Einführung:
Talcott Parson war einer der führenden Köpfe der strukturfunktionalistischen Modernisierungstheorie. Seine Theorie des sozialen Wandels, basierend auf seinen „Pattern Varialbles“, proklamiert einen universalen, historischen und evolutionären Fortschritt von Gesellschaften hin zu einer Gesellschaftsform nach Vorbild westlicher Industrienationen (vgl. Weymann, 1998, S. 86 - 89).
Parsons Theorie und daraus abgeleitete, fortführende Erkenntnisse waren seit jeher enormer Kritik ausgesetzt, wie im Folgenden gezeigt wird. Nichts desto trotz waren und sind Parsons Ideen elementarer Bestandteil diverser entwicklungspolitischer Ansätze, schien es doch als könne basierend auf diesen Erkenntnissen sozioökonomischer Fortschritt weltweit verbreitet werden. Unter Berücksichtigung des historischen Forschungshintergrundes soll diese Arbeit einen Blick darauf werfen in wiefern Parsons Ideen noch heute von Relevanz für Entwicklungspolitischen Fragen seien kann. Hierfür wird in dieser Arbeit ein Blick auf neuere, konkurrierende Ansätze im Bereich der Entwicklungsforschung geworfen und Parsons Ansatz ebenso anhand aktueller, globaler Tendenzen überprüft.
Grundannahmen Parsons Modernisierungstheorie
Nach Parsons strukturfunktionalistischen Ansätzen bilden sich Gesellschaften durch gemeinsam geteilte Werte und Normen der individuellen Menschen. Erst diese ermöglichen eine gemeinsame Basis zu erschaffen um das gegenseitige Verhalten des Gegenübers absehbar zu machen und so vormals zufälliges Handeln der Individuen durch wechselseitig komplementäres Handeln (als Gesellschaft) zu ersetzen. So bilden sich Gesellschaften mit deren Untersystemen welche sich selbst erhalten und regulieren können und ebenso die Fähigkeit besitzen in die Gesellschaft zu integrieren, sprich gemeinsames Handeln zu ermöglichen. Zu diesen (Unter-)Systemen rechnet Parson dabei z.B. Politik, Wirtschaft, Erziehung und Recht. Diese sind untereinander wechselseitig abhängig und leisten je einen Teilbeitrag zum Erhalt der Gesamtgesellschaft. Basierend auf diesen Grundannahmen versucht der Strukturfunktionalismus die Hauptfunktionen der Gesellschaft und Ihrer Teilsysteme zu bestimmen. Ebenso geht es darum universal gültige Evolutionsdynamiken eines sozialen Wandel als Modernisierungs- / Fortschrittsprozesses zu
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erkennen. Dabei wird sozialer Wandel durch Wirtschaft und Politik in Richtung Gesellschaft und Kultur ausgelöst, während Kultur und Gesellschaft entgegengesetzt stabilisierend wirken. Die Auswirkungen des angestoßenen, sozialen Wandels werden durch Differenzierung und Anpassung abgemildert. (vgl. Weymann, 1998, S. 86-88). Grundlegendes, alltäglich Element dieses Wandels ist bereits der beständige Austausch der Bevölkerung durch Geburt und Tod und der nötigen Anpassung des „barbarischen“ Neugeborenen an die, von Ihm erwarteten Handlungsmuster. Diese Erwartungen basieren wiederum auf dem ihm zugeschriebenen, gesellschaftlichen Status. Im Umfassenderen Maßstab wird sozialer Wandel bis hin zur Revolution dann jedoch durch
- eine immer feiner werdende hierarchische und funktionale Differenzierung der Sozialstruktur,
- neue Lern- und Sozialisationsprozesse mit veränderten Rollenauffassungen in einem komplizierten Erziehungs- und Bildungswesen,
- abweichendes Verhalten und Rollenkonflikte,
- die Kommunikation von Affekten durch Medien,
- institutionelle Dynamiken (z.B. Expansion des Sozialstaates),
- sowie dem Wandel von Ideen und Werten z.B. durch die Übernahme von benachbarten Kulturen (Amerikanisierung der Welt) ermöglicht. (vgl. Weymann, 1998, S. 88). Entscheidend ist letztlich jedoch immer der Wandel der normativen Kultur. So vollzieht sich nach Parsons ein sozialer Wandel der historisch immer in die gleiche Richtung läuft und bei dem bestimmte Stufen der Entwicklung hintereinander folgen. Letztlich definiert sich der so verlaufende Forschritt durch eine wachsende Herrschaft des Menschen über seine natürliche und soziale Umwelt mit Hilfe einer Ausweitung der Leistungs- und Steuerungskapazität. Hauptertrag dieser Modernisierung ist nach Parsons eine erfolgreiche Wohlfahrtentwicklung. Dabei sind zentrale Bestandteile dieser Modernisierung:
- die Ausgliederung von Ämtern und Bürokratie aus ihrer Beherrschung durch Verwandschaftssysteme („Vetternwirtschaft),
- die Differenzierung der sozialen Schichtung,
- die allgemeine Durchsetzung von Markt, Eigentum und Geldwirtschaft,
- die rasante und durchgreifende Mobilisierung von menschlicher und sächlicher Ressourcen einhergehend mit zuvor nie gekanntem wirtschaftlichem Wachstum,
- sowie der Ausbau gezielter kultureller Legitimation. (vgl. ebd., S. 89).
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Parsons Theorie im Spiegel der Entwicklungsforschung
Eine der ältesten Theorien, die lange Zeit die Entwicklungsforschung dominierte, ist der Ansatz der Modernisierung und der damit einhergehender nachholenden Entwicklung. Ihre bedeutensten Grundlagen entwickelte Parsons. Die Theorie wurde jedoch durch verschiedenste Wissenschaftler weiterentwickelt, auf Basis empirischen Beobachtungen westlicher Ökonomien sowie auf analytischen, volkswirtschaftlichen Grundannahmen wie dem komparativen Vorteil nach Ricardo. Dieser Ansatz der Modernisierung vertritt im Wesentlichen die Vision einer späten Industrialisierung mit der Möglichkeit des volkswirtschaftlichen Fortschritts nach Vorbild der (westlichen) Industrienationen und war von enormer politscher Relevanz bis etwa 1977 (vgl. Abb. 3). Der Begriff der Modernisierung ist jedoch zunächst diffus, da sich keine eindeutige Definition des Wortes Modernisierung festmachen lässt und der Begriff „modern“ an sich bereits stark normativ geprägt ist (vgl. Knöbl, 2003, S. 96). Es erscheint so als „Zauberwort für das Selbstverständnis der bürgerlichen [kapitalistischen] Gesellschaft von 1950er Jahren bis heute“, dessen Grundlinien „Freiheit, Gleichheit, Fortschritt“ (Hauck, 2004, S. 12) sind. Es lässt sich in anbetracht seiner Entstehungsgeschichte eindeutig dem westlichen Gedankengut zuordnen, weshalb der Modernisierungstheorie u.a. häufig der Vorwurf des „Eurozentrismus“ gemacht wurde. Auch müsste nach der obigen Einordnung Nicht-Modernität tendenziell eher mit den Eigenschaften Despotie, Ungleichheit und Stagnation belegt werden - grundlegend negativ zu bewertende Eigenschaften. Der Fokus der normativ, interdisziplinär verwendeten Theorie lag meist auf dem Zusammenspiel von sozialem Wandel bzw. der Evolution von Gesellschaft und Evolution der Ökonomie (vgl. Abb. 1).
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Abbildung 1: Die Modernisierungstheorie mit Entwicklungsstufen (nach Rostow). (Eigene Darstellung nach Weltbank, 1991, S. XII)
Trotz einer fehlenden eindeutigen Definition und der normativen Intention, kann zusammen- fassend Folgendes für den Ansatz der Modernisierungstheorie mit Blick auf Entwicklungspolitische Aspekte festgehalten werden:
- Modernisierung ist ein globaler, irreversibler Prozess der mit der industriellen Revolution Mitte des 18 Jh. in Europa begann und seit Ende des Zweiten Weltkrieges weltweit Gesellschaften beschäftigt,
- Modernisierung ist ein historischer Prozess von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft und implementiert daher einen scharfen Bruch zwischen Tradition und Moderne,
- traditionelle Gesellschaften bzw. Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden, die Länder der dritten Welt, sind gekennzeichnet von Einstellungen, Werten und Rollenverständnissen, die sich u.a. durch „Rückständigkeit“ oder auch Funktionsdiffusion auszeichnen, die wiederum große Barrieren für ökonomische und politischen Entwicklung darstellen,
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- in modernen Gesellschaften der anglo-europäischen Zivilisation herrschen säkulare, individualistische und wissenschaftliche Werte mit korrespondierendem Rollenmuster vor,
- Modernisierung ist ein endogener Prozess der aus der Gesellschaft entspringt,
- sozialer Wandel hin zu Modernität wird sich in den verschiedenen Gesellschaften auf uniforme und lineare Weise vollziehen.
(vgl. Knöbl, 2003, S. 96-97).
Wichtig ist es in diesem Zusammenhang zu erklären, dass es bei der „Evolution“ der Gesellschaften / Volkswirtschaften zu sog. „Sickereffekten“ kommt, wodurch behauptet wird, dass letztlich die Bevölkerung als ganzes vom „Fortschritt“ profitiert (vgl. Abb. 2). Unterentwicklung ist also hauptsächlich Folge der (gesellschaftlichen) Rückständigkeit zu den industrialisierten Staaten (vgl. auch Weltbank, 1991; Knöbl, 2003 und Hauck, 2004). Die Grundannahme der Modernisierungstheorie, nämlich die Benötigung einer freien Marktwirtschaft zum Fortschritt, spiegelt sich daher bis heute in Globalisierungsbestrebungen und neoliberalen, entwicklungspolitischen Ansätzen wie Strukturanpassungsprogrammen der Weltbank, welche die betroffenen, verschuldeten Länder zur Marktliberalisierung und –deregulierung zwingen (vgl. Rauch, 2008, S. 211).
Die Modernisierungstheorie erfreute sich jedoch schon immer unterschiedlicher Beliebtheit. In den 1970er und 1980er Jahren schien sich durch den Aufstieg der Tigerstaaten die Theorie zu bewahrheiten, mögliche Vorbilder wurden sichtbar. Auch konnte der Aufstieg des Westens durch sie erklärt werden. Letztlich kann jedoch nicht von der Hand gewiesen werden, dass Milliarden von Menschen auf der Welt die Versprechungen der Modernisierung verwehrt wurden. Eben die postulierten Sickereffekte sind kaum nachzuweisen. Ganz im Gegenteil ist es teils zu einer Verschärfung sozialer Ungleichheit gekommen (vgl. Scholz 2000, 2004, und 2005). „Die Analysen […] [beeinflusst durch die Modernisierungstheorie] gerieten zunehmend in das Kreuzfeuer der Kritik, weil deutlich wurde, dass ohne eine Berücksichtigung externer Faktoren wie Welthandelsbeziehungen oder Auslandsinvestitionen transnationaler Konzerne das damals schon verbreitete Phänomen [von] Wachstum ohne Entwicklung, verbunden mit einer Verschärfung der Disparitäten, nicht erklärbar war. […] Die Empirie zeigt aber, dass die räumliche Verteilung von Wirtschaftstätigkeit vielmehr von der jeweiligen Art der Investoren,
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Arbeit zitieren:
Jan-Niklas Bamler, 2009, Modernisierung noch möglich?, München, GRIN Verlag GmbH
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