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Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 1
2. Soziologie und Natur? 2-5
2.1. Paradigmatische Schwierigkeiten 2
2.2. Globaler Wandel im Wandel 4
3. Sustainable development 5-14
3.1. Historischer Begriff 6
3.2. UNCHE 1972 7
3.3. WCED 1987 8
3.4. UNCED 1992 9
3.4.1. Agenda 21 10
3.4.2. Lokale Agenda 21 12
3.5. Earth Summit 5 1997 13
3.6. Quo vadis, sustainable development? 14
4. Umweltsoziologische Theoriebildung 14-22
4.1. Rational Choice 15
4.2. Systemtheorie 18
4.3. Humanökologie 19
4.4. Modernisierungstheorie 20
4.5. Zusammenfassung 21
5. Zusammenfassung und Ausblick 22-23
6. Literaturverzeichnis 23-26
6.1. Selbständig erschienene Publikationen 23
6.2. Unselbständig erschienene Publikationen, Artikel und Aufsätze 24
6.3. Elektronisch erschienene Publikationen, Artikel und Aufsätze 25
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1. Einleitung
»„Wenn einem nichts anderes mehr einfällt, s pricht man von einer ,nachhaltigen Entwicklung‘“, verkündete Klaus Töpfer, der oberste Umweltschützer der Uno, als er neulich in Bonn über den „internationalen Prozess der nachhaltigen Entwicklung“ referierte.« (Vorholz 2000)
Tatsächlich scheint es so zu sein, daß von dem ehemaligen Prototyp eines umweltpolitischen Leitbildes mit dem Titel sustainable development zu Beginn des 21. Jahrhunderts nichts weiter übrig geblieben ist, als eine inhaltsleere Worthülse. Doch war der Begriff das nicht schon immer? Alleine die deutsche Übersetzung kann retrospektiv als Euphemismus bezeichnet werden: Für sustainable development hätte anstatt des Ausdrucks nachhaltige Entwicklung auch durchaus die Formulierung aushaltbare oder gar erträgliche Entwicklung gewählt werden können. Ein Jahr vor der zweiten Nachfolgekonferenz der Konferenz von Rio aus dem Jahr 1992 - der eigentlichen Geburtsstunde von sustainable development - steht das Leitbild vor einer entscheidenden Frage: Kann es vollkommen zu den Akten gelegt werden, oder erlebt es eine Renaissance?
Die Auseinandersetzung der (Umwelt-)Soziologie mit sustainable development war dabei traditionell nicht leicht: »Das (möglicherweise) Provozierende dieses Konzepts für die Soziologie liegt zunächst darin, daß theoretische Grundlagen und Gewißheiten der Disziplin, vor allem die konstitutive Abgrenzung und Gegenüberstellung von G esellschaft und Natur, in Frage gestellt werden.« (Wehling 1997: 36) Aus diesem Grund wurde die soziologische Auseinandersetzung mit der Umwelt im allgemeinen - und nachhaltiger Entwicklung im speziellen - gar nicht in Erwägung gezogen. Es muß deshalb im folgenden Kapitel zunächst die Frage gestellt werden, inwiefern die soziologische Auseinandersetzung mit einem ökologischen Modell überhaupt einen Diskurs klassischer oder zeitgenössischer Soziologie darstellen kann. Dabei wird festzustellen sein, daß gerade durch sustainable development ein klassischer soziologischer Themenbereich - sozialer Wandel - in einen zeitgenössischen transformiert werden konnte.
Auf der Entwicklungsgeschichte des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung aufbauend kann so die Frage gestellt werden, inwiefern soziologische Forschungstheorien in den Wiederbelebungsprozeß des ehemals gefeierten Leitbildes mit eingreifen können. Wo sollten soziologische Theorien ansetzen: Bei der Weltgesellschaft, hier verstanden als globale Schicksalsgemeinschaft? Oder ist es nicht letztlich jeder Einzelne, der durch Selbstbegrenzung in seinem Umfeld - unter Freunden, in der Familie, durch die Stadt oder das Land - dem Gesamtkonzept zum Erfolg verhelfen kann?
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Auch wenn man sich von dem sperrigen Begriff der nachhaltigen Entwicklung eines Tages trennen wird - gerade einmal 15 Prozent der Deutschen haben ihn überhaupt schon einmal gehört (vgl. Vorholz 1999) - wird man sich von den durch ihn beschriebenen Problemen drohender Umweltkatastrophen nicht befreien können. Aus diesem Grund kann es sich gerade die (Umwelt-)Soziologie nicht leisten, die Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung (noch länger) zu verschlafen.
2. Soziologie und Natur?
Die globalen Veränderungen gesellschaftlicher Naturverhältnisse zu einer neuen Aufgabe für die Soziologie zu erklären, scheint auf den ersten Blick unplausibel und überladen zu sein. Denn wenn etwas zu den angestammten Aufgaben der Soziologie gehört, dann doch die Beschreibung und Erklärung weltweiten sozialen Wandels. (vgl. Reusswig 1996) Doch diese Sichtweise ist aus zwei Gründen mit Vorsicht zu betrachten: Denn zum einen ist die Verbindung von Gesellschaft und Natur für die Soziologie (auch heute noch) nicht zur Selbstverständlichkeit geworden 1 ; zum anderen sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß sich auch Globaler Wandel selbst wandeln kann - oder sogar bereits gewandelt hat. Im folgenden wird versucht, eine Positionierung der Soziologie zwischen Gesellschaft und (vergesellschafteter) Natur in Hinblick auf die bevorstehende Thematik zu verdeutlichen.
2.1. Paradigmatische Schwierigkeiten
Für einen Vorläufer des Mainstreams der späteren Soziologie, Alexis de Tocqueville, stand es in seinem Werk „Über die Demokratie in Amerika“ von 1835 außer Frage, daß »der Einfluß klimatischer und sonstiger naturräumlicher Faktoren gegenüber dem S ozialen n ahezu vernachlässigbar« (Reusswig 1996) sei. 2
Diese Grundannahme zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Soziologie: Die paradigmatische Entkoppelung von Natur und Gesellschaft diente als theoretischer Schlüsselvorgang bei der akademischen Etablierung des Faches. »Die Natur konnte und mußte den Naturwissenschaften überlassen bleiben. Was die neue Disziplin, die sich
1 Ob es generell so sein sollte, daß es Selbstverständlichkeiten innerhalb einer Wissenschaft - und gerade der
Soziologie - gibt oder geben sollte, soll hier nicht weiter thematisiert werden.
2 Er »diskutiert [...] die Frage, aufgrund welcher Faktoren das nordamerikanische Modell von Gesellschaft
und Politik sich vom europäischen unterscheidet. [...] Für Tocqueville ist die Rangfolge [...] klar: an erster
Stelle stehen die Sitten, an zweiter die Gesetze und an dritter - an der Grenze zum Nicht-Einfluß - die
naturräumliche Umgebung. [...] Tocquevilles Überlegungen fügen sich damit dem „kulturalistischen“
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Soziologie nannte, als ihren eigenen Gegenstand entdecken und in Anspruch nehmen konnte, war die Gesellschaft oder, wenn man diesen Begriff nicht wollte, die sozialen Tatsachen, die faits sociaux im S inne Durkheims, die sozialen Formen und Beziehungen im Sinne Simmels oder von Wieses, das soziale Handeln im Sinne Max Webers.« (Luhmann 1988: 12) So verschieden die Begriffe und Definitionen bei Emile Durkheim oder Max Weber auch waren, »gemeinsam war den Gründervätern der S oziologie das professionspolitische Ziel, gesellschaftliche Phänomene als eine Realität eigener Art zu begreifen, die nicht durch „außer-soziale“ Faktoren erklärt werden« (Brand 1998: 13) konnte. Sie unterschieden sich in dieser Hinsicht alleine in der Intensität, mit der die Umwelt aus der Soziologie isoliert werden sollte 3 . Am deutlichsten wird dies in Durkheims methodischer Forderung, soziale Tatsachen nur durch Soziales zu erklären. Denn je unabhängiger die Gesellschaft von der Natur betrachtet wurde, desto selbständiger konnte die Soziologie nicht nur vor den anderen Wissenschaften auftreten, sondern auch vor der Gesellschaft selbst. Natur bzw. Umwelt erlangte in der sozialwissenschaftlichen Forschung damit den Status einer
außergesellschaftlichen Ressource.
Obwohl einige sozialwissenschaftliche Forschungsgebiete, wie z.B. die Entwicklungs- oder Stadtsoziologie, bereits frühzeitig von dieser methodischen Basisregel Abschied genommen haben, wurde lange - und immer noch - an ihr festgehalten 4 . Vielleicht nicht zuletzt, weil die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Perzeption und Nutzung der Umwelt nicht rechtzeitig erkannt wurde. 5 »Erst als Umweltprobleme zu weitreichenden sozialen und politischen Mobilisierungsprozessen führten, wurde das Thema Umwelt von der Soziologie aufgegriffen und im Rahmen sozialer Ressourcentheorie oder sozialer Bewegungen thematisiert.« (Renn 1996: 35) Die S oziologie hat also die gesellschaftliche Diskussion des Themas in den 70er und 80er Jahren 6 verschlafen und beschäftigt sich mit
Deutungsschema, demzufolge Kultur - auch die Kultur des menschlichen Naturumgangs - nur durch
Kultur erklärt werden kann.« (Reusswig 1996)
3 Catton/Dunlap (1994) sehen den einzigen Unterschied darin, daß »the Durkheimian legacy suggested that
the physical environment should be ignored, while the Weberian legacy suggested that it could be ignored,
for it was deemed unimportant in social life«. (zit.n.: Renn 1996: 35)
4 So meint Jobst Conrad, »daß das (soziologische) Grundparadigma einen umso größeren Stellenwert besitzt,
je eindeutiger wissenschaftliche Untersuchungen (von Umweltproblemen) im Rahmen disziplinärer
Kategorien und Theorien durchgeführt werden. [...] die Unterbelichtung genuin
sozialwissenschaftlicher/soziologischer Kenntnisse [macht] das Grundparadigma keineswegs obsolet,
sondern führt zu entsprechenden Defiziten solcher Umweltstudien.« (Conrad 1998: 50) Christoph Görg
will sich damit nicht begnügen, fordert aber auch keinen paradigmatischen Wandel, sondern einen »Streit
soziologischer Denkweisen« (Görg 1998: 54; Hervorhebung Görg).
5 »Für die Soziologie kam diese Diskussion [um die ökologische Kommunikation] - wie so vieles -überraschend, und traf sie und das Fach theoretisch unvorbereitet.« (Luhmann 1988: 12)
6 Jahresangaben beziehen sich - wenn nicht anders angegeben - in vorliegender Arbeit auf das 20.
Jahrhundert.
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Beginn des 21. Jahrhunderts damit: Zu einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Krisendiskurse längst weitergegangen sind. Dies kann aber auch damit zusammenhängen, daß die - mit den meisten Strömungen der Umweltbewegung - geforderte ökologische Umorientierung primär eine normative Forderung ist 7 , und gerade »kein theoretisches Konzept zur Analyse von Mensch-Natur-Interaktionen.« (Brand 1998: 15) Es zeigt sich jedenfalls je nach Ansatz eine gewisse Hilflosigkeit der Soziologie, wie sie mit ihrem eigenen Teilbereich umgehen soll.
2.2. Globaler Wandel im Wandel
Doch nicht nur die durch Forschungs- und Denktraditionen unbeweglich gewordene Soziologie erschwert die Auseinandersetzung mit Umwelt und Natur: »Die Erde - verstanden als die Vernetzungen von Atmosphäre, Hydrosphäre [...] und Biosphäre - ist bereits als rein natürliches System betrachtet äußerst schwierig zu verstehen.« (Reusswig 1996) Das Natursystem zeichnet sich dabei durch eine hohe Komplexitätsstufe, Interdependenzen der einzelnen Systemelemente, irreversible Prozesse, Zeitverzögerungen und nichtlineare Reaktionen und Interaktionen zwischen lokalen wie globalen Ebenen aus. Diese Eigenschaften an sich sorgen schon dafür, daß sich die natürlichen U mstände der Erde fortlaufend wandeln.
Aus diesem Grund fielen bislang unter die Bezeichnung Globaler Wandel nur die von den Naturwissenschaften erforschten Veränderungen in der Natursphäre 8 ; umgekehrt hatte sich die Soziologie - wie im vorangehenden Kapitel beschrieben - mit Sozialem Wandel zu beschäftigen. Doch diese disziplinäre Trennung kann nicht aufrecht erhalten werden: Was man bislang unter den Begriff „unberührte Natur“ subsumieren konnte, wird durch menschliche Eingriffe immer stärker verformt und überlagert - so daß sich nun die Ausgangsbedingungen für Globalen Wandel selbst gewandelt haben. Unter den Begriff fallen nunmehr auch die Veränderungen und Verschiebungen in der vom Menschen veränderten und beeinflußten Natur: Die reziprok wirkenden Interdependenzen zwischen Natur- und Anthroposhäre. »Mittlerweile ist dies in den verschiedenen und miteinander verknüpften natürlichen Teilsystemen in einem solchen Maße der Fall, daß sich der Charakter des Gesamtsystems verschiebt. Die Auswirkungen des menschlichen Lebens auf dem Planeten berühren dessen Systemeigenschaften und Prozessabläufe.« (Reusswig 1996) Demzufolge
7 Auf diesen Zusammenhang wird in Kapitel 3.4.2. näher eingegangen.
8 Laut Publikation des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
(WBGU) gehören dazu: »Klimawandel, Verlust von biologischer Vielfalt, Bodendegradation,
Süßwasserverknappung und -verschmutzung, Verschmutzung der Weltmeere, vom Menschen verursachte
Naturkatastrophen.« (WBGU 2001) Doch bereits an diesen Schlagworten läßt sich erkennen, wie eng die
Veränderungen von Natur- und Anthroposphäre zusammenhängen.
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haben gesellschaftliche Naturnutzung sowie deren Veränderung nicht nur Folgen für die Umwelt, sondern auch - weil der Mensch auf den Bestand und die Leistungsfähigkeit natürlicher Systeme angewiesen ist - auf Mensch und Gesellschaft selbst. Die Dimensionen dieses Wandels transformieren die Ablaufmechanismen sozialer Reproduktion. »Ganze Völker in den tropischen Regenwäldern werden marginalisiert oder vom „modernen“ Sektor der jeweiligen Länder „geschluckt“. Nomadische Lebensformen in den semiariden und ariden Gebieten Afrikas und Asiens lösen sich auf. Auch in den „entwickelten“ Ländern zeigt der Globale Wandel seine Folgen, obwohl sie hier häufig weit weniger drastisch sind und - dank besserer ökonomischer Lage - besser abgepuffert werden können.« (Reusswig 1996). Im Zentrum der Debatte der hier kurz skizzierten Umwelt- und Entwicklungsprobleme steht das Schlagwort sustainable development.
3. Sustainable development
Wie gezeigt wurde, sind Umwelt- und Entwicklungsprobleme untrennbar miteinander verbunden. Das waren sie zwar schon immer, doch die Auswirkungen des vermeintlichen Zusammenspiels von Mensch und Natur haben immer drastischere Ausmaße a ngenommen 9 . Anzeichen für diese gefährliche Entwicklung sind (vgl. Umweltbundesamt 1997: 2) vor allem:
das Ansteigen der mittleren globalen Lufttemperaturen um 0,3ºC bis 0,6ºC seit E nde des - 19.Jahrhunderts
das Ansteigen der Meeresspiegel um 10 bis 25 Zentimeter in den letzten 100 Jahren - dieZerstörung der stratosphärischen Ozonschicht - derrapide Artenschwund - diefortschreitende Erosion und der rapide Verlust fruchtbarer Böden - dieVerschmutzung und Überfischung der Weltmeere - Ohnegreifende Gegenmaßnahmen werden sich die Probleme in den kommenden Jahren und Jahrzehnten erheblich verschärfen. Im Zentrum der Debatten steht auf politischinstitutioneller Ebene der Begriff sustainable development - im Deutschen meist als nachhaltige Entwicklung übersetzt - der seit Ende der 80er Jahre eine entscheidende Karriere
9 Im Vorwort des Brundtland-Berichtes (vgl. Kapitel 3.3.) gibt Volker Hauff zu verstehen, daß seit »dem
Beginn menschlichen Lebens [...] einige hunderttausend Jahre vergangen [sind]. Zivilisationen und
Kulturen kamen und gingen. Aber die Zukunft menschlichen Lebens und die Bewohnbarkeit unseres
Planeten waren in dieser Zeit nie grundsätzlich in Frage gestellt. Dies hat sich in unserer Generation, die im
nuklearen Zeitalter aufgewachsen ist, grundlegend geändert.« (Hauff 1987: XII) Zumindest sind die
Veränderungen im Laufe der Zeit besser bzw. überhaupt meßbar geworden. (vgl. Gill 1997: 767)
Arbeit zitieren:
Stefan Proksch, 2001, Quo vadis, sustainable development? Zum Übergang der Umweltsoziologie in ein neues Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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