1. Einleitung
Der russische Mediziner Iwan Pawlow hatte zufällig beobachtet, dass bei Zwingerhunden schon die Schritte des Hundezüchters den Speichelfluss der Hunde hervorriefen und das obwohl noch kein Futter in Sicht war. Seine Konklusion daraus war, dass es für die Hunde einen Zusammenhang zwischen den Schrittgeräuschen und dem Fressen geben müsse. So wagte er 1905 ein Experiment. Auf die Darbietung von Futter, was einen natürlichen Reiz auf die Hunde ausübt, folgt der Speichelfluss. Auf das Klingeln einer Glocke allerdings nicht. Wenn aber der Glockenton wiederholt im engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Anbieten von Futter erklingt, reagieren die Hunde schließlich auch auf den Ton allein mit Speichelfluss. Dieses Phänomen wird nach Pawlow klassische Konditionierung bezeichnet. Das Futter stellt dabei einen natürlichen unkonditionierten Reiz dar. Der Glockenton wird durch den wie oben beschriebenen Vorgang der Konditionierung zum konditionierten Reiz. (vgl. Gerring & Zimbardo 2008, S. 195).
Dieses Beispiel ist auch auf das menschliche Wesen übertragbar. Eine junge Dame muss immer fürchterlich niesen. Doch jedes Mal wenn sie ihr rosa Kleid anzieht, verschwindet ihr Niesreiz. Irgendwann stellt sie einen Zusammenhang zwischen ihrem Leiden und dem Kleid her, so dass sie beschließt, dieses Kleid zu tragen, sobald ihr Niesreiz wieder eintritt. Man wird das Verhalten oder die Schlussfolgerung der jungen Frau als seltsam empfinden, obwohl sie doch nur etwas gegen ihr Leiden unternimmt. Sie hält etwas für die Ursache einer bestimmten Wirkung und handelt somit nach diesem scheinbaren Gesetz.
Die Frage ist, was den Menschen dazu veranlasst, so zu denken? Warum entscheidet sich der Mensch in bestimmten Situationen so wie er sich entscheidet? Gibt es dafür eine Erklärung, vielleicht sogar eine Gesetzmäßigkeit? Steckt hinter dem menschlichen Handeln ein Prinzip, ein allgemeingültiges Prinzip?
Es liegt in der menschlichen Natur, für alle - im ersten Augenblick - irrationalen Dinge, Zusammenhänge zu finden. Nicht nur in der Naturwissenschaft, sondern auch in der Philosophie ist man somit darauf aus, alle ‚Phänomene‘ auf ein universelles Prinzip zurückzuführen - und spätestens hier treffen die Wissenschaften aufeinander, dann wenn es um das Bewusstsein geht.
David Hume setzt sich besonders mit dieser Thematik auseinander. In seinem Werk „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ aus dem Jahr 1748 versucht er das Bewusstsein hinsichtlich seiner Fähigkeit zur Urteilsbildung und seines Erkenntnisvermögens zu untersuchen. Seine Skepsis gilt dabei den Tätigkeiten des
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Verstandes und dem Einfluss der Sinne. Seine Intention ist es, herauszufinden, welchen erkenntnistheoretischen Aufgaben der menschliche Verstand gewachsen ist. Zweifelsohne handelt es sich bei obigen Tier- und Menschbeispielen um assoziative Schlussfolgerungen. Der Hund assoziiert nach einer erfolgreichen Konditionierung das Essen mit dem Klingeln, die Frau mit dem Niesen hingegen assoziiert ein Wohlbefinden bzw. ein Abklingen des Niesreizes mit einem rosa Kleid. Wie geht das zusammen?
Ich wage in dieser Arbeit den Versuch, Humes Assoziationsbegriff zu durchleuchten und einen eventuell bestehenden Bezug zur modernen Psychologie herzustellen. Wie hat sich der Assoziationsbegriff entwickelt? Wann tauchte die erste Assoziationstheorie auf? Wer hat sich bereits mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Ein kurzer Querschnitt durch die Geschichte, soll Antworten auf diese Fragen geben. Im ersten Kapitel werde ich die ersten drei Abschnitte von Humes Werk „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ durchleuchten und dann seine Assoziationstheorie vorstellen.
Im zweiten Kapitel folgt ein kurzer historischer Überblick über die verschiedenen assoziationstheoretischen Ansätze. Hier werde ich einige bedeutende Ansätze kurz vorstellen und im Anschluss den Übergang zur modernen Psychologie wagen. In meinem Fazit wird der aktuelle Bezug zu Hume hergestellt. Welche Rolle spielt er in der modernen Assoziationspsychologie?
2. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand
2.1 I Abschnitt: Über die verschiedenen Arten der Philosophie Im ersten Abschnitt seines Werkes „Ein Untersuchung über den menschlichen Verstand“ nimmt Hume eine grundlegende Differenzierung über die verschiedenen Arten der Philosophie vor. Dabei legt er seinen Fokus auf die Geisteswissenschaften (moral philosophy), die Wissenschaft von der menschlichen Natur (science of human nature), deren Aufgabe nach seiner Auffassung im Allgemeinen in der „[U]nterhaltung, Belehrung und Besserung der Menschheit […]“ (Hume 2007, S.12) bestehe. Diese Philosophie bzw. Wissenschaft lässt sich zweiteilen: Zum einen in die empirische Grundhaltung, die „leichte und einleuchtende Philosophie“ (ebd. S.244). Mit dieser Philosophie meint Hume nicht die heutige praktische Philosophie. Vielmehr rückt diese Philosophie in den Vordergrund, dass der Mensch zum Handeln geboren sei und seine Maßnahmen stark durch Gefühl und Geschmack beeinflusst seien. Dabei steht die Tugend im Mittelpunkt, „[u]nd so malen die Philosophen dieser Art sie in den anmutigsten Farben, entlehnen dazu die Hilfsmittel der Dicht- und Redekunst und
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behandeln ihren Gegenstand in einer leichten und einleuchtenden Weise, wie sie der Einbildung am wohlgefälligsten ist und die Neigung fesselt.“ (ebd. S.12) Es scheint logisch, dass diese Philosophen ihr Augenmerk auf einzelne Beispiele aus dem Leben legen. Dabei muss ihre Wahl gründlich überlegt sein um einen „Pluralismus von Meinungen“ (vgl. ebd. S.245), durch den Appell an die Gefühle, die „Aussichten an Ruhm und Glück auf die Pfade der Tugend […]“ (ebd. S.12) zu locken vermag, zu erreichen. Diese Beispiele „[l]assen uns den Unterschied zwischen Laster und Tugend empfinden; […].“ (ebd.). Dies ist der ‚Vorteil‘ dieser Philosophie, da es ihr häufiger und leichter gelingt in das tägliche Leben durchzudringen. Sie genießt das Ansehen, da ihre Perspektive stark am Leben orientiert ist und somit den Menschen entgegenkommt.
„Wenn Hume kritisiert, daß der Meinungsrelativismus in der Philosophie inakzeptabel sei, dann denkt er an eine zweite Art von Philosophie, die er als eine >>abstrakte und tiefsinnige<< charakterisiert […].“ (ebd. S.245). Dies ist die zweite Art der Philosophie, die schwerer verständliche Philosophie, die im Vergleich zur „leichten und einleuchtenden Philosophie“ sorgfältiger und expliziter ist. Mit einer diffizilen Präzision untersucht sie die menschliche Natur, um jene Leitlinien zu finden, die den menschlichen Verstand lenken, die Emotionen anregen und letztlich ihn zur Urteilsbildungen anstoßen. Dies impliziert, dass diese Art des Philosophierens den Mensch in Bezug auf seine Gabe zur Vernunft betrachtet. Ihre Aufgabe besteht darin, aus den Einzelfällen die letzten, obersten Leitlinien bzw. Prinzipien zu gewinnen, dass sie fortwährend um die universellen bzw. allgemeinen Grundlagen der Moral zur Unterscheidung z.B. von „[W]ahrheit und Unwahrheit, Laster und Tugend, Schönheit und Häßlichkeit [aufstellen zu können] ohne die Quelle dieser Unterschiede bestimmen zu können.“ (ebd. S.13). Diese Grundlagen der Moral müssen in Bezug auf den Anspruch auf Gerechtigkeit und Gültigkeit von jedem anerkannt werden. Dabei werden diese Begriffe erneut selbst Element ihrer Untersuchung zur Wahrheitsfindung. Unterdessen werden de facto existente, irreversible Wahrheiten bezweifelt. Die Folge dieser abstrakten Spekulationen ist, dass dieser Philosophie, da sie keinen wirklichen Einblick ins praktische Leben gewährleistet und somit eine Brauchbarkeit derjenigen Betrachtungen für viele Menschen nicht begreifbar ist, der Zugang zum Leben vorenthalten wird. Die Problematik besteht dann darin, dass die Einflussnahme auf die Lebensführung und Verhaltensweisen der Menschen erschwert wird, natürlich unter dem Vorbehalt, wenn es überhaupt die Intention einer solchen Philosophie ist. Falls Fehler oder Unentschiedenheiten in den Überlegungen auftauchen, werden diese mit der erforderlichen Konsequenz weitergeführt. So kann zusammenfassend gesagt werden, dass die beiden Herangehensweisen dieser Philosophie sowohl ihre Vorteile
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als auch Nachteile haben. Es wäre fatal, der einen mehr Bedeutung zu schenken und somit die Andere herabzusetzen. Denn schließlich sind beide auf der Suche nach Erkenntnis um die Wahrheitsfindung bemüht. Dazu sagt Hume vernunftgemäß, dass die Philosophie auf der Suche nach Erkenntnis, den Menschen in seinem Agieren leiten sollte und sich nicht in Selbstgenügsamkeit verlieren sollte. „Der Mensch ist ein vernünftiges Wesen [und] der Mensch ist auch ein geselliges Wesen [und] endlich ein tätiges Wesen […].“ (ebd. S.15f.), so Hume. „Die Natur scheint daher dem Menschengeschlecht eine gemischte Lebensweise als die geeignetste angewiesen und es im geheimen gewarnt zu haben, sich hier keiner Voreingenommenheit allzu sehr hinzugeben und dadurch die Fähigkeit für andere Arbeiten und Vergnügen einzubüßen.“ (ebd. S.16).
Humes Empfehlung, nachsichtlich der Auffassung, das vollkommenste Individuum liege zwischen den Extremen, lautet: „Sei ein Philosoph; aber inmitten all deiner Philosophie bleibe Mensch!“ (ebd.).
Man stelle sich vor, dass ein Künstler ein Gemälde von einem schönen Menschen erstellen will. Damit ihm diese Aufgabe gelingt, bedarf er nicht nur der Technik des Zeichnens, seinem Talent und einem Gespür für Ästhetik, sondern auch einem nicht ganz belanglosen Wissen über die Anatomie des Menschen: Der Mensch ist ein außerordentlich komplexes Gesamtkunstwerk und der Künstler bedarf somit einer Kenntnis über das menschliche Skelett, dessen Gebrauch (Funktion), Gestalt und dem Zusammenspiel davon. Das zeigt, dass das eine dem anderen zuträgt. Diese Behauptung ist auch auf beide Arten der Philosophie, der lebensnahen und der abstrakten, transferierbar, was sowohl das Bedürfnis des Menschen nach Befriedigung seines Wissensdurstes als auch die Bestrebung ihrerseits legitimiert. Denn „[d]ie Finsternis ist tatsächlich für den Geist so peinlich wie für das Auge; Licht aus der Finsternis gewinnen, sei diese Arbeit auch noch so schwer, kann deshalb nur angenehm und erfreulich sein.“ (ebd. S.18). Allerdings ist diese abstrakte Philosophie nicht nur „beschwerlich und ermüdend“ sondern auch „die unvermeidliche Quelle von Ungewissheit und Irrtum […].“ (ebd.). Ergo billigt Hume hier einen angemessenen Einwand gegen einen beachtenswerten Teil der Metaphysik, die „[n]icht eigentlich eine Wissenschaft ist, sondern entweder das Ergebnis fruchtloser Anstrengungen der menschlichen Eitelkeit, welche in Gegenstände eindringen möchte, die dem Verstand durchaus unzugänglich sind, oder aber das listige Werk des Volksaberglauben (popular superstitions).“ (ebd. S.19). Diesen Aberglauben vergleicht er noch im selben Satz mit „Gestrüpp Schutz und Deckung“, da er sich auf freiem Felde der Verteidigung entzieht und es bevorzugt in den Wald zu fliehen und auf der Lauer zu liegen, um bei gegebener Möglichkeit „in jeden unbewachten Zugang des Geistes einzubrechen und
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ihn durch religiöse Ängste und Vorurteile zu überwältigen.“ (ebd.). Seine daraus entstehende Konklusion ist, dass die „echte Metaphysik (true metaphysics)“ gepflegt werden müsse, „um die unechte und verfälschte zu zerstören.“ (ebd. S. 20). Dies kann nur dann stattfinden, wenn über die Natur des menschlichen Verstandes eine nachdrückliche Untersuchung vorgenommen wird, um in einer exakten Konklusion bzw. Analyse seine Kräfte und sein wahrhaftiges Vermögen aufzuzeigen. Die Frage ist, was der Verstand wirklich zu erkennen vermag und was nicht. Einleuchtend ist, dass hierzu in erster Linie der Verstand verstanden werden muss. In Wirklichkeit scheint sich der klare Verstand, wenn es darum geht selbst der Gegenstand seiner Reflexion zu sein, im Dunkeln zu verbergen. Somit wird er spätestens bei diesem Plan seiner Bezeichnung nicht im Geringsten gerecht, womit schlauerweise die Regeln und Grenzen seiner Operationen nicht näher betrachtet werden. Auch Hume ist sich über diese Schwierigkeit und Problematik im Klaren. Er will sich dieser Hürde aber stellen und findet, dass es einer nützlichen Überlegung wert ist, diese Hürde zu bewältigen. „Es lässt sich nicht bezweifeln, daß der Geist mit einer Mehrzahl von Kräften und Fähigkeiten begabt ist, daß diese Kräfte voneinander verschieden sind und daß, was wirklich für das unmittelbare Bewußtsein (immediate perception) verschieden ist, auch durch Reflexionen unterschieden werden kann; folglich also, daß es in allen Behauptungen auf diesem Gebiet ein Wahr und ein Falsch gibt, und zwar ein Wahr und Falsch, das nicht jenseits des Bereichs des menschlichen Verstandes liegt (beyond the compass of human understanding).“ (ebd. S. 21). Erstmalig erscheint hier der von Hume geprägte Begriff der Perzeption. Diesem kommt in Humes Erkenntnistheorie eine tragende Rolle zu. Wenn Hume von Perzeptionen spricht, so meint er die Gesamtheit aller Sinneswahrnehmungen und Regungen: jedes Gefühl, jedes Wünschen, jedes Wollen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass er damit das Ergebnis des erkennenden Verhaltens meint, kurz, den Bewusstseinsinhalt. Hume liefert im ersten Abschnitt einen Versuch der Differenzierung zwischen der verderblichen Metaphysik von der nützlichen. Diese Trennung soll als Instrument zur Unterscheidung der Wahrheitsmittel, Aberglauben und Wissenschaft dienen, ebenso die Methode, den menschlichen Verstand zu untersuchen, um aufzudecken, was dieser tatsächlich vermag, schickt er sich im zweiten Abschnitt dazu an, den Ursprung der Vorstellungen aufzuzeigen
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Keziban Erdogan, 2009, David Hume - Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand – Über den Assoziationsbegriff, München, GRIN Verlag GmbH
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