Gliederung
1.EINLEITUNG 3
2.DELEUZESUNDGUATTARISDETERRITORIALISIERUNGSTHEORIE. 4
2.1.MERKMALEEINERKLEINENLITERATUR 4
2.2.DIEDETERRITORIALISIERUNGSBEWEGUNGINDERSPRACHE 7
3.DETERRITORIALISIERUNGINKAFKAS‚REDEÜBERDIEJIDDISCHESPRACHE‘ 10
3.1.DERHINTERGRUNDDERREDE 10
3.2.DETERRITORIALISIERUNGINDERREDE................................................................................................................. 12
4.PARALLELENZU DIESORGEDESHAUSVATERS 17
5.ZUSAMMENFASSUNG 19
6.LITERATURVERZEICHNIS. 20
2
1. Einleitung
Franz Kafka zählt zu den bedeutendsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, obgleich sie von vielen als schwierig empfunden wir. Dies mag daran liegen, dass seine Romane und Erzählungen sich dem Leser nicht auf den ersten Blick erschließen. Jeder kann seine eigene Lesart ausbilden. Daher üben sie nicht nur eine große Faszination auf den Rezipienten, sondern auch auf die Forschung aus. Immer wieder stehen Analysen im Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Untersuchungen, die versuchen einen stimmigen Zugang zu seinen Büchern zu finden. Es werden veraltete hermeneutische Ansätze verworfen und durch neue widerlegt die jedoch- ebenso wie die früheren Denkweisen- Kafkas Werke nicht vollständig entschlüsseln können. Diese Umstände führten dazu, dass wir uns heute in einer Vielfalt unterschiedlichster Auslegungen bewegen, so gibt es unter anderem die psychoanalytischen Sichtweisen oder auch die beliebten, weil einfachen, biographischen Interpretationen.
Ein Zitat aus dem Buch ‚Der Prozess‘ verdeutlicht diese Situation sehr gut, da jede Auslegung an einen Punkt in den Texten gelangt, der eine Art Grenze bildet und die Theorie aufhält. So sagt der Geistliche, nachdem er Josef K. die Legende des Türhüters erzählte, zu ihm: „Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“ 1 Sicher ist manch einer tatsächlich schon an der Kafka- Lektüre verzweifelt.
In der vorliegenden Hausarbeit soll die Theorie der kleinen Literatur, wie sie durch Gilles Deleuze und Felix Guattari beschrieben wurde, im Mittelpunkt stehen, da sie für die neuere Forschung wieder interessant geworden ist. Anhand dieser Grundlage soll im weiteren Verlauf die ‚Rede über die jiddische Sprache‘ Kafkas eine Rolle spielen, wobei zunächst der Hintergrund dieser Rede geklärt werden soll. Es wird untersucht, ob die Merkmale einer kleinen Literatur in der Rede von Bedeutung sind oder ob die Ansprache selbst mehr Fragen aufwirft als sie klären kann. Außerdem soll die kurze Erzählung ‚Die Sorge des Hausvaters‘ miteinbezogen werden, da darin Parallelen zu der Rede zu vermuten sind, die herausgefiltert werden sollen.
1 Franz Kafka: Der Prozess, 2. Auflage Berlin 1995, S. 204
3
2. Deleuzes und Guattaris Deterritorialisierungstheorie
2.1. Merkmale einer kleinen Literatur
Die Grundlage der Theorie über eine kleine Literatur bildet der Tagebucheintrag des 25. Dezember aus dem Jahr 1911, der- wenn auch zergliedert- Kafkas Auffassung darüber enthält, warum es wichtig ist, sich von den großen Literaten zu distanzieren. 2 In diesem Zusammenhang ist zumeist von Goethe die Rede.
Mit dieser Literatur ist jedoch nicht gemeint, dass die jeweiligen Schriftsteller sich einer wenig vertretenen Sprache bedienen, sondern vielmehr dass sie sich in einer großen Sprache abgrenzen und eine Minorität bilden. Daher rührt auch der französische Ausdruck der „littérature mineure“ 3 .
Diese kleine Literatur ist durch drei Merkmale gekennzeichnet, die anhand der Situation des Pragerdeutsch deutlich gemacht werden.
Das erste Charakteristikum ist die Deterritorialisierung. Die Voraussetzung dafür bildete der Umstand, dass das Schreiben für die Juden der Stadt Prag nicht möglich war. Kafka schrieb in diesem Zusammenhang von „[…] der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Unmöglichkeit, deutsch zu schreiben, und der Unmöglichkeit anders zu schreiben.“ 4 Literarisches Schaffen war demnach nach nötig, nicht zuletzt das sich die Juden über ihre Nationalität nicht im Klaren waren. Dies drückte sich insbesondere bei der Assimilation der Generation aus. Jedoch stand dem die Schwierigkeit der Sprache gegenüber, die Kafka hier formuliert hat, wie sollte demnach anders geschrieben werden als in deutscher Sprache. Die betroffenen Menschen aber standen in einem Zwiespalt zu dem tschechischen Land, in dem sie lebten und der Möglichkeit auf Deutsch zu schreiben. Darin manifestiert sich die anfängliche Territorialität. Ähnlich erging es den Deutschen in Prag, die selbst deterritorialisiert waren, Deleuze und Guattari schreiben von einer „[…] herrschenden Minderheit mit elitärer, von Massen getrennter, künstlich gepflegter und papiernen Sprache […]“ 5 . Für die Prager Juden stellte sich dieses Problem noch stärker, weil sie auf der einen Seite nur einen kleinen Teil der Bevölkerung stellten und auf der anderen Seite waren sie von der übrigen Allgemeinheit ausgeschlossen wurden.
2 Vgl.: Franz Kafka: Tagebücher. Band 1 1909- 1912, 3. Auflage Frankfurt am Main 2000, S. 243- 253
3 Gilles Deleuze/ Félix Guattari: Für eine kleine Literatur, Frankfurt am Main 2002, S. 24
4 Franz Kafka: Gesammelte Werke. Briefe 1902- 1924, Frankfurt am Main 1958, S. 91
5 Deleuze/ Guattari: für eine kleine Literatur, S. 24
4
Kafka schreibt von einem „[…] einheitlichen Zusammenhalten des im äußern Leben oft untätigen und immer sich zersplitternden nationalen Bewußtsein der Stolz und der Rückhalt, den die Nation durch eine Literatur für sich und gegenüber der feindlichen Umwelt erhält […]“ 6 . Aus diesem Umständen kommen die beiden Autoren zu dem Schluss, dann das so genannte ‚Pragerdeutsch‘ eine deterritorialisierte Sprache war, sodass das erste Merkmal erfüllt ist. 7
Die zweite Besonderheit besteht darin, dass die individuellen Angelegenheiten mit dem Politischen verbunden werden, sodass zwangsläufig alles politisch ist. Im Gegensatz zu großen Literaturen, ist in den kleinen jede Begebenheit an sich schon politisch konnotiert, da dies der kleine Rahmen mit sich bringt. Einzelne und vor allem individuelle Angelegenheiten werden somit gezwungenermaßen wichtiger, da sich in ihnen viel mehr abspielt.
In großen Literaturen geschieht dies auf einem anderen Weg und zwar derart, dass einzelne Ereignisse auf der individuellen Ebene bleiben und sich erst durch die Verbindung zu anderen Ereignissen dieser Art eine gesellschaftliche Fundierung ergibt, die einen großen Rahmen bildet. Einzelne Angelegenheiten sind zwar wichtig, jedoch nicht in dem Maße wie sie es in der kleinen Literatur wären. Wie wichtig der Zusammenhang und die damit einhergehende Verbindung mit dem Politischen sind, drückt Kafka in seinem Eintrag mit einer Aufzählung aus: „[…] die Übernahme litterarischer Vorkommnisse in die politischen Sorgen, die Veredlung und Besprechungsmöglichkeiten des Gegensatzes zwischen Vätern und Söhnen […]“ 8 . Noch expliziter wird er in einem längeren Abschnitt, der die Grenze der Politik aber auch den Unterschied zwischen großen und kleinen Literaturen thematisiert: „Wenn auch die einzelne Angelegenheit oft mit Ruhe durchdacht wird, so kommt man doch nicht bis an ihre Grenzen, an denen sie mit gleichartigen Angelegenheiten zusammenhängt, am ehesten erreicht man die Grenze gegenüber der Politik, ja man strebt sogar danach, diese Grenze früher zu sehen als sie da ist, und oft diese sich zusammenziehende Grenze überall zu finden.“ und es heißt weiter „Allgemein findet sich die Freude an der litterarischen[sic.] Behandlung kleiner Themen […] Was innerhalb großer Litteraturen[sic] sich unten abspielt und einen nicht unentbehrlichen Keller des Gebäudes bildet, geschieht hier im vollen Licht, was dort einen
6 Franz Kafka: Tagebücher, S. 243
7 Ebenda., S. 25
8 Kafka: Tagebücher, S. 243 5
augenblicksweisen Zusammenlauf entstehen läßt, führt hier nichts weniger als die Entscheidung über Leben und Tod aller herbei.“ 9
Dieser zweite Punkt bezeichnet demnach eine Arbeitsweise aber auch Ziel der kleinen Literaturen.
Das dritte und letzte Merkmal baut auf dem zweiten auf. Zunächst einmal ist jedoch wichtig, dass festgestellt wird, dass es in der großen Literatur zu wenig Talente gibt, was aber auch wieder eine gute Seite hat. Gäbe es tatsächlich genügend talentierte Schriftsteller, würden sich weniger Begabte an deren Nachahmung versuchen, was die Qualität wiederum herabsetzen würde. Dieses Phänomen meint Kafka unter anderem in der deutschen Literatur zu finden, in der viele zum Beispiel den großen Goethe, den er als bestes Beispiel für Größe angibt, imitieren. 10 Dieses Fehlen von Talenten hat nun zur Folge, dass die wenigen Autoren sich in der Lage sehen, eine andere Literatur zu schaffen als die große, in der individuelle Aussagen wieder eine Rolle spielen und mit dem Kollektiv verknüpft werden kann. Das hat zur Folge, dass alles Geschriebene und somit sämtliche Angelegenheiten sofort politischen Charakter haben. Das generelle literarische Schaffen bekommt einen völlig neuen Stellenwert und zwar den einer aktiven Solidarität, da mit dem Kollektiven eine revolutionäre Kraft einhergeht. 11 Schriftsteller haben die Chance eine neue Denkweise auf den Weg zu bringen, wobei die Voraussetzung dafür ist, dass sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind.
In diesem Kontext sprechen Deleuze und Guattari von der ‚literarischen Maschine‘ 12 und Kafka bringt es in seinen Aufzeichnungen auf den Punkt, wenn er feststellt, dass „[…] die Litteratur [sic] weniger eine Angelegenheit der Litteraturgeschichte[sic] ist als Angelegenheit des Volkes[…]“ ist „[…] und darum ist sie wenn auch nicht rein so doch sicher aufgehoben.“ 13 Diese These wird soweit vertreten, dass angenommen wird, dass das Subjekt völlig in den Hintergrund tritt und lediglich die erwähnten Aussageverkettungen von Bedeutung sind. Das Subjekt wäre in der Lage eine Trennung zwischen dem Kollektiven und dem Einzelnen zu bewirken, was aber verhindert werden soll, da die kollektiven Angelegenheiten in kleinen Literaturen die
9 Ebenda., S. 249f
10 Ebenda., S. 244
11 Deleuze/ Guattari: Für eine kleine Literatur, S. 26
12 Ebenda., S. 26
13 Kafka: Tagebücher, S. 245 6
Arbeit zitieren:
Anne Gißke, 2009, Der Ansatz der Deterritorialisierung von Deleuze und Guattari mit Bezug auf Franz Kafkas "Rede über die jiddische Sprache" und "Die Sorge des Hausvaters", München, GRIN Verlag GmbH
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