Inhaltsverzeichnis
1 Siglenverzeichnis 3
2 Einleitung 4
3 Arbeitsmodell 7
4 Die kritische Kommentierung der Deutschen Einheit - Exemplarische
Analyse und Interpretation der Erzählung Die Birnen von Ribbeck 9
4.1.1 Die inhaltliche Entfaltung der Wendekritik 10
4.1.1.1 Die Legitimation der Auseinandersetzung mit dem Ribbeck-
Mythos durch Rückbezug auf Fontane 10
4.1.1.2 Delius Demontage des Ribbeck-Mythos 13
4.1.1.3 Die Auseinandersetzung mit der zeithistorischen Darstellung
der Dorfgeschichte und den Folgen der Wiedervereinigung. 17
4.1.1.4 Identitätssuche 24
4.1.1.5 Ost-West-Reflexionen 26
4.1.2 Die Dynamik des Einzelsatzes - Das Erzählverfahren von Delius
Erz ählung 30
5 Fazit und Ausblick 34
6 Literaturverzeichnis 38
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1 Siglenverzeichnis
BR Delius, F. C.: Die Birnen von Ribbeck. Erzählung (9. Aufl.) Reinbek bei Hamburg 2007.
F Fontane, T.: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. In: Ders.: Gedichte 1. Hrsg. von Joachim Krueger und Anita Golz. Berlin 1995. 229-230.
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2 Einleitung
Am 9. November 2009 jährte sich der Fall der Berliner Mauer zum 20. Mal - ein Ereignis von historischem Rang. Deshalb lohnt es sich, die historischen Spuren zu einem Puzzle zusammenzusetzen, um die nachfolgenden Entwicklungen, den Prozess der Wiedervereinigung, rekonstruieren zu können und besser verstehen zu lernen.
Hierbei sind Wirkungen auf das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System und Denken der ehemaligen DDR nach dem Vollzug des Beitretens der Bundrepublik zu berücksichtigen, um das Verständnis des
Transformationsprozesses - wenn auch niemals abschließend - so doch ein Stück weit aufzuhellen, um deren Wirkung auch für die Literatur herausarbeiten zu können.
Größte Herausforderung ist hierbei die Gestaltung der inneren Einheit, sodass sich die Bürgerinnen und Bürger in beiden Teilen Deutschlands nicht in ‚abwertenden Kategorien‘ (wie ‚Ossi‘ und ‚Wessi‘) zugehörig fühlen, sondern als Deutsche wahrnehmen, die nur gemeinsam die Einheit Deutschlands vollziehen und seine Zukunftsfähigkeit gestalten können (vgl. hierzu: Kaase 1999; Ragnitz 2000, Maennig 2000, Müller 2000). Dabei müssen auf jeden Fall spezifische Probleme des Arbeitsmarktes sowohl in strukturschwachen Regionen in Ost und West berücksichtigt werden, die eine Ursache für die Aufrechterhaltung von noch immer nicht abgebauten Klischees des z. B. ‚überheblichen Westdeutschen‘ oder ‚jammernden Ostdeutschen‘ bilden und einem Annäherungsprozess diametral entgegen stehen (Müller 2000, Haffner 1992, Glaeßner 1993, Flassbeck / Scheremet 1992, Ritter 2006, Dienel 2004, Quaisser 2006, Pilz / Ortwein 1992, Bothfeld 2004, Wolf 2004). Dieser auch durchaus schmerzvolle Annäherungsprozess für die Wende- und Nachwendegeneration wird nur dann gelingen, wenn niemand der daran Beteiligten das Gefühl hat, sich als Verlierer der Deutschen Einheit wahrzunehmen.
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Wie kann dieser Annäherungsprozess gelingen. Eine Selbstaufgabe der eigenen Identität wäre das Schlimmste an dieser Stelle. Vielmehr scheint es angemessen, wenn gerade jeder seine spezifische Identität mit in die Gestaltung der Nachwendezeit einbringt, um ein besseres Verständnis voneinander zu befördern (Glaab 1999, Werz 2000, Thomas / Weidenfeld 1999, Schroeder 2000, Pollack 1998). Dabei ist es notwendig, auch über Klischees und Vorurteile zu sprechen, die in einem sich daran anschließenden Kommunikationsprozess abgebaut werden müssen.
Kommunikation, die heilende Kraft des Gespräches? Mag das an dieser Stelle auch ein Stück weit überspitzt klingen, so ist es ein Anfang, ein Vehikel, um sich einander anzunähern. Vielleicht tragen dazu auch die zahlreichen Ausstellungen und Berichterstattungen zum Mauerfalljubiläum mit dazu bei, dass man sich darauf besinnt, dass Freiheit und Demokratie immer wieder -und zwar jeden Tag und mit kontinuierlicher Anstrengung - neu errungen werden müssen, wenn sie als Werte und Stützpfeiler einer Gesellschaft fungieren sollen.
Auch in der deutschen Gegenwartsliteratur seit 1990 begann eine Auseinandersetzung mit der deutschen Einheit, die immer wieder durch neue Werke von Autorinnen und Autoren am Leben erhalten wird. Zunächst aber war die Debatte um die Deutsche Einheit und den Wenderoman als ihre adäquate literarische Gattung vom innerdeutschen Literaturstreit gekennzeichnet. Ausgelöst wurde dieser durch Christa Wolfs Erzählung Was bleibt? im Juni 1990. Die Autorin hatte diesen Text bereits 1979 geschrieben und vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse der DDR 1989, bevor sie diesen publizierte, überarbeitet. Diese Überarbeitung brachte Wolf den Vorwurf seitens der Literaturkritik ein, dass sie sich der Verantwortung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR entziehen wolle. Generalisierend gingen aus diesem Literaturstreit folgende Fragestellungen hervor: Welche Rolle nehmen Literatur und Autorschaft in der Diktatur ein? Wie bewerten die Autoren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der DDR? Wie reflektieren sie die Wirkungen des Lebens in der DDR für die
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Biografien und Sozialisation der Individuen? (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 667; Jeßing / Köhnen 2007: 127; Dietrich 1998: 65-78; Cramer 1995: 18-29) Diese Fragestellungen seien an dieser Stelle der Vollständigkeit halber nur genannt, weil deren ausführliche Betrachtung im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.
Dennoch kann man aus dem Literaturstreit das Fazit ziehen, ob sich die Wende überhaupt inhaltlich und formal angemessen in literarischen Texten verarbeiten ließe. Damit beginnt auch die Diskussion um den Wenderoman als literarische Gattung, die vom Feuilleton eröffnet wurde (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 668-670; Platen 2006: 35f.; Grub 2003: 68-90 und 116-129). Im Vordergrund stand dabei die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Wende, weniger ein literaturästhetischer Anspruch. Auch wenn die meisten erschienenen Werkewie Platen konstatiert - „sich in die Nähe dieser Erwartungen rücken lassen“, erfüllte letztendlich „keines […] die Erwartungen an den Wenderoman“ (Platen 2006: 36; vgl. auch: Schönleben 2007: 26). Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten die Deutsche Einheit zu betrachten - zum Beispiel autobiografisch wie in Markus Wolfs Spionagechef im geheimen Krieg (1996), humoristisch wie in Thomas Brussigs Helden wie wir (1995) oder als skeptische Beurteilung wie in Günter Grass‘ Ein weites Feld (1995) (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 127) -, scheint das Vorhaben, einen Wenderoman zu schreiben, der als prototypisch für diese Gattung gelten kann, unrealisierbar zu bleiben.
Dennoch ist der hierbei ‚spielende‘ Beitrag der Gegenwartsliteratur für die Verarbeitung der Wiedervereinigung seit 1990 weder als obsolet noch als überflüssig einzuschätzen, ermöglicht sie dem Leser doch ein besseres Verständnis der Deutschen Einheit in ihrer ganzen Vielfalt, insbesondere auch die noch anzugehenden Herausforderungen, um den Gestaltungsprozess der Wiedervereinigung voranzubringen und den Versuch eines vollständigen Abschlusses in die Realität umzusetzen.
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In dieser Arbeit untersuche ich näher die Betrachtung der Deutschen Einheit in der Gegenwartsliteratur. Dazu entfalte ich zunächst mein Arbeitsmodell, auf deren Grundlage ich Delius‘ Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ exemplarisch analysieren und interpretieren werde - immer unter Berücksichtigung der in meiner Einleitung aufgeworfenen Aspekte, die immer implizit mit in der Analyse und Interpretation enthalten sind. Im Anschluss daran werde ich ausgewählte Aspekte wie Identitätssuche, Erzählverfahren, Folgen der Wiedervereinigung etc. näher betrachten.
Abschließend werden die herausgearbeiteten Aspekte und Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf weiterführende Punkte, die analysiert werden könnten, gegeben.
3 Arbeitsmodell
Modelle haben den Vorteil, dass man seine Denkweisen besser einordnen kann, um sie anderen zugänglich zu machen. Dies ist auch mein Ziel, wenn ich im Folgenden mein Arbeitsmodell für die Analyse von Delius‘ Erzählung vorstelle.
Den analytischen Rahmen dieser Arbeit bildet die Auffassung, dass die Wirkung literarischer Gesellschaftsschilderung der Deutschen Einheit, die dem Individuum eine historische Erfahrung der Wende- und Nachwendezeit ermöglicht, entscheidend von der Form des literarischen Werkes bestimmt wird. Warning fasst diesen Aspekt treffend in den Worten zusammen:
Fiktion ist nicht das Gegenteil, sondern ein bestimmter Modus der Vermittlung von Wirklichkeit. (Warning 1993: 35)
Was heißt das? Um die spezifische inhaltliche Darstellung eines bestimmten Werkes der Wendeliteratur zu verstehen, muss der Leser die Funktion der Form des Werkes - das er rezipiert - entschlüsseln und mit dem gelesenen Inhalt in Beziehung setzen, um das Werk unter einem bestimmten Gesichtspunkt (zum Beispiel Grenzen und Krise der Sprache, Existenzbedrohung des Individuums etc.) interpretieren zu können.
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Das bedeutet für den Leser - wobei hier der wirklich anwesende Leser gemeint ist, der den Text liest (vgl. Neumann 1976: 52f.) -, dass er an der Rezeption eines literarischen Werkes aktiv beteiligt ist. Denn erst durch diesen Vorgang wird der Text als solcher generiert. Zu diesem Aspekt merkt Iser an:
Der Text gelangt folglich erst durch die Konstitutionsleistung eines ihn rezipierenden Bewußtseins zu einer Gegebenheit, so daß sich das Werk zu seinem eigentlichen Charakter als Prozeß nur im Lesevorgang zu entfalten vermag. (Iser 1994: 39)
Dabei werden die Leseprozesse vom Text gesteuert. Konkret bedeutet dies, dass der Leser am Beginn der Lektüre eines Textes bestimmte Bilder entwirft, die im weiteren Verlauf seiner Lektüre eine Bestätigung oder Revidierung erfahren (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 297). Verantwortlich ist dafür nach Iser der „wandernde Blickpunkt“ (Iser 1994: 186) des Lesers, der die Rezeption eines literarischen Textes begleitet. Da dieser „wandernde Blickpunkt“ (ebd.) des Lesers ständigen Perspektivwechseln unterliegt (vgl. Iser 1994: 186), setzt sich die Lektüre eines literarischen Werkes aus unterschiedlichen Leserperspektiven zusammen. Dabei bildet der Rezipient (verschiedene) Hypothesen. Diese werden dann auf ihre Gültigkeit hin überprüft, um sie nach erfolgter Überprüfung zu bestätigen oder wieder zu verwerfen. Hierzu ergänzen Jeßing und Köhnen:
Eine vom Text angezeigte Perspektive wird durch die Vorstellungsbilder des Lesers realisiert, von einer anderen ergänzt und wiederum korrigiert. Dies ist der Prozess des Illusionsaufbaus, der dadurch in Gang gebracht wird, dass ein Text Horizonte eröffnet, Andeutungen macht oder Ansichten bietet, die vorausweisen […], oder dass er bei fortschreitender Lektüre auf das Zurückliegende Bezug nimmt […]. (Jeßing / Köhnen 2007: 297-298; Hervorhebung im Original) Diese Vorstellungsbilder des Lesers unterliegen besonders an den von Ingarden so genannten ‚Leer-‘ bzw. ‚Unbestimmtheitsstellen‘ (Ingarden 1960: 261 und 265) des Textes einem ständigen Wandel. Diese
Unbestimmtheitsstellen finden sich an Kapitelenden, bei Handlungs- und Szenenwechseln, bei einem offenen Ende oder einer fragmentarischen Darstellung; sie entstehen, wenn „die Ansichten der fiktiven Welt unbestimmt bleiben“ (Jeßing / Köhnen 2007: 298) oder ihre Semantik Widersprüche aufweist.
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Was bedeutet dies für das Verstehen eines literarischen Textes? Damit ein Rezipient einen literarischen Text verstehen kann, muss er die Ganzheit des gelesenen Werkes rekonstruieren, weil nur durch die Rekonstruktion - die dem Füllen der Unbestimmtheitsstellen des Textes dient - der Zugang zu diesem Werk gewonnen wird (vgl. Barck 1976: 122; Warning 1993: 12).
4 Die kritische Kommentierung der Deutschen Einheit - Exemplarische
Analyse und Interpretation der Erzählung Die Birnen von Ribbeck
Friedrich Christian Delius setzt sich in seiner Erzählung Die Birnen von Ribbeck kritisch mit der Deutschen Einheit auseinander. Zur Entfaltung seines kritischen Kommentars zur Wiedervereinigung bezieht sich Delius explizit auf den von Fontane in der Ballade Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland dargestellten Ribbeck-Mythos, den Delius in seiner Ribbeck-Darstellung demontiert. Diese Demontage stellt die Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Dorfes Ribbeck und ihrer Wirkung auf den Wiedervereinigungsprozess und die Folgen der Deutschen Einheit dar. Dabei betrachtet Delius auch zwei relevante Aspekte im Hinblick auf die Arbeitsthematik näher: die Neudefinition der Identität der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung und den Status der Realisierung der inneren Einheit bei der Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Diese Aspekte werden anhand des namenlos bleibenden Ich-Erzählers reflektiert und kommentiert, um diesen als Äußerungsinstanz der Wendekritik zu etablieren - und damit dem Leser einen authentischen Einblick in die frühen Wendeerfahrungen der Ostdeutschen kurz nach der Wiedervereinigung zu ermöglichen.
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Arbeit zitieren:
Sven Bonitz, 2009, Die Deutsche Einheit im Spiegel der Literatur: F. C. Delius‘ Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“, München, GRIN Verlag GmbH
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Erich Loests "Nikolaikirche". Ein Wenderoman - Analyse
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