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1 Einleitung
Das deutsche System der Berufsbildung unterliegt der stetigen Herausforderung, dem Arbeitsmarkt hochqualifizierte Fachkräfte zur Verfügung zu stellen und in Jugendlichen den Wunsch auf berufliche Weiterbildung auch nach Abschluss der Erstausbildung zu wecken. Seit einigen Jahren ist festzustellen, dass der Anteil an Abiturienten in der Berufsbildung beständig ansteigt; gleichzeitig wird der Weg auf eine Hochschule für Absolventen beruflicher Fach- oder Meisterschulen durch Reformen in hohem Maße erleichtert. Beste Voraussetzungen also, um das oben genannte Ziel der Berufsbildung zu erreichen?
Als „Illusion der Chancengleichheit“ bezeichnet Pierre Bourdieu den Umstand, dass Kinder und Jugendliche aus der sozialen Unterschicht im Vergleich zu höheren Schichten keinesfalls die gleichen Chancen haben, um erfolgreich im Bildungssystem zu bestehen, obwohl (oder weil) auf staatlicher Ebene die formalen Voraussetzungen dafür geschaffen werden.
In dieser Arbeit will der Autor der Frage nachgehen, ob und in welcher Art Bourdieus Konzept auch auf das deutsche System der Berufsbildung zutrifft. Sind Jugendliche der sozialen Unterschicht benachteiligt oder vermag das spezifische deutsche Ausbildungssystem Benachteiligungen auszugleichen und Chancengleichheit herzustellen?
Zur Beantwortung dieser Fragen soll anhand der Theorien Bourdieus dargelegt werden, wie Chancenungleichheit entsteht und sich dadurch bestehende soziale Gefüge reproduzieren. Im letzten Teil der Arbeit werden die Erkenntnisse auf den Kontext der deutschen Berufsausbildung übertragen und die Resultate abschließend zusammengefasst.
Zuvor sollen jedoch die Begriffe Chancengleichheit und Bildungsexpansion erläutert werden.
2 Chancengleichheit und Bildungsexpansion
2.1 Der Begriff der Chancengleichheit
Chancengleichheit wird die sozialpolitische Maxime bezeichnet, dass alle Bürger, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, das Recht auf gleiche Lebens- und Sozialchancen in Ausbildung und Beruf haben sollen (vgl. Schubert/Klein 2006: 13). In Deutschland gewann diese Maxime Anfang der 1960er Jahre als Auswirkung des sogenannten Sputnikschocks an Bedeutung, als erkannt wurde, dass ein Bildungsvorsprung der Sowjetunion drohte und die Bevölkerung besser qualifiziert werden müsse. Durch die damals bestehenden Verhältnisse konnten die Fähigkeiten vieler junger Menschen - insbesondere aus speziellen sozialen Strukturen - nicht optimal genutzt werden. Deutlich wird dies durch den von Ralf Dahrendorf geprägten Begriff des katholischen Arbeitermädchens vom Lande, welches seiner Ansicht nach kaum Chancen auf angemessene Bildungsmöglichkeiten hatte (vgl. Geißler 2005: 73). Unterschieden werden können dabei drei sozialen Gruppen (Ober-, Mittel- und Unterschicht).
Die Politik versuchte im Folgenden zu erreichen, dass alle Jugendlichen entsprechend ihrer Leistungen die gleich Startchance erhielten, um einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss zu erreichen (vgl. Geißler 1996 [online]). Leistungsferne Faktoren - wie z.B. soziale Herkunft, Wohnort, Religion, Nationalität oder Geschlecht - sollten keine Rolle bei der Selektion im dreigliedrigen Schulsystem mehr spielen. Zumindest die formalen Voraussetzungen auf Chancengleichheit sind seither in Deutschland gegeben:
• Ein Schulbesuch ist nicht nur für jeden möglich, sondern jedes Kind ist verpflichtet, mindestens 9 Jahre zur Schule zu gehen • Der Schulbesuch ist kostenlos; Lernmittel werden größtenteils im Sinne der Lernmittelfreiheit gestellt (mit Ausnahme des umstrittenen Büchergelds in einigen Ländern und Zuschüssen zu Klassenfahrten o.ä.) • An allen staatlichen Grundschulen wird das gleiche Curriculum gelehrt
2.2 Der Begriff der Bildungsexpansion
Die Erreichung von Chancengleichheit durch kostenlose Bildung sowie das Ziel, eine Höherqualifizierung der Bevölkerung zu erreichen, führten zur Bildungsexpansion: Von der jeweils jüngeren Generation erreichten mehr Menschen einen höheren Abschluss als deren Eltern. So ist beispielsweise der Anteil der Abiturienten an den Schulabgängern von 8% 1960 auf fast die Hälfte der Schüler gestiegen. Besonders profitiert von der Bildungsexpansion haben weibliche Schüler, deren Anteil an höheren Bildungsabschlüssen mittlerweile auf über 50% angewachsen ist. Dementsprechend stieg natürlich auch die Zahl der Studenten; Akademiker machen heutzutage ein Sechstel aller Berufstätigen in Deutschland aus. Die Bildungsexpansion unterliegt einer kaum kontrollierbaren Eigendynamik, die zu Qualifikationsüberschüssen führen kann.
„Ihre Triebfeder ist die Konkurrenz der Menschen um Statussicherung und sozialen Aufstieg. Da
eine gute Ausbildung immer stärker zur Voraussetzung für gute Lebenschancen wird, nimmt der
Druck zu, weiterführende Bildungseinrichtungen zu besuchen. Man möchte individuellen Nutzen
für den eigenen Sozialstatus aus einem Bildungsvorsprung vor anderen erzielen und nimmt
große Mühen auf sich, diesen Vorsprung zu halten oder durch weitere Bildungsanstrengungen
wieder herzustellen, wenn andere ihr Bildungsniveau verbessern“ (Geißler 1996 [online])
Ein Überschuss an Qualifikationen, bspw. wenn nicht genügend Stellen zur Verfügung stehen, kann in der Folge zu einer Entwertung der Titel führen. Der Gewinn an Titeln oder Zertifikaten ist einzig der, dass die soziale Lage gehalten werden kann, während Besitzer niedriger qualifizierter Qualifikationen weiter absinken. Geißler (2005: 75) stellt fest, dass an der Bildungsexpansion letztlich dennoch Jugendliche aller sozialen Schichten profitiert haben, da sich ihnen mehr Bildungschancen eröffneten. Besonders der Ausbau der Realschulen ermöglichte leistungsstarken Kindern aus der unteren sozialen Schicht, zur mittleren Schicht aufzuschließen. Zu einer Annäherung der Bildungschancen von unterer und oberer sozialer Schicht ist es dennoch nicht gekommen, wie im folgenden Kapitel beschrieben wird.
2.3 Das Paradoxon: mehr Bildungschancen -weniger Chancengleichheit
Trotz der Auswirkungen der Bildungsexpansion kann in Deutschland noch immer nicht von Chancengleichheit im Bildungssystem gesprochen werden. Mittlerweile lässt sich die Bildungsbenachteiligung weniger am katholischen Arbeitermädchen vom Lande als vielmehr am türkischen Jugendlichen aus dem Problemviertel festmachen (vgl. Hock/Holz 2000: 9). Das Geschlecht spielt mittlerweile kaum eine Rolle, umso mehr ist dagegen die soziale Herkunft ausschlaggebend für den späteren schulischen Werdegang. Der Anteil der Kinder, die ein Gymnasium besuchen, hat insgesamt zugenommen, wobei die Zunahme mit höherer sozialer Schicht ansteigt; der Abstand hat sich dementsprechend vergrößert 1 (vgl. Schimpl-Neimanns 2000: 654).
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Am größten wirkt sich die Bildungsbenachteiligung sozialer Herkunft in der für das Berufsbildungssystem besonders relevanten Hauptschule aus. Hauptschüler aus einer hohen sozialen Schicht haben laut PISA-Studie einen Vorsprung von umgerechnet
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Arbeit zitieren:
MSc Andreas Hermjohannes, 2009, Benachteiligungen im deutschen System der Berufsbildung für Jugendliche mit sozial schwacher Herkunft, München, GRIN Verlag GmbH
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