2
1. Einleitung
1.1. Darstellung des Problemhorizontes
Seit einiger Zeit wird die Frage nach der „Allversöhnung“, die Hoffnung auf die Rettung aller Menschen am Ende der Zeit, auch in christlichen Kreisen wieder stärker diskutiert. Deswegen ist es mir ein Anliegen mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, um auf der einen Seite einen Überblick über die verschiedenen Positionen zu gewinnen und zum Anderen, um in den aktuellen Diskussionen einen durchdachten Standpunkt vertreten und begründen zu können. Obwohl die Allversöhnungslehre im 17. Artikel der bedeutendsten Bekenntnisschrift des Protestantismus (CA 17) 1 verworfen wurde, gab es auch nach der Reformation immer wieder Theologen, die der CA 17 widersprachen und die Hoffnung auf Rettung aller Menschen vertraten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) war der vorangehende Pietist, der diese eschatologische Kurskorrektur vornahm 2 . Auch heute gibt es eindeutige Schriften von Theologen, die sich auf die Lehre der Apokatastasis (d.h.: Wiederherstellung, Wiederbringung) panton (d.h.: aller, oder: von allem), der Wiederbringung aller Dinge 3 , berufen. Dabei stellt sich mir die Frage, warum sich die Allversöhnungslehre trotz vieler Erklärungsversuche nicht durchgesetzt hat, es aber immer noch Uneinigkeit gibt. Was bewegt die Gegner des doppelten Gerichtsausgangs dazu an dieser Lehre festzuhalten? Damit zusammenhängend stellt sich mir die Frage, wie Mission gesehen und durchgeführt werden sollte. Wenn alle Menschen mit Gott versöhnt werden, dann könnte die Verkündigung des Evangeliums (ohne Androhung der Höllenqual) vielleicht eine andere Perspektive für den Einzelnen bekommen.
1.2. Zielsetzung
In dieser Arbeit möchte ich zwei Positionen der heutigen Auffassung der Apokatastasis-Lehre darlegen und miteinander vergleichen. Am Beispiel von Jürgen Moltmann (*1926) und Heinrich Emil Brunner (1889-1966) soll eine kritische Auseinandersetzung zu der oben genannten Problematik vollzogen werden.
1 Das Augsburgische Bekenntnis (Confessio Augustana), 17. Artikel über die Lehre von den letzten Dingen:
„Auch wird gelehret, daß unser Herr Jesus Christus am jungsten Tag kummen wird, zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Helle und ewige Straf verdammen. Derhalben werden die Wiedertaufer verworfen, so lehren, daß die Teufel und verdammte Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden.“
2 vgl. http://www.bbkl.de/s/spener_p_j.shtml
3 Die Begriffe „Allversöhnung“, „Apokatastasis“ und „Wiederbringung“ beinhalten alle den Gedanken der endzeitlich endgültigen Versöhnung aller Wesen und sind somit austauschbar zu verwenden. Dogmatik- Hausarbeit Anika Dehnbostel
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2. Hauptteil
2.1. Jürgen Moltmanns theologische Auffassung der Apokatastasis
2.1.1. Zum Schriftverständnis Moltmanns
Laut Moltmann sind Allversöhnung und doppelter Gerichtsausgang biblisch ausführlich bezeugt. Deswegen kann die Entscheidung für oder gegen die Allversöhnung nicht auf dem Boden der Schrift getroffen werden. Sollte sich die Schrift, da sie ja Gottes Wort ist und dieses bezeugt, nicht widersprechen, dann kann man diesen „Widerspruch nur zur einen oder anderen Seite hin auflösen“. 4
2.1.2. Die Hoffnung der Apokatastasis bei Moltmann
In seiner theologischen Auseinandersetzung über „Das Kommen Gottes“ 5 stellt Moltmann die biblische Begründung für beide Positionen zur Apokatastasis- Lehre ausführlich dar. Dabei kommt er auch auf die Fragen zu sprechen, die für beide Positionen von zentraler Bedeutung sind. Zum einen stelle die Lehre der Allversöhnung die Notwendigkeit einen guten Lebensstil anzustreben, wie die Verkündigung wahrzunehmen, in Frage. Zum anderen würde der doppelte Gerichtsausgang Gottes Willen einschränken, da er sich vom Willen der Menschen abhängig mache, welche er als seine Geschöpfe auch nicht hassen könnte ohne ebenso sich selbst zu hassen. 6 Für Moltmann ist die eschatologische Frage auf jeden Fall eine Frage, die nur in der Christologie theologisch entschieden werden kann. 7 „Die wahre christliche Begründung der Hoffnung auf Allversöhnung ist die Kreuzestheologie, und die einzig realistische Konsequenz aus der Kreuzestheologie ist die Wiederbringung aller Dinge.“ 8
In der Kreuzestheologie spricht Moltmann von der „Höllenfahrt Christi“ und beruft sich dabei auf Aussagen von Luther, welche auch in der neueren evangelischen Theologie u.a. von Barth, Althaus und Pannenberg gestützt werden. Daraus abgeleitet heißt für Moltmann Höllenfahrt Christi:
Menschen können Höllenerfahrungen machen, aber Christus ist da, weil er für die Menschen die Höllenerfahrung erlitten hat. In Gott sind Hölle und Tod aufgehoben, weil Jesus den Tod besiegt hat (1.Kor.15, 55. 57 9 ).
4 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.269
5 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie
6 vgl. Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.267
7 vgl. Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.264
8 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.279
9 Stuttgarter Erklärungsbibel mit Apokryphen, revidierte Fassung von 1984:
Dogmatik- Hausarbeit Anika Dehnbostel
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Moltmann folgt der Definition Luthers, dass die Hölle kein Ort, sondern eine Existenzerfahrung ist und zwar die Erfahrung des Zornes Gottes über Sünde. Jesus hat diese Hölle erlitten, um uns mit Gott zu versöhnen. 10 Deswegen ist laut Moltmann nur die Aufhebung der Gottverlassenheit in Gott selbst möglich und zugleich (…) „ist die Gemeinschaft mit diesem Gott das ewige Heil, die unendliche Freude, die unzerstörbare Erwählung und das göttliche Leben“. 11 Er beruft sich auf die Auffassung der Armenier, dass Christus durch seine Leiden die Hölle zerstört hat (wörtl.: „per suam passionem destruxit totaliter infernum“). Daher gibt es „seit seiner Auferweckung von seinem höllischen Tod am Kreuz (…) kein „Verdammt-in-alle-Ewigkeit“ mehr.“ 12
Alles tödlich Getrennte findet sich in der Auferstehung wieder, weil die Auferstehung dem Tod überlegen ist. Damit ist nicht wie in der traditionellen Gerichtsvorstellung nur die Wiederbringung aller Menschen zum Gericht ge-meint, sondern die Wiederbringung aller Dinge wie es in Offenbarung 21,5 heißt: „Siehe ich mache alles neu“. Dazu gehört auch die Erde, ohne die die Menschen als Erdgeschöpfe (Gen. 2,7) nicht leben könnten. Sie wird also nicht ausgelöscht, denn das wäre nicht nur schöpfungs-, sondern auch menschen-feindlich. 13
2.1.2.1. Der doppelte Sinn des Wortes aivw/n(ioj)
Laut Moltmann bedeutet das Wort aionios Zeit ohne fixiertes Ende, also eine lange Zeit, aber nicht „ewig“ im Sinne der griechischen Metaphysik. Dafür spricht auch der Plural aiones, den es von zeitloser Ewigkeit nicht geben kann. Daher sind Verdammnis und Höllenqualen aeonisch, also begrenzt. 14
2.1.3. Zusammenfassung zu Moltmann
Für Moltmann ist die „Wiederbringung aller Dinge“ eine tröstliche Hoffnung, wenn Christus alles wiederherstellt. 15 Zudem ist die Apokatastasis- Lehre ein Ausdruck von grenzenlosem Gottvertrauen:
„Was Gott will, das kann er auch und das wird er auch tun. Will er, dass allen Menschen geholfen werde, dann wird er zuletzt auch allen Menschen helfen.“ 16
1. Kor.15, 55. 57: Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?/ Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!
10 vgl. Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.281
11 Jürgen Moltmann, Der gekreuzigte Gott, S.228f.
12 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.282
13 vgl. Jürgen Moltmann, Im Ende - der Anfang - eine kleine Hoffnungslehre, S.165-166
14 vgl. Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.270
15 vgl. Jürgen Moltmann, Im Ende - der Anfang - eine kleine Hoffnungslehre, S.165
16 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes - Christliche Eschatologie, S.272
Dogmatik- Hausarbeit Anika Dehnbostel
Arbeit zitieren:
Anika Dehnbostel, 2008, Dogmatik - Allversöhnung, München, GRIN Verlag GmbH
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