Gliederung
1. Einleitung 1
2. Erinnerungsorte - Erinnerung
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2.1. Formen des Gedächtnisses 2
2.1.1. Individuelles Gedächtnis 2
2.1.2. Historisches Gedächtnis 4
2.1.3. Generationen-Gedächtnis 5
2.1.4. Kollektives Gedächtnis 5
2.1.5. Kulturelles Gedächtnis 6
2.2. Erinnerungsorte 7
3. Symbolische Kulturlandschaft 8
3.1. Der Symbolbegriff 8
3.2. Symbole in der Kulturlandschaft 10
4. Exkursionsbeispiele in Berlin 10
4.1. Das Brandenburger Tor 11
4.2. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas 14
4.2.1. Warum 15
4.2.2. Wessen 16
4.2.3. Wo 16
4.2.4. Wie 17
4.2.5. Das Ergebnis 18
4.3. Die Mauer - Bernauer Strasse 18
5. Fazit 21
1. Einleitung
Ist Erinnern das Gegenteil von Vergessen? Erinnern wird heute leicht gemacht. Medienrausch ersetzt das aktive Erinnern und die medialen Träger von Erinnerung werden immer zahlreicher. Wohl deshalb hat im vorigen Jahrhundert die Auseinandersetzung mit der Erinnerung und dem Gedächtnis begonnen. Im Laufe der Zeit haben sich die Sichten konkretisiert. Einordnung und Kategorisierung fand statt. Im Folgenden werden daraus geschöpfte Erkenntnisse skizziert. Dabei soll geklärt werden, was Erinnerung ist, welche Formen von Erinnerung existieren. Darauf aufbauend wird das Konzept der Erinnerungsorte vorgestellt. Das Untersuchungsbeispiel ist Berlin. Es sollen Erinnerungsorte aufgesucht und erläutert werden. Anhand dieser wird Funktion und Wirkung der Gedächtnisorte - wie sie auch genannt werden - beleuchtet. Besonderen Stellenwert findet dabei das Symbolische. Im Symbolischen kann Erinnerung rekrutiert werden, ebenso reduziert oder reformiert. Was für den Menschen bedeutend ist, spiegelt sich im Erinnerungsort wieder. Dabei ist der Erinnerungsort immer auch ein Symbol, da er nur als Sinnbild nie aber als Surrogat für das Früher gelten kann. Was dabei zum Ausdruck kommt, ist unterschiedlich, und kann im Widerspruch oder im Einklang stehen zu dem, was erzählt werden soll. Oft war es nicht die Absicht des Ortes, ein Erinnerungsort zu sein, ein andermal wollen sich intentional geschaffene Gedächtnisorte partout nicht den Menschen eröffnen. Gedächtnisorten und symbolischer Kulturlandschaft widmen sich die nachfolgenden Darstellungen. Sie sollen in deren Verlauf näher erläutert und verständlich gemacht werden.
2. Erinnerungsorte - Erinnerung
Der Begriff „Erinnerungsorte“ entstammt der Gedächtnisforschung, welche sich erst im vorigen Jahrhundert wissenschaftlich etablierte. Wenn die Rede ist von Erinnerungsorten, dann ist implizit auch die Rede von Erinnerung, einem facettenreichen Begriff. Fragt sich, was aber Erinnerung eigentlich meint.
Zugänge zu diesem Thema sind ebenso zahlreich wie unterschiedlich. Paul Ricoeurs fasst die grundlegenden Fragen der Forschung in seinem Buch „Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (2004) sehr treffend zusammen mit: „Was wird erinnert?“ und „Wer erinnert?“ (wessen Gedächtnis ist es?).
Ricoeur verweist auch auf die Mehrdeutigkeit des Begriffs. Das Wort ‚Erinnerung’ hat im Griechischen zwei Bedeutungen. Erstens „mnếmế“ ist Erinnerung haben und bezeichnet den passiven Vorgang, zweitens „anamnếmế“ meint „sich auf die Suche nach einer Erinnerung
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begeben“, einen aktiven Vorgang (Ricoeur, 2004). Welche Form wann zum Einsatz kommt, bestimmt sich aus dem Zusammenhang.
Anhand der Fragen nach dem was und wer differenzieren Wissenschaftler mehrere Formen von Gedächtnis. Einer der Urväter der Gedächtnisforschung war der Soziologe Maurice Halbwachs. Er prägte den Begriff des kollektiven Gedächtnisses und grenzte ihn vom individuellen ab. Aber er differenzierte auch ein historisches Gedächtnis.
Zwei jüngere Vertreter der Geschichtswissenschaft, welche den Begriff der Erinnerung stark mitformten, sind Aleida und Jan Assmann. Aus deren Feder stammt der Begriff des kulturellen Gedächtnisses. A. Assmann begreift Erinnern, wie es hier verwendet wird, als nicht vorsätzlich, also als passiv (A. Assmann, 2003). Vor allem Aleida Assmann nannte vier klar voneinander abgrenzbare Dimensionen von Gedächtnis: das individuelle, das Generationen-Gedächtnis, das kollektive Gedächtnis (konform mit und abgeleitet von Halbwachs’ Verständnis) sowie das kulturelle Gedächtnis. Jan Assmann teilt das Gedächtnis in individuelles und soziales Gedächtnis, wobei das kollektive und das kulturelle Gedächtnis die entgegengesetzten Pole des sozialen Gedächtnisses seien (A. Assmann, in: Bohrsdorf et al.., 1999). Wiewohl deutlich voneinander unterschieden, ist doch mit Übergängen der einzelnen Formen zu rechnen.
2.1. Formen des Gedächtnisses
2.1.1. Individuelles Gedächtnis
Sei als erstes die wohl geläufigste Form des Gedächtnisses erläutert: das individuelle. Nach Assmann ist es dieses, was die Menschen erst zu Menschen macht (A. Assmann, 2002). Die eigenen biographischen Erinnerungen formen Individuen, bilden Erfahrungen, Beziehungen und Identität. Dabei ist nur ein Teil der Erinnerungen sprachlich aufbereitet, während der Rest ‚schlummert’. Die Notwendigkeit zur Verbalisierung ist grundlegend. Demnach wird Erinnerung durch sprachliche Aufbereitung geformt (A. Assmann, 2002).
Merkmale der individuellen Erinnerungen sind folgende. Erstens sind sie perspektivisch, somit nicht austauschbar oder übertragbar. Jeder hat seine eigene individuelle Erinnerung, welche in dieser Form einmalig ist. Zweitens existieren sie nicht isoliert, sondern sind mit der Erinnerung anderer vernetzt. Durch Kreuzung, Überlappung und Anschlussfähigkeit bestätigen sie sich gegenseitig, wodurch sie gemeinschaftsbildend wirken. Drittens sind sie für sich genommen fragmentarisch, begrenzt und ungeformt. Assmann nennt sie ‚isolierte Szenen ohne Vorher und Nachher’, welche erst durch das Erzählen eine stabilisierende Struktur erhalten. Viertens sind
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individuelle Erinnerungen nach A. Assmann flüchtig. Sie können sich mit der Zeit verändern im Zuge der Wandlung der betreffenden Personen oder der Lebensumstände. Ebenso verändert sich deren Relevanz. Ehemals Wichtiges kann unwichtig und Unwichtiges wichtig werden (A. Assmann, 2002).
Das individuelle Gedächtnis wird auch als kommunikatives Gedächtnis bezeichnet. Erinnerung ist demzufolge nur durch Kommunikation möglich und bildet sich im sprachlichen Austausch mit Mitmenschen. Diese radikale Ansicht vertritt Halbwachs. A. Assmann räumt ein, dass Sprache die wichtigste Stütze des Gedächtnisses ist, was aber andere Möglichkeiten nicht gänzlich ausschließt. Praktisch geht es um die Frage, wie weit ein isoliert lebender Mensch über Erinnerungen verfügt (A. Assmann, 2002). In diesem Zusammenhang sei die Neuropsychologie erwähnt, welche sich mit dem Gedächtnis als System befasst und zum Beispiel zwischen Lang-und Kurzzeitgedächtnis differenziert. Auf der neuronalen Ebene des individuellen Gedächtnisses zählen Wissenschaftler 4 Arten von Langzeitgedächtnis: das episodische, in dem kontextgebundene Erinnerungen wie Urlaubserlebnisse gespeichert sind, das Wissenssystem für das Lernen und Wiederabrufen von Gelerntem, also Erinnern von Fakten wie Allgemeinwissen, das prozedurale Gedächtnis, in welchem zur Routine gewordene Bewegungsabläufe wie Fahren oder Essen gespeichert sind und schließlich das sogenannte Priming, ein unbewusst agierendes Gedächtnissystem, das durch die Wiedererkennung früher schon einmal wahrgenommener Reize sich äußert (Markowitsch, in: Welzer, 2001). In diesem Kontext ist vor allem das episodische Gedächtnis von Interesse. Bei Abruf der eingegebenen Informationen findet eben der Prozess von ‚Erinnern’ statt, welchen die Gedächtnisforschung als individuelles Gedächtnis diskutiert. Das individuelle Gedächtnis hat also biologische Grundlagen. Durch Kommunikation wird Erinnerung geformt und weitergegeben. Es findet Austausch zwischen Individuen von individuellen Erinnerungen statt, Menschen können Erinnerungen teilen oder ein und dasselbe Ereignis unterschiedlich rekapitulieren.
A. Assmann erwähnt den zeitlichen Rahmen des individuellen Gedächtnisses. Der Horizont, in dem Austausch von Erfahrung und Erinnerung abläuft und Übertragung in Erzählgemeinschaften möglich ist, wird begrenzt durch Generationen. Etwa 80 - 100 Jahre sind maximal in Form von individuellem Gedächtnis verfügbar. Kinder und Enkel nehmen Teile der Erinnerung älterer Familienmitglieder auf und überkreuzen sie mit eigenen, wobei sich die Weitergabe der Information auf etwa 3 Generationen begrenzt, höchstens aber 4 oder 5. Dies ist der Gedächtnis-Horizont, an welchem zeitliche Orientierung stattfindet (A. Assmann, 2002).
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2.1.2. Historisches Gedächtnis
Ein wichtiger Punkt ist die sachliche Trennung von Geschichte und Gedächtnis. Dies kann als fundamental betrachtet werden für die Gedächtnisforschung. Geschichte und Gedächtnis sind nicht dasselbe. Diese These stammt von Maurice Halbwachs, der in den 1920er Jahren den Begriff des kollektiven Gedächtnisses formte und diesen von Geschichte abgrenzte. Geschichte kann verstanden werden als Geschichtswissenschaft, im Sinne von Historie oder Historik (A. Assmann, in: Welzer, 2003). Doch die Abgrenzung zu Gedächtnis ist nicht klar. Geschichte hat mit Fakten und Jahreszahlen zu tun, rückt bestimmte Ereignisse in den Vordergrund und selektiert nach wichtigen und unwichtigen Daten. Dies liegt aber ebenso im Bereich des Möglichen der Erinnerung. Auch Erinnerung selektiert. Das menschlichen Gehirn ist offensichtlich nicht fähig, alle im Verlaufe eines Lebens erhaltenen Informationen zu speichern und bei Bedarf wieder abzurufen, daher werden Prioritäten bezüglich der Speicherung gesetzt. Weiter meint Historik den Prozess der Kategorisierung und Vereinheitlichung. Doch auch Erinnerung bildet Kategorien. „Die Sprache des Gedenkens ritualisiert, sie selektiert, variiert, vereinheitlicht und tendiert dazu, eindeutige, der jeweiligen Gesellschaft entsprechende Geschichtsbilder zu transportieren“ (Jakobeit, 2002).
Historik wird in Schule und an Universitäten als Fach gelehrt. Doch wird dabei immer auch Erinnerung vermittelt, sei es durch die Institution an sich oder durch Einzelpersonen wie den Lehrkörper. Ebenso erfolgt im Umkehrschluss beim berühmten Familienessen, wenn die Großeltern Geschichten aus dem Krieg aus der Erinnerung hervorkramen, Geschichtsvermittlung. Die Erzählungen über Kriegsereignisse beinhaltet historische Daten wie auch emotional aufgeladene Erinnerungen.
Historik scheint so von sachlicherer Natur zu sein als Erinnerung und Gedächtnis, bei denen Emotionen mitverarbeitet werden und nicht selten historische Realität, Fakten, verwischen. Weiterhin ist Historik im Gegensatz zu Erinnerung allgemein. Als Hauptbezugsrahmen können übergeordnete Gebilde gelten, wie eine Nation (Ricoeur, 2004), innerhalb dieser haben alle dieselbe Geschichte, nicht aber unbedingt dieselbe Erinnerung.
Ein wichtiges Differenzierungsmerkmal liefert Pierre Nora. Im Gegensatz zu Geschichte, so Nora, ist Gedächtnis lebendig. Es wird von Lebenden getragen und ist so ständig in Entwicklung. Geschichte dagegen ist die unvollständige Rekonstruktion des früher Gewesenen (Nora, in: Carcenac-Lecomte et al., 2002).
Ein historisches Gedächtnis lässt sich abgrenzen, wohl steht dieses aber außerhalb der übrigen Gedächtnisbegriffe und wird auch von Jan und Aleida Assmann als solches nicht explizit genannt.
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Arbeit zitieren:
Josephin Lehnert, 2006, Erinnerungsorte und symbolische Kulturlandschaft Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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