Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1 Problemstellung. 2
1.2 Der Begabungsbegriff in dieser Arbeit 3
1.3 Förderung und Forderung. 4
1.4 Forschungsstand 5
2. Soziale Gleichheit als künstliche Selbstverständlichkeit 6
2.1 Stand der Begabtenförderung in Deutschland. 8
3. Gedanken zum Umdenken bei der Begabtenförderung 10
3.1 Zugänglichkeit und Umfang der Vorschulförderung 10
3.2 Einbeziehung der Kinder- und Jugendhilfe. 11
3.3 Aufgaben der Schule bei der Begabtenförderung 11
4. Fazit 13
5. Literaturverzeichnis 15
1. Einleitung
Die durch die PISA-Studie zur Lesekompetenz angestoßene und von Otto und Rauschenbach in ihrem Rahmen definierte „neue Bildungsdebatte“ (vgl. dies. 2008: 9-29) befasst sich vor allem mit dem offensichtlichen Brennpunkt: Im Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland werden Kinder aus sozial schwächeren Schichten benachteiligt, „das spätere Einkommen von Kindern [korreliert] stark mit demjenigen ihrer Eltern“ (Esping-Andersen 2004: 2). Bildung als sozialer Erbfaktor lässt die Wissenschaft vor allem nach denjenigen Schwachstellen im deutschen Bildungssystem suchen, die benachteiligten Kindern weiter schaden, das dabei häufig und zu Recht zur Legitimation von Veränderungen angebrachte Argument ist, dass eine Erwerbsbevölkerung, „die [...] zu 20 bis 30 Prozent aus funktionalen Analphabeten und/oder Menschen ohne Sekundarschulbildung besteht“ (ebd.: 1) vom Wohlfahrtsstaat nicht finanziert werden kann. Da eine solche Perspektive bei unveränderter Entwicklung allerdings zumindest im Rahmen des möglichen liegt (vgl. ebd.), muss ein deutliches Umdenken im Bildungs- und Erziehungssystem erfolgen. Diese Tatsache soll an dieser Stelle weder diskutiert noch in Frage gestellt werden. Allerdings gibt es eine Gruppe von heranwachsenden Menschen, die im Zuge dieser Debatte gänzlich vergessen worden zu sein scheint: Begabte Kinder und Jugendliche. Der dänische Soziologe Esping-Andersen befürwortet eine Einschränkung elterlichen Einflusses und elterlicher Selbstbestimmung zu Gunsten von stärkerer Gleichheit im Bildungssystem, also die Einrichtung einer möglicherweise verpflichtenden Betreuung für alle Kinder ab einem bestimmten Alter (vgl. ebd.: 2). Das kann im günstigsten Fall tatsächlich zu einer Behebung zahlreicher Benachteiligungen im deutschen Bildungssystem führen. Im ungünstigsten Fall bedeutet das allerdings, dass die ohnehin schon stark endindividualisierte Massenerziehung in Deutschland nur noch verstärkt wird. An der geschlossenen Ganztagsschule ist konzeptionell oft nur wenig Raum zur Begabtenförderung, was, wie zu zeigen sein wird, ebenfalls einen Bildungsnachteil darstellen kann.
Eine Suche nach dem Begriff „Ganztagsschule“ liefert im Bibliothekskatalog der Universität Bielefeld 35 Ergebnisse, deren Veröffentlichungstermin nach dem der ersten PISA-Studie liegt. Zum Stichwort „Begabung“ finden sich im gleichen Zeitraum zwar 27 Ergebnisse, der überwiegende Teil dieser Schriften beschäftigt sich allerdings mit speziellen Gebieten, besonders mit dem der musikalischen Begabung. Begabung und Talente, so die Forderung, die in diesem Text ausgebreitet werden wird, müssen allerdings überhaupt Einzug in die „neue Bildungsdebatte“ halten, um zu verhindern, dass das Bildungsprekariat zwar deutlich verkleinert wird, das grundsätzliche Problem der Massenbehandlung und 1
Endindividualisierung im deutschen Bildungs- und vor allem Schulsystem allerdings fortbesteht: Schule in Deutschland ist nicht an Kinder angepasst und fragt auch nicht, was diese individuell leisten können, Schule in Deutschland verlangt Anpassung von den Kindern.
1.1 Problemstellung
Bereits 1981 beschreibt die Psychologin Charlotte Zillmann exemplarische Fälle von Schulschwierigkeiten und Schulversagen bei Schülerinnen und Schülern, die ihr im Rahmen ihrer psychologischen Tätigkeit begegnet sind. Sie stellt vor allem fünf typische Probleme fest, die im Kontext dieser Arbeit von herausragender Bedeutung sind. Erstens komme es bei (hoch-)begabten Kindern und Jugendlichen immer wieder zu Fehldiagnosen, vor allem im Vorschulalter werde im schlimmsten Fall sogar ein „Mangel an Begabung“ diagnostiziert, obwohl der junge Mensch „in Wirklich oft nur eine Entwicklungsverzögerung, ein ‚Noch-nicht-fähig-sein’ für die schulischen Anforderungen“ aufweise (Zillmann 1981: 9). Zweitens würden zahlreiche begabte Kinder aus psychologischer Perspektive zu früh eingeschult. „Nicht alle Kinder sind im Alter zwischen 6;0 und 6;6 wirklich schulreif; die meisten werden es erst zwischen 6;7 und 7;0. [...] Kindern, die noch vor dem vollendeten 6. Lebensjahr eingeschult werden, geschieht fast immer ein kaum wieder gut zu machendes Unrecht.“ (ebd.: 11) Der Übergang vom Kindergarten oder der Kindertagesstätte zur Schule findet zu abrupt statt. Drittens würde es für begabte Kinder häufig beim Übertritt in die weiterführende Schule zu Schwierigkeiten kommen, da „aufgrund ihrer guten Intelligenz in bezug [sic] auf die Reife für die höhere Schule häufig“ falsche Einschätzungen getroffen würden (ebd.: 16-17). „Viele von ihnen sind den erhöhten Anforderungen an systematischer geistiger Arbeit und stetiger Konzentration noch nicht gewachsen und versagen manchmal in den schulischen Leistungen öfter als vielleicht ein fleißiger Durchschnittsschüler in den ersten Klassen der höheren Schule.“ (ebd.: 17) Gelingt der Übergang in die weiterführende Schule reibungslos, ist die Pubertätskrise viertens natürlich nicht nur ein Problem von begabten Schülerinnen und vor allem Schülern (vgl. ebd.: 18f.). Und schließlich stellt Zillmann fünftens den deutlichen Zusammenhang zwischen schulischen Leistungen und dem Elternhaus heraus (vgl. ebd.: 21ff.). Hier ergibt sich für begabte Kinder ein weiteres Problem, da Eltern häufig mit Unverständnis, das als Ablehnung missverstanden werden kann, auf schlechte Noten ihrer ‚begabten’ Kinder reagieren können. Dieser Aufeinanderfolge von kritischen Situationen in der Entwicklung des jungen Menschen, die oft durch den Menschen selbst und seine Anlagen geprägt ist, ist ein weiteres kritisches Element hinzuzufügen: Die Schule und ihr System. Da, wie von Zillmann herausgearbeitet wurde, begabte Kinder durchaus Ungleichheiten bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit gegenüber der Entwicklung ihrer Kenntnisse aufweisen 2
können, heißt das, dass ein Kind zwar durchaus noch unreif für den Besuch der Regelschule sein kann, mit den Anforderungen derer zum Zeitpunkt der Einschulung allerdings massiv unterfordert ist. Die Lehrerausbildung in Deutschland liefert zwar das notwendige theoretische Rüstzeug zum Umgang mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen, das Erlernen des adäquaten Umganges mit durch ihre Begabung oder auch einfach durch ihre Vorbildung benachteiligten Kindern und Jugendlichen kommt allerdings zu kurz. In den erziehungswissenschaftlichen Studiengängen der Universität Bielefeld wurden im Wintersemester 2008/2009 zwar etwa zwei Dutzend Seminare angeboten, deren Titel auf die Diskussion des Umgangs mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen schließen ließ. Kein einziges Seminar hatte jedoch die Situation begabter Schülerinnen und Schüler zum Thema. Diese Situation im wissenschaftlichen Diskurs der Erziehungswissenschaft sollte kritisch betrachtet werden, ebenso kann eine „neue Bildungsdebatte“ nicht ohne zügiges Umdenken an dieser Stelle zu erfolgreichen Ergebnissen gebracht werden.
1.2 Der Begabungsbegriff in dieser Arbeit
Der Begabungsbegriff in dieser Arbeit ist relativ weit gefasst. So geht es bei der Kritik der mangelnden Begabtenförderung bzw. -forderung und -erkennung nicht nur um sogenannte „hochbegabte“ Kinder und Jugendliche, also solche, deren Intelligenzquotient höchstens von 2,2% der Bevölkerung erreicht oder übertroffen wird (Vgl. BMBF 2003: 15). Vielmehr bezieht sich die Forderung nach besserer Diagnose und Förderung von Begabungen und Talenten bei jungen Menschen auf sämtliche Lernbereiche, bei denen diese mit überdurchschnittlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in die Regelschule eingeschult werden könnten. Der Grund für diese Erweiterung des Begabtenbegriffes liegt in der simplen Erkenntnis, dass geringere Begabung durch höhere Lernleistung kompensiert werden kann (vgl. Neubauer/Stern 2007). Außerdem ist es in der Forschung bereits seit langem umstritten, ob bei der Begabung überhaupt von etwas angeborenem gesprochen werden kann. R. G. E. Müller vertritt beispielsweise bereits 1971 die Ansicht, dass „die Seele des Menschen bei der Geburt eine tabula rasa ist“, der Inhalt und die Leistung des Geistes also von seiner Förderung und Forderung abhängt (vgl. ders. 1971: 74ff.). Betroffen sind also künstlerisch und musisch besonders begabte oder durch musikalische Früherziehung besonders entwickelte sowie auch zwei- oder mehrsprachig aufgewachsene Kinder, denen der entsprechende Fachunterricht an den Regelschulen zu langsam vorangehen könnte, was eine Senkung der Lernmotivation und damit evtl. Schulschwierigkeiten in anderen Feldern zur Folge haben könnte. Bei mehrsprachig aufgewachsenen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in anderen Bildungs- und Sozialbereichen vielleicht Schwierigkeiten haben, wird auf diese Art 3
Arbeit zitieren:
Marcel Weitschat, 2009, Raum und Bedarf von Begabtenförderung in der "neuen Bildungsdebatte", München, GRIN Verlag GmbH
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