Gliederung:
1. Einleitung S.3-5
2. Hauptteil S.5-12
2.1. Persönlichkeit und Psyche des Söldners S.5-7
2.2. Wege der Verarbeitung des Todes der eigenen Kinder S.7-12
2.2.1. Verarbeitung durch Niederschrift S.7-8
2.2.2. Familie als Rückhalt S.8-9
2.2.3. Auferstehenshoffnung als zentraler Bestandteil der christlichen Lehre. S.10-12
3. Schluss S.12-13
4. Literatur - und Quellenverzeichnis S.14
2
1. Einleitung
Selbstzeugnisse eröffnen uns die Möglichkeit, uns direkt in das Fühlen und Denken anderer, uns fremder Menschen hineinzuversetzen. Gerade in Extremsituationen haben Menschen das Bedürfnis, ihre Gedanken, Gefühle und auch Handlungen niederzuschreiben und somit für die Nachwelt zu erhalten. Derartige Extremsituation stellen beispielsweise Naturkatastrophen, Epidemien oder Seuchen, vor allem aber Kriege dar. Es liegt also in der Natur der Sache, dass wir heute zahlreiche Chroniken und Selbstzeugnisse finden können, die vom Schrecken und Grauen des Krieges berichten. Ein völliges Novum stellte jedoch „der Bericht eines einfachen Soldaten über sein bewegtes Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg“ 1 dar. Er erlaubt es uns, „diese Zeit unter dem ungewöhnlichen Blickwinkel eines Soldaten nacherleben […] [zu können]. Die Welt wird hier erstmals weder vom Standpunkt der Politiker und Militärs noch von dem der Leidenden, sondern mit den Augen des agierenden Kriegers gesehen.“ 2
Das Tagebuch gehört zu den wenigen überlieferten Selbstberichten einfacher Leute in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. „Zeitgenossen, die wenig gewusst haben mögen aber viel sahen!“ 3 Im Jahre 1990 wurde die persönliche Chronik eines Söldners vom Historiker Jan Peters editiert und herausgegeben. 4 Sie eröffnet uns eine vollkommen neue Perspektive. Der Söldner, der unter dem, bis heute nicht eindeutig belegbaren Namen, Peter Hagendorf, 5 posthum zu Berühmtheit gelangte, berichtet von seiner aktiven Teilnahme an Kriegszügen während dieser dunklen und grausamen Zeit europäischer Geschichte. Seine Erzählungen beginnen im Jahr 1625 in Oberitalien. Es werden die mehr als 20 Jahre dargestellt, in denen er im Heer der Liga, zeitweilig sogar im Heer des schwedischen Königs, seinen Dienst tat. Zeitlich reichen seine Aufzeichnungen bis ins Jahr 1649 6 , also noch in die Zeit nach den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück am 24. Oktober 1648 hinein 7 . Am 30. September des Jahres 1649 enden die Aufzeichnungen dann schlagartig, und es verliert sich die Spur des Mannes, der uns so tiefe Einblicke in sein Leben und seine Zeit gewährte. 8
1 Peters, Jan (Hg.), Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur Sozialgeschichte, Berlin 1993,
S.7.
2 Ebd., S.7.
3 Burschel, Peter, Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in:
Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, (Hg.) von Krusenstjern, Benigna
u.a., Göttingen 1999. S.182.
4 Vgl. Von Krusenstjern, Benigna, Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Beschreibendes
Verzeichnis, Berlin 1997, S.109.
5 Vgl. Emich, Birgit, Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, Konstanz 2006, S.200f.
6 Vgl. Von Krusenstjern, Selbstzeugnisse, S.110.
7 Vgl. Burkhardt, Johannes, Deutsche Geschichte in der Frühen Neuzeit, München 2009, S.67.
8 Vgl. Peters, S.188.
3
Sein Selbstzeugnis erlaubt es uns, sein Verhalten und seine Reaktion auf Extremsituationen - er schildert derer wahrhaftig genügend - genauer zu untersuchen und zu analysieren. Unzweifelhaft stellt der Tod der Kinder eine solche Extremsituation dar. Die vorliegende Arbeit hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, genauer zu untersuchen, wie der Söldner mit diesen Schicksalsschlägen umgegangen ist. Es gilt herauszufinden, ob der Tod des eigenen Kindes für einen Mann wie Peter Hagendorf, „ […] der davon lebte, andere zu töten […]“ 9 überhaupt einen großen Schicksalsschlag darstellte. Von übergeordnetem Interesse ist hierbei vor allem die Frage, ob der Söldner mit der zunehmenden Heimsuchung dieser Schicksalsschläge nach und nach derartig abgestumpft werden musste, dass der Tod der Kinder für ihn gegen Ende der Aufzeichnungen zu einer alltäglichen, beinahe leicht zu verkraftenden Angelegenheit geworden ist, oder aber immer ein aufs neue niederschmetternder Schlag geblieben ist. Die Frage, wie er den Tod seiner Kinder aufgenommen und verarbeitet hat, rückt hierbei in den Fokus des Interesses. Wie reagierte Peter Hagendorf auf diese Schicksalsschläge? Änderte sich seine Reaktion mit der Zunahme der Anzahl der verstorbenen Kinder? Genau dies ist die entscheidende Frage: Gewöhnte sich Peter Hagendorf nach und nach an den Verlust seiner Kinder und akzeptierte diesen als etwas völlig normales, alltägliches, oder lehnte er sich immer wieder von neuem dagegen auf?
Der Text soll systematisch nach eventuell vorhandenen „Abwehrmechanismen“ bei Peter Hagendorf untersucht werden. Solche Abwehrmechanismen können durch Wut, Trauer, Verzweiflung oder Resignation offenkundig werden. Für den Fall, dass diese bei den ersten Verlusten noch zu finden wären, bei späteren Verlusten jedoch nicht, ließe sich der Rückschluss ziehen, dass sich der Söldner im Laufe der Zeit an den Kindstod gewöhnt haben müsste. Für diesen Fall würde der Kindstod folglich den Charakter des Neuen verloren haben.
Über den Umgang mit dem Tod, gerade der Kinder, kann uns das Diarium einiges erzählen. Auf die zahlreichen anderen Extremsituationen, die Peter Hagendorf schildert, wird im Rahmen dieser Untersuchung nur in so fern eingegangen, als dass sie zur Beantwortung der Fragestellung dienlich sind. Der beschränkte Umfang der Arbeit ermöglicht es nicht, generell auf das Neue, d.h. die verschiedenen anderen Schicksalsschläge und sich verändernden Lebensumstände einzugehen.
Da das Tagebuch, wie bereits erwähnt, zu den seltenen erhaltenen Berichten einfacher Leute aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu zählen ist, stellt dieses Ego-Dokument
9 Burschel, Peter, Himmelreich, S.181.
4
einen Gegenstand höchster historischer Brisanz dar. Die Historiker wenden ihren Blick zunehmend ab von der Geschichte der großen Männer, hin zu den kleinen Leuten. Es ist ein steigendes Interesse an Selbstzeugnissen zu verzeichnen, die vor allem die Mittel- und Unterschichten angeht. 10 Es liegen daher zahlreiche Arbeiten vor, die sich mit diesen Selbstzeugnissen befassen. An erster Stelle sind hier die Historiker Jan Peters und Benigna von Krusenstjern zu nennen. Im Folgenden wird daher immer wieder auf wichtige Forschungsergebnisse beider Wissenschaftler eingegangen.
2. Hauptteil
2.1. Persönlichkeit und Psyche des Söldners
Um die Frage zu klären, wie schwerwiegend sich der Verlust eines Kindes auf die Psyche des Söldners ausgewirkt hat, bedarf es zunächst einmal einer genaueren Untersuchung seiner Persönlichkeit und psychischen Verfassung. Auffällig am Diarium des Söldners ist, dass sich in ihm keine einzige Sicht über den Sinn des militärischen Handelns finden lässt. 11 „Kriegswesen allgemein, Raub, Plünderung, Grausamkeit im besonderen - alles das fügt sich ihm zu einem geordneten Weltbild, denn alles lässt sich auf eine einfache militärische und lebenssichernde Funktion zurückführen.“ 12 Die mangelnde Reflexion ist eine äußerst auffällige Eigenschaft des Söldners. In jener „ […] Zeit des verdichteten Sterbens […] “ 13 , in der Gewalt etwas Alltägliches war, die den Menschen vertraut war, bleibt kein Platz für die Frage nach dem „[…] tieferen Sinn[…] “. 14 Die Söldnermentalität war es, die Peter Hagendorf prägte. Die Denkweise, die viele Söldner dieser Zeit hatten, lies nur einfache moralische Verhaltensregeln zu. Bedingt durch die harten Überlebenszwänge entzog sich die Söldnermentalität dem moralischen Maß von Gut und Böse. Die Soldaten mussten also folglich in unterschiedlichem Maße gefühllos werden. 15 Es bleibt festzuhalten, „ […] dass die gewaltbestimmte Lebenswirklichkeit der Heere ganz erheblich dazu beigetragen haben muß, jene, auf jeder Tagebuchseite fassbare „pragmatische Weltsicht“ des Söldners zu erzeugen, in der zum Beispiel ,Freund` und ,Feind` keine emotionalen, politischen oder konfessionelle Größen mehr waren,
10 Vgl. Von Krusenstjern, Benigna, Selbstzeugnisse, S.9.
11 Vgl. Peters, S.235.
12 Ebd., S.235.
13 Von Krusenstjern, Benigna, Seliges Sterben und böser Tod. Tod und Sterben in der Zeit des Dreißigjährigen
Krieges, in: Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, (Hg.) von Krusenstjern,
Benigna u.a. Göttingen 1999, S.470.
14 Peters, S.235.
15 Ebd., S.236.
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Arbeit zitieren:
Armin Bergmann, 2009, Schicksalsschlag Kindstod - Die Formen psychischer Krisenbewältigung am Beispiel Peter Hagendorf, München, GRIN Verlag GmbH
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