Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Kommunitarismus. 4
2.1. Liberalismus 5
2.2. Kommunitaristische Liberalismuskritik. 8
2.2.1. Kritik des ungebundenen Selbst. 8
2.2.2. Kritik des atomistischen Individuums. 11
2.3. Kommunitaristische Politik in der multikulturellen Gesellschaft 13
3. Kurzresümee und Ausblick 15
3.1. Kurzresümee. 15
3.2. Ausblick 17
Quellenverzeichnis 20
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1. Einleitung
Die aktuellen Entwicklungen in westlichen Industrienationen können durch die Begriffe der Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung beschrieben werden. So lebt heute in modernen Gesellschaften eine Vielzahl von Menschen mit den unterschiedlichsten Werthaltungen und Lebensweisen in den verschiedensten Lebenskontexten. Diese Entwicklungen werden durch die weltweit zunehmenden Migrationsströme noch verschärft, so dass man nicht nur von (wert-) pluralen, sondern auch von multikulturellen und multiethnischen Gesellschaften sprechen kann. Zusätzlich zu diesen Entwicklungen kommt es zu einer zunehmenden Erosion traditioneller Systeme wie Familien- und Verwandtschaftsverbänden oder auch kulturellen, ethnischen oder religiösen Gemeinschaften. Pessimistisch denkende Theoretiker sehen hiermit die Gefahr von anomischen Situationen sowie sozialer und moralischer Desintegration verbunden. So würde die eben beschriebene gesellschaftliche Ausgangslage dazu führen, dass sozialer Status, tradierte kulturelle Horizonte, gemeinschaftliche Zugehörigkeiten sowie die entsprechenden Identitäten porös würden bzw. sich gar auflösen. Vor dem eben skizzierten Problemhorizont stellt sich die Frage, wie sich Individualismus und gemeinschaftliche Rückbindung in der pluralen Gesellschaft die Waage halten können. Eine Perspektive, welche eine Antwort auf Herausforderungen wie Entfremdung und Orientierungslosigkeit anbieten möchte, stellt die Gemeinschaftsorientierung des Kommunitarismus dar. Die Grundthese des Kommunitarismus ist, dass die (Rück-) Besinnung auf soziale, religiöse, kulturelle oder ethnische Gemeinschaften nicht nur dazu geneigt ist, anomischen Situationen entgegenzuwirken, sondern dass sie vor allem dem menschlichen Naturell mehr gerecht wird, als dies der gegenwärtig gelebte liberale Individualismus vermag. Hauptaugenmerk des
Kommunitarismus liegt dementsprechend auf der Frage der Ausgestaltungen von ‚Ich-Wir-Beziehungen’.
Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es nun, den Kommunitarismus in seinen Grundzügen darzulegen, seine Antworten auf die von ihm attestierte Atomisierung der Individuen aufzuzeigen sowie seine politisch-ethische Dimension zu entwickeln. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Frage gelegt, wie dem kommunitaristischen Denken nach ein moderner Staat im Spannungsfeld zwischen Individual- und Gruppenrechten zu agieren hat und wie er mit der kulturellen Vielfalt multikultureller Gesellschaften sowie der damit verbundenen Frage von Identität und Differenz umgehen kann.
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Diesem Anliegen gemäß, wird im Folgenden zweiten Kapitel zunächst die zentrale Referenztheorie des Kommunitarismus - die ‚Theorie der Gerechtigkeit’ nach Rawls -vorgestellt (Kapitel 2.1.), um daraufhin die elementaren Eckpfeiler kommunitaristischen Denkens aus der Kritik des Kommunitarismus am Liberalismus entwickeln zu können (Kapitel 2.2.). In diesem Zusammenhang wird vor allem auf die ‚Kritik des ungebundenen Selbst’ nach Michael Sandel (Kapitel 2.2.1.) sowie auf die ‚Kritik des atomistischen Individuums’ nach Charles Taylor und auf die hieraus entwickelten politisch-ethischen Prämissen eingegangen (Kapitel 2.2.2.). Weiterhin wird ein besonderes Augenmerk auf die Grundlegung zentraler Elemente kommunitaristischer Politik in der multikulturellen Gesellschaft gelegt (Kapitel 2.3.).
Das abschließende dritte Kapitel dient einem Kurzresümee über die dargelegte kommunitaristische Argumentation (Kapitel 3.1.) sowie einem Ausblick, welcher eine kritische persönliche Reflexion kommunitaristischen Denkens durch den Autor vorliegender Arbeit beinhaltet (Kapitel 3.2.).
2. Kommunitarismus
Der Kommunitarismus kann als Sammelbecken höchst disparater Theorieansätze angesehen werden, welche sich um eine Balance zwischen Eigen- und Gemeinwohl sowie zwischen sozialen Rechten und Pflichten kollektiver und individueller Akteure bemühen (Otto 2002: S. 565). Gemeinsam ist den unterschiedlichen Vertretern und den entsprechenden Ansätzen, „[…] dass sie für die Entstehung und Kontinuität der Gesellschaft einen Horizont kollektiv geteilter Werte voraussetzen“ (ebd.: S. 565). Dabei betrachtet der Kommunitarismus moralische und soziale Beziehungen in Gemeinschaften und Gruppen als konstitutiv für die individuelle und kollektive Identitätsbildung sowie als unabdingbar dafür, Demokratien lebensfähig zu halten. In diesem Zusammenhang bearbeitet kommunitaristisches Denken vor allem Fragen des Verhältnisses von Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft sowie Fragen zu den damit verbundenen moralischen Grundlagen. Dabei bezweifeln Kommunitarier vor allem die zentralen Prämissen der herrschenden liberalen Vertragstheorie (vgl. Kapitel 2.1.), ohne selbst ein eigenes ausgearbeitetes Gesellschaftskonzept zu präsentieren (Reese-Schäfer 1994: S. 9). Michael Walzer (1995) beschreibt dieses Theoriedefizit sehr treffend, wenn er bezüglich des zentralen Referenzpunktes der kommunitaristischen Debatte konstatiert: „[…] die für die kommunitaristische Kritik am Liberalismus einzig wichtige Theorie ist der Liberalismus selbst“ (ebd.: S. 160). Aus diesem Grund sowie aus dem Umstand heraus, dass
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selbst unter den als kommunitaristisch einzuordnenden Theoretikern teilweise weitreichende Unterschiede bestehen, ist es kaum möglich, ein geschlossenes Bild einer kommunitaristischen Theorie zu zeichnen 1 . Anliegen kann es dementsprechend lediglich sein, zentrale - von den verschiedenen Theoretikern weitestgehend geteilte - Eckpunkte des Kommunitarismus zu skizzieren.
Diesem Anliegen folgend, wird es notwendig, in einem ersten Schritt die zentrale Referenztheorie des Kommunitarismus - den Liberalismus nach John Rawls - darzustellen (Kapitel 2.1.), um anschließend die kommunitaristische Liberalismuskritik und die Eckpfeiler kommunitaristischen Denkens entwickeln zu können (Kapitel 2.2.). Dieses Kapitel abschließend, wird dann der Frage nachgegangen, welche Implikationen die entwickelten Grundzüge des Kommunitarismus für politische Ordnung und politisches Handeln in der pluralen, multikulturellen Gesellschaft bereithalten (Kapitel 2.3.).
2.1. Liberalismus
Ausgangspunkt der kommunitaristischen Debatte ist die Kritik an John Rawls Versuch, mit der von ihm grundgelegten ‚Theorie der Gerechtigkeit’ - welche einen zentralen Stellenwert bei der Begründung liberaler Gesellschaftsordnungen einnimmt - ein universales, liberales Gerechtigkeitsprinzip vor dem Hintergrund multikultureller und wertpluraler Gesellschaften zu begründen (Schlüter 1999: S. 6).
Ausgangsgedanke der ‚Theorie der Gerechtigkeit’ ist, dass eine politische Ethik „[…] nicht ein bestimmtes Konzept des Glücks und des guten Lebens zu ihrem Grundprinzip nehmen [darf; F.F.], weil solche Konzepte völlig unterschiedlich und zufällig zustande gekommen und nicht intersubjektiv verbindlich begründbar seien“ (Rawls zitiert nach Reese-Schäfer 1994: S. 13). So gäbe es in einer wertpluralen, multikulturellen Gesellschaft zu viele unterschiedliche Vorstellungen von Glück und dem Guten, weswegen es darauf ankäme, Menschen die Verfolgung ihrer jeweils eigenen Zielvorstellungen zu ermöglichen, solange diese sich mit der Freiheit eines jeden Anderen vertragen. Dem folgend geht die liberale Ethik vom Vorrang des Rechten aus und sucht nach Gerechtigkeitsprinzipien, die keine eigene Konzeption des Guten verlangen. Nach der ‚Theorie der Gerechtigkeit’ muss dementsprechend die höchste Tugend
1 Als bedeutendste Theoretiker des kommunitaristischen Diskurses, können Michael Sandel, Charles Taylor,
Alasdair MacIntyre, Michael Walzer sowie Amitai Etzioni und Will Kymlicka benannt werden. Die Differenzen
und unterschiedlichen theoretischen Blickwinkel der genannten Autoren im Rahmen einer Hausarbeit
aufzuzeigen ist leider nicht möglich sowie an dieser Stelle auch nicht notwendig, da hier lediglich die zentralen
und gemeinsamen Eckpunkte des Kommunitarismus skizziert werden sollen. Verwiesen wird jedoch auf
Honneth (1995a) sowie Reese-Schäfer (1994).
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sozialer Institutionen eine Konzeption von Gerechtigkeit sein, welche das Spiel konkurrierender Werte und Ziele lediglich reguliert, wofür eine von Zielen und konkreten moralischen Werten unabhängige, neutrale Grundlage notwendig ist. Bei der Konzeption der Grundlage für seine ‚Theorie der Gerechtigkeit’, schließt Rawls bei Kant an, nach dem das moralische Gesetz auf dem Willen des autonomen Subjekts beruht (Reese-Schäfer 1994: S. 14). Der Begriff des Rechts geht nach Kant aus der Freiheit der Menschen in ihrem äußeren Verhältnis zueinander hervor und muss eine allen Zwecken vorausgehende Grundlage haben, welche in der praktischen Vernunft des Subjekts und dessen autonomen Willen gefunden werden kann (Sandel 1995: S. 21f). Rawls hat nun den Versuch unternommen, der kantischen Lehre vom autonomen Subjekt durch die Konstruktion eines Urzustandes, in dem hinter einem vorgestellten Schleier des Nichtwissens Gerechtigkeitsvorstellungen entwickelt werden, eine prozedurale Deutung und eine weltliche Fundierung für den Vorrang des Rechten vor dem Guten zu geben (Reese-Schäfer 1994: S. 15). In diesem Urzustand sind wir - als Angehörige einer Gesellschaft - dazu eingeladen, „[…] uns vorzustellen, welche Prinzipien wir zur Lenkung unserer Gesellschaft wählen würden, wenn wir uns im voraus entscheiden müssten, ohne vorher zu wissen, welche konkrete Person […] wir sein werden, und ohne vorher unsere Interessen, Ziele oder Konzeption des Guten zu kennen“ (Sandel 1995: S. 24). Nach der Konzeption des Urzustandes sind die Beteiligten hinter einem Schleier des Nichtwissens verborgen, nachdem keiner weiß, ob er zu den Privilegierten oder Benachteiligten der zu entwerfenden Gesellschaft gehören wird, weswegen eine Person bei keiner Entscheidung davon ausgehen kann, dass sie aus ihr Vorteile für sich ziehen wird. „Die Prinzipien, die wir in einer solchen Situation vernünftigerweise wählen würden, sind nach Rawls die Prinzipien der Gerechtigkeit“ (Reese-Schäfer 1994: S. 15). Der Urzustand ermöglicht es, Prinzipien zu schaffen, die keiner Beschränkung durch Präferenzordnungen unterliegen. Voraussetzung eines im obigen Sinne verstandenen Urzustandes ist das Bild einer Person, welche Gerechtigkeit für die höchste Tugend hält. Dies ist das Bild des ungebundenen, das heißt, gegenüber Zwecken und Zielen primär unabhängigen Selbst (Sandel 1995: S. 24). Wesentlich für eine solche Konzeption der Person ist es, dass diese die Fähigkeit besitzt, Zwecke und Ziele frei auszuwählen und folglich in ihrer Identität nicht dauerhaft an augenblickliche Ziele und Interessen gebunden ist (ebd.: S. 25). So sind es hiernach nicht Ziele, welche die menschliche Natur offenbaren, sondern Prinzipien, die zur Regelung der Rahmenbedingungen anerkannt werden, auf deren Grundlage sich diese Ziele konstituieren müssen und denen zufolge das Rechte vor dem Guten steht (Rawls nach ebd.: S. 25). Der
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Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (FH) Fabian Frank, 2009, Kommunitaristische Liberalismuskritik und der Vorrang der Gemeinschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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