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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zum Begriff des sozialen Wandels. 5
3. Allgemein- und wissenschaftstheoretische Aspekte 7
3.1 Soziologie als vorparadigmatische Wissenschaft? 10
3.2 Historismus versus Historische Sozialwissenschaft. 12
3.3 Theorietradition und Theorieklassifizierung. 14
3.4 Leistungsfähigkeit der Theorien. 16
4. Schluss 17
4.1 Zusammenfassung. 17
4.2 Fazit. 19
Literatur S 21
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1. Einleitung
Sozialer Wandel ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, zu nennen seien: wissenschaftlich technischer Fortschritt mit nicht abschätzbaren Nebenfolgen; Globalisierung der Märkte bezüglich Arbeit, Kapital und Ware; Auflösungserscheinungen der Familie und ihr teilweises Surrogat durch mannigfaltige Beziehungsformen und Formen des Zusammenlebens; Europäisierung des Rechts; vielfach schrumpfende Bevölkerung in den meisten europäischen Ländern, andererseits in vielen Ländern der Dritten Welt ein überbordendes Wachstum; vielseitige Interventionen in den Sozialstaat, so in Leistungen der Alters- und Krankensicherung sowie der Arbeitsmarkt-und Beschäftigungspolitik; die Radikalisierung ethnischer und kultureller Besonderheiten; anschwellender religiöser Fundamentalismus; grenzüberschreitender Terrorismus und Kriminalität etc. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, alles ist in Bewegung, nichts von verlässlicher Dauer (vgl. Weymann 1998: 11). Von den 1950er bis zu den 1970er Jahren reichten noch ein paar wenige Begriffe aus, um gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklungen zu explizieren: Diskutiert wurde zum Beispiel „Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel“ (Geiger, 1949), die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky, 1965) sowie die „Dienstklassengesellschaft (Dahrendorf, 1972). Zu Beginn der 1980er Jahre verringerte sich die Halbwertszeit dieser sozialwissenschaftlichen Diagnosen erheblich: Diagnostiziert wurden nun die „Postindustrielle Gesellschaft“ (Bell, 1975), das „Ende der Arbeitsgesellschaft“ (Offe, 1984), die „Risikogesellschaft“ (Beck, 1986), die „entstrukturierte Klassengesellschaft als Postmoderne“ (Berger, 1986), die zunehmende „Pluralisierung“ (Zapf, 1987), eine zunehmende Entwicklung „von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus“ (Hradil, 1987) sowie „Chronologisierung und dreigeteilter Lebenslauf“ (Kohli, 1988). Die wechselhaften Zeitdiagnosen wurden in den 1990er Jahren abermals durch die Sozialwissenschaftler gesteigert: Festgestellt wurden nun die „Informationsgesellschaft“ (Sassen, 1991), „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze, 1992), „Wissensgesellschaft“ (Stehr, 1994), reflexive „Modernisierung“ (Beck/Giddens /Lash, 1996), „Globalisierung“ (Beck, 1997), „Zivilgesellschaft“, „Konfliktgesellschaft“ (Heitmeyer, 1997), „Verantwortungsgesellschaft“ (Etzioni, 1997) und „Weltgesellschaft“ (Luhmann 1997, Münch 1998) (vgl. Jäger/Meyer 2003: 10 f.). In jüngster Zeit wurden diese Gesellschaftsdiagnosen beispielshalber durch die „Organisationsgesellschaft“ (Jäger/Schimank, 2005) und die „Entschei- dungsgesellschaft“ (Schimank, 2005) erweitert.
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Sozialer Wandel bestimmt das Lebensgefühl der Menschen nicht nur seit der Moderne, sondern bereits seit Jahrhunderten: Renaissance, Humanismus, Aufklärung, industrielle, technische und wissenschaftliche Revolution, wachsende bürgerliche, politische und soziale Rechte, eine fortschreitende Teilhabe und Selbstbestimmung immer breiterer Bevölkerungsteile, Verweltlichung der Gesellschaft und Individualisierung von Lebensweisen und Werten sind offenkundige Anhaltspunkte für den sozialen Wandel.
Mit sozialem Wandel war wohl immer der Wunsch verbunden, diesen zu erklären, zu verstehen, zu bewerten und ihn möglichst ebenfalls zu steuern (vgl. Weymann 1998: 11 f.). In diesem Zusammenhang wächst der Soziologie die Schlüsselrolle zu, um die Grundlagen sozialer Ordnung und die Ursachen des sozialen Wandels und seiner Dynamik aufzuspüren (vgl. Müller/Schmid 1995: 10 f.).
Über hundert Soziologen wurden Mitte der 1960er Jahre interviewt, die Funktionen in Gremien von Fachzeitschriften oder in der American Sociological Association innehatten: Die Sozialwissenschaftler nannten bei der Frage der Wichtigkeit soziologischer Fragestellungen den sozialen Wandel an erster Stelle (vgl. Scheuch 2003: 373). Den sozialen Wandel richtig zu beschreiben und wissenschaftlich zutreffend zu erklären, ist dabei der Anspruch der Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie (vgl. Weymann 1998: 181).
Es entsteht jedoch der Eindruck, als sei die Soziologie als Spezialistin für gesellschaftliche Entwicklung schlecht darauf vorbereitet, den dynamischen gesellschaftlichen Wandel zu beschreiben, zu erklären sowie zu beurteilen (vgl. Müller/Schmid: 9). Es scheint, als könne der rasante gesellschaftliche Wandel von keinem Label und keiner Theorie adäquat erfasst werden. Der beschleunigte gesellschaftliche Wandel lässt jede zeitgenössische Theorie antiquiert erscheinen. Gesellschaftlicher Wandel und dessen Erfordung wird jedoch zur Aufgabe schlechthin für die Soziologie, wenn wir davon ausgehen, dass sich Gesellschaften in einem rasanten Umbruch befinden (vgl. Jäger /Meyer 2003: 11 f.).
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich ausschliesslich mit dem Begriff sowie allgemein- und wissenschaftstheoretischen Aspekten der Theorien des sozialen Wandels. Im ersten Kapitel „Zum Begriff des sozialen Wandels“ geht sie der Frage nach, was eigentlich unter dem Begriff des sozialen Wandels zu verstehen ist (Begriffsbestimmung) und in welchem historischen Kontext er sich konstituiert hat. Untersucht wird zudem, welche gesellschaftlichen Realitäten (Erkenntnisgegenstand) der Begriff genau erfassen will. Im anschliessenden Kapitel „wissenschaftstheoretische und theore- tische Aspekte“ wird u. a. der wissenschaftstheoretischen Frage nachgegangen, ob
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die Soziologie und infolgedessen auch die Theorien des sozialen Wandels eine vorparadigmatische Wissenschaft sind. Es wird dementsprechend der Frage nachgegangen, ob die Soziologie und die Theorien sozialen Wandels überhaupt Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen können. Das darauf folgende Unterkapitel „Historismus versus Historische Sozialwissenschaft“ versucht zu erhellen, ob die Analyse des sozialen Wandels eher in der Tradition des Historismus (Deskription und Hermeneutik, jedoch ohne nomologische Gesetzesaussagen) oder eher in der Tradition einer Historischen Sozialwissenschaft betrieben werden kann, die auf kausale Gesetzesaussagen rekurriert. Im Unterkapitel „Theorietradition und Theorieklassifizierung“ soll dargelegt werden, welche Theorietraditionen es im Bezug auf den sozialen Wandel gibt. Die gegenwärtig wichtigsten Theorien des sozialen Wandels werden übersichtsartig dargestellt. Das anschliessende Unterkapitel der Arbeit „Leistungsfähigkeit der Theorien“ beschäftigt sich mit dem Potenzial der Theorien des sozialen Wandels. Es soll u. a. aufgezeigt werden, was eine Theorie des sozialen Wandels heutzutage leisten müsste, um der Erforschung ihres Erkenntnisgegenstands gerecht zu werden, und auf welche Art und Weise dies am besten zu bewerkstelligen wäre. Im Schlusskapitel wird die gesamte Arbeit in komprimierter Form zusammengefasst und das Fazit der Arbeit dargetan. Das heisst, es werden Schlussfolgerungen gezogen und einen Ausblick auf zukünftige Forschungsperspektiven gewährt.
2. Zum Begriff des sozialen Wandels
Eingeführt wurde der Begriff des sozialen Wandels in die Soziologie von W.F. Ogburn (1922), um althergebrachte Begriffe wie „Evolution“ oder „Fortschritt“ zu ersetzen. Die Begriffe „Evolution“ oder „Fortschritt“ wurden als wertgeladen eingestuft, die charakteristische Muster sozialer Veränderungen zu implizieren schienen (vgl. Wiswede/Kutsch 1978: 1). In Anbetracht der Wiedereinführung des Evolutionismus und unter Bezugnahme auf neuere Konzepte der Modernisierungsforschung erfreuen sich jedoch gegenwärtig Begriffe wie „Modernisierung“ und „Evolution“ gewisser Anerkennung (vgl. Wiswede 1998: 320).
Der soziologische Begriff des sozialen Wandels impliziert nicht mehr die überlieferten religiösen, geschichtsphilosophischen oder mythischen Bilder einer Menschheitsgeschichte, die sinnhaft aus einer grauen Vergangenheit in eine strahlende Zukunft führt. Nicht gänzlich aufgegeben, freilich schwächer geworden ist die Idee der Evolution oder der Fortentwicklung auf ein bekanntes Endziel hin. Der theoretische
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Anspruch, dynamische Kräfte ursächlichen, funktionalen oder kontingenten Charakters beobachten, beschreiben, erklären und bewerten zu können, die den sozialen Wandel in gegenwärtigen Gesellschaften vorantreiben, ist allerdings geblieben (vgl. Weymann 1998: 14). Die Mehrheit der Theoretiker des sozialen Wandels wiegt sich in Sicherheit, mit dem Begriff des sozialen Wandels die an Karl Marx orientierte historisch-materialistische Entwicklungstheorie berichtigt zu haben. Gesellschaftlicher Wandel könne nicht über Entwicklungsgesetze expliziert werden, sondern allein über gesellschafts- und persönlichkeitsimmanente Faktoren sowie durch exogene Einflüsse, die von ausserhalb auf soziale Systeme einwirken (vgl. Jäger 1981: 16). Im Verlauf von nahezu zweihundert Jahren hat sich das, was als sozialer Wandel erklärt werden soll, fortlaufend verändert. Geändert haben sich jedoch nicht nur die Theorien sozialen Wandels, sondern auch der zu beschreibende und erklärende Ge-genstand: „Vom Entstehen und Vergehen von Hochkulturen, vom Wandel bei schriftlosen Gruppierungen, der Identifizierung vorgeblich evolutorischer Reihen bis hin zu vermeintlichen Entwicklungsgesetzen der Industriegesellschaften.“ (Scheuch 2003: 11)
Was genau inhaltlich unter dem Begriff des sozialen Wandels subsumiert wird, ist nicht klar präzisiert - ungeachtet dessen, dass es sich um einen Elementarbegriff der Soziologie handelt. Eher ist der Begriff eine Art Sammelbehälter zur Kennzeichnung mannigfaltiger sozialer Prozesse. In den gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Theorien herrscht lediglich darüber Konsens, dass Sozialer Wandel nur vor dem Hin-tergrund einer beständigen Struktur begrifflich erfasst werden, das heisst verhältnismässig dauerhafter Muster sozialen Handelns und Interaktionen. Allerdings bestimmt die theoretische Perspektive, was als Struktur und demzufolge als wandlungsrelevant bezeichnet wird. Konflikttheoretische Ansätze sehen sozialen Wandel eher durch Veränderungen in den Herrschaftspositionen erfüllt, währenddessen strukturfunktionalistische Konzepte gesellschaftlichen Wandel vielmehr durch die Veränderung von Wertsystemen als signifikant erachten (vgl. Jäger/Weinzierl 2007: 13 f.).
Übergreifende Definitionsversuche (z. B. Grau 1973) sind äusserst selten und zudem problematisch, weil sie bei genauer Betrachtung nicht sozialen, vielmehr soziokulturellen Wandel ins Visier nehmen. In der Soziologie unterscheiden wir daher verschiedene Formen des sozialen Wandels nach ihrer Bedeutung, nach Umfang, Auftreten und Steuerung, nach ihren Ursachen und Folgen. Hinzu treten die Zeitperspektive und die verschiedenen (Mikro, Meso, Makro) des sozialen Wandels, auf denen die Dimensionen (d. h. Tempo, Tiefgang, Richtung und Steuerbarkeit) beschrieben, gemessen und erklärt werden sollen. (ebd.)
Arbeit zitieren:
Daniel Reinhard, 2009, Sozialer Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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