Generierung von Sozialkapital I
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Thematik und Fragestellung 1
Ziel und Aufbau der Arbeit 2
Theoretische Grundlagen 3
Web2.0 3
Social Software 4
Social Netwoking Sites 5
Definition und Grundlagen von Social Networking Sites 5
Die Social Networking Site Facebook 5
Soziale Netzwerke 6
Sozialkapital 7
Weak Tie und Strong Tie 10
Bonding Social Capital und Bridging Social Capital 12
Aktueller Forschungsstand und Studien 14
Hypothesen 15
Methode 18
Methode und Unteruchungsobjekt 18
Stichprobe 19
Repr äsentivität 20
Untersuchungsinstrument und Untersuchungszeitraum 21
Operationalisierung 21
Sozialkapital 23
Substitution oder Generierung 24
Facebook -Intensität 24
Kontaktintensit ät 25
Facebook first 25
Reaktivierung der Beziehung 25
Aufwand der Beziehungspflege ohne Facebook 25
Pretest 25
Validit ät 26
Reliabilit ät 27
Generierung von Sozialkapital II
Resultate………………………………………………………………………………………………29
Darstellung der Resultate der Hypothesen 1.1, 1.2 und 1.3………………………………………. 29 Darstellung der Resultate der Hypothese 2……………………………………………………...... 32 Darstellung der Resultate der Hypothese 3……………………………………………………...... 34 Darstellung der Resultate der Hypothese 4……………………………………………………...... 36 Darstellung der Resultate der Hypothese 5……………………………………………………...... 36 Darstellung der Resultate der Hypothese 6……………………………………………………..... 37
Diskussion……………………………………………………………………………………………..38
Diskussion der Resultate der Hypothesen 1.1, 1.2 und 1.3……………………………………...... 38 Diskussion der Resultate der Hypothese 2………………………………………………………... 39 Diskussion der Resultate der Hypothese 3………………………………………………………... 40 Diskussion der Resultate der Hypothese 4……………………………………………………….. 40 Diskussion der Resultate der Hypothese 5………………………………………………………... 41 Diskussion der Resultate der Hypothese 6………………………………………………………... 42
Fazit…………………………………………………………………………………………………... 41 Einschränkungen, Relevanz und Ausblick………………………………………………………… 48
Literaturverzeichnis…………………………………….……………………………………………51
Anhang…………………………………………………………………………………………….….. 56 Grafiken zu den Untersuchungsergebnissen……………………………………………………… 56 Skalen mit den jeweiligen Variablen……………………………………………………………... 57 Tabellen der Faktorenanalysen………………………………………………………………….....63 Weitere Tabellen zu den Untersuchungsergebnissen………………………………………..…….69 Codeplan…………………………………………………………………………………………...73
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1. Häufigkeitsverteilung des Alters der Teilnehmer…………………………….................56
Tabelle 1 Reliabilitätsanalyse der Skalen……………………………………………………… 28 Tabelle 2 Reliabilitätsanalyse der Skala Facebook-Intensität…………………………………. 28 Tabelle 3 Resultate Substitution oder Generierung……………………………………………. 29 Tabelle 4 Resultate Reaktivierung der Beziehung……………………………………………... 31 Tabelle 5. Resultate Facebook first……………………………………………………………... 32 Tabelle 6 Resultate Facebook als Generator………………………………………………........ 33 Tabelle 7 Resultate Skalenmittelwerte Sozialkapital H2……………………………………..... 34 Tabelle 8 Resultate Facebook als Substitutionskanal………………………………………...... 35 Tabelle 9 Resultate Skalenmittelwerte Sozialkapital H3………………………………………. 36 Tabelle 10 Resultate Aufwand der Beziehungspflege………………………………………....... 37 Tabelle 11 Angaben über die Stichprobe………………………………………………………... 57 Tabelle 12 Skala Bonding Social Capital……………………………………………………….. 58 Tabelle 13 Skala Bridging Social Capital……………………………………………………….. 59 Tabelle 14 Skala Substitution oder Generierung………………………………………………... 60 Tabelle 15 Skala Facebook-Intensität…………………………………………………………… 60 Tabelle 16 Skala Facebook first………………………………………………………………..... 61 Tabelle 17 Skala Reaktivierung der Beziehung………………………………………………..... 61 Tabelle 18 Skala Aufwand der Beziehungspflege ohne Facebook……………………………… 61 Tabelle 19 Kontaktintensität…………………………………………………………………….. 62 Tabelle 20 Rotierte Komponentenmatrix Bridging Social Capital……………………………… 63 Tabelle 21 Komponentenmatrix Bonding Social Capital……………………………………….. 64 Tabelle 22 Korrelationsmatrix Bridging Social Capital, Beziehung 1………………………….. 65 Tabelle 23 Korrelationsmatrix Bridging Social Capital, Beziehung 2…………………………...65 Tabelle 24 Komponentenmatrix Skala Substitution oder Generierung…………………………. 66 Tabelle 25 Rotierte Komponentenmatrix Skala Facebook-Intensität…………………………… 66 Tabelle 26 Komponentenmatrix Skala Facebook first………………………………………….. 67 Tabelle 27 Komponentenmatrix Skala Rektivierung der Beziehung………………………….... 67 Tabelle 28 Komponentenmatrix Skala Aufwand der Beziehungspflege ohne Facebook………. 68 Tabelle 29 Hypothese 1.1, Häufigkeiten………………………………………………………... 69 Tabelle 30 Hypothese 1.2, Häufigkeiten………………………………………………………... 69 Tabelle 31 Hypothese 1.3, Häufigkeiten………………………………………………………... 70 Tabelle 32 Korrelationen Hypothese 4, Beziehung 1…………………………………………… 70 Tabelle 33 Korrelationen Hypothese 4, Beziehung 2…………………………………………… 71 Tabelle 34 Korrelationen Hypothese 5, Beziehung 1…………………………………………… 71 Tabelle 35 Korrelationen Hypothese 5, Beziehung 2…………………………………………… 72
Heute spielt es oftmals eine wichtige Rolle, auf welche Beziehungen man im privaten oder beruflichen Umfeld zurückgreifen kann. Begriffe wie Lobbyismus, Vetternwirtschaft oder Vitamin B werden oft verwendet, wenn eine Person, Organisation oder Institution Beziehungen zu ihrem Vorteil einsetzt. Die Qualität und die Quantität der Beziehungen einer Person, Organisation oder Institution zu ihrer Umwelt, führen oftmals zum entscheidenden Vorteil. Dienen doch Beziehungen als Ressource für den Tausch von Gütern, Informationen, Empfehlungen, Weitervermittlungen und anderen Dienstleistungen und helfen einfache alltägliche Schwierigkeiten oder gar komplexe Ausnahmesituationen zu meistern. Das ganze Leben hindurch wird der Mensch, eine Organisation oder Institution von einem Konvoi sozialer Beziehungen begleitet. Bindungen spielen eine tragende Rolle, wenn wir diese als Ressource, als Stütze, als Kapital zur Krisen- oder Problembewältigung betrachten. Die Gesamtheit verfügbarer Beziehungen einer Person wird oftmals mit dem Begriff soziales Netzwerk zusammengefasst. Diesen Begriff finden wir auch immer häufiger im Zusammenhang mit dem Internet. In den letzten Jahren konnte man die nötige Technologie bereitstellen, um die Bildung, Pflege und Ausbau sozialer Netzwerke im World Wide Web (WWW) zu vereinfachen. Diese Entwicklung entspricht auch dem neuen Internetbegriff Web2.0, der die Revolution im Internet beschreiben soll: ein Internet, das primär Plattform ist und sich durch den konstitutiven Gestaltungsprozess vieler Nutzer entwickelt. Die wohl populärsten und charakterisierenden Seiten des neuen Internets sind Netzwerke wie Myspace und Facebook. Seit solche Netzwerke online verfügbar sind, entstehen neue Möglichkeiten für die Nutzer: das bisherige offline Netzwerk kann nun online erweitert werden. Es ist einfach mit solchen Netzwerken Bindungen zu Ferienbekanntschaften und Klassenkameraden aufrechtzuerhalten. Das WWW ermöglicht es, Netzwerke einfach, schnell und kostengünstig zu pflegen. Das WWW überbrückt räumliche Distanz, was einen Ausbau der Beziehungsnetzwerke begünstigt. Online Netzwerke sind weniger durch die geographische Lage ihrer Teilnehmer determiniert und bieten so gegenüber den offline Netzwerken einen Vorteil. Das WWW wirft somit neues Licht auf die Pflege und den Aufbau von sozialen Netzwerken. Doch ist ungeklärt, ob diese internetgestützten Beziehungen wirklich als Ressource dienen und zum offline Netzwerk addiert werden können. Denn vielleicht würden solche Beziehungen auch ohne Facebook gleich intensiv gepflegt. Ist die Ferienbekanntschaft, mit welcher man über Facebook kommuniziert, auch als Ressource nutzbar? Oder handelt es sich eher um eine reine, inhaltslose Verlinkung zweier Personen auf Facebook?
Generierung von Sozialkapital 2
Die vorliegende Arbeit widmet sich den Beziehungen, welche mehrheitlich über Facebook gepflegt werden. Es soll untersucht werden, ob diese Beziehungen zu dem bereits vorhandenen Sozialkapital addiert werden können, ob diese durch Facebook reaktiviert wurden und ob sie dank Facebook aufrechterhalten werden. Die Arbeit befasst sich mit folgender Frage: Generiert Facebook zusätzliche Beziehungen und inwiefern stellen diese soziales Kapital dar? Mit zusätzlichen Beziehungen sind Beziehungen gemeint, welche ohne Facebook nicht bestünden. Soziales Kapital bezeichnet Bindungen, welche als Ressource für den Tausch von Dienstleistungen und Informationen aller möglichen Sachen nutzbar sind. Der Begriff soziales Kapital wird später noch eingehend erläutert.
Ziel und Aufbau der Arbeit
Ziel der Arbeit ist es, Beziehungen, welche mehrheitlich mit Facebook gepflegt werden, zu untersuchen. Im Bereich der sozialen Netzwerke der offline Welt existieren bereits genug Studien um Aussagen über die Beziehung als Ressource machen zu können. Beziehungen werden als Ressource, als Kapital dargestellt und nach Ihrer Nützlichkeit eingeordnet. Beziehungen, welche mehrheitlich mit Facebook institutionalisiert werden, wurden bisher kaum erforscht. Da die internetgestützte Pflege von Beziehungen zu einem wichtigen Teil des Alltags geworden ist, so ist die Erforschung dieser Bindungen nun notwenig geworden (Result Research, 2007). Die vorliegende Arbeit bezweckt diese spezifischen Facebook-Freundschaften in die bisherigen Kategorien des sozialen Kapitals einzuordnen. Damit verbunden ist auch die Untersuchung von Facebook als möglichen Generator von sozialem Kapital. Deshalb soll erörtert werden, ob Facebook nur ein Substitut des bisherigen Kommunikationskanals darstellt und ob Facebook benutzt wird um zusätzlich Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Der erste Abschnitt der Arbeit widmet sich der Theorie über die Internetrevolution Web2.0, welche die online Netzwerke hervorgebracht hat. Der zweite Theorieteil widmet sich den bisherigen Erkenntnissen über soziale Netzwerke und soziales Kapital. Im dritten Abschnitt werden diese zwei Bereiche im Bezug auf Facebook zusammengeführt und bezüglich der neusten Forschungsergebnisse, als Synthese der Theorien der Bereiche soziale Netzwerke und soziales Kapital im Web2.0, dargestellt und als Hypothesen der vorliegenden Arbeit ausformuliert.
Das folgende Kapitel bezieht sich auf die Entwicklung des WWW zum Web2.0, welche einhergeht mit der Entwicklung von Social Software. Der Begriff Social Software wird für einige charakterisierende Anwendungsmöglichkeiten des Web2.0 verwendet. Soziale Netzwerke im Internet, auch als Social Networking Sites bezeichnet, sind ein wichtiger Teil des Bereichs Social Software. Der Begriff Social Networking Sites, für welchen im Folgenden das Kürzel SNS verwendet wird, soll in einem nachfolgenden Kapitel eingehend vorgestellt werden. Im zweiten Teil des Grundlagenkapitals werden Beziehungen als potentielle Ressourcen dargestellt und erläutert.
Web2.0
Entstanden ist der Begriff Web2.0 im Jahr 2004 bei einer Konferenz mehrerer Medienunternehmen in den USA. Bei der Gegenüberstellung der alten Programm- und Kommunikationsstruktur des Internets wählten die zwei Unternehmen O`Reilly und Media Live International symbolisch den Begriff Web2.0 für den Wendepunkt im Internetmarkt. Der Begriff Web2.0 ist inhaltlich nicht klar definiert. Web2.0 wird meist in Bezug auf die Entwicklung der Programm- und Kommunikationsstruktur im Internet verwendet (Graham, 2005; O`Reilly, 2005; Result Research, 2007, S. 9-13). Tim O`Reilly, CEO von O`Reilly Media, nannte für die gesamte Entwicklung exemplarisch einige Veränderungen, welche man mit dem Begriff Web2.0 umfassen wollte: Der Übergang von der persönlichen Webseite zum Blog, von der Taxonomie zum Tagging, zur Folksonomy, von der Veröffentlichung zur Beteiligung und von Britannica Online zu Wikipedia (O`Reilly, 2005). Anhand dieser Beispiele erkennt man eine wichtige Veränderung bezüglich der Rolle des Internetnutzers: Der Nutzer entwickelt sich vom Beobachter zum Mitgestalter, vom Konsumenten zum Produzenten und generiert den Inhalt des Web2.0, häufig auch content genannt, vorwiegend selbst. Haas, Trump, Gerhards, und Klingler (2007) umschreiben Web2.0 wie folgt: „Der Begriff beschreibt alle Internetapplikationen, die hohe Gestaltungs- und Kommunikationsmöglichkeiten für den User bereitstellen“ (S. 215). Das Web2.0 charakterisiert sich somit durch den konstitutiven Gestaltungsprozess vieler Nutzer und entwickelt sich in diesem gemeinschaftlichen Gestaltungsprozess aller Nutzer stetig weiter. Oftmals entstehen Web2.0-Dienstleistungen auch erst mit der Beteiligung mehrerer Nutzer (Result Research, 2007, S. 9-13).
Generierung von Sozialkapital 4
Ein wichtiger Begriff, welcher im Bezug auf die oben genannte Entwicklung der Internetapplikationen und damit auch verbunden, mit dem Verständnis von Web2.0 einhergeht, ist Social Software.
Social Software
Der Begriff Social Software ist wie Web2.0 nicht genau definiert und wurde sozialwissenschaftlich nur spärlich behandelt (Brahm, 2006b, S. 30-31). Brahm (2006) schreibt zum Begriff Social Software:
„Social Software bezeichnet nicht nur die einzelnen neu entwickelten Internetapplikationen, sondern auch ein neuartiges Phänomen, welches sich durch ein verändertes Kommunikationsverhalten der Internet-Nutzer sowie durch die stärker wahrgenommene Produzentenrolle des Einzelnen charakterisieren lässt“ (S. 22).
Der Begriff Social Software wird für die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen Menschen genutzt. Social Software kann auch ein System darstellen, mit dem miteinander agiert werden kann. Das Verständnis des Begriffs Social Software deckt sich stark mit dem Verständnis des Begriffs Web2.0. Es gilt zu betonen, dass Social Software das Selbstmanagement einer Gemeinschaft fördern und unterstützen soll (Alby, 2007, S. 89-91). Die wichtigsten Anwendungen von Social Software sind Video-Netzwerke wie beispielsweise Youtube, Wiki-Websites wie z.B. Wikipedia und SNS wie Facebook und Myspace (Result Research, 2007, S. 21-24). Schmidt (2008, S. 8-10) beschreibt Social Software anhand dreier Funktionen: Informationsmanagement, Identitätsmanagement und Beziehungsmanagement. Informationsmanagement betrachtet Social Software als Möglichkeit zur Verwaltung und Gewinnung von Informationen. Identitätsmanagement bezieht sich auf die Darstellung der eigenen Person und Interessen (Richter & Koch, 2007, S. 1239-1244). Bei SNS ist dies meist mit dem Profil und den Möglichkeiten zur Veröffentlichung von Fotos, Filmen und Kommentaren gegeben. Weiter ermöglicht Social Software die Pflege sozialer Beziehungen, was als Beziehungsmanagement bezeichnet wird. Ein sehr wichtiges Merkmal von Social Software bezüglich der Pflege von Beziehungen ist, dass Social Software eine Optimierung der Produktivität in Bezug auf die bestmögliche Bildung und Pflege von Netzwerken zwischen den Nutzern darstellt (vgl. Burg 2004, S. 10). Dies trifft vor allem auf SNS zu, welche alle genannten Funktionen erfüllen (Schmidt, 2008, S.9-10). Auf SNS wird im folgenden Anschnitt vertieft eingegangen. Social Software umfasst auch soziale Netzwerke im Internet.
Definition und Grundlagen von Social Networking Sites
SNS sind Internetseiten, welche den Nutzern eine Plattform zur Schaffung, zur Pflege und zum Ausbau von sozialen Netzwerken bieten (Richter & Koch, 2007, S. 1240). Auf solchen Internetseiten kann der Nutzer ein öffentliches oder teilöffentliches Profil seiner Person präsentieren. Ellison, Steinfield, und Lampe (2007) beschreiben SNS wie folgt: „Social Networking Sites are online spaces that allow individuals to present themselves, articulate their social networks, and establish or maintain with others”. Unter dem Gesichtspunkt der von Schmidt (2008) genannten Funktionen ist anzumerken, dass der Nutzen einer SNS mit jedem neuen Nutzer steigt. Man spricht diesbezüglich von Netzwerkeffekten. Ein beliebtes Beispiel für Netzwerkeffekte ist das Telefon: Für den Endnutzer steigt der Nutzen des Telefons mit der steigenden Anzahl beteiligter Endnutzer. Nach Metcafe`s Law ist der Netzwerkeffekt wie folgt definiert: „The value of a network goes up as the square of the number of users“ (Shapiro & Varian 1999, S. 184). Netzwerkeffekte sprechen für grosse Netzwerke und gegen kleine Netzwerke (Shapiro & Varian 1999, S. 224). SNS enthalten meist auch Elemente so genannter Mashup. Mashup sind Applikationen, welche ältere Applikationen zusammenfügen (Alby, 2007, S. 245). Beispiele für Elemente von Mashup auf SNS sind beispielsweise Einbindungen von Youtube-Videos und Google-Maps. Die Teilnehmer von SNS werden zudem auch mittels eines automatisierten, dynamischen Nachrichtenservices über die Tätigkeiten und Veränderungen anderer Teilnehmer informiert (O`Reilly, 2005). Boyd (2007) erwähnt vier prägende Merkmale von SNS, welche für normale offline face-to-face Kommunikation nicht charakterisierend sind: „persistence, searchability, exact copyability, and invisible audiences“ (S. 2). SNS ermöglichen auf effiziente Weise Beziehungen zu pflegen, die man aufgrund des Aufwand-Ertrag-Verhältnisses, beispielsweise wegen einer zu grossen räumlichen Distanz, offline nicht weiter reproduzieren würde (Burg, 2004, S. 4-10; Fuchs, 2006, S. 141-143).
Die Social Networking Site Facebook
Die SNS Facebook ermöglicht den Nutzern online den Aufbau und die Pflege von sozialen Netzwerken. Die Nutzer können auf Facebook unbegrenzt Fotos, Hyperlinks und Videos einbinden und so den anderen Nutzern zugänglich machen. Jede Person kann Facebook nutzen, vorausgesetzt sie registriert sich als Benutzer. Auf Facebook können Nutzer zudem Subgruppe, beispielsweise Interessengemeinschaften irgendwelcher Sportarten, Arbeitgeber usw., bilden. Die Nutzer können einen Email-Account verwalten,
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Statusmeldungen eintragen oder Inhalte anderer kommentieren. Zudem können die Nutzer mittels Privatsphäre-Einstellungen festlegen, welche Inhalte öffentlich sind und welche Inhalte nur bestätigten Freunden oder bestimmten Subgruppen zugänglich sein sollten (Charnigo & Barnett-Ellis, 2007, S. 24). Die neuen Teilnehmer eines persönlichen Netzwerkes müssen zuerst durch den Nutzer bestätigt und damit zugelassen werden. Facebook wurde ursprünglich als SNS für Studenten der Harvard University entwickelt (Ellison et al., 2007). Der Wert des Unternehmens Facebook wird auf 15 Billionen Dollar geschätzt (Forbes, 2008). Laut firmeneigenen Angaben zählt Facebook gesamthaft über 250 Millionen aktive Nutzer und kann in mehr als 50 verschiedenen Sprachen genutzt werden (Facebook 2009).
Soziale Netzwerke
Der Netzwerkbegriff stammt hauptsächlich aus der Soziologie, der Sozialpsychologie und der Sozialanthropologie. In der Sozialanthropologie wurden aufbauend auf der Hypothese, dass sich soziale Strukturen aus den Verbindungen ihrer Mitglieder zusammensetzen, verschiedene Analysen zu deren Beziehungen durchgeführt (Laireiter, 2009, S. 76). Daraus stammt auch der Begriff des sozialen Netzwerks als „ […] a specific set of linkages among a defined set of persons“ (Mitchell, 1969, S. 2). Laireiter (2009, S. 76-77) betont die Differenzierung zwischen den Ansätzen, welche den Begriff als soziale Entität verstehen und solchen, welche den Begriff vorwiegend analytisch verwenden. Reale Netzwerke stellen soziale Einheiten dar, die aus verschiedenen Mitgliedern bestehen, welche in verschiedenen Beziehungen zueinander stehen. Dazu gehören Familienbeziehungen, Peer- und Freundescliquen, welche in Bezug auf SNS zu erwähnen sind. Im wissenschaftlichen Kontext von SNS im Web2.0 verwendet man den Begriff soziales Netzwerk, (auch Social Network), für eine Menge von Personen, Organisationen und sozialen Entitäten, welche durch sozial bedeutsame Beziehungen, wie Freundschaft, Zusammenarbeit, Informationsaustausch oder Interaktion angestrebte Ziele besser erreichen können. Dies durch das gemeinsame Teilen und den Austausch von Wissen, Kompetenzen und Ressourcen (Garton, Haythornthwaite, und Wellman, 1997; Kempe, Kleinberg, und Tardos, 2003; O`Murchu, Breslin, und Decker, 2004).
Ein soziales Netzwerk liefert den Mitgliedern günstige Gelegenheiten zum Auffinden und Sicherstellen von sozialer Unterstützung, zum Aufbau und zur Erhaltung von neuen Kontakten (Hogg & Adamic, 2004). Ein soziales Netzwerk liefert zudem günstige Gelegenheiten zum Austausch von Kontakten, Gütern, Ressourcen und Dienstleistungen aller
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Art und schafft und begünstigt den Transfer von Wissen, Wohlstand (Hustad, 2004) und Zusammenarbeit (Lea, Yu, Maguluru, und Nichols, M., 2005, S. 3501; O`Murchu et al., 2004).
Eine Möglichkeit solche Netzwerkstrukturen zu untersuchen, ist die Betrachtung der zu- und abfliessenden Beziehungen eines einzelnen ausgewählten Akteurs, auch egozentrierte Betrachtungsweise genannt. Dieser Akteur, als ausgewähltes Zentrum des Netzwerkes, wird Ego genannt (Fuchs, 2006, S. 137-139). Die mit Ego in Beziehung stehende Person wird bei der egozentrierten Betrachtungsweise Alter genannt. Meist wird dabei die Zweierbeziehung zwischen Ego und Alter, meist als Dyade bezeichnet, untersucht. Im Bezug auf die vorliegende Arbeit sind die interaktionalen Parameter egonzentrierter Netzwerke hervorzuheben. Interaktionale Parameter beschreiben die Netzwerke im Bezug auf Direktionalität und Reziprozität, Beziehungsrolle, Dauer und Stabilität der Beziehungen, Homo- und Heterogenität der Netzwerkmitgliedern, Entfernung der Netzwerkmitglieder, Intensität und Frequenz der Beziehungspflege. Ein weiterer wichtiger Paramter im Bezug auf SNS und Sozialkapital sind die beiden Begriffe Strong Tie und Weak Tie, welche die Beziehung als intensiv und hochfrequent oder wenig intensiv und wenig frequent einteilen (Laireiter, 2009, S. 83). Die Begriffe Strong Tie und Weak Tie wurden vor allem durch Granovetter (1974) geprägt, welcher Bindungen mit einer sozioökonomischen Betrachtungsweise untersuchte. Die Begriffe Strong Tie und Weak Tie werden im nachfolgenden Kapitel eingehend erläutert.
Durch die Verfügbarkeit der internetgestützten Institutionalisierung erhalten Beziehungen einen neuen Anreiz, da die Beziehungspflege von entfernten Bekannten und anderen losen Kontakten online effizienter stattfinden kann und weil räumliche Distanz per Internet meist einfacher und kostengünstiger überwindbar ist als die physische Distanz. Aufwand und Ertrag von schwachen Bindungen stehen durch SNS und dem WWW allgemein in einem anderen Verhältnis (Fuchs, 2006, S. 141-143).
Sozialkapital
Das Konzept des sozialen Kapitals ist hauptsächlich auf Pierre Bourdieu (1983) zurückzuführen. Bourdieu (1983, S. 185) ergänzte das bis anhin vorwiegend ökonomische Verständnis des Kapitals mit der Konzeption des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals. Bourdieu (1983) definiert den Begriff Sozialkapital, synonym für soziales Kapital, wie folgt:
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„die Gesamtheit der aktuellen und potentielle Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Nutzens von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen. […] Sozialkapitalbeziehungen können nur in der Praxis, auf der Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen existieren, zu deren Aufrechterhaltung sie beitragen“ (S. 190-191).
Auch Gräf (1997, S. 104) beschreibt Sozialkapital ressourcenorientiert: Ego könne bei der Verfolgung seiner Ziele auf eine bestimmte Menge Personen zurückgreifen, welche ihm bei der Erreichung dieser Ziele dienen können. Zu diesen Personen würden solche zählen, auf welche Ego aufgrund einer Solidarität, beispielsweise durch einen Vertrauensvorschuss, zurückgreifen könne. Diese Solidarität würde gewährt, weil Ego z.B. mit den anderen Personen seines Netzwerkes in einer speziellen Beziehung stünde, ein Vertrauensverhältnis bestünde oder sie sind ihm durch Interaktion zu Gefälligkeiten verpflichtet seien. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Ego durch die Zugehörigkeit einer Gruppe gegenüber Nichtmitgliedern privilegiert sei oder Solidarität von Personen erhalten würde, weil diese in einem bestimmten Verhältnis zu einer anderen bestimmten Person stünde. Nach Bourdieu (1983, S. 190) können Sozialkapitalbeziehungen durch Institutionalisierungsakte garantiert werden. Soziale Netzwerke von SNS sind demnach auch institutionalisierte Sozialkapitalbeziehungen, welche die Betroffenen prägen und über das Vorhandensein eines Sozialkapitalverhältnisses informieren. Institutionalisieren meint Beziehungen durch Akte, wie beispielsweise Treffen und Austausch, zu pflegen, zu stärken und somit aufrechtzuerhalten. Deshalb bezeichnet Bourdieu (1885) Sozialkapital auch als „the aggregate of the actual or potential resources which are linked to possession of a durable network of more or less institutionalized relationships of mutual acquaintance or recognition” (S. 243). Der Umfang des Sozialkapitals einer Person hängt einerseits davon ab, wie gross das Netzwerk der Beziehungen ist, welche diese Person tatsächlich mobilisieren kann. Anderseits hängt das soziale Kapital dieser Person auch davon ab, wie gross das ökonomische, kulturelle oder symbolische Kapital der Menschen ist, mit welcher diese in Beziehung steht. Aus der Zugehörigkeit einer Gruppe ergeben sich also materielle und symbolische Profite. Die Existenz eines sozialen Netzwerkes ist letztendlich das Ergebnis einer permanenten Institutionalisierungsarbeit. Diese ist notwendig für die Bildung und Erhaltung der nützlichen sozialen Beziehungen, welche den Zugang zu diesen materiellen oder
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symbolischen Profiten, sozialen Überlegenheiten und Nützlichkeiten ermöglichen (Baron, Field, und Schuller, 2000, S.3-5; Bourdieu 1983, S.192). Der Umfang des sozialen Kapitals einer Person ist darüber definiert, wie gross Ihr Netzwerk mobilisierbarer Beziehung ist und wie viel kulturelles und ökonomisches Kapital innerhalb dieses Netzwerkes vorhanden ist. Das soziale Kapital aller Personen des mobilisierbaren Netzwerkes von Ego ermöglicht den Transfer von Nutzen und Kapital zwischen verschiedenen Netzwerken und erhöht somit den Nutzen und die Mobilität von Kapital des Akteurs. Denn die Personen, zu welchen der Akteur in Beziehung steht, besitzen auch wieder eigenes soziales Kapital. Bourdieu (1983, S. 192) verwendet diesbezüglich den Begriff Multiplikatoreneffekt.
Die ständige Reproduktion des sozialen Kapitals erfordert permanente Beziehungsarbeit, d.h. Austauschakte, welche die gegenseitige Anerkennung bestätigen. Beziehungsarbeit bedeutet jedoch auch Zeit und Geld zu investieren (Bourdieu, 1983, S.197). Coleman (1994) ergänzt Bourdieu mit seiner Darstellung von Sozialkapital als „the set of resources that inhere in family relations and in community social organisation and that are useful for the cognitive or social development of a child or a young person” (S. 300). Natürlich gibt es je nach Ausrichtung der Forschung noch viele weitere abweichende Definitionen: „[…] at an operational level the interpretations of what social capital is and is not are diverse” (Narayan & Cassidy, 2001, S. 61). Aber auch wenn die Definitionen divergieren, ist das Konzept des sozialen Kapitals zumindest in Anwendung der Erforschung von sozialen Netzwerken doch recht gut skizziert: „the theory of social capital defines the concept in terms of resources - for example, social support, information channels, social credentials - that are embedded within an individual`s social networks” (Lin, 1999). Putnam betrachtet soziales Kapital als Konglomerat aus sozialen Beziehungen, Netzwerken und Normen, aus welchen Individuen und Gemeinschaften profitieren. Soziales Kapital ist nach Putnam gleichzeitig privates und öffentliches Gut, von welchem positive Effekte ausgehen können (Knudsen, Florida, und Rousseau, 2007, S.6). Putnam (2000) betont die sozioökonomischen Aspekte des Konzepts: „core idea of social capital theory is that social networks have value” (S. 19).
Granovetter (1974) untersuchte über welche sozialen Bindungen Ingenieure eine neue Arbeitsstelle fanden. Granovetter kam zu der Erkenntnis, dass der Informationsfluss bei erfolgreich endender Stellensuche mehrheitlich über entfernte Bekannte lief und seltener über enge emotionale Bindungen. Somit sind lose, schwache Beziehungen, so genannte Weak Ties, die man beispielsweise mit entfernten Bekannten pflegt, nützlicher bei der Stellensuche als starke, emotionale Bindungen, so genannte Strong Ties. Granovetter (1983, S. 204) erklärte, dass je stärker die Bindung zweier Individuen sei, desto ähnlicher seien diese zwei Individuen. Die jeweiligen Netzwerke zweier Individuen, welche sehr eng verknüpft sind, würden sich starker decken, als die Netzwerke zweier Individuen, die nur durch eine schwache Bindung miteinander verknüpft seien: „Those to whom one is closest are likely to have the greatest overlap in contact with those one already knows, so that the information to which they are privy is likely to be much the same as that which one already has” (Granovetter, 1883, S. 205).
Granovetter (1983) erklärte, dass die Netzwerke zweier Individuen umso homogener seien, desto stärker die Bindung zwischen ihnen ist. Folglich sind schwache Bindungen, also Weak Ties vorteilhafter, wenn es um den Neuigkeitswert von Informationen geht, weil sich dann die sozialen Netzwerke beider Individuen weniger überlappen als bei starken Bindungen. Strong Ties sind charakterisiert durch eine stärkere Redundanz der Informationen. Die informationsvorteilsreichen Netzwerke sind folglich jene, in welchen selektive Kontakte gepflegt werden (Burt 1992, S. 15). Auch Strong Ties bieten ihrerseits einige Vorteile gegenüber Weak Ties. Sie begünstigen stärker als Weak Ties die Geschwindigkeit des Informationsflusses und die Glaubwürdigkeit der Information und haben daher auch einen stärkeren persuasiven Charakter: „Most of the influence is carried trough strong ties“ (Granovetter, 1983, S. 218). Jedoch ist die Institutionalisierung von Strong Ties zeitintensiver als die von Weak Ties (Granovetter 1983, S. 212).
Folglich sind Bindungen am effizientesten, wenn sie Brücken in andere Netzwerke bilden, also das Netzwerk von Ego heterogenisieren und damit im Bezug auf die egozentrierten potentiellen Ressourcen erweitern. Granovetter (1883) entwickelte aus dieser Schlussfolgerung heraus den Begriff Bridging Weak Ties: „The argument of [strength of weak
ties] implies that only bridging weak ties are of special value to individuals; the significance of weak ties is that they are far more likely to be bridges than are strong ties” (S. 2008). Ob Weak Ties auch solche Brückenbeziehungen in andere Netzwerke sind, hängt oftmals auch vom sozioökonomischen Grad der betroffenen Individuen ab (Granovetter 1983, S. 208).
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Auch Burt (1992, S. 27-18) schreibt schwachen, aber vor allem nicht transitiven Bindungen eine brückenbauende Funktion zu. Transitivität bezeichnet das Überlappen der beteiligten Netzwerke, was vor allem bei Strong Ties verstärkt vorzufinden ist (Granovetter, 1883, S. 205). Transitivität führt oftmals zu einer zunehmenden Homogenisierung der Netzwerke: sind Ego und Alter A stark verbunden und Alter A mit Alter B, so wird angenommen, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit auch eine starke Bindung zwischen Ego und Alter B zustande kommen wird (Fuchs, 2006, S. 147). Fuchs (2006) fasst Burts (1992) Erkenntnis präzise zusammen: „Da enge homophile Cluster über strukturelle Brücken mit anderen engen homophilen Clustern verbunden werden können, sind strukturelle Löcher Voraussetzung, um heterogene (neue) Informationen in homophile Gruppen zu transportieren“ (S. 147). Diese strukturellen Löcher werden von Burt (1992) mit dem Begriff structural holes benannt. Werden diese Brücken nur wenig benutzt bezeichnet man sie lediglich als schwache Bindung (Fuchs, 2006, S. 148). Dies schwächt Granovetters Verständnis des Begriff Bridging Weak Ties etwas ab, da durch Burt (1992) und Granovetter (1983) aufgezeigt wurde, dass schwache Bindungen heterogene Personen verbinden und structural holes überwinden und daher eine Brücken-Funktion innehaben müssten.
Nach Burt (1992, S. 15) sind die Kosten der Aufrechterhaltung von redundanten Kontakten mit dem Ertrag der jeweiligen Kontakte in Beziehung zu setzen. Deshalb entscheidet die Anzahl nicht-redundanter Beziehungen über die Effizienz von Netzwerken und nicht die Quantität der Beziehungen. Denn mit der Anzahl nicht-redundanter Beziehungen steigt auch die Wahrscheinlichkeit neue Informationen zu erhalten. Optimal für Ego ist es, wenn die Anzahl der Beziehungen, aber nicht die Redundanz zunimmt. Also je höher die Anzahl der Kontakte, je geringer die Verbindungen der Kontakte untereinander, desto mehr Information sind in diesem Netzwerk verfügbar, also desto kleiner Redundanz (Fuchs, 2006, S. 141). In der Literatur hat sich auch der Begriff Density etabliert. Density bezeichnet die Dichte des Netzwerkes. Anhand der Formel ist erkennbar, dass dieser Begriff Burts Erkenntnis folgt: „Density is measured by dividing the number of pairs of alters who know one another by the total number of connections that could exist among them” (Kawachi, Subramanian, und Kim, 2008, S. 68). Eine hohe Diversität der Bindungen, Personen, Ressourcen innerhalb eines Netzwerkes bewirkt eine deutliche Erhöhung der Nützlichkeit von sozialem Kapital (Burt, 1992; Granovetter, 1983; Lin 1999). Als Synthese der Forschungsergebnisse soll zusammengefasst werden, dass Bridging Weak Ties eine niedrige Redundanz von Informationen aufweisen und heterogene Netzwerke
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verbinden. Betrachtet man das Netzwerk von Ego daher mit allen weiterführenden verlinkenden Bridging Weak Ties, so ist die steigende Anzahl der Kontakte im Verhältnis zur Redundanz, welche von der Selektivität der Kontakte abhängt, entscheidend im Bezug auf die Möglichkeit an neue Informationen zu gelangen. Lose Bindungen stellen also öfters Brücken in andere Netzwerke dar, haben aufgrund der niedrigen Redundanz einen höheren Nachrichtenwert, verbinden mehrheitlich heterogene als homogene Individuen, da sich die Netzwerke der beiden Individuen schwächer überlappen. Somit sind lose Bindungen als Ressource für beispielsweise neue Informationen und Jobsuche gewinnbringender, als starke emotionale Beziehungen (Granovetter 1983, S. 222).
Granovetter (1973) definiert strength, also die Stärke einer Bindung wie folgt: „The strength of a tie is a (probably linear) combination of the amount of time, the emotional intensity, the intimacy (mutual confiding), and the reciprocal services which characterize the tie. Each of these is somewhat independent of the other, though the set is obviously highly intracorrelated" (S. 1361). Die Definition von Stärke (strength) erscheint etwas mangelhaft, denn nach Definition wirken Intimität, Zeitaufwand, Intensität und Reziprozität als Kombination zusammen und sind untereinander austauschbar. Im Bezug auf die vorliegende Untersuchung von sozialen Netzwerken, muss nochmals deutlich hervorgehoben werden, dass schwache Bindungen dann am effizientesten sind, wenn sich so genannte Bridging Weak Ties darstellen, structural holes überwinden und das vorhandene Netzwerk heterogenisieren. Die Beschaffenheit von SNS begünstigt die Pflege räumlich distanzierter Kontakte und damit die effiziente Bildung von potentiellem sozialem Kapital, also eines sehr heterogenen Netzwerkes. SNS sind somit prädestiniert zur effizienten Institutionalisierung von Bridging Weak Ties.
Bonding Social Capital und Bridging Social Capital
Auf der Suche nach einem multidimensionalen Ansatz entwickelte Putnam (2000), unter Einbezug Granovetters (1973) Konzept der Strong und Weak Ties, zwei Dimensionen des sozialen Kapitals: Bridging Social Capital und Bonding Social Capital. Die beiden Kategorien sind nicht dazu da um soziales Kapital eindeutig in eine der beiden Kategorien einzuordnen. Vielmehr sollen Bridging und Bonding Social Capital eine mögliche Art der Mehr-oder-weniger-Einteilung darstellen. Putnam (2000) entwickelte eine Synthese aus Granovetters (1973) Erkenntnis und Bourdieus (1983) Konzeption des sozialen Kapitals. Deshalb besitzt beispielsweise Bridging Social Capital die Merkmale, welche auch bei Weak Ties vorzufinden sind. Jedoch betonen diese zwei neuen Begriffe das Netzwerk und weniger
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die Dyade: „bonding capital refers to resources that are accessed within social groups whose members are alike ('homophilous'), in terms of their social identity, such as class or race/ethnicity, and other boundaries of social identity“ (Kawachi, Subramanian, und Kim, 2008, S. 5).
Der Begriff Bridging Social Capital umfasst „outward-looking networks and connections among different kinds of people - like the civil rights movement” und Bonding Social Capital als „inward-looking networks bringing together similar kinds of people - like church-based women’s reading groups” (Knudsen et al., 2007, S. 6-7) . Bonding Social Capital verstärkt Identitäten und homogene Gruppen, während Bridging Social Capital soziale Ungleichheiten überbrückt. Bridging Social Capital tritt auf, wenn Individuen mit unterschiedlicher Herkunft eine Verbindung zwischen Ihren jeweiligen Netzwerken errichten. Diese Beziehungen sind oftmals unverbindlich und die Individuen tasten sich nur zaghaft voran. Doch was diesen Bindungen an Tiefe fehlt, machen sie durch ihre Reichweite und Bedeutung wett. So erweitert Bridging Social Capital den sozialen Horizont oder Weltbilder und generiert Zugang zu Information und anderen neuen Ressourcen. Dafür ist der emotionale Halt dieser Beziehung als schwach einzustufen (Putnam, 2000; Williams, 2006). Bonding Social Capital stärkt die Reziprozität und mobilisiert Solidarität, während Bridging Social Capital, wie dargestellt, vorteilhafter im Bezug auf die Erreichung externer Güter ist und eine bessere Informationsdiffusion verspricht. „Therefore, according to existing literature, while bonding social capital is geared towards enabling survival, bridging is oriented to moving ahead, development, and growth” (Knudsen et al., 2007, S. 7). Putnam (2000) bestätigt Granovetters Theorie „the research suggests bridging social ties (sometimes called ‘weak’ ties) are more likely to be drivers of economic growth than bonding social ties“ (S.323). Bridging Social Capital verbessert den Zugang zu Information und zu sozialer Unterstützung, wie beispielsweise Weiterempfehlungen und Referenzen, Beratungen, Vorbereitungen (Knudsen et al., 2007, S. 8). Williams (2006) betont dabei: „[bonding social capital] occurs when strongly tied individuals, such as family and close friends, provide emotional or substantive support for one another. The individuals with bonding social capital have little diversity in their backgrounds but have stronger personal connections. The continued reciprocity found in bonding social capital provides strong emotional and substantive support and enables mobilization. Its drawback is assumed to be insularity and out-group antagonism.”
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Daher begünstigt starkes Bonding Social Capital innerhalb der Gruppe eine Identitätsbildung, was beispielsweise Gewalt, Auflehnung oder Veränderung innerhalb Gruppe verhindern kann: „Bonding social capital represents an important survival mechanism for residents of disadvantaged communities“ (Kawachi et al., 2006, S.6). Dem Verständnis von Bridging Weak Ties werden Putnam (2000) und Williams (2006) methodisch gerecht. Bei Williams (2006) Operationalisierung, der Skala zu Bridging Social Capital, ist dies anhand der Gewichtung dieser netzwerkübergreifenden, brückenstiftenden Funktion, sehr gut ersichtlich. Wiliams (2006) entwickelte die Internet Social Capital Scales (ISCS) hauptsächlich auf Putnams (2000) Konzeption des Bridging Social Capital und Bonding Social Capital.
Wie bereits mehrmals hergeleitetet, widmet sich das Interesse dieser Arbeit vor allem auf der Gegebenheit, dass SNS die Institutionalisierung von Bridging Weak Ties, schwachen homogenen, brückenbauenden Bindungen, also von Bridging Social Capital begünstigt.
Aktueller Forschungsstand und Studien
Im Bezug auf die Thematik dieser Arbeit ist die Studie von Ellison et al. (2007) hervorzuheben. Diese Studie untersucht die Bildung von sozialem Kapital in Bezug auf die Nutzung von Facebook. Ellison et al. (2007) verwenden dabei die beiden Kategorien Bridging Social Capital und Bonding Social Capital. Die Skalen der beiden Kategorien beziehen sich auf das soziale Netzwerk der Michigan State University. In dieser Studie wird erstmals gezeigt, dass sich SNS wie Facebook gut eignen, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Da Facebook als SNS die räumliche Distanz überbrückt, ist die Pflege von Freundschaften als weniger aufwändig zu betrachten. Es ist mit Facebook einfach, lose Beziehungen zu alten Schulfreunden und Ferienbekanntschaften aufrecht zu erhalten. Ellison et al. (2007) entwickelten deshalb den Begriff Maintain Social Capital, welcher sich auf das Potential des Aufrechterhaltens von Beziehungen bezieht. Maintain Social Capital umfasst beispielsweise Bindungen zu Schulfreunden oder Ferienbekanntschaften, welche aufrechterhalten werden. Die Studie untersucht weiter auch Zusammenhänge zwischen Zufriedenheit, Selbstvertrauen und sozialem Kapital im Bezug auf die Nutzung von Facebook. Eine Hauptaussage ist, dass Facebook die Funktion Beziehungen aufrechtzuerhalten gut erfüllt. Folglich wird Facebook oftmals sogar primär genutzt um Freundschaften aufrechtzuerhalten. Weil sich die Studie an einer anderen Forschungsfrage orientierte, wurden bezüglich dieser Dyaden kaum detaillierte Aussagen gemacht. Man hat sich nicht auf Beziehungen beschränkt, welche mehrheitlich mit Facebook gepflegt werden. Denn es ist zu beachten, dass man Beziehungen, welche
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mehrheitlich mit Facebook gepflegt werden, zusätzliches Soialkapital darstellen könnten. Diesem Sachverhalt hat diese Studie kaum Beachtung geschenkt. In der Studie von Wellmann, Quan Haase, Witte, und Hampton (2001) wurde dieser Aspekt beachtet. Es ist problematisch, die Aussage in den Raum zu stellen, dass SNS Sozialkapital generieren, wenn nicht geklärt ist, ob dieses Sozialkapital auch ohne SNS institutionalisiert würde. Richtungweisend ist diesbezüglich die Arbeit Williams (2006). Er betont die Trennung von Online und Offline-Sozialkapital, weil er der Meinung ist, dass Wissen über Sozialkapital im Kontext der Nutzung bisheriger Medien (z.B. Radio, Fernsehen) nicht einfach auf neue Medien, wie z.B. das Internet, adaptiert und ohne Vorbehalt übernommen werden dürfen. Dank Putnam (2000, S. 23-24) stand die Nachfrage nach einer gut operationalisierten Methode zur Erhebung von sozialem Kapital im Raum: „I have found no reliable, comprehensive, nationwide measures of social capital that neatly distinguish 'bridgingness' and 'bondingness'". Williams (2006) widmete sich der Ausarbeitung von Skalen zur Messung von online Sozialkapital und entwickelte die Internet Social Capital Scales (ISCS). Die ISCS werden bei Ellison et al. (2007) in Bezug auf die SNS Facebook adaptiert und leicht gekürzt. Die vorliegende Arbeit will an dieser Stelle anknüpfen und fokussiert daher auf Bindungen, die mehrheitlich mit Facebook gepflegt werden und Bindungen, die ohne Facebook nicht institutionalisiert und somit wegfallen würden. Die ISCS und deren Ausarbeitung im Bezug auf Facebook bilden das methodische Grundgerüst der vorliegenden Arbeit. Gleichzeitig berücksichtigt die vorliegende Arbeit auch den diesbezüglich verwendeten Begriff Maintain und dessen Bedeutung bei SNS (Ellison et al. 2007).
Hypothesen
Aufbauend auf dem bisherigen Bezugsrahmen und dem Ziel, die Ergebnisse der genannten Studien zu ergänzen, sollen nun im folgenden Kapitel die Hypothesen der vorliegenden Arbeit vorgestellt werden.
Die Studie von Ellison et al. (2007) hat aufgezeigt, warum SNS wie Facebook so populär sind: mittels Facebook werden primär Beziehungen aufrechterhalten, oftmals auch Bindungen, welche sich räumlich erweitert haben. Nach der Theorie ist davon auszugehen, dass dies mit dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag bei der internetgestützten Pflege von Beziehungen zu tun hat (Burg 2004, S. 10). Auch wenn Ego und Alter zusammen nur selten kommunizieren, so ist Alter im Idealfall ständig kontaktierbar. Mit dem dafür verwendeten Begriff Maintain, welchem die Übersetzung ins Deutsche nicht gerecht wird, benennt diese
Arbeit zitieren:
Stefan Allemann, 2009, Nutzung von Social Networking Sites zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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