1. Einleitung
Mit Hilfe der vorliegenden schriftlichen Arbeit möchte ich mein Wissen in den Teilgebieten des hinduistischen Glaubens, welche in der Vorlesung vorgestellt wurden vertiefen, um so einen besseren Überblick von dieser doch so fremden Kultur zu erhalten. Zuerst werde ich jedoch versuchen dem Referat vom 24.Mai 2006 nachzugehen, welches die Gottheit Kālī als Thema behandelt hat. Von der ikonegrafische Darstellung dieser Gottheit über den geschichtlichen Hintergrund bis hin zu ihrer Bedeutung im Hinduismus, möchte ich versuchen ein annäherndes Gesamtbild herauszuarbeiten. Des weiteren möchte ich mich mit den - ebenfalls in der Vorlesung angesprochenen - Lehren der drei Philosophiesysteme innerhalb der Bhagavadgītā beschäftigen. Im Detail möchte ich den Aufbau des Yoga herausarbeiten, um so einen Einblick in die Meditation des Hinduismus zu erhalten.
2. Die Gottheit „Kālī“
2.1. Ikonegrafische Darstellung der Gottheit Kālī
Der Name der Gottheit Kālī lässt sich aus dem männlichem Sanskritwort „Kala“ ableiten, dass übersetzt zum Einen die Bedeutung von „Gestern“ und zum Anderen die Bedeutung von „ Morgen“ trägt.
Die bildlichen Darstellungen der Göttin Kālī bis zum 17. / 18. Jahrhundert unterscheiden sich sehr von denen, die erst in den letzten zweihundert Jahren entstanden sind. Früher wurde sie als eine Frau gezeichnet, die eine dunkle Haut besaß, sowie drei Augen und einen sehr üppigen Körper. Zudem zeigten die Bilder der Kālī diese oft nackt mit herabhängenden Brüsten und langem wallenden Haar. 1 In den letzten 200 Jahren wandelte sich dieses Bild und der Göttin wurde ein schlanker Körper, sowie eine hellere Hautfarbe zugesprochen. Auch schmücken nun Ohrringe, in Form von Kinderleichen und Armbänder aus Schlangen ihre Erscheinung. Jedoch das die Göttin Kālī einen Gürtel mit abgetrennten Köpfen um die Hüfte trägt und blutverschmierte Lippen 2 besitzt, wird in jeder Abbildung aufgegriffen, egal ob es
1 Kinsley, Die indischen Göttinen, 160.
2 Kinsley, Die indischen Göttinen, 160.
1
sich dabei um eine neuere Zeichnung, oder aber um eine von vor vielen Hundert Jahren handelt.
2.2. Das Verhältnis zwischen Kālī und Śiva
Kālī ist ein Wesen der alles verschlingenden Zeit, die ihren Platz auf dem Schlachtfeld behauptet und somit als Symbol für den Tod steht. Für gewöhnlich hält sie sich in den Zeichnungen bei den Plätzen eines vergangenen Kampfes oder aber bei einer Verbrennungsstätte 3 auf und genießt es, dass Blut der Leichen zu trinken. Durch diese Bilder der Kālī lässt sich gut nachvollziehen, warum die Göttin damit in Verbindung gebracht wird, dass sie fortwährend versucht die Welt in das Unheil zu stürzen. Um dies jedoch zu verhindern wird auch sehr oft der Gott Śiva in Verbindung mit Kālī erwähnt, welcher aussichtslos darum bemüht zu sein scheint, sie davon abhalten zu wollen, die Welt zu verderben. 4 In diesen Vorstellungen spielt Śiva meist eine untergeordnete Rolle, da Kālī als die dominierendere Person 5 der beiden Gottheiten dargestellt wird. Kālī gilt somit als eine unabhängige Göttin, die niemals von Śiva bezwungen werden kann und als dessen Partnerin bzw. Ehefrau ihn immer wieder zu wildem Benehmen verführt. So zeigen etliche Darstellung der Beiden, dass Kālī in ihrer wilden Tatkraft einen passiven - ja manchmal sogar einen toten - Śiva beherrscht. In diesen Situationen ähnelt Śiva einer Leiche, die inmitten der andern Leichen der Verbrennungsstätte liegt. Man vermutet, dass Śiva durch die eigene Darstellung als Leiche die Gottheit Kālī dazubringen möchte dem Tanz über die Toten ein Ende zu bereiten und sich wieder unter Kontrolle zu bringen. So liegt seine Hoffung darin, dass ihn Kālī beim Tanz über die Leichen als ihren Gemahl erkennt und ihm anschließend zurück zur Besinnung folgt. 6
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gottheit Śiva eine sehr intime ikonegrafische Beziehung zu Kālī besitzt und er stets derjenige ist, der Kālī zur Ruhe bringen will und muss, damit diese nicht in ihrer Wut die Welt ins Verderben stürzt. 7
3 Ebd. 160.
4 Ebd. 163.
5 Ebd. 165.
6 Ebd. 270.
7 Kinsley, Die indischen Göttinen, 166.
2
2.3. Die Geschichte der Kālī und die praktizierten Rituale der Adepten
Gleich zu Anfang dieses Themenblockes möchte ich versuchen den Begriff des Purāna zu erläutern, der auch innerhalb des Referates eine sehr bedeutende Rolle spielte. Das Wort Purāna bedeutet übersetzt „ Das Vervollständigte “. Es handelt sich dabei um Versbücher - von denen insgesamt achtzehn Stück existieren 8 , welche eine Unterweisung in die vergangene Geschichte und eine Offenbarung 9 - speziell die, der Götter - darstellen.
Drei verschiedene Versbücher wurden in dem vorgetragenen Referat besonders hervorgehoben: Agni-Purāna, Garuda-Purāna und das Bhagavata-Purāna. In diesen „Überlieferungen“ der Geschichte des alten Indiens, wird die Gottheit Kālī immer wieder anders verstanden und dargestellt. Während sie in den Versbüchern des Agni-Purāna und des Garunda-Purāna als eine magere Gottheit existiert, die ihre Feinde mit langen Fangzähnen zermalmt und wahnsinnig lachend umhertanzt, wird die Gottheit Kālī im Bhagavata- Purāna als eine Art von Schutzgöttin gesehen, welche Diebe zur Strecke bringt und im Lande für Ordnung sorgt. 10
Durch diese Versbücher - den Purānas - reichen die frühsten Hinweise auf die Gottheit Kālī bis in das sechste Jahrhundert nach Christus zurück. 11 Besonders in dem darauf folgendendem siebten Jahrhundert wurde die Gottheit Kālī durch einen kriegerischen Auftritt im Devī-māhātmya bekannt. Diese Schrift ( übersetzt: die Herrlichkeit der Göttin 12 ) stammt ebenfalls aus den oben genannten Purānas. Mittelpunkt von diesem Epos ist die weibliche Gottheit Durga, die mitunter eine der populärsten Gestalten der indischen Kultur darstellt. Sie trägt alle Götter in sich vereint und in der Person der Kālī sorgt sie, dass ihre Raserei verkörpert wird. Mit andern Worten kann man Kālī auch als eine personifizierte Form des Zornes der Durga beschreiben. 13
Wie bereits schon oben erwähnt, haben sich die ikonegrafischen Darstellungen der Kālī im Laufe der Zeit verändert. Dieser Prozess geht einher mit der Veränderung der Bedeutung der Gottheit Kālī im Hinduismus.
8 Sharma, Innenansichten der großen Religionen, 333.
9 Russek, Hinduismus, 18.
10 Kinsley, Die indischen Göttinen, 161.
11 Ebd. 160.
12 Sharma, Innenansichten der großen Religionen, 334.
13 Kinsley, Die indischen Göttinen, 163.
3
Besondern in der Erkenntnislehre - dem Tantrismus - spielt Kālī eine zentrale Rolle und stellt einen unabdingbarer Bestandteil der tantrischen Texte und Rituale dar. 14 Bevor ich jedoch auf ihre Rolle in der hinduistischen Erkenntnislehre weiter eingehe, möchte ich versuchen zu erklären, was diese religiöse Bewegung bzw. Lehre eigentlich ist, welche ihre Ursprünge im Tantra besitzt und ca. im zweiten Jahrhundert nach Christus ihre Geburtsstunde hatte. Man datiert jedoch die volle Ausprägung der Erkenntnislehre in das siebte bzw. achte Jahrhundert nach Christus. Der Tantrismus geht „nicht auf Rationalität und intellektuelles Verstehen, sondern auf das Erlangen von sinnlich konkreter Erkenntnis aus.“ 15 „Mittels verschiedener Rituale (äußerliche und innerliche, körperliche und geistige) sucht der sādhaka (Adept) mokşa (Befreiung, Errettung.)“ 16
Der Tantrismus an sich muss jedoch zuerst zwischen dem rechtshändigen Tantrismus und dem linkshändigen Tantrismus getrennt werden, bei denen die Rituale, die zum Ziel führen verschiedenen ausgelegt und praktiziert werden. Die zentrale Bedeutung der Kālī, die zum Teil als größte aller Gottheiten verehrt wird und somit stellvertretend als höchste weiblichen Wirklichkeit gepriesen wird, ist jedoch in beiden Formen der Lehre von der Erkenntnis - „Suche“ vertreten. 17
Es gibt im linkshändigen Tantrismus (vāmācāra) ein Ritual der fünf verbotenen Wahrheiten bzw. Dinge, welches im Hinduismus allgemein pancatattva genannt wird und dazu dient dem Adepten zu lehren, zwischen gut und böse unterscheiden zu können. 18
Ein Adept (sādhaka - übersetzte „ der Held“ ) ist ein strebender Mensch auf dem geistigen Wege, der mit Hilfe von tantristischen Übungen lernen kann zur Erlösung zu gelangen. Ziel eines jeden Adepten ist die Flucht aus dem eigenem Körper und fort von der hiesigen Welt. Das oben vorgestellte Ritual des pancatattva ist eine Möglichkeit für den Adepten durch die Aufnahme bzw. Durchführung der fünf verbotenen Dinge zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. „Indem er den essentiellen Wert des Verbotenen bekräftigt, verliert das Verbotene seine Macht, ihn zu verunreinigen zu erniedrigen und zu binden.“ 19 Zu den verbotenen Dingen zählen zum Beispiel die Aufnahme von Fleisch und Wein, sowie verbotenerweise Sex mit einer Frau zu haben,
14 Ebd. 167.
15 Klostermaier, Hinduismus, 235.
16 Kinsley, Die indischen Göttinen, 168 f..
17 Ebd. 167.
18 Kinsley, Die indischen Göttinen, 169.
19 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Griseldis Wedel, 2006, Darstellung der Gottheit Kali, München, GRIN Verlag GmbH
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