Moralisches Urteilen und Handeln 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Die Beziehung zwischen moralischem Urteil und Handeln 6
2.1 Das Stufendmodell moralischer Entwicklung nach Kohlberg 6
2.2 Die Beziehung zwischen moralischem Urteil und moralischem 9
Handeln nach Kohlberg
2.3 Die Rolle der Emotionen für das Urteil-Handlungs-Verhältnis 14
2.4 Die Rolle des Selbst für das moralische Verhalten 17
2.5 Die Macht der Situation am Beispiel prosozialen Verhalten 22
2.5.1 Bystander-Effekt 23
2.5.2 Deindividuation 25
2.5.3 Konformität 26
3 Eine mögliche Brücke über das Urteil-Handlungs-Tal 30
3.1 Die Gerechte Schulgemeinschaft („Just Community“) 30
3.2 Effekte und Probleme der „Gerechten Schulgemeinschaft“ 34
4 Fazit 36
5 Literatur 37
Moralisches Urteilen und Handeln 3
1. Einleitung
Der Begriff „Moral“ hat ein derart weites Bedeutungsfeld, dass ich es als sinnvoll erachte, dieses zu Beginn etwas einzugrenzen. Der Ursprung des Begriffs „Moral“ (lat.: moralis die Sitten betreffend) bzw. „Ethik“ (gr.: ethos Sitte, Gewohnheit) bildetich nehme an, dass es sich mit allen Begriffen so verhält - den Kern seiner Bedeutung. Mittlerweile hat sich aber das semantische Feld darum herum erweitert und verändert. So steht „Moral“ nach Duden (2001) für:
1. die Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die
2. Stimmung, Kampfgeist.
3. die philosophische Lehre von der Sittlichkeit. 4. das sittliche Verhalten eines Einzelnen od. einer Gruppe. 5. lehrreiche Nutzanwendung.
Diese Begriffsbestimmung enthält sowohl den Gesichtspunkt der Normen (Punkt 1) als auch den individuellen Handlungsaspekt (Punkt 4). Diese beiden, für meine Arbeit zentralen Aspekte sind eng miteinander verknüpft, was wir auch im Alltag beobachten können, wenn es darum geht festzustellen, ob die Auffassungen und Wertvorstellungen (Normen) einer Person mit ihrem Tun und Handeln übereinstimmen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es oft zu grossen Diskrepanzen kommt. Das moralische Urteil wird keineswegs immer in ein entsprechendes Handeln umgesetzt. Es besteht offensichtlich eine Kluft zwischen Urteilen und Handeln.
Im Mittelpunkt des Hauptteils meiner Arbeit steht die Klärung der Frage nach der Beschaffenheit dieser Kluft, d.h. der Beziehung zwischen moralischem Urteilen und moralischem Handeln. Dazu werde ich einige, mir wichtig erscheinende theoretische Ansätze vorstellen, die quasi als architektonische Pläne zu betrachten sind und schliesslich zur Konstruktion und zum Bau einer Brücke über das „Urteil-Handlungs-Tal“ 1 führen sollen. Nach einer ersten „Tour de Literature“ 2 stellte ich fest,
1 Anm.: Dieser Begriff ist eine Eigenkreation und wird im Folgenden mit „UHA-Tal“ abgekürzt.
2 Anm.: Dieser Begriff ist eine Eigenkreation.
Moralisches Urteilen und Handeln 4
dass es sich bei diesem „Bauprojekt“ um ein äusserst schwieriges Unterfangen handelt, weil:
1. keine Einigkeit darüber herrscht, ob überhaupt eine Kluft besteht. (Ist eine Brücke überhaupt nötig?)
2. auch bei Einigkeit über die bestehende Kluft die Grösse und Beschaffenheit dieser nicht eindeutig ist.
3. selbst bei Klarheit über die Grösse und Beschaffenheit der Kluft die Gestalt und Beschaffenheit („Inhalte/materielle Zusammensetzung“) der Brücke einen Streitpunkt darstellt.
Angesichts dieser Uneinigkeiten sind sehr unterschiedliche, teilweise sogar gegensätzliche Pläne resp. Ansichten zu erwarten. Diese vielen verschiedenen Standpunkte weisen aber auch darauf hin, dass man sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt mit der Urteil-Handlungs-Problematik beschäftigt und diese vermehrt auch Gegenstand pädagogischer und psychologischer Forschung geworden ist. Den Grundstein dafür hat sicherlich Lawrence Kohlberg mit seinem Stufenmodell moralischer Entwicklung gelegt. Seine These einer direkten Beziehung zwischen moralischem Urteil und moralischem Handeln hat die Gemüter diverser Wissenschaftler erhitzt - glücklicherweise, muss man angesichts der Wichtigkeit dieser Problematik sagen - und zu Kritik in Form von Modifikationen und Erweiterungen seiner ursprünglichen Theorie, auch durch ihn selbst, geführt. Da sich alle theoretischen Ansätze, die ich darstellen werde, auf Kohlbergs Entwicklungstheorie des moralischen Urteilens beziehen, werde ich letztere anschliessend voranstellen.
Den dritten Teil meiner Arbeit werde ich der konkreten bzw. möglichen Umsetzung dieser vorgezeichneten Pläne widmen, d.h. dem Versuch, die erwähnte Brücke zu bauen. Es wird sich dann zeigen, so zumindest meine Hoffnung, ob die theoretisch durchaus plausiblen und schlüssigen Ansätze in der Schwebe der Theorie bleiben oder Ideen enthalten, die durch die Gravitation der Praxis angezogen werden. Letzteres ist aus der Sicht einer anwendungsorientierten Wissenschaft, wie die Pädagogik es ist - zumindest in meinen Augen - überaus wichtig. Denn, das Ziel kann nicht darin liegen, nur unendlich viele Pläne zu schmieden und so den Bau dieser wichtigen Brücke hinauszuzögern. Die vorhandenen Theorien müssen einer gründlichen empirischen Prüfung unterzogen werden. Schliesslich sollten jene, die sich empirisch bestätigt haben, in Form von Projekten (z.B. an Schulen) in die Tat
Moralisches Urteilen und Handeln 5
umgesetzt werden. Nur so kann das Ziel erreicht werden, eine möglichst stabile, wenn auch immer wieder zu sanierende Brücke über die gefährliche Kluft zwischen moralischem Urteilen und moralischem Handeln zu legen. Auch hierzu hat Kohlberg wesentlich beigetragen. Mit seinem Konzept der „Just Community“ reagierte er auf die Kritik an seiner Theorie der Moralentwicklung. Einer der Hauptkritikpunkte betraf Kohlbergs Annahme eines direkten Zusammenhangs von moralischem Urteilen und moralischem Handeln, womit er dem Problem von Urteil und Handeln quasi ausgewichen ist. Ich werde dieses viel versprechende Konzept der „Gerechten Gemeinschaft“ im dritten Teil etwas genauer unter die Lupe nehmen und überprüfen, inwiefern es geeignet ist, eine stabile Brücke über das Tal zwischen Urteilen und Handeln zu schlagen.
Urteilen
Moralisches Urteilen und Handeln 6
2. Die Beziehung zw. moralischem Urteilen und moralischem Handeln
2.1 Das Stufendmodell moralischer Entwicklung nach Kohlberg
Aufbauend auf der Konzeption von Jean Piaget, der 1932 die erste grössere Untersuchung zur Moralentwicklung („Über das moralische Urteil beim Kinde“) 3 durchführte, entwickelte Kohlberg eine differenziertere Theorie der moralischen Urteilsfindung, die er in über dreissigjähriger Forschungstätigkeit erweiterte und modifizierte. Kohlberg ging es im Gegensatz zu Piaget nicht darum, welche konkreten Normen Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters akzeptieren und ob sie entsprechend handeln oder nicht. Er legte sein Augenmerk vielmehr auf die Entwicklung von Begründungen normativer Urteile und die Orientierungen, die diesen Urteilen zugrunde liegen. Seine Forschungswerkzeuge waren hypothetische Konfliktsituationen, so genannte Dilemmata, vor welche er Schüler verschiedenen Alters stellte. Es ging dabei immer um einen Konflikt zwischen zwei moralischen Normen. Er verwendete u.a. das so genannte „Heinz-Dilemma“ 4 . Seine Dilemma-Methode verstand er als die beste Möglichkeit, Begründungen von Normen zu studieren. Angesichts der Tatsache, dass solche Dilemmata in allen Lebensbereichen und auf jeder Altersstufe - ausser vielleicht bei Kleinkindern auf der sensumotorischen Stufe (bis 2. Lebensjahr) - zu finden sind, ist dem nichts entgegen zu setzen.
Kohlbergs Interesse galt nicht den letztendlich getroffenen Entscheidungen, sondern den Prinzipien, auf welchen die Entscheidungen basieren. Dies verdeutlichen auch seine Erläuterungen der drei Niveaus und der sechs Stufen 5 :
I. Das vormoralische Niveau: Moralische Wertung beruht auf äußeren, quasiphysischen Geschehnissen, schlechten Handlungen, oder auf quasi-physischen Bedürfnissen statt auf Personen und Normen.
Stufe 1: Orientierung an Bestrafung und Gehorsam. Ob eine Handlung gut oder böse ist hängt von ihren physischen Konsequenzen und nicht von der sozialen Bedeutung bzw. Bewertung dieser Konsequenzen ab. Vermeidung von Strafe und nicht hinterfragte Unterordnung unter Macht gelten als Werte an sich und kommen nicht durch Achtung vor einer tiefer gehenden Moralordnung, die auf Strafe und Autorität gestützt ist.
3 Vgl. Piaget J. (1932). Le jugement moral chez l'enfant. Paris: Félix Alcan.
4 Vgl. Kohlberg, L.: Die Psychologie der Moralentwicklung. W. Althof (Hrsg.). (2002). (S. 495ff.).
5 Ebd. (S. 51-56). Anm.: Niveau- und Stufenerläuterungen sind teilweise gekürzt/umformuliert.
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Stufe 2: Instrumentell-relativistische Orientierung. Eine richtige Handlung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigenen Bedürfnisse - bisweilen auch die Bedürfnisse anderer - instrumentell befriedigt. Zwischenmenschliche Beziehungen erscheinen als Marktbeziehungen. Grundzüge von Fairness, Gegenseitigkeit und Sinn für gerechte Verteilung sind zwar vorhanden, werden aber stets physisch und pragmatisch interpretiert. Gegenseitigkeit ist eine Frage von „eine Hand wäscht die andere“, nicht von Loyalität oder Gerechtigkeit.
II. Das konventionelle Niveau: Moralische Wertung beruht auf der Übernahme guter und richtiger Rollen, der Einhaltung der konventionellen Ordnung und der Erwartungen anderer.
Stufe 3: Orientierung an zwischenmenschlicher Harmonie oder am „guter Junge/nettes Mädchen - Modell“. Richtiges verhalten ist, was anderen gefällt oder hilft und ihre Zustimmung findet. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Konformität gegenüber Stereotypen und mehrheitlich für richtig befundenem oder „natürlichem“ Verhalten. Häufig wird Verhalten nach der Absicht beurteilt. „Er meint es gut“ wird zum ersten Mal wichtig. Man findet Zustimmung, wenn man nett ist.
Stufe 4: Orientierung an Recht und Ordnung. Autorität, festgelegte Regeln und Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung bilden den Orientierungsrahmen. Richtiges Verhalten heißt, seine Pflicht zu tun, Autorität zu respektieren und für die gegebene soziale Ordnung um ihrer selbst willen einzutreten.
III. Das postkonventionelle Niveau: Moralische Wertung beruht auf Werten und Prinzipien, die unabhängig von der Autorität der diese Prinzipien vertretenden Personen und unabhängig von der eigenen Identifikation mit diesen Gruppen gültig und anwendbar sind.
Stufe 5: Legalistische oder Sozialvertrags-Orientierung. Im Allgemeinen mit utilitaristischen Zügen verbunden. Die Richtigkeit einer Handlung bemisst sich tendenziell nach allgemeinen, individuellen Rechten und Standards, die nach kritischer Prüfung von der Gesamtgesellschaft getragen werden. Man ist sich der Relativität persönlicher Werthaltungen und Meinungen bewusst und legt entsprechend Wert auf Verfahrensregeln zur Konsensfindung. abgesehen von konstitutionellen und demokratischen Übereinkünften ist Recht eine Frage persönlicher Wertsetzungen und Meinungen. Außerhalb des gesetzlich festgelegten Bereichs basieren Verpflichtungen auf freier Übereinkunft und Verträgen.
Stufe 6: Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien. Das Recht wird definiert durch eine bewusste Entscheidung in Übereinstimmung mit selbst gewählten ethischen Prinzipien unter Berufung auf umfassende logische Extension, Universalität und Konsistenz. Diese Prinzipien sind abstrakt und ethischer Natur (die Goldene Regel, der Kategorische Imperativ), nicht konkrete Moralregeln wie etwa die zehn Gebote. Im Kern handelt es sich um universelle Prinzipien der Gerechtigkeit, der Gegenseitigkeit und Gleichheit der Menschenrechte sowie des Respekts vor der Würde des Menschen als Individuum.
Moralisches Urteilen und Handeln 8
Zusammenfassend kann man festhalten, dass die moralische Entwicklung nach Kohlberg parallel zur kognitiven Entwicklung von Stufe zu Stufe sowohl qualitativ als auch quantitativ eine Erweiterung erfährt. Die kognitiven Stufen stehen dabei in einer hierarchischen Reihenfolge von zunehmend differenzierteren Strukturen. Die qualitative Erweiterung betrifft die Beziehung zwischen dem Selbst und den gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen. Dem Selbst auf Niveau I (vormoralisch) bleiben die sozialen Normen und Erwartungen äusserlich, während auf Niveau II (konventionell) eine Identifikation mit ihnen stattfindet. Auf Niveau III (postkonventionell) schliesslich ist das Selbst von den Regeln und Erwartungen unabhängig und definiert seine Werte anhand selbst gewählter Prinzipien. 6 Die quantitative Erweiterung betrifft den „Anwendungsbereich“ der moralischen Orientierungen. Auf Niveau I ist dieser sehr begrenzt, liegt der Fokus doch bloss auf der eigenen Person (Stufe 1) oder höchstens noch auf einer zweiten (Stufe 2). Auf Niveau II vergrössert sich dieser Kreis schon bedeutend. Nun sind es die nahe stehenden Personen (Stufe 3) bzw. die Gesellschaft (Stufe 4). Die Begründungen auf Niveau III schliesslich haben universalistischen Charakter; es werden möglichst alle berücksichtigt 7 . Der empirische Nachweis solcher Stufen ist indes umstritten. Dies zeigt nicht zuletzt die Diskussion um die höchste Stufe moralischen Urteilens 8 . Hierzu räumt aber auch Kohlberg (1984) ein:
„Wir behaupten nicht länger, dass es uns gelungen sei, empirisch das Wesen einer 6. und höchsten Stufe […] zu beschreiben. Derzeit lässt sich über das Vorhandensein einer solchen Stufe lediglich theoretisch und philosophisch spekulieren.“ 9
Für die Stufen eins bis fünf aber existieren zahlreiche empirische Belege, so dass man von Ihrer Gültigkeit ausgehen kann.
Der Mensch ist aber nicht nur ein kognitives, sondern auch ein aktives, handelndes Wesen. Eine wichtige Frage ist also noch zu beantworten: Was sagen die moralischen Prinzipien oder die moralische Stufe eines Individuums über dessen moralisches Handeln aus? Für Kohlberg ist eine zunehmend komplexere Urteilsfindung gleichermaßen an die kognitive Entwicklung des Menschen wie an sein moralisches Handeln gebunden.
6 Vgl. Kohlberg, L.: Die Psychologie der Moralentwicklung. W. Althof (Hrsg.). (2002). (S. 126f.).
7 Anm.: Die Ausführungen zur quantitativen Erweiterung entstammen meiner eigenen Interpretation.
8 Vgl. Heidbrink, H. (1991): Stufen der Moral. Zur Gültigkeit der kognitiven Entwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs.
9 Vgl. Kohlberg, L.: Die Psychologie der Moralentwicklung. W. Althof (Hrsg.). (2002). (S. 223).
Arbeit zitieren:
Amet Dzelili, 2004, Moralisches Urteilen und Handeln, München, GRIN Verlag GmbH
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