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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Strukturelle Desintegration als Mitbedingung von Jugendgewalt 5
2.1. Integration und Desintegration. 5
2.2. Bildungssystem und (Des-)Integration. 7
2.3. Anomietheorie: Ziele - Normen - Mittel. 8
2.4. Risikoverhalten im Jugendalter. 9
3. (Des-) Integration türkischer Jugendlicher und ihre Folgen 11
4. Religiosität und Tradition im Alltag und Gewalthandeln. 14
4.1. Individuelle Religiosität und Gewalthandeln. 14
4.2. Kulturell-traditionale Normorientierungen und Gewalthandeln 16
4.2.1. Gewalt als Erziehungsmittel. 16
4.2.2. Gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen 17
4.3. Kritische Würdigung 17
5. Kurzresümee und (sozialarbeiterischer) Ausblick. 18
5.1. Kurzresümee. 18
5.2. Sozialarbeiterischer Ausblick. 19
Quellenverzeichnis 22
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1. Einleitung
Nach den gewalttätigen Übergriffen Jugendlicher mit Migrationshintergrund auf Mitreisende in den Frankfurter und Münchner U-Bahnen zum Jahreswechsel 2007 auf 2008 entbrannte eine gesellschaftliche - oft polemisch geführte - Debatte über Jugendgewalt, die vor allem im Zusammenhang mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund stand. So titelte beispielsweise Karin Truscheit (2008) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Werden junge Ausländer öfter straffällig?“ (ebd.: S. 9). Im Zusammenhang mit Jugendgewalt werden immer wieder Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund 1 besonders hervorgehoben. So konstatieren auch Peter Wetzels und Katrin Brettfeld (2003): “Jugendliche türkischer Herkunft sind in erhöhtem Maße Gewalt gegenüber positiv eingestellt und haben auch bereits häufiger Gewalthandlungen begangen” (ebd.: S. 161). Bedeutet dies nun, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, und hier insbesondere junge Türken ‚von Haus aus’ gewalttätiger sind als junge Deutsche? Sicherlich nicht! So stellt sich die Frage, welche Mechanismen dazu führen, dass überproportional häufig türkische Jugendliche gewalttätig werden. Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es die eben gestellte Frage zu klären sowie darauf aufbauend erste Ansätze für sozialarbeiterisches Handeln im Problemfeld der Jugendgewalt türkischer Jugendlicher zu skizzieren. Bei der Klärung der aufgeworfenen Frage werden vor allem sozialstrukturelle und institutionelle Bedingungsfaktoren der Entstehung von Jugendgewalt sowie individuelle Religiosität und traditionell-kulturelle Normierungen berücksichtigt und im Hinblick auf die Situation türkischer Jugendlicher und ihren Zusammenhang mit der attestierten erhöhten Gewaltneigung untersucht. Dem dargestellten Anliegen folgend, wird im zweiten Kapitel zunächst ein allgemeines Modell der Entstehung von Jugendgewalt vor dem Hintergrund struktureller Desintegrationsprozesse entworfen. Besondere Berücksichtigung erfahren hierbei Elemente sozialer Ungleichheit im Bildungssystem, die Anomietheorie nach Robert K. Merton sowie der Ansatz des Risikoverhaltens im Jugendalter.
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit anstatt von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund auch von türkischen Jugendlichen, jugendlichen Türken, Jugendliche türkischer Herkunft, jungen Türken oder einfach nur Türken gesprochen. Diese Begriffe sind im Rahmen dieser Arbeit als Synonym zu Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund zu verstehen. Für die Argumentation der vorliegenden Arbeit ist es irrelevant ob diese nun einen deutschen Pass besitzen oder nicht. Mit den oben erwähnten Termini sind immer beide Gruppen gleichermaßen gemeint.
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Im darauf folgenden dritten Kapitel wird das vorher entworfene Modell auf die Situation türkischer Jugendlicher bezogen und seine Erklärungskraft hinsichtlich der überproportionalen Gewaltraten auf Seiten türkischer Jugendlicher untersucht. Das vierte Kapitel dient der Klärung der Frage, ob Jugendgewalt türkischer Migranten auf deren Religionszugehörigkeit und individuelle Religiosität zurückzuführen ist. Weiterhin wird geprüft, ob kulturell-traditionale Alltagspraktiken und -normen als Erklärungsmoment für Gewalthandeln türkischer Jugendlicher herangezogen werden können. Im abschließenden fünften Kapitel wird ein kurzes Resümee über die dargelegten Argumente gezogen, die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit beantwortet sowie in einem zweiten Schritt erste sozialarbeiterische Ansätze und Impulse zur Bearbeitung des Problems der Jugendgewalt aufgezeigt.
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2. Strukturelle Desintegration als Mitbedingung von Jugendgewalt
Strukturelle Desintegrationsprozesse bzw. mangelnde gesellschaftliche Integration sind nach Ansicht des Autors dieser Arbeit als besonders relevante Einflussfaktoren bei der Entstehung von Jugendgewalt anzusehen, da die Faktoren Bildung und Zukunftsperspektive einen starken Einfluss auf die Gewaltorientierung junger Menschen zu haben scheinen. So sehen Pfeiffer und Wetzels (2000) Jugendgewalt in Zusammenhang damit, dass die deutsche Gesellschaft mehr und mehr zu einer ‚Winner-Looser-Kultur’ wird und konstatieren, dass Gewaltdelikte vermehrt von Personen mit schlechten Berufsperspektiven verübt werden und mehr als drei Viertel der jungen Gewalttäter ein niedriges Bildungsniveau aufweist (ebd.: S. 37f). Das vorliegende zweite Kapitel soll nun nicht der Darstellung spezifischer Theorien, sondern der Zusammenführung verschiedener Ansätze und Teilaspekte dienen, die zur Klärung der Frage beitragen, inwieweit strukturelle Desintegrationsprozesse die Entstehung von Jugendgewalt und Jugendkriminalität begünstigen. Dabei wird im Rahmen dieses Kapitels lediglich ein allgemeines theoretisches Erklärungsmodell aufgebaut, welches erst im dritten Kapitel auf die Situation Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund in der Bundesrepublik angewandt wird.
Diesem Anliegen folgend werden zunächst die Begriffe der Integration und Desintegration sowie damit verbundene Anerkennungsebenen eingeführt (Kapitel 2.1.) und daraufhin mit dem Bildungssystem in Beziehung gesetzt (Kapitel 2.2.). Darauf aufbauend wird die Anomietheorie nach Robert K. Merton skizziert (Kapitel 2.3.), um im Anschluss daran mit Hilfe des Ansatzes des Risikoverhaltens erklären zu können, wie aus struktureller Desintegration und einer entsprechenden anomischen Ausgangslage Jugendgewalt entstehen kann (Kapitel 2.4.). 2
2.1. Integration und Desintegration
Integration in die soziale Umwelt, und damit einhergehend die Verhinderung von Desintegration, kann als lebenslange Aufgabe angesehen werden. Diese nimmt im Jugendalter
2 In das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Modell der Erklärung von Jugendgewalt könnten zusätzlich aus alterstypischen Entwicklungsaufgaben entstehende Belastungen bei der Entwicklung der Ich-Identität in den Erklärungszusammenhang hinzugezogen werden. So ergeben sich hier aus ineffektiven Lösungsstrategien „[…] Problemkonstellationen, die in unproduktiver und für die weitere Persönlichkeitsentwicklung problematischer Weise verarbeitet werden können“ (Hurrelmann 1994: S. 193). Da die zusätzliche Diskussion dieses Aspektes den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde, wird allerdings darauf verzichtet. Verwiesen wird jedoch auf Hurrelmann (1994).
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einen besonderen Stellenwert ein, da hier Grundlagen für den weiteren Lebensweg und das Bestehen in gesellschaftlichen Prozessen gelegt werden. Dem hier zum Tragen kommenden Verständnis nach, meint Integration die „[…] Eingliederung eines Individuums, einer Gruppe oder eines gesellschaftlichen Teilsystems in einen jeweils umfassenderen sozialen Zusammenhang“ (Imbusch/Rucht 2005: S. 20). Soziale Integration stellt eine Vorbedingung für gesellschaftliche Anerkennung dar und kann beschrieben werden als „[…] ein gelungenes Verhältnis von Freiheit und Bindung […]“ (Anhut/Heitmeyer 2005: S. 83). Im Rahmen der sozialen Integration hat das Individuum Integrationsleistungen auf drei verschiedenen Ebenen zu bewältigen. Diese sind:
• Die Individuell-funktionale Systemintegration auf der sozialstrukturellen Ebene,
• Die kommunikativ-interaktive-Sozialintegration auf der institutionellen Ebene ist
• Die kulturell-expressive-Sozialintegration auf der personalen Ebene beschreibt die
Für eine gelingende Integration und Entwicklung eines Jugendlichen ist Anerkennung auf allen drei hier benannten Ebenen wichtig. Desintegration markiert in diesem Zusammenhang nicht eingelöste Leistungen gesellschaftlicher Institutionen, existenzielle Grundlagen, persönliche Integrität und soziale Anerkennung zu sichern (ebd.: S. 76). Eine mögliche Reaktion auf Desintegration kann dabei die Hervorbringung von Gewalt als problematisches Verarbeitungsmuster darstellen (ebd.: S. 75).
Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (FH) Fabian Frank, 2009, Entstehungsbedingungen von Gewalt bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund zwischen struktureller Desintegration, Religiosität und traditionellen Alltagsnormen, München, GRIN Verlag GmbH
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