Inhaltsverzeichnis
1 Virtù als Gegenstand der Wissenschaft 3
2 Wanderung der virtù 3
2.1 Die Welt verändert sich nicht. 4
2.1.1 Anthropologie. 5
2.1.1.1 Rohnatur des Menschen 6
2.1.1.2 Politisch-historische Ausformung 8
2.1.2 Fortuna 9
2.1.2.1 Occasione durch fortuna. 10
2.1.2.2 Necessità und qualità dei tempi. 12
2.1.2.3 Das Spannungsverhältnis zwischen virtù und fortuna 14
2.1.3 Virtù 16
2.1.3.1 Das unveränderliche Wesen der virtù 17
2.1.3.2 Erscheinungsformen der virtù 20
2.1.4 Kreislauf der Verfassungen: Der Weg über Principe und Discorsi zur Republik
24
2.1.4.1 Der Weg aus der Krise: der Principe. 24
2.1.4.2 Der Weg zur Republik: die Discorsi 26
2.1.5 Die Tüchtigkeit wandert. 28
2.1.6 Die deutschen Reichsstädte. 28
2.1.7 Über Erziehung zu virtù 30
3 Republik als Mittel oder als Ziel? 33
Bibliographie. 35
Prim ärliteratur: 35
Sekund ärliteratur: 35
2
1 Virtù als Gegenstand der Wissenschaft
Die virtù bei Machiavelli ist ein viel untersuchter Begriff der Philosophie. Es gibt dutzende Übersetzungen und noch weit mehr Arbeiten die sich mit diesem Begriff auseinandersetzen. Überraschenderweise beschäftigt sich aber relativ wenig Literatur mit der Wanderung von virtù, obwohl ja gerade die Wanderung der virtù ein Kernelement in Machiavellis Konzeption darstellt. Ein Satz im Vorwort zum zweiten Buch der Discorsi ist dafür von zentraler Bedeutung: „Wenn ich den Lauf der Dinge bedenke, so finde ich, daß die Welt stets dieselbe geblieben ist. Es gab auf ihr immer ebenso viel Gutes wie Schlechtes, nur wechselten das Schlechte und das Gute von Land zu Land. […] Die Welt blieb jedoch immer dieselbe, nur mit dem Unterschied, daß sich ihre gesammelten Energien zunächst in Assyrien entluden, dann in Medien und Persien, bis sie schließlich auf Italien und Rom übergingen.“ 1 Aus dieser so wichtigen Textstelle lassen sich nun zwei Thesen Machiavellis herauslesen. Erstens die These der Unveränderlichkeit der Welt, die immer die gleiche geblieben ist, sich niemals ändern wird und kann, und daher auch immer die gleiche bleiben wird. Zweitens die These der Wanderung der virtù, der „gesammelten Energien“ wie es in der Übersetzung heißt, die im Rahmen dieser unveränderlichen Welt zwischen den Völkern umherwandert. Es stellt sich natürlich durchaus die Frage, wie man sich eine unveränderliche Welt vorzustellen hat und wie die Veränderung, die durch eine umherwandernde virtù hervorgerufen wird, zu der Vorstellung einer unveränderlichen Welt passt. Wichtig ist zudem, durch was die Wanderung der virtù hervorgerufen wird und ob sie beeinflusst werden kann. Das Konzept der Wanderung von virtù verbindet alle anderen Elemente bei Machiavelli, somit ist seine Bedeutung nicht zu unterschätzen.
2 Wanderung der virtù
Das Prinzip der Wanderung von virtù, wie es bei Machiavelli auftaucht, ist stark an die mittelalterliche translatio imperii-Lehre angelehnt, wonach gemäß dem biblischen Buch Daniel vier Weltreiche aufeinander folgen und im Anschluss an das vierte Reich der Weltuntergang droht. 2 Der Begriff der Wanderung impliziert dabei auf den ersten Blick eine Veränderung, die bei genauerer Betrachtung keinen Bestand hat. Veränderung findet sich lediglich im immer wiederkehrenden Auf und Ab von Staaten und Menschen, in der dauernden Abfolge von Gründung und Zerfall mächtiger Reiche. Wo sich virtù bindet, da
1 Machiavelli, Niccolo: Discorsi. Gedanken über Politik und Staatsführung, 3. Aufl., Stuttgart: Alfred Kröner
Verlag, 2007, Buch II, Vorwort, S. 167.
2 Vgl. Knauer, Claudia: Das „magische Viereck“ bei Machiavelli. Fortuna, virtù, ocassione und necessità,
Würzburg: Königshausen & Neumann, 1990, S. 12.
3
entstehen große Reiche, sobald sie verfliegt gehen sie wieder zu Grunde. Geschichte spielt sich in einem Kreislauf ab, in dem eine lineare, immerwährende Fortentwicklung des Menschen nicht vorgesehen ist. 3 Aus diesem Grund ist das antike Rom Machiavellis Ideal, weil es den letzten Höhepunkt im immerwährenden Kreislauf Italiens darstellt. Dieses Stadium gilt es wieder zu erreichen, die Gegenwart ist dabei nicht mehr als die zerrüttete Ausgangsbasis von der aus der Kreislauf von neuem startet. 4 Die von Menschen wahrgenommene Veränderung in der Welt ist also lediglich Ausdruck dieser geschichtlich wiederkehrenden Abfolge. Veränderung ist somit nur möglich, indem die feststehenden Stadien des Kreislaufs durchschritten werden und ist daher letztlich keine wirkliche Veränderung.
Diese Unveränderlichkeit der Welt ist nun unabdingbare Voraussetzung für Machiavellis weiteres Vorgehen. Denn nur wenn eine gewisse Unveränderlichkeit bestimmter Elemente gegeben ist, nur dann kann man allgemeine Aussagen darüber ableiten. Und nur dann ist es möglich Handlungsanweisungen zu geben.
2.1 Die Welt verändert sich nicht
Es gibt bei Machiavelli zumindest drei Elemente, auf denen die Unveränderlichkeit der Welt gründet. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie zwar einen unveränderlichen Kern besitzen, in ihrer konkreten Ausgestaltung aber sehr wohl zur Veränderung fähig sind. So sieht Machiavelli in den Trieben und Leidenschaften der Menschen eine spezifische, unveränderliche Natur. Und trotzdem ist es möglich, menschliches Verhalten zumindest zeitweise entgegen dieser konstanten Natur auszurichten. Aber nur auf Grund dieser Konstanz der menschlichen Natur ist es überhaupt erst möglich, Aussagen über menschliches Verhalten zu treffen. Erst dadurch wird eine gewisse Planbarkeit möglich. Nur weil sich die grundlegende Natur des Menschen nicht verändert, können durch Nachahmung antiker Methoden ähnliche Resultate wie im antiken Rom, also menschliches Verhalten jenseits der schlechten Leidenschaften und Triebe, erreicht werden. 5
Ähnlich verhält es sich mit Machiavellis Konzepten von fortuna und virtù. Das Wesen von fortuna ist immer gleich und zutiefst unveränderbar, sie ist wankelmütig und launisch, auf fortuna ist kein Verlass. Und dennoch kann man ihr eine gewisse Beständigkeit abtrotzen, wenn man ihr nur genug virtù entgegenstellt. Auch hier gibt es also mit dem grundlegenden Wesen der fortuna einen unveränderlichen Kern der sich partiell beeinflussen lässt. Und auch
3 Vgl. Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der
Republik Florenz, Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1990, S. 338.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. ebd. ,S. 254.
4
virtù ist ihrem Wesen nach immer gleich und unveränderbar. Und dennoch manifestiert sie sich in verschiedensten Ausprägungen, von der virtù des Staatsgründers bis hin zur virtù eines ganzen Volkes.
Der sich immer wiederholende Geschichtskreislauf schließlich verbindet diese drei statischen Elemente miteinander und bindet sie ein in das Gesamtkonzept Machiavellis. Das stete Auf und Ab der Staaten ist die ultimative Beständigkeit. Die oberflächliche Veränderung von individueller Staatswerdung und Staatsverfall weicht der Unveränderlichkeit der Welt als Ganzes. Zwar mag sich der einzelne Staat durchaus zunächst einer Veränderung unterworfen sehen indem er erst entsteht, dann seinem Höhepunkt entgegenstrebt und schließlich wieder zerfällt. Es gibt aber in Machiavellis Geschichtsverständnis kein lineares Fortschreiten. Geschichte wiederholt sich immerfort, unter diesem Blickwinkel findet keine grundlegende Veränderung statt, Werden und Vergehen der Staaten ist genauso unveränderlich wie die Natur der Menschen oder das Wesen von fortuna und virtù.
Machiavellis zentrale Annahme der Unveränderlichkeit der Welt ist für seine Konstruktion deshalb so enorm wichtig, weil es erst dadurch möglich wird, Konsequenzen für das menschliche Verhalten abzuleiten. Aus der Geschichte Ratschläge für die Gegenwart abzuleiten, wie Machiavelli es für möglich hält 6 , ist nur durch die Annahme einer immer gleich bleibenden menschlichen Natur und sich wiederholender geschichtlicher Stadien möglich. 7 Nur dadurch eben sind Generalisierungen über menschliches Verhalten und geschichtliche Abläufe denkbar. 8 Und nur auf Grund dieser Annahmen kann auch das antike Rom als Vorbild für Machiavellis gegenwärtiges Italien dienen. 9 Um nun die verbindende Funktion des Geschichtskreislaufs und die darin ausgedrückte Unveränderlichkeit der Welt in vollem Umfang verstehen zu können, müssen zunächst die menschliche Natur in ihrer Beständigkeit und partiellen Umformung, das unveränderliche Wesen fortunas und ihre Konfrontation mit virtù und schließlich das eine gleich bleibende Wesen der virtù und ihre Wandlung in verschiedene Ausprägungen näher erläutert werden.
2.1.1 Anthropologie
In Bezug auf die Anthropologie Machiavellis gilt es, von Anfang an einer irrigen Interpretation vorzubeugen. Nur weil von einer unveränderlichen Natur der Menschen ganz allgemein und einer veränderbaren spezifischen Ausgestaltung dieser Natur die Rede ist, bedeutet das nicht, Machiavelli würde gleichzeitig zwei verschiedene Menschenbilder
6 Vgl. D, Buch III, Kapitel 43, S. 412.
7 Vgl. Knauer, Das Magische Viereck, 1990, S. 73.
8 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 344.
9 Vgl. ebd.
5
nebeneinander entwickeln. Zwar gibt es einen Unterschied zwischen der nicht veränderbaren „[…] Rohnatur der Menschen […]“ 10 , den immer gleichen Trieben und Leidenschaften des Menschen, und ihrer „[…] politisch-historischen Ausformung […]“ 11 durch Erziehung, Gesetz, und Religion in einer bestimmten historischen Situation. Dennoch sind beide Teile Elemente ein und desselben Menschenbildes. 12
2.1.1.1 Rohnatur des Menschen
Wesentliches Merkmal der menschlichen Rohnatur sind ihre Beständigkeit und die Neigung zu Schlechtigkeit. Machiavelli selbst postuliert im Vorwort zu den Discorsi, da sich „[…] der Himmel, die Sonne, die Elemente, die Menschen in Bewegung, Gestalt und Wirksamkeit, von dem, was sie seit altersher waren, […]“ 13 nicht wesentlich von früher unterscheiden, die Unveränderlichkeit der menschlichen Natur. 14 Genau diese Unveränderlichkeit der menschlichen Rohnatur begründet nun jene bereits geschilderte „[…] systematische Voraussetzung […]“ 15 für Machiavellis Konstruktion mit, indem sie Planbarkeit und damit die Möglichkeit der Ableitung politischer Handlungsanleitungen bietet. Der Mensch wird schlicht immer die gleichen Leidenschaften und Triebe besitzen. Das anthropologisch Beständige darf dabei weniger in der menschlichen Natur als solche gesehen werden, zumindest nicht in den von außen sichtbaren Handlungen der Menschen, sondern muss vielmehr in der Rohnatur, in den inneren Leidenschaften und Trieben die den Handlungen zu Grunde liegen, gesucht werden. 16 Setzt die politisch-historische Ausformung der Rohnatur nichts entgegen, so schlagen diese Leidenschaften und Triebe in härtester Form negativ durch. Gerade im zerrütteten Italien seiner Gegenwart sieht Machiavelli diese Einschätzung bestätigt, an diesem Tiefpunkt des Geschichtskreislaufs ist die politisch-historische Ausformung mit der puren Rohnatur gleichzusetzen. 17 Deutlich wird dies vor allem im Kapitel 17 des Principe, dessen zentrales Thema ja gerade die aktuelle Krise Italiens ist, wenn den „[…] Menschen im allgemeinen […]“ 18 eine ganze Reihe negativer Eigenschaften zugeschrieben wird. In speziellen Fällen, bei entsprechender politisch-historischer Ausformung, ist somit durchaus auch das Gegenteil denkbar. 19 Was den Menschen in seiner Rohnatur zur Schlechtigkeit treibt
10 Münkler, Machiavelli, 1990, S. 269.
11 Ebd.
12 Vgl. ebd.
13 D, Vorwort, S. 4/5.
14 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 254.
15 Knauer, Das Magische Viereck, 1990, S. 93.
16 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 255.
17 Vgl. Knauer, Das Magische Viereck, 1990, S. 97.
18 Machiavelli, Niccolo: Il Principe. Der Fürst, Stuttgart: Reclam, 2003, S. 129.
19 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 271.
6
ist seine Korruptibilität, sein Ehrgeiz, die ambizione, die als Leidenschaft in jedem Mensch steckt. Die ambizione drückt sich darin aus, dass Menschen „[…] zwar alles begehren, aber nicht alles erreichen können.“ 20 , dem schier endlosen Verlangen nach Mehr steht somit die Endlichkeit aller Güter gegenüber. 21 Aus diesem Gegensatz speist sich die Schlechtigkeit des Menschen, durch die Knappheit an Gütern zur Befriedigung seines Ehrgeizes befindet er sich in Konkurrenz zu seinen Mitmenschen, und um sich einen Vorteil zu verschaffen ist ihm jedes Mittel recht.
Dabei ist Machiavellis Menschenbild keineswegs ein rein negatives. Lediglich in seiner Rohnatur neigt der Mensch zum Schlechten. Trotzdem ist es durchaus möglich zumindest in Bezug auf eben diese Rohnatur von einer negativen Anthropologie zu sprechen. 22 Und darin muss dann auch eine deutliche Abwendung von den zu Machiavellis Zeit vorherrschenden „[…] christlich-aristotelischen Moralvorstellungen […]“ 23 gesehen werden. Die Anthropologie Machiavellis wird aber erst dann vollständig, wenn auch die politisch-historische Ausformung betrachtet wird. Denn es muss sich keineswegs immer die Rohnatur des Menschen ungehindert in der konkreten Ausgestaltung niederschlagen. Die politisch-historische Ausformung ist der veränderbare, beeinflussbare Teil der Anthropologie. Und genau darauf zielt Machiavelli ab.
Um die ambizione der Menschen zu zügeln, um also der schlechten Rohnatur entgegenzutreten, ist prinzipiell auch ein starker Staat vorstellbar, der Korruptibilität und Ehrgeiz der Menschen mit aller Gewalt eindämmt. 24 Dies wäre dann der Weg der im Principe beschrieben wird, anwendbar wenn es darum geht ein zerrüttetes Gemeinwesen zu ordnen und Staatlichkeit herzustellen. Ein starker Staat muss also da eingreifen wo die Menschen schlecht sind, möglich ist allerdings auch die Selbstbeschränkung der Bürger einer Republik die ihre ambizione selbst in den Griff bekommen. 25 Der Schlüssel hierzu liegt in der virtù. Wenn in einem Volk keine virtù vorhanden ist, so muss, wie im Principe beschrieben, die virtù des Staatsgründers ausreichen um die ambizione der Menschen zu begrenzen. Sobald sich aber ausreichend virtù in einem Volk findet, so ist die bessere Alternative der Übergang zu einer republikanischen Ordnung die mehr Freiheit der Bürger bietet. Von dieser freiwilligen
20 D, Buch I, Kap. 37, S. 105.
21 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 274.
22 Vgl. Zagrean, Virtu bei Machiavelli, 2003, S. 37.
23 Schröder. Machiavelli, 2004, S. 44.
24 Vgl. Münkler, Machiavelli, 1990, S. 268.
25 Vgl. ebd., S. 275.
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Wolfgang Dietl, 2009, Die Wanderung der virtù bei Machiavelli, München, GRIN Verlag GmbH
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