Einleitung ……………………………………………………………………………….. 1
„Solch einem Mann, o Prothoe, ist Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“ I. Die Vernunft weicht dem Gefühl: Penthesilea begegnet Achilles …………… 5
„Es schickt sich nicht, dass eine Tochter Mars sich ihren Gegner sucht, den soll sie wählen, den ihr der Gott im Kampf erscheinen lässt.“ II. Das Vernunftgesetz der Amazonen ……………………………………………… 10
„Ist’s meine Schuld, dass ich im Feld der Schlacht um sein Gefühl mich kämpfend muss bewerben?“
III. Zwischen Neigung und Pflicht: Der Penthesileasche Konflikt …………… 14
„Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muss ich’s - - und dass ich verlor.“ IV. Das Gefühl als Schicksal und die seelische Antinomie als Wesenskern der Tragik ……………………………………………………………………………………. 18
„Penthesilea! O du Träumerin!“
V. Das Lügenspiel als retardierendes Moment vor der Katastrophe …………… 24
„Sie liegt, den grimm’gen Hunden beigesellt, sie, die ein Menschenschoß gebar, und reißt, die Glieder des Achills reißt sie in Stücken!“
VI. Die Entladung der seelischen Antinomie als dramatischer Höhepunkt …... 28
„Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, weil er in ihre Krone greifen kann.“ VII. Der Tod Penthesileas als Überwindung des Amazonentums ...…………… 33
Resümee …………………………………………………………………………………. 39
Quellenverzeichnis ……………………………………………………………………. 43
Einleitung
Die menschlichen Emotionen waren seit jeher Betrachtungsgegenstand philosophischen Denkens, in dessen Tradition sie gemeinhin als Gegenstück der Vernunft galten. Bereits Aristoteles betrachtete den menschlichen Geist als Marionette mit zahllosen verworrenen Fäden aus Eisen, die den Affekten entsprechen, inmitten derer ein einzelner aus Gold besteht, der die Vernunft darstellt. 1 Gleichermaßen stellte Platon fest, dass „Emotionen irrational seien und das Denken korrumpierten.“ 2 Immanuel Kant hielt Emotionen für „Krebsschäden für die reine praktische Vernunft und mehrenteils unheilbar“ 3 . Spinoza suchte in seiner „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes“ nach der „Chance des Menschen […], mit seinen Affekten in vernünftiger Weise umzugehen.“ 4
In der gesamten Philosophiegeschichte bis weit ins 19. Jahrhundert blieben die Emotionen üblicherweise negativ konnotiert und galten als etwas Niederes, das dem Menschen in krankhafter Weise anhafte und durch den gesunden Verstand überwunden werden müsse. „Die unwillkürliche, dem rationalen Denken entzogene Qualität und ihre Fähigkeit, das Denken vollständig zu dominieren, hat die Emotionen in den Augen der Philosophie in Misskredit gebracht.“ 5 Insbesondere zur Zeit der Aufklärung wurde die Kontrolle und Maßhaltung der Affekte durch rationale Anschauung als Pflichtaufgabe des anständigen Menschen erachtet, um sich vom rein emotionsgeleiteten und instinktgetriebenen Tier abzugrenzen. „Bis Ende des 18. Jahrhunderts verzichtete kaum ein Philosoph in seiner Metaphysik, seiner Ethik, seiner Psychologie oder seiner Epistemologie auf eine Lehre von den Passionen oder Affekten.“ 6 Immer fungierte das persönliche Seelenleben - das innere Begehren, die Leidenschaft, das starke Gefühl - als Negativfolie und Schattenbild der Rationalität. Kant behauptete, der Mensch stehe allzeit vor der Wahl zwischen Leidenschaft und Vernunft, da ein Zugleich der beiden unmöglich sei. 7 Demgemäß lautete Kants
1 Vgl.: Knut Eming: „Die Unvernunft des Begehrens. Platon über den Gegensatz von Vernunft und Affekt.“, in:
„Affekte. Philosophische Beiträge zur Theorie der Emotionen.“, Stefan Hübsch u. Dominic Kaegi (Hrsg.),
Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg, 1999, 14. Fortan zitiert als „Hübsch/ Kaegi“.
2 Claudia Wassmann: „Die Macht der Emotionen. Wie Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen“,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, 16. Fortan zitiert als „Wassmann“.
3 Immanuel Kant: „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, in: „Gesammelte Schriften. Herausgegeben von
der (königlichen) Preussischen/ Deutschen Akademie der Wissenschaften“, 266. Zitiert nach Catherine
Newmark: „Passion - Affekt - Gefühl. Philosophische Theorien der Emotionen zwischen Aristoteles und Kant“,
Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2008, 220. Fortan zitiert als „Newmark“.
4 Wolfgang Bartuschat: „Vernunft und Affektivität bei Spinoza“, in: Hübsch/ Kaegi, 91
5 Wassmann, 15
6 ebda., 9
7 vgl. Hübsch/ Kaegi, 220
1
idealistische Vorgabe: „Der Verstand übt seine Herrschaft aus, indem er der Sinnlichkeit Regeln vorgibt und das sinnlich Gegebene gemäß diesen Regeln ordnet.“ 8 Aus dieser Lehre zog Kant den Schluss, dass einzig auf der Grundlage der Vernunft allgemeine Moralgesetze abzuleiten seien, während die Auslebung irrationaler Neigungen lediglich solche Verhaltensweisen hervorbringe, die gefährlich für den Einzelnen und, schlimmer noch, für das Allgemeinwohl seien. Entsprechend steht „in Kants Ethik […] die praktische Vernunft als transzendentales Vermögen, allgemeine Handlungsmaximen zu bestimmen, den empirischen, bloß subjektiven Neigungen und 'sinnlichen Antrieben der Natur' gegenüber.“ 9
„Glücklich zu sein, ist notwendig das Verlangen jedes vernünftigen
aber endlichen Wesens, und also ein unvermeidlicher Bestimmungsgrund seines Begehrungsvermögens. [...] Aber eben darum, weil dieser materiale Bestimmungsgrund von dem Subjekte bloß empirisch erkannt werden kann, ist es unmöglich, diese Aufgabe als ein Gesetz zu betrachten, weil dieses als objektiv in allen Fällen und für alle vernünftige Wesen eben denselben Bestimmungsgrund des
Willens enthalten müsste.“ 10
Kants Pflichtethik führt somit „zu einem Ideal der ‚Apathie’ gegenüber allen natürlichen, sinnlichen Neigungen.“ 11
Vor dem Hintergrund dieser mehr als zweitausend Jahre lang tradierten Affektenlehre, welche Emotion und Vernunft als unvereinbares Gegensatzpaar ansieht und - so lässt sich sagenmit der Kantischen Moral- und Aufklärungsphilosophie ihre Blüte erlebte, soll das Dramenstück „Penthesilea“ des Dichters Heinrich von Kleist betrachtet werden. Der junge Kleist, der nachweislich eine intensive Lektüre der Werke Kants betrieb 12 , wurde durch die Lehre des schon zeitgenössisch hoch angesehenen Königsberger Philosophen in seiner dichterischen Produktion maßgeblich beeinflusst. So will diese Arbeit den Nachweis erbringen, dass die Kontradiktion von Gefühl und Vernunft, auf die Kleist in den Schriften Kants stieß, das leitende Thema der Penthesilea-Dichtung und den Wesenskern der sich dort manifestierenden Tragik bildet. Es soll gezeigt werden, dass das heilige Gesetz der Tanais, dem das Amazonenvolk unterliegt, das von Kleist ausgestaltete Ideal einer allgemeinen und
8 Immanuel Kant: „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, zitiert nach Hübsch/ Kaegi, 211
9 Newmark, 213
10 Immanuel Kant: „Kritik der praktischen Vernunft“, zitiert nach Newmark, 213
11 ebda., 213
12 Die ältere Kleistforschung spricht fast einvernehmlich vom „Kant-Erlebnis“ oder der „Kant-Krise“.
2
rein rational bestimmten Handlungsmaxime gemäß der Kantischen Ethikphilosophie darstellt. Dies vorausgeschickt, wird diese Arbeit um eine Interpretation bemüht sein, die dahin zielt, Kleists Ablehnung der auf Vernunft basierenden Moralgebote aufzuzeigen, die aus der Geschichte der Affektphilosophie, insbesondere aber aus der Ethiklehre Kants hervorgeht. Im Ergebnis soll herausgestellt werden, dass Kleist anhand seiner „Penthesilea“ darzulegen beabsichtigte, dass eine dauerhafte Unterdrückung der menschlichen Gefühlswelt durch rationale, nur auf Zweckdienlichkeit ausgerichtete Gesetze letztlich in einem emotionalen Ausbruch von Gewalt, Zerstörung und Tod enden muss.
Weitgehend wird diese Arbeit einem werkimmanenten Ansatz folgen, denn wenn „die 'Wirklichkeit' der Dichtung trotz ihrer Sinnbeziehung zur Realität freien, in sich geschlossenen, eigengesetzlichen Bestand hat [...], so kann auch diese Wirklichkeit niemals von Realitätszusammenhängen her, sondern nur aus sich selbst begriffen werden.“ 13 Auch die Einbettung der Dramenhandlung in Zeit und Ort des Trojanischen Krieges macht keinen Exkurs in die griechische Mythologie notwendig, da das Bühnenstück - wie sich entgegen dem ersten Eindruck zeigen wird - hiervon kaum weiter entfernt sein könnte. Sämtliche Figuren werden sich trotz ihrer Entlehnung aus dem griechisch-mythologischen Raum bei näherer Untersuchung als vollkommen Kleistisch erweisen. Was die strukturelle Vorgehensweise anbelangt, so wird es in einem ersten Abschnitt zunächst erforderlich sein, die im Trauerspiel verankerte Divergenz von Vernunft und Gefühl herauszuarbeiten, welche den Grundstein für die späterhin entfaltete Tragik legt. Anhand einschlägiger Textstellen soll die wechselseitig bedingte Emotionalität der beiden Hauptfiguren aufgezeigt werden, die dem rein rationalen Verhaltensmuster der übrigen Figuren unvereinbar gegenüberstehen. Der zweite Abschnitt stellt das Vernunftgesetz des Amazonenstaates vor, dem Penthesilea als dessen Königin unumgänglich unterliegt, obgleich es in heftigem Widerspruch zu ihrer Seelennatur steht. Dieser unversöhnliche Zwiespalt von Gefühl und Gesetz soll als dramatischer Schwerpunkt der Dichtung erkannt werden. Der dritte Abschnitt beleuchtet den ermittelten Konflikt intensiver, indem er die Werkimmanenz kurzzeitig verlässt und die Penthesileasche Tragik mit Bezug auf die persönliche Wirklichkeitsauffassung Kleists betrachtet. So wird darzulegen sein, dass nach der Kleistischen Vorstellung Gefühl und Welt unlöslich miteinander verwoben sind, folglich keinen Gegensatz von Innen und Außen bilden, sondern gleichermaßen die Seelenbeschaffenheit des Subjekts formen, aus dem es sich nicht zu befreien imstande ist. Insofern betrachtet Kleist das menschliche Schicksal als etwas Ureigenes, etwas durchweg
13 Wolfgang Einsiedel: „Die dramatische Charaktergestaltung bei Heinrich von Kleist“, Verlag Dr. Emil Ebering,
Berlin, 1931, 29. Fortan zitiert als „Einsiedel“.
3
Persönliches und vollständig Inneres, dem die objektive Realität in untergeordneter Weise gegenübersteht. Diese eigentümliche und dem Zeitgeist widerstrebende
Wirklichkeitsauffassung Kleists soll im vierten und letzten Abschnitt als Interpretationsfolie für die seelische Zerrissenheit Penthesileas dienen, um auf deren Grundlage den katastrophalen Höhepunkt der Dramatik - die grausame Zerfleischung des Achilleserklärbar zu machen, welche zeitgenössisch als pervertierte Gewaltdarstellung ohne erkennbaren Tiefsinn empfunden wurde.
Im Resümee werden die Ergebnisse zusammengetragen und zu einer abschließenden Deutung des Trauerspiels verwoben. Diese folgt der eingangs beschriebenen Absicht, die „Penthesilea“-Dichtung als warnendes Beispiel für die Konsequenzen einer rein rationalen Gesetzgebung aufzufassen, welche die Emotionen des Menschen auf widernatürliche Weise unterdrücken und somit Seelenspannungen hervorrufen, deren Entladung eine große Bedrohung für das betroffene Individuum und die ihn umgebende Allgemeinheit bedeuten. So wird sich Kleists Dramenwerk als avantgardistische Abhandlung über menschliche Emotionen erweisen, welche die lange Tradition ihrer negativen Konnotation überwindet und sie stattdessen als lebensnotwendigen Bestandteil der Seele und Grundvoraussetzung der individuellen Entfaltung ausweist.
4
I.
„Solch einem Mann, o Prothoe, ist Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“
Die Vernunft weicht dem Gefühl: Penthesilea begegnet Achilles
Erst im 15. Auftritt wird der Rezipient des Dramas in das Gesetz der Amazonen eingeweiht, obgleich es zu den Grundvoraussetzungen des Konfliktes gehört. Sofern bezüglich jenes Frauenstaates keine Vorkenntnis besteht - denn das Allerwesentlichste der mythologischen Figuren übernahm Kleist immerhin in seine Dichtung, wenn auch darüber hinaus nur wenig -, so muss das Volk der Amazonen zunächst rätselhaft und eigentümlich anmuten und ihre Einmischung in den Trojanischen Krieg schier unbegreiflich wirken. Odysseus und Diomedes, zwei der vier Könige des Griechenvolks, sind soeben vom Schlachtfeld zurückgekehrt, wo sie zeitlebens zum ersten Mal auf die Amazonen getroffen sind, die unter der Führung ihrer Königin Penthesilea offenbar völlig wahllos jegliche ihren Weg kreuzenden Männer bekämpfen. In einem gemeinsamen Botenbericht, derer sich zahlreiche im Drama finden, schildern sie Antilochus, dem Dritten im Königsquartett, das unerwartete Erscheinen jener kriegerischen Weiber auf dem Schlachtfeld. Was die fremdartigen Kriegsfrauen wollen, vermögen die Könige nicht zu sagen und werden somit zu Identifikationsfiguren des Zuschauers, der in ebensolcher Unkenntnis verbleibt. Die Amazonen schlagen sich weder auf die griechische noch auf die trojanische Seite, sodass ihre Teilnahme am Kriegsgeschehen zunächst unerklärlich bleibt. Trotz dieses nebulösen Beginns, findet sich schon im ersten Auftritt eine überaus bedeutsame Stelle, die frühzeitig auf alles noch Folgende hinausweist: Die Amazonenkönigin wirkt eingangs so emotionslos wie eine Steinfigur, sie ist besonnen und geistesgegenwärtig, doch wird von heftigen Gefühlen ergriffen, als sie den vierten König und zugleich größten Feldherrn der Griechen erblickt: Achilles.
„Gedankenvoll, auf einen Augenblick,/ Sieht sie in unsre Schar, von
Ausdruck leer,/ Als ob in Stein gehau’n wir vor ihr stünden;/ Hier diese flache Hand, versich’r ich dich,/ Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:/ Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:/ Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,/ Das Antlitz färbt, als schlüge rings um ihr/ Die Welt in
5
helle Flammenlohe auf./ […] Und ruft: solch einem Mann, o Prothoe,
ist/ Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“ 14
Der Ausruf Penthesileas kann hier aufgrund der Unkenntnis über das Amazonengesetz noch nicht verstanden werden und doch wird bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich, dass die Königin beim Anblick des Achilles einem übermächtigen Affekt erliegt, der an die Stelle ihrer anfänglichen Ausdrucks- und Gefühllosigkeit tritt.
„So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht,/ Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,/ Die sich ihr Auge grimmig auserkor,/ Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.“ 15 , führt Diomedes den von Odysseus begonnenen Botenbericht fort und fügt in Unverständnis hinzu, dass Penthesilea trotz jener augenscheinlichen Angriffslust, die sie Achilles gegenüber an den Tag legte, ihm offenbar nichts anzutun gewillt war: „Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon/ Sein Leben war in ihre Macht gegeben,/ Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder.“ 16
Die emotionale Ergriffenheit Penthesileas, als sie zum ersten Mal den griechischen Kriegsführer antrifft, sowie ihre widersprüchlich erscheinende, feindlich-friedliche Gesinnung selbigem gegenüber, sind vorerst ohne entsprechende Erklärung hinzunehmen. Auch die nächste für den Konflikt entscheidende Szene trägt sich bereits im ersten Auftritt zu und beinhaltet die emotionale Erwiderung des Achilles auf jene Penthesileas. Antilochus schlägt angesichts der beunruhigenden Nachrichten den vorübergehenden Rückzug vom Schlachtfeld vor, bis die Absicht des geheimnisvollen Amazonenvolkes aufgeklärt ist, doch verweigert Achilles den Befehl, da er ganz in Penthesilea vernarrt scheint und nicht von ihr zu scheiden bereit ist. Diomedes gemahnt, mit Ruhe und gesundem Menschenverstand an ihren Schlachtenführer heranzutreten - „Lasst uns vereint, ihr Könige, noch einmal/ Vernunft keilförmig, mit Gelassenheit,/ Auf seine rasende Entschließung setzen.“ 17 -, doch mit Rationalität lässt sich bei Achilles schon jetzt kein Blumentopf mehr gewinnen: Die Macht des Affektes hat innerhalb eines Wimpernschlages Besitz von ihm ergriffen und seinen Verstand hoffnungslos außer Kraft gesetzt.
Durch diesen Übergang von rationaler Bedachtsamkeit zu emotionaler Ergriffenheit seitens beider Hauptprotagonisten ist der Grundstein für den Konflikt gleich zu Beginn des Trauerspiels gelegt. Allein das Besondere ist, dass es sich um keine Exposition im
14 Heinrich von Kleist: „Penthesilea“, Deutscher Taschenbuch Verlag, Joseph Kiermeier-Debre (Hrsg.),
München, 1997, 11f. Fortan zitiert als „Penthesilea“.
15 ebda., 15
16 ebda., 15
17 ebda., 18 (Hervorhebung eingefügt)
6
herkömmlichen Sinne handelt, da bis hierher noch nicht begreiflich ist, welche Problematik sich denn eigentlich zu entwickeln begonnen hat. Nur dass eine bedeutende Zäsur stattgefunden hat, dass die Handlung an einem Punkt außergewöhnlichen Geschehens einsetzte, ist zweifelsfrei spürbar und wird unmissverständlich deutlich anhand der fassungslosen Reaktionen der übrigen Figuren, die ihrer Vernunft noch mächtig sind. Nachdem Achilles kurzzeitig in die Hände der Amazonen gefallen ist, vorübergehend also in der Nähe Penthesileas war, erscheint er im vierten Auftritt vor Gefühlswallungen ganz abgelenkt und zeigt sich völlig unfähig, den anderen Griechenkönigen aufmerksam Gehör zu schenken.
„Was ist?“, fragt der griechische Held zerstreut. „Was giebt’s?“ 18 , als sei er nicht soeben aus einer gefahrvollen Flucht mit dem Pferdewagen siegreich gegen die Amazonenkönigin hervorgegangen. Nur Penthesilea gilt sein Interesse, die bei dem Versuch, Achilles mit waghalsiger Geschwindigkeit einzuholen, übel stürzte.
„Steht sie noch da?“ 19 , will er wissen, während er in die Ferne hinaus schaut, und meint natürlich die Herrscherin der Kriegsweiber. Nicht einmal einer Verletzung seines Armes widmet er sich und fühlt sich von den ihn verbindenden Dienern bloß belästigt. Odysseus unterrichtet Achilles von einem Kriegsplan, der beabsichtigt, „die Amazonen-Königin/ Herab nach der Dardanerburg zu locken,/ Wo sie in beider Heere Mitte nun/ Von treibenden Verhältnissen gedrängt,/ Sich muss, wem sie die Freundin sei, erklären.“ 20 Achilles ist in seinem emotional verklärten Zustand allerdings außerstande, dieses auf Verstand und Logik beruhende Vorhaben nachzuvollziehen. „Hast du gehört, Pelide,/ Was wir dir vorgestellt?“, fragt Odysseus, da er Achilles mentale Abwesenheit wohl bemerkte, worauf der größte Griechenheld in seiner Träumerei erwidert: „Mir vorgestellt?/ Nein, nichts. Was war’s? Was wollt ihr?“ 21
Nachdem er sich noch einmal über das Vorhaben aufklären ließ, stellt sich Achilles schließlich gegen den Rückzugsplan, da er offenkundig so bald wie möglich noch einmal der Amazonenkönigin nah zu sein begehrt: „Kämpft ihr wie die Verschnittnen, wenn ihr wollt;/ Mich einen Mann fühl ich, und diesen Weibern,/ Wenn keiner sonst im Heere, will ich stehn!“ 22
Noch in derselben Rede gesteht Achilles offen seine Gefühle für Penthesilea: „Die Schäferstunde bleibt nicht lang mehr aus:/ Doch müsst ich auch durch ganze Monden noch,/
18 Penthesilea, 35
19 ebda., 38
20 ebda., 40
21 ebda., 40
22 ebda., 41
7
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Simon Geraedts, 2009, Die Logik des Herzens, München, GRIN Verlag GmbH
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