1. Aufriss 1
3. Emotionen 5
3.1. Definition, Abgrenzung und Messbarkeit 5 3.2 Emotionstheorien 7
3.3 Funktion von Emotionen 9
3.4 Emotionen und Medien 10
4. Emotionalisierende Stilmittel - emotionale Reaktionen 12
12 4.1. Die verbale/inhaltliche Ebene
4.2 Die visuelle Ebene 16
5. Konsequenzen der Emotionalisierung 18
5.1 Emotionalisierte Informationsverarbeitung 18
5.2 Emotionalisierte Massen 20
6. Ausblick 21
7. Literatur 23
:
Terrorberichterstattung oder: Das Spiel mit forcierten Emotionen
1. Aufriss „Terrorism is 10% bang and 90% an echo effect composed of media hysteria, political overkill and kneejerk executive action“ (Jenkins 2006). Diesen Satz formulierte der Journalist Simon Jenkins, kurz bevor sich die Anschläge des 11. September zum fünften Mal jährten und es scheint kaum möglich das Zusammenspiel von Terrorismus, Medien und Politik prägnanter zu formulieren. Die von ihm angesprochenen Aspekte überschneiden sich mit den Hauptpunkten kritischer Betrachtung der Reaktion auf und die Verarbeitung von Terrorismus. So wurde das sicherheitspolitische Engagement des Bundesinnenministers in Aktionen wie „Stasi 2.0“ in Frage gestellt und dem „War on Terror“ und seinen weniger rechtsstaatlichen Begleiterscheinungen in zahlreichen Demonstrationen Unmut entgegengebracht. Doch auch die Massenmedien sahen sich nach dem 11. September vermehrt starker Kritik ausgesetzt. Ihnen wurde Teilschuld am Terrorismus gegeben und einige Kommentatoren ließen sich gar dazu verleiten, ein generelles Verbot der Terrorberichterstattung zu fordern (vgl. Glaab 2007: 11). Differenzierte Kritik stellt nicht das Ob, sondern vielmehr das Wie der Berichterstattung in Frage. Immer wieder wird den Medien nachgesagt, durch emotionale Aufladung des Themas die Bevölkerung zu verunsichern oder gar in Angst zu versetzen. Wie äußert sich die unterstellte Emotionalisierung? Unter Emotionali-
sierung soll verstanden werden, dass das Medium bevorzugt konflikt-, gewalt- und actionhaltige Sequenzen zeigt, Schockeffekte und Tabubrüche vorführt, spektakuläre Bilder verwendet, die Emotionen der jeweiligen Akteure evoziert und sie in Großaufnahme zeigt. Zudem werden in allen Genres zunehmend kürzere Einstellungen und Redebeiträge, schnelle Kamerafahrten und subjektive Kamera, ungewöhnliche Perspektiven und Trickeffekte ver-
wendet (Winterhoff-Spurk 2004: 8). Auf die Thematik der Terrorismusberichterstattung in Nachrichtenformaten des Leitmediums TV - dieses soll im Mittelpunkt der Betrachtung stehen - ange-wandt, werden Personalisierung, die Thematisierung potenzieller Szenarien, Effekte der Sprache und Vergleiche mit anderen historischen Ereignissen ergänzend
; Allerdings lässt sich die Kritik des Aufbauschens und Verunsicherns nicht allein auf die Medien abwälzen. Einige der emotionalisierenden Inhalte werden den Medien im „Tauschgeschäft von Information (der Massenmedien durch die Politik) gegen Publizität (der Politik durch die Massenmedien)“ vorgegeben (Heckmann 2005: 180) - sei es durch gezielte Informationsstreuung oder in Interviews, in denen eine entsprechend mediengerechte, machtpolitisch motivierte Rhetorik zu
beobachten ist. Im Weiteren soll geklärt werden, wie sich die Stilmittel politischer Rhetorik 1 und medialer Inszenierung terroristischer Ereignisse auf die Rezipienten auswirken können, welche Emotionen erzeugt werden und inwiefern sich diese auf den Prozesse der Informationsverarbeitung und Politikgestaltung auswirken. Die Beispiele dieser Mittel beziehen sich häufig auf die Anschläge des 11. September 2001 in New York. 2 Abschließend soll geklärt werden, ob oder wie die Emotionalisierung der Rezipienten durch mediale Berichterstattung zu reduzieren ist. Um das emotionale Potenzial medialer und politischer Stilmittel richtig einschätzen zu können, müssen Emotionen zunächst definiert und grundlegende Funktionen erläutert werden. Darüber hinaus wird ein Überblick über die verschiedenen theoretischen Bereiche der Emotionsforschung gegeben und es werden allgemeine Aussagen über das Einwirken medialer Information auf den Gefühlszustand des Rezipienten gemacht, bevor die Bedeutung kollektiver Emotionen geklärt wird. Zunächst ist es jedoch wichtig zu verdeutlichen, was Terrorismus ist, welche Ziele er verfolgt und welche strategische Rolle den Medien bei der Verbreitung ihrer
1 Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass besonders die Aussagen politischer Entscheidungsträger
Botschaften und Forderungen zukommt. 3 und Institutionen anhand von Print- und Onlinemedien belegt sind. Allerdings sind die im TV gemachten Aussagen und Informationen hinsichtlich ihres Inhalts im Wesentlichen deckungs-
gleich und unterscheiden sich lediglich in ihrer Präsentation. 2 Zwar kommt diesem Ereignis sowohl im Umfang und Intensität der Berichterstattung als auch in der politisch-gesellschaftlichen Tragweite eine nicht-repräsentative Vorreiterrolle zu, jedoch lassen sich die emotionalisierenden Stilmittel und die damit korrespondierenden emotionalen Effekte
dennoch gut illustrieren. 3 Nicht berücksichtigt wird dabei das Internet, welches Terroristen aktiv zur Verbreitung ihrer Botschaften nutzen. Für eine Einblick vgl. z.B. Weinmann, G. 2007: Online Terrorism - Modern Terrorism and the Internet. In: Glaab, S. (Hrsg.), Medien und Terrorismus - Auf den Spuren einer
<
2. Terrorismus
2.1 Definition Auf dem Weg zu einer brauchbaren Definition stößt man auf eine Vielzahl unterschiedlicher Versuche, das Phänomen des Terrorismus einzugrenzen. Das kann kaum verwundern, entstehen Definitionen häufig aus machtpolitischen Überlegungen (vgl. Münkler 2002: 175). Münkler folgend „lässt sich Terrorismus als eine Form der Gewaltanwendung beschreiben, die wesentlich über die indirekten Effekte der Gewalt Erfolge erringen will. Terroristische Strategien zielen dementsprechend nicht auf die unmittelbar physischen, sondern psychischen Folgen der Gewaltanwendung“ (ebd. 177). Ergänzend soll Terrorismus als Mittel der militärisch Unterlegenen verstanden werden, die ihre politischen Forderungen und Ziele (bspw. das Ende eines militärischen Engagements in einer bestimmten Region) nicht in offenen Schlachten oder punktuellen Partisanenangriffen erzwingen, sondern durch die Wahl besonders symbolträchtiger Ziele die Verletzbarkeit des Ge-
gners demonstrieren können (vgl. ebd. 179). Am Beispiel des 11. September wird deutlich, wie die Terroristen Ziele wählten,
welche an Symbolkraft kaum zu überbieten waren: Die Doppeltürme am Hudson River galten [...] als Inbegriff Amerikas und damit als Projektionsfläche für alle Interpretationen: Positiv als Kathedraltürme des freien Westens, des allen Glück und Wohlstand versprechenden freien Welthandels, oder negativ als Türme imperialistischer Vermessenheit, als Wahrzeichen eines Amerikas, das
seinen Reichtum auf Kosten des Elends der restlichen Welt erziele (Buttler 2003:
34). 4 Die Wahl der Waffen beim Anschlag 2001 birgt eine weitere Symbolik: Flugzeuge sind elementarer Bestandteil der amerikanischen Mobilität, welche ebenso in der Tradition des „American Way of Life“ verhaftet ist. Weiter gefasst, ist die 4 Habermas bezeichnet die Türme als „kapitalistische Zitadellen der westlichen Zivilisation“
Symbolik nicht nur auf Amerika, sondern auf Amerika als Hegemon der westli-
= chen Welt anzuwenden und somit auf die „gesamte zivilisierte Welt“ zu übertra-
gen (Schröder 2001). Die vorgeschlagene Definition lässt sich nach drei Seiten abgrenzen. Zum einen wird Terroristen - anders als Serien- oder Auftragsmördern - eine politische Motivation unterstellt. Zum anderen unterscheiden sie sich durch das Ziel eine Drohkulisse zu errichten und nicht politische Verhältnisse mit einer Einzeltat zu verändern, wie dies bei einem Tyrannenmord der Fall wäre (vgl. Schneckener 2006: 21). Dabei kommt der dritte Faktor der hier vorgenommenen Abgrenzung zum Tragen: Terrorismus soll hier deutlich vom Staatsterrorismus (im Sinne eines Ter-rorregimes) abgegrenzt verstanden werden, welcher primär das Ziel hat die vor-
handene Ordnung zu stabilisieren (vgl. Waldmann 1998: 10).
2.2 Terrorismus und Medienlogik Wenn, wie bereits in der Definition angedeutet, Terrorismus als eine Form symbo-
lischer Gewalt zu verstehen ist, dann sind die Medien mehr als nur ein Mittel zum terroristischen Zweck. Sie sind vielmehr ein integraler Bestandteil des terroristischen Kalküls, der nicht ausgewechselt werden kann, ohne dass dieses Kalkül und die dahinter stehende Strategie zusammenbrechen. Erst die Massenmedien der Moderne sorgen dafür, dass bereits ein einzelner Gewaltanschlag eine allgemeine Stimmung der Verunsicherung und Ein-
schüchterung [...] erzeugen kann (Waldmann : 1998: 56). Waldmann spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Symbiose“ zwischen Terrorismus und Medien. Diese entsteht durch die Publizität, die Terroristen zur Verbreitung ihrer Taten benötigen, um einen psychologischen Effekt bei der Bevölkerung zu erzielen. Sie können sich dabei medialer Aufmerksamkeit sicher sein, welche an das „unvermindert hohe Interesse [gekoppelt ist, d. Verf.], das sämtliche Medien der negativen Sensationsmeldung entgegenbringen“ (ebd.
risten und ihren Forderungen kaum ein Platz auf der von Nachrichtenwerten 5 dominierten Medienbühne eingeräumt.
Wie sich am Beispiel des Terrorakts der Organisation „Schwarzer September“ 1972 zeigen lässt, suchen Terroristen ihre Bühne für die Inszenierung ihrer Anschläge so aus, dass sie Journalisten schnell zugänglich ist.
Die Medien der ganzen Welt waren anwesend, um über die Olympischen Spiele zu berichten. Reporter, Kameras und andere Einrichtungen des Fernsehens warteten sozusagen auf ihren Einsatz. Die Terroristen mußten sich lediglich der Mikrophone bemächtigen, und ihre Botschaft wurde an mehr als 500 Millionen Fernsehzuschauer übermittelt, die das Drama 'live' verfolgen konnten (Weimann et al. 1989: 329).
Dieses Phänomen ist also keineswegs nicht neu, aber die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre spielen den Terroristen in die Hände. Sie sind nicht mehr auf Großereignisse angewiesen, um sich der Live-Bilder gewiss zu sein. Und nach dem 11. September 2001 haben die Sender weitere strukturelle Veränderungen unternommen, um auf Katastrophen dieser Art besser reagieren, d.h. schneller senden zu können (vgl. Weichert 2004b: 4).
3. Emotionen
3.1. Definition, Abgrenzung und Messbarkeit
Auf der Suche in der einschlägigen Fachliteratur findet man auf vielfältige Versuche den Begriff Emotion in eine brauchbare Arbeitsdefinition zu überführen, um den Forschungsgegenstand in groben Zügen abzugrenzen. Meyer, Reisenzein und Schützwohl definieren Emotionen als „zeitlich datierte, konkrete einzelne Vorkommnisse von zum Beispiel Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst [...] sowie weiterer Arten von psychischen Zuständen, die den genannten ähnlich sind“ (2001: 24). Weiter sind Emotionen „aktuelle psychische Zustände“, die sich durch eine „bestimmte Qualität, Intensität und Dauer“ auszeichnen und „in der Regel objektge-
5 Zu nennen sind hier Negativität, Visualisierbarkeit, kulturelle oder geographische Nähe, Konflikt, Überraschung sowie Personalisierung. Für einen umfassenden Einblick in die Nachrichten-werttheorie vgl. Ruhrmann, G. u.a. 2003: Der Wert der Nachrichten im Deutschen Fernsehen, Opladen. Für einen emotionszentrierten Einblick vgl. Wegener 2001 : 108ff
>
richtet [sind]“. Darüber hinaus charakterisieren drei Komponenten - der Erlebensaspekt, der physiologische Aspekt und der Verhaltensaspekt - den Emotionsbegriff (vgl. ebd.).
Der Erlebensaspekt, welcher auch als subjektive Komponente einer Emotion bezeichnet werden kann, lässt sich qualitativ, bspw. durch den Einsatz von offenen Fragebögen, Leitfadeninterviews, erfassen. Jedoch sei auf die mangelnde Vergleichbarkeit qualitativer Methoden aufgrund der Mehrdeutigkeit bei der Verbalisierung von Emotionen verwiesen (Vogel 2007: 137). Eine wesentlich bessere Vergleichbarkeit wird standardisierten Verfahren wie Ratingskalen attestiert, mit der Probanden ihre Selbsteinschätzung wiedergeben können. Ein populäres Beispiel eines standardisierten Fragebogens ist die Differential-Emotion-Scale (DES), mit der die Ausprägung von zehn wichtigen Emotionen erfasst werden kann (vgl. Mangold 1998: 642).
Die physiologischen Aspekte lassen sich mit wesentlich größerer Präzision nachweisen. So lässt sich aus Hautwiderstand oder Herzfrequenz die Intensität der physiologischen/emotionalen Erregung lesen und man gewinnt Aussagen über den Zustandsverlauf (vgl. ebd. 643). 6
Der Verhaltensaspekt lässt sich in zwei Teilaspekte aufgliedern: Der expressive Aspekt beschreibt ein „meist unwillkürliches Ausdrucksverhalten“, welches bspw. durch die Erfassung des mimischen Ausdrucks messbar wird. Ein Beispiel für den instrumentellen Aspekt (auch Handlungsaspekt) ist Fluchtverhalten bei Furcht (vgl. Meyer et al. 2001: 35).
Häufig werden die Begriffe Affekt und Stimmung als Synonyme für Emotion verwendet. Eine klare Trennung der Begriffe ist laut Roth (2001: 269) nicht möglich. Allerdings sind Affekte eher impulsiver Natur und von kürzerer Dauer, während Emotionen ein geringeres Erregungspotenzial sowie eine engere Abhängigkeit von Lernerfahrungen zugeschrieben wird. (vgl. ebd. 270). Für Zillmann grenzen sich Emotionen von Stimmungen sowohl durch ihre klare Handlungsmotivation als auch durch eine erkennbare Ursachenzuschreibung ab. Darüber hinaus sind „spezifische kognitive Aktivitäten [...] [bei Emotionen, d. Verf.] nicht erforderlich“ (2004: 102).
6 Für eine detaillierte Darstellung vgl. Mangold 1998
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Arbeit zitieren:
Pablo Jost, 2009, Terrorberichterstattung, München, GRIN Verlag GmbH
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