1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich zu dem Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium (15,11-32) zwei verschiedene exegetische Zugänge für Schülerinnen und Schüler aus der aktuellen Literatur skizzieren und im Anschluss daran miteinander vergleichen. Wobei direkt zu Anfang zu erwähnen ist, dass es sich bei der Erzählung vom verlorenen Sohn eher um eine Parabel handelt, als um ein Gleichnis im eigentlichen Sinne. 1 Nach dem aufgestellten Vergleich der beiden Ansätze werde ich diese Hausarbeit mit einem ausführlichen eigenen Fazit, sowie einem eigenen Unterrichtsentwurf enden lassen. Ich möchte diese Hausarbeit zunächst jedoch mit einer Beschreibung beginnen lassen, durch welche Methode sich die Studierenden des Seminars: „Freundschaften, Geschwister und Liebepaare in der Bibel - Vom Text zum Unterricht (GHR)“ an dem durchgeführten Blocktag dem Gleichnis nähern sollten und sich auch genähert haben.
2. Zugänge zu dem Gleichnis an dem Blocktag
Zu Beginn des Blocktages wurden die Studierenden in kleine Gruppen von je vier bis acht Personen eingeteilt (wobei die vorhandenen Gruppentische sehr zur Orientierung dienten) und bekamen jeweils ein Fragment eines Bildes zu sehen. Auf den eigentlichen Originalbildern waren Abbildungen aus dem Gleichnis des Verlorenen Sohnes zu sehen, doch um einen Zugang zu schaffen sahen die Gruppen zunächst nur eine Partei der Dreierkonstellation aus der Geschichte. Der Blocktag begann mit einer Phase der freien Assoziation, bei der die Studierenden auf den Rändern der Fragmente ihre Gedanken zum jeweiligen Bildauschnitt aufschreiben sollten. Einige mündlich gestellte Leitfragen, wie zum Beispiel: „Wer oder was könnte die gezeigte Person darstellen?“, „Was fühlt die Person vielleicht in diesem Moment?“, sowie „In welcher Situation befindet sie sich?“ standen dabeimehr oder weniger - im Vordergrund.
Es war für die Studierenden nicht auf Anhieb ersichtlich um welche Textstelle es sich bei den Bildausschnitten handelte und so wurden die einzelnen Parteien des Gleichnisses teilweise sehr anders beschrieben, als wir sie im Bezug auf die Geschichte charakterisieren würden. Es gab teilweise ganz unterschiedliche
1 Simon: Gleichnisse. Seite 198.
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Gedanken, um welche Momentaufnahme es sich bei den Bildausschnitten handeln könnte.
Mitunter verhalf dieser Zugang den Studierenden dazu einen differenzierten Blick auf die einzelnen Personen zu werfen und eine andere Perspektive einzunehmen, als man sie bei dem Gleichnis für gewöhnlich besitzt. Als einen zweiten Zugang zum Gleichnis wählte die Vorbereitungsgruppe des Blocktages eine Dia-Vorführung, in der die Geschichte mit ihren verschiedenen Situationen in Bildern an die Wand geworfen wurde und eine Studierende den dazugehörigen Text für die Seminarteilnehmer vorlas. So hatten die Studierenden die Möglichkeit reflektierend auf ihre Bewertung der Personen in der ersten Phase zu blicken und sich noch einmal intensiv - und auch bildlich - mit dem Gleichnis vertraut zu machen.
Nach Abschluss der ersten beiden dargebotenen Zugänge, waren die Studierenden mit ihrer ersten Annäherung an das Gleichnis auf einem gleichen Wissensstand und die exegetische Arbeit konnte beginnen.
Da ich in dieser Hausarbeit allerdings zwei andere Zugänge zu dem Gleichnis vorstellen und vergleichen möchte, werde ich die exegetische Phase des Blocktages nicht weiter beschreiben, sondern nun mit der Darstellung des ersten Ansatzes beginnen.
3. Viertklässler finden den verlorenen Sohn
3.1. Durchführung und Rahmenbedingung des biblischen Nachmittags
Christina Hoegen-Rohls möchte in ihrem Aufsatz “’Das hat eine Bedeutung!’ -Viertklässler finden den verlorenen Sohn (LK 15,11-32)“ 2 darstellen, dass Gleichnisse auch schon von Grundschulkindern richtig verstanden und interpretiert werden können. Die Autorin erarbeitet - zur Untermauerung ihrer These - das Gleichnis im Rahmen einer privaten Initiative mit vier Kindern im Alter zwischen 9 und 10 Jahren. Damit fand der biblische Nachmittag in einer kleinen homogenen Arbeitsgruppe statt, außerhalb des schulischen Religionsunterrichtes und/oder kirchlichem Kindergottesdienst. Es muss jedoch erwähnt werden, dass es sich bei diesen Kindern um keine durchschnittlich repräsentative Beobachtungs-gruppe
2 Hoegen-Rohls: "Das hat eine Bedeutung!" - Viertklässler finden den verlorenen Sohn (Lk 15,11-32),
Seite 106-121.
2
handelt, da diese sich zum Einen in einer kleinen Arbeitsgemeinschaft befanden und zum Anderen schon intensiv religiös sozialisiert wurden - sei es durch die Familie, der Kirche, dem Kindergarten oder dem Religionsunterricht.
Die Kinder sollten sich auf das Treffen in drei Schritten vorbereiten: Sie sollten den Text in der Bibel gelesen haben, eine Bibel (oder mehrere, wenn vorhanden) sowie eine Figur mitbringen, welche sie persönlich mit der „Geschichte“ in Verbindung bringen. Dabei war es Hoegen-Rohls wichtig, dass die Kinder selbstständig Leseerfahrung über den Text erwerben und eine Identifikation mit Hilfe einer Figur auf visuell-haptischer Ebene aufbauen. Zudem hatte die Autorin den Gruppenraum „in drei Arbeitsbereiche eingeteilt, die kognitiv, affektiv und operationale Zugänge zum Text ermöglichen soll[t]en“ 3 .
Die erste Phase - und somit der erste Arbeitsbereich - sollte auf dem Boden stattfinden, welcher als Weidelandschaft umgestaltet wurden war und das identifikatorische Eindringen in die Erzählung ermöglichte. Darauf folgt die nächsteexegetische - Phase an einem großen Tisch, welcher eine Studienatmosphäre schaffte und ein gezieltes Arbeiten am Text unterstützte. Der Abschluss des Treffens fand auf einer gestalteten „Bühne“ statt, wo die Kinder eine Umsetzung des Gleichnisses für ihre Familien und Freunden präsentieren konnten. Bei Christina Hoegen-Rohls erfolgte am Anfang dieses „biblischen Nachmittags“ zunächst ein impulsgesteuertes Gruppengespräch, bei dem jedes Kind das eigene Textverständnis preisgeben konnte und sich die Kinder gegenseitig gedanklich und sprachlich inspirierten. Erst in der zweiten Phase, welche den Text exegetisch erfassen sollte. Danach fand ein geführtes Gespräch in Form von Lehrerfragen statt. Dort hatten die Kinder die Gelegenheit ihr Bibelwissen anzuwenden, das Gleichnis bibelkundlich einzuordnen und die Frage nach Titel, sowie Gattung untereinander zu klären. Auch erfolgte hier eine Übertragung des Textinhaltes von der „Bildhälfte“ auf die „Sachhälfte“.
Danach wurde die Umsetzung des Gleichnisses im Schauspiel allerdings von den Kindern komplett selbstständig in die Hand genommen.
3 Hoegen-Rohls: "Das hat eine Bedeutung!" - Viertklässler finden den verlorenen Sohn (Lk 15,11-32),
Seite 111.
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3.2. Auswertung des Nachmittags
Christina Hoegen-Rohls vertritt die Meinung, dass man bereits im ersten Schuljahr damit beginnen sollte, die Schüler mit Gleichnissen arbeiten zu lassen. Entgegen den Ansätzen, welche vor der frühen Behandlung der Gleichnisse im RU warnen, glaubt Hoegen-Rohls an die Fähigkeit der SchülerInnen als ein Ergebnis pädagogischer und didaktischer Förderung. So macht sie darauf aufmerksam, dass Kinder in der gleichen Altersstufe unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und sie „durchaus in der Lage sind sich auf ein gewisses Abstraktionsniveau zu begeben“ 4 .
Sie bezieht ihre These auf die Kinder ihrer Kleingruppe, welche die Person des Vaters als wörtliche Bedeutung von Gott erschlossen hatten und durchaus dazu im Stande waren sich gegenseitig mit religionsgeschichtlichem Wissen zu ergänzen. Vor allem betont die Autorin die Eigenschaft von jüngeren Kindern sich mit verschiedenen Figuren intensiv zu identifizieren und so zu wichtigen Einsichten im Bezug auf Gleichnissen zu gelangen.
Christina Hoegen-Rohls ist allgemein davon überzeugt, dass Kinder schon in der Grundschule mit Gleichnissen umgehen können, da sie schon dort in der Lage sind sich in Personen hineinzudenken, Texte auf ihren Kontext zu beziehen, sowie eine Unterscheidung von Bild- und Sachebene zu schaffen.
4. Zu neuen Erfahrungen herausgefordert
4.1. Behandlung der Parabel im Religionsunterricht
In dem Aufsatz “Zu neuen Erfahrungen herausgefordert“ 5 möchten Peter Müller und Gerhard Büttner sich religionspsychologisch mit dem Gleichnis aus dem Lukasevangelium - das Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen (Lk 15,11-32) - auseinandersetzen. Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Schüler die vorausgesetzte Wirklichkeit kennen müssen.
Die Autoren geben zu verstehen, dass man den Schwerpunkt des Gleichnisses aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und auf verschiedene Aspekte der Erzählung Wert legen kann. So steht bei dem Einen der jüngere Sohn oder der Vater
4 Hoegen-Rohls: "Das hat eine Bedeutung!" - Viertklässler finden den verlorenen Sohn (Lk 15,11-32),
Seite 119.
5 Müller/Büttner: Die Gleichnisse Jesu. Seite 137 ff. .
4
Arbeit zitieren:
Griseldis Wedel, 2007, Vergleich von zwei Ansätzen zur Erarbeitung vo Lk 15.11-32 (Der verlorene Sohn), München, GRIN Verlag GmbH
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