1 Einleitung
Menschen machen im Lauf ihres Lebens vielfältige Erfahrungen, die sie dazu gebrauchen, Vorhersagen und Erwartungen für die Zukunft aufzubauen. Ein Grossteil dieser Erfahrungen beruht auf Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen. Angesichts der Komplexität der sozialen Umwelt ist dies ein durchaus nützlicher Prozess, der hilft, sich auf bevorstehende Situationen einzustellen und vorzubereiten. Aufgrund der Grenzen unseres kognitiven Apparates
verselbständigen und automatisieren sich solche Voraussagen oder Erwartungen aber sehr oft und unterliegen nicht mehr der Kontrolle des Voraussagenden oder Erwartenden. Sie sind aber weiterhin (unbewusst) vorhanden und steuern das Verhalten. In diesem Sinn können sie ihre eigene Erfüllung bewirken. Dies ist der Kerngedanke der so genannten „self-fulfilling prophecy“ oder der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“.
Die vorliegende Arbeit ist einem Spezialfall dieses Phänomens gewidmet. Ein erstmals von ROSENTHAL und JACOBSON in den 1960er Jahren untersuchter und nachgewiesener Effekt beschreibt die Auswirkungen der Lehrererwartungen auf das Schülerverhalten, besonders auf ihr Lern- und Leistungsverhalten. In Analogie zum griechischen Mythos, in welchem der in der Bildhauerei begabte König Pygmalion seine Traumfrau nach seinen Vorstellungen gestaltet, ziehen ROSENTHAL und JACOBSON den Schluss, dass Schüler sich nach dem Bild formen oder entwickeln, das sich der Lehrer von ihnen macht. Diesem Phänomen verleihen sie den Namen Pygmalion-Effekt.
Im Zentrum dieser Arbeit steht die von ROSENTHAL und JACOBSON ausgeblendete Frage nach dem Wirkmechanismus und den Ursachen des Pygmalion-Effekts. Da ich in der Literatur auf ein Begriffschaos gestoßen bin, nehme ich zu Beginn einige Begriffsklärungen vor und lege dabei das Augenmerk auf den zentralen Begriff „Erwartung“. Im Hauptteil widme ich mich der für diese Arbeit zentralen Frage nach den Bedingungen bzw. Prozessen in der Lehrer-Schüler-Interaktion (Wirkungsweise), welche einen Pygmalion-Effekt herbeiführen, und den psychologischen Mechanismen (Ursachen), die diesen Prozessen zugrunde liegen. Im Schlussteil ziehe ich die pädagogischen Konsequenzen aus dem Pygmalion-Effekt und gehe besonders auf Implikationen für das Lehrerhandeln ein.
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2 Die sich selbst erfüllende Prophezeiung
2.1 Begriffsklärungen
Der Terminus „sich selbst erfüllende Prophezeiung” resp. „self-fulfilling prophecy“ 1 geht auf den amerikanischen Soziologen MERTON (1948) zurück. Er verwendete ihn in seinen Theorien zur Erklärung gesellschaftlicher und ökonomischer Phänomene, die aufgrund der SFP zu so genannten Rückkoppelungsphänomenen werden und so eine wissenschaftliche Prognostik verhindern. Zur Illustration dieses Phänomens zog er das Beispiel des Bankrotts einer amerikanischen Bank heran, der dadurch ausgelöst wurde, dass aufgebrachte Kunden ihre Einlagen von der Bank abhoben. Es kursierte nämlich das Gerücht, dass die Bank bereits zahlungsunfähig sei. Diese Prophezeiung entsprach (zunächst) nicht den Tatsachen. Der Bankrott kam erst dadurch zustande, dass die Kunden ihr Geld von der Bank abhoben. Die Prophezeiung in Form einer „falschen“ Überzeugung hatte somit zu ihrer eigenen Erfüllung geführt. 2
Die einfache Grundidee, die dem Konzept der SFP zugrunde liegt, ist allerdings weit älter als ihr Begriff. Sie taucht beispielsweise bereits bei EBBINGHAUS (1885) auf und besagt, dass die Erwartungen einer Person bezüglich des Verhaltens einer anderen Person das Verhalten der anderen beeinflussen können. Auch POPPER (1944) wies mit dem „Ödipuseffekt“ auf den Einfluss der Vorhersage auf das vorhergesagte Ereignis hin. 3 Die aktuell am häufigsten anzutreffenden Definitionen der SFP lauten:
„Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Voraussage oder eine Erwartung, die ihre eigene Erfüllung selbst verursacht: Die mentale Antizipation eines Ereignisses bewirkt selbst das Ereignis der Antizipation.“ 4
„Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Annahme oder Voraussage, die rein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht wurde, das Angenommene erwartete, oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lässt und so ihre eigene „Richtigkeit“ bestätigt.“ 5
Wie aus dem Bisherigen und den obigen Definitionen hervorgeht, ist „Erwartung“ ein zentraler Begriff, mittels welchem die SFP definiert und erklärt wird. Wichtig
1 Anm.: Ich verwende in der Folge für „self-fulfilling prophecy“ die übliche Abkürzung SFP.
2 Vgl.: Merton, R.K.: The Self-fulfilling Prophecy. In: Antioch Review (8), 1948. (S. 193 -210)
3 Vgl.: Rost, Detlef, H. (2001). Handwörterbuch der Pädagogischen Psychologie. (S. 567ff.)
4 Ebd. (S. 567)
5 Watzlawick, P. (2000): Die erfundene Wirklichkeit: wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? (S. 91)
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erscheint mir an dieser Stelle festzuhalten, dass „Erwartung“ nicht mit „Voraussage“ oder „Prophezeiung“ gleichgesetzt werden kann, wie dies beispielsweise in der ersten Definition der Fall ist. LUDWIG (1991) fasst die Bestimmungsmerkmale von „Erwartung“ zusammen:
„Erwartungen sind realitätsbezogene Vorstellungen, die auf die Zukunft gerichtet sind und von denen der Erwartende überzeugt ist, dass sie durch die nachfolgende Ereignisentwicklung bestätigt werden.“ 6
Es ist das Merkmal der subjektiven Überzeugung, welches „Erwartung“ von „Voraussage“ oder „Prophezeiung“ unterscheidet, so dass man „Erwartung“ als Voraussage oder Prophezeiung, von deren Eintreffen der oder die Erwartende überzeugt ist, definieren könnte. „Erwartung“ darf aber nicht mit „Überzeugung“ gleichgesetzt werden. Denn „Überzeugung“ ist im Gegensatz zu „Erwartung“ zunächst nicht zeitbezogen. Als Teilmenge von Überzeugungen könnte man Erwartungen zukunftsbezogene Überzeugungen nennen. Aus der obigen Definition von LUDWIG (1991) lassen sich zudem drei charakteristische Elemente der Erwartung auseinander halten: 7
¾ Erwartungssubjekt: Erwartende Person.
¾ Erwartungsobjekt: Erwartungsgegenstand resp. -inhalt. Das Objekt kann eine Situation, ein Sachverhalt, eine Sache, eine Begebenheit, eine (andere oder die eigene) Person oder ein Verhalten einer (einschließlich der eigenen) Person sein. Auf der Personenebene kann man demnach zwischen inter- und intrapersonalen Erwartungen unterscheiden. ¾ Erwartungsausgang: Tatsächliche spätere Ereignisentwicklung. Erfüllt sich die Erwartung, so sind Erwartungsobjekt und -ausgang identisch.
Zusammenfassend halte ich fest, dass eine Voraussage oder Prophezeiung dann (subjektive) Erwartung genannt werden kann, wenn das Moment der Überzeugung 8 hinzukommt. In diesem Fall ist es deshalb angebracht, nicht mehr von SFP, sondern von „sich selbst erfüllender Erwartung“ 9 zu sprechen, zumal Lehrererwartungen Gegenstand dieser Arbeit sind. Diese lassen sich nun definieren als interpersonale Erwartungen, deren Subjekt der Lehrer und deren Objekt die Schüler darstellen. Die Auswirkungen dieser Erwartungen sind als „Pygmalion-Effekt“ bekannt. Ein weiteres Charakteristikum der SFE in Abgrenzung zur SFP ist auf der Ebene der Interpersonalität angesiedelt:
6 Ludwig, P. (1991). Sich selbst erfüllende Prophezeiungen im Alltagsleben. (S. 32).
7 Ebd., (S. 36).
8 Anm.: „Überzeugung“ meint sowohl eine subjektive Gewissheits- als auch eine Wahrscheinlichkeitsannahme.
9 Anm.: Ich verwende in der Folge für „sich selbst erfüllende Erwartung(en)“ die Abkürzung SFE.
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„Bei einer SFP muss der Vorhersagende einer anderen Person die Prophezeiung explizit mitteilen (Interpersonalität). Bei einer sich selbst erfüllenden interpersonalen Erwartung ist das nicht notwendig. Es ist nicht einmal erforderlich, dass dem Erwartungsobjekt die Erwartung des Subjekts überhaupt bekannt ist.“ 10
Damit glaube ich, das weite Begriffsfeld der SFP für meine Fragestellung ausreichend eingegrenzt zu haben. Es bleibt nur noch zu klären, was mit „Selbsterfüllung“ gemeint ist bzw. wie und warum der Pygmalion-Effekt zustande kommt. Denn allein die Tatsache, dass sich eine Erwartung erfüllt hat, bedeutet noch nicht, dass sie sich auch selbst erfüllt hat. Anders gesagt: Allein die Tatsache, dass Lehrer Erwartungen haben, führt noch nicht dazu, dass sich ihre Erwartungen erfüllen. Sie ist bloß eine notwendige Bedingung dafür. Die weiteren Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit es zur „Selbsterfüllung“ von Erwartungen bzw. zum Pygmalion-Effekt kommt, sind Gegenstand des nächsten Abschnitts, der sich dem Pygmalion-Effekt und seinem Wirkmechanismus widmet.
3 Der Pygmalion-Effekt
3.1 Namensursprung und Wirkmechanismus
Der Pygmalion-Effekt 11 wurde nach einem in der griechischen Mythologie berühmten König von Zypern benannt, dessen hohen Ansprüchen keine lebende Frau zu genügen vermochte. Der in der Bildhauerei begabte Pygmalion schuf sich deshalb seine Traumfrau - wie man es heute nennen würde - aus Elfenbein. Wie OVID im zehnten Buch der Metamorphosen wunderschön dichtet, „trinkt seine Brust gierig das Feuer in sich hinein, das von dem Scheinbild ausgeht“. 12 Pygmalion verliebte sich also in seine eigene Skulptur und bat die Liebesgöttin Aphrodite voller Verzweiflung, das „elfenbeinerne Mädchen“, das er Galatea nannte, zum Leben zu erwecken. Aphrodite erhörte seine Bitte und der überglückliche Pygmalion nahm Galatea zur Frau. 13
Von diesem Mythos stammt also der Name des PE. Eine passende(re) Illustration des PE liefert GEORGE BERNARD SHAWS Theaterstück „Pygmalion“, in welchem das Mädchen Eliza zu einem Freund ihres Professors sagt:
10 Ludwig, P. (1991). Sich selbst erfüllende Prophezeiungen im Alltagsleben. (S. 53)
11 Anm.: Ich verwende in der Folge für „Pygmalion-Effekt“ die Abkürzung PE.
12 Auernhammer, A. & Martin, D. (2003). Mythos Pygmalion - Texte von Ovid bis John Updike. (S. 11)
13 Ebd., (S. 10ff.)
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Arbeit zitieren:
Amet Dzelili, 2005, Die sich selbst erfüllende Prophezeiung im Unterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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