiner Arbeit zu gewährleisten, gebe ich unter Punkt 1.1 eine kurze geschichtliche Einführung. Ab Punkt 2. befasse ich mich ausführlich mit dem Einfluss der amerikanischen Besatzer auf das japanische Erziehungs- und Bildungswesen und die dabei erzielten Veränderungen. Im Punkt 2.1 berichte ich über Reformvorhaben und erste Anordnungen der Besatzer. Weiterhin gehe ich auf die Wirkung des Berichts der U.S. Education Mission von 1946 ein, lege im Punkt 2.3 die eigenständigen japanischen Initiativen zur Reformierung dar und schildere die Veränderungen im Schriftsystem unter Punkt 2.4. Punkt 2.5 befasst sich mit den Verordnungen, die im Erziehungsgrundgesetz und Schulerziehungsgesetz von 1947 verankert sind. Im letzten Punkt meines Hauptteiles gebe ich eine kurze Erklärung zum Ende der amerikanischen Besatzung Japans. Im Schlussteil fasse ich die erzielten Reformergebnisse zusammen und beende mit einem kurzen Fazit.
1.1 Geschichtliche Einführung
Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg und der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde am 2. September 1945 begann für Japan unter der Besatzung der Alliierten eine Phase der fundamentalen Umgestaltung. Die Kriegsfolgen waren verheerend: ca. 3 Millionen Japaner starben, die Wirtschaft brach zusammen, die Industrieproduktion sank stark ab, viele der Großstädte waren nahezu vollständig zerstört und nicht zuletzt war die Arbeitslosigkeit als Ergebnis der Auflösung der Rüstungsproduktion sehr präsent. Im Gegensatz zu Deutschland wurde Japan jedoch nicht in Besatzungszonen aufgeteilt, sondern im Namen der Alliierten fast ausschließlich durch
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die USA besetzt. 1 Zwar ließ man die japanische Regierung formell bestehen, unterstellte diese aber den Befehlen des Supreme Commander of the Allied Powers (SCAP). SCAP steht
sowohl für General Douglas MacArthur 2 in seiner Position als Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen, als auch für die gesamte Institution des Oberkommandos. Dessen erklärte Ziele waren die Entmilitarisierung, Demokratisierung und Rehabilitierung Japans. Am 11. Oktober 1945 erfolgte der Befehl General MacArthurs über die „Fünf großen Reformen“ als Grundlage des gesellschaftspolitischen Wandels. Diese waren: Demokratisierung der Wirtschaft, Liberalisierung des Bildungswesens, Abschaffung der Unterdrückungssysteme, Koalitionsrecht und Recht auf kollektive Handlungen der Arbeiter, sowie die Stärkung der Position der Frauen in Form von Gleichberechtigung und Recht auf
Teilnahme am politischen Leben. 3 Gleichermaßen wichtig war die Anordnung zur Liberalisierung der Verfassung.
Im folgenden Abschnitt werde ich die Liberalisierung des Bildungswesens und die damit verbundenen Veränderungen im japanischen Bildungssystem genauer ausführen.
2. Die Besatzungszeit 1945-1952
2.1 Reformvorhaben und erste Direktiven der Besatzer
Noch während die Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs andauerten, fanden von Seiten der Amerikaner Planungen statt, wie eine US-amerikanische Besatzung Japans aussehen sollte. So wurden schon seit 1942 (shôwa 17) Pläne entworfen, die die Bereiche Bildung und Erziehung reformieren sollten. Nach Einschätzung der USA war die Wiederholung eines japanischen Angriffskrieges nur durch Umerziehung der japanischen Bevölkerung
unvermeidbar. 4 Des Weiteren sah man es als besonders bedeutend an, den obsolet gewordenen Kaiserlichen Erziehungserlass von 1890 (meiji 23), der die konfuzianische Ideologie zur Erziehungsrichtlinie erklärte, dringend zu überarbeiten.
1 Hartmann, Rudolf (1996): Geschichte des modernen Japan: Von Meiji bis Heisei. Berlin: Akademie Verlag, S. 211.
2 26.01.1880-05.04.1964; amerikanischer General, Oberkommandant im Südwestpazifik und im Koreakrieg; nach Ende des Zweiten Weltkrieges Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in Japan.
3 Hartmann, Rudolf (1996): Geschichte des modernen Japan: Von Meiji bis Heisei. Berlin: Akademie Verlag, S. 213.
4 Krämer, Hans Martin (2006): Neubeginn unter US-amerikanischer Besatzung?: Hochschulreform in Japan zwischen Kontinuität und Diskontinuität 1919-1952. Edition Bildung und Wissenschaft Band 11, Hg. von Manfred Heinemann. Berlin: Akademie Verlag, S. 145.
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Bereits innerhalb der ersten 4 Monate der Besatzung wurden bedeutende Anordnungen zur Schulpolitik verabschiedet. Das General Head Quarter (GHQ) legte folgendes fest: sofortige Beendigung militärischer Ausbildung und Verbreitungsverbot militaristischer und nationalistischer Propaganda an Schulen, Verbot des Shintoismus im Staatswesen und in Schulen und damit verbundene Streichung entsprechender Textstellen in Schulbüchern und Verbot des Schreinbesuchs durch Schulklassen, Aufhebung des Moralunterrichts (dÀtoku kyÀiku (¨Mñ) und die Erfassung der Vorkriegs- und Kriegsaktivitäten aller Lehrkräfte. 5
Die Direktiven des GHQ wurden an das japanische Bildungsministerium weitergeleitet, von dort an die Präfektur-Gouverneure übermittelt und diese teilten die Verordnungen den jeweiligen Kommunen mit. Jede der 46 Präfekturen besaß eine militärische Zweigstelle, in der die Durchführung der Direktiven von ehemaligen amerikanischen Lehrern überwacht wurde. Die Lehrer wiederum hatten das Recht und die Pflicht, in Schulen Inspektionen durchzuführen und gegebenenfalls Hilfestellung zu leisten bei der Umsetzung der Reformen.
2.2 Der Einfluss der United States Education Mission auf das
japanische Bildungswesen
Da anfänglich während der Besatzungszeit für Bildungsfragen noch nicht die Besatzungsbehörde selbst zuständig war, wurde ein externer Ausschuss, bekannt als U.S. Education Mission to Japan (USEM), beauftragt, Japan unter dem Gesichtspunkt der Umgestaltung des Bildungs- und Erziehungswesens zu bereisen und anschließend seine Empfehlungen in einem Bericht vorzulegen. Dieser Ausschuss bestand aus amerikanischen Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern, welche in kurzer Zeit ein Reformkonzept für das japanische Bildungswesen erarbeiten sollten. Das japanische Schulsystem war zu dieser Zeit ein vertikal gegliedertes, mit strikter Trennung von Jungen- und Mädchenerziehung. Die Pflichtschulzeit bestand einzig aus einer 6-jährigen Grundschule (shÀgakkÀ <Û/). Weiterführend gab es eine Mittelschule für Jungen (chÌgakkÀ pÛ/) und ein entsprechendes Äquivalent für Mädchen (kÀtÀjogakkÀ ×¼êÛ/). Nach diesen 11 Jahren Schulbildung hatten die Jugendlichen dann die Möglichkeit, verschiedene Schulen zu besuchen, wobei den Jungen mehr Bildungswege offen standen. Es existierten private und öffentliche Berufsschulen bzw. Fachschulen (senmongakkÀ 5ÛÛ/)
5 Haasch, Günther (Hg.) (2000): Bildung und Erziehung in Japan. Berlin: Edition Colloquium im
Wissenschaftsverlag Volker Spiess GmbH, S. 127.
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Arbeit zitieren:
Karina Schönfeld, 2008, Gesellschaftliche Reformen der Nachkriegszeit in Japan, München, GRIN Verlag GmbH
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