EINE FREIE ENTSCHEIDUNG ZUR RECHTFERTIGUNG DER ETHIK
EINE FREIE ENTSCHEIDUNG ZUR RECHTFERTIGUNG DER ETHIK
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. 3
I. Gang der Untersuchung und Einleitung. 5
a) Ein Abriss der Entwicklung des Denkens von 1000 bis heute. 6
b) Die Frage nach dem ethischen Bewusstsein der gegenwärtigen Gesellschaft
oder : von den Zwängen der Freiheit. 12
II. Kritik an der Ideologie der fortgeschrittenen Leistungsgesellschaft. 15
1. Von Selbstzwängen und Angstneurosen. 15
2. Das leidige Muss einer notwendigen Freiheit. 20
3. Wie der Verlust der inneren Freiheit in der Politik sich auf die
Bildungssituation in Deutschland auswirkt. 24
a) Die Allgemeinheit und der Einzelne. 24
b) Die Schule. 25
c) Universitäten und Fachhochschulen. 27
4. Angst und Kontrolle als Voraussetzung für Freiheit und Bildung. 34
III. Die Freiheit der Entscheidung als subjektive Voraussetzung für wissenschaftliche
Objektivit ät. 39
Exkurs : Die Mannigfaltigkeit von Theorien. 52
Appendix. 61
Zusatzaufsatz über die oben erwähnten Unterschiede monistischer und dualistischer
Positionen :
Epistemologische Reflexionen zum Leib-Seele-Problem im Kontext
naturwissenschaftlicher und philosophischer Überlegungen: Ist es mit den uns zur
Verfügung stehenden Mitteln möglich, das Problem von Leib und Seele zu
charakterisieren ? 62
Literaturverzeichnis. 81
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Abbildungsverzeichnis
Abb. III-1: Stellenangabe der Funktion bei ................................................................ 53 0 ε >
Abb. III-2: Rechts- und linksläufige Annäherung an die Lücke f(2) in 10tel Schritten........ 54
Abb. III-3: Rechtsläufige Annäherung.................................................................................. 55 Abb. III-4: Linksläufige Annäherung....................................................................................55
Abb. Appendix 1: Die Bundesländer im Standortwettbewerb..............................................61
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I. Gang der Untersuchung und Einleitung
Zunächst (Teil I) wird ganz grob die Richtung verdeutlicht, die das Denken in den vergangenen tausend Jahren eingeschlagen hat. Es geht dabei um die Klärung der Frage, wie und warum sich das Denken vom ptolemäischen zum kopernikanischen Weltbild verschoben hat und welche Konsequenzen diese Veränderung nach sich zog, d.h., wie sich diese Veränderung auf das ethische Bewusstsein und vor allem (Teil II) auf die allgemeine Gesellschaftsideologie auswirkt. Es geht darum, die teils widersprüchlichen Positionen in Bezug auf gesellschaftskritische Äußerungen ins rechte Licht zu rücken und sie stets auf den geisteswissenschaftlichen Begriff der Freiheit hinzuordnen. Neben der Diskussion um die Bildungspolitik werden die unterschiedlichen wissenschaftlichen Denkweisen der Geistes-und Naturwissenschaften eingeleitet, deren Probleme im Teil III ausführlicher behandelt werden. Hier geht es um das Problem zwischen Subjektivität und Objektivität, Geist und Materie, Wissen-Können und Nicht-Wissen-Können im Rahmen der für jede Theorie notwendigen Entscheidungen des Subjekts.
Die Untersuchung wird zunehmend spezieller: Von der Veränderung des gesellschaftlichen Denkens in der Vergangenheit, dem ethischen Bewusstsein der Gegenwart, der Kritik an der Gesellschaft, der Diskussion um die Bildung hin zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Geistes- und Naturwissenschaften.
Von ganz entscheidender Bedeutung für alle Teile sind die Begriffe Freiheit, Entscheidung und (darauf Bezug nehmend) Zwang. Die Begriffe Freiheit und Entscheidung bilden die Grundlage für jeden Rechtsstaat. Sie sind nicht in der Weise begründbar wie naturwissenschaftliche Begriffe. Innerhalb eines naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes verlieren sie unter Umständen ihren Anspruch. Wenn dies geschieht, werden die menschlichen Grundrechte an Bedingungen geknüpft, die sich kontrollieren lassen. Dies widerstrebt dem Sinn der Freiheit, der freien Entscheidung und zwingt das Denken der Menschen in eine Richtung, die nicht durch den eigenen Willen bestimmt wird. Die Untersuchung will relativ nüchtern aber entschieden zeigen, dass zum einen Schwarzmalerei nicht angemessen ist, gleichzeitig aber bei dem eingeschlagenen Weg Vorsicht geboten ist. Sie will Geistes- und Naturwissenschaften vermitteln, sie aber nicht zu einer übergeordneten Wissenschaft zusammenbinden. Eine freie Entscheidung, Ethik zu rechtfertigen, d.h. plausibel zu machen, braucht das Wissen um die allgemeingesellschaftliche Situation, das Wissen um die Probleme der Bildung und der Wissenschaften und das Wissen
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um ihren eigenen Gültigkeitsbereich und Standpunkt. Genau diese Gebiete werden behandelt. Bloß Rechtfertigung der Ethik zum Titel zu wählen, verkürzte das Grundsätzliche jeder ethischen Rechtfertigung: die freie Entscheidung, die sich nicht vollständig rückbinden lässt an Bedingungen, andernfalls Freiheit eine Illusion wäre.
a) Ein Abriss der Entwicklung des Denkens von 1000 bis heute
Die Welt im Bereich des Abendlandes war im Jahre 1000 von Spiritualität umschlossen. 1 Die mächtigen Vertreter der christlichen Kirche nahmen gewaltigen Einfluss auf die Denkweise des Volkes. Gottes Vorhersehung für die Menschen war das Zentrum dieser Gedanken. Die persönliche Entwicklung war abhängig vom Stand in der Gesellschaft. Der Bauer hatte schlechtere Voraussetzungen als der Aristokrat. Über diesen standen nur die Kleriker, die als oberste Schicht das Denken der Menschen in Richtung ihrer Erlösungsbedürftigkeit lenkten. Die Strafe für ein Leben gegen die klerikalen Bestimmungen war die ewige Verdammnis. Die Angst vor dem Höllenreich ließ den Leuten keine Wahl. Sie mussten sich für Gott entscheiden. Diese Entscheidung bekundeten sie durch die Taten, die den engen klerikalen Regeln gemäß waren. 2 Die Welt verstanden sie nicht als komplexes Zusammenspiel wissenschaftlich erklärbarer Gesetzmäßigkeiten, sondern als von Gott und vom Teufel definiertes Phänomen. Gewitter, Sturm, Missernte, Krankheit etc. waren Anzeichen eines ungemäßen Lebens. Die Menschen waren stets besorgt, ob ihre Taten den guten Willen Gottes oder die Böswilligkeit des Teufels auf sich zogen.
Vom 14. bis 16. Jahrhundert brach die Vorherrschaft der Kleriker zunehmend. Sie verletzen ihre eigenen Regeln durch Unsittlichkeiten wie die Annahme von Bestechungsgeldern, durch die sich die Regierung bei Verletzung der Gebote freikaufte, oder Geschlechtsverkehr, der in Vergewaltigung mündete und gegen das Keuschheitsgebot verstieß. 3 Das muss eine tiefe Verstörung im Volk verursacht haben; schließlich waren die Kleriker die einzigen, die die Schrift auszulegen vermochten und daher die Regeln eines gemäßen Lebens bestimmten konnten. Martin Luthers Bestreben nach Abkopplung von der päpstlichen Kirchefälschlicherweise als eine häretische Einstellung missverstanden 4 - zeugt vom Versuch, ihrer Selbstgerechtigkeit entgegenzuwirken und jedem den Zugang zu den Schriften zu
1 Vgl. Scholl, Norbert: Das Glaubensbekenntnis. München 2000, 6.
2 Und wer nicht wollte, wurde gezwungen. „Häretiker sind zu ihrem eigenen Heil auch gegen ihren Willen zu zwingen“ (Decretum Gratiani, c. 38 C. 23 q. 4), zit. nach Franzen, August: Kleine Kirchengeschichte. Freiburg i.Br. 2006 (Neuauflage), 99.
3 Vgl. Schwanitz, Dietrich: Bildung. München 20 2002, 103.
4 Vgl. Eder, Manfred: Kirchengeschichte. 2000 Jahre im Überblick. Osnabrück 2008, 147.
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ermöglichen. 5 Von diesem Misstrauen gegenüber einer uneigennützigen Auslegung her ist das Sola-Scriptura-Prinzip zu verstehen. 6 Mit dem wachsenden Misstrauen gegenüber klerikalen Bestimmungen - so lässt sich die Entwicklung wohl insgesamt charakterisieren - verliert die Kirche nach und nach ihre Glaubwürdigkeit und die von ihr propagierte Realität die Gültigkeit. 7 Das gesamte Weltbild, der Daseinsgrund des Menschen, bricht mit diesem Misstrauen zusammen. Nun sind die Menschen auf sich gestellt; die über sie bestimmende Autorität ist der Skepsis anheim gefallen. Die Kirche war in Misskredit geraten und die Menschen begannen, sich ein neues Weltbild aufzubauen. Als Galilei den sechs kopernikanischen Büchern über die Himmelskörper (herausgegeben 1543) ein gewisses Recht einräumte und später in seinem Werk Dialogo das ptolemäische Weltbild durch eines ersetzte, das dem des Kopernikus näher stand, ließ Papst Urban VIII. ihn nach langen Prozessen unter Androhung der Folter schwören:
Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles, was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt. 8
Die Welt drehte sich nicht um die Sonne, sondern umgekehrt.
Doch mit der Zeit verlor diese Sicht ihre Anhänger und das dreistöckige Bild vom Aufbau des Universums (Himmel, Erde, Hölle) fiel zugunsten des Kopernikus zusammen. Die Welt war nicht mehr der Mittelpunkt des Alls. Die Auswirkungen waren immens. Die Menschen mussten nun begreifen, dass ihre ganz besondere Beziehung zu Gott womöglich ungerechtfertigt war. Die Verantwortlichkeit lag nun bei ihnen selbst: Starb jemand, gab es eine schlechte Ernte oder ein Unwetter, war nicht Gott oder der Teufel der Bestrafer der Sündigen, sondern die Ursache ließ sich naturkausal verfolgen und erklären. Pflanzen wuchsen nicht mehr, weil Gott es wollte, sondern aufgrund komplexer biomechanischer Prozesse. Das pneumatische Weltbild veränderte sich demgemäß zu einem wissenschaftlichen.
Hier setzt die Moderne ein: Auf Spekulation oder kirchlicher Auslegung beruhende Definitionen über die Beschaffenheit des Universums wurden infrage gestellt. Und obwohl die Menschen des 16. Jahrhunderts zunächst den Verlust des ptolemäischen zugunsten des
5 Das ist sicherlich etwas scharf formuliert, doch der Umstand, dass Luther die Gerechtigkeit aus dem Glauben ableitete (nach Röm 1,17) - ein Glaube, der nicht erkauft werden konnte durch einen fiduziarischen „Unterpfand“ in Form von Ablässen - zeigt sein Bestreben, kirchlich-staatliche Missstände aufzudecken.
6 Vgl. Franzen: a.a.O., 253.
7 Luthers „Gefolgschaft“ zeigt, dass man bereit war, die päpstliche Kirche zu kritisieren und zu reformieren. Etwas, das bis heute ganz entschieden angehalten hat.
8 Vgl. Hemleben, Johannes: Galileo Galilei. Reinbek 19 2006, 7.
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kopernikanischen Weltbildes schwerlich akzeptierten, musste die Skepsis langfristig siegen. Es ist leicht nachzuvollziehen, warum eine recht lange Zeit bis zur allgemeinen Akzeptanz verstrich. Die Trennung von der Vormundschaft der Kirche entließ jeden einzelnen in seinen eigenen Verantwortungsbereich. Und so klammerte sich „das ganze 16. Jahrhundert an das alte ptolemäische Weltbild. Mit der drohenden kosmischen Heimatlosigkeit stieg sogar der Aberglaube. Der Himmel wurde zu einer nächtlichen Landkarte der Angst. […] Krasser Unsinn verbreitete sich. So glaubte man tatsächlich, das Sternzeichen der Geburtsstunde entscheide über das ganze Schicksal.“ 9 Das wird zum einen nachvollziehbar, wird bedacht, wie hilflos ungebunden sich viele fühlten, denen womöglich ein lebenslanger Glaube entzogen war, zum anderen, weil dieses Verhalten noch teilweise dem der heutigen Menschen entspricht, die denselben Aktivitäten nachgehen, d.h. sich astrologisch beraten lassen und dergleichen (selbstverständlich kostet eine Beratung Geld). Ähnlich wie viele Menschen heute, wandten sich die damaligen dem Aberglauben zu. Welch große Faszination musste diese neue Art der Lebensdeutung für diese Menschen gehabt haben, wo sie doch nun wussten, dass ihr Tun nicht Gottes unmittelbaren Zorn heraufbeschwören konnte. In gewisser Weise war der Hang zum alten Weltbild die Hinwendung zu einer der Tradition gemäßen Vertrautheit.
Nichtsdestotrotz veränderten die neuen Erkenntnisse das Verständnis von den Dingen. Dieses neue Denken brauchte eine wissenschaftliche Methode, um die Ergebnisse der Forscher in Konsens zu bringen. Da aufgrund der Vergangenheit jede transzendente, pneumatische, eben nicht faktisch überprüfbare Behauptung große Skepsis hervorbringen musste, fanden nur noch die „harten Daten“ Beachtung. Doch wo war Gott in diesen Daten zu finden? Die Hauptaufgabe war es doch, Gottes Denkweise nachzuvollziehen. Es war nun klar, dass er das Universum so eingerichtet hatte, dass alles gut auch ohne ihn funktionierte. Alles wurde erklärbar durch Kausalvernetzungen und Ursache-Wirkungs-Verkettungen. Und bei den Dingen, von deren Zustandekommen man noch keine Ahnung hatte (z.B. Schwerkraft), verließ man sich darauf, dass die eindeutigen Methoden der Wissenschaften zukünftig Ergebnisse zutage fördern würden. Die Gesellschaft selbst ist damit um viele Figuren ärmer geworden. Gesellschaft war nunmehr gleichbedeutend mit Menschheit. Es gab keine Dämonen, keine Engel, keine jenseitigen Übergriffe mehr. Gott ist bloß noch der am Anfang stehen gebliebene Schöpfer des Universums, der Initiator der Himmelsgesetze. Die Welt selbst entstand aus diesen Gesetzen. Jedes Eingreifen Gottes hätte die Ordnung der Welt nur gestört, weswegen Wunder und dergleichen in das Reich des Aberglaubens verbannt wurden.
9 Schwanitz: a.a.O., 155.
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Die Welt als die „beste aller möglichen Welten“ 10 war ein Uhrwerk, das Verbesserungen nicht mehr aus einer jenseitigen Quelle, sondern aus dem zukünftigen Wissen erhoffte und damit ihr Schicksal ganz in Menschenhand legte. Und obwohl alles zunehmend verständlicher erschien, vermochten die neuen Wissenschaften die grundsätzliche Eingangsfrage - die Frage aller Fragen - nicht annähernd zu beantworten: Wer ist der Mensch im Verhältnis zu Gott? Im Laufe der Zeit und der in ihr stattfindenden „anthropozentrischen Verschiebung“ trat diese Frage unter das großartige Licht der französischen Aufklärung, die den Obskurantismus der christlichen Kirche ebenso harsch angriff wie den Mythos und den Aberglauben. Das neue Wissen über die Natur weltimmanenter Dinge fand Eingang in die französische Ausgabe der englischen Cyclopedia von 1711. Zunächst mit Denis Diderot und Jean d’Alembert erweiterte sich die französische Ausgabe um das Gedankengut der aufgeklärten ‚philosophes’, die mit der Kraft der Vernunft als oberstes Wirkprinzip im Menschen alle nur denkbaren Dinge unter den Oberbegriff der Natur ordneten: Es entstand eine natürliche Psychologie, natürliche Ethik, natürliche Philosophie und natürliche Theologie. Alle Dinge waren auf irgendeine Weise naturkausal bedingt. Auch der Glaube wurde zum insgeheimen Wunsch einer jenseitigen Erfüllung, die als „Privateschatologie“ den neuen gesellschaftlichen Erkenntnissen entgegenstand. 11 Hier lässt sich schon der spätere Projektionsgedanke Feuerbachs erkennen, wonach die Sehnsüchte und Hoffnungen des Menschen im Oberbegriff ‚Gott’ subsumiert und als Glaube überhöht werden. Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das spirituelle ptolemäische Weltbild immer mehr an Gültigkeit und Glaubwürdigkeit verlor, während die naturwissenschaftlichen Methoden so sehr überzeugten, dass die französische Ausgabe der Enzyklopädie zur Bibel des Bürgertums wurde, bis sie 1765 mit der dreiundvierzigsten ihre
10 Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee. Neuauflage erschienen bei Suhrkamp: Frankfurt a.M. 2009, § 201. Die Welt als Uhrwerk ist natürlich nicht im Sinne Leibniz’. Diese Metapher wird bemüht, weil dadurch die Verdrängung und nachfolgende Substitution seines Gedankens durch die Uhrwerk-Analogie in all ihrer Schwere zur Geltung kommt.
Anm.: Leibniz hatte über die Auswahl der möglichen Welten formuliert: „Könnten wir die Struktur und Ökonomie des Universums verstehen, dann würden wir finden, dass es nach dem Wunsche des Weisesten und Tugendhaftesten erschaffen ist und regiert wird, da Gott es gerade so erschaffen musste. Indessen ist diese Notwendigkeit eine moralische […]. Aber da sich alle Möglichkeiten untereinander in ein und derselben Weltverknüpfung nicht vertragen, so kann eben aus dem Grunde nicht alles Mögliche hervorgebracht worden sein, und Gott kann, metaphysisch gesprochen, zur Erschaffung der Welt nicht gezwungen worden sein. So wie Gott sich entschieden hatte, irgendetwas zu schaffen, gerieten alle Möglichkeiten untereinander in Wettstreit, denn sie alle verlangen nach Wirklichkeit; und dabei siegten diejenigen, die zusammen die größte Realität, Vollkommenheit und Vernünftigkeit erzeugen.“ (Hervorhebung von mir.) Vgl. dazu auch: Koslowski, Peter: Gesellschaftliche Koordination. Tübingen 1991, 22.
Das von Leibniz Gesagte ist hier unter zwei Gesichtspunkten bemerkenswert: Zum einen kann nach Leibniz’ Auffassung das Beste nicht erzwungen werden, was in Bezug auf die im zweitel Teil dieser Arbeit angelegte Gesellschaftskritik interessant ist. Zum anderen erinnert die heutige neokreationistische Theorie des Intelligent Design an die Idee der Erschaffung der Welt aus konkurrierenden Möglichkeiten des Bewusstseins.
11 Vgl. Schwanitz: a.a.O., 176-178.
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letzte Auflage erfuhr. 12 Die alte Weltordnung wurde durch sie zersprengt, weil sie das Herz der französischen Revolution war. Religion wurde durch Wissenschaft, Glaube durch Vernunft ersetzt. Für die Protagonisten eines „vernünftigen Glaubens“ jedoch blieb die zentrale Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott bestehen. Der Hauptgedanke, ob hinter der fantastischen weltlichen Ordnung nicht das Prinzip eines Obersten Ordners stecken müsse, ist heute genauso präsent wie damals; doch dies ist im eigentlichen Sinne keine naturwissenschaftliche Frage.
Als die Menschen merkten, dass die wissenschaftliche Forschung sie hinsichtlich der Gottesfrage nicht beraten konnte, also kein neues Bild/keinen Beweis von Gott und dem Daseinsgrund der Menschen zu liefern imstande war, sie aber gleichzeitig keiner anderen als der naturwissenschaftlichen Instanz trauten, blieb ihnen nur übrig zu warten. Sie warteten auf die zukünftigen wissenschaftlichen Errungenschaften, auf einen physischen Beweis für die Existenz Gottes; alles andere war Aberglaube. In diesem Sinne war Immanuel Kant als wichtiger Vertreter der Aufklärung noch nicht radikal genug, wenn er von Gott sprach. Er tat dies nämlich nur im Glauben an seine eigene Transzendentalphilosophie. Ohne einen Gott, seien die Ideen der Sittlichkeit nicht „Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung“ 13 . Glückseligkeit allein billige unsere Vernunft nicht, wenn sie nicht mit dem sittlichen Wohlverhalten vereinigt ist. Man müsse für das vollständige Gut des Glückes würdig sein. Ob, das entschiede die eigene Vernunft. Hier führt Kant den von der praktischen Vernunft zu erreichenden Begriff des einigen Urwesens 14 als des höchsten Guts an. Von diesem würden die moralischen Gesetze abgeleitet, die das Subjekt in der Welt auch derb benachteiligen
12 Ebd.
13 Zunächst angesprochen in der KrV AA 527, sodann in der KpV erklärt durch das „Faktum der Vernunft“, AA 30. Daneben gilt, dass die Triebfedern nicht unabhängig sind von der Weltimmanenz. Norbert Fischer formuliert in seinem Buch Kants Metaphysik und Religionsphilosophie. Mainz 2004, 122: „Mit dem Ausschluss der Erfahrung oder eines äußeren Willens hat Kant nicht jeden Bezug auf Anderes, sondern nur die empirischen Prinzipien im Auge, die als empirische Regeln eben keine praktischen Gesetze abgeben können.“ Zu Hume und seinem empirischen Verständnis gibt Kant selbst in überaus weitsichtiger Weise zu denken: vgl. AA KpV 12-14, ohne dass er das Nachdenken über das rechte Handeln (praktische Vernunft), das durch die Transzendentalität (reine Vernunft) möglich wird, als irgendwie von der Welt abgekoppelt sieht, denn Handeln selbst kann ja nur weltimmanentes Handeln sein.
14 AA XVII 429 und bes. AA XVII 430, 18-28: „Es ist eine nothwendige Hypothesis der Vernunft als eines principii der Einheit aller unserer Erkentnisse, ein einiges allgemeines Urwesen als principium von allem anzunehmen, dieses wesen als Verstandig anzunehmen, weil nur dadurch, daß es durch Verstand die Ursache von allem ist, die Welt nach regeln angeordnet ist, dadurch sie ein obiect vor unsern Verstand wird, endlich als eine Ursache durch vernünftige willkühr, damit sie ein principium eines Vernünftigen Willens vor vor uns sey und der allgemeinen Einheit aller unserer freyen Handlungen. Der theism ist also nicht eine dogmatische Behauptung, sondern eine nothwendige Hypothese des durchgangig einstimmigen Gebrauchs der Vernunft, vornemlich der selbstgnugsamkeit derselben.“ Anm. zur vernünftigen Willkür: Das Wort ‚Willkür’ wurde im Ggs. zu heute bis ins 18. Jh. hinein lobend für die Handlungen und Entscheidungen nach freier Wahl benutzt: „Willkür, Substantiv (femininum) Standardwortschatz (13. Jh.), mittelhochdeutsch will(le)kür, mittelniederdeutsch willekōr (maskulinum). Wie altfränkisch wilkere maskulinum/femininum als »Wahl nach eigenem Willen« aufzufassen.“: Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin 24 2002, 990.
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können. Die moralischen Gesetze mit ihren praktischen Notwendigkeiten können lt. Kant nur von einer selbstständigen (transzendentalen) Ursache her gedacht werden. Damit das Sittliche (darin: das Gerechte) bestehen kann, müsse dem moralischen und damit glückswürdigen Menschen die ihm zustehende Glückseligkeit zukommen. Dies aber könne nur geschehen in einem Leben, das nicht das weltliche ist (Postulat der Unsterblichkeit 15 ). Auf diese Weise setzt Kant die Gerechtigkeit als ein rechtes Maß im Urteil über die Menschen an. Der stets durch die nichtverzeckte Moral handelnde Mensch, der in seinem Leben nichts als Unglück erfährt, kommt dann - damit Gerechtikeit besteht - in das Glück des jenseitigen Lebens. Die Prämisse, auf der alles ruht, ist die Behauptung, dass jedem Menschen letztlich Gerechtigkeit zukomme. Da dieser Gedanke durch keine Naturwissenschaft verifizierbar oder falsifizierbar ist, bleibt der Zweifel an der Richtigkeit der kantischen Aussage solange bestehen, bis ein faktischer Beweis gefunden wird oder ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel erfolgt. Bis ein solcher Beweis gefunden würde, hatten die Menschen gelernt, sich die Welt nutzbar zu machen. Denn es bleibt ja nur die Nützlichkeit/die Funktionalität, wenn Spiritualität verloren geht. Das Erstreben von wirtschaftlicher Sicherheit als Substitut für die verlorene spirituelle Sicherheit der Glaubenszeit ist eine Ersatzbeschäftigung. Sie vermeidet die Frage ‚Wer ist der Mensch im Verhältnis zu Gott?’ und ersetzt sie durch den Agnostizismus, da davon ausgegangen wird, dass die Frage zwar ernst aber ohnehin nicht lösbar sei. Die Unlösbarkeit macht sie in einer ergebnisorientierten Gesellschaft überflüssig. Zu oft erwiesen sich die Postulate des Glaubens in der Vergangenheit als unhaltbar, als dass sie nach all dieser Zeit noch eine Chance auf Vertrauen verdient hätten. Real wurde das, was man sehen, fühlen, errechnen konnte - alles andere war Privatsache. (Von daher ließen sich möglicherweise die Eliminationsgedanken heutiger Philosophen erklären, die Fragen in Richtung nichtfassbarer Wirklichkeiten verwerfen. 16 ) Die nichtfassbare Wirklichkeit war zutiefst unakademisch und unwissenschaftlich geworden und ist es im Grunde bis heute geblieben. Der von Herbert Marcuse beschriebene sublimierte Bereich der Seele und des Geistes hat seine Wirkmacht verloren.
Es handelt sich um ein rationales Universum, das aufgrund des bloßen Gewichts und der
Leistungsfähigkeit seines Apparats jedes Entrinnen vereitelt. In ihrer Beziehung zur Realität des
täglichen Lebens bestand die hohe Kultur der Vergangenheit in mancherlei - in Opposition und
Ausschmückung, in Aufschrei und Resignation. Aber sie war auch die Erscheinung des Reichs der
Freiheit: die Weigerung, sich zusammen zu nehmen. Einer solchen Weigerung lässt sich kein
Riegel vorschieben, ohne dass ein Ersatz gewährt würde, der befriedigender scheint als die
15 Vgl. AA KpV 124.
16 Z.B. Daniel Dennetts Qualiaeliminativismus.
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Weigerung. Die Bewältigung und Vereinigung der Gegensätze, die in der Transformation von
höherer in populäre Kultur ideologisch verklärt wird, findet statt auf einem materiellen Boden der
Befriedigung. Dieser ist es denn auch, der eine durchgreifende Entsublimierung gestattet. 17
Insofern der Konsum „die Inanspruchnahme von Gütern und Dienstleistungen [in die hinein die hohe Kultur lt. Marcuse reduziert wird] zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung durch private oder öffentliche Haushalte“ 18 ist, erscheint die populäre Kultur manchem als eine reine Konsumgesellschaft. In der Unmittelbarkeit der Befriedigung zeigt sich ihr Hedonismus. Bedeutet das nun, dass der gegenwärtigen Gesellschaft die Ethik abhanden gekommen ist?
b) Die Frage nach dem ethischen Bewusstsein der gegenwärtigen Gesellschaft oder: von den Zwängen der Freiheit
»Gut«, sagte der alte [chinesische und immerfreundliche] Mönch, »ein Besucher wartet auf mich.
Aber es hat mir Vergnügen bereitet, dass wir ein bisschen Zeit zusammen verbringen konnten.«
Hector hatte schon die ganze Zeit Lust gehabt, ihm eine Frage zu stellen, und so brachte er sie jetzt
vor: »Als wir uns das erste Mal sahen, haben Sie mir gesagt: Es ist ein Irrtum zu glauben, Glück
wäre das Ziel. Ich bin nicht sicher, ob ich das richtig begriffen habe.«
»Ich meinte so ein Ziel, wir ihr es in eurer Kultur immer so schön abzustecken wisst; dadurch habt
ihr ja übrigens so viele interessante Dinge vollbracht. Aber Glück gehört nicht in diese Kategorie.
Wenn Sie es sich abstecken, werden Sie es mit großer Wahrscheinlichkeit verfehlen. Und wie
wollen Sie jemals wissen, dass Sie es erreicht haben?« 19
In seinem Buch Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück lässt der Autor François Lelord seinen Protagonisten durch die Welt reisen. Er lernt dabei viele verschiedene Menschen kennen und zieht aus dem, was er erlebt, Lehren, die er in Form von Lektionen über das Glück in seinen Notizblock einträgt. Es wird deutlich, dass die Definition von Glück ein äußerst schwieriges Unterfangen ist. Lelord lässt ihn keine festen Regeln formulieren, wie man glücklich wird. Vielmehr ist es am Ende des Buches die Erfahrung Hectors mit anderen Menschen, die ihn in Bezug auf Dinge und Personen verändert hat, so dass man ihn glücklich nennen könnte.
17 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. München 6 2008, 91.
18 Pollert, Achim; Kirchner, Bernd; Polzin, Javier Morato: Lexikon der Wirtschaft. Bonn 2004, 28.
19 Lelord, François: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. München 17 2008, 171. François Lelord studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater. Promotion 1985 mit dem Thema Kognitive Therapieformen bei Depressionen.
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Hectors Ziel war es, seinem Nachdenken über das Gute eine bestimmte Richtung zu geben und dadurch zu erfahren, was das Glück ist. Der alte Mönch hat ihn gelehrt, dass er sein Wollen nicht so sehr auf ein Ziel ausrichten solle, dass das Glück selbst nicht das Ziel sei. Wer das Glück krampfhaft zu erreichen sucht, der verfehle es. Ist Glück also - wie Aristoteles sagt 20 - das höchste Gut?
In Karl Mays Und Friede auf Erden heißt es: „Jeder Mensch will glücklich werden; das ist falsch. Jeder Mensch soll glücklich machen; das ist richtig.“ Es macht Freude, Freude zu machen und - wie Ricarda Huch sagt - „Liebe ist das einzige, was wächst, indem wir es verschwenden.“
Wir interpretieren: Glück ist etwas, das nicht von selbst kommt, sondern etwas, das durch Handeln entsteht.
Die Wörter von Karl Mays Und Friede auf Erden entsprechen dem Anfang das lateinischen Gloria-Hymnus: Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Die Standardübersetzung des Gotteslobes Nr. 354 („Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“) ist recht ungenau. Exakter, wenngleich unschöner ist: Ruhm/Ehre soll in Gott in der Höhe und im Frieden auf Erden den Menschen guten Willens sein. Gloria ist ins Deutsche nur schwach mit Ehre/Ruhm zu übersetzen. Es ist dabei eher an die der Gloriole immanente Verehrung von Heiligen zu denken.
Wir interpretieren: Der Friede auf Erden soll diejenigen Menschen erreichen, die guten Willens sind. Dieser Friede ist heilig.
Wodurch wird dieser Wille bestimmt? Ist das höchste Gut ein guter Wille selbst, oder geht es aus ihm hervor? (Überdies: Ist es nicht tautologisch, ein Gut über einen guten Willen bestimmen zu wollen?) Können wir nicht, da Hector eine Weltreise gemacht hat und nun glücklich(er) ist, das Handeln zum Maßstab des höchsten Guts machen? (Bei Karl May hieß es ja: Jeder Mensch soll glücklich machen)
Hectors Reise wurde in vielen Ländern zum Bestseller. Jeder kennt Karl May, jeder kennt das Gloria, und den „Huch-Spruch“ lesen wir bisweilen häufig an Litfaßsäulen und Bushaltestellen. Es ließen sich noch ganz andere, jedem bekannte Beispiele finden. Im Grunde zeigt diese recht willkürliche Auswahl, dass die drei großen Felder der traditionellen Ethik (höchstes Gut, richtiges Handeln, freier guter Wille) durchaus im Bewusstsein der Gesellschaft verankert sind. Wer behauptet, diese Dinge korrodierten in der Lustgesellschaft der Fernsehkinder, der sollte sich vor Augen führen, dass sich die
20 Vgl. NE 1095a 17.
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inhaltlichen Vorlieben fernsehender Jugendlicher in zwei Extreme aufspalten: Komödien (75%) und Horrorfilme (72%) 21 - beides hat mit der Außenwelt der Realität nicht viel zutun. Über 83% der Jugendlichen sehen allein fern. Der Fernsehkonsum pendelt von durchschnittlich 2,75 Stunden am Tag bei Gymnasialschülern bis zu 4,75 Stunden am Tag bei Sekundarschülern. 22 Wer könnte da von einer Lustgesellschaft sprechen, deren „Aktivitäten“ besonders große Lust/Freude bereiten? Es geht eher wieder in Richtung der 1962 von Herbert Marcuse aufgezeigten Paralyse des eindimensionalen Menschen, die heute allerdings aus einer Überforderung resultiert, wie wir noch zeigen. Es mag eine Korrosion geben, aber sie ist nicht das Ergebnis einer ständigen Befriedigung aus Lust und schon gar nicht aus Glück. Im Gegenteil wollen doch viele der Menschen (wieder) glücklich werden, was bedeutet, dass sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt unglücklich sind. Am 12.09.2007 schreibt der Spiegel: „Als erste in Deutschland unterrichtet eine Heidelberger Schule das Fach "Glück". Es kann sogar für das Abitur zählen.“ Mittlerweile ist Glück so populär, dass die Psycho-Literatur unüberschaubar geworden ist. Doch warum ist es so wichtig? Schule, so sagt der Heidelberger Schuldirektor im Spiegel-Interview, müsse wieder mehr sein als bloß eine Qualifizierungsanstalt. Bildung solle nicht mehr nur Schulbildung sein. 23 Der Schulleiter grenzt sich also ab, das Glück als Mittel zum Zwecke der Leistungssteigerung zu missbrauchen.
Geht es in unserer Gesellschaft nur um Leistung?
Im selben Jahr, in der das Fach ‚Glück’ in Heidelberg eingeführt wurde, schreibt Wilhelm Heitmeyer in der Zeit:
Die Ergebnisse zeigen, dass über ein Drittel der Deutschen den Aussagen tendenziell zustimmen,
die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3 Prozent) und menschliche Fehler
nicht (mehr) leisten (34,8 Prozent). Etwa 40 Prozent der Befragten sind der Ansicht, in unserer
Gesellschaft würde zuviel Rücksicht auf Versager genommen. Zuviel Nachsicht mit solchen
Personen gilt 49,9 Prozent als unangebracht, und etwa ein Viertel stimmt der Aussage zu, dass
moralisches Verhalten ein Luxus ist. 24
Offenbar gibt es so etwas wie ein ethisches Bewusstsein (besser: „Glückssuche“) der Gesellschaft. Doch wenn moralisches Handeln - bei aller Vorsicht, mit der solche Daten zu genießen sind - einem Viertel ein Luxus ist, was macht eine solche Gesellschaft dann aus?
21 Vgl. Treumann, Klaus Peter; Meister, Dorothee; Sander, Uwe; Burkatzki, Eckhard; Hagedorn, Jörg; Kämmerer, Manuela; Strotmann, Mareike; Wegener, Claudia: Medienhandeln Jugendlicher: Mediennutzung und Medienkompetenz : Bielefelder Medienkompetenzmodell. Wiesbaden 2007, 87.
22 Vgl. ebd., 79f.
23 Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,505005,00.html, 06.03.09.
24 Heitmeyer, Wilhelm: Moralisch abwärts im Aufschwung. In: „Die Zeit“ Nr. 51, 13.12.2007, 14.
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II. Kritik an der Ideologie der fortgeschrittenen Leistungsgesellschaft
1. Von Selbstzwängen und Angstneurosen
Schon vor längerer Zeit avancierte Herbert Marcuses Eindimensionaler Mensch zum Standardwerk. Er beschreibt darin eine Gesellschaft, der eine hohe Quantität und Qualität materieller wie geistiger Ressourcen zur Verfügung steht, jedoch der Bedeutungen dieser Ressourcen verlustig gegangen ist.
Die erste Auflage des Buches erschien 1964, die sechste 2008. In den dazwischen liegenden 44 Jahren hat das Werk an seiner Grundvalidität nur wenig verloren. Der Kalte Krieg und die Auseinandersetzung mit Macht und Einfluss von Kommunismus auf der einen und Kapitalismus auf der anderen Seite scheint seit 1989/90, seit dem Ende des Kalten Krieges, von geschichtlicher, nicht aber von aktueller Bedeutung zu sein. Doch die kapitalistischmaterialistische Denkweise in der von Marcuse kritisierten paralysierten Gesellschaft ohne Opposition sieht manch anerkannter Wissenschafter immer noch als Problem (teilweise extremer als Marcuse selbst). So schreibt Manfred Spitzer:
Vom Aufwachen bis zum Einschlafen, von der Wiege bis zur Bahre, beherrscht der Konsum und
die damit verbundene materialistische Lebenseinstellung unser Dasein. 25
Es handelt sich dabei um das Leben in einer Gesellschaft, die den Konsumbedarf institutionalisiert hat. Es gibt zwei gegensätzliche Theorien, wie diese Institutionen sich bilden: die volkswirtschaftliche Theorie des Homo Oeconomicus und die sozialwissenschaftliche Theorie des Homo Sociologicus. 26 Allein die Komplexität beider Ansätze verneint den Formelreduktionismus der obigen Aussage.
25 Spitzer, Manfred: Gott-Gen und Großmutterneuron. Geschichten von Hirnforschung und Gesellschaft. Stuttgart 2006, 63. Besonders eindrücklich hat der Hardrocksänger David Lee Roth das hedonistische Gedankengut formuliert: „Wer sagt, dass man Glück nicht kaufen kann, hat keine Ahnung vom Shopping“, vgl. http://www.aphorismen.de, 14.01.09.
26 Vgl. Rational-Choice-Ansatz vs. Soziologischer Ansatz im Neoinstitutionalismus. Als reiner Typus aggregativer Institutionenbildung impliziert der RCA, dass „Strukturen gemäß dem Prinzip des methodologischen Individualismus als aggregiertes Resultat individueller rationaler Wahlentscheidungen bzw. -handlungen betrachtet werden können.“: Schulze, Holger: Neo-Institutionalismus - Ein analytisches Instrument zur Erklärung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. In: Segbers, Klaus (Hrsg.): Arbeitspapiere des Bereichs Politik und Gesellschaft. Berlin, Heft 4, 6. Im Ggs. zum RC-Rationalismus akzentuiert der soziologische Ansatz die Annahme einer integrativen Strukturbildung anhand der Bindewirkungen existierender Institutionen, die die Interaktionen der Akteure regeln. Vgl. ebd., 11. M.E. ist eine Mischform aus beiden Ansätzen realistisch.
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EINE FREIE ENTSCHEIDUNG ZUR RECHTFERTIGUNG DER ETHIK
Wahr ist, dass sich die Diskussion um ethische Grundsätze leichter führen lässt, wenn eine reine Konsumgesellschaft angenommen wird, weil durch eine solche Abgrenzung (Trieb vs. Vernunft, Tierisches vs. Menschliches) die Vernünftigkeit und Plausibilität der Ethik an Macht gewinnt. Über dem Finsternisreich des Konsums erstrahlt das Licht einer moralischen Instanz als Retter aus den allgemeingesellschaftlichen Verirrungen. Doch ganz so einfach können die gesellschaftlichen Strukturen nicht beschrieben werden.
Wer heute noch eine reine Konsumgesellschaft postuliert, spielt einer schwarz-weiß geprägten Ethik in die Hände. Eine solche Ethik büßt ihre Wirkmacht ein, weil ihre Vorurteile sich nicht mit den neuen, die Gesellschaft charakterisierenden volks- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen decken. Sie wird nicht ernst genommen. Spitzers These greift zu kurz (evtl. als Resultat einer populärwissenschaftlichen Reduktion) und bedeutet eine antiquierte wissenschaftliche Ansicht innerhalb eines besonderen Engagements ethischer Werteverteidigung.
Nichtsdestoweniger ist der mehr oder minder obsolet scheinende Begriff des individuell vergeistigten Materialismus als eine vom System 27 verursachte gesellschaftsparalysierende Indoktrination, wie sie Marcuse sah, durchaus vergleichbar mit der heutigen Assimilation (pseudodemokratischer) politischer Entscheidungen, die dem Hochschulwesen die Zwangsjacke einer bis ins Letzte reglementierten Studienordnung aufbürdet und damit den Humboldtschen Freiheitssinn („innere Freiheit“ 28 ) als Voraussetzung für Bildung relativiertbeide Gruppen (die, welche Marcuse beschreibt, und die heutige) unterwerfen sich dem über sie bestimmenden System. 29 So wird der große Hoffnungsträger ‚Bildung’ durch die Unterdrückung des Interesses um seine Innovationskraft gebracht, die zur Eindämmung des Risikos gebraucht wird. Um welches Risiko handelt es sich dabei? Um das generelle einer Angstgesellschaft. Es geht um die Angst, die Leistungsfähigkeit zu verlieren, die uns einen gewissen von der wirtschaftlichen Lage abhängigen Lebensstandard sichert. Das Reputationsrisiko der Banken, die ihren Ruf nicht mit der Finanzierung von „unmodischen“, der Gesellschaftskritik aktuell wichtig erscheinenden Themen gefährden wollen, spielt dabei eine beachtliche Rolle. 30 Es geht auch um den individuellen Perfektionsdrang in Bezug auf sich selbst wie in Bezug auf den Nachwuchs. Die Konjunktur des Gehirns und der
27 Ein System bezeichnet allgemein eine „[…] Menge von Elementen, Variablen oder Teileinheiten, die untereinander verbunden sind, eine Struktur bilden und sich als Ganzheit erkennbar von ihrer Umwelt abheben.“: Robert, Rüdiger: Politisches System und Globalisierung - Begriffserklärungen. In: Ders.: BRD - Politisches System und Globalisierung. Münster 2007, 2. So z.B. ein politisches System.
28 Marcuse: a.a.O., 30.
29 Das Fehlen dieser inneren Freiheit (Freiwilligkeit) führe zu psychosomatischen Angstreaktionen und Depressionen. So Dipl.-Psych. Volker Koscielny gegenüber der Deuten Presseagentur. Vgl. http://www.n-tv.de/1103256.html, 20.02.09.
30 Vgl. Beck, Ulrich: Weltrisikogesellschaft. Frankfurt a.M. 2007, 14.
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EINE FREIE ENTSCHEIDUNG ZUR RECHTFERTIGUNG DER ETHIK
zunehmende Leistungsdruck schüren Versagensängste, die das Handeln veranlassen, mögliche „Insuffizienzen“ so weit es geht auszuklammern. Neue Technologien sind dabei
Hoffnungs- und Gefahrenträger zugleich (etwa Präimplantationsdiagnostik ≙ „Ausklammerung des Risiko-Gens“, Gentherapie).
Auf der anderen Seite handelt es sich auch und vor allem um einen gesellschaftlichen Wandel, der die Kinder zu Partnern macht und dadurch ihre Lebenstüchtigkeit einschränkt. 31 Die Janusköpfigkeit zwischen dem Leistungsanspruch an die Kinder, aus denen „um ihrer selbst Willen etwas werden soll“, und ihrer Funktion als Hoffnungsträger und Tröster um der Eltern Willen bedeutet die Beraubung ihrer Kindheit bis zur Resignation und Lebensuntüchtigkeit. In dieser Welt stiftet das Kind Orientierung, Anerkennung und Sicherheit - eine Aufgabe, die auf den zerbrechlichen Schultern der kleinen Seelen lastet, sie niederreißen und erdrücken kann.
Die Erwachsenen müssen sich derweil global messen lassen. Sie sind nicht mehr gut genug in einer kleinen Firma, sondern höchstens mittelmäßig im weltweiten Vergleich. Sicherheit im Beruf gibt es schon gar keine, weil die Firma bereits Probleme hat, sich im weltweiten Wettbewerb zu behaupten. Es entstehen Finanzprobleme, die mit der Wegrationalisierung der Arbeitnehmer aufgehoben werden sollen. Die Arbeitgeber sind dann nicht mehr das respektvolle Gegenüber, sondern die hochnäsige personifizierte Gefahr für den Fortbestand ganzer Berufsgruppen. Die ganz wesentlichen Dinge brechen weg: Identifikation mit der Firma; Annerkennung durch den Chef; Aufstiegsmöglichkeiten durch Orientierung; Sicherheit des Arbeitsplatzes.
Kein Wunder, dass die darunter Leidenden das Private in Abgrenzung zur Außenwelt verteidigen und hochschätzen; dass sie ihr eigenes Leben führen und sich selbst genug sein wollen. 32 Das Außen bietet keine Chance mehr, sondern schürt die Angst.
31 Vgl. Artikel Das Kind muss wieder Kind sein. In: Welt am Sonntag Nr. 5, 2009. Der bekannte Kinderpsychologe Michael Winterhoff wird interviewt von Annette Kuten und Jan Draeger. „Es sind ja nicht nur Eltern betroffen, sondern alle Erwachsenen. Die erste Veränderung, die ich wahrgenommen habe, war Anfang der 90er. Da fing man an, kleine Kinder als Partner zu sehen. Damals gab es einen enormen Wohlstand, der mehr oder weniger jeden erreicht hat. Wenn man Wohlstand nicht gewöhnt ist, besteht die Gefahr, dass man sich sehr um sich selbst dreht. Und damit einem Kind gegenüber unvernünftiger wird, ihm vieles gewährt. Aber ein wichtiger Teil, Entwicklung zu fördern, besteht darin, ab dem vierten Lebensjahr eines Kindes Nein zu sagen. Ein Kind muss wissen, dass nicht immer sofort alles da ist. […] Ich befürchte, dass wir eine Gesellschaft bekommen mit immer mehr jungen Heranwachsenden, die nicht lebenstüchtig sind. Es geht nur um Lust und Lustbefriedigung. Sie sind in der Gefahr, eine Suchtstruktur zu entwickeln. Die können nicht arbeiten und keine Beziehung eingehen. Geschweige denn, für eigene Kinder sorgen. […] Was uns Erwachsenen heute fehlt, ist Orientierung, Anerkennung und Sicherheit. Und das wird jetzt vom Kind verlangt. Über die Kinder hat eine unbewusste Kompensation stattgefunden.“
32 Beck: a.a.O., 388: „Selbst Liebe, Ehe, Elternschaft, die mit der Verfinsterung der Zukunft mehr denn je ersehnt werden, stehen unter dem Vorbehalt, auseinanderstrebende Einzelbiographien zusammenzubinden und zusammenzuhalten.“
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Arbeit zitieren:
Christopher Wenning, 2009, Eine freie Entscheidung zur Rechtfertigung der Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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