Gliederung
Vorwort. S.5
1. Phänomen Sucht. S.7
1.1. Ebenen stoffgebundener Sucht. S.8
1.1.1. Physische Abhängigkeit. S.9
1.1.2. Psychische Abhängigkeit. S.10
2. Der Weg in die Sucht. S.10
2.1. Gebrauch. S.11
2.2. Genuß. S.11
2.3. Mißbrauch. S.12
2.4. Ausweichendes Verhalten. S.12
2.5. Abweichendes Verhalten. S.13
2.6. Gewöhnung. S.13
2.7. Abhängigkeit. S.14
2.8. Sucht. S.14
2.9. Eine weitere Betrachtungsweise. S.15
3. Suchtkriterien. S.15
3.1. Toleranzentwicklung und Dosissteigerung. S.15
3.2. Kontrollverlust. S.16
3.3. Entzugserscheinungen. S.16
3.4. Interessenabsorption und Zentrierung. S.17
3.5. Psychischer und physischer Zerfall und gesellschaftlicher Abstieg. S.17
3.6. Der Rückfall. S.18
4. Drogen. S.19
4.1. Geschichte der Drogen (weltweit) S.19
4.1.1. Drogen in Kultur und Religion. S.20
4.1.2. Drogen in Wirtschaft und Politik. S.21
4.2. Die aktuell wichtigsten Rausch- und Suchtmittel und ihre Wirkungs-
weise. S.23
4.2.1. Alkohol S 24
3
4.2.2. Amphetamine. S.24
4.2.3. Barbiturate. S.25
4.2.4. Cannabis. S.26
4.2.5. Ecstasy. S.27
4.2.6. Kokain. S.27
4.2.7. LSD. S.28
4.2.8. Opiate. S.29
4.3. Der Drogenmarkt. S.30
5. Die aktuelle Rauschgiftsituation in Deutschland. S.31
6. Motivation jugendlichen Drogenkonsums. S.34
7. Ursachen der Sucht. S.36
7.1. Sozialisationstheorie. S.36
7.1.1. Die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen. S.37
7.1.2. Ursachen in der Familie. S.38
7.1.3. Erziehung und Erziehungsstile. S.40
7.1.4. “Peer Group“ und subkulturelle Ursachen. S.43
7.1.5. Ursachen in der Schule. S.44
7.2. Weitere Theorien zur Suchtentstehung. S.45
7.2.1. Biologische (medizinische) Theorien. S.45
7.2.2. Lerntheoretischer Erklärungsansatz. S.46
7.2.3. Psychoanalytische Theorie. S.47
7.3. Zusammenfassung. S.48
8. Maßnahmen gegen Drogensucht. S.51
9. Prävention. S.51
9.1. Primäre Prävention. S.52
9.2. Sekundäre Prävention. S.53
9.3. Tertiäre Prävention. S.53
9.4. Präventionsstrategien im Wandel der Zeit. S.54
10. Gesundheitsförderung S 55
4
11. Suchtprävention in der Schule. S.57
11.1. Suchtmittelspezifische Prävention. S.58
11.2. Suchtmittelunspezifische Prävention. S.60
11.2.1. Lebenskompetenzprogramme. S.61
11.2.2. Erlebnis- und Kreativangebote. S.62
12. Praktische Durchführung eines Suchtpräventionsprojektes am
Beispiel des Projektes „(Er-)leben pur“ S.62
12.1. Intension. S.63
12.2. Gesamtlehrerkonferenz. S.63
12.3. Gesamtelternabend. S.64
12.4. Erster Projekttag. S.65
12.5. Zweiter Projekttag. S.67
12.6. Auswertungsgespräch mit der Klasse. S.68
12.7. Eindrücke vom Zweiten Projekttag. S.69
13. Maßnahmen gegen Drogensucht im außerschulischen Bereich.S.71
13.1. Lebenspraktische Hilfen. S.71
13.2. Ambulante Hilfen. S.72
13.3. Stationäre Hilfen. S.73
13.4. Selbsthilfegruppen von Betroffenen. S.74
13.4.1. Die Anonymen Alkoholiker (AA) S.75
13.4.2. Selbsthilfegruppe Synanon. S.76
14. Hilfe bei Alkohol-, Medikamenten- und Drogenproblemen in
Mannheim. S.77
Schlu ßwort. S.78
Literatur. S.81
Anlagen
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Vorwort
Die mißbräuchliche Anwendung von Suchtmitteln, auch der sogenannten legalen Drogen Alkohol, Nikotin und psychotrope Arzneimittel, sind in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung. Drogenkonsum und Sucht und damit einhergehend die Zerstörung von Gesundheit und Lebenschancen gehören zur Alltagswirklichkeit. Gerade Kinder und junge Menschen sind besonders gefährdet, laut Bundeskriminalamt mit steigender Tendenz bis heute.
In meinem persönlichen Umfeld habe ich die Entstehung von Drogensucht miterlebt und welche Konsequenzen dies für die Persönlichkeit des Einzelnen haben kann.
Dadurch bin ich für dieses Thema sensibilisiert worden und mein Interesse richtete sich darauf, die Entstehung von Suchtverhalten nachvollziehen zu können. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass Sucht eine Krankheit ist die grundsätzlich jeden treffen kann. Doch anders als bei einer Infektionskrankheit, an der man mehr oder weniger zufällig erkrankt, hat Sucht immer eine Geschichte. Denn es gibt Kompetenzen, durch deren Erwerb sich Menschen von Sucht befreien können, und die auch präventiv wirken können. Deshalb sollten sich unsere Anstrengungen noch viel stärker als bisher darauf richten, die Entwicklung von Sucht und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu verhindern.
Die Vorsorge gegen Sucht geht jeden an, vor allem aber Eltern und Erzieher. Seit Jahren wird versucht, das Problem des Suchtmittelmissbrauchs durch Entwicklung unterschiedlicher Konzepte zu bewältigen, mit Erfolgen in Einzelfällen, doch das Problem ist nicht nur ein Individuelles. Neben der Familie und der politischen Ebene steht die Institution Schule in besonderer Weise in der Verantwortung.
Diese Wissenschaftliche Hausarbeit beschäftigt sich mit den Ursachen und Motiven der Drogensucht und den Maßnahmen, die allgemein und in Schule und Erziehung dagegen ergriffen werden können. Der Schwerpunkt der präventiven Arbeit liegt heute in der Stärkung lebensbejahender Kräfte, im Fördern von Strukturen, die gesundes Leben ermöglichen. Es geht auch darum, Unterstützung und Hilfen zur Lebensbewältigung anzubieten.
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Im Folgenden werde ich die Inhalte meiner Wissenschaftlichen Hausarbeit kurz erläutern, um dem Leser einen Überblick von dem zu bieten, was ihn erwartet.
Zu Beginn meiner Wissenschaftlichen Hausarbeit werde ich eine Definition von Sucht erarbeiten, den Weg in die Sucht erläutern und die verschiedenen Suchtkriterien darstellen.
Anschließend werde ich speziell auf Rausch- und Suchtmittel eingehen sowie auf die Bedeutung von Drogen im gesellschaftlichen Kontext. Dabei soll auch die aktuelle Rauschgiftsituation in Deutschland dargestellt werden, um die Bedeutung des Themas zu unterstreichen, da immer mehr junge Menschen Drogen konsumieren, was die Wichtigkeit des Bemühens um effektive Präventionsmaßnahmen hervorhebt.
Anschließend sollen die Motivationen der Jugendlichen sowie die Entstehung von Drogensucht überhaupt thematisiert werden.
Mehrere Kapitel könnte man unter dem Schlagwort
“Präventionsmaßnahmen“ zusammenfassen, die direkt bei den Ursachen ansetzen müssen um wirksam zu sein.
Dabei habe ich es mir zum Ziel gesetzt, Präventionsmaßnahmen unter mehreren Blickwinkeln zu beleuchten.
Es werden Präventionsmaßnahmen im außerschulischen und schulischen Bereich vorgestellt und erläutert.
Bei denen des schulischen Bereichs wird ein Schwerpunkt bei der Vorstellung eines Projektes zur Suchtprävention gelegt, das an Mannheimer Schulen praktiziert wird und das meiner Meinung nach die wesentlichen Präventionsfaktoren berücksichtigt.
Abschließend möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich meine gesamte Wissenschaftliche Hausarbeit, zwecks Einfachheit der Sprache in
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der männlichen Form gehalten habe, wenn beispielsweise von den Schülern die Rede ist sind selbstverständlich auch die Schülerinnen damit gemeint.
1. Phänomen Sucht
Das Wort “Sucht“ stammt etymologisch von “siech“, was soviel bedeutet wie krank. Es gibt Krankheitsbezeichnungen wie Gelbsucht, Schwindsucht, Rotsucht, Wassersucht und andere. Auch im englischen Wort sick (krank) ist der Wortstamm erkennbar.
Sucht ist eine gesamthafte Ausrichtung des Denkens, Fühlens und Wollens, des gesamten Lebens auf ein oder mehrere Suchtmittel oder süchtiges Verhalten. Sucht ist ein alles beherrschender Zwang und führt damit direkt in die Unfreiheit, je nach Intensität der Sucht mehr oder weniger massiv. Die freie Lebensgestaltung wird eingeschränkt, da das Suchtmittel in den Mittelpunkt des Interesses des Süchtigen tritt. Im Falle der Drogensucht wird durch die Prioritäten des Süchtigen auf Beschaffung und Konsum der Droge dessen Persönlichkeits-und Sozialentfaltung eingeschränkt und
Zukunftsperspektiven treten in den Hintergrund. “Sucht, auch in ihren harmlosen Formen, muß ernst genommen werden, weil das Suchtverhalten in den betroffenen Menschen die Kräfte lahmlegt, die sie brauchen würden, um etwas zu verändern“ 1 .
Nach dem erweiterten Suchtbegriff kann jedes menschliche Verhalten ,das Lustgewinn bringt oder helfen soll Unlust zu vermeiden, süchtig machen. Man wird zumindest zunächst „nicht von einer Droge abhängig, sondern von dem Gefühls,- Erlebnis oder Bewußtseinszustand der durch die Droge, bzw. das süchtige Verhalten hervorgerufen wird“ 2 . Deshalb wird der Begriff im allgemeinen nicht mehr ausschließlich substanzgebunden definiert. Es sind alle denkbaren Abhängigkeiten von stofflichen und nicht- stofflichen Suchtmitteln möglich. Der breite Suchtbegriff macht es schwer, Abgrenzungen zwischen den einzelnen Suchtmitteln und - formen zu definieren.
1 Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich 1989,S.9
2 GROSS,W.1992,S.14
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Es gibt jedoch Kriterien, die süchtiges Verhalten kennzeichnen: 3
Ø Es wird zwanghaft wiederholt und gewinnt für den Süchtigen immer mehr an Bedeutung.
Ø Es führt zu einer zunehmenden Einengung der sozialen Bezüge und zum Verlust an Interessen oder Selbstkontrolle. Ø Es treten bei ausbleibender Befriedigung psychische, manchmal auch physische, Entzugserscheinungen auf.
Ø Der Süchtige versucht sein Verhalten zu rechtfertigen, auch wenn gesundheitliche Folgen zu befürchten sind.
1.1. Ebenen stoffgebundener Sucht
Bei der stoffgebundenen Sucht (Drogensucht) spricht die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 1964 von Abhängigkeit, um eine Abgrenzung zu den stoffungebundenen Süchten zu ermöglichen. Angelehnt an die weitere Definition der WHO definiert Korczak „unter Drogenabhängigkeit (...) versteht man einen Zustand seelischer bzw. seelischer und körperlicher Abhängigkeit von einer Droge mit zentralnervöser Wirkung, der durch den periodisch oder ständig wiederholten Konsum der Substanz charakterisiert ist“ 4 . Folglich müssen zwei Ebenen der Drogenabhängigkeit unterschieden werden:
Ø psychische Abhängigkeit und
Ø physische Abhängigkeit.
W. Gross fügt als dritte Ebene noch die zunehmende Beeinträchtigung der alltäglichen Lebensführung hinzu. Diese Ebene beinhaltet die soziale Komponente, nämlich die Einschränkung des Süchtigen im Alltag 5 .Heckmann widerspricht hier und bezeichnet „Sucht als ein Ausdruck, als eine Lebensäußerung unseres gesellschaftlichen Alltags“ 6 . Nach Heckmann ist Sucht nicht sozial auffällig. Dies wäre zwar wünschenswert für das
3 Vgl. BARTSCH/KNIGGE-ILLNER.1987,S.166
4 KORCZACK.1996,S.9f
5 GROSS,W.1992,S.14
6 HECKMANN.1980,S.114
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abhängige Individuum, entspricht aber auch nach Auskunft der Drogenberatungsstelle “Prisma“ nicht der Realität. Meiner Meinung nach liegt die Beeinträchtigung der alltäglichen Lebensführung zwar bei den allermeisten Abhängigen vor, ist aber als Folge von psychischer und physischer Abhängigkeit zu betrachten.
1.1.1 Physische Abhängigkeit
Physische (körperliche) Abhängigkeit zeigt sich an auftretenden Entzugssymptomen bei Nichtzufuhr des Suchtmittels und an einer fast immer notwendigen Dosissteigerung. Einige Drogen, wie die sogenannten “harten Drogen“, Heroin oder Kokain, führen über einen kurzen Zeitraum eingenommen schon zu starker physischer Abhängigkeit, während bei den sogenannten “weichen Drogen“, wie Cannabinoide, die physische Abhängigkeit nur schwer nachweisbar und in Fachkreisen umstritten bleibt. Die Entzugssymptome gerade bei den “harten Drogen“ können sehr qualvoll sein und “zwingen“ den Abhängigen zur Einnahme, selbst wenn die Wirkung nicht mehr als befriedigend empfunden wird und lediglich die Entzugssymptome lindert.
Nach Ladewig „stellt sich eine körperliche Abhängigkeit rascher ein als eine seelische“ 7 . Diese Annahme scheint sich jedoch nur in Ausnahmefällen zu bestätigen. „Nach neueren Forschungsansätzen ist die psychische Abhängigkeit von einer Droge das ausschlaggebende Element...“ 8 und auch den Definitionen der WHO ist zu entnehmen, dass die psychische Abhängigkeit in aller Regel vor der Physischen eintritt.
7 LADEWIG.1996,S.52
8 GROSS,W.1992,S.14
______________________________________________________________________________ 10
1.1.2. Psychische Abhängigkeit
Der Abhängige wird zunächst „weniger von der Droge selbst abhängig als von dem Wunsch, durch das Suchtmittel einen veränderten Gefühls- und Bewusstseinszustand herbeizuführen, um konfliktbeladenen Situationen zu entfliehen o der sich einfach ein Lusterlebnis zu verschaffen“ 9 . Um das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, braucht der Abhängige sein Suchtmittel. Der Drogenkonsum wird zum zwanghaften Verhalten und damit zur Sucht.
2.Der Weg in die Sucht
Der beginnende Drogenkonsum ist nicht gleich Sucht. Motivationen, die zum erstmaligen Probieren von Drogen führen, müssen von solchen unterschieden werden, die zur Abhängigkeit führen. Ein bewußter Umgang auch mit Drogen ist möglich. Jeder Mensch entwickelt Mechanismen um mit alltäglichem Streß fertig zu werden, einer echten Konfliktlösung auszuweichen, oder diese zumindest aufzuschieben. Dabei kann auch Drogenkonsum eine Rolle spielen. Die meisten dieser Mechanismen sind gesellschaftlich verbreitet und akzeptiert, wie zum Beispiel ein Bier nach Feierabend zur allgemeinen Entspannung. Die Übergänge von solch “normalem“, zum süchtigen Verhalten sind fließend und es erscheint sinnvoll zwischen verschiedenen Stufen auf dem Weg zur Sucht zu unterscheiden. Bei B. Priebe 10 findet sich die Unterscheidung zwischen Konsum, Genuß, Gewöhnung und Mißbrauch. Noch genauer unterscheidet allerdings W. Gross, der folgende Abstufungen wählt: „
Ø Gebrauch
Ø Genuß Ø Mißbrauch Ø Ausweichendes Verhalten Ø Abweichendes Verhalten Ø Gewöhnung
9 GROSS.1992,S14
10 PRIEBE.1994,S.259
______________________________________________________________________________ 11
Ø Abhängigkeit (...)
Ø Sucht“ 11
Auf die Abstufungen in diesem Modell möchte ich genauer eingehen:
2.1. Gebrauch
Gebrauch stellt eine sinnvolle und hilfreiche Verwendung von Dingen zur persönlichen, gesellschaftlichen und natürlichen Weiterentwicklung dar. Auf Drogen angewendet b edeutet dies, Drogen werden eingesetzt, wenn es notwendig erscheint, wie z.B. Opiate im medizinischen Bereich um damit Schmerzen zu lindern.
2.2. Genuß
Ein Genußmittel ist „ein Produkt, das nicht wegen seines Nährwerts, sondern wegen seines Geschmacks und/ oder seiner anregenden Wirkung genossen wird (Gewürze, Kaffee, Tee...)“ 12 . Genuß ist also etwas, was wir nicht unbedingt brauchen, aber gerne haben, weil es uns aufgrund seiner angenehmen Wirkung eine kurzfristige Befriedigung verschafft. Auch Drogenkonsum, z.B. Alkohol in Maßen fällt in diesen Bereich. Bei Süchtigen hingegen geschieht der Suchtmittelkonsum nicht hauptsächlich unter dem Aspekt des Genießens, sondern in der Herstellung dessen spezifischer Wirkung. Für E.M. Waibel erklärt dies auch, „warum Süchtige oft weniger genußfähige Menschen sind“ 13 . Sie beruft sich dabei auf den Psychoanalytiker Ferenczi, der die „Unfähigkeit zur eigenen Lustproduktion“ bei Süchtigen beschreibt.
11 GROSS,W.1994,S.21
12 MEYERS GROSSES TASCHEN-LEXIKON.Band 8, 1981,S.99
______________________________________________________________________________ 12
2.3. Missbrauch
Unter Missbrauch versteht man eine schädliche Verwendungsweise von Dingen, im Bereich des Drogenkonsums von selbstschädigendem Verhalten. Dabei ist zu unterscheiden zwischen den einzelnen Suchtmitteln. Bei manchen Suchtmitteln ist bereits beim einmaligen Gebrauch der Begriff Missbrauch angebracht, da die gesundheitlichen Folgen schwer abzusehen sind, bei anderen hat einmaliger Konsum kaum Folgen 14 . Der häufige Konsum von Suchtmitteln ist in jedem Fall als Missbrauch zu bezeichnen und ist fast immer Ausdruck einer Anzahl ungelöster Probleme, die auf diese Weise gedämpft, vergessen gemacht oder gelöst werden sollen. Missbrauch steht also in engem Zusammenhang mit ausweichendem oder abweichenden Verhalten 15 .
2.4. Ausweichendes Verhalten
Verhaltensausweichung bedeutet einem Problem aus dem Weg zu gehen, denn „ausgewichen wird vor einer unbefriedigenden, belastenden, konfliktreichen und/ oder sinnentleerten Lebenssituation“ 16 . Ausweichendes Verhalten kann sozial auffällig oder unauffällig sein. W. Gross sieht ausweichendes Verhalten als ein „oft legitimer und auch s innvoller Mechanismus, um nicht verbissen an einem Problem zu hängen, sondern sich eine Erholungspause zu gönnen, und in Distanz zum Problem zu gehen“ 17 . Fest steht, jeder Mensch zeigt die Tendenz zu
Verhaltensausweichungen in stärkerem oder geringerem Ausmaß. Doch ausweichendes Verhalten birgt die Gefahr in sich, sich zu chronifizieren, so daß sich die Probleme verselbstständigen und nicht mehr gelöst werden. Für E.M. Waibel stellt Drogensucht schon eine von vielen möglichen dar 18 . Verhaltensausweichungen Für W. Gross hingegen sind
Verhaltensausweichungen suchtfördernd, aber von dieser selbst zu unterscheiden.
13 WAIBEL.1992,S.22
14 strafrechtlich wird der Begriff Mißbrauch auf alle illegalen Drogen angewandt.
15 Vgl. WAIBEL,1992,S.22
16 BOHLEN.1998,S.24
17 GROSS.1992,S.23
18 WAIBEL,S.26
______________________________________________________________________________ 13
2.5. Abweichendes Verhalten
Der Begriff abweichendes Verhalten enthält bereits eine Wertung und ist von gesellschaftlichen Normen und Werten abhängig. Ausweichendes Verhalten wird zum abweichenden Verhalten, wenn es „allgemein verbindliche Wertvorstellungen, Verhaltensstandards und Verhaltenserwartungen
verletzt" 19 . Die “Norm“ steht dabei nicht zur Diskussion, sie beruht auf tradierten Wertvorstellungen u nd eingeschliffenen Verhaltensweisen, die nicht unbedingt als rational begründet angesehen werden müssen. Der Konsum illegaler Drogen ist demnach grundsätzlich dem abweichenden Verhalten zuzuordnen, da dieser gesellschaftlich nicht akzeptiert ist und strafrechtlich verfolgt wird. Bei legalen Drogen hängt die gesellschaftliche Reaktion davon ab, in wieweit der Drogenkonsument in seinen gesellschaftlichen Rollen “funktioniert“ bzw. beeinträchtigt ist. Alkohol trinken zum Beispiel wird zum abweichenden Verhalten, wenn die betroffene Person ihrem Beruf nicht mehr nachgehen oder soziale Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann.
2.6. Gewöhnung
Die Fähigkeit zur Gewöhnung ist eine Eigenschaft des Menschen, die in vielen Fällen hilfreich sein kann. Durch Gewohnheit läßt sich eine große Zahl von Entscheidungsprozessen automatisieren, doch auch selbstschädigende Verhaltensweisen können zur Gewohnheit werden. Während beim ausweichenden Verhalten die Bindung noch schwach ist und durch die eigene Entscheidung abgestellt werden kann, ist der Bindungsgrad bei der Gewöhnung höher. Dennoch wird Gewöhnung bewusst wahrgenommen und eine Umgewöhnung ist durch willentliche Anstrengung möglich. Die WHO hat im Jahre 1950 mit dem Begriff Gewöhnung die stoffungebundenen Süchte zu erfassen versucht und eine Unterscheidung getroffen zwischen gewohnheitsbildenden und suchtbildenden Drogen. Nach der WHO liegt „der entscheidende Gegensatz zwischen suchtbildenden und
gewohnheitsbildenden Drogen im Fehlen der physischen Abhängigkeit, des zwanghaften Charakters des Verlangens und der Schädlichkeit auf Seiten
19 STOSBERG.1981,S.5
______________________________________________________________________________ 14
der gewohnheitsbildenden Drogen“ 20 . Nach W. Gross stellt Gewöhnung allerdings eine Vorstufe zur Abhängigkeit dar und ist auf alle Suchtmittel anzuwenden 21 .
2.7.Abhängigkeit
Wenn der Grad der psychischen oder physischen Gewöhnung steigt, dann ist Abhängigkeit die Folge. Abhängigkeit ist die bereits krankhafte Interaktion zwischen Mensch und Substanz. Abhängigkeit zeigt sich nicht ausschließlich in der Menge oder der Art des Suchtmittelmissbrauchs, sondern darin, dass die Droge zur dauernden Problembewältigung eingesetzt wird. Die psychische oder physische Abhängigkeit setzt einen Prozess in Gang, der als Sucht zu bezeichnen ist und sich durch eine besondere Eigendynamik auszeichnet.
2.8. Sucht
Den krankhaften Endzustand der Abhängigkeit von einem Suchtmittel nennt man Sucht. Der Süchtige leidet unter dem Zwang sich das Suchtmittel in ständig steigenden Dosen zuführen zu müssen. Er ist nicht mehr selbst in der Lage, sich durch Willensaufwand von der Sucht zu befreien. Das gesamte Verhalten und Erleben des Süchtigen ist fast ausschließlich auf das Suchtmittel ausgerichtet. Das ganze Leben dreht sich um die Sucht. Das Verhindern von Entzugserscheinungen, die Beschaffung des Suchtmittels oder die Vertuschung der Sucht werden zum Lebensinhalt. Drogensucht, Medikamentenabhängigkeit und Alkoholismus sind als Suchtkrankheiten bei den Krankenkassen anerkannt und deren Behandlung, die Suchttherapie, wird von den Kassen finanziert.
20 SCHENK.1975,S.79
21 GROSS.1992,S.24
______________________________________________________________________________ 15
2.9 Eine weitere Betrachtungsweise
Im Zusammenhang mit Suchtentwicklung wird in der Fachsprache häufig auch von drei Phasen gesprochen: der Einleitungs-, der kritischen, und der chronischen Phase. Die Tabelle von W. Gross soll die Begriffszuordnung erleichtern:
Stadien der Sucht
3. Suchtkriterien
Bei der Definition von Sucht drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wo Sucht denn beginnt. Die folgenden Kriterien sollen Hinweise darauf geben, ob der Gebrauch eines Suchtmittels bereits als süchtig einzustufen ist. Das Vorliegen eines dieser Kriterien alleine läßt bereits auf eine vorliegende Suchterkrankung schließen, langfristig sind meist alle Kriterien der Sucht bei dem Suchtkranken zu finden.
3.1. Toleranzentwicklung und Dosissteigerung
Toleranzentwicklung bedeutet, daß die Wirkung der Droge bereits nachlässt, weil der Körper sich an die Zufuhr gewöhnt und sich darauf eingestellt hat. Ein deutliches Zeichen für die Toleranzentwicklung ist eine nötige Dosissteigerung, um die stoffspezifische Wirkung zu erzielen. Die Dosissteigerung als Kriterium der Sucht ist also Folge der Toleranzentwicklung und typisch für alle Suchtmittel. Dabei u nterscheiden sich die verschiedenen Suchtmittel erheblich hinsichtlich des Grades einer
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Toleranzentwicklung. So benötigen „Personen mit schwerem Alkoholismus (...) auf der Höhe ihrer Toleranzentwicklung lediglich etwa 50% mehr Alkohol zu konsumieren, als s ie ursprünglich benötigten. Im Gegensatz hierzu erhöhen Leute mit schwerem Opiatmißbrauch häufig die Opiatdosis bis zum zehnfachen der Anfangsdosis“ 22 .
3.2. Kontrollverlust
Der Kontrollverlust ist das Nicht - mehr - aufhören - Können und ist wesentliches Merkmal für Sucht. Der Abhängige ist nicht mehr in der Lage, den Konsum des Suchtmittels zu kontrollieren. Der Kontrollverlust bezieht sich also auf den willentlichen Einfluß auf das Suchtverhalten. Der Kontrollverlust kann allerdings auch Ziel des Süchtigen sein, indem Sinne, eines veränderten für ihn angenehmeren rauschartigen
Bewusstseinszustandes, oder um über die Diskrepanz zwischen den realen Lebensanforderungen und den eigenen, möglicherweise mangelnden, Problemlösefähigkeiten hinwegzutäuschen. Der K ontrollverlust geht einher mit einem Wiederholungszwang; man kann dabei auch von einer “Abstinenzunfähigkeit“ sprechen.
3.3. Entzugserscheinungen
Bleibt die Zufuhr der Droge aus, reagiert der Süchtige mit psyschichen und/ oder physischen Entzugserscheinungen. Die Heftigkeit und genaue Symptomatik hängen von der Art der Droge und der Intensität des Gebrauches ab. Christiane F. beschreibt in ihrem 1979 erschienenen Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ eindrucksvoll ihren Heroinentzug: „...ich war total naß von eiskaltem Schweiß. Dieser Schweiß stank tierisch. Dann fing ich an zu kotzen(...). Es war weißer Schaum, den ich auf den Teppich spuckte(...). Dann schlief ich ein und spürte die verdammten Schmerzen doch voll. Abends warf ich ein paar Valium ein und goß fast eine ganze darauf.“ 23 Flasche Wein Bei anderen Drogen können die
22 GROSS.1992,S.32
23 F.CHRISTIANE. 38.Auflage 1994,S.145
______________________________________________________________________________ 17
Entzugserscheinungen auch wesentlich weniger offen oder sogar eher unterschwellig auftreten.
3.4. Interessenabsorption und Zentrierung
Die Interessenabsorption und Zentrierung meint die Ausschließlichkeit, mit der sich das Leben des Süchtigen um das Suchtmittel dreht. Je nach Droge und Intensität der Sucht kann sich der gesamte Tagesablauf des Abhängigen darum drehen, die Substanz selbst oder das Geld für die Substanz zu beschaffen. Dabei werden auch moralische Bedenken oft zurückgestellt, um sich die Droge zu beschaffen. Bei Abhängigen im Bereich der “harten Drogen“ stammt das Geld häufig aus der indirekten Beschaffungskriminalität. Laut einer Studie des Bundeskriminalamtes bei Heroinabhängigen 24 , stammt das Geld zu über 33% aus Drogengeschäften und zu rund 32% aus den Bereichen Raub, Diebstahl, Hehlerei und Betrug.
Gerade die Zentrierung kann jedoch auch dem Leben des Süchtigen eine gewisse Strukturierung geben, die im Falle des Entzuges durch eine gesündere Strukturierung und einen gesünderen Lebensinhalt mühsam ersetzt werden muss.
3.5. Psychischer und Physischer Zerfall und gesellschaftlicher Abstieg
Durch die bereits beschriebene Zentrierung des Lebens auf das Suchtmittel und dessen Beschaffung vernachlässigt der Suchtkranke seine Aufgaben in Beruf und Familie. Im Beruf beginnt dies häufig mit kleinen Nachlässigkeiten und vermehrten Fehlzeiten und endet oft mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Beziehungen zerbrechen häufig an der Folge von Suchtkrankheiten, dies gilt genauso für freundschaftliche, wie Liebesbeziehungen und Ehen. Der Süchtige gerät in die Isolation, oft bleiben nur zu anderen Süchtigen noch regelmäßige Kontakte. Aufgrund dieser zunehmenden Isolation, gestörter Beziehungen zum sozialen Umfeld und Problemen am Arbeitsplatz
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Michael Venske, 2001, Ursachen und Maßnahmen bei Drogensucht unter Berücksichtigung von Erziehung und Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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