Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 1
2. Technischer Hintergrund 2-8
2.1. Definition und Einordnung 2
2.2. Peripherie und schematischer Aufbau 3
2.2.1. Äußerer Aufbau 3
2.2.2. Innerer Aufbau 4
2.3. Sprachliche Besonderheiten 5
2.3.1. Emoticons 6
2.3.2. Akronyme 7
2.3.3. Quoting 7
2.3.4. Rechtschreibung und Grammatik 8
2.4. Entstehung einer neuen Sprachwirklichkeit? 8
3. Anwendungsgebiete multipler E-Mail-Wirklichkeiten 9-11
3.1. Hintergrund 9
3.2.1. cKone.com 9
3.2.2. Dawson’s Creek 10
3.2.3. You’ve Got Mail 10
3.3. Alltägliche Phänomene? 11
4. Virtuelle E-Mail-Gemeinschaften 12-17
4.1. Multilaterale Nutzung 12
4.1.1. Mailinglisten 12
4.1.2. Newsgroups 14
4.2. Usenet 15
4.3. Netiquette 16
4.4. Einordnung virtueller Gemeinschaften? 17
5. Sind virtuelle Gemeinschaften soziale Gruppen? 17-22
5.1. Begriff der Gruppe 17
5.2. Definitionsdiskussion 17
5.2.1. Max Weber 18
5.2.2. Friedhelm Neidhardt 18
5.2.3. Bernhard Schäfers 19
5.3. Überprüfung der Definitionen 19
5.4. Soziologische Zuordnung virtueller Gemeinschaften 22
6. Zusammenfassung und Ausblick 23
7. Literaturverzeichnis 24-26
7.1. Selbständig erschienene Publikationen 24
7.2. Unselbständig erschienene Publikationen, Artikel und Aufsätze 24
7.3. Elektronisch erschienene Publikationen, Artikel und Aufsätze 26
8. Filmverzeichnis 26
9. Bildquellenverzeichnis 26
Anhang
1
1. Einleitung
Wenn ihnen die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht - face-to-face - nicht möglich war, benutzten Menschen immer schon Medien als Vermittler. Bei der Übertragung von Rauchzeichen angefangen ist der Weg über den Botengang im Altertum, den Brief und die Telegraphie bis hin zu Telefon und Fax und schließlich der electronic mail, kurz E -Mail, schnell nachgezeichnet. Im Verlauf dieser Arbeit wird festzustellen sein, daß »vermittelte Kommunikation in doppelter Hinsicht bedeutungsvoll ist, sowohl hinsichtlich des zu übermittelnden Inhaltes als auch im Hinblick auf die Art und Weise der Übermittlung.« 1 Mit der Erfindung elektronisch vermittelter Kommunikation beginnt der sich selbst an Schnelligkeit und Optimierung übertreffende Prozeß, immer größere Räume in immer kürzerer Zeit zu überbrücken. Mit der weltweiten Verbreitung des Internets und der Kombination von bulletin board systems, sogenannten Mailboxen, hat die Kommunikation per E -Mail einen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht: Der tägliche Umgang mit dem Medium E-Mail ist für Millionen von Menschen sämtlicher Kulturkreise »der wichtigste und am häufigsten verwendete« 2 Dienst im Internet geworden. Es darf berechtigt die Frage gestellt werden, wie »sich die Gesellschaft [verändert], wenn die Kommunikation immer stärker „mediatisiert“ ist« 3 .
Die durch das Phänomen E -Mail entstehenden gesellschaftlichen Konsequenzen finden ihre Ansatzpunkte in den Differenzen, die zu bislang bekannten Formen der Kommunikation bestehen: »Wo man sich früher noch traf, einander gegenüber saß und sprach, wird heute [...] rasch eine elektronische Nachricht verschickt.« 4 Denn E -Mail-Kommunikation verläuft nicht ausschließlich bilateral - so daß jede E -Mail jeweils nur einem Empfänger zugeordnet werden kann - sondern auch multilateral: E -Mails mit mehreren Empfängern, mailing lists und newsgroups sind ebenso gebräuchliche wie häufige Formen der Nutzung. »Menschen, die [...] früher kaum miteinander hätten kommunizieren können, [bilden] heute plötzlich eine neue Gemeinschaft. [...] Nachbarn, die sich früher zu einem Plausch über den Gartenzaun trafen, finden sich [...] voneinander getrennt, falls sie nicht dem gleichen Informationsnetz angeschlossen sind« 5 . Entsteht durch die Nutzung von E -Mail eine neue, multiple Wirklichkeit, in der das Individuum hinter dem Computer nicht mehr zu identifizieren ist?
1 Höflich (1996), S. 9.
2 Maier/Wildberger (1995), S. 26.
3 Esposito (1993), S. 340.
4 Döring (1995).
5 Groys (1998), S. 379.
2
»Ein großer Vorteil des Internets besteht darin, daß man gleichzeitig Mitglied vieler verschiedener Gemeinschaften sein kann, die nicht alle geographisch gebunden sind 6 «, E -Mail-Kommunikation ist dabei eine Möglichkeit, wie Gruppenmitglieder miteinander i n Kontakt treten können. Wenn sich Menschen aber nicht mehr sehen müssen, nicht einmal mehr miteinander sprechen müssen, um Gruppen und Gemeinschaften zu bilden, haben wir es dann mit den gleichen sozialen Gruppen zu tun, die uns bislang vertraut waren? Entsteht nicht neben dem realen Leben eine weitere, virtuelle, sozialwissenschaftlich nicht greifbare Realität?
Auf einem technischen Hintergrund aufbauend, der die Besonderheiten von E -Mail-Kommunikation und ihre Abgrenzung zu anderen Formen der Kommunikation herauszustellen versucht, sollen im Anschluß die Konsequenzen für den Einzelnen und für Gruppen auf der Basis multipler Wirklichkeiten diskutiert werden. Die Arbeit mündet so in die Fragestellung, welche gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen sich für d ie Betrachtung virtueller E-Mail-Gemeinschaften aus soziologischer Sicht ergeben.
2. Technischer Hintergrund
2.1. Definition und Einordnung
»Unter die Bezeichnung „E-mail“ [...] fallen alle digitalen Datenübertragungen, die von einem Computer auf einen a nderen mit speziellen, für EM geschaffenen Mailprogrammen übermittelt werden, ohne „zu Papier“ zu kommen.« 7
Die von Ulla Günther und Eva Lia Wyss verfaßte Definition trägt die Abgrenzung zu den zwei Kommunikationsmedien, mit denen elektronische Post am häufigsten verglichen wird, in sich: Im Gegensatz zum Telefongespräch sind für die Übertragung von E -Mails Computer zwingende Voraussetzung, die an ein Telekommunikationsnetz angeschlossen sind. Der eigentliche Inhalt einer E -Mail wird im Gegensatz zur herkömmlichen Briefpost nicht auf Papier verfaßt, sondern normalerweise direkt mittels einer Tastatur in den Computer eingegeben.
Dabei beschränken sich die transferierten Daten nicht auf das geschriebene Wort allein, sondern können alle Formen digital erfaßbarer Daten beinhalten, die als attachment einer E -Mail beigefügt werden, wie zum Beispiel Bilder, Ton- oder Videodateien. Die massenhafte Verwendung von E -Mails ist in erster Linie durch die technischen Vorteile zu erklären, die E -Mail-Kommunikation bietet - gerade im Vergleich zur herkömmlichen
6 Dyson (1999), S. 30.
3
Post. Zum einen sind E -Mails schneller, die schriftliche Nachricht erreicht den Empfänger (weltweit) bestenfalls nach wenigen Sekunden, spätestens nach einigen Stunden. Deswegen hat sich im Computerjargon als spöttischer Ausdruck für die Briefpost der Begriff der snail mail (Schneckenpost) eingebürgert. 8 Weitere Vorteile von elektronischer Post bestehen darin, daß erstens der Versand von E -Mails ab einem bestimmten Umsatz kostengünstiger ist; dieser hängt von den Telefontarifen und der Z ugangsgebühr zum Internet ab. Zweitens stehen empfangene Nachrichten sofort zur weiteren Bearbeitung am Computer zur Verfügung; das „Abtippen“ oder digitale Einlesen von Texten entfällt. Und schließlich lassen sich Nachrichten, ähnlich wie ein Serienbrief, einfach und schnell an mehrere Empfänger gleichzeitig verschicken.
2.2. Peripherie und schematischer Aufbau
Schon durch das Ablaufschema »ProduzentIn - Computer - EM-Programm - Arbeitsstation mit „Briefkasten“ - weltweite Datenübertragungsstationen - Arbeitsstation mit „Briefkasten“ - EM-Programm - Computer - RezipientIn« 9 , das jede E-Mail auf dem Weg vom Absender zum Empfänger zu durchlaufen hat, wird deutlich, daß die Technik einen großen Anteil beim Versenden jeder E-Mail für sich beansprucht.
Zur Grundausstattung eines E -Mail-Benutzers gehören - vereinfacht ausgedrückt - zum einen der erwähnte personal computer, der mit Hilfe eines Modems oder einer ISDN-Karte an das Telefonnetz angeschlossen wird, um mit anderen Computern in Kontakt treten zu können; zum anderen eine spezielle E -Mail-Software, die für den Austausch von elektronischen Nachrichten programmiert wurde 10 .
2.2.1. Äußerer Aufbau
Um einem oder mehreren Empfängern einen elektronischen Brief zu schicken, ist die Kenntnis der E -Mail-Adresse des Kommunikationspartners zwingend notwendig. Diese setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Dem handle oder auch Usernamen des zugehörigen Benutzers und der domain des Zielrechners 11 , die vereinfacht gesprochen den Namen des Computers im Netzwerk oder Internet angibt. Getrennt werden diese Elemente durch das @-Zeichen 12 - in
7 Günther/Wyss (1996), S. 61.
8 Handler (1996), S. 251.
9 Günther/Wyss (1996), S. 61.
10 Wetzstein u.a. (1995), S. 17f.
11 Beutgen/Corsten/Dornbusch (1995).
12 Sprich: [æt] (vom englischen „at“ für „bei“).
4
Deutschland auch Klammeraffe genannt - das somit für die Trennung des »Menschen von der Maschine« 13 verantwortlich ist.
»Man weiß, daß die aus der Maschine gewonnenen Informationen von jemandem mitgeteilt wurden, und sie sich weder von selbst generiert haben noch von der Maschine produziert wurden. [...] Dieser „jemand“ wird aber immer unbestimmter; er stimmt nicht einmal mit der rein formalen Adresse mehr überein« 14 . Da der U sername bei den meisten Anbietern von E -Mail-Adressen frei wählbar ist, steht d ie von der Briefpost bekannte, geographische Adresse mit der Angabe des realname dem globalen E-Mail-Konto - das ähnlich wie ein Bankkonto von praktisch jedem Ort aus abzurufen ist - mit einem Pseu-donym oder einem aus Buchstaben und Zahlen kombinierten Usernamen gegenüber.
Auch wenn Pseudonyme oder Abkürzungen nicht den Regelfall in der Kommunikation per E-Mail darstellen - Usernamen bestehen ebenso aus exakten Angaben von Vor- und Nachnamen der jeweiligen Produzenten - so sind dadurch die Voraussetzungen für den Ansatz einer virtuellen Identität gegeben: Es ist denkbar, „hinter“ den geschriebenen Worten ein anderer Mensch zu sein und seine Anonymität zu wahren, da die E -Mail-Adresse unmittelbar keine Rückschlüsse auf den Verfasser gewährt. Anschaulichstes Beispiel ist das gender-swapping 15 , bei dem man sich für das jeweils andere Geschlecht ausgibt. Dieses Phänomen ist allerdings häufiger in chat-rooms anzutreffen als bei Briefkontakten per E-Mail.
2.2.2. Innerer Aufbau
Der innere Aufbau einer E-Mail folgt dem äußeren parallel. Auch hier kann der technische vom individuell bestimmbaren Teil getrennt werden: header und body.
Der Header, oft mit der Absenderangabe im Kopfteil eines Briefes verglichen, enthält alle wichtigen technischen Informationen, die für das erfolgreiche Versenden einer E -Mail verantwortlich sind. Dabei hat der Absender gar nicht oder nur indirekt die Möglichkeit, die Informationen »über den Weg, den die Nachricht durch das Internet durchlaufen hat« 16 , sowie die »Identifikationsnummer der EM, Datentyp, Grösse des Inhalts in Zeichen« 17 , die Anzahl der Zeilen und das Datum zu bestimmen, da der Header durch die Software automatisch generiert wird. Direkten Einfluß nimmt man hingegen auf Absender, Empfänger und das subject, also Thema der E -Mail, die ebenso im Header protokolliert werden und dem Rezipienten als erste zentrale Informationen dienen.
13 Kühnert (1997).
14 Esposito (1993), S. 351.
15 Bruckman (1996).
16 Runkehl/Schlobinski/Siever (1998), S. 31.
17 Günther/Wyss (1996), S. 65.
5
Die inhaltliche Mitteilung der E -Mail ist im Body enthalten. Dabei muß e s sich nicht zwangsläufig um einen geschriebenen Text handeln; wie in Kapitel 2.1. erwähnt sind auch »nur Attachments, Briefe ohne Inhalt, aber mit Subject, oder „blosse“ Texte ohne weitere Zusatzbemerkungen« 18 denkbar und fallen dennoch in die gleiche Kategorie elektronischer Post.
2.3. Sprachliche Besonderheiten
Die Besonderheiten von E -Mail-Kommunikation gehen jedoch über die technischen Rahmenbedingungen hinaus. Stellt die zum Anfang dieses Kapitels angeführte, eher technische Definition die Unterschiede von elektronisch vermittelter Kommunikation zu Brief und Telefon heraus, muß sich eine inhaltliche Definition gerade um die Verbindung der letztgenannten Kommunikationsmedien bemühen. Denn obwohl sich E -Mails auf den ersten Blick nicht von Briefen unterscheiden, sondern die Ebene der Kommunikation ebenso nonverbal und asynchron ausgerichtet ist, geht das Empfinden beim Verfassen einer E -Mail eher mit dem eines (Telefon-)Gespräches einher. Es kann die These aufgestellt werden, daß E-Mails den Benutzer i n eine andere, multiple Sprachwirklichkeit (ent)führen, in der Kritiker den Verlust der »Chance zur personalen Kommunikation und damit zur Erfahrung unmittelbarer Wirklichkeit« 19 sozialer sehen. Die Auseinandersetzung mit der
Kommunikationszerstörungsthese stellt zwar einen wichtigen Aspekt dar, soll aber nicht Inhalt dieser Arbeit sein. Aus diesem Grund sei nur kurz das Gegenargument erwähnt, daß »die Krisenhaftigkeit oder Sozialverträglichkeit der Computernutzung im Alltag hauptsächlich davon ab[hängt], ob der Computer als Instrument der Unterstützung von Kommunikationsprozessen oder ob er als Substitut von Kommunikationsprozessen eingesetzt wird« 20 .
Wie eine zwar auf geschriebenen Worten basierende, sich aber der Sprechsprache angleichende Schriftsprache e ntstehen konnte, ist wohl am ehesten dadurch zu erklären, daß es »mit dem Computer zum ersten Mal einen Verarbeitungsmodus der Kommunikation gibt, der [...] von der für die Sprache grundsätzlichen Unterscheidung von Laut und Sinn a bsieht« 21 . Diese Beschränkung wird in computervermittelter Kommunikation dadurch ausgeglichen, sämtliche Formen phonetischer und emotionaler Artikulation zu verschriftlichen, die zum kreativen Markenzeichen der Kommunikation per E-Mail geworden sind.
18 Günther/Wyss (1996), S. 65.
19 Merten (1980), S. 13. Zitiert nach: Mettler-Meibom (1990), S. 65.
20 Rammert (1993), S. 290.
Arbeit zitieren:
Stefan Proksch, 2000, Zwischen Realität und Re@lität. E-Mail-Kommunikation aus soziologischer Perspektive., München, GRIN Verlag GmbH
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